Leseprobe Nation Alpha - Christin Thomas

nadineskonetzki

Ich bin eine Omega. Wir werden als Sklaven für die Königsrasse der Alphas gezüchtet und haben keine Rechte, keinen Namen, kein Leben. Man behandelt uns nicht wie Menschen, sondern wie Ware. Nach dreihundertjährigem Martyrium wollen die Alphas uns auslöschen und durch Maschinen ersetzen. Meine Zeit ist abgelaufen, falls der verzweifelte Rettungsplan nicht gelingt. Doch wer würde darauf bauen, wenn die sogenannten Retter selbst Alphas sind? Kann ich ihnen vertrauen oder ist unser Untergang bereits besiegelt?

Christin Thomas

Nation Alpha


Besuchen Sie uns im Internet:

www.zeilengold-verlag.de

Nadine Skonetzki

Blütenhang 19

78333 Stockach

info@zeilengold-verlag.de

1. Auflage

Alle Rechte liegen bei Zeilengold Verlag, Stockach 2018

Buchcoverdesign: Coverandbooks / Rica Aitzetmueller

Satz & Illustration: saje design Bonn, www.saje-design.de

Lektorat: Christine Hochberger, www.buchreif.de

Korrektorat: Roswitha Uhlirsch, www.spreadandread.de

Druck: bookpress, 1-408 Olstzyn (Polen)

ISBN Print: 978-3-946955-09-2

ISBN E-Book: 978-3-946955-89-4

Alle Rechte vorbehalten

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.


»Jede einem Menschen zugefügte Beleidigung,

gleichgültig welcher Rasse er angehört, ist eine

Herabwürdigung der ganzen Menschheit.«

– Albert Camus –

WIDMUNG

Ich widme dieses Buch meinem Bruder und danke ihm für all

seine Hilfe und Unterstützung. Für all die Zeit, die er in mich und

meine Projekte investiert. Ich danke ihm für die Geduld und den

festen Glauben an mich; für seine ansteckende Euphorie, die er

auch heute noch für mein Buch »Hope - Unsere einzige Hoffnung«

ausstrahlt. Ich bedanke mich für die vielen Zeilen, die er bereits

gelesen und korrigiert hat. Ich bedanke mich mit diesem Werk

dafür, dass er für mich da ist, wann immer ich ihn brauche. Er ist

der Unsichtbare, auf dessen große Anteilnahme an meiner Arbeit

nur mein Pseudonym schließen lässt.

Thomas - dieses Buch ist für dich.


INHALT

1 ICH BIN EIN MENSCH .................................................................... 9

2 KEINE FEHLER .............................................................................. 21

3 EIN WENIG MENSCHLICHKEIT ................................................... 32

4 WIESO ICH? .................................................................................. 45

5 DER PREIS IST ZU HOCH ............................................................. 60

6 ES GIBT KEINE FREIHEIT ............................................................. 77

7 WUT UND SCHMERZ ................................................................... 88

8 VERWIRRSPIEL ............................................................................ 98

9 WAS BEDEUTET FREIHEIT? ...................................................... 120

10 WER HASS SÄT, ERNTET KEINE LIEBE .................................... 134

11 SCHMERZHAFTE ERINNERUNGEN ........................................... 149

12 ANGST ......................................................................................... 159

13 SCHWERE ENTSCHEIDUNG ....................................................... 172

14 ALLES UMSONST? ...................................................................... 185

15 WAHRE FREIHEIT? .................................................................... 197

16 ALPHA ONE ................................................................................ 211

17 GEFÄHRLICHES SPIEL ................................................................ 232

NACHWORT ...................................................................................... 247

DIE AUTORIN ................................................................................... 249


1

ICH BIN

EIN MENSCH

MEINE DUNKLE HAUT schimmert im Licht der Sonne. Ich begutachte

den Grund für all mein Leid und finde doch nichts Verwerfliches

daran.

»Heb deinen Blick«, ermahnt mich die andere Sklavin. Ihren

Namen kenne ich nicht. Wir dürfen keine richtigen Namen haben.

Die Nation Alpha verbietet es.

Sie stellt die Regeln auf und wir gehorchen. Das ist schon seit

zwölf Generationen so. Ich bin nur hier, weil meine Vorfahren zur

falschen Zeit am falschen Ort gewesen sind. Doch dieser Gedanke

tröstet mich nicht. Er entmutigt mich an manchen Tagen nur noch

mehr.

»Heute ist ein großer Tag«, hallt es durch die schwebenden

Lautsprecher. Einer von ihnen fliegt nur wenige Meter von mir

entfernt über die große Menschenmenge. Die vielen weißen Gesichter

wirken so einschüchternd auf mich, dass ich den Blick

senken muss.

»Wir feiern den Sieg des Rassenkrieges und den damit verbundenen

Gewinn: unser Land und unsere Freiheit«, ertönt die Stimme

9


des Alpha One, dem Obersten dieser Nation. »Einen Sieg, den wir

vor genau drei Jahrhunderten errungen haben.«

Tosender Beifall bricht in den Sitzreihen der Weißen aus. Sie

strecken ihre Arme aus und bilden mit ihren verbundenen Zeigefingern

und Daumen ein »A«, das Zeichen der Alphas.

Während sie gemeinschaftlich »Nation Alpha« brüllen, zucken

wir Sklaven zusammen. Keiner von uns erträgt die vielen

Menschen um uns herum, für die wir nichts als der Dreck ihrer

Gesellschaft sind. Wir fürchten uns vor ihren Worten ebenso wie

vor ihren Schlägen. Beides tut so weh, dass ich mir ein Leben ohne

Schmerzen nicht vorstellen kann.

»Heute feiern wir das Ergebnis des Krieges, doch wir feiern auch

all jene, die sich so lange auf ihn vorbereitet haben. Jene, die für

die weiße Rasse gelebt und gekämpft haben und für sie gestorben

sind.«

Der Lautsprecher rast über mich hinweg und manche Worte des

Alpha One lassen mich die Augen zusammenpressen. Ich darf nicht

weinen. Nicht hier, wo sie mich für jede Schwäche vor aller Augen

zerreißen würden.

Der Platz, auf dem wir stehen, wird von riesigen Hologrammen

umringt. Auf diesen sieht man den Mann, den sie alle vergöttern.

Ihren Führer oder wie ich ihn nenne: den König des Löwenrudels.

Er ist die schlimmste Bestie von allen.

Von den Gebäuden hängen schwarze Fahnen herab, auf denen

das goldene Alpha-Zeichen glänzt. Es herrscht über die Dunkelheit,

so hat es mir eine ehemalige Herrin erklärt, während ich ihre

Schuhe geputzt und als Dank nur Spott erhalten habe.

Niemals haben sie ein freundliches Wort an mich gerichtet. Niemals

hat mich einer von ihnen berührt, ohne dass er sich sofort danach

die Hände gewaschen hat. Mit all ihren Taten lassen sie mich,

seit ich denken kann, glauben, dass ich keinerlei Wert besitze. Ich

traue mich nicht einmal, darüber nachzudenken, weil ich fürchte,

10


sie können meine Gedanken lesen. Ich bin schon oft genug bestraft

worden und will keine Qualen mehr erdulden müssen. Doch seit ich

mich dazu entschlossen habe, ihnen ausnahmslos zu gehorchen,

glaube ich, nur noch mehr bestraft zu werden.

Schließlich stehe ich hier auf diesem Platz mit all den weißen

Menschen und werde nach ihrer Nationalfeier an eine neue Familie

verkauft. Man wird mich als eine gehorsame Omega anpreisen,

denn so nennen sie uns: Omegas – als Zeichen dafür, dass wir in

ihren Augen das Letzte sind.

Die Rede des Alpha One neigt sich dem Ende zu. Während er die

Kriegshelden ihrer Nation beim Namen nennt, wandert mein Blick

zur Menschenmenge hinüber.

»Halt still«, ermahnt mich die Sklavin neben mir. Sie fürchtet,

dass mich einer der Alpha-Soldaten dabei entdeckt, wie ich mich

unaufgefordert umschaue. Dabei geht es ihr nicht um mein Wohl,

sondern um ihr eigenes. Wenn einer bei diesen Feierlichkeiten aus

der Reihe tanzt, werden alle bestraft. So lautet die Regel.

Doch ich ignoriere ihr Flüstern. Unter all den blonden Männern

und Frauen sitzen auch einige mit dunklem Haar. Ich bin nur ein

paarmal dunkelhaarigen Alphas begegnet und deshalb neugierig.

