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meine ich. Also, ich

meine ich. Also, ich werd dann mal wieder.“ Sie redete viel schneller als für sie üblich. Sie war ungefähr einen halben Kopf kleiner als ich. Ihre Absatzschuhe schon abgerechnet. Ich selbst war barfuss ¬– eine alte Angewohnheit von mir, sobald ich zu Hause war. Die Blicke ihrer graugrünen Augen huschten an mir vorbei. Entgegen ihrer Ankündigung machte sie keinerlei Anstalten zu gehen. Sie blieb einfach stehen und ich hatte nichts dagegen. „Also dann“, wiederholte sie. Irgendwas an ihr wirkte unglücklich. Nichts, was mit diesem Augenblick zu tun hatte, sondern etwas, das immer da war. Es war nicht das erste Mal, dass es mir auffiel. „Ich werd Sie auch nicht beißen ….“ Mein Lächeln war nett und harmlos. „Versprochen.“ Sie stand weiter nur da. „Ist das jetzt nicht wieder unhöflich?“, fragte ich. „Ich lade Sie ein und Sie sagen nichts? Vielleicht sollten wir mal im Knigge nachschauen.“ Sie lachte ein bisschen und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Stimmt. Sorry.“ „Wir sollten über Maurice reden“, schlug ich vor. „Schließlich ist er unser gemeinsames Thema.“ Sie sah mich an, als würde sie nicht verstehen. „Er ist mein Sohn“, erklärte ich lächelnd, „und Sie seine Betreuerin. Schon vergessen?“ „Ach so, ja, natürlich“, lachte sie erleichtert. „Ich meine, natürlich nein. Natürlich hab ich das nicht vergessen. Ich dachte nur gerade … entschuldigen Sie. Ich bin irgendwie etwas durcheinander heute.“ „Wie wär’s“, schlug ich vor, „wenn Sie aufhören, sich andauernd zu entschuldigen und einfach hereinkommen. Es ist ganz schön frisch hier draußen.“ Unsere Blicke gingen zeitgleich zu meinen nackten Füßen und wir lachten. Trotzdem zögerte sie weiter. Und nicht nur pro forma: Sie zögerte wirklich. Sie kämpfte mit sich. Dann plötzlich, jetzt schon fast 72

unerwartet, gab sie sich einen Ruck. Ohne ein weiteres Wort ging sie an mir vorbei ins Haus. Sie rannte fast. Ich wurde nicht schlau aus ihr. „Sind Sie inzwischen von Ihrem Mann getrennt?“ Die Frage brannte mir auf der Zunge, seit Lara mit mir an unserem Esszimmertisch saß. Aber erst jetzt, nach zwei Stunden, stellte ich sie. Ich wollte sie nicht wieder durch eine missverständliche Äußerung in Verlegenheit bringen. Gerade aber hatte sie selbst Hamburg erwähnt und die Gelegenheit schien mir günstig. Bei unserer ersten Begegnung auf dem Parkplatz des Supermarktes hatte sie von der anstehenden Trennung gesprochen. Aber die Frage behagte ihr nicht. „Natürlich sind wir getrennt“, antwortete sie notgedrungen und fuhr sich nervös mit den Fingern durchs Haar. „Sonst wäre ich ja in Hamburg und nicht hier.“ Plötzlich befürchtete ich, sie könnte einfach aufstehen und gehen. Das war so ziemlich das Letzte, was ich wollte. Die letzten Stunden waren wie im Flug vergangen. „Manche Paare“, sagte ich, „leben unter der Woche getrennt, verbringen aber die Wochenenden gemeinsam.“ „Dazu gehören wir nicht“, meinte sie gereizt. Sie ließ ein paar ihrer kurzen Haarsträhnen unruhig durch die Finger gleiten. „Unsere Trennung ist absolut. Wir werden uns nie wieder sehen.“ Anzeige 73