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schung aus grau und

schung aus grau und grün. „So“, sagte ich und stand auf, denn Hübner und das ausstehende Telefonat waren mir wieder in den Sinn gekommen. Maurice war mittlerweile in seinem Kindersitz eingeschlafen. „Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“ „Weil Sie dann nicht hier leben würden“, sagte sie sicher und kam ebenfalls hoch. „Nicht mit Ihrem tollen, kleinen Sohn. Sie wären dann schon längst woanders. Meinen Sie nicht?“ „Da haben Sie vielleicht sogar Recht“, sagte ich und lächelte sie an. In diesem Augenblick wollte ich sie fragen, wie sie heißt. Und ich wollte sie nach ihrer Handynummer fragen. Und es gab einen Grund, warum ich es nicht machte: Ihre letzten Worte und wie sie mich dabei angesehen hatte. Beides hatte etwas in mir angerührt, das sehr tief saß. Ich hatte keine Ahnung, was es war, aber es fühlte sich gut an. Ein bisschen zu gut. Trotz all der Schwierigkeiten, die Nina und ich miteinander hatten, hatte ich doch all die Jahre noch nie ernsthaft an eine andere Frau gedacht. Und ich wollte auch nicht, dass sich das änderte. Da ihr Schuh nicht über den Verband passte, streifte sie auch den zweiten ab und ging barfuss zu ihrem Auto. Ich fand, dass es mit dem Gehen schon wieder ganz gut klappte. Sie stieg in einen kleinen roten Fiat. Nachdem sie den Motor gestartet hatte, winkten wir uns noch einmal zu. Dann fuhr auch ich los. Ich versuchte, meine Gedanken abzuschütteln wie einen Traum, mit dem ich nichts anfangen konnte. Als ich zu Hause ankam, klingelte das Telefon. Hübner entschuldigte sich, weil er sich mit seinem Anruf verspätet hatte. 62

Kapitel 10 Jetzt erfuhr ich ihren Namen. Sie hieß Lara Braun. Charlotte stellte uns einander vor, als wir in ihrer Haustür aneinander vorbei gingen. „Wir haben uns schon kennen gelernt“, sagte Lara zu Charlotte. Dann fragte sie mich nach Maurice: „Wie geht es ihm?“ „Wie geht es Ihrem Fuß?“, fragte ich zurück. „Alles wieder in Ordnung. Hier, schauen Sie.“ Lara hob den Fuß ein Stück in die Luft und ließ ihn im Gelenk kreisen. Heute hatten ihre Schuhe keine Absätze. „War nichts Schlimmes“, sagte sie. „Schon am nächsten Tag habe ich nichts mehr gespürt.“ Dann wiederholte sie ihre Frage nach Maurice: „Wie geht es ihm? Ist er gar nicht hier?“ „Wenn wir hier sind“, antwortete ich und lächelte Charlotte an, „geht es ihm immer gut. Inzwischen ist er fast lieber hier als zu Hause. Da kommt er übrigens gerade.“ Maurice versteckte sich hinter der halb geöffneten Küchentür und schielte zu uns herüber. Lara ging zu ihm und er strahlte sie sofort an. Sie spielte „Kuckuck“ mit ihm, eine Minute später lachte er laut. Ganz sicher hatte sie die richtige Arbeit gewählt. „Haben Sie eigene Kinder?“, fragte ich. „Nein“, sagte sie. „Leider nicht.“ „Was nicht ist, kann ja noch werden“, meinte ich. „Sie sind noch sehr jung.“ „Wenn Sie fünfunddreißig sehr jung nennen“, lachte sie, „dann haben Sie Recht. Aber im Ernst, ich glaube, in meinem Leben ist es für eigene Kinder zu spät.“ Ich hätte noch gern weiter mit ihr geredet, aber der Rahmen dafür war denkbar ungeeignet: Ich in der offenen Haustür, sie auf dem Fußboden bei Maurice hockend. Und neben uns Charlotte, die uns aufmerksam beobachtete. 63