»Sieh mal«, flüstere ich zurück und deute unauffällig in die Richtung,

in der sich die seltenen Alphas befinden.

Nur ihre Augen wandern zur Seite. Ihr Kopf zittert, während sie

krampfhaft versucht, ihn stillzuhalten. Alles, was sie von sich gibt,

ist ein erstauntes Aufstöhnen, bevor sie sich erneut in Schweigen

hüllt.

Die Nationalhymne beginnt. Die Weißen erheben sich von ihren

Stühlen und bilden das Zeichen der Alphas vor ihrer Brust. Dann

erklingen die ersten Töne ihrer schaurigen Stimmen.

»Ein Land, eine Nation, eine Rasse. Auf ewig werden wir über

das Erbe herrschen, das uns anvertraut wurde.«

Den Rest der Hymne versuche ich auszublenden. Jede dieser

11


Zeilen erinnert mich daran, dass ich eine Gefangene bin. Eine Gefangene

in meiner eigenen Haut.

»Sie ist ein Prachtexemplar.« Der Alpha, der mich wie eine Ware

anpreist, ist ein fetter, weißer Mann. Er trägt Handschuhe, während

er mir mit der linken Hand auf Arme und Beine klopft. »Sie

ist gesund«, sagt er und zwingt mich, den Mund zu öffnen. In der

anderen Hand trägt er eine Strompeitsche, mit der er jeden Augenblick

zuschlagen kann. Ich gehorche und lasse mich zur Schau

stellen.

»Diese Omega ist etwa neunzehn Jahre alt. Wie Sie sehen können,

hat sie eine beachtliche Anzahl an Narben, doch diese sind

aus ihrer Vergangenheit. Ich kann Ihnen versichern, dass sie sehr

gehorsam ist.«

»Wie viel verlangen Sie für diese und für die daneben?«, fragt

ein großgewachsener Mann, der mich argwöhnisch begutachtet.

»Zweihundert Einheiten«, antwortet der Dicke. Ich muss schlucken.

So einen Haufen Geld hat noch nie ein Händler verlangt.

»Niemals«, antwortet der Große und winkt ab. Zwischen all den

Interessierten drängt sich einer der Dunkelhaarigen nach vorn.

Seine blauen Augen liegen in einem noch recht jungen Gesicht.

Ich schätze, er ist nur etwas älter, als ich es bin. Er lässt seinen

Blick über meinen und den Körper der anderen Sklaven wandern.

Ab und zu verschwindet er, um sich in den hinteren Reihen umzusehen,

doch er kommt immer wieder zurück. Ganze achtmal habe

ich gezählt.

Zählen und Lesen habe ich schon als Kind gelernt, damit ich

später einen höheren Preis erzielen würde. Meine ersten Besitzer

sind die strengsten Alphas gewesen, denen ich bislang gedient

habe und die mir die meisten meiner Narben beschert haben. Mit

etwa acht Jahren haben sie mich verkauft. Zum ersten Mal hat man

12


mich halb nackt auf ein Podest gestellt und einen Preis für mich

genannt, zwölf Einheiten. Aus diesen zwölf sind nun einhundert

geworden und aufgrund des hohen Preises hat bislang jeder potenzielle

Käufer abgelehnt.

Der junge Dunkelhaarige nimmt den dicken Händler beiseite.

Sie reden miteinander und deuten dabei immer wieder auf mich

und auf eine andere Sklavin, die etwa vier Plätze weiter steht. Sie

weckt das Interesse vieler, was mich einen Blick riskieren lässt.

Ihre Haut ist sehr hell, die Haare schwarz und ihre Augen schmal.

Ihr Gesicht wirkt vom Alter gezeichnet, doch es ist schwer, aus der

Entfernung Genaueres zu sagen. Ich habe nur kurz hingesehen und

soll es auch direkt bereuen.

»Ey, du da«, brüllt einer der weißen Männer und schiebt zwei

andere beiseite. »Hat dir irgendwer erlaubt, dich umzugucken?«

Ich schüttle den Kopf, die Augen nicht auf ihn, sondern geradeaus

gerichtet.

»Hundert Einheiten für so etwas?!« Er spuckt mir wütend vor

die Füße. Der Dicke, der mich zu verkaufen versucht, hat schon

den Arm gehoben und kommt mit der Peitsche auf mich zu. Ich

bin im Begriff, ihm den Deal zu vermasseln, und das kann er nicht

auf sich sitzen lassen.

»Auf die Knie«, schreit er und packt mich dabei fest im Nacken.

Er darf seine Ware ohne jede Reue zu Brei schlagen und

das Schlimmste daran ist, dass ihn an diesem Ort auch noch alle

anfeuern werden. Ich kneife die Augen zusammen, als meine Handflächen

die aufgewärmten Steine des Platzes berühren. Ich zittere

vor Furcht. Ich erwarte, dass jeden Augenblick der Schmerz des

Schlages und des Stroms durch meinen Leib ziehen wird.

»Zweihundert Einheiten«, höre ich die Stimme eines Mannes.

»Für die und die Asiatin da hinten.«

Der Dicke scheint fassungslos und stottert, so sehr überschlagen

sich seine Worte. Mehrmals fragt er, ob der Fremde sicher sei.

13


Ob er tatsächlich so viel für diese und die andere Omega ausgeben

wolle. Doch der Mann hat sich entschieden.

»Sie gehören mir«, höre ich seine Stimme und sehe aus den

Augenwinkeln, wie sich die Peitsche des Händlers senkt.

Der Mann, der mich gekauft hat, bleibt vorerst nicht mehr als eine

Stimme. Nicht er ist es, der uns aus der Menge der Sklaven herausfischt,

sondern ein Schwarzer wie ich. Ein Omega, dem man aufgetragen

hat, diese Aufgabe zu erledigen. Seine Haut ist noch ein paar

Nuancen dunkler als meine und sein Haar vom Alter weiß. Er greift

nach mir und schiebt mich in die Arme eines Alpha-Soldaten, der

mich mit beiden Händen packt. Am Rande bekomme ich mit, dass

auch die Hellhäutige vortreten muss.

»Da lang! Geh schon«, befiehlt der Soldat dem beauftragten Sklaven

und so folgen wir ihm. Ich werde durch die Massen der Alphas

gedrängt. Wir überqueren den Platz von einem Ende bis zum anderen.

»Dreckspack!«, höre ich manche schimpfen, als wir an ihnen

vorbeiziehen.

»Frischfleisch«, sagt eine der Frauen, die mich amüsiert ansieht.

Sie alle wissen, dass wir die Sklaven sind, die man heute

verkauft hat. Ich trage immer noch die knappen Stofffetzen, die

meinen Körper nur spärlich bedecken und die diesen Umstand so

offensichtlich machen.

Als wir endlich am Rand des Platzes ankommen, trennt uns nur

noch eine Mauer von den Straßen der umliegenden Stadt. Einer

der wachhabenden Alpha-Soldaten kontrolliert die elektronischen

Papiere. Er lässt sich von dem beauftragten Omega die Kaufunterlagen

zeigen. Prüfend sieht er sich das Hologramm an.

»Zwei Omegas«, murmelt er, während sein Blick erst auf die

andere und dann auf mich fällt. »Kain Hudson«, liest er überrascht

vor. »Der Hudson?«

14


Der Soldat, der seine Finger in meine Arme bohrt, nickt.

»Nation Alpha«, erwidert der wachhabende Soldat respektvoll

und lässt uns direkt passieren.

Kurze Zeit später stehe ich vor einem weißen Magneto. Dieses

Fahrzeug wird mich und die andere arme Seele zu unserem

Ziel bringen. Aus den Augenwinkeln erkenne ich ein sportlich

geschwungenes Design. Unter der Tür ist ein kleiner Flügel, der

lediglich als Stufe dient. Die getönten Scheiben geben keinen Einblick

ins Innere. Erst als sich die Tür nach oben hin öffnet, erkenne

ich schwarze Ledersitze und goldene Steuerelemente. Der Magneto

wirkt äußerst kostspielig. Mein Käufer muss sehr wohlhabend sein,

wenn er sich so etwas leisten kann. Ich erhalte den Befehl einzusteigen

und betrete vorsichtig das Fahrzeug.

»Es ist eines der neuesten Modelle«, sagt der eine Soldat im

Wageninneren zum anderen, kaum dass wir uns hingesetzt haben.

»Das Ding hier fliegt so sanft, dass man meinen könnte, man bewegt

sich gar nicht.«

»Obwohl es auch das Erdmagnetfeld nutzt?«, will sein Gesprächspartner

wissen.

Ich verstehe davon zu wenig, als dass mich ihr Gespräch interessiert.

Ich blende sie aus und sehe stattdessen nachdenklich zu

Boden. Die Technik hat sich in den letzten Jahrhunderten rasant

weiterentwickelt, nur der Verstand mancher Menschen ist dabei

leider auf der Strecke geblieben. Während ihre geliebten Autos nun

fliegen, hat sich der Rassismus nicht unterkriegen lassen. Die alten

Vorstellungen von Sklaverei hat man abgewandelt und die Weißen

dieses Landes nennen die Zustände seit jeher »die moderne Sklaverei«.

Aber was soll daran schon modern sein? Schmerzen fühlen

sich immer gleich an. Es ist völlig egal, ob man mich mit einer

Leder- oder einer Strompeitsche schlägt. Aber woher sollen sie

das wissen? Sie richten ihre Wut nur selten gegen ihresgleichen.

Dafür haben sie uns, die sie in kontrollierter Züchtung vermehren,

15


um stets mit ausreichend helfenden Händen und lebenden Opfern

versorgt zu sein. Ich hasse sie alle. Auch wenn ich dieses Wort verabscheue,

finde ich keines, das es besser beschreibt. Sie alle sind

Unmenschen, die vergessen haben, dass nicht die Farbe der Haut

oder die Herkunft einer Person festlegt, was für ein Mensch in ihr

steckt.

»Du wirst dich den Sommer über um die Tochter des Hausherrn

kümmern«, sagt der weißhaarige Omega, nachdem wir das luxuriöse

Anwesen betreten haben. Der Flug hat eine halbe Stunde

gedauert. Sie haben uns in die Hauptstadt Eleo gebracht. Der

Name prangt leuchtend an einer Werbesäule, die mir bei unserer

Ankunft sofort aufgefallen ist. Zwischen all den Wolkenkratzern

liegen einige Ein- und Mehrfamilienhäuser. Manche Anwesen sind

weitläufig und mit prächtigen Gärten geschmückt. Dagegen wirken

die asphaltierten Flächen ausgesprochen trostlos. Hier lebt, neben

etwa zwei Millionen Einwohnern, auch der Alpha One. Ich bin noch

nie in dieser Stadt gewesen, doch dem Schlimmsten aller Übel so

nah zu sein, fühlt sich schon beim Aussteigen unangenehm an.

Die Eingangshalle des Hauses ist beeindruckend und doch muss

ich dieses Gefühl unterdrücken. Keine Regung in meinem Gesicht

darf verraten, was ich denke.

»Du wirst dich um ihre Kleidung kümmern, um ihre Körperpflege,

um ihre Mahlzeiten, ihre Unterhaltung und um vieles

mehr. Sie ist mit dem Hausherrn gleichzusetzen und daher wirst

du nicht mit ihr sprechen. Sie wird nicht angestarrt und nur berührt,

wenn es deine Arbeit verlangt. Du wirst gehorsam sein und

hart bestraft, wenn du es nicht bist.«

All diese Worte kenne ich. Ich weiß genau, wie ich mich als

Sklavin zu verhalten habe, und dennoch werde ich in jedem Haus

wieder und wieder daran erinnert. Ungewöhnlich ist nur, dass

16


diese Einleitung von meinesgleichen kommt. Ein Omega, der einer

anderen Omega sagt, was sie zu tun und zu lassen hat, ist etwas

vollkommen Neues für mich. Ich nicke als Zeichen dafür, dass ich

alles verstanden habe.

»Gut. Hier wirst du Omega 4 sein. Die Vorige ist verkauft worden

und somit ist die Bezeichnung frei«, verrät er noch, bevor er

sich an die andere Sklavin wendet. Nun, wo ich sie in aller Ruhe aus

der Nähe betrachten kann, erkenne ich ihre Herkunft. Sie ist Asiatin

und eine Seltenheit in diesem Land, doch scheinbar finden sie

für jede der angeblich niederen Rassen eine eigene Verwendung.

