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GRO_Taschenbuch_MUSTER

Eine Weile gingen wir

Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander her. Der Weg war gesäumt von hohen Bäumen. Ein leichter Wind ließ das Laub oben leise rauschen, die Sonne sprenkelte Schatten vor unsere Füße. Maurice schlief tief und fest. Er lieferte ein Bild perfekten Friedens. „Stand damals nicht in der Zeitung“, fragte Lara, „dass Sie die Mutter noch gesehen haben?“ „Daran erinnern Sie sich?“ „Manche Details merkt man sich“, meinte sie unbestimmt. „Solche Geschichten“, sagte ich, „interessieren immer viele Menschen. Niemand begreift, dass es Mütter gibt, die ihre Kinder töten oder aussetzen.“ „Finden Sie nicht“, fragte Lara, „dass es etwas anderes ist, ein Baby auszusetzen als es zu töten?“ Wir setzten uns auf eine Bank im Halbschatten. Ich drehte Maurice in seinem Wagen so, dass er uns gegenüber saß. Er war in seinen Schlaf versunken wie ein Stein ins Wasser. Ich kriegte nicht genug davon, ihn anzusehen. „Bei der Kälte in jener Nacht hätte er keine Überlebenschance gehabt“, erklärte ich schroff. „Er hätte“, sagte sie. „Aber Sie waren doch da. Hat die Mutter Sie denn nicht gesehen?“ „Und wenn schon“, entgegnete ich. „Was hätte sie denn gemacht, wenn ich nicht zufällig dort gewesen wäre?“ „Keine Ahnung“, sagte Lara leise. „Aber entschuldigen Sie“, lächelte ich. „Schließlich haben Sie Ihr Kind ja nicht ausgesetzt.“ Eine junge Familie mit zwei Kindern ging vorbei. Ungeduldig versuchte der Mann, seiner kleinen Tochter zu erklären, warum sie die Affen nicht mit Eis füttern sollte. Dann waren sie vorbei. Die Stimme des Vaters war noch eine Weile zu hören. „Eigentlich“, sagte Lara, nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, „hat diese Frau das Kind doch gar nicht ausgesetzt.“ „Sondern?“ Ich war wirklich neugierig. 90

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