Leseprobe - New-Arc - Nicole Obermeier

nadineskonetzki

Ein großer Krieg

Eine Welt in Trümmern

Eine letzte Bastion



50 Jahre nach dem Krieg drohen den Bewohnern von New Arc immer noch fürchterliche Gefahren von außen. Nur eine straffe Führung und eine strenge Gesellschaftsordnung erhält sie am Leben. Als sich Caitlyn, die Tochter des Landesoberhauptes, in den Chronisten Lennart verliebt, gerät ihr Weltbild ins Wanken. Je weiter ihre Liebe wächst, desto mehr stellt sie alles, was ihre Familie geschaffen hat, in Frage.

Welches dunkle Geheimnis über das Ödland versucht der Rat zu verbergen? Hat er wirklich nur das Beste für New Arc im Sinn?

Nicole Obermeier

New Arc


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www.zeilengold-verlag.de

Nadine Skonetzki

Blütenhang 19

78333 Stockach

info@zeilengold-verlag.de

1. Auflage

Alle Rechte liegen bei Zeilengold Verlag, Stockach 2018

Buchcoverdesign: Coverandbooks / Rica Aitzetmueller

Satz: saje design Bonn, www.saje-design.de

Illustration: Janina Robben, www.soulhuntress.de

Lektorat: Christine Hochberger, www.buchreif.de

Korrektorat: Roswitha Uhlirsch, www.spreadandread.de

Druck: bookpress, 1-408 Olstzyn (Polen)

ISBN Print: 978-3-946955-11-5

ISBN E-Book: 978-3-946955-87-0

Alle Rechte vorbehalten

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.


Inhalt

1. Kapitel: DER LETZTE ABEND ........................................................ 11

2. Kapitel: DIE ABSCHLÜSSPRÜFUNG, TEIL 1 ................................. 17

3. Kapitel: DIE ABSCHLUSSPRÜFUNG, TEIL 2 ................................. 28

4. Kapitel: ABSCHIEDE ....................................................................... 40

5. Kapitel: EIN NEUER LEBENSABSCHNITT ..................................... 46

6. Kapitel: ZWIEBELN SCHNEIDEN ................................................... 57

7. Kapitel: LENNARTS VERLUST ...................................................... 66

8. Kapitel: ALMAS GLÜCK ................................................................. 77

9. Kapitel: DIE GELEHRTENRATSSITZUNG ...................................... 84

10. Kapitel: UNERWARTETE HILFE .................................................. 97

11. Kapitel: GRACE JULIA SUMMERS ............................................. 107

12. Kapitel: DIE REISE IN DEN WESTEN ......................................... 113

13. Kapitel: DAS LANGE, ENTBEHRUNGSREICHE LEBEN

DER LEAH ROSENBLATT ............................................. 127

14. Kapitel: GRACE SUMMERS’ TAGEBUCH, TEIL 1 ...................... 141

15. Kapitel: LEAH ROSENBLATTS FEIER ........................................ 150

16. Kapitel: HEIMKEHR ................................................................... 165

17. Kapitel: GRACE SUMMERS’ TAGEBUCH, TEIL 2 ...................... 173

18. Kapitel: VITOS HEIMKEHR, TEIL 1 ........................................... 182

19. Kapitel: GESTÄNDNISSE ............................................................ 192

20. Kapitel: FÜNF MONATE SPÄTER

VITOS HEIMKEHR, TEIL 2 ........................................... 208

21. Kapitel: DIE WAHL ..................................................................... 218

22. Kapitel: IM BAUMHAUS ............................................................ 230

23. Kapitel: DAS NEUE LANDESOBERHAUPT ................................ 238

24. Kapitel: DIE FRAU AUS DEM WALD ......................................... 256

25. Kapitel: DER ÜBERFALL ............................................................ 269

26. Kapitel: VERGIFTET ................................................................... 273

27. Kapitel: EIN DUTZEND KALK .................................................... 279


28. Kapitel: NUR FÜR DEN FALL ..................................................... 295

29. Kapitel: AUFBRUCH ................................................................... 301

30. Kapitel: DURCH DEN WALD ...................................................... 312

31. Kapitel: HINTER DER GRENZE .................................................. 322

32. Kapitel: DER RICHTIGE ZEITPUNKT ......................................... 331

33. Kapitel: DIE GEHEIMNISSE DES LABORS ................................. 338

34. Kapitel: DAS AUTO .................................................................... 350

35. Kapitel: LENNARTS GESCHICHTE ............................................. 358

36. Kapitel: RÜCKKEHR ................................................................... 363

37. Kapitel: GEFANGEN ................................................................... 371

38. Kapitel: WAHRHEITEN .............................................................. 379

39. Kapitel: DAS ENDE ..................................................................... 393

40. Kapitel: SECHS WOCHEN SPÄTER

EIN NEUER ANFANG .................................................... 396

DANKSAGUNG .................................................................................. 405

DIE AUTORIN ................................................................................... 408


1. Kapitel

DER LETZTE ABEND

WENN ICH AN morgen denke, wird mir schlecht. Gleichzeitig

kann ich den Tag kaum erwarten, auf den ich seit über zwei Jahren

hinarbeite. Mein schönes, privilegiertes Leben wird sich von

Grund auf ändern, genauso wie ich es mir immer gewünscht habe.

Seit Wochen durchlebe ich ein Wechselbad der Gefühle. In einem

Moment hüpft mein Herz vor Aufregung, im nächsten bleibt mir

schier die Luft weg und ich fühle mich wie gelähmt. Meine Finger

kribbeln unentwegt, sie wollen sich beweisen und zeigen, was ich

gelernt habe.

Und doch habe ich keine Ahnung, wie ich den Tag morgen

überstehen soll, und das macht mir Angst. Ich versuche, mir Mut

zuzusprechen, mich daran zu erinnern, wie wichtig die Prüfung ist

und wie viel davon abhängt. Endlich kann ich zeigen, was in mir

steckt und dass ich mehr bin als nur die Tochter meines Vaters.

Nur noch eine Nacht trennt mich, Caitlyn Summers, von meinem

großen Traum, Chronistin zu werden.

Ich versuche, die Angst vor der Prüfungskommission aus meinem

Kopf zu verjagen, doch heute will es mir nicht gelingen. Mit

jeder Stunde, die vergeht, werde ich nervöser und erwische mich

dabei, wie meine Gedanken abschweifen. Plötzlich kann ich an

nichts anderes mehr denken.

Ich hasse Prüfungen.

Dabei weiß ich genau, dass ich den Stoff beherrsche. Ich habe

mich so gut auf morgen vorbereitet, wie es nur möglich ist. Trotz-

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dem quälen mich schon seit Wochen Albträume, in denen ich mich

dabei beobachte, wie ich scheitere. Darin sehe ich die Gelehrten

mit ihren mürrischen und undurchdringlichen Mienen vor mir

sitzen. Sie feuern ihre Fragen wie Kanonenschüsse auf mich ab,

bis ich schweißgebadet bin, völlig unfähig zu antworten. Stumm

wie ein Fisch ertrage ich ihre Schmähungen und Beleidigungen

und muss mir anhören, wie nutzlos und dumm ich bin. Dann versage

ich. Alles, was ich in den letzten beiden Jahren gelernt und

mir hart erarbeitet habe, zählt plötzlich nicht mehr. Ich werde

an die Grenze geschickt und vor den Augen meiner Familie in den

schwarzen Fluss geworfen. Das eiskalte Wasser fühlt sich so echt

an, dass ich jedes Mal schweißgebadet erwache.

Mündliche Prüfungssituationen sind noch nie meine Stärke gewesen.

Bereits dreimal habe ich die Kontrolle über meinen Körper

verloren und meine Lehrer und meinen Vater bitter enttäuscht.

Ich spüre, wie sich mein Kopf langsam entleert, die Scham siedend

heiß in meinem Nacken emporkriecht und sich alles Wissen in Luft

auflöst. Wenn der Blackout einmal Besitz von mir ergreift, kann

ihn niemand mehr stoppen.

Ich denke daran, dass ich morgen nicht allein sein werde, wenn

ich vor die Prüfungskommission trete. Den ersten Teil werde ich

gemeinsam mit meinem Bruder Vito bestreiten. Das ist der Vorteil,

wenn man einen Zwilling hat. Wir teilen nicht nur die angenehmen

Dinge, sondern auch die unangenehmen. Zwillinge sind sehr

selten, sie werden als etwas Besonderes angesehen und haben

Privilegien, die anderen Menschen verwehrt sind. Die gemeinsame

Teilnahme an der Abschlussprüfung gehört dazu. Mein Bruder

und ich werden uns zusammen meiner Angst stellen. Ich bin nicht

allein. Ich flüstere mir die Worte so lange zu, bis sich mein Herzschlag

beruhigt und ich wieder frei atmen kann.

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Vito und ich haben es uns zusammen mit unserem vierzigjährigen

Kindermädchen Madeleine auf dem roten, weichen Teppich

in meinem Turmzimmer bequem gemacht. Wir sitzen uns im

Schneidersitz gegenüber und bilden ein Dreieck, an dessen Spitzen

sich unsere Knie fast berühren. Seit einigen Tagen spielen wir die

Prüfung wieder und wieder durch, bis uns die Augen zufallen. Madeleine

schlüpft in die Rolle des Prüfers, Vito und ich beantworten

ihre Fragen abwechselnd. Unsere intensive Vorbereitung soll mir

dabei helfen, die Angst vor der Prüfungssituation zu überwinden,

und in unserer kleinen Runde funktioniert es sogar. An manchen

Tagen glaube ich fast selbst daran, dass ich es schaffen kann und

alles gut werden wird.

Aber heute Abend ist irgendetwas anders. Die Atmosphäre ist

angespannt und keiner von uns dreien kann sich richtig konzentrieren.

Langsam wissen wir auch nicht mehr, welche Themen

wir noch durchgehen sollen. Wir haben alles, was morgen geprüft

werden könnte, mehrfach besprochen. Madeleine blättert träge

durch das schwere Buch in ihrem Schoß, gähnt und streckt sich,

bis ihre Gelenke knacken. Und auch der sonst so ehrgeizige Vito

ist heute unkonzentriert. Die meiste Zeit starrt er abwesend auf

seine Hände und hängt seinen Gedanken nach. Dabei wirkt er, im

Gegensatz zu mir, vollkommen ruhig. Meine Nervosität hingegen

nimmt von Minute zu Minute zu und irgendwann kann ich nicht

mehr ruhig sitzen bleiben und springe auf die Füße. Ein Blick aus

meinem Fenster verrät mir, dass der kühle, sonnige Oktobertag

mittlerweile einer sternenklaren Nacht gewichen ist. Es wird Zeit,

schlafen zu gehen.

Madeleine folgt meinem Blick, als sie den schweren Lederband

geräuschvoll zuschlägt. »Lassen wir es gut sein für heute.«

Vito zuckt bei dem dumpfen Knall kurz zusammen und blickt

verwirrt zwischen uns hin und her. Ich frage mich, ob er gerade

an seine praktische Prüfung gedacht hat und all das, was danach

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kommt. Mein Bruder hat sich für den wohl gefährlichsten Beruf

entschieden, den man in unserem Land wählen kann. Er will als

Soldat an die Grenze gehen.

Vito erhebt sich in einer geschmeidigen Bewegung, dann hilft

er Madeleine auf die Beine. Wir stehen uns in der Mitte meines

Zimmers gegenüber, drei Viertel meiner Familie, meine liebsten

Menschen auf der ganzen Welt.

Mit einem Meter fünfundsiebzig überrage ich unser molliges

Kindermädchen um einen ganzen Kopf.

Vito, der nochmals ein beachtliches Stück größer ist als ich,

blickt unschlüssig von Madeleine zu mir. Er sieht müde aus. Als

er sich zu ihr hinunterbeugt, um ihr einen Gutenachtkuss auf die

Wange zu drücken, fallen ihm seine schönen schwarzen Locken in

die Stirn und bedecken seine Augen. Wenn man uns beide zusammen

sieht, würde man wahrscheinlich nicht auf die Idee kommen,

dass wir Zwillinge sind. In den letzten Jahren sind die optischen

Unterschiede zwischen uns deutlich hervorgetreten. Während

ich ein exaktes Abbild unserer Mutter bin, kommt Vito mit seinen

pechschwarzen Haaren und der ausgeprägten Kieferpartie nach

unserem Vater. Traurig denke ich daran, dass uns ab morgen weit

mehr trennen wird als die Farbe unserer Augen und Haare oder

die Größe.

Ein dumpfes Türklopfen reißt mich aus meinen Gedanken. Als

unser Vater das Zimmer betritt, scheint sich der Raum aufzuhellen.

Beim Anblick seines liebevollen und fürsorglichen Lächelns,

das nicht richtig zu seiner imposanten Gestalt passen will, wird

mir ganz warm.

»Ich wollte euch eine gute Nacht wünschen.«

Vaters tiefe Stimme dröhnt in meinen Ohren und verursacht ein

leichtes Kribbeln auf meiner Haut. Wahrscheinlich höre ich diesen

Satz heute zum letzten Mal von ihm. Er nickt Madeleine kurz zu,

dann zieht er Vito und mich in seine starken Arme und drückt uns

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einen festen Kuss auf den Scheitel. Vater ist noch größer als Vito

und ungefähr doppelt so breit. Ich schätze, in seiner Position kann

diese respekteinflößende Statur nur von Vorteil sein. Sein schütteres

graues Haar wird nur noch von einzelnen dunklen Strähnen

durchzogen, die die tiefen Sorgenfalten auf seiner Stirn nicht mehr

verdecken können. Mit seinem vollen gepflegten Bart wirkt er

stets gutmütig und wohlbesonnen.

»Gute Nacht, Vater«, murmle ich in sein Hemd, während ich

den vertrauten Geruch nach frischer Waldluft einatme.

»Eure Mutter wäre sehr stolz auf euch.« Er sagt es ganz leise,

schenkt uns noch ein kleines Lächeln und verschwindet wieder.

Madeleine belässt es dabei, Vito und mir kurz liebevoll über die

Wangen zu streichen. Auf ihrem Gesicht liegt ein gequälter Ausdruck.

»Gute Nacht, Kinder.« Auch ihr fällt der Abschied sichtlich

schwer.

Ich schaue ihr hinterher, als sie aus der Tür schlüpft, dann bin

ich mit meinem Bruder allein. Vito war nie ein Freund großer

Worte, aber auch er scheint die Melancholie zu spüren, die plötzlich

in der Luft liegt. Einige Sekunden lang blickt er unsicher auf

mich herab. Ich überlege, ob ich ihn umarmen soll, als er halbherzig

die Arme ausbreitet. »Na komm her, Caity.« Dankbar lasse ich

mich hineinfallen. Es fühlt sich merkwürdig an, von Vito gehalten

zu werden. Das letzte Mal ist lange her, ich kann mich kaum mehr

daran erinnern. Obwohl wir noch immer ein gutes Verhältnis zueinander

haben, muss ich mir in diesem Moment eingestehen, dass

die besondere Verbindung, die früher zwischen uns bestanden hat,

in den letzten Jahren verloren gegangen ist.

