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Fremdkörper Magazin 01/2018

Auf Entdeckungsreise in der Innen- und Aussenwelt, auf Spurensuche in neuen und altbekannten Gefilden.

Auf Entdeckungsreise in der Innen- und Aussenwelt, auf Spurensuche in neuen und altbekannten Gefilden.

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Der Suppentopf

© Lunacat (2001)

01 I 2018

Auf Entdeckungsreise in

der Innen- und Aussenwelt,

auf Spurensuche in neuen

und altbekannten Gefilden.

FRE

MD

KÖR

PER

Kuratiert von welcome home und Lissan

1


Schau dir das Magazin online an:

schreibdichfrei.net/library

2


Fremdkörper

Lesen, was andere geschrieben haben.

Selbst schreiben, damit andere lesen. Darüber

reden. Diskutieren. An Kritik wachsen.

Sich über Lob freuen. Besser werden.

Sich frei schreiben.

Alle Texte in dieser Anthologie sind so

publiziert, wie sie von den Jugendlichen auf

schreibdichfrei.net freigegeben wurden.

Einige der Texte sind an der „Sommerakademie“,

einem nationalen Kongress für

Kinder- und Jugendförderung, entstanden.

3


Editorial

Hallo zusammen!

Fremdkörper, ein sehr breit gefächertes Thema,

welches in vielen verschiedenen Lebenslagen und

Situationen zu finden ist. Eine klare Definition für

Fremdkörper gibt es nicht. Für manche sind der eigene

Körper und die eigene Identität ein Fremdkörper, für

andere erst etwas aus dem All. Zudem kann man sich in

einem Land, in einer Stadt oder in einer Menschengruppe

selbst als Fremdkörper fühlen, sei es durch die Sprachdifferenzen,

die Kultur, das Alter oder die Hautfarbe.

Da Fremdkörper so schwer zu definieren ist, standen

wir bei der Auswahl der Texte vor einer grossen Herausforderung.

Was ist Fremdkörper? Ist ein Text, der durch

seine spezielle Schreibweise heraussticht, in sich selbst

auch ein Fremdkörper? Sehen andere ihn ebenfalls so?

Während dem Auswahlverfahren haben wir immer

wieder Texte und Geschichten gefunden, die uns sofort

auf gefallen sind. Vor allem durch ihre interessanten

Themen, ihre andere Sichtweise auf Dinge,

tolle literarische Leistungen und vieles mehr.

Wir wünschen euch viel Vergnügen beim

Eintauchen in unsere Auswahl.

4


Inhalt

Der Suppentopf I Lunacat 06

Mein Freund aus der Hülle I Gioia 08

Anders I Theresbeautyineverything 12

Wegen dir I m?s??r? 16

Liebe aus zwei Welten I Eywlinn 20

Sie I Starlight 22

Anders sein I Theresbeautyineverything 26

Mein Hase Hamster I Lissan 28

Die Bedeutung des Wortes Alleine I Jana Biancowich 32

Ansichtssache I welcome home 34

Ein Schatten meiner selbst I Leralya 36

Regeln I Sophie 40

Der orange Ball I Niki 42

Violinisten I Morgennebel 46

Fremdkörper und Minderheiten

in der Schweiz – Gedanken I Lissan 52

Frieden – Meine Flucht I Burning Tree 56

-

Impressum 62

5


SUP

PEN

TOPF

veröffentlicht 29. Mai 2017


Der Suppentopf

© Lunacat (2001)*

*taucht gerne in fremde Tintenwelten ein

und erweckt Buchstaben zum Leben.

Der Suppentopf www.schreibdichfrei.net/texte/text/3215

Die Weihnachtsgesellschaft sass um den

grossen Tisch, den Oma Trude mit ihrem

besten Silberbesteck gedeckt hatte.

Alle waren angespannt und bemühten sich, ihre

Teller zu bestaunen, etwas in ihrer Tasche zu

suchen oder leise zu hüsteln. Hätte jemand einen

Bissen der Luft probiert, hätte er den sauren Geschmack

der Anspannung, das kräftige, metallene

Aroma der Abscheu und das bittersüsse der falschen

Höflichkeit schmecken können. Doch kein

Gast hatte genügend Fantasie, um einen Bissen Luft

zu nehmen.

Als Oma Trude mit der grossen Suppenterrine aus

Porzellan ins Zimmer kam, rutschten alle höflich

räuspernd zurück. Oma Trude stellte das Gefäss auf

ein selbstgehäkeltes Untersetzerchen und öffnete

den Deckel. Die Terrine war leer. Unbeirrt dessen

begann Oma Trude mit einem grossen Suppenlöffel

die nicht vorhandene Suppe in ihre besten Porzellanteller

zu giessen. Die Gesellschaft sah sich

an, doch niemand wagte es, etwas einzuwenden.

Jeder hoffte auf den grössten Anteil des Erbes und

wollte die alte Dame nicht verärgern. So begannen

sie zu essen. Sie schmeckten nichts. Wieder fehlte

den Sitzenden der Mut zum Unrealistischen, der sie

die Leere ihrer eigenen Seelen auf der Zunge hätte

schmecken lassen können.

7


MEIN

FREUND

AUS

DER

HÜLLE

veröffentlicht 8. Mai 2013


Mein Freund aus der Hülle

© Gioia (1990)*

*denkt anders und fühlt viel, diese Gefühle

versucht sie in Worte zu fassen.

Mein Freund aus der Hülle www.schreibdichfrei.net/texte/text/925

Der ganze Körper bebt vor Schmerzen.

Ich laufe hin und her. Sitze ab und stehe im

gleichen Moment aber wieder auf. Bleibe

regungslos stehen mit der Hoffnung, dass ich

so meine Schmerzen ausbalan cieren kann.

Einen Moment lang gelingt es mir auch.

Ich schliesse meine Augen und atme tief durch.

Der Glauben,

dass es vorbei ist,

lässt mich etwas zur Ruhe kommen.

Kurzer Augenblick später reisse ich meine Augen

wieder auf.

Eine Schmerzwelle nach der anderen bricht über

meinen Körper her.

Tränen kullern mir über die Wangen.

Ich flüstere leise vor mich hin,

dass dieser Alptraum doch endlich aufhören soll!

In der Wut schlage ich mit meiner Faust

ein zwei Male auf meinen Oberschenkel.

Ein anderer Schmerz,

der mich ein paar Sekunden ablenkt vom eigentlichen

geschehen.

Ich schluchze.

Der Schmerz verwandelt sich in ein pochendes stechen.

