Asja Bonitz: Lilly, die Lesemaus

editionpastorplatz

Wenn Lilly doch bloß schon lesen könnte! Dann wären Mama und Papa ganz stolz auf sie. Und sie dürfte endlich auch ein Haustier haben. So wie ihre Schwester Nele. Die ist längst eine richtige Leseratte. Obwohl Lesen gar nicht so einfach ist. Doch Lilly hat einen Plan. Und dafür muss sie nur ein klitzekleines bisschen flunkern.
Ein Erstlesebuch für Kinder ab 6 Jahren.

mit Illustrationen

von Mele Brink

EDITION PASTORPLATZ

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Asja Bonitz

Lilly,

Lese

die Lügenmaus

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Asja Bonitz

Lilly,

Lese

die Lügenmaus

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Lilly

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Nele


Lilly und Nele

Nele, Nele. Immer soll sich Lilly ihre

große Schwester zum Vorbild nehmen. Doch

es ist nicht nur das, was Lilly an Nele stört.

Die Wahrheit ist nämlich: Nele kann wirklich

alles ein bisschen besser als Lilly. Zum

Beispiel malen. Und rechnen. Und natürlich

lesen. Nur im Radfahren, da ist eindeutig Lilly

die Bessere. Im letzten Sommer haben Lilly

und Nele gemeinsam Radfahren gelernt.

Sie waren in den großen Ferien auf dem

Bauernhof von Oma Maria. Die Oma hatte im

Dorf zwei Kinderfahrräder ausgeliehen. Lilly

schwang sich in den Sattel und düste sofort

los. Nele aber brauchte lange, bis sie endlich

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zaghaft in die Pedale trat. Sie hatte Angst, so

weit vom Boden weg zu sein.

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Wie jeden Samstagvormittag sitzen Lilly

und Nele auch heute mit ihren Eltern im

Wohnzimmer. Lilly spielt mit ihren Lego-

Steinen und Nele liest den Eltern vor. Sie liest

laut aus dem Buch vom kleinen Känguru.

Lilly baut ein Haus mit einem Zaun drum

herum. Sie tut so, als sei sie

ganz ins Spiel vertieft. Aber

der Zaun wird und wird

nicht fertig. Das liegt daran,

dass Lilly nicht nur baut,

sondern auch Neles

Worten lauscht. Es

klingt schön, wie Nele

liest. Sie spricht


langsamer als Mama. Wenn die abends

vorliest, klingt sie nicht so vorsichtig wie

Nele jetzt. Aber Nele ist auch gut. Sie macht

fast keine Fehler. Während Nele liest, faltet

Papa seine Zeitung zusammen. Er legt sie

neben sich auf die Sessellehne und hört Nele

andächtig zu. Als sie mit dem ersten Kapitel

fertig ist, sagt er: „Sehr gut liest du das.“ Er

wuschelt Nele kurz durch die Haare.

„Ja, wunderbar“, ergänzt Mama.

Sie lacht und gibt Nele einen Kuss.

Lilly hat genug davon, den

Eltern beim Loben zuzuhören.

Immer wird nur

Nele gelobt!

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Lilly steht auf und

stampft kurz mit dem Fuß

auf. Aber bei Leitholds

im Wohnzimmer liegt auf

dem Fußboden ein dicker,

weicher Teppich. Da bleibt

der wütende Stampfer

ungehört.

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Lilly lässt das Legohaus und den

halbfertigen Zaun zurück und läuft in ihr

Zimmer. Sie schließt die Tür hinter sich.

Was nun? Lilly fängt an, die Bücher aus

dem Regal zu räumen. Später kann sie sie

ja wieder einsortieren. Eigentlich hasst sie

Aufräumen. Aber das Sortieren der Bücher

ist mehr wie ein Spiel. Sie liebt es, die Bücher

nach ihren Farben zu ordnen. Oder nach


ihrer Größe. Einmal hat sie sogar versucht,

die Bücher von leicht nach schwer zu

sortieren. Die dünnen, leichten nach oben,

die dicken mit den vielen Seiten nach unten.

Aber die meisten Bücher waren genau

mittelschwer. Deshalb hat das nicht so gut

geklappt wie gedacht.