Wir halten uns steif und ungelenk in den Armen, fast wie zwei

Fremde. Sein Geruch kitzelt angenehm in meiner Nase und ich

schließe seufzend die Augen. Ich habe schon fast vergessen, wie

gut Vito riecht.

Im nächsten Moment spüre ich meinen Herzschlag schwer in

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meiner Brust. Bald müssen wir unsere eigenen Wege gehen, die uns

noch weiter voneinander entfernen werden.

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2. Kapitel

DIE ABSCHLÜSSPRÜFUNG, TEIL 1

AM NÄCHSTEN MORGEN werde ich vom unbarmherzigen Geräusch

meiner knarrenden Tür geweckt. Noch bevor ich meine Augen

richtig geöffnet habe, stürmt Madeleine in mein Zimmer und legt

eine Auswahl an Kleidern auf meinem Sessel ab.

»Guten Morgen, Caitlyn Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!«

Ich habe mich noch gar nicht richtig aufgesetzt, da drückt sie

mich bereits an ihren drallen Körper und haucht mir zwei Küsse

auf die Wangen. Ihre schulterlangen braunen Locken tanzen um

ihr gutmütiges Gesicht. »Ich lasse dir Wasser ein. Was willst du

anziehen?« Ohne meine Antwort abzuwarten, verschwindet sie

wieder. Einige Sekunden später höre ich, wie die Bediensteten im

Nebenzimmer eimerweise warmes Wasser in die Wanne schütten.

Kurz darauf lasse ich mich dankbar hineingleiten, während ich

versuche, wach zu werden.

Beim Durchstöbern der Kleidung bleibt mein Blick an einem grünen

Baumwollkleid hängen. Die langen Ärmel sind aus braunem

Leder gefertigt, an der Taille ist ein gedrehter Stoffgürtel im selben

Farbton angenäht. Ich fahre mit dem Finger über das Kleid und

beschließe, dass es dem heutigen Anlass mehr als würdig ist. Es

schmiegt sich an mich wie eine zweite Haut, ab dem Po umspielt

es meine Beine locker bis zu den Knien. Eindeutig Liebe auf den

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ersten Blick. Zufrieden drehe ich mich vor dem Spiegel und beobachte

lächelnd, wie sich der Rock auffächert. Das satte Grün betont

den rötlichen Schimmer meiner braunen Haare. Mein Spiegelbild

lächelt mir versonnen zu. Ich sehe hübsch aus und viel selbstbewusster,

als ich mich fühle. Nach einem tiefen Atemzug zähle ich

von zehn auf null herunter. Mein Herzschlag beruhigt sich und fast

fühle ich mich bereit für diesen wichtigen Tag.

Auf dem Weg nach unten höre ich den Wind durch die Gänge

pfeifen. Die Flure der Burg werden nicht beheizt, deshalb ist es

hier immer kühl. Ich schlinge die Arme um meinen Oberkörper

und gehe schneller.

Als ich den Hauptsaal im Erdgeschoss durch die schwere, zweiflügelige

Holztür betrete, bleibe ich überrascht stehen. Die große

Tafel ist bis zum Rand mit den vorzüglichsten Speisen gedeckt, die

ich mir vorstellen kann. Sogar für die Verhältnisse meiner Familie

ist dieses Frühstück, das eher einem Festmahl gleicht, geradezu

dekadent.

Vater, Vito und Madeleine warten bereits auf mich. Mein Bruder

springt als Erster auf und zieht mich fest an sich. »Happy Birthday,

Kleines.« Von seiner spontanen Umarmung überrumpelt,

brauche ich einige Sekunden, bis ich aus meiner Starre erwache.

»Danke, das wünsche ich dir auch, Bruderherz.« Und mit einem

Grinsen füge ich hinzu: »Ich bin vielleicht kleiner als du, aber immerhin

sieben Minuten älter, vergiss das nicht!«

Er erwidert mein Lächeln nachsichtig, dann tritt er zur Seite,

damit Madeleine und Vater mir ebenfalls gratulieren können.

Anschließend probiere ich von allen Leckereien etwas, obwohl

ich keine Ahnung habe, woher mein Hunger auf einmal kommt.

Vor zehn Minuten noch hätte ich schwören können, dass ich nichts

hinunterkriegen würde.

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Satt und zufrieden mache ich mich wenig später mit Vito auf den

Weg ins Sitzungszimmer, das nur wenige Meter vom Hauptsaal

entfernt liegt. Ich bete im Stillen, dass ich die Prüfung meistern

werde.