Laufe so schnell wie ich kann wieder hin und her.

Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigt,

9


Mein Freund aus der Hülle

© Gioia (1990)

dass sich erste Erschöpfungsmerkmale auf

meinem Gesicht abzeichnen.

Kraftlos lasse ich mich auf mein Bett fallen.

Den Kopf ins Kissen gedrückt möchte ich am

liebsten sterben.

Doch auch im weichen Bett begleitet mich der

Schmerz.

Ich drehe mich auf die Seite,

auf den Bauch oder Rücken

und doch lässt er mich nicht in Ruhe.

Schlafen wurde in diesem Bett zur Seltenheit.

Ich denke darüber nach,

mir ein warmes Bad einzulassen.

Am Anfang dieser langen Leidenszeit brachte

das warme Wasser

eine Minderung der Schmerzen.

Doch mir wird schnell klar,

dass mein Schmerz resistent gegen das Wasser

geworden ist in den letzten paar Tagen.

Mein Freund aus der Hülle www.schreibdichfrei.net/texte/text/925

Der Wunsch ist gross,

die Schmerzen einfach von meinem Körper

ab schütteln zu können.

Doch die benötigte Kraft dafür hat mich schon

lange verlassen.

Dieser Wunsch kann mir nur mein bester

Freund erfüllen

– das Schmerzmittel.

10


Mein Freund aus der Hülle

© Gioia (1990)

Mein Freund aus der Hülle www.schreibdichfrei.net/texte/text/925

Viele verschiedene habe ich schon zu mir

genommen.

Manchmal vergraulten sie den Schmerz

blitzschnell.

Andere Male musste der Schmerz zuerst bekämpft

werden.

Und auch heute wird es wieder ein langer Kampf

geben,

doch der Sieger wird immer mein Körper sein.

Ich glaube stets daran.

11


AN

DE

RS

veröffentlicht 11. September 2016


Anders

© Theresbeautyineverything (2002)

*glaubt, dass 1000 Zeichen zu wenig sind, um sich

selbst zu beschreiben oder, dass sie sich selbst überhaupt

in einen Text packen kann.

Anders www.schreibdichfrei.net/texte/text/2960

Es ist das Jahr 2400. Es gibt keine Farben mehr.

Alles ist schwarz, weiss oder grau. Das Mädchen

sitzt einem Arzt gegenüber. Er beäugt

ihre bunte Kleidung und ihre blauen Augen.

Du bist anders“, stellt er fest und rümpft die Nase.

„Nein. Ich bin Katy“, erwidert das Mädchen und

schenkt dem Arzt ein Lächeln.“Ich habe nicht nach

deinem Namen gefragt.“ Der Arzt schaut sie streng

über den oberen Rand seiner Brille hinweg an.

„Ich will wissen, was mit dir passiert ist.“

„Ich war draussen und dann kamen Ihre Leute und

haben mich festgenommen. Das ist passiert“, erzählt

Katy und ihr Lächeln erstirbt. „Darum geht es nicht.

Ich will wissen, was passiert ist, dass du anders bist“,

sagt er. „Wieso bin ich anders?“, will sie wissen.

„Weil du bunt bist“, erklärt der Arzt ungeduldig.

Katy schaut an sich herunter, betrachtet ihre Haut

und ihre Kleidung. „Stimmt. Ich bin bunt“, stellt sie

fest. „Und wieso bist du bunt?“, hakt der Arzt nach

und trommelt mit seinem grauen Stift auf das Blatt

Papier, das vor ihm liegt. Sie zuckt mit den Schultern.

„Weil ich eben bunt bin. Ich habe mir das nicht ausgesucht,

genau so wenig wie sie es sich ausgesucht

haben, grau zu sein.“

Das bringt den Arzt einen Moment aus dem Konzept,

aber er fängt sich schnell wieder. „Grau ist gut.

13


Anders

© Theresbeautyineverything (2002)

Grau bedeutet Einigkeit. Und diese Einigkeit

zerstörst du.“

„Wie denn das? Es war nie meine Absicht, ihre

Einigkeit zu zerstören“, widerspricht sie.

„Du zerstörst sie, indem du bunt bist. Bunt ist

falsch.“

„Wieso ist bunt falsch? Vielleicht ist ja grau falsch.“

Der Arzt zögert. „Weil alle Menschen grau sind“,

sagt er dann.

„Vielleicht sind ja alle Menschen falsch“, sagt sie.

Anders https://www.schreibdichfrei.net/texte/text/2960

Er sagt nichts mehr, sondern schaut sich im Zimmer

um. Alles grau, schwarz und weiss. Bis auf den Tisch,

auf den Katy eine Hand gelegt hat. An der Stelle, an

der ihre Hand liegt, ist er nicht mehr grau, sondern

braun. Das Braun breitet sich langsam aus, bis es

den ganzen Tisch einnimmt.

Katy lächelt. „Sehen Sie?“ Sie verlässt das Zimmer.

Der Arzt versucht nicht, sie aufzuhalten.

Er bleibt einfach auf seinem Stuhl

sitzen und betrachtet den

Tisch.

14


Anders

© Theresbeautyineverything (2002)

15


WEGEN

DIR

veröffentlicht 23. Oktober 2017


Wegen dir

© m?s??r? (2003)*

*„Life is hard, but I‘m stronger“ ist ihr Motto

und dank Kunst und Schreiben kommt sie gut

mit diesem Leben klar.

Wegen dir www.schreibdichfrei.net/texte/text/3313

Ich wäre gerne gegangen, aber ich ging nicht.

Ich wäre echt gern normal angeschaut geworden,

aber ich lies es über mich ergehen.

Ich hätte mein normales Leben weiterführen

können, aber ich machte es nicht.

Ich hätte keine Sprüche einstecken müssen,

aber ich tat es.

Ich hätte immer das brave Mädchen bleiben können,

aber ich änderte mich.

Ich hätte alle Erwartungen erfüllen können,

aber dass tat ich nicht.

Ich hätte mich an die Regeln halten sollen,

aber ich brach sie.

Ich hätte all das tun können,

aber ich tat es nicht.

Wegen dir.

Du bist der Grund, warum mich Nachts die

Sehnsucht quält, und am Tag die Schuldgefühle.

Du bist der Grund, warum ich Tränen weine.

Aus Rührung und aus Kummer.

Du bist der Grund, warum ich alles vergesse,

und mich dann Frage ‚Will ich das überhaupt?‘

Du bist der Grund, dass ich es ignoriere wenn

jemand sagt; Das bist nicht du,

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Wegen dir

© m?s??r? (2003)

um mir danach den Kopf zu zerbrechen.

Du bist der Grund, warum ich mich selbst sein kann,

um mich danach nicht wieder zu erkennen.

Du bist der Grund, warum ich mich Verändere,

um mich nach dem Vergangenem zu sehnen.

Du bist der Grund, warum ich glücklich bin.

Du bist der Grund, warum ich traurig bin.

Du bist der Grund, warum ich lebe.

Wegen dir www.schreibdichfrei.net/texte/text/3313

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Wegen dir

© m?s??r? (2003)

Wegen dir www.schreibdichfrei.net/texte/text/3313

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LIEBE

AUS

ZWEI

WELTEN

veröffentlicht 17. Januar 2017


Liebe aus zwei Welten

© Eywlïnn (1994)*

*schreibt, weil es ein Weg ist, innere Realitäten

freizugeben und Wirklichkeit werden zu lassen.

Liebe aus zwei Welten www.schreibdichfrei.net/texte/text/3080

Es ist als wäre ich von der Sonne

- oder vom Mond, wer weiss -

und du von den Sternen

und so als träfen wir uns auf der Erde

einem Ort für keinen von uns.

Gemeinsam aber haben wir die Kraft die

Grenzen von Welten zu sprengen und endlich

nach Hause zurückzukehren.

Doch wir könnten weder zu dir noch zu mir

denn der eine bliebe auf immer fremd und rastlos

während der andere sich in Geborgenheit verlöre

und unsere Besonderheit nähme ein Ende

und unsere Vertrautheit löste sich auf.

Wo also finden wir Frieden

wohin - sag mir -

kehren wir heim?

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SIE

veröffentlicht 10. Dezember 2016


Sie

© Starlight (2003)*

*hat dieses Gedicht spontan niedergeschrieben –

und freut sich, wenn die Leser von der Auflösung

überrascht werden.

Sie www.schreibdichfrei.net/texte/text/3048

Sie erwacht.

Langsam, ganz langsam,

zeigt sie sich der Welt.

Sie ist anders. Sie ist einsam.

Sie ist besonders.

Menschen zeigten mit dem Finger auf sie.

Pflanzen lachen.

Tiere starren.

Kinder staunen.

Erwachsene forschen.

Sie ist da.

Und auch nicht.

Sie wird bemerkt.

Und kaum beachtet.

Manchmal schafft es jemand näher heran.

Doch alle halten Abstand.

Sie ist zu anders.

Zu einsam.

Zu besonders.

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Sie

© Starlight (2003)

Sie dreht ihre Runden.

Tag für Tag.

Und sieht so viel.

Liebe.

Verrat.

Frieden.

Kriege.

Gutes und Schlechtes.

Sie selbst wird jedoch kaum gesehen.

Und doch braucht man sie.

Ohne sie gäbe es kein Leben.

Keine Menschen.

Keine Pflanzen.

Tiere.

Kinder.

Erwachsene.

Sie www.schreibdichfrei.net/texte/text/3048

Ohne sie existiere keine Welt.

Universen.

Deshalb bleibt sie.

Vorerst.

Und schickt ihre Sonnenstrahlen zur Erde.

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AND

ERS

SEIN

veröffentlicht 28. Dezember 2016


Anders sein

© Theresbeautyineverything (2002)*

*wird von anderen Leuten als nett oder ein wenig

seltsam/verrückt beschreiben - je nachdem, wie

gut sie sie kennen.

Anders sein www.schreibdichfrei.net/texte/text/3055

Anders sein ist gut

Doch bist du nicht wie alle anderen,

ist hier keinen Platz für dich.

Anders sein ist gut

So lange du perfekt bist

So lange du ins Puzzle passt

So lange du das Bild nicht störst,

Das Bild unserer perfekten Welt,

So lange wie du gleich bist,

Darfst du anders sein

Denn wir feiern dich,

Wenn du anders bist

Schreiben Lieder darüber,

Anders zu sein

Schreiben Bücher darüber,

Anders zu sein

Doch wir selbst,

Bleiben unter unseresgleichen

Doch natürlich darfst du anders sein

So lange du bist wie wir

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MEIN

HASE

HAMS

TER

veröffentlicht 13. Juli 2017


Mein Hase Hamster

© Lissan (1998)*

*freut sich über den Austausch auf schreibdichfrei.net. Denn dank diesem

kann man sich weiterentwickeln, findet sie. Der Beitrag ist an der Sommerakademie,

einem Kongress für Kinder- und Jugendförderung, entstanden.

Das Thema der Tagung war ebenfalls Fremdkörper.

Mein Hase Hamster www.infoklick.ch/sommerakademie/sommerakademie-2017/berichterstattung/hamsterhase

Mein Hase heisst Hamster“, erkläre ich

meinem Grossvater. „So so“, meint er und

denkt wahrscheinlich, dass ich nun endgültig

reif für die Psychiatrie bin.

Einmal, als er ein Wochenende auf mich aufpassen

sollte, ging er mit mir, anstatt wie versprochen

in den Zirkus, in eine Psychische Anstalt. Ich

hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank, tadelte er

mich, da ich eine Sonne mit Sonnenbrille malte. Ich

verstand ihn nicht. Ich musste ja auch eine Sonnenbrille

tragen, wieso also nicht auch die Sonne. Und

sowieso, was meint er mit diesen Tassen? Ich hatte

gar keine Tassen, da ich weder Tee, noch Kaffee und

schon gar keine heisse Milch mochte, antwortete ich

ihm verwirrt. Daraufhin packte er mich erzürnt an

meinem rechten Arm. Ich kreischte auf, denn er tat

mir weh. Doch umso mehr und lauter ich kreischte,

umso entschlossener war er, dass ich einen „Ecken

ab“ hatte.

Ich war heiser, als wir in dieses komische, friedlich

aussehende Haus eintraten. Deshalb war ich leider

nicht in der Lage, mich mündlich zu verteidigen.

Das machte die ganze Situation nur noch schlimmer.

Die freundliche Empfangsdame verstand mich

aber trotzdem. Mein Grossvater und ich wurden

getrennt, während meine Eltern informiert wurden

und mich bald darauf wieder abholten.

29


Mein Hase Hamster

© Lissan (1998)

Seither habe ich grossen Respekt vor Ausflügen. Ich

traue mich nicht mehr immer, meine Meinung kund

zu tun. Na ja, es war eine ungewöhnliche Erfahrung,

welche aber trotzdem zu meinem Leben gehört.

