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GRO_Taschenbuch_MUSTER

„Dann sind Sie also

„Dann sind Sie also nicht mehr hier?“ Ich hörte, wie Enttäuschung in meiner Stimme mitschwang. Obwohl es mich für Charlotte freute, wenn sie wieder nach Hause kam. Lara sagte, sie glaube leider nicht, dass Charlotte ihre Arbeit ohne weiteres wieder aufnehmen könne. „So eine Chemotherapie ist sehr Kraft raubend“, erklärte sie. „Das weiß ich von Charlotte. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sie diese Tortor mitmacht.“ „Ja“, sagte ich. „Davon hat sie mir erzählt.“ Ich wunderte mich selbst, wie froh ich war, dass Lara ihre Arbeit hier nicht beenden würde. Jedenfalls nicht so bald. „Glauben Sie …?“, fragte sie zögernd. Sie fand die richtigen Worte nicht. „Ob ich glaube“, half ich ihr, „dass sie wieder gesund wird? Das weiß ich nicht. Aber ich denke nicht, dass es leicht sein wird, die Krankheit erneut zu besiegen.“ Wir schauten uns nicht an. Ich hatte das dringende Bedürfnis, noch mal das Thema zu wechseln, bevor ich verschwand. „Soll ich … also darf ich“, stammelte ich. Lara lachte. „Nein, das brauchen Sie nicht, Herr Thailer. Ich komme morgen schon wieder alleine klar. Aber ich danke Ihnen, dass Sie mir heute geholfen haben.“ Innerlich wischte ich mir gewissermaßen den Schweiß von der Stirn, versuchte aber, mir davon nichts anmerken zu lassen. Gleichzeitig war ich enttäuscht. „Können wir uns dann vielleicht mal“, stammelte ich „… ich meine … mal nachmittags treffen. Auf einen kleinen Strandspaziergang oder so. Muss ja nichts Großes sein.“ Zuerst schien sie ein bisschen nervös zu werden. Dann sah sie mich nachdenklich an. „Ich glaube“, sagte sie schließlich nach einer kleinen Ewigkeit, „es ist besser, wenn wir das nicht machen. Oder?“ 68

Ich musste zweimal schlucken. Enttäuschung bohrte sich wie ein Messer zwischen meine Rippen, wovon ich selbst übertölpelt war. „Doch“, sagte ich in purer Selbstverleugnung, „Sie haben sicher Recht.“ Ich nahm Maurice bei der Hand, ging zur Tür und öffnete sie. „Also dann.“ „Bis morgen“, sagte Lara und blieb in der Tür stehen. Ich ging den gepflasterten Weg zur Straße, wo mein Auto stand. „Ach, Herr Thailer …?“, rief sie mir hinterher. Mein Herz schlug schneller. Schneller und höher. Ich war mir selbst fremd, aber es war nicht unangenehm. „Ja?“ Ich drehte mich um. Maurice an meiner Hand ebenfalls. „Danke noch mal für die Hilfe“, sagte sie. „Es hat Spaß gemacht mit Ihnen.“ „Wirklich keine Ursache“, sagte ich lächelnd und dachte noch einmal daran, wie unbeholfen ich mich in manchen Situationen angestellt hatte. Lara lächelte zurück. Ich war schon eine Weile aus ihrem Sichtfeld verschwunden, da hörte ich erst, wie hinter der Hecke die Haustür ins Schloss fiel. Kapitel 11 Den ganzen Nachmittag und Abend versuchte ich, mit meinem Roman weiterzukommen, aber es gelang mir kaum. Immer wieder gingen meine Gedanken zu Charlotte, die jetzt im Krankenhaus lag und tapfer die verhasste Chemotherapie über sich ergehen ließ. Und immer wieder dachte ich an Lara. Ich dachte an ihr Lächeln, an das kleine Grübchen, das ich links neben ihrem Mund entdeckt hatte. Und ich erwischte mich dabei, wie ich 69