Vito wirft mir einen kurzen Seitenblick zu, sagt aber nichts. Viel

zu schnell erreichen wir den Sitzungssaal, dessen Tür weit geöffnet

ist. Ich schließe die Augen und atme tief durch. Gleich ist es so weit.

Vito drückt meine Hand, dann treten wir ein.

Unsere Prüfer haben bereits ihre Plätze an dem wuchtigen

Tisch eingenommen, der fast den gesamten Raum ausfüllt. Mit

einem schüchtern gemurmelten Gruß setze ich mich ihnen gegenüber.

Vito nimmt neben mir Platz. Ich sehe jeden einzelnen direkt

an und versuche, meine flatternden Nerven unter Kontrolle zu

bringen.

Die Prüfungskommission besteht aus vier Gelehrten und unserem

Vater. Zwei der Prüfer kenne ich bereits.

Der rundliche Thore Johansson hat Vito und mich in Geschichte

der Alten Welt unterrichtet, bevor wir mit fünfzehn unsere zweijährige

Spezialausbildung begonnen haben. Er weiß um meine

Prüfungsangst und lächelt mich zuversichtlich an.

Bei dem älteren Mann mit der runden Brille und dem freundlichen

Gesicht handelt es sich um Professor Tom Connor, dem

obersten Chronisten von New Arc. Ich kenne ihn von meinen

Arbeitseinsätzen, die ich während der letzten Jahre in der Bibliothek

geleistet habe. Der junge blonde Mann mit den stechend

blauen Augen neben ihm scheint nur wenig älter als ich zu sein. Er

kommt mir vage bekannt vor, aber seinen Namen kenne ich nicht.

Den Muskelprotz in Armeeuniform, der sich neben Vater kaum

in seinen Stuhl zwängen kann, sehe ich heute zum ersten Mal. Er

mustert mich abschätzig, ohne seine steinerne Miene zu verziehen.

Trotzdem ist sein Gesichtsausdruck kein Vergleich zu der

Unfreundlichkeit, die der Blonde ausstrahlt. Verunsichert rutsche

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ich auf meinem Stuhl herum und werde immer kleiner, während

ich unter seinem eisigen Blick verglühe. Hilfesuchend sehe ich zu

Vater, der mir beruhigend zunickt.

Hinter uns fällt die Tür ins Schloss und plötzlich ist es totenstill

im Raum. Sofort spüre ich das vertraute Kribbeln der Angst in

meinem Nacken.

Normalerweise eröffnet das Landesoberhaupt von New Arc die

Prüfung, aber da es sich dabei um unseren Vater handelt, übernimmt

heute Thore Johansson seinen Part. Vater wird die Rolle

eines stummen Beobachters einnehmen.

Feierlich wendet sich Herr Johansson uns zu: »Caitlyn und Vito

Summers, im Namen der gelehrten Prüfer von New Arc begrüße

ich euch heute, am Tag eures siebzehnten Geburtstages und der

damit verbundenen Volljährigkeit, zu eurer Abschlussprüfung.

Wie alle Zwillinge dürft ihr euch dem ersten Teil der Prüfung

gemeinsam stellen.« Er macht eine kurze Pause, um seine Worte

wirken zu lassen. »Ihr wurdet in den letzten Jahren intensiv auf

diesen wichtigen Tag vorbereitet. Wir werden heute euer Wissen

und eure Fähigkeiten testen, um zu sehen, ob ihr für die von euch

gewählten Berufe geeignet seid. Ihr habt euch für verantwortungsvolle

Tätigkeiten in unserer Gemeinschaft entschieden und wisst

um die Bedeutung eurer Wahl. Denn nur, wer seine Aufgabe in

unserem Land gewissenhaft erfüllt, trägt dazu bei, das sichere und

friedliche Leben in New Arc zu erhalten.«

Nach einer weiteren Pause wendet er sich den Gelehrten zu.

»Ich möchte euch nun eure Prüfer vorstellen.« Johansson deutet zu

seiner Linken und der muskulöse, grimmig dreinschauende Mann

in Armeeuniform erhebt sich umständlich. Ich muss mir fast den

Hals verrenken, als ich zu ihm aufschaue.

»Ich begrüße General Carl Hayes, den obersten Befehlshaber

unserer Grenzarmee. Er wird Vito prüfen.«

Hayes ist über zwei Meter groß und scheint nur aus Muskeln zu

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estehen. Das Haar trägt er bis auf wenige Millimeter kurz geschoren.

Aus seinen hochgekrempelten Ärmeln quellen die breitesten

Oberarme hervor, die ich je gesehen habe. Sein bloßer Anblick

sorgt dafür, dass ich mich auf meinem unbequemen Stuhl winzig

und unbedeutend fühle.

Hayes nickt Vito knapp zu, mich ignoriert er.

»Außerdem begrüße ich Professor Tom Connor, den obersten

Chronisten von New Arc«, fährt Johansson ungerührt fort. »Er ist

Caitlyns Prüfer.«

Professor Connor erhebt sich kurz und lächelt mich freundlich

an, dann setzt auch er sich wieder.

