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GEBRAUCHSTAUGLICHKEIT VON LEBENSMITTELN 45

rigeren Konzentrationen erkannten als ihre Altersgenossen aus dem Westen (vgl. Abb. 2, 3, 5 6). In der Alterstufe

I hingegen war das Ergebnis genau umgekehrt (vgl. Abb. 1 und 4). Die Abbildungen zeigen, welcher

Prozentsatz der jeweiligen Probandengruppe bei den einzelnen Konzentrationsstufen die entsprechende

Grundgeschmacksart erkannt hat. Die Spalte „nicht“ gibt den Prozentsatz derjenigen an, die den Geschmack

überhaupt nicht erkannt haben.

Die höhere Geschmacksempfindlichkeit der erwachsenen Ost-Probanden könnte tatsächlich auf eine andersartige

ernährungsbedingte Konditionierung im Vergleich zu ihren Altersgenossen im Westen während der

Kindheit und ggf. Jugend zurückzuführen sein. Interessant ist, dass sich diese offenbar auch nach 15 Jahren

gleichen Lebensmittelangebots wie im Westen erhalten hat. Das legt die Vermutung nahe, dass die Ernährung

im frühen Lebensalter anhaltend über die Geschmacksempfindlichkeit der betreffenden Person bestimmt.

Die paradox anmutenden Ergebnisse in der Altersgruppe I ließen sich damit erklären, dass möglicherweise

die Eltern, insbesondere die Mütter, der Kinder im Westen durch Medien und staatliche Gