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Anzeige selbstvergessen

Anzeige selbstvergessen zurücklächelte statt zu arbeiten. Ich dachte an ihren sanften und verführerischen Hüftschwung beim Gehen und mir wurde heiß und kalt im gleichen Moment. Als es plötzlich an der Tür klingelte, erschrak ich. Schon tagsüber bekam ich so gut wie nie Besuch, aber abends noch seltener. Es war schon weit nach neun. Ich entschied mich, nicht zu öffnen. Aber dann dachte ich, dass es vielleicht Nina war. Möglicherweise war sie krank geworden, stand jetzt vor der Tür und fand so schnell ihren Schlüssel nicht. Auf dem Weg zur Tür dachte ich, dass es auch ein Nachbar sein könnte, der zu einer der üblichen Feiern einlud, zu denen ich am Ende doch nie ging. Ich öffnete trotzdem. Vor der Tür stand Lara. Sie lächelte verlegen und sagte sofort, was sie wollte: „War ich unhöflich vorhin?“ Es klang unsicher. „Nein, äh, unhöflich? … Aber wieso? Nein, äh … Kommen Sie doch 70

herein.“ So viel zusammengestottert wie die letzten Tage hatte ich schon lange nicht mehr. „Ich möchte mich trotzdem dafür entschuldigen.“ „Was ist?“, fragte ich. „Kommen Sie kurz herein?“ „Nein“, sagte sie. „Ich weiß nicht. Ihre Frau will doch sicher ihren Feierabend …?“ „Meine Frau ist nicht da“, antwortete ich schnell und öffnete die Tür in voller Weite. „Wir sind allein, Maurice und ich. Er schläft. Nun kommen Sie schon. Auf ein Glas Wein. Ich wollte sowieso grad eine Flasche köpfen.“ „Nein“, erwiderte sie. „Das ist unmöglich. Und deshalb bin ich auch nicht gekommen.“ „Natürlich nicht“, sagte ich. „Das ist mir klar.“ „Ich hab nur einen kleinen Spaziergang gemacht“, meinte sie. „Und da ich praktisch zwangsläufig an Ihrem Haus vorbeigekommen bin, dachte ich mir …“ Sie hielt mitten im Satz inne, als wisse sie nicht recht weiter. Tatsächlich hatte sie inzwischen eine Wohnung ganz in der Nähe gemietet. „Ja?“, hakte ich nach. „Was dachten Sie sich?“ „Ich dachte mir, da klingelst du mal und entschuldigst dich für dein unhöfliches Verhalten. Ich finde das wirklich unmöglich von mir … ich … ich hab mich ja benommen, als würden Sie …“. „Als würde ich was?“ „Na, als würden Sie irgendetwas Bestimmtes verfolgen mit Ihrer harmlosen Einladung zum Spaziergang.“ Ich hatte einen Frosch im Hals und räusperte mich. „Dabei weiß ich natürlich“, sagte sie, „dabei habe ich das natürlich nicht wirklich gedacht, sondern es ist einfach so …“ Unwillkürlich musste ich lächeln. Sie stotterte noch mehr als ich. „Wollen Sie nicht doch lieber reinkommen? Da redet es sich besser. Und wie gesagt, der Wein…“ „Nein danke“, sagte sie. „Wirklich nicht, ich … ich hätte nur auch gern Ihre Frau mal kennen gelernt. Weil sie die Mutter von Maurice ist, 71