Aufrufe
vor 1 Monat

GRO_Taschenbuch_MUSTER

Anzeige Lara machte ein

Anzeige Lara machte ein erschrockenes Gesicht, als liege der Vorfall nicht fünfunddreißig Jahre, sondern zehn Sekunden zurück. „Und dann?“, fragte sie. Ihre Stimme war voller Mitleid. Als sei ich noch immer der kleine Junge von damals, den sie trösten musste. „Wir beide haben ein Riesengeschrei veranstaltet“, lachte ich. „Der Affe und ich. Dadurch ist mein Vater aufmerksam geworden und hat mich aus den Klauen des Untiers gerettet.“ „Dann waren Sie aber schon ein etwas vorwitziges Kind, oder?“, fragte sie amüsiert. 88

„Das befürchte ich auch“, sagte ich lächelnd. Wir schlenderten weiter zum Löwengehege. Maurice schob ich in seinem Wagen vor uns her. Allmählich waren ihm die Strapazen des Tages anzumerken. Die Augen drohten ihm zuzufallen. „Maurice ist da anders, oder?“ Ich wusste nicht, was es war, aber irgendetwas an Laras harmloser Frage irritierte mich. „Ich glaube“, sagte ich, „er ist noch zu klein, als dass man das abschließend beurteilen könnte.“ Von den Löwen war nicht viel zu sehen. Sie dösten im Hintergrund vor sich hin und ab und zu gähnte einer, gut getarnt im hohen Gras. Langsam gingen wir weiter. Ich sprach selten von der Adoption, weil sie für mich keine Bedeutung hatte. Maurice war wie mein leibliches Kind Aber gerade Lara gegenüber wollte ich auch kein Geheimnis daraus machen. „Wir haben ihn adoptiert“, sagte ich. „Man hat ihn am Strand ausgesetzt, an einem Weihnachtsabend. Ich hab ihn dort gefunden.“ „Ich hab davon in der Zeitung gelesen.“ Lara blieb mitten auf dem Weg stehen. „Das Weihnachtskind. War das diese Geschichte?“ „Stimmt“, sagte ich. „So haben die Medien ihn genannt.“ Ein Lama beäugte uns, als denke es darüber nach, uns anzuspucken. „Und die Mutter wurde nie gefunden?“, fragte Lara. „Nein“, sagte ich. „Von der Mutter gibt es bis heute keine Spur.“ Ein Mini-Flusspferd schnaubte in einem kleinen Betongraben vor sich hin. Maurice hatte seinen Widerstand gegen den Schlaf aufgegeben. Sein Kopf war zur Seite gefallen. „Sind Sie gar nicht neugierig“, fragte Lara, „was für ein Mensch seine Mutter ist?“ „Die Mutter von Maurice“, sagte ich trotzig, „ist Nina. Und ich bin sein Vater. Das gilt ohne Einschränkung.“ „Vielleicht“, sagte Lara, „wird Maurice es einmal wissen wollen.“ Ihre Worte behagten mir nicht. Seit zwei Jahren verdrängte ich dieses Thema so gut es ging. 89