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artig Kunstpreis 2018 - Katalog zur Ausstellung

Der Katalog zum artig Kunstpreis 2018 mit den Preisträgern, den Laudatios und vielen Infos mehr

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KATALOG ZUR AUSSTELLUNG


INHALT<br />

Vorwort Seite 4<br />

Die Preisträger Seite 6 - 11<br />

Die Finalisten und ihre Werke A-Z Seite 12 - 78<br />

Werksverzeichnis Seite 79<br />

Wie wir jurieren Seite 80<br />

Der <strong>artig</strong> <strong>Kunstpreis</strong> <strong>2018</strong> in Zahlen Seite 82<br />

Impressum Seite 84


3<br />

<strong>artig</strong> <strong>Kunstpreis</strong> <strong>2018</strong><br />

KATALOG ZUR AUSSTELLUNG<br />

VON 13. APRIL BIS 13. MAI <strong>2018</strong><br />

GALERIE KUNSTREICH KEMPTEN


4<br />

AUF EIN (VOR)WORT<br />

Ein Preis von Künstlern für Künstler<br />

Heng Li: Gnade, 2013, Öl auf Leinwand, 145 × 100 cm<br />

Liebe – und ja, so sollte die Begrüßung hier und auf<br />

jeder Vernissage zu aller vorderst lauten – liebe Künstlerinnen<br />

und Künstler! Liebe 70 Künstler, die Ihr bei<br />

dieser jurierten <strong>Ausstellung</strong> dabei seid, und liebe 490<br />

Künstler, denen wir absagen mussten, herzlich willkommen<br />

zu einer wunderbaren <strong>Ausstellung</strong>, die Eure<br />

ist. Denn sie wurde vor allem durch Eure Kunst sowie<br />

– und das kann man durchaus gleich zu Beginn sagen –<br />

Euren Teilnahmebeitrag möglich. Denn das wird viel zu<br />

oft als naturgegeben aus den Augen verloren.<br />

Und liebe Kunstfreunde und Kunstgenießer, ebenfalls<br />

herzlich willkommen zu einer <strong>Ausstellung</strong>, die natürlich<br />

auch die Ihre ist. Denn Kunst geschieht immer<br />

zweimal: Einmal während ihrer Entstehung im Atelier<br />

des Künstlers, und einmal im Auge des Betrachters,<br />

ohne den sich Kunst immer nur „halb“ fühlen würde.<br />

Diese sich alle zwei Jahre wie ein Füllhorn öffnende<br />

<strong>Ausstellung</strong> ist für uns eine ganz besondere: Einerseits<br />

durch das immense Vertrauen, das uns Künstler aus<br />

halb Europa entgegenbringen. Andererseits, weil wir<br />

damit eine „Schau“ zeigen können, die es nicht nur<br />

zahlenmäßig so in der Region nicht gibt, da sie weder<br />

herkunfts- noch gar verbandsgebunden ist. Zudem<br />

kann sie keinen faden Beigeschmack haben, da Organisatoren<br />

und Juroren nicht selbst in die <strong>Ausstellung</strong><br />

oder gar auf’s Siegertreppchen kommen können.<br />

Bereits vor vier Jahren, als wir den Preis erstmals ausschrieben,<br />

haben wir ihn als einen Preis von Künstlern<br />

für Künstler verstanden und auch so deklariert. Und<br />

ja, so stand es als Überschrift bereits im <strong>Katalog</strong> des<br />

<strong>Kunstpreis</strong>es 2016 – und kann gerne so bleiben. Nun,<br />

nach 2014 und 2016 zum dritten Mal veranstaltet, hat<br />

sich das Gewicht dieses anfangs eher kleinen Preises<br />

sozusagen mehr als verdoppelt: 560 Künstler reichten<br />

online oder per Post insgesamt 1.080 Werke ein.<br />

In dieser Vielfalt fanden sich viele tiefgehende, ideenreiche<br />

oder unkonventionelle Arbeiten wieder, aus<br />

denen man problemlos mehrere wunderbare <strong>Ausstellung</strong>en<br />

hätte zusammenstellen können.<br />

In der Natur eines <strong>Kunstpreis</strong>es liegt aber auch immer<br />

die Beschränkung: Wenn die Jury zu einem Ergebnis<br />

kommen und sich lange vor der Vernissage von manchem<br />

liebgewonnenen Werk verabschieden muss.<br />

Es fällt, auch weil viele von uns selbst Künstler sind,<br />

wahrlich nicht leicht, fast 500 Kollegen zu sagen: Du<br />

bist nicht dabei.<br />

Die Preise, die wir nun an vier der nominierten Kunstschaffenden<br />

überreichen, sowie einiges mehr wie z.B.<br />

dieser <strong>Ausstellung</strong>skatalog, finanzieren sich weder aus<br />

dem (nicht vorhandenen) Sparstrumpf des <strong>artig</strong> e.V.<br />

noch einer anonymen Großspende, sondern wie anfangs<br />

erwähnt gerade auch aus den Teilnahmegebühren<br />

all der 490 Kollegen, die nicht in dieser <strong>Ausstellung</strong><br />

vertreten sind.<br />

Merlin Ortner: Jules, 2016, Leuchtdia, gerahmt, 30 x 45 cm<br />

Die daraus resultierenden Mehreinnahmen verpflichten<br />

und erlauben uns, erneut die Preisgelder anzuheben,<br />

und zudem einen weiteren, vierten Preisträger<br />

küren zu können. Somit vergeben wir dieses Jahr<br />

folgende Einzelpreise:<br />

<strong>artig</strong> <strong>Kunstpreis</strong> <strong>2018</strong>, dotiert mit 2.500 € (statt 2.000)*<br />

<strong>artig</strong> Sonderpreis <strong>2018</strong> mit 1.500 € (statt 700)*<br />

<strong>artig</strong> Extrapreis <strong>2018</strong> mit 1.000 € (neu)<br />

<strong>artig</strong> Publikumspreis <strong>2018</strong> mit 1.000 € (statt 700, gestiftet<br />

von der Brauerei Clemens Härle aus Leutkirch)<br />

*<strong>Kunstpreis</strong> und Sonderpreis beinhalten zudem je eine<br />

kostenfreie <strong>Ausstellung</strong> in der Galerie Kunstreich (Gegenwert<br />

ca. 1.000 € plus diverse ehrenamtliche Leistungen)<br />

sowie eine Übernahme von Transport- und<br />

Reisekosten des Künstlers bis zu 400 €.<br />

Damit vergeben wir dieses Jahr nicht nur Preise im<br />

Gesamtwert von rund 8.800 Euro, sondern investieren<br />

auch unzählige Stunden ehrenamtlicher Arbeit für<br />

Organisation, Jurierung, Hängung, Umbau oder die<br />

Aufstellungsaufsichten. Dafür danke ich all unseren<br />

Mitgliedern, die ihre Freizeit für die Kunst gerne opfern,<br />

herzlich – und ich denke, dies darf ich gerne auch im<br />

Namen der Künstler und Besucher tun.<br />

Halten wir kurz inne und lehnen uns <strong>zur</strong>ück, um den<br />

Blick auf das Gesamte zu schärfen: Wir sind ebenso<br />

zufrieden wie überrascht, welch eine Bandbreite von


5<br />

Nils Franke : BDM (Bärtiges Deutsches<br />

Mädel) II, 2015, Öl auf Leinwand, 35 x 40 cm<br />

Elsa Nietmann: Elefantenherde, 2013, Eisen, Draht, Gewebe, Beton, 26 x 85 x 26 cm<br />

den Themen bis zu den Stilen, Formaten und Techniken diese<br />

finale Auswahl hat, und wie weit die vermeintlichen Grenzen der<br />

Kunst ausgelotet sind, die – da die Kunst frei ist – eigentlich keine<br />

Grenzen haben dürfte.<br />

2014 haben wir ein großformatiges, dunkles Landschaftsgemälde<br />

von Heng Li aus München mit unserem <strong>Kunstpreis</strong> ausgezeichnet,<br />

2016 stand ein eher kleines, hinterleuchtetes Foto von Merlin Ortner<br />

aus Berlin im Rampenlicht, und bei den beiden Sonderpreisen eine<br />

Plastik aus Beton und Draht von Elsa Nietmann aus München sowie<br />

die altmeisterliche Portraitmalerei von Nils Franke aus Leipzig.<br />

Dass wir den <strong>artig</strong> <strong>Kunstpreis</strong> <strong>2018</strong> nun an eine Videoarbeit aus<br />