»Ebenfalls anwesend sind Elias Summers, Landesoberhaupt

von New Arc, und Lennart Connor, der Enkel von Professor Tom

Connor.«

Vater und der mürrisch dreinschauende junge Mann nicken

kurz.

»Beginnen wir nun mit dem gemeinsamen Prüfungsteil.« Johansson

räuspert sich umständlich und in diesem Moment spüre

ich mein Herz so heftig klopfen, als wollte es aus meiner Brust

springen. »Caitlyn, bitte beschreibe kurz die Entstehungsgeschichte

von New Arc

Es vergehen einige Sekunden, in denen ich versuche, seinen

Worten Sinn zu verleihen. Schweißperlen bilden sich auf meiner

Stirn, als ich angestrengt nachdenke. Die Zeit zieht sich in die

Länge, während ich in meinem Kopf hektisch nach der Lösung

suche. Die Entstehungsgeschichte unseres Landes … Das ist wirklich

nicht schwer. Ich kann das. Aber wo sind all meine Worte hin?

Erst als Vito mich unter dem Tisch leicht tritt, kann ich wieder

klar denken. Ich fixiere Herrn Johansson, der mich stirnrunzelnd

ansieht. Vermutlich wartet er nur darauf, dass ich gleich heulend

aus dem Zimmer laufe, wie ich es schon einmal in seinem Unterricht

getan habe. Doch das werde ich nicht. Mein Blick wandert

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zur Tischkante, die ich in den letzten Sekunden so verbissen

umklammert habe, dass meine Fingerknöchel weiß hervortreten.

Schnell lege ich die Hände in meinem Schoß ab, während es in

meinem Kopf arbeitet. Die Entstehungsgeschichte von New Arc

Wir haben es oft genug durchgesprochen.

Irgendeiner der Gelehrten scharrt unruhig mit den Füßen.

Ich muss mich konzentrieren.

Als sich meine Augen schließen, sehe ich meine schriftlichen

Aufzeichnungen vor mir. Ich muss sie nur laut aussprechen. »New

Arc existiert seit fast fünfzig Jahren. Edmund Summers, unser

Großvater, hat dieses Land gegründet.« Die Worte verlassen meinen

Mund fast automatisch. »Während der große Krieg die Alte

Welt zerstörte, war dieser Mann dazu bestimmt, die Menschheit

zu retten.« Ich mache eine kurze Pause und hole tief Luft. Dabei

bleibt mein Blick an Professor Connors Enkel Lennart hängen, der

mich noch immer kühl mustert. Sein Mund bildet eine schmale,

harte Linie und zwischen seinen blauen Augen tritt eine tiefe

Falte hervor. Wie kann dieser junge Mann schon ein gelehrter

Prüfer sein? Irritiert und gleichzeitig fasziniert starre ich ihn an.

Er ist attraktiv. Sehr sogar. Dann fällt mir ein, dass ich lieber die

Frage weiter beantworten sollte, anstatt diesen Miesepeter anzuschmachten.

»Das Gebiet, in dem unser Land liegt, gehörte zu

den wenigen kriegsneutralen Ländern, die es in der Alten Welt

gab. Als der Krieg seinen grausamen Höhepunkt erreichte und die

modifizierten biochemischen Waffen auch vor der Grenze unseres

Landes keinen Halt mehr machten, hatte unser Großvater eine

Vision. Im Traum sah er ein geweihtes Stück Land vor sich, das

den Krieg unversehrt überstehen würde. Edmund Summers war

ein strenggläubiger Mann. Er war überzeugt davon, dass Gott es

war, der zu ihm gesprochen und ihm dieses Land gezeigt hatte.

Unser Großvater glaubte fest daran, dass er dazu auserwählt war,

seinen Reichtum zur Rettung der Menschen einzusetzen. Zu seinen

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Besitztümern gehörte eine Burg im Süden des geweihten Landes,

das er in seiner Vision gesehen hatte. Es ist die Burg, in der wir uns

jetzt befinden, die den Grundstein und den Mittelpunkt von New

Arc bildet. Edmund Summers forderte die Menschen auf, mit ihm

in den Süden zu gehen. Sein Ruf wurde weit über die Landesgrenze

hinaus gehört. Viele Tausende folgten ihm. Der Krieg hatte ihnen

alles genommen. Sie hatten nichts mehr zu verlieren. Großvaters

Vision gab ihnen Hoffnung. Die Menschen verließen ihre Heimat,

ließen ihr altes Leben zurück und erschufen ein neues Land, New

Arc. Sie sanierten die Burg und erbauten die Siedlungen östlich

und westlich des schwarzen Flusses. Fünf lange Jahre dauerte ihre

Arbeit. Sie brachten alles mit, was sie tragen konnten, um sich ein

neues, einfaches Leben aufzubauen. Als sie endlich autark leben

konnten, erreichte der Krieg seinen blutigen Höhepunkt. Städte

und Dörfer, Landstriche und Wälder, einfach alles wurde verseucht

und zerstört. Die Welt versank in Schutt und Asche. Doch

wie durch ein Wunder blieb das neu geschaffene Land unversehrt.