Lilly hat schon fast so viele Bücher wie

Nele. Und die ist immerhin über ein Jahr älter

als Lilly. Lilly findet Bücher einfach toll. Ihr

gefallen die schönen bunten

Umschläge. Sie hört gerne

das geheimnisvolle

Rascheln der Seiten.

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Und vor allem liebt sie die unzähligen

Geschichten, die in den Büchern wohnen.

Sie kann ein Buch auch zwanzig Mal

vorgelesen bekommen, ohne dass es

ihr langweilig wird. Lilly findet Bücher

spannender als jedes andere Spielzeug.

Außerdem hat sie schon gemerkt, dass die

Erwachsenen Lesen wichtig finden. Papa

setzt dafür extra eine Brille auf. Und zu jedem

Geschenkefest dürfen sich Lilly und Nele

jeweils ein neues Buch wünschen.


Wie gerne würde Lilly schon selber

lesen können! So wie Nele. Sie stellt es sich

wunderbar vor, wenn die Buchstaben vor

ihren Augen plötzlich zu tanzen beginnen.

So hat Nele das Lesen einmal beschrieben.

Leider haben die Buchstaben vor Lillys

Augen noch nie getanzt. Im Gegenteil:

Stumm und unbeweglich liegen sie auf den

Seiten, wie gedruckte Steine.

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Jetzt hat Lilly alle Bücher aus dem Regal

geräumt. Sie liegen im Zimmer verstreut auf

dem Boden. Lilly greift eines heraus und

schlägt es auf. Es ist „Die Wawuschels mit

den grünen Haaren“. Sie erkennt es an den

Bildern. Lilly beginnt in dem Buch zu blättern.

Ein paar Buchstaben kennt sie schon. Vor

allem das L, das erkennt sie immer. Das L ist

Lillys Lieblingsbuchstabe. Es kommt nämlich

dreimal in ihrem Vornamen und zweimal in

ihrem Nachnamen vor. Außerdem klingt es

sehr schön.


Einmal hat sie das Nele erzählt, aber die

hat nur gelacht. „Bei Buchstaben darf man

keinen Liebling haben“, hat sie gesagt. Lilly

fand, dass sie dabei ziemlich herablassend

geklungen hat.

Lilly wirft das Wawuschel-Buch in die

Ecke. Die blöde Nele! Wenn sie doch nur

schon selber lesen könnte. Dann würde Nele

sie bestimmt nicht mehr auslachen. Und

Mama und Papa, die würden sich wundern!

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In der Haustierhöhle

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Mama klopft an Lillys Tür.

„Darf ich reinkommen?“

Lilly antwortet nicht. Sie schaut zu, wie die

Türklinke nach unten gedrückt wird. Die Tür

öffnet sich und Mama kommt ins Zimmer.

„Na, schmollst du mal wieder?“ Mama

klingt fröhlich und unbekümmert. „Puh,

wie es hier schon wieder aussieht! Hast du

also auch heute dein Bücherregal

leer geräumt, was?“

Lilly sagt noch immer nichts.

Lilly, wir fahren nachher mit

Nele in die Haustierhöhle.“


„In die Haustierhöhle?“ Lilly ist

überrascht. Die Haustierhöhle ist ein

tolles Geschäft neben dem Tierpark. Dort

werden Haustiere verkauft: kuschelige

Meerschweinchen und niedliche Hamster.

Aber es gibt auch laut zwitschernde

Kanarienvögel und durchsichtige

Aquarien mit lustigen bunten Fischen.

Lilly war schon oft in der Haustierhöhle.

Nach jedem Besuch im Tierpark haben

Lilly und Nele ihre Eltern in den kleinen

Tierladen hineingezogen. Aber noch nie

sind sie direkt von zu Hause

dorthin gefahren.

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„Nele hat sich so toll verbessert im Lesen“,

sagt Mama jetzt. „Sie ist eine richtige kleine

Leseratte geworden. Papa und ich finden,

dass sie dafür eine Belohnung bekommen

soll. Deshalb fahren wir in die Haustierhöhle.

Nele kann sich dort ein Tier aussuchen.“

Damit hat Lilly nicht gerechnet.

Nele darf ein Tier haben!

„Ich fahre mit“, sagt Lilly schnell.

Vielleicht kann sie ihre Eltern überreden,

auch für sie ein Tier zu holen?