München, den Sonderpreis an eine Videoinstallation aus Weimar<br />

und den Extrapreis an ein Gemälde wiederum aus München<br />

verleihen, macht ihn nicht berechenbarer (außer man möchte<br />

konstatieren, dass die Wahl bisher eher auf Gegenständliches als<br />

auf Abstraktes fiel). Und an dem Zufall, dass der Preis ungewöhnlich<br />

oft nach München geht, mögen sich Stochastiker abarbeiten<br />

– schließlich werden der Jury die Werke anonymisiert vorgelegt.<br />

(Tiefere Einblicke in die Juryarbeit bekommen Sie ab Seite 80.)<br />

Jedenfalls: Diese Bandbreite gestattet auch diesmal wieder einen<br />

Kunstvermittlungsauftrag, der einem möglichst offenen<br />

Kunstbegriff verpflichtet sein kann – und nicht nur intellektuelle<br />

Deutungshoheiten bedient. Hier kann sich der „ganz normale<br />

Mensch“ auch einfach nur erfreuen wie an schöner Musik für‘s<br />

Auge, und entdecken, was auch in einer unverkopften Kunst, die<br />

mitten im Leben stehen kann (und muss), alles möglich ist.<br />

Mit diesen Worten wünsche ich Ihnen ein ebenso grenzenloses<br />

wie dennoch nicht lebensfremdes Kunsterlebnis!<br />

Für den Vorstand und die Jury<br />

Ihr Stephan A. Schmidt, Vorsitzender <strong>artig</strong> e.V.<br />

DIE PREISTRÄGER


6<br />

ARTIG KUNSTPREIS <strong>2018</strong><br />

Wär‘s doch<br />

nur eine Kuh!<br />

ROTE KUH AUF GRÜNER WEIDE<br />

VON THOMAS SILBERHORN<br />

Rote Kuh auf grüner Weide 2014<br />

Thomas Silberhorn München<br />

HD-Video, 3:42 min.<br />

auf 10‘‘ Display<br />

800 € / 950 inkl. Display (1 v. 5)<br />

Die Antwort auf die Frage nach dem<br />

„Leben, dem Universum und allem“ aus<br />

Douglas Adams Werk „Per Anhalter<br />

durch die Galaxis“ lautet 42 und hat bei<br />

Wikipedia in 29 Sprachen eine eigene<br />

Seite. Und die Antwort auf Vieles, zumindest<br />

auf viel Menschliches, hat in<br />

einer nonverbalen, fast universellen<br />

Bildsprache ein eigenes Video.<br />

Viel passiert nicht in „Rote Kuh auf<br />

grüner Weide“ von Thomas Silberhorn.<br />

Eigentlich nur eines, nämlich das, was<br />

jede Kuh jeden verdammten Tag nun<br />

einmal größtenteils macht: Sie grast,<br />

und zwar in Nahaufnahme und für die<br />

Dauer eines üblichen Pop-Songs. Beziehungsweise:<br />

Er grast. Denn der Künstler<br />

transferiert diese simple, eintönige und<br />

vegetative Handlung eins zu eins ins<br />

menschliche Leben – er kehrt die Perspektive<br />

um in das, was vom Leben übrig<br />

bleibt, wenn ein Männerkopf mit rotem<br />

Bart stupide in grüner Kresse grast. Für<br />

3:42 min und wohl für auch den Rest<br />

seines Daseins.<br />

Wär‘s eine Kuh, wäre all diese Stupidität<br />

normal, nur ihr Ein- und Ausatmen wäre<br />

noch langweiliger, und das Video würde<br />

es – etwas Verständnis für alpenländlerische<br />

Heimatfolklore vorausgesetzt<br />

– ebenso wie jedes Jahr so manches<br />

Kuhgemälde in eine der hiesigen, seit<br />

dem Weltkrieg stattfindenden Kunstausstellungen<br />

schaffen. (Das aber nur am<br />

Rande für die Auswärtigen, die nicht<br />

wissen, dass Kühe so unvermeidlich<br />

zum Repertoire des Allgäus gehören wie<br />

shabby-chic Flechtkorbherzchen <strong>zur</strong> Deko-Abteilung<br />

eines Möbel-Discounters.)<br />

Nur es ist, <strong>zur</strong> Hölle, keine Kuh – und<br />

das verstört dann den Allgäuer wie jeden<br />

anderen – sondern ein darüberstehendes,<br />

vernunftbegabtes Wesen, gleich<br />

auf Stufe drei in der Nahrungskette<br />

direkt nach Gott und den Engeln. Nein,<br />

nein, nein, die Welt ist keine Scheibe,<br />

und ein Mensch grast nicht. Niemals. Er<br />

grast nicht einmal nach einem tieferem<br />

Sinn, und er kalbt auch keine Weisheit.<br />

Nein, er grast überhaupt nicht, und<br />

wenn überhaupt, dann frisst er die, die<br />

grasen. Schließlich ist die Welt ihm, in<br />

seiner Dominium terrae aus Genesis 1, ja<br />

untertan.<br />

Wir leben längst in Häusern, der Rest<br />

der Schöpfung, aus der wir zwar stammen,<br />

ist nach draußen ausgelagert: Tier<br />

ist Nutztier, die Milch kommt aus Tetrapacks<br />

und die Natur wird wahlweise<br />

<strong>zur</strong> Panoramatapete oder zum Zoo. Je<br />

nachdem, wie es uns gerade ins Programm<br />

passt.<br />

Zu Kuh und Kresse gesellt sich ein<br />

letztes, drittes Element: ein simpler


7<br />

Zaun – und der fanatisch bis depressiv<br />

veranlagte Humanist in uns verkrümmt<br />

sich endgültig vor Wut: Wieso nur grast<br />

(nicht eine Kuh, sondern) dieser vernuftbegabte<br />

Mensch immer am Zaun<br />

entlang und erkennt ihn als gegeben, als<br />

Gesetz an? Wieso reißt er ihn nicht einfach<br />

ab? Das Dumme (und fatale) ist nur:<br />

Zäune hat nur dieser eine erfunden, der<br />

Mensch. Genau: Jener Mensch, der jenseits<br />

aller Vernunftbegabung (was nicht<br />

mit Vernunft selbst zu verwechseln ist),<br />

meint, hinter diesem Zaun wäre des<br />

Gras grüner oder hinter jener Türe hätte<br />

jemand anderes etwas unverdient Besseres.<br />

Man ist unzufrieden, will immer<br />

mehr, beneidet die, die es schon haben,<br />

und wettert gegen die, die es einem –<br />

vielleicht – wegnehmen könnten.<br />

Eine Bildersuche im Web nach „Cow<br />

Grass Fence“ spuckt schaudrige Fotos<br />

von Rindviechern aus, die sich aus<br />

Gier nach dem unerreichbaren Gras im<br />

Stacheldraht erwürgt haben (weswegen<br />

Elektrozäune inzwischen im Trend<br />

liegen). Doch so fatalistisch ist Thomas<br />

Silberhorn nicht, zumal es auch keinen<br />

Beleg dafür gibt, dass ein Autofahrer<br />

an einer defekten dauergeschlossenen<br />

Bahnschranke verhungert ist. Der<br />

Künstler gibt der Handlung kein wirkliches<br />

Ende und die Moral von der Geschicht<br />

offen.<br />

Die Reduzierung auf das Wesentliche,<br />

das Weglassen von Redundantem oder<br />

Ablenkendem, ist eine der Königsdisziplinen<br />

in der Kunst. Nur so wird der<br />

Betrachter nicht auf eine falsche Fährte<br />

geschickt.<br />

Silberhorn, der 2015 an der Akademie<br />

der Bildenden Künste München sein Diplom<br />

machte, beherrscht diese Disziplin<br />

in „Rote Kuh auf grüner Weide“ meisterlich:<br />

in der Reduzierung der Handlung, in<br />

der Beschränkung auf die drei Elemente<br />

Kuh, Gras und Zaun sowie auf das gerade<br />

mal Nötigste im Bildausschnitt bis hin<br />

<strong>zur</strong> Einfachheit des Werktitels und der<br />

Reduzierung auf diese Frage, die Hinterfragung<br />

eines Ist-Zustandes. Damit<br />

bleiben Antworten unweigerlich offen,<br />

und wir Vernunftbegabten sind schon<br />

selbst gefragt. Denn warum auch sollte<br />

uns, den Vernunftbegabten, die Kunst<br />

das Denken abnehmen?<br />

Das Video ist nur Sekunden kürzer als der<br />

Song Side der britischen Band Travis – im<br />

Refrain mit jenem englischen Sprichwort<br />

„The grass is always greener on<br />

the other side“. Im Video zu Side wartet<br />

die Band auf Außerirdische und wird<br />

gegen Ende von ihnen abgeholt (auf<br />

die andere, vermeintlich bessere Seite?)<br />

– womit sich der Kreis zu Douglas<br />

Adams, dem die Idee zu der Geschichte<br />

angeblich betrunken in einem Acker bei<br />

Innsbruck liegend kam, und zu Thomas<br />

Silberhorn von ganz alleine wieder<br />

schließt.<br />

Ganz in diesem Sinne begrüßt die Website<br />

www.thomas-silberhorn.com ihre<br />

Besucher mit einem Satz in Kinderschrift<br />

aus einem Tintenfüller: „Ich komme vom<br />

Planeten Erde“.<br />

Stephan A. Schmidt<br />

PS: Natürlich ließe sich das Werk auch kunsthistorisch<br />

beleuchten; ernstzunehmende Rückgriffe<br />

auf rote Kühe ab der frühen Moderne<br />

wären bei Gaugin, Marc oder Chagall durchaus<br />

möglich. Das hieße aber, nach Trüffeln zu<br />

graben, obwohl man einen guten Wein besprechen<br />

möchte.