„Ja, Grossvater, mein Hase heisst H-A-M-S-T-E-R“,

wiederhole ich. Obwohl er es immer noch nicht zu

begreifen scheint, mag ich ihn. Er ist ja schliesslich

mein Grossvater… und ich bin vielleicht auch nicht

immer ganz so pflegeleicht.

Mein Hase Hamster www.infoklick.ch/sommerakademie/sommerakademie-2017/berichterstattung/hamsterhase

30


Mein Hase Hamster

© Lissan (1998)


DIE

BEDEUTUNG

DES

WORTES

ALLEINE...

veröffentlicht 6. Oktober 2014


Die Bedeutung des Wortes ALLEINE...

© jana biancowich (2003)*

*hat hier ihre Definition vom Alleinsein in Worte gefasst

und viele Leser mit ihrem Text berührt.

Die Bedeutung des Wortes ALLEINE... www.schreibdichfrei.net/texte/text/2209

Ich wache auf, ist alles nur ein Traum?

In meinem Kopf herrscht Leere,

wie ein weisser, kahler, fensterloser Raum...

Wie würdest du dich fühlen?

Sag, bin ich denn verrückt?

Die Wahrheit ist erdrückend,

dass ich jetzt nicht tot bin,

ist dass denn nur Glück?

Oder bin ich schon im Himmel...?

Der Boden, er ist grünlich,

doch ist es doch kein Schimmel...

Ich bin verlassen,

niemand ausser mir ist da.

Kein Tier, kein Baum, kein Mensch.

Ein Traum?

Das kann ich mir nicht vorstellen,

ich wünsche es so sehr,

dass ich aufwach und im Bett bin:

Wer würde mit mir tauschen.........?

Niemand, weil ich ja alleine bin......

33


AN

SICHTS

SACHE

veröffentlicht 2. Oktober 2016


Ansichtssache

© welcome home (1998)*

* liest und schreibt leidenschaftlich seit sie klein ist und

zählt Sigmund Freud zu ihren Lieblingsautoren.

Ansichtssache www.schreibdichfrei.net/texte/text/2976

Iiihh, die ist ja voll hässlich!“ sagte sie und

berührte angewidert die Spitze eines Blattes.

Ich sah sie verwundert an. Das Exemplar, welches vor ihr

stand, war nämlich eines der schönsten im ganzen Sortiment.

Missmutig drehte meine Schwester die Orchidee.

Sie hatte wunderschöne, starke Blätter und tolle, ineinander

verschlungene Blütenrispen. Es dauert ewig, bis die

einzelnen Triebe in die gewünschte Richtung wachsen

und es gelingt nur mit viel Liebe und Aufmerksamkeit.

Die meine Schwester nicht zu schätzen weiss. Vielleicht,

weil sie einfach keine Ahnung hat, was für eine Herausforderung

dieses Kunstwerk mit sich bringt.

Schon klar. Die Orchidee ist anders. Sie ist nicht wie die

anderen. Irgendjemand sah in ihr grosses Potenzial und

hat sie zu etwas Besonderem gemacht. Aber ist es denn

etwas schlechtes, besonders, etwas anders zu sein?

Hat nicht jeder und alles dieselbe Wertschätzung von

uns verdient? Es gibt sehr viele Beispiele. Sind Menschen

mit schwarzer Haut minderwertiger als weisse

Menschen? Sind Menschen schlechter, weil sie

durch ihre Gesundheit eingeschränkt werden? Sind

Männer besser als Frauen? Durch die Klischees und

Schönheits ideale werden wir sortiert, gruppiert, in

Schubladen gesteckt. Hübsch. Hässlich.

Ist nicht jeder schön, so wie er ist? Sollte nicht jedes Lebewesen

dieser Welt genau deswegen geliebt werden?

35


EIN

SCHAT

TEN

MEINER

SELBST

veröffentlicht 13. Juli 2017


Ein Schatten meiner selbst

© Leralya (2001) *

*„we all feel a little dark sometimes“, schreibt sie in ihrem schreibdichfrei.

net-Profil. Mit dem Schreiben bringt sie Licht ins Dunkle. Der Beitrag ist an

der Sommerakademie, einem Kongress für Kinder- und Jugendförderung,

entstanden. Das Thema der Tagung war ebenfalls Fremdkörper.

Ein Schatten meiner selbst www.infoklick.ch/sommerakademie/sommerakademie-2017/berichterstattung/schatten

Hätte man mich zuvor kennengelernt, hätte

man gesagt, ich sei ein Vorzeigemädchen.

Ein kluges, wohlerzogenes Kind, das das

Leben genoss und sein Bestes gab.

Doch es hatte sich einiges verändert. Ich war kein

Kind mehr. Meine Kindheit hatte ich auf einem

harten Weg hinter mir gelassen und ich wünschte, ich

könnte die Welt wieder in einer kindlichen Naivität

strahlen sehen. Ich hätte manchmal gerne etwas

Konkretes, was ich für meinen Schmerz verantwortlich

machen könnte. Aber das Problem lag bei mir.

Ich hatte viel zu hohe Erwartungen an andere und

das Leben.

Alles hatte damit begonnen, dass ich immer eine von

vielen war. Ich war kein Einzelkind. Ich war nie die

beste Freundin. Ich war nie diejenige, die man wählen

würde.

An sich war das kein Problem. Ich lernte, mich auf

andere zu konzentrieren. Mehr zu geben als zu nehmen.

Lernte, die Gefühle anderer zu erkennen und zu verstehen.

Zudem begann ich, mich zu verschliessen und

andere nicht mit meinen Problemen zu belästigen.

Doch irgendwann wurde es mir zu viel.

Man kann sich nicht ewig um andere kümmern und

sich vor den eigenen Gefühlen verstecken.

Und so kamen all die aufgestauten Gefühle der

37


Ein Schatten meiner selbst

© Leralya (2001)

Jahre, all der zurückgesteckte Schmerz und die vergessene

Wut, und frassen mich auf, sie wollten verarbeitet

werden, aber ich konnte nicht. Ich fühlte zu

viele verschiedene Gefühle und gleichzeitig fühlte

ich mich schwach und verloren.

Und so litt mein Schlaf, meine Gedanken liessen

mich nicht entkommen und hielten mich viele

Nächte wach. Durchgehend war ich erschöpft. Doch

noch immer nutzte ich die übrige Energie für andere,

nahm mich selbst zurück und akzeptierte, dass

andere mich nie so sehr lieben würden wie ich sie.