Nachdem auch sie ihre Einweisung erhalten hat, legt er uns

Armbänder an. Das gehört zu den mir bekannten Ritualen. Falls

es zu einem Angriff der Omegas auf ihre Herren kommt, injiziert

das Band ein tödliches Gift. Wie es genau ausgelöst wird, weiß ich

nicht, da ich das noch nie erlebt habe. Ich habe jedoch gehört,

dass es angeblich durch Sprachsteuerung aktiviert werden kann

und halte das für plausibel. Schließlich muss ich in jedem neuen

Haushalt ein neues Armband anlegen.

Danach führt er uns in den Keller des Hauses. Er stellt sich

unterdessen als Omega 1 vor und erzählt, dass er schon lange im

Dienst dieser Familie steht. Das erklärt auch, wieso er all diese

Freiheiten besitzt. Er unterhält sich so hörbar mit uns, dass es ihm

eindeutig gestattet ist, mit anderen Omegas im Haus zu sprechen.

Das ist auf jeden Fall etwas, um das ich ihn beneide. Sklaven dürfen

außerhalb ihrer Kammern nicht unaufgefordert sprechen. Die

Nation verbietet es – genau wie etliche andere Dinge.

Unsere Schlafplätze bestehen aus alten Betten und dunkelgrauen

Matratzen. Schon beim Draufsetzen quietschen und ächzen

sie. Dennoch wirkt meine asiatische Mitstreiterin, Omega 9, ebenso

zufrieden wie ich es bin. Vermutlich hat auch sie sich noch nie ein

Zimmer mit lediglich einer weiteren Person geteilt. Dass sie eine

weibliche Omega ist, macht das Ganze noch angenehmer. Zum ers-

17


ten Mal brauche ich mich nicht umständlich an- und auszuziehen,

um mich vor den Blicken männlicher Sklaven zu schützen.

»Seid ihr fertig?«, ertönt hinter mir plötzlich die Stimme unseres

Käufers.

Ich habe gerade noch rechtzeitig mein Bettzeug geordnet,

nachdem ich es mit meinem Matratzentest durcheinandergebracht

habe. Ich wage es nicht, mich unaufgefordert umzudrehen.

»Ja. Ich werde ihnen gleich ihre Aufgaben zeigen«, antwortet

Omega 1.

»Schon gut«, erwidert der Unbekannte. »Ich würde Omega 4

gern selbst zu Jasmin bringen. Mein Onkel ist, wie du ja weißt, sehr

akribisch.«

»Natürlich. Gern, Sir«, antwortet Omega 1 und befiehlt Omega

9, ihm zu folgen.

Nun bleiben nur ich und mein neuer Herr im Raum zurück.

Noch immer starre ich an die kahle Kellerwand vor mir.

»Du kannst dich umdrehen«, höre ich den Mann sagen. Seine

Stimme ist ruhig und doch vernehme ich den bestimmenden Unterton,

der bei jedem Alpha mitschwingt.

Ich gehorche, die Augen zu Boden gerichtet, um ihn nicht anzusehen.

Sie wollen das nicht. Keiner von ihnen mag es, wenn meine

dunkelbraunen Augen sie treffen.

»Zieh das an«, befiehlt er mir und ich sehe, wie sich ein Stapel

Kleidung in mein Blickfeld drängt.

Wortlos nehme ich das Bündel an mich. Ich warte einen Augenblick

in der Hoffnung, dass der Herr geht, doch er bewegt sich

nicht. Ich weiß es, weil ich nichts dergleichen hören kann.

»Soll ich wegsehen?«, fragt er mich überraschend. Normalerweise

fragt man mich nicht, was ich will und daher fällt es mir

schwer, meine Verwunderung darüber zu verstecken. Schon als ich

meinen Mund versehentlich für eine Antwort öffne, bereue ich es.

Sofort schlucke ich jedes Wort hinunter und beginne, mich einfach

18


auszuziehen. Als Sklavin hat man nicht das Recht, sich zu schämen,

doch diesmal ist es etwas anderes. Ich kenne sein Gesicht nicht

und das, obwohl er alles von mir sehen wird. Meine Finger streifen

langsam den Stoff von meinen Schultern und ich höre Schritte, die

sich aus der Kammer entfernen.