8<br />

ARTIG SONDERPREIS <strong>2018</strong><br />

Von innerer und äußerer Freiheit<br />

AGAIN VON JUDITH RAUTENBERG<br />

Er sitzt fest in dieser weißen Box. Einer Box, in der er<br />

nicht aufrecht stehen und auch nur mit angewinkelten<br />

Beinen sitzen kann. Eng. Beklemmend. Unfrei.<br />

Mal klopft er neurotisch mit dem Kopf gegen die<br />

Wand. Again. Mal legt er ein Ohr daran, um zu hören,<br />

ob da draußen jemand ist, der ihm helfen könnte.<br />

Again. Mal versucht er zu meditieren, seine eigene<br />

Situation anzunehmen, so wie sie ist. Again. Und sackt<br />

nach kurzer Zeit zusammen. Again.<br />

Dann startet er einen neuen Versuch, sich aus der Box<br />

zu befreien. Again. Mal springt er mit aller Kraft<br />

nach oben. Again. Mal steht er auf seinen Händen und<br />

schiebt seine Beine vorsichtig die Wand hinauf in der<br />

Hoffnung darauf, so hinaus zu kommen. Again.<br />

Doch seine Selbstbefreiungsversuche beginnen und<br />

enden alle in der Box. Nach dem Sprung landet er wie<br />

ein Frosch mit angewinkelten Beinen wieder dort.<br />

Statt in die Freiheit schiebt er sich aus dem Handstand<br />

mit den Füßen voran in die nächste Box – bis er wieder<br />

mit dem Kopf gegen die Wand schlägt. Again.<br />

Ein Kreislauf, aus dem es in Judith Rautenbergs<br />

technisch ausgefeilter und zugleich unprätentiösen<br />

Videoinstallation auf den ersten Blick keinen Ausweg<br />

gibt. Der Mensch in der Box durchläuft viele Phasen:<br />

Von Verzweiflung und Wut über etwas halbherzige<br />

Akzeptanz bis hin zu Ironie und wildem Aktionismus.<br />

Und again. Es geht wieder los. Er landet wieder in der<br />

Box. Einer anderen? Der gleichen? Der selben?<br />

Diese Frage lässt<br />

die 35-jährige Videokünstlerin<br />

und<br />

Fotojournalistin aus<br />

Weimar, wo sie 2015<br />

ihr Diplom im Fach<br />

Freie Kunst machte,<br />

unbeantwortet. Die<br />

Offenheit entsteht<br />

dadurch, dass sie ihre<br />

Arbeit auf fünf stehende<br />

Projektionsflä-<br />

Again 2015<br />

Judith Rautenberg Weimar<br />

Videoinstallation, Projektion auf Holzplatten<br />

Maße variabel<br />

2.000 € inkl. Technik (1 v. 5)