Ich war kaputt und ich wusste selbst nicht mehr,

wie ich je wieder mehr sein sollte als ein Schatten

meiner selbst. Ich liebte andere mehr als mich

selbst, ich fürchtete mich sogar vor mir. Ich konnte

nicht mehr. Es war nichts mehr übrig.

Es hatte sich einiges verändert.

Ich war kein Kind mehr.

„There is no great secret. You endure what is

unbearable, and you bear it. That is all.“

(Cassandra Clare, Clockwork Prince)

Ein Schatten meiner selbst www.infoklick.ch/sommerakademie/sommerakademie-2017/berichterstattung/schatten

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Ein Schatten meiner selbst

© Leralya (2001)

39


REGELN

veröffentlicht 29. August 2015


Regeln

© Sophie ( 2003) *

*mag Fantasy und Tiere – und sie liest gerne.

Eigentlich ist sie ständig nur am Lesen!

Regeln www.schreibdichfrei.net/texte/text/2611

Ich hoffe, diese Regeln gefallen euch.

#1

Wenn man von Marsmenschen geschrumpft

wurde, ist es verboten durch Ravioli zu

schwimmen, da man mit einer Schlangenfrau kollidieren

könnte, worauf sie einem nicht die kalte Schulter

zeigen würde – nein, sie würde einem in eine

Zuckerdose stecken und diese verschliessen. Woraufhin

man wahrscheinlich sterben würde.

„Es ist auch verboten mit einem Saxophon Smarties

zu jagen“

„Warum?“

„Die Bäume haben nicht vergessen, dass sie, die

Ziegen und die Smarties ein Abkommen haben.

Statt knurrend an einem Diamantschleifer zu feilen,

würden sie uns den Krieg erklären.“

„Das stimmt nicht!“

„Dann geh mal mit einem Saxophon Smarties jagen.

Traust du dich?“

#2

Es ist Buchstaben verboten, in den Fluss zu

springen, wenn die Vögel grinsen. Vielmehr

sollte sich das ganze Alphabet an den Rockzipfel

des Yoghurtbechers hängen, wobei der dann einen

Beinbruch hätte, was auch nicht so toll wäre.

41


DER

ORANGE

BALL

veröffentlicht 11. April 2017


Der orange Ball

© Niki (1997) *

*versucht von jedem Text, den sie liest etwas zu lernen.

Die Idee zu diesem Text kam ihr, nachdem sie ein Video

zur Armut zu Sowjetzeiten gesehen hatte

Der orange Ball www.schreibdichfrei.net/texte/text/3158

Es war einer der härtesten Winter, die meine

Grossmutter je erlebt zu haben erzählte.

Der Schnee fiel, ohne, dass wir wussten, ob

es jemals aufhören würde.

Sämtliche Gewässer waren bis auf den Grund

eingefroren und wir mussten Eis und Schnee

auftauen, um unseren Durst zu stillen. Wenn abends

ein Brot zur Brühe auf dem Tisch lag, grenzte es an

ein Wunder.

An jenem Morgen wurde eines unserer Hühner tot

aufgefunden. Bei nächtlichen Minustemperaturen

erforen. Ein Verlust, den sich eine dürftige Bauernfamilie

nicht leisten durfte.

Es stand schlecht um uns. Besonders um Grossmutter,

die schon seit Wochen Suppe schlürfend im

Bett lag. Die Kälte ging ihr näher als dem Rest von

uns. Ich konnte damit leben. Ich musste. Schon immer

war es meine Aufgabe gewesen, die anderen vor

meine eigenen Bedürfnisse zu stellen, und das war

eine Sache, in der ich gut geworden war. Ich lebte, um

sie am Leben zu halten.

Es war ein Tag vor Neujahr. Seit Wochen hatte ich auf

diesen Tag hingearbeitet, geschuftet, gerackert, von

Sonnenaufgang bis weit nach Sonnenuntergang.

Ich war auf den Beinen, wenn der Rest meiner nicht

gerade kleinen Familie noch in tiefem Schlaf lag.

43


Der orange Ball

© Niki (1997)

Doch gerade diese Leute waren es, die mich am

Laufen hielten. Wenigstens in dieser einen Nacht

sollten sie glücklich sein. Dafür wollte ich sorgen.

Als ich an diesem Morgen das tote Huhn hinter dem

Haus im Schnee vergrub, hätte ich jeden ausgelacht,

der behauptet hätte, dass dieses Neujahr tatsächlich

ein besonderes werden würde.

Dicke Flocken fielen vom Himmel und ich glaubte,

die riesigen Schneeberge wachsen sehen zu

können. Bald würde keiner mehr wissen, wo das

Huhn vergraben lag. Zu meinen Füssen, dessen

war ich mir sicher, lag mein einstiger Garten.

Weh mütig dachte ich an all die Gemüse von satten

Farben, die ich mit jahrelanger Sorgfalt und Fürsorglichkeit

gross gezogen hatte. Jetzt lagen sie

tief unter dem Schnee, begraben und erdrückt

von einer schweren, eiskalten Masse. Ein bisschen

wie meine Hoffnung.

Der orange Ball www.schreibdichfrei.net/texte/text/3158

Ein leises dumpfes Geräusch, wie der Aufprall eines

hohlen Gegenstandes, war es, das mich aus meinen

Gedanken zurück in die Realität holte. Es schien

aus der Richtung gekommen zu sein, in der sich die

Küche befand. Leise, kaum vernehmbar, aber laut

genug, um meine Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Ich watete zurück zum Haus, tiefe Stapfen hinterlassend.

Schnee drang von oben in meine Stiefel,

schob sich unter den Saum meiner Hose und ver­

44


Der orange Ball

© Niki (1997)

Der orange Ball www.schreibdichfrei.net/texte/text/3158

wandelte sich in kaltes Wasser. Ich fluchte. In meinem

Schuh war es ein schlechter Durstlöscher.

Die Küchentür stand offen. Ein kalter Luftzug strich

an mir vorbei und brachte die Tür zum schwanken.

Einzelne Schneeflocken gelangten in den Innenraum

und schmolzen dahin, als sie den Boden

berührten. Ich zog meine Stiefel aus und liess sie

am Eingang stehen.

Ich blickte mich um. Nichts Ausserordentliches war

auszumachen. Alles schien an seinem gewöhnlichen

Platz zu sein.

Fast.