»Danke«, flüstere ich. Ich weiß nicht, wer er ist, aber mich hat

noch nie einer meiner Herren vollkommen allein in einem Raum

zurückgelassen.

Mit gesenktem Blick trete ich zur Tür hinaus. Ich kann seine

Schuhspitzen sehen, schwarzes Leder, das auf Hochglanz poliert ist

und dessen Kaufpreis mit Sicherheit höher war als meiner.

»Jasmin ist zwölf Jahre alt«, sagt mein Herr. »Sie ist neugierig,

aber ihr Vater, der Hausherr, will nicht, dass sie mit dem Personal

spricht.«

Dass er uns »Personal« nennt, finde ich befremdlich. Diese Bezeichnung

ist in meinen Augen vollkommen unangebracht. Von

diesen Gedanken teile ich ihm jedoch nichts mit. Ich behalte meine

Meinung stets für mich, weil es mir ohnehin verboten ist, eine zu

haben. Ich tue also das, was ich immer tue und schweige.

»Du sollst sie gleich für das Bett vorbereiten, aber vorher wird

sie dich begutachten wollen.«

Wieder keimt in mir das unerträgliche Gefühl auf, dass ich nicht

mehr als Ware bin. Vermutlich bemerkt er nicht einmal, dass diese

Wortwahl mich trifft. Diesen Schmerz schlucke ich wie gewohnt

hinunter. Ich sage nichts und rege mich auch nicht. Ich höre weiter

zu und verdränge es.

Der Herr führt mich nach seinen Anweisungen die Treppen

hinauf. Ich muss vorgehen, weil er nur so sicherstellen kann, dass

ich meinen Blick nicht hebe. Die Königsrasse unerlaubt anzusehen,

bringt einem mindestens zehn Peitschenhiebe ein. Manche

19


schlagen härter zu, andere schwächer, aber alle tun es. So sind die

Regeln.

Mein neuer Herr verlangt von mir, die Tür am Ende des Flurs

zu öffnen. Ich gehorche. Vorsichtig drücke ich die Klinke hinunter.

Ohne Frage wird einer der Sklaven des Hauses sie reinigen, sobald

wir im Raum sind. Selbst wenn ich sauber bin, glauben sie, ich

würde ihr Haus schmutzig machen.

Diese Kleinigkeiten kann ich ignorieren. Ich kenne es nicht

anders. Aber manche ihrer Worte tun mehr weh als solche lächerlichen

Maßnahmen. Die Ausgrenzung tut weh, genauso wie die

Verachtung und die Beleidigungen. Ich bin auch ein Mensch. Ich

verdiene einen Namen und ein Preisschild, auf dem Unbezahlbar

steht.

20


2

KEINE FEHLER

JASMIN HAT WIE die Mehrheit der Alphas blaue Augen und blondes

Haar. Während sie mich begutachtet, soll ich den Blick heben.

Erst jetzt erkenne ich auch meinen neuen Herrn. Es ist der dunkelhaarige,

junge Mann, der mich gekauft hat. Noch verstehe ich

nicht, wie er in das Bild mit diesem blonden Mädchen passt. Ich

frage mich, ob sie Geschwister sind und versuche währenddessen,

nicht so auszusehen, als würde ich darüber nachdenken.

»Bist du zufrieden?«, fragt er das Mädchen und sie nickt.

»Sie hat ein hübsches Gesicht«, meint sie und wird sofort dafür

zurechtgewiesen.

»Dein Vater würde so etwas nicht hören wollen«, sagt mein

Herr zu ihr. »Sie sind allesamt hässlich. Das erkennst du doch,

oder?«

Wieder nickt die Kleine, während ich schwer schlucken muss.

Manchmal muss ich mit aller Gewalt die Tränen zurückhalten.

Auch diesmal zwinge ich mich, sie zu unterdrücken. Sie sind alle

hässlich. Diese Worte sind furchtbar verletzend, obwohl ich mein

Gesicht nur sehen kann, wenn ich an einem Spiegel vorbeilaufe.

21


Ich habe nicht das Recht, mich in aller Ruhe zu betrachten und mir

irgendeine Meinung zu meinem Aussehen zu bilden. Stattdessen

muss ich mir immer ihre Ansichten anhören und mich beleidigen

lassen. Aber diesmal ist alles anders. Zum allerersten Mal ist ein

nettes Wort gefallen und dennoch darf ich mir die Freude darüber

nicht anmerken lassen.