9<br />

chen und damit in die Dreidimensionalität des Raumes<br />

bringt. So überlässt sie dem Betrachter die Interpretation,<br />

ob der äußere Rahmen immer derselbe bleibt oder<br />

ob der Mensch nur immer wieder in einer ähnlichen<br />

Struktur landet, scheinbar ganz egal, was er tut und wie<br />

er sich anstrengt, dieser Struktur zu entkommen.<br />

Als Betrachter wirst Du zum Voyeur dieser einsamen,<br />

auf das Wesentliche reduzierten wie ungeschönten<br />

und authentischen Momentaufnahmen eines Menschen,<br />

der nicht weiß, dass er beobachtet wird. Judith<br />

Rautenberg lässt Dich tief blicken und<br />

so nah ran, dass es teils schmerzt, zu<br />

sehen, wie er sich selbst kratzt, beißt<br />

und verletzt. Manchmal möchtest Du<br />

ihm helfen, da raus zu kommen, und<br />

denkst: „Ja, genau so ist es: Wenn man<br />

drinsteckt, dann sieht man den Ausweg<br />

nicht. Das kenne ich von mir selbst.“<br />

Ein zweiter Blick, der<br />

eine Ebene hinter<br />

dieser allzu menschlichen<br />

Situation aufmacht,<br />

lohnt sich und gibt der Videoinstallation eine<br />

besondere Tiefe. Judith Rautenberg bietet dem Betrachter<br />

mit „Again“ eine echte Projektionsfläche für<br />

die Selbstreflexion:<br />

Renne ich auch in einem Hamsterrad mit all diesen<br />

gemischten Gefühlen, mit kleineren und größeren<br />

Ups und Downs? Halte ich an meinen Strukturen fest,<br />

obwohl sie mir zu eng sind? Wovon kann oder will ich<br />

mich nicht lösen, auch wenn es mich unfrei macht?<br />

Wende ich immer wieder die gleichen Strategien an,<br />

obwohl ich mehrmals erfahren habe, dass sie nicht <strong>zur</strong><br />

echten Veränderung führen? Ist das nun mal der Geist<br />

unserer Zeit – oder hilft mir ein Perspektiven-Wechsel,<br />

die Dinge anders zu sehen? Kann ich<br />

mich selbst überhaupt so schonungslos<br />

beobachten wie andere in ihrer Box?<br />

So gibt uns „Again“ wertvolle Impulse, uns<br />

selbst wiederzufinden<br />

und die<br />

eigenen Strategien,<br />

Strukturen, Pfade<br />

und gelernten<br />

Reaktionsmuster besser zu erkennen. Eine daraus<br />

gewonnene, eigene Erkenntnis wiederum mag um<br />

ein Vielfaches bedeutungsvoller sein als ein gut gemeinter<br />

Rat von außen. Denn: „Die äußere Freiheit<br />

wird uns erst dann bewilligt, wenn wir unsere innere<br />

Freiheit entwickelt haben.“ (Mahatma Gandhi)<br />

Darin liegt ein Geschenk von Judith Rautenbergs<br />

emotionaler Arbeit an ihre Betrachter: In den Impulsen,<br />

die Dich zum Beobachter Deiner Selbst werden lassen.<br />

Wenn Kunst dies schafft, dann erreicht sie schon viel.<br />

Katja Egli


10<br />

ARTIG EXTRAPREIS <strong>2018</strong><br />

Präzise Unschärfe<br />

THE P. COLLECTION VON CLAUDIA HOFFER<br />

nochromen Malerei an den hohen Wänden<br />

frei erfunden?<br />

Selbst wenn es den Raum wirklich so<br />

geben sollte, wie ihn die ausgebildete<br />

Theater- und Bühnenmalerin aus München<br />

auf ihrer Leinwand nachempfunden<br />

hat: Die Kraft dieses Bildes entsteht<br />

bei Weitem nicht nur aus dem Kontrast<br />

zwischen alten, verschnörkelten Tischbeinen<br />

und einfarbiger Flächenmalerei<br />

aus dem vorigen Jahrhundert, obwohl<br />

diese Spannung durchaus reizvoll und<br />

ein wunderbares Motiv ist. Die Kraft<br />

stammt auch nicht nur aus dem stimmigen<br />

Bildaufbau und den wohl gewählten<br />

Fluchten, die dem Betrachter das Gefühl<br />

geben, als stehe er in diesem Zimmer<br />

und schreite gleich weiter.<br />

Die (Anziehungs-)Kraft kommt vor allem<br />

aus dem WIE. Aus der Art und Weise,<br />

wie Claudia Hoffer dieser Zimmerflucht<br />

ihren eigenen, charakteristischen Pinselstrich<br />

gibt. Die Malerei wirkt durch<br />

ihre perfektionierte Unschärfe weich<br />

und offen, bekommt etwas Mystisches,<br />

fast Geheimnisvolles, Ungewisses,<br />

irgendwie Historisches. Man will am<br />

liebsten alles über die Geschichte dieses<br />

Hauses und seiner Bewohner erfahren.<br />

Einzig die Fluchtweg-Lampe und der<br />

Rauchmelder über der Tür rechts weisen<br />

auf die echte Zeit hin, in der diese Räume<br />

und Bilder leben. Es könnte also auch ein<br />

öffentlich zugängliches Gebäude sein.<br />

Gleichzeitig erreicht Claudia Hoffer in<br />

ihrer Unschärfe neben der Offenheit und<br />

Weichheit einen bemerkenswerten Grad<br />

an Präzision, Klarheit und Authentizität.<br />

So kreiert sie eine Stimmung von Tiefe<br />

und melancholischer Stille, die genaue,<br />

The P. Collection 2012<br />

Claudia Hoffer München<br />

Öl auf Leinwand<br />

110 x 150 cm<br />

6.800 €<br />

Wissen Sie, was die P. Collection ist? Vielleicht<br />

ist es gar nicht entscheidend, was<br />

sich hinter dem P.* verbirgt. Und vielleicht<br />

hat die Künstlerin den Titel genau<br />

deswegen abgekürzt. Schließlich zieht<br />

die Ölmalerei von Claudia Hoffer ganz<br />

unabhängig davon die Aufmerksamkeit<br />

auf sich und den Betrachter direkt hinein<br />

in das Bild.<br />

Was kommt im nächsten Zimmer?<br />

Was erscheint am Ende des Ganges?<br />

Wer biegt hier in diesen herrschaftlichen<br />

Räumen gleich um die Ecke? Wo<br />

ist der Haken an dieser makellosen,<br />

fast altmeisterlichen Ästhetik? Ist diese<br />

gegensätzliche und zugleich besonders<br />

interessante Kombination von antikem,<br />

norditalienischen Mobiliar und der mo-


11<br />

fotorealistische Malerei so kaum zu erzeugen<br />

vermag. Man will schon wissen,<br />

wie es weitergeht. Aber man verspürt<br />

dabei keine Hektik. In dieser Ruhe entfaltet<br />

die Ästhetik dieser Malerei ihre<br />

Wirkung.<br />

Warum malt Claudia Hoffer unscharf?<br />

„Das ist das, was aus mir, aus dem Pinsel<br />

in meiner Hand, herausfließt“, sagt sie so<br />

schnörkellos wie die moderne Kunst an<br />

den Wänden der P. Collection. Diese fließende<br />

Natürlichkeit ist auch das, was der<br />

Betrachter zwischen Kopf- und Bauchgegend<br />

wahrnehmen kann. Und so entsteht<br />

Raum für die eigene Imagination.<br />

Der eine sieht aus der Nähe alles so verschwommen<br />

wie ungewiss, blickt aber<br />

aus der Weite auf den Weg in eine klare,<br />

helle Zukunft – wie einen Hinweis darauf,<br />

im Leben einmal inne zu halten und<br />

gar einen Schritt <strong>zur</strong>ück zu setzen. Die<br />

andere mag meinen, wie in einer Traumsequenz<br />

den Gang entlang zu schweben,<br />

ins Licht.<br />

Katja Egli<br />

* Nur wer es wirklich wissen will, dreht nun<br />

diesen <strong>Katalog</strong> auf den Kopf und liest den<br />

folgenden Absatz. Andernfalls: Lassen Sie sich<br />

nicht von Fakten beeinflussen.<br />

DIE FINALISTEN<br />

UND IHRE WERKE A-Z <br />

Das P. steht für Panza, den Namen von Giuseppe<br />

Panza di Biumo (1923–2010), einen<br />

bekannten und bedeutenden Sammler moderner<br />

(amerikanischer) Kunst des 20. Jahrhunderts.<br />

Etwa 250 Werke seiner zehnmal<br />

so großen Sammlung sind in der Villa Menafoglio<br />

Litta Panza in Varese außerhalb von<br />

Mailand zu sehen – dort, wo Claudia Hoffer<br />

die Vorlage für ihr Gemälde „The P. Collection“<br />

fotografiert hat.