Erst beim zweiten Blick durch die Küche war es mir

aufgefallen. Wie konnte ich so etwas Markantes

übersehen? Die satte orange Farbe stand in starkem

Gegensatz zu dem traurigen Grau der Kücheneinrichtung.

Ich wusste weder, worum es sich bei dem

ballförmigen Ding handelte, welches ganz einsam

in der Mitte des alten Holztisches lag, noch wie es

dorthin gekommen war. Nie zuvor hatte ich etwas

der artiges gesehen.

45


VIO

LINIS

TEN

veröffentlicht 13. Juli 2017

46


Violinisten

© Morgennebel (2002)*

*ist eine kritische Leserin – auch bei ihren eigenen

Texten. Der Beitrag ist an der Sommerakademie, einem

Kongress für Kinder- und Jugendförderung, entstanden.

Das Thema der Tagung war ebenfalls Fremdkörper.

Violinisten www.infoklick.ch/sommerakademie/sommerakademie-2017/berichterstattung/violinisten

Die Wolkendecke, die dem Himmel jegliche

hypothetische Weite nahm, war durchbrochen

von vereinzelten Sonnenstrahlen.

Golden malten sie auf die farblosen Fassaden

der Häuser, auf den grauen Asphalt.

In einem Gleichschritt bewegten sich die Menschen

durch die Strassen, stets einer Richtung, einem

Weg folgend. Gezielt bahnten sie sich ihre Pfade, doch

hatten sie kein Ziel. Leute waren verschieden, hatten

unterschiedliche Gesichter, die Gestalt in uneinheitlicher

Kleidung eingehüllt. Auch wenn Menschen

noch so individuell erschienen, ein einziger ging

unter. Wir waren eine Ansammlung, ein Haufen. Vielleicht

war dies die Ursache, weswegen sich jene Masse

als Menschheit bezeichnete. Die gegenwärtigen Generationen

erweckten den Anschein, abwesend zu sein,

unterlagen diesem einförmigen Ablauf. Es waren Marionetten,

gelenkt durch ein geistloses Bewusstsein.

Der Himmel spuckte verächtlich schwere Regentropfen

aus. Sie klopften in einem unregelmässigen

Rhythmus auf den Asphalt, als würden sie die Geräusche

der lärmenden Mengen zu einer Melodie

verhelfen wollen. Die Gesellschaft war eine Welle,

die sich vorwärtsbewegte, doch nicht das Wasser,

das stillstand und aus dem die Menschheit bestand.

Selbstvergessen schwamm ich durch die graue

Flüssigkeit, mein innerer Stillstand schien mich

auszulachen.

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Violinisten

© Morgennebel (2002)

Melodiefetzen schienen sich in meinem Kopf wie

Zecken festgesogen zu haben, unerbittlich führten

sie ihren Kampf gegen das Dröhnen der Stadt. Es

waren seine Klänge gewesen, die von einer solchen

Leuchtkraft gewesen waren, dass ich nur mit geschlossenen

Augen zuhören gekonnt hatte. Die

Kreutzer-Sonate war nicht länger das Werk Beethovens

gewesen, seine Interpretation war von einer

Unbändigkeit eines Sturms gewesen. Der Spielstil,

die Aura war der Inbegriff von «polychrom» gewesen.

Wir hätten verschiedener nicht sein können.

Nahezu unwillkürlich griff ich in meine Tasche,

hielt die Rangliste des Wettbewerbes in der klammen

Hand. Die drei Erstplatzierten wie gewohnt

– doch durchlief mich die Erleichterung abermals,

die Vorrunden für mich entschieden zu haben. Das

schwarz-weisse Blatt befreite sich von meinem

Griff, schwebte einen Moment lang in der erdrückenden

Luft, bis die Pfeile des Regens es durchbohrte und

am Boden festnagelte.

Lückenlos wurde von Farben erzählt, wobei ironischerweise

ausschliesslich die Monotonie des

schwarz-weissen Farbspektrums und Schatten von

Bedeutung waren. Wie dieses leblose Papier, das auf

dem mittlerweile nassen Asphalt lag. Er war von

einer fahlgrauen Tönung, die Gebäude, an denen ich

nun vorbeizog, wirkten eisern, nur dunkle Kleidung

wurde getragen. Schlichtweg einfältig, und fast ausnahmslos

jeder folgte dieser Eintönigkeit. Im Mantel

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Violinisten

© Morgennebel (2002)

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der Dunkelheit, der sich langsam um die Stadt legte,

zuckten die Lichter der Autos, der Bahnen über mein

Gesichtsfeld, tanzten zu einer nicht vernehmbaren

Melodie. Schriftzüge verschiedenster Geschäfte

kämpften sich mit ihren grellen Strahlen durch

die schwarze Dunkelheit, doch hatte die lächerlich

kleine Lichtflut in keiner Weise die Kraft, die Finsternis

abzuwürgen.

Der Kasten lastete schwer auf meinem schmalen

Rücken, ich spürte die neugierigen Blicke der Passanten,

manche schienen mich zu erkennen. Meine

Finger zogen rasch die ebenso phantomgraue Kapuze

über den gesenkten Kopf, doch pendelten bereits

Gesprächsfetzen über das «menschliche Metronom»

zu mir herüber. Doch der Sturm eines Violinisten

hatte mich vermutlich übersehen, so sehr hatte ich

der Monotonie geglichen. Die Farblosigkeit hatte

sich in meinem ausdruckslosen Gesicht fortgesetzt.

Emotionslos wie eine Glasfront. Ich wäre einer Puppe

keine schwache Konkurrenz gewesen. Mein Spielstil

war ebenso das vermutlich genaue Gegenteil.

Akkurat. Genau. Fehlerfrei. So, wie es in den Noten

steht. Und doch leblos. Unsere Persönlichkeiten

hätten sich hassen müssen.

Dennoch, ich wollte ihn erneut hören. Schillernde

Kontraste waren beim Spiel um ihn gewabert, hatten

sein Herz voller Kraft erfüllt. Malerisch hatten sich

die Farben stets neu vermengt, hatten jegliche

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Violinisten

© Morgennebel (2002)

Arten von Kombinationen erschaffen. Sie hatten

sich spielerisch um den Körper gewunden, waren als

Feuerzungen aufgeflammt. Erfüllt von einer unendlichen

Energie waren sie zu keiner Zeit erloschen.

Seine Musik hatte den Saal mit Farben ausgemalt.