Mein Herr streichelt Jasmin über den Kopf. »Sie wird dich jetzt

fürs Bett herrichten«, sagt er und presst ihr einen Kuss auf den

Scheitel.

»Danke, Kain«, sagt sie liebevoll und lächelt ihn sanft an.

Dann lässt er uns alleine. Vorsichtig zieht er die Tür hinter sich

zu und mein Blick senkt sich sogleich.

»Du kannst mir das Haar kämmen«, schlägt Jasmin vor und

bringt mir aus dem angrenzenden Badezimmer eine Bürste.

Ihre Stimme klingt freundlich. Das ist ungewöhnlich, denn

die jüngeren Alphas sind meist schon ebenso ablehnend wie ihre

Eltern. Sie kennen es ja nicht anders. Sie werden in dem Glauben

großgezogen, dass wir ihnen ihre Gene stehlen, wenn man uns

nicht unterdrückt. Man erzählt ihnen, dass wir unsere Rasse veredeln

wollen und damit die Reinheit der Weißen gefährden. In

den Ohren eines Kindes muss das furchtbar klingen, selbst wenn

es davon nicht allzu viel versteht. Deutlich wird nur, dass wir die

Bösen sind und sie die Guten. Sie rechtfertigen ihr Handeln mit

all diesem Blödsinn und verankern ihn in jeder kommenden Generation.

Irgendwann wird die Vergangenheit dieses Landes ganz

vergessen sein. Man wird sich nicht einmal mehr daran erinnern,

dass einst jeder frei gewesen ist.

»Ich mag die Frisiermaschinen nicht«, erklärt Jasmin und

nimmt auf dem Stuhl am Schminktisch Platz. »Wenn sie mir die

Haare kämmen, tut das manchmal richtig weh. Sie sind nicht vorsichtig

genug.«

Noch bewege ich mich nicht, denn sie hat mir keine Hand-

22


schuhe gegeben. Wenn ich sie einfach so berühre, wird man mir

das vorwerfen und mich bestrafen.

»Was ist?«, fragt Jasmin und ich wünsche mir, ich könnte antworten.

»Oh«, ertönt es aus ihrem Mund, »verstehe.« Sie springt vom

Stuhl und verschwindet erneut im Bad.

Nachdem sie mir Handschuhe gereicht hat, streife ich mir diese

sorgfältig über. Ich nehme ein paar Strähnen ihres langen blonden

Haares. Behutsam setze ich die Bürste an. Das Haar der Weißen ist

so viel dünner als meines. Während ihr Haar glatt nach unten fällt,

kräuseln sich auf meinem Kopf Locken.

»Wie heißt du denn?«, fragt Jasmin. Da ist also die Neugierde,

vor der man mich gewarnt hat.

Für einen Augenblick muss ich sanft lächeln, bevor mein Gesichtsausdruck

in beispielhafter Gefühllosigkeit erstarrt.

»Omega 4 ist doch kein Name«, sagt sie, ohne mich auch nur

mit einem strengen Blick zurechtzuweisen. »Mein Vater will nicht,

dass ich mit dem Personal spreche.«

Wieder fällt dieses Wort, das mich innerlich verrückt macht.

»Er ist immer sehr böse, wenn er es mitbekommt. Er sagt, dass

ihn sein Volk für schwach halten könnte, wenn herauskäme, dass

seine Tochter sich für die Omegas interessiert und verbietet es mir

deswegen«, schmollt sie.

In diesem Augenblick begreife ich, wer dieses Mädchen ist. Sein

Volk hallen ihre Worte in meinem Inneren wie das Echo in einer

Höhle wider. Ich begreife augenblicklich, in wessen Haus ich gelandet

bin und mir fällt vor lauter Entsetzen die Bürste aus der Hand.

Während sie zu Boden stürzt, bereue ich, dass ich mich zu einem

Lächeln habe hinreißen lassen. Wenn an diesem Ort Kameras oder

Mikrofone angebracht sind, bin ich so gut wie tot. Die Tochter des

Alpha One zu belächeln, bedeutet, dass sie mich mit Sicherheit

nicht schnell, sondern sehr langsam umbringen werden.

23

Weitere Magazine dieses Users