Casa 2014<br />

Wolfgang Bittner Leipzig<br />

Betonguss<br />

29 x 18 x 18 cm<br />

650 €


ohne Titel 2016<br />

Bohlius Berlin<br />

Collage, Acryl, Kreide<br />

110 x 160 cm<br />

3.000 €


Körper als Bekleidung 2016<br />

Clara Boesl Linz / A<br />

Digitaldrucke auf Papier<br />

Serie von 5 Bildern, je 60 x 40 cm<br />

2.100 €


open field 2017<br />

Nina Chubinishvili Bonn<br />

Stop-motion Video (HD, auf Tablet mit Lupe)<br />

unverkäuflich


Einsamer Baum auf altem Hühnerstall 2015<br />

Andrea Cordes-Thalmeier Dorfen<br />

Mischtechnik (Gouache, Bleistift, Schnitzerei) auf altem Holz<br />

25 x 34 cm<br />

90 €


Und die Feinde<br />

werden alle<br />

verquetscht,<br />

gell? I 2017<br />

Ursula Donn Stuttgart<br />

Mischtechnik auf Leinwand<br />

90 x 70 cm<br />

500 €<br />

Das sieht der<br />

Gesetzgeber<br />

so vor. 2017<br />

Chris Dietzel Berlin<br />

Lack, Acryl, Latex, Klebeband<br />

auf Fliesen<br />

60 x 60 cm<br />

1.700 €


Eisglühen <strong>2018</strong><br />

Karin Drechsler-Ruhmann Erlangen<br />

drei transparente Malgründe hintereinander, Acryl<br />

100 x 120 cm<br />

4.900 €


Turn over 2017<br />

Gudrun Fischer-Bomert Berlin<br />

Draht, Trinkhalme, LED<br />

107 x 52 x 27 cm<br />

3.000 €


Von Wegen 2014<br />

Elisabeth Frei Laien / It<br />

Acryl auf Zeitschrift, auf Holz geleimt<br />

148 x 112 cm<br />

3.700 €


Wohin sind wir unterwegs? 2017<br />

Elisabeth Frei Laien / It<br />

Acryl auf belichteter Offset-Aluminium-Druckplatte<br />

46 x 75 cm<br />

2.000 €


once i was blind and now i see 2016<br />

Andrea Freudenreich Oberstadion<br />

Ton gebrannt, bemalt, Kupferdraht<br />

34 x Ø 40 cm<br />

1.250 €


ohne Titel Nr.2 2017<br />

Wolfgang Fritz Reutlingen<br />

Fotografie<br />

60 x 80 cm<br />

420 €


Essen 2014<br />

Beate Gärtner Essen<br />

Papier (Stadtplan)<br />

15 x 15 x 13 cm<br />

600 €


Querreiter 2015<br />

Uta Grün Boppard<br />

Öl auf Spanplatte<br />

69 x 120 cm<br />

2.200 €


Endless Green 2010<br />

Stefan Grzesina Neu-Ulm<br />

Fotoabzug auf AluDibond<br />

90 x 120 cm<br />

850 €


Fin <strong>2018</strong><br />

Stefan Guggenbichler Rosenheim<br />

Kohle auf Holzplatte<br />

100 x 80 m<br />

1.440 €


No. 99 - ohne Titel - 2017<br />

Petra Hedwig<br />

Straßlach-Dingharting<br />

Acryl auf Leinwand<br />

120 x 100 cm<br />

1.540 €<br />

CHIMALIS 2017<br />

Deniz Hasenöhrl München<br />

Acrylfarbe, in mehreren<br />

Schichten auf Leinwand<br />

140 x 140cm<br />

3.800 €


Azadi VI 2016<br />

Barbara Hein-Dadfar Dortmund<br />

persischer Wortstempel (Bedeutung: „Freiheit“)<br />

auf Papier<br />

50 x 37 cm<br />

450 €


Mut <strong>2018</strong><br />

Fabian Helmich München<br />

Text, Beton, Photographie<br />

je 15 x 15cm<br />

1.200 €


Die Kreatur schlägt <strong>zur</strong>ück 2017<br />

Theresia Hillebrand Friedrichshafen<br />

Pappe, Papier, Styropor<br />

22 x 43 x 36 cm<br />

unverkäuflich


Was geschah wirklich mit Hänsel und Gretel 2015<br />

Theresia Hillebrand Friedrichshafen<br />

Pappe, Papier<br />

25 x 41 x 25 cm<br />

unverkäuflich


Mädchen-Portrait <strong>2018</strong><br />

Matthias Höfling<br />

Saarbrücken<br />

Acryl auf Leinwand<br />

200 x 140 cm<br />

1.600 €<br />

Winter 2 2017<br />

Claudia Hölzel<br />

Schauenstein<br />

Textile Kunst<br />

40 x 40 cm<br />

500 €


Anonym I 2013<br />

Masumi Igarashi Marne<br />

Floatglas im Ofen geformt und emailliert<br />

32 x 31.5 x 28 cm<br />

3.000 €


Kyrill 2017<br />

isterika<br />

(Nata Dolheimer &<br />

Alex Petrenko) Fürth<br />

mixed media<br />

97 x 60 x 60 cm<br />

1.313,13 €


Verborgen 2015<br />

Lucie Kazda Bayreuth<br />

Öl auf transparenter Folie<br />

100 x 100 cm<br />

3.500 €


Denise, 32 2017<br />

Ji-yeon Kim Berlin<br />

Acryl auf Leinwand<br />

80 x 80 cm<br />

1.800 €


In de gaten houden <strong>2018</strong><br />

Marion Klatt Füssen<br />

Mischtechnik<br />

130 x 220cm<br />

2.900 € / einzeln 120 €


Vergessener 2010<br />

Jürgen Klugmann Tübingen<br />

Tusche, Acryl, Graphit auf Papier, auf<br />

Holz aufgezogen<br />

34 x 29 cm<br />

740 €


Vollendung 2017<br />

Radan Knobloch Stuttgart<br />

Drahtgeflecht, teilweise gefärbt<br />

auf Kapa-Schaumplatte<br />

100 x 100 x 10 cm<br />

960 €


SHOOT://THEM/UP <strong>2018</strong><br />

Kombinat Äppärät Cyberspace<br />

Kinderspielzeug, Open Source<br />

Software, gehackte Consumer Hardware<br />

Maße variabel<br />

0,1 Bitcoin


Rosshaupten 01 / 2015 2015<br />

Rüdiger Lange München<br />

Öl auf Sperrholz<br />

115 x 172 cm<br />

6.700 €


The Interplay of Calm and Breeze <strong>2018</strong><br />

Katharina Lehmann München<br />

Thread Drip Painting, Acryl, Kreide auf Leinwand<br />

160 x 120 cm<br />

5.600 €


Munich Nightlife 2016<br />

Philipp Liehr Halle<br />

Lindenholz geschnitzt,<br />

Acryl, Gips<br />

50 x 30 x 40 cm<br />

2.200 €


Zeitzeugenberichte 2003<br />

Dana Lürken München<br />

experimentelles Buchprojekt, Digitalprint, Malerei,<br />

Zeichnung, Prägung auf diversen Papieren und Materialien<br />

22 x 34 cm<br />

unverkäuflich


GGArt3 2016<br />

Markus Maier<br />

Warendorf<br />

Acryl durch<br />

Industriegewebe<br />

40 x 30 x 4 cm<br />

600 €


Der Wind ist lauter als wir 2017<br />

Stefanie Manhillen Sinzig<br />

Schichtfoto, übermalte, zerkratzte Malerei-Foto-Collage<br />

60 x 80 cm<br />

800 €


Cloud 7 <strong>2018</strong><br />

Uwe Mertsch Greven<br />

Acryl, Glas und Holz<br />

22 x 34 x 11,5 cm<br />

1.800 €


Back to the Garden 2017<br />

Ute Milotich Pähl<br />

Öl auf Leinwand<br />

80 x 60 cm<br />

5.200 €


Teaparty (Diptych) 2017<br />

Sun Hee Moon Grado / It<br />

Öl, Stift auf Leinwand<br />

je 120 x 90 cm<br />

3.500 €


e that guy 2016<br />

wabato movement Ebershausen<br />

Installation aus 66 Einzelfiguren<br />

50 x 210 x 210 cm<br />

2.400 €


durch die Wand 2017<br />

Eileen O‘Rourke Augsburg<br />

Graphit auf Papier<br />

160 x 150 cm<br />

3.800 €<br />

The Thinker 2015<br />

Sandro Porcu Sohland<br />

Macrophotographie einer<br />

präparierten Ameise, sitzend<br />

auf einem Lihtographiestein.<br />

90 x 70 cm<br />

1.600 €


Aphasia 1 <strong>2018</strong><br />

Mike Prinz München<br />

Monotypie auf Papier<br />

105 x 80 cm<br />

550 €


Portrait X 2017<br />

Florian Prünster<br />

Meran / It<br />

Blei- und Kohlestift auf Papier<br />

96 x 72 cm<br />

1.400 €


Seelenlandschaften 9 (der Stein so still) 2017<br />

Dagmar Reiche Lindau<br />

Sumpfkalk, Steinmehle, Pigmente auf Loktapapier<br />

40 x 40 cm<br />

640 €<br />

Halt‘ du sie dumm ich halt sie arm! 2015<br />

Christian Ristau Flensburg<br />

Acryl auf Leinwand<br />

80 x 120 cm<br />

1.800 €


Blaue Schmeissfliege 2016<br />

Meike Rohde Bremen<br />

Collage, Acryl auf Holzfaserplatte<br />

70 x 70 cm<br />

900 €<br />

Es sitzt mir im Nacken 2017<br />

Nadine Elda Rosani Heideck<br />

Lärchenholz gesägt, geschnitzt, teilweise farbig gefasst<br />

180 x 40 cm<br />

2.200 €


spy me 2017<br />

Gerd Rucker Wien / A<br />

Polymer mit Glasauge<br />

22 x 17 x 5 cm<br />

220 €<br />

untitled (JS-Pencil-BI<br />

14th May 2016 - 19th November 2016) 2016<br />

John Schmitz Tacherting-Peterskirchen<br />

2B Bleistift auf mit Tusche geschwärztem Papier, 256 Stecknadeln<br />

203 x 203 cm<br />

4.800 €


Cartagena 2017<br />

Tina Schramm Karlsruhe<br />

Acryl, Fotografie auf Holz<br />

20 x 40 cm<br />

450 €


o.T. 2017<br />

Melanie Siegel<br />

München<br />

Acryl, Öl auf Leinwand<br />

80 x 60 cm<br />

2.700 €


Nine Eleven II 2015<br />

Gerhard Silber Wittmund<br />

Acryl auf Leinwand<br />

140 x 200 cm (2-teilig)<br />

3.500 €


Kleine Leute 1 2015 + Kleine Leute 2 2017<br />

Ljuba Stille Köln<br />

Linde coloriert<br />

je 30 x 10 x 10 cm<br />

je 1.100 €


Ein Tag mit Cosima Strähhuber 2017<br />

Cosima Strähhuber Traunstein<br />

versilberter Draht, Elektrobauteile, Kabel<br />

Ø 30 cm<br />

2.800 €<br />

Existenz - Linearitaet 21 2017<br />

Monika Supé Hohenschaeftlarn<br />

Tusche auf Papier<br />

59 x 84 cm<br />

2.200 €


Zeitschläger 2015<br />

Tim David Trillsam Eybach<br />

Bronzeplastik<br />

32 x 48 x 28 cm<br />

5.900 €


Cluster III 2017<br />

Lars Unger Oldenburg<br />

Collage, diverse Materialien<br />

43 x 55,5 x 8 cm<br />

1.100 €


Verloren 2016<br />

Marcus Vallböhmer Jestetten<br />

Acryl auf Leinwand<br />

60 x 80 cm<br />

1.900 €


o. T. 2013<br />

Alexandra Vogt Kammlach<br />

Lambda-Print hinter Echtglas<br />

120 x 80 cm<br />

2.000 € (3 v. 8)


Jana 2017<br />

Luzia Werner Halle<br />

Lindenholz bemalt, Papier, Gießharz,<br />

Plastik, Türspion<br />

34 x 25 x 28 cm<br />

2.000 €<br />

Mira 2017<br />

Claudia Wirth Egloffstein<br />

Öl auf Leinwand<br />

30 x 30 cm<br />

unverkäuflich


Grünes Zimmer 2007<br />

Dorothée Zombronner Berlin<br />

Aquarell auf Leinwand<br />

40 x 50 cm<br />

850 €


WERKSVERZEICHNIS<br />

Wolfgang Bittner, Leipzig<br />

Casa<br />

Bohlius, Berlin<br />

ohne Titel<br />

Clara Boesl, Linz / A<br />

Körper als Bekleidung<br />

Nina Chubinishvili, Bonn<br />

open field<br />

Andrea Cordes-Thalmeier, Dorfen einsamer Baum auf altem Hühnerstall<br />

Chris Dietzel, Berlin<br />

Das sieht der Gesetzgeber so vor.<br />

Ursula Donn, Stuttgart<br />

Und die Feinde werden alle verquetscht, gell? I<br />

Karin Drechsler-Ruhmann, Erlangen Eisglühen I<br />

Gudrun Fischer-Bomert, Berlin<br />

Turn over<br />

Elisabeth Frei, Lajen / I<br />

Von Wegen<br />

Wohin sind wir unterwegs?<br />

Andrea Freudenreich, Oberstadion once i was blind and now i see<br />

Wolfgang Fritz, Reutlingen ohne Titel Nr. 2<br />

Beate Gärtner, Essen<br />

Essen<br />

Uta Grün, Boppard<br />

Querreiter<br />

Stefan Grzesina, Neu-Ulm<br />

Endless Green<br />

Stefan Guggenbichler, Rosenheim Fin<br />

Deniz Hasenöhrl, München<br />

CHIMALIS<br />

Petra Hedwig, Straßlach-Dingharting No. 99 - ohne Titel -<br />

Barbara Hein-Dadfar, Dortmund<br />

Azadi VI<br />

Fabian Helmich, München<br />

mut<br />

Theresia Hillebrand, Friedrichshafen Die Kreatur schlägt <strong>zur</strong>ück<br />

Was geschah wirklich mit Hänsel und Gretel<br />

Claudia Hoffer, München<br />

The P. Collection<br />

Matthias Höfling, Saarbrücken<br />

Mädchen-Portrait<br />

Claudia Hölzel, Schauenstein Winter 2<br />

Masumi Igarashi, Marne<br />

Anonym I<br />

isterika (Petrenko / Dolheimer), Fürth Kyrill<br />

Lucie Kazda, Bayreuth<br />

Verborgen<br />

Ji-yeon Kim, Berlin Denise, 32<br />

Marion Klatt, Füssen<br />

In de gaten houden<br />

Jürgen Klugmann, Tübingen<br />

Vergessener<br />

Radan Knobloch, Stuttgart<br />

Vollendung<br />

Kombinat Äppärät, Cyberspace<br />

SHOOT//THEM/UP<br />

Rüdiger Lange, München Rosshaupten 01 / 2015<br />

Katharina Lehmann, München<br />

The Interplay of Calm and Breeze<br />

Philipp Liehr, Halle<br />

Munich Nightlife<br />

Dana Lürken, München<br />

Zeitzeugenberichte<br />

Markus Maier, Warendorf<br />

Art 3 GG<br />

Stefanie Manhillen, Sinzig<br />

Der Wind ist lauter als wir<br />

Uwe Mertsch, Greven Cloud 7<br />

Ute Milotich, Pähl<br />

Back to the Garden<br />

Sun Hee Moon, Grado / I<br />

Teaparty - diptych<br />

wabato movement, Ebershausen<br />

be that guy<br />

Eileen O’Rourke, Augsburg<br />

durch die Wand<br />

Sandro Porcu, Sohland<br />

The Thinker<br />

Mike Prinz, München Aphasia 1<br />

Florian Prünster, Meran / I<br />

Portrait X<br />

Judith Rautenberg, Weimar<br />

Again<br />

Dagmar Reiche, Lindau Seelenlandschaften 9<br />

Christian Ristau, Flensburg<br />

Halt’ du sie dumm ich halt sie arm!<br />

Meike Rohde, Bremen<br />

Blaue Schmeissfliege<br />

Nadine Elda Rosani, Heideck<br />

Es sitzt mir im Nacken<br />

Gerd Rucker, Wien / A<br />

spy me<br />

John Schmitz, Tacherting-Peterskirchen Untitled (JS-Pencil-BI-14th May 2016 – 19th<br />