Meine Schritte verlangsamten sich. Stellten das

Laufen in der Unterführung des riesigen Bahnhofes

schliesslich ganzheitlich ein. Die Nacht war eine

Zeitspanne, in der ich mich isoliert fühlte, ich mich

freier bewegen konnte als tagsüber, auch wenn die

Menschen momentan noch von einer wahnsinnig

hohen Zahl waren. Der Carbon-Kasten glitt zu

Boden, ich liess ihn liegen. Bei Musikwettbewerben

ging es ausschliesslich darum, so perfekt zu

spielen wie möglich. Gefühle aussen vorgelassen,

sobald sie die Spielgenauigkeit beeinflussten. Was

die exakte Definition meines Stiles darstellte. Doch

die Musik konnte Worte transzendieren, durch sie

konnten Musiker sich kennenlernen, sich verstehen.

Als wären ihre Seelen miteinander verbunden,

ihre Herzen überlappend. Es war eine Konversation

durch Instrumente, ein Wunder, welches Harmonie

kreierte.

Ohne Leidenschaft zu spielen war ein weitaus grösserer

Fehler, als ein nach Noten perfektes Spiel, so

wie sie es uns eintrichtert hatten. Und so lange ich

eine Chance hatte zu spielen sowie auch nur ein

einzelner Mensch zuhört, würde ich mit allem, was

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Violinisten

© Morgennebel (2002)

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ich besass, vortragen. So, dass die Leute, die mich

hörten, mich nie vergassen. So, dass ich für immer

in ihren Herzen leben konnte. So wie er den einzigen

Weg eines Violinisten gewählt hatte, mit einer

unfreien Welt umzugehen. Absolut frei zu werden,

Farbkleckser in einer farblosen Welt zu verteilen.

Die einzige Art, wie Musiker in ihrer eigenen

Existenz dagegen rebellieren konnten.

Ich nahm meine Geige aus dem Kasten.

Ich spielte.

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FREMD

KÖRPER

UND

MINDER

HEITEN IN

DER

SCHWEIZ

GEDANKEN

veröffentlicht 13. Juli 2017


Fremdkörper und Minderheiten in der Schweiz – Gedanken

© Lissan (1998) *

* hat an der Sommerakademie, einem Kongress für Kinder- und Jugendförderung,

in der Redaktion mitgewirkt. Das Thema der Tagung war Fremdkörper. Das Eröffnungsreferat

des Politikwissenschaftlers Prof. em. Dr. Iwan Rickenbacher hat sie zum

Nachdenken angeregt. In dem Beitrag hat sie ihre Gedanken zusammengefasst.

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sommerakademie/sommerakademie-2017/berichterstattung/gedanken-zum-montag

Schweiz, das Land der Minderheiten, in dem

jeder auf seine eigene Art leben darf. Dies ist

eine Bereicherung für die gesamte Bevölkerung.

Doch werden wirklich alle Minderheiten

gefördert oder zumindest akzeptiert?

Und darf beziehungsweise kann jeder so leben wie

es ihm oder ihr von der Art und Weise her entspricht?

Wie sieht es beispielsweise mit behinderten

oder kranken Personen aus? Werden sie akzeptiert

und in ihren Belangen gestärkt und gefördert?

Schon früher war es so, dass es viele Vorurteile gab.

Nicht zuletzt davon betroffen waren Juden, Zigeuner,

Arme, Leprakranke und auch Spielleute. Dabei wurden

sehr oft Einzelfälle verallgemeinert, zugespitzt

und vereinfacht. Man suchte regelrecht nach Sündenböcken

für die Probleme der Bevölkerung. Die Betroffenen

wurden oft gekennzeichnet und ihnen wurde

der Zugang zu gewissen Orten verwehrt. Dies ist heute

leider nicht viel anders. Zwar werden die Personengruppen

nicht mehr konkret gekennzeichnet, jedoch

werden sie trotzdem von vielen als Fremdkörper

wahrgenommen und oftmals in Frage gestellt.

Hat ein behindertes, krankes Kind ein Recht auf

Leben? Eine Frage, welche oft für Aufsehen sorgt.

Diese Kinder verursachen hohe Kosten und werden

oftmals ausgegrenzt. Doch hat man deswegen das

Recht, Leben stark zu beeinträchtigen oder gar

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Fremdkörper und Minderheiten in der Schweiz – Gedanken

© Lissan (1998)

durch Abtreibung zu beenden? Ich denke nicht. Die

Ausgrenzungen sind vermeidbar. Zudem verschwinden

sie mit der Zeit, wie dies zum Beispiel bei der

religiösen Zugehörigkeit von Katholiken und Reformierten

der Fall ist. Man kann auch etwas gegen

Ausgrenzung unternehmen und diese minimieren.

Es ist nicht genetisch veranlagt, was wir als Fremdkörper

wahrnehmen.

Wir lernen es von der Umgebung, in der wir aufwachsen

und durch unsere eigenen Erfahrungen, welche

wir im Verlaufe des Lebens machen. Dadurch hat

jeder eine individuelle Vorstellung eines Fremdkörpers.

Deshalb ist es meiner Meinung nach wichtig,

dass wir der heutigen Jugend den korrekten Umgang

mit Fremdkörpern und Anders artigkeit beibringen.

Dies ist beispielsweise möglich durch die Sensibilisierung

im Klassenzimmer oder auch ausserhalb

der Schule in Jugendtreffs oder Vereinen.

Das Problem des Fremdkörpers ist kein neues

Phänomen. Neu ist nur die Globalisierung, beispielsweise

durch die sozialen Medien, und dass die

Probleme dadurch nicht bloss in der Schweiz gelöst

werden können. Dies überfordert schnell, doch es

gibt immer einen Weg zu einer allfälligen Lösung.

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Fremdkörper und Minderheiten in der Schweiz – Gedanken

© Lissan (1998)

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FRIEDEN –

MEINE

FLUCHT

veröffentlicht 13. April 2016


Frieden – Meine Flucht

© BurnigTree (2001)*

*wollte eigentlich nur kurze Texte auf schreibdichfrei.net veröffentlichen –

„Frieden“ ist dann doch etwas länger geworden. Zum Glück!

Frieden – Meine Flucht www.schreibdichfrei.net/texte/text/2847

Es wird dunkel. Kein Licht dringt durch die

kalte Luft bis hier herüber. Alles ist still. Ich

bin alleine. Es ist der perfekte Ort zum nachdenken.

Nachdenken über die Vergangenheit,

darüber was damals geschah.