„Gut“, sagt Mama. „Ich

mache jetzt Mittagessen, und

gleich danach fahren wir los.“

Auf dem Weg zur

Haustierhöhle plappert

Nele die ganze


Autofahrt über. Lilly merkt, dass ihre

Schwester sehr aufgeregt ist. Das wäre sie

auch, wenn sie ein Tier haben dürfte.

Im Geschäft rennt Nele zuerst zu den

Meerschweinchen. Lilly folgt ihr durch die

schmalen Gänge der Haustierhöhle. Obwohl

es erst Nachmittag ist, ist der Laden ziemlich

dunkel. Überall liegen spannende bunte

Sachen für Tiere in den Regalen. Und da

sind auch schon die Meerschweinchen! Sie

huschen durch einen großen Käfig aus Glas

und Metall. Es gibt glatte und bauschige

Meerschweinchen.

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Asja Bonitz

Asja Bonitz erblickte 1981 in Berlin das Licht der

Welt. Als Kind war sie eher ruhig und zurückhaltend.

Ihre abenteuerlustige und verrückte Seite konnte sie

beim Lesen unterschiedlichster Bücher zur Genüge

ausleben – je dicker, desto lieber! Mit 18 begann sie ein Studium der

Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, auf das eine Promotion

in Neuerer deutscher Literatur folgte. Seit 2010 ist sie als Autorin und

Werbetexterin selbstständig. Und noch immer steckt sie ihre Nase am

liebsten in ein Buch. Oder auch in zwei oder drei …

www.asjabonitz.de

Bücher von Asja Bonitz in der EDITION PASTORPLATZ:

· Myka und die Versteckschule (ISBN 978-3-943833-13-3)

· Ballula Kugelfee (ISBN 978-3-943833-16-4)

· Das Staubmaushaus (ISBN 978-3-943833-25-6)

· Lilly, die Lesemaus (ISBN 978-3-943833-27-0)

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Mele Brink

Geboren 1968 in Ostwestfalen, lebt sie seit Mitte der

80er-Jahre in Aachen. Nach einem Architekturstudium

hat sie sich 1998 völlig der Zeichnerei verschrieben

und produziert seitdem heitere Bilder in Form von

Comics („Rucky Reiselustig“), Cartoons, Illustrationen und Wimmelbilder

für Verlage, Firmen, Filme und Vereine. Für die Edition

Pastorplatz macht sie mit wachsender Begeisterung Zeichnungen für

Kinderbücher. Wie Lilly hat sie eine ältere Schwester und hatte als Kind

tatsächlich zwei Meerschweinchen mit unglaublich viel Nachwuchs.

www.melebrink.de


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Lilly, die Lesemaus“ wird herausgegeben von der Edition Pastorplatz

(Mele Brink & Bernd Held GbR · Luisenstraße 52 · 52070 Aachen)

www.editionpastorplatz.de

www.facebook.com/edition.pastorplatz

www.twitter.com/ed_pastorplatz

Editionsnummer: 27 (Juli 2018)

ISBN 978-3-943833-27-0

1. Auflage

Idee + Text: Asja Bonitz

Zeichnungen: Mele Brink

Layout + Umsetzung: Bernd Held

Lektorat + Korrektorat: Angelika Lenz, Steinheim an der Murr

Druck: Jettenberger Internationale Druckagentur

Innenseiten: 140-g-Offsetpapier (FSC © -zertifiziert)

Umschlag: 130-g-Bilderdruckpapier (FSC © -zertifiziert)

Die Textstellen aus dem Kinderbuch „Robert und Trebor“ von Paul Maar auf den

Seiten 28, 29, 31, 33 und 34 werden mit freundlicher Genehmigung der Gerd F.

Rumler Autoren- und Projektagentur (München, 2018) abgedruckt.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne

Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,

Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.dnb.de abrufbar.


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Wenn Lilly doch bloß schon lesen könnte!

Dann wären Mama und Papa richtig stolz

auf sie. Und sie dürfte endlich auch ein

Haustier haben. So wie ihre Schwester

Nele. Die ist längst eine richtige Leseratte.

Obwohl Lesen gar nicht so einfach ist.

Doch Lilly hat einen Plan. Und dafür muss

sie nur ein klitzekleines bisschen flunkern.

Ein Erstlesebuch für Kinder ab 6 Jahren.

ISBN 978-3-943833-27-0

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