November 2016)<br />

Tina Schramm, Karlsruhe<br />

Cartagena<br />

Melanie Siegel, München<br />

o.T.<br />

Gerhard Silber, Wittmund<br />

Nine Eleven II<br />

Thomas Silberhorn, München<br />

Rote Kuh auf grüner Weide<br />

Ljuba Stille, Köln Kleine Leute 1<br />

Kleine Leute 2<br />

Cosmia Strähhuber, Traunstein<br />

Ein Tag mit Cosima Strähhuber<br />

Monika Supé, Hohenschaeftlarn Existenz – Linearitaet 21<br />

Tim David Trillsam, Eybach<br />

Zeitschläger<br />

Lars Unger, Oldenburg<br />

Cluster III<br />

Marcus Vallböhmer, Jestetten<br />

Verloren<br />

Alexandra Vogt, Kammlach o. T.<br />

Luzia Werner, Halle<br />

Jana<br />

Claudia Wirth, Egloffstein<br />

Mira<br />

Dorothée Zombronner, Berlin<br />

Grünes Zimmer<br />

79


80<br />

BLICK HINTER DIE KULISSEN<br />

Wie wir jurieren<br />

„Wieso noch ein <strong>Kunstpreis</strong>?“, werden<br />

wir seit dem ersten im April 2014 gefragt.<br />

Unsere Antwort war und bleibt: Nein,<br />

nicht noch ein weiterer <strong>Kunstpreis</strong>,<br />

sondern ein anderer. Einer, der Künstler<br />

nicht gängelt, ihnen Steine in den Weg<br />

legt oder sie degradiert: „Der Künstler<br />

unterwirft sich der Jury“ – ein Zitat aus<br />

vielen Ausschreibungsbedingungen.<br />

Und ein <strong>Kunstpreis</strong>, der nicht noch ein<br />

weiteres regionales Klassentreffen ist.<br />

Und auch keiner, an dessen Eröffnung<br />

zuallererst diverse Namen genannt, aber<br />

nicht diejenigen begrüßt werden, um<br />

die es geht: Die, die von der ersten Idee<br />

bis hin <strong>zur</strong> kilometerlangen Anlieferung<br />

ihrer Werke – bis zum Vertrauen, dass<br />

diese gut behandelt werden – den Kern<br />

all der Arbeit getan haben, damit die ganze<br />

„Show“ überhaupt stattfinden kann.<br />

Unsere Kritik an so manchen Zuständen<br />

und die daraus entstehenden Probleme<br />

– all das haben wir seit 2014 an verschiedener<br />

Stelle beleuchtet und diskutiert.<br />

Ebenso haben wir unsere Antwort<br />

formuliert: zum einen ein Preis von<br />

Künstlern für Künstler, der zum anderen<br />

möglichst so frei ist wie die Kunst selbst.<br />

Heute nun soll es um die daraus resultierende<br />

Praxis gehen.<br />

Einfach, für alle und von überall<br />

Ein <strong>Kunstpreis</strong> möglichst ohne Beschränkungen<br />

– daraus folgt ein Grundsatz:<br />

Jeder Künstler soll zu jeder Zeit und<br />

von fast jedem Ort ohne Schlepperei und<br />

Kilometerfresserei seine Kunstwerke<br />

einreichen können, ohne dabei mehr<br />

Geld an Tankstellen zu zahlen als für den<br />

Teilnahmebeitrag, und ohne das Risiko,<br />

dass bei einer Ausjurierung das Ganze<br />

umsonst war.<br />

Längst ist das Internet so verbreitet und<br />

seine Technik so weit, dass sich – gute<br />

Programmierung und einen performanten<br />

Server vorausgesetzt – Werkfotos<br />

per Datei hochladen und samt der übrigen<br />

Angaben strukturiert abspeichern<br />

lassen. Natürlich gibt es Skeptiker, die<br />

meinen, eine Jury könne nur im Anblick<br />

eines echten Werkes wirklich urteilen.<br />

Aber so mancher Juror, der schon einmal<br />

in einer Halle mit hunderten nicht<br />

direkt angeleuchteten und eng aneinander<br />

stehenden oder lehnenden Werken<br />

stand, wird dem nicht mehr zustimmen.<br />

Fotos sind Standard<br />

Abbildungen von Kunstwerken, egal<br />

ob gedruckt oder am Monitor, sind kein<br />

abwegiges Teufelszeug. Ein Großteil der<br />

Kunst wird heute nicht direkt, sondern<br />

über diverse Medien rezipiert – ob wir<br />

das für gut halten mögen oder nicht.<br />

Schon immer waren gute Fotos für<br />

Kunstmagazine und Feuilletons, Künstlerbücher,<br />

<strong>Katalog</strong>e oder Bewerbungen<br />

notwendig. Ganz abgesehen von Videokunst<br />

und größeren Installationen:<br />

Letztlich braucht ein Künstler Fotos wie<br />

ein Musiker Tonaufnahmen.<br />

Längst wird digital ohne Filme und<br />

Abzüge fotografiert. Ob ich nun von einer<br />

Fotodatei einen Abzug im Drogeriemarkt<br />

mache oder es auf teurem Papier auf<br />

meinem Tintenstrahler ausdrucke und<br />

einsende – oder die gleiche Datei per Online-Formular<br />

hochlade, macht technisch<br />

keinerlei Unterschied.<br />

Qualitätssicherung an<br />

kalibrierten Monitoren<br />

Sieht denn die Jury auf ihren Monitoren<br />

das, was ich auf meinem sehe? Beim<br />

<strong>artig</strong> <strong>Kunstpreis</strong> lautet die Antwort:<br />

mindestens. Denn zum einen sind und<br />

bleiben die Farben in der Bilddatei dieselben<br />

und werden beim Hochladen<br />

und Abspeichern auf einen Webserver<br />

nicht verändert. Zweitens checken wir<br />

jede eingesendete Datei auf kalibrierten,<br />

hochauflösenden Profi-Monitoren. Bei<br />

seltsamen Darstellungen, z.B. bei vermuteten<br />

Farbverschiebungen, prüfen wir,<br />

ob ein falsches Farbprofil eingebunden<br />

ist, oder fragen beim Einsender nach, ob<br />

das so beabsichtigt ist.<br />

Schicke Mappen sind sinnlos<br />

Natürlich können „analogere“ Künstler<br />

weiterhin Fotos per Post einsenden. Diese<br />

Abzüge und Ausdrucke werden eingescannt<br />

(ebenfalls auf einem kalibrierten<br />

Scanner) und online in die Jury-Software<br />

geladen. Daher macht es keinen Sinn, die<br />

Abzüge in schicke Mappen mit Goldkante<br />

zu heften oder mit Hochglanzfolie zu<br />

laminieren, dann zwei Kilometer Lebenslauf<br />

plus einen <strong>Katalog</strong> auf Bütten dazu<br />

zu packen.<br />

Die <strong>Kunstpreis</strong>-Software<br />

All das Brimborium sehen die Juroren<br />

nicht, sondern nur das Foto plus Titel,<br />

Technik und Maße. Alles andere ist während<br />

des gesamten Auswahlprozesses<br />

anonymisiert. Name, Geschlecht, Herkunft<br />

oder Alter des Künstlers können<br />

so nicht beeinflussen – es geht allein um<br />

das Werk selbst.<br />

Für die Einreichungen und deren Jurierung<br />

haben wir seit 2014 mit einem<br />

Programmierer eine Web-gestützte<br />

Software entwickelt, die uns möglichst<br />

in kein Korsett zwingt, sondern zudem<br />

bei der Verwaltung und Dokumentation<br />

unterstützt. Darin kann z.B. unser Kassier<br />

in einer gesonderten Ansicht alle<br />

Einreichungen, zu denen eine Teilnahmegebühr<br />

eingegangen ist, markieren<br />

und so <strong>zur</strong> Jurierung freigeben.<br />

Womit wir beim Thema wären: Wie wird<br />

bei <strong>artig</strong> juriert?<br />

1. Runde: Juror allein zu Haus<br />

In einer ersten groben Vorrunde sitzen<br />

die fünf Juroren zuhause. Online in die<br />

Software eingeloggt, wählen sie per<br />

Mausklick diejenigen Werke aus, die sie<br />

gerne in der <strong>Ausstellung</strong> hätten oder gemeinsam<br />

mit ihren Kollegen noch einmal<br />

genauer besprechen möchten – z.B. weil<br />

man sich bei Qualität oder Aussage nicht<br />

sicher ist.<br />

Die Software listet die Werke kachel<strong>artig</strong><br />

(s. Abbildung) und für jeden Juror in einer<br />

anderen Reihenfolge auf. So vermeiden<br />

wir, dass am Ende die gleichen Werke<br />

einer nach 1.000 Bildern sinkenden Aufmerksamkeit<br />

zum Opfer fallen.<br />

Jeder hat zwei Tage Zeit und wählt<br />

erfahrungsgemäß ca. 100 bis 200 Werke<br />

aus. Bei fünf Juroren hat ein Werk in<br />

dieser eher noch groben Auswahlrunde<br />

fünfmal die Chance, weiter zu kommen.<br />

Und bei durchschnittlich 150 Werken pro<br />

Juror könnten es theoretisch ganze 750<br />

Werke in die nächste Runde schaffen.<br />

In der Praxis ist dies aber meist nur ein<br />

Drittel: So kamen in diesem Jahr 372 von<br />

1.080 Arbeiten weiter.<br />

2. Runde: Diskussionen am<br />

Schachbrett<br />

Am dritten Tag trifft sich die Jury und<br />

geht gemeinsam per hochwertigem<br />

Projektor und Leinwand die Vorauswahl<br />

durch. Unterstützt werden wir auch hier<br />