Ich sehe es wieder vor mir, mein altes Leben. Stelle

mir vor wie es früher war, wie es aussah, bevor alles

begann. Bevor der Krieg begann. Als noch Frieden

herrschte. Frieden. Lange fragte ich mich was das

eigentlich ist. Doch mehr als das es allgemein oft

einfach mit der Abwesenheit von Krieg und Gewalt

in Verbindung gebracht wird und für unterschiedlichste

Menschen unterschiedlichste Bedeutungen

hat, habe ich nicht herausfinden können. Ich denke,

für manche Menschen ist Frieden einfach wenn ausnahmsweise

mal keine Bombe neben ihrem Haus einschlägt,

für andere wiederum, dass es keinen Streit

gibt, die nächsten haben wieder eine andere Meinung.

Manchmal glaube ich, man könnte schon fast einen

Krieg beginnen, weil man sich über die Definition von

Frieden streitet. Doch ich bin froh über den Frieden,

mehr als nur froh. Oder besser gesagt ich wäre es,

wenn denn Frieden herrschen würde. Doch das tut es

nicht. Nicht überall auf der Welt, nicht Zuhause, dort

nicht. Meine Geschichte, die Geschichte wie ich hierher

kam, beginnt, sie beginnt zu einer anderen Zeit,

an einem Ort der so anders war wie der hier.

Sie beginnt...

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Frieden – Meine Flucht

© BurnigTree (2001)

Ich war glücklich, hatte noch Wünsche, Wünsche

die so viel anders waren als jetzt, ich war jung,

unerfahren, wahrscheinlich nahm es mich deshalb

so mit. Ich hätte nie gedacht, dass ich so schnell aufgeben

würde, aber es wurde mir einfach zu viel, ich

konnte einfach nicht mehr. Konnte das nicht mehr.

Konnte nicht mehr hierbleiben. Hier im Krieg, in der

Zerstörung, in der Ungewissheit wie es weitergehen

sollte, der Ungewissheit wann und wie ich sterben

würde, denn davon war ich überzeugt, ich hatte die

Hoffnung aufgegeben, hoffte nicht mehr, dass das

hier irgendwann enden würde, hoffte nicht mehr auf

eine erfolgreiche Zukunft, hoffte nicht mehr jemals

wieder glücklich zu sein, ich hoffte gar nichts mehr.

Ich hatte die Hoffnung verloren als ich dem Tod das

erste mal in die Augen blickte. Seit dem habe ich

oft das Leid gesehen, dass der Tod mit sich bringt.

Es selbst gespürt. So etwas vergisst man nicht, nie

wieder werde ich das vergessen können. So etwas zu

begreifen ist schwer, doch zu verstehen ist beinahe

unmöglich. Immer wieder fragte ich mich warum

das alles hier geschieht, fragte mich was das bringen

sollte, suchte nach einem Grund, doch mit der

Zeit ist mir klar geworden, das ich vergeblich suchte,

ich würde nichts finden. Doch nach noch etwas

suchte ich, nach der Sicherheit. Doch in einem Land

voller Gefahren und Gewalt ist es schwer, nahezu

unmöglich, sie zu finden. Doch ich wollte es schaffen.

Nicht die Gewalt zu besiegen und den Krieg

zu beenden, nein das wollte ich nicht, oder besser

Frieden – Meine Flucht www.schreibdichfrei.net/texte/text/2847

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Frieden – Meine Flucht

© BurnigTree (2001)

Frieden – Meine Flucht www.schreibdichfrei.net/texte/text/2847

gesagt, ich konnte es nicht. Ich wollte es schon, doch

mir war klar, dass ich das nicht schaffen konnte. Ich

wollte überleben, dass war es, was ich wollte, mehr

nicht. Also tat ich das einzig Sinnvolle. Ich ging,

floh, verließ meine Heimat, rannte davon, vor den

Problemen, aber auch vor dem Tod, meinem Tod.

Und langsam schöpfte ich neue Hoffnung. Sie brachte

mich dazu weiter zu machen, weiter zu gehen.

Ich war mir wieder sicher, ich wollte einfach nur

ankommen, egal wo. Der Weg war schwer. Verlangte

mir viel ab. Doch ich gab nicht auf. Ich hatte wieder

neue Hoffnung, ich war stark.

Und ich kam an. Kam an, an einem Ziel. Und doch

war es nicht mein Ziel. Es war so anders als ich es

mir vorgestellt hatte. Neuartig, fremd, ungewohnt,

seltsam und einfach komplett anders als ich es

erwartet hatte. Ob besser oder schlechter kann ich

nicht sagen, ich weiß nur, dass es so ist, anders. Am

Anfang war es schwer, schwer sich an alles zu gewöhnen,

schwer mit der Situation klar zu kommen,

schwer alles zu verstehen. Doch ich hatte mir vorgenommen,

stark zu sein. Ich wollte es schaffen. Also

lernte ich, gab mir Mühe, alles zu begreifen, mit der

neuen Situation klar zu kommen. Und ich schaffte

es, passte mich an, wurde akzeptiert.

So verging die Zeit. Es war eine lange Zeit. Doch

irgendwann, nach etlichen Jahren die ich hier verbracht

hatte, hielt ich es nicht mehr aus. Es hieß

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Frieden – Meine Flucht

© BurnigTree (2001)

schon lange, dass zuhause wieder Frieden war.

Ich konnte es mir nicht vorstellen. Nach dem was

ich dort gesehen hatte hielt ich Frieden, richtigen

Frieden, für unmöglich. Doch meine Neugierde und

vor allem die Möglichkeit und der große Wunsch

wieder zurückkehren zu können brachten mich

dazu, es zu versuchen.

Ich wollte wieder nach Hause.

Illa al bayd.

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Frieden – Meine Flucht

© BurnigTree (2001)

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Impressum

Copyright © 2017

schreibdichfrei.net ist ein Projekt von infoklick.ch,

Kinder- und Jugendförderung Schweiz.

Die Urheberrechte der Texte liegen bei den

jungen Autorinnen und Autoren.

www.schreibdichfrei.net

Layout / Illustration: Lorena Addotto


schreibdichfrei.net ist seit April 2012 online.

Seither loggten sich unzählige Jugendliche und junge

Erwachsene ein, publizierten ihre Gedanken und Geschichten

und tauschten sich aus. Freundschaften entstanden.

Regelmässig werden nun Teams von jungen Autoren

durchs Textarchiv stöbern und „Schätze“ ausgraben.

Diese werden dann als Magazin veröffentlicht.

Kuratiert wurde das zweite schreibdichfrei- Magazin

von Lissan und welcome home, die selber auch

Autorinnen sind auf der Plattform.

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