Großvaters Vision erfüllte sich.«

Die Geschichte von New Arc treibt mir jedes Mal die Tränen in

die Augen. Wir alle, die wir hier sitzen, sind der lebendige Beweis

dafür, dass Wunder tatsächlich geschehen.

Herr Johansson nickt leicht, seine Miene ist undurchdringlich,

aber offenbar stellt ihn meine Antwort zufrieden. Dann wendet er

sich Vito zu. »Welche Bedeutung hat der Name New Arc

»Anfangs hatte unser Land noch keinen Namen«, beginnt Vito

schnell und selbstsicher. »Bei den letzten Angriffen entstand die

Grenze unseres Landes. Sie verläuft bogenförmig, nach Norden hin

gewölbt. Wir bezeichnen das tote Land hinter dem Grenzwall als

Ödland, in dem bis heute Gefahren lauern. Unser Großvater wählte

den Namen New Arc, also neuer Bogen, um uns daran zu erinnern,

dass diese nördliche Grenze durch den Krieg geschaffen wurde,

durch die Waffen der Menschen, die sich am Ende fast vollständig

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selbst ausrotteten. Der Name New Arc erinnert uns daran, dass

hinter der bogenförmigen Grenze noch immer der Tod lauert und

wir nur hier wirklich sicher sind. Er ermahnt uns, die Menschen

und die Natur zu achten und den Frieden zu wahren.«

»Das ist richtig, Vito.« Johansson ringt sich ein kleines Lächeln

ab. »Caitlyn«, wendet er sich nun wieder mir zu, »bitte erläutere

kurz die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen dem Osten und

dem Westen unseres Landes.«

Und da ist es plötzlich, das tiefe, schwarze Loch, in dem meine

Gedanken jeden Moment zu versinken drohen. Meine Augen zucken

unkontrolliert von Herrn Johansson zu Vater, dann zu Vito

und zum Schluss zu Lennart Connor. Als er meine Panik bemerkt,

weiten sich seine Augen ein Stück. Sie sind so blau. Das blonde Haar

fällt ihm sanft in die Stirn, als seine Augenbrauen leicht nach oben

wandern. Seine Lippen bewegen sich.

Einige Sekunden vergehen.

Lennart Connor flüstert mir lautlos etwas zu.

Ich versuche, mich auf seinen Mund zu konzentrieren. Er wirkt

jetzt nicht mehr hart und unfreundlich. Ich kneife die Augen etwas

zusammen. Beruhige dich, scheint er mir sagen zu wollen.

Ich muss mich konzentrieren, muss wieder klar denken, doch

meine Sicht verschwimmt und mein Gehirn fühlt sich an, als wäre

es in Watte gepackt.

Vito stößt mich abermals unsanft mit dem Fuß unter dem Tisch

an. Ich stoße mir die Knie an der Tischplatte und verziehe das

Gesicht vor Schmerz. Dann endlich erkenne ich meine Umgebung

wieder klar und deutlich.

Lennart atmet erleichtert aus – und dann taucht tatsächlich ein

kleines, aufmunterndes Lächeln auf seinem Gesicht auf. Irritiert

blinzle ich ihn einige Sekunden lang an.

»Alles in Ordnung, Caitlyn?« Thore Johanssons Stimme klingt

unnatürlich hoch.

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Ich nicke schnell. Dann fällt mir die Frage wieder ein und ich

beeile mich mit der Antwort. »Hier im Osten des Landes leben die

Gelehrten. Mit ihrem speziellen Fachwissen leiten sie New Arc

und erfüllen die wichtigsten Aufgaben in unserem Land. Die Burg

bildet den Mittelpunkt und den Verwaltungssitz. Hier leben das

Landesoberhaupt mit seiner Familie und die ranghöchsten Entscheidungsträger.«

Ich schaue zu meinem Vater. »Der schwarze

Fluss bildet die Grenze zwischen dem Osten und dem Westen. Er

entspringt dem See nördlich der Burg und mündet im Süden ins

Meer. Auf der anderen Seite, im Westen, leben die Arbeiter und

Bauern, einfache Menschen, die das Fundament unseres Landes

bilden. Die Bewohner des Westens bewirtschaften die Felder und

Gewächshäuser und bauen dort Obst, Gemüse und andere wichtige

Ressourcen wie zum Beispiel Baumwolle an. Sie verarbeiten außerdem

das Gestein aus dem Steinbruch und das Holz aus unseren

Wäldern. Weil der Boden im Westen fruchtbarer ist, kommt dort

der Großteil unserer Nahrung her. Die Bildung der Arbeiter im

Westen ist geringer als unsere, dafür zeichnen sich die Menschen

durch Kraft und handwerkliches Geschick aus. Ohne sie würde

unsere Gesellschaft nicht funktionieren.«

Diese Sätze stammen aus dem Lehrbuch, ich habe sie auswendig

gelernt. Weder Vito noch ich haben den Westen je mit eigenen

Augen gesehen. Wir wissen so gut wie nichts darüber, wie es dort

wirklich aussieht.