durch die Software, die die Werke wieder<br />

schachbrett<strong>artig</strong> ausgibt und jeweils per<br />

Klick vergrößert.<br />

Jedes Werk wird kurz besprochen, wir<br />

erörtern Idee, Ausführung sowie eventuelle<br />

Fragen dazu und setzen dann in<br />

der Software ein Häkchen – oder auch<br />

nicht. Am Ende eines langen Abends bleiben<br />

davon ca. 40 Prozent (<strong>2018</strong>: 149 Werke)<br />

in einer engeren Auswahl, aus der<br />

am nächsten Tag die endgültigen Werke<br />

nominiert werden sollen.<br />

3. Runde: Es wird eng...<br />

... auch für den einen oder anderen<br />

Juror, wenn es nun daran geht, sich von


so manchem liebgewonnenen Werk<br />

zu verabschieden, weil er überstimmt<br />

wird – bis vielleicht auf eines. Aber dazu<br />

später.<br />

Jeder bekommt eine mehrseitige Liste<br />

mit der Auswahl vom Vortag, darauf also<br />

149 Werke mit Bild, Titel, Technik und<br />

Maßen sowie einem freien Feld am Ende,<br />

in das er – nach nochmaliger Besprechung<br />

jedes Werkes – eine Note von 1 bis<br />

6 einträgt. „Das ist jetzt schon das fünfte<br />

Portraitfoto mit dieser Tonalität – können<br />

wir die anderen vier nochmal anschauen?“<br />

Spätestens jetzt besprechen wir<br />

auch solche Themen.<br />

Anschließend werden alle Listen eingesammelt,<br />

der Notendurchschnitt ausgerechnet<br />

und in die Software eingetragen.<br />

Per Klick sortiert diese dann die Werke<br />

nach der Note.<br />

Mit dieser Reihenfolge erhalten wir<br />

schlussendlich eine greifbare Gewichtung,<br />

eine erste sichtbare „Willens-Sortierung“<br />

– und etwas, was noch längst<br />

nicht endgültig ist, sondern zu neuen<br />

Diskussionen anregen soll und muss:<br />

Bei so manchem Werk und seiner nun<br />

errechneten Position fragen sich etliche<br />

Juroren nun (und manchmal erstaunt):<br />

Warum ist dieses Werk jetzt doch soweit<br />

hinten und jenes so weit vorne? Und man<br />

wird sich wieder bewusst, dass eine<br />

Drei (nicht) eine Drei ist: Vergeben fünf<br />

Juroren z.B. alle die Note 3, macht das<br />

im Durchschnitt eine glatte 3 – ebenso,<br />

wenn drei Juroren eine 1 vergeben und<br />

zwei eine 6. Doch warum haben diese<br />

drei uneingeschränkt begeisterten Juroren<br />

gegen die beiden abgeneigten nicht<br />

mehr Gewicht, als wenn alle ein „befriedigend“<br />

vergeben?<br />

Einfache Mehrheiten machen<br />

einfache <strong>Ausstellung</strong>en<br />

Statistiker kennen das: Liefern Durchschnitte,<br />

dargestellt in einer einzigen<br />

simplen Kurve ohne Häufungen und<br />

Abweichungen, nicht eine fade Nivellierung?<br />

Werden Spitzen nicht einfach nur<br />

gekappt? Macht eine einfache demokratische<br />

Mehrheit (statt Konsens) nicht<br />

nur „einfach“ und langweilig? Wer berücksichtigt<br />

(in einer<br />

Demokratie, aber<br />

auch beim Fernsehprogramm)<br />

die Minderheiten?<br />

Wir kennen solche<br />

<strong>Ausstellung</strong>en – mit<br />

einem (ob größten<br />

oder kleinsten) sogenannten<br />

gemeinsamen<br />

Nenner ohne<br />

Spitzen und Extreme.<br />

Und bei mancher<br />

<strong>Ausstellung</strong> scheint,<br />

dass im Zwang zum<br />

Kompromiss die „normaleren“,<br />

konsensfähigeren<br />

Werke eher<br />

reinrutschen als die ungewöhnlichen,<br />

weil man sich auf letztere nicht einigen<br />

konnte. Diese Aspekte sind uns durchaus<br />

bewusst.<br />

Ist das nun wirklich unser Ernst...<br />

... oder nur Gleichmacherei? Die Jury<br />

diskutiert die dank Notenliste konkret<br />

sichtbare Gewichtung: „Die beiden sind<br />

Landschaften recht ähnlich (weil offensichtlich<br />

vom gleichen Künstler), sind<br />

einerseits kein Dyptichon, verstärken<br />

aber die Aussage auch nicht. Kann da<br />

nicht eines raus?“<br />

Anschließend rechnen wir im Sinne der<br />

Hängekommission (zu der einige von<br />

uns auch gehören) anhand eines maßstabsgetreuen<br />

Galeriegrundrisses aus,<br />

wie viele Meter (plus Luft dazwischen) in<br />

etwa gehängt und gestellt werden kann.<br />

<strong>2018</strong> waren etliche großformatige Gemälde<br />

dabei, so dass wir in der diskutierten<br />

und korrigierten Liste nach 70 Werken<br />

ein Strich ziehen mussten, der keinem<br />

leicht fiel.<br />

Es wurde 23 Uhr, und in Anbetracht der<br />

sinkenden Konzentration beschlossen<br />

wir, die endgültige Nominierung erst am<br />

nächsten Abend, an dem sowieso ein Backup-Termin<br />

angesetzt war, festzulegen.<br />

Also: drüber schlafen. Per E-Mail ging<br />

noch ein PDF mit allen 149 Werken in der<br />

aktuellen Reihenfolge raus, damit wir<br />

tagsüber nochmals grübeln konnten.<br />

Auswahl in der Jury-Software: Per Klick können die einzelnen Werke vergrößert werden (die Unschärfen wurden nachträglich eingefügt)<br />

5 Joker gegen die Gleichmacherei<br />

Zunächst wägen wir am letzten Abend<br />

nochmals ab, argumentierten, rekapitulieren<br />

– es gilt, wirklich kritisch auch<br />

gegenüber der bisherigen eigenen Meinung<br />

zu sein: „Bei der Kellerfläche links<br />

wäre das durchaus möglich – und das<br />

stand ursprünglich ja auch nicht <strong>zur</strong><br />

Disposition, also können wir das durchaus<br />

in der Auswahl lassen.“ „Können<br />

wir nochmal über Werk X reden?“ „Mir<br />

wäre die Arbeit Y schon wichtig. Warum<br />

geht die bei Euch nicht?“ „Das hat schon<br />

Gursky so fotografiert.“ „Aber er hat kein<br />

Patent darauf – und vielleicht wurde das<br />

ja auch schon vorher so fotografiert.“<br />

Nach allen Diskussionen und entsprechenden<br />

Änderungen in der Reihenfolge<br />

stand dann der endgültige Schlussstrich<br />

bei 67 Werken. Nun kann, aber muss<br />

nicht, jeder Juror seinen Joker ziehen:<br />

für das Werk, das ihm wichtig ist und er<br />

ohne Diskussion gegen alle Noten und<br />

Meinungen nominiert haben will. Dieses<br />

Jahr haben alle fünf davon Gebrauch<br />

gemacht.<br />

Nun ist‘s wirklich definitiv: Die Liste mit<br />

den 72 nominierten Werken geht online.<br />

Zudem informieren wir alle Finalisten<br />

per E-Mail über das weitere Procedere<br />

und danach auch die 490 Künstler, die<br />

nicht ausgewählt wurden. Die Nominierten<br />

haben nun bis zu drei Wochen Zeit,<br />

ihre Werke per Post einzusenden oder<br />

an zwei Terminen abzugeben. Die Galerie<br />

füllt sich Tag für Tag mit 70 Arbeiten<br />

(zwei Künstler hatten es nicht geschafft,<br />

ihre Werke einzuliefern).<br />

Drei Wochen später: das Finale<br />

Die Jury trifft sich ein letztes Mal: Nun,<br />

um die Preisträger zu küren – vermutlich<br />

in einem ähnlichen Ablauf wie bei vielen<br />

anderen <strong>Kunstpreis</strong>e auch.<br />

Wir laufen alle 70 Arbeiten gemeinsam<br />

ab, nehmen sie unter die Lupe und besprechen<br />

sie. Währenddessen machen<br />

wir uns Notizen: Was ist wirklich preisverdächtig?<br />

Rund 15 Werke kommen in<br />

die engere Auswahl, wovon anschließend<br />

jeder drei Werke auf einen Zettel<br />

schreibt. Nach deren Auswertung diskutieren<br />

wir nochmal intensiv, bis die<br />

diesjährigen drei Preisträger endgültig<br />

feststehen. Sicher hätte so mancher von<br />

uns, hätte er alleine entschieden, die<br />

Preise anders vergeben, kann aber im<br />

Korrektiv der Kollegen mehr als gut mit<br />

dem gemeinsamen Ergebnis leben.<br />

Stephan A. Schmidt<br />

PS: Dieser Beitrag erscheint auch unter<br />

www.<strong>artig</strong>.st – samt einer Kommentarfunktion<br />

darunter. Hier stehen wir gerne Rede und<br />

Antwort, und hier kann jeder (auch anonym)<br />

dieses Vorgehen kommentieren und kritisieren<br />

– bestenfalls konstruktiv. Schließlich lebt<br />

der <strong>artig</strong> <strong>Kunstpreis</strong> als ein Preis von Künstlern<br />

für Künstler auch vom Mitdenken.


82<br />

Der <strong>artig</strong> <strong>Kunstpreis</strong> <strong>2018</strong> in Zahlen<br />

Die Jury <strong>2018</strong><br />

Die Jury setzt sich seit 2014 aus Vorstands- und weiteren Mitgliedern des <strong>artig</strong><br />

e.V. zusammen und ist vom Vorstand mit der Wahl der Preisträger beauftragt.<br />

<strong>2018</strong> waren dies: Katja Egli, Matthias Herzog, Susanne Praetorius,<br />

Stephan A. Schmidt und Florian Wendel.<br />

Der <strong>artig</strong> e.V. und das Allgäuer Kulturleben<br />

bedanken sich herzlich bei:<br />

»»<br />

560 Künstlerinnen und Künstlern für insgesamt 1.080 eingereichte Werke<br />

»»<br />

und ihren solidarischen Beitrag, mit dem sie die Preisgelder, die <strong>Ausstellung</strong>,<br />

diesen <strong>Katalog</strong> und vieles Weitere möglich machen,<br />

»»<br />

67 Finalisten für das Anliefern von 70 Kunstwerken, die uns mit ihrer<br />

großen Bandbreite sehr bereichern,<br />

»»<br />

der Stadt Kempten und der BSG Allgäu für die wunderbaren, historischen<br />

Galerieräume,<br />

»»<br />

der Brauerei Clemens Härle aus Leutkirch für die Stiftung des Publikumspreises,<br />

»»<br />

und all den vielen engagierten Helfern bei Planung, Ausschreibung, Bewerbung,<br />

Plakatierung, Paketabholung, Werkannahme, diversen Verwaltungsarbeiten,<br />

Künstler-Korrespondenz, Vorbereitung und Durchführung<br />

der mehrtägigen Foto- und Preisjurierung, Fotografie, Ausbau der <strong>Ausstellung</strong>sflächen,<br />

Pressearbeit, Online-Redaktion, <strong>Katalog</strong>-Layout, Aufbau,<br />

Hängung, Elektrik und Ausleuchtung, Galeriedienste uvm...<br />

Vergeben werden im Jahr <strong>2018</strong><br />

• der <strong>artig</strong> <strong>Kunstpreis</strong>* (Hauptpreis), dotiert mit 2.500 Euro<br />

• der <strong>artig</strong> Sonderpreis*, dotiert mit 1.500 Euro<br />

*beide inkl. einer kostenfreien <strong>Ausstellung</strong> in der Galerie Kunstreich in Kempten<br />

und der Übernahme von Transport- und Übernachtungskosten bis zu 400 €<br />

• der <strong>artig</strong> Extrapreis, dotiert mit 1.000 Euro<br />

• der <strong>artig</strong> Publikumspreis, dotiert mit 1.000 Euro und gestiftet von der<br />

Brauerei Clemens Härle aus Leutkirch<br />

Eingereicht wurden vom 27. November 2017 bis zum 24. Februar <strong>2018</strong><br />

1.080 Werke von 560 Künstlern aus P, ES, F, B, L, D, CH, A, CZ, I, SLO und MK.<br />

Hieraus wählte die Jury 72 Werke aus. Davon schafften es zwei Künstler nicht, ihre<br />

Werke einzusenden. Bleiben 70 Werke von 67 Künstlern.<br />

Die 67 Finalisten (Herkunft siehe Karte):<br />

39 Frauen = 58 %<br />

26 Männer = 39 %<br />

2 Künstlergruppen = 3%<br />

geboren<br />

1943<br />

1947<br />

1950<br />

1951<br />

1954 1954<br />

1955 1955<br />

1956<br />

1959 1959<br />

1960 1960<br />

1961 1961<br />

1962 1962<br />

1963<br />

1964 1964 1964 1964<br />

1965 1965<br />

1966 1966 1966 1966<br />

1967 1967<br />

1969 1969 1969<br />

1970 1970 1970<br />

1972 1972 1972<br />

1973<br />

1974 1974<br />

1975 1975 1975 1975 1975 1975<br />

1976<br />

1977 1977<br />

1978 1978<br />

1980 1980 1980 1980 1980<br />

1981<br />

1982 1982 1982<br />

1984 1984<br />

1985 1985<br />

1986<br />

1987<br />

1993<br />

1995<br />

------------------------------<br />

= Ø 1970 = 48 Jahre (<strong>Kunstpreis</strong> 2016: 1967 / 49 Jahre)<br />

Köln<br />

Ljuba Stille<br />

Bonn<br />

Nina Chubinishvili<br />

Sinzig<br />

Stefanie Manhillen<br />

Boppard<br />

Uta Grün<br />

Cyberspace<br />

Kombinat Äppärät


Flensburg<br />

Christian Ristau<br />

Marne<br />

Masumi Igarashi<br />

Wittmund<br />

Gerhard Silber<br />

Oldenburg<br />

Lars Unger<br />

Bremen<br />

Meike Rohde<br />

Greven<br />

Uwe Mertsch<br />

Warendorf<br />

Markus Maier<br />

Essen<br />

Beate Gärtner<br />

Dortmund<br />

Barbara Hein-Dadfar<br />

83<br />

Berlin<br />

Bohlius<br />

Chris Dietzel<br />

Gudrun Fischer-Bomert<br />

Ji-yeon Kim<br />

Dorothée Zombronner<br />

Halle<br />

Philipp Liehr<br />

Luzia Werner<br />

Weimar<br />

Judith Rautenberg<br />

Leipzig<br />

Wolfgang Bittner<br />

Schauenstein<br />

Claudia Hölzel<br />

Sohland<br />

Sandro Porcu<br />

Bayreuth<br />

Lucie Kazda<br />

Egloffstein<br />

Claudia Wirth<br />

Erlangen<br />

Karin Drechsler-Ruhmann<br />

Fürth<br />

isterika (Alex Petrenko &<br />

Nata Dolheimer)<br />

Saarbrücken<br />

Matthias Höfling<br />

Karlsruhe<br />

Tina Schramm<br />

Stuttgart<br />

Ursula Donn<br />

Radan Knobloch<br />

Tübingen<br />

Jürgen Klugmann<br />

Reutlingen<br />

Wolfgang Fritz<br />

Eybach<br />

Tim David Trillsam<br />

Oberstadion<br />

Andrea Freudenreich<br />

Jestetten<br />

Marcus Vallböhmer<br />

Neu-Ulm<br />

Stefan Grzesina<br />

Friedrichshafen<br />

Theresia Hillebrand<br />

Lindau<br />

Dagmar Reiche<br />

Ebershausen<br />

wabato movement<br />

Kammlach<br />

Alexandra Vogt<br />

Füssen<br />

Marion Klatt<br />

Meran<br />

Florian Prünster<br />

Lajen<br />

Elisabeth Frei<br />

Grado<br />

Sun Hee Moon<br />

Rosenheim<br />

Stefan Guggenbichler<br />

Straßlach-Dingharting<br />

Petra Hedwig<br />

Hohenschaeftlarn<br />

Monika Supé<br />

Pähl<br />

Ute Milotich<br />

Heideck<br />

Nadine Elda Rosani<br />

Augsburg<br />

Eileen O‘Rourke<br />

Dorfen<br />

Andrea Cordes-Thalmeier<br />

Wien<br />

Gerd Rucker<br />

Linz<br />

Clara Boesl<br />

Tacherting-Peterskirchen<br />

John Schmitz<br />

Traunstein<br />

Cosima Strähhuber<br />

München<br />

Deniz Hasenöhrl<br />

Fabian Helmich<br />

Claudia Hoffer<br />

Rüdiger Lange<br />

Katharina Lehmann<br />

Dana Lürken<br />

Mike Prinz<br />

Melanie Siegel<br />

Thomas Silberhorn


Impressum<br />

<strong>artig</strong> kunstpreis <strong>2018</strong><br />

<strong>Katalog</strong> <strong>zur</strong> <strong>Ausstellung</strong><br />

vom 13. April bis 13. Mai <strong>2018</strong><br />

in der Galerie Kunstreich, Kempten<br />

Herausgeber & Veranstalter<br />

<strong>artig</strong> / art interessengemeinschaft e.V.<br />

c/o Galerie Kunstreich<br />

Schützenstraße 7<br />

D 87435 Kempten (Allgäu)<br />

info@<strong>artig</strong>.st<br />

www.<strong>artig</strong>.st<br />

fb.com/<strong>artig</strong>.st<br />

Text & Redaktion:<br />

Stephan A. Schmidt, Katja Egli<br />

Umschlagbild: Videostill aus „Rote Kuh<br />

auf grüner Weide“ von Thomas Silberhorn<br />

Werkfotos: Florian Wendel oder die<br />

Künstler selbst<br />

Layout: KuMaKom Ges. für Kultur- &<br />

Markenkommunikation, Kempten<br />

© <strong>2018</strong> - alle Rechte vorbehalten

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