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vor 4 Monaten

GRO_Taschenbuch_MUSTER

wischte mir mit beiden

wischte mir mit beiden Händen den letzten Schlaf aus dem Gesicht und schaltete den Laptop ein. Nach einer kurzen Aufwärmphase begann ich zu schreiben. Wenn ich jetzt schon arbeitete, konnte ich es mir später erlauben, zwei Stunden des Vormittags bei den „Seepferdchen“ zu verbringen. Ich hatte Lara für diesen Tag zugesagt, ihr ein bisschen zu helfen. Als erstes machten wir einen Morgenkreis. Wir saßen mit den Kleinen zusammen auf dem Fußboden, sangen ein paar Lieder und spielten Spiele wie Dreht euch nicht um, der Plumpsack geht rum. Danach frühstückten wir, malten Bilder, schnitten kleine Formen aus Tonpapier. Später gingen wir in den Garten, in dem sich ein kleiner Spielplatz befand. Es war ein merkwürdiges Gefühl, dies alles ohne Charlotte zu sehen. Es war ihr Haus, ihr Garten und es war ihre Gruppe. Ich erinnerte mich daran, wie oft ich sie hier hatte arbeiten sehen. Aber wieder fand ich, dass Lara ihre Sache gut machte. Charlotte hatte eine würdige Vertreterin gefunden. Ich für meinen Teil musste zugeben, dass die Arbeit mit der Horde Kinder mir schnell auf die Nerven ging. Es war etwas anderes, mich zu Hause allein mit Maurice zu beschäftigen, den ich liebte, als hier mit Kindern, die oft schon reichlich verzogen waren. Bekamen sie ihren Willen nicht, schrien sie, was das Zeug hielt und waren nur schwer wieder zu beruhigen. Insgeheim sehnte ich mich bereits nach fünf Minuten an meinen ruhigen Arbeitsplatz am Schreibtisch zurück. Und eins gebe ich ohne Umschweife zu: Wäre Lara nicht gewesen, hätte ich die Sache keine Viertelstunde durchgehalten. So aber verbrachte ich statt der geplanten zwei glatte dreieinhalb Stunden bei den „Seepferdchen“ und ging auch dann nur, weil es vorbei war. „Haben Sie etwas von Charlotte gehört?“, fragte ich, nachdem ich mir meine Jacke über die Schulter gehängt hatte. Zum Anziehen war es zu warm geworden. „Nein“, sagte Lara, „aber in zwei Tagen kommt sie erstmal wieder nach Hause.“ 66

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