Ich bemerke den düsteren Blick von General Hayes, der sich

meine Worte durch den Kopf gehen lässt. Er wirkt nicht sehr zufrieden

mit meiner Antwort. Während Herr Johansson sich Notizen

macht, stelle ich überrascht fest, dass ich ganz ruhig bin und sich

mein Herzschlag wieder normalisiert hat. Vor wenigen Minuten

noch wäre das undenkbar gewesen.

Johansson wirft einen kurzen Blick in die Runde. »Vito, welche

Rechte und Pflichten haben die Gelehrten in unserem Land?«

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»Nachdem wir die Prüfungen an unserem siebzehnten Geburtstag

bestanden haben, gelten wir als volljährig. Wir verpflichten

uns, unsere beruflichen Aufgaben unter vollstem geistigen und

körperlichen Einsatz zu erfüllen. Wir werden in den Siedlungen

unserer gewählten Arbeitsgebiete wohnen. Für mich bedeutet das,

an die Grenze zu ziehen, während Caitlyn in der Gelehrtensiedlung

außerhalb der Burg wohnen wird. Es ist fortan unser Recht, einen

Lebenspartner zu wählen und eine Familie zu gründen. Wir verpflichten

uns, die Regeln und Gesetze unseres Landes zu befolgen

und stets zum Wohle der Gemeinschaft zu handeln.«

Als mein Bruder von der Grenze spricht, verdüstert sich sein

Blick. Nur wenige Menschen wissen, was dort draußen vor sich

geht. Nicht einmal mir will Vater es erzählen, obwohl ich ihn schon

hundertmal danach gefragt habe. Die Soldaten und der Gelehrtenrat

machen ein großes, dunkles Geheimnis daraus, welche Gefahren

unser Land bis heute aus dem Ödland bedrohen. Ob Vito weiß,

worauf er sich einlässt? Bei dem Gedanken wird mein Herz schwer.

Im Gegensatz zu meinem Bruder habe ich die Wahl, entweder

in die nahe Chronistensiedlung zu ziehen oder hierzubleiben. Da

die Bibliothek, mein zukünftiger Arbeitsort, sich in der Burg befindet,

hätte ich mir einen kürzeren und bequemeren Arbeitsweg

kaum wünschen können. Aber das hätte auch bedeutet, dass mein

Leben genauso weiter verläuft wie bisher, und das will ich nicht.

Ich möchte wie alle anderen Chronisten in der Siedlung südlich der

Burg leben. Ich muss Vaters und Madeleines schützenden Händen

entfliehen, um auf eigenen Beinen zu stehen. Vorausgesetzt ich

bestehe die Prüfungen.

Mit einer ausufernden Handbewegung unterstreicht Johansson

die nächste Frage. »Kommen wir nun zum Abschluss des ersten

Prüfungsteils. Caitlyn, welches ist die größte Bedrohung für die

Menschen in unserem Land?«

Obwohl es weit mehr als nur eine Gefahr für uns gibt, weiß ich

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sofort, worauf er hinauswill. Dennoch entschließe ich mich dazu,

mit meiner Antwort etwas weiter auszuholen, um mein Wissen zu

demonstrieren. »Im Gegensatz zu den Menschen der Alten Welt

leben wir heute in sehr einfachen Verhältnissen. Alles, was wir

zum Leben brauchen, müssen wir uns hart erarbeiten. Unsere Ressourcen

sind streng begrenzt. Weil wir nur über das verfügen, was

die Natur uns gibt, sind Krankheiten unsere größte Bedrohung.

Den gelehrten Medizinern der Alten Welt standen viele Medikamente

und technologische Möglichkeiten zur Verfügung, die uns

fehlen. Viele Krankheiten, die früher als heilbar oder ungefährlich

galten, wenn sie früh genug erkannt und behandelt wurden, sind

für uns tödlich.«

Meine Stimme versagt, als ich an meinen Großvater, den Retter

der Menschheit, denke, der an einer Herzmuskelschwäche gelitten

hat. Er ist bereits vor Vitos und meiner Geburt verstorben. Der Tod

hat ihn viel zu früh aus dem Leben gerissen und dennoch ist ihm

mehr Zeit geblieben als so vielen anderen, die im großen Krieg ihr

Leben gelassen haben.

Meine Gedanken schweifen zu meiner Mutter. Sie schenkte

Vito und mir das Leben, während ihr eigenes in der Nacht unserer

Geburt ein jähes Ende fand. In der Alten Welt hätte ihr geholfen

werden können, aber nicht hier. Die Lebenserwartung in New Arc

ist niedrig, die wenigsten Menschen werden älter als sechzig Jahre.

Im Westen sterben viele Arbeiter noch vor ihrem fünfzigsten Geburtstag.

Die Natur ist erbarmungslos, sie schenkt Leben und sie nimmt

es wieder. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns ihr zu fügen. Es

ist nicht gerecht, aber das ist der Preis, den wir für das Überleben

zahlen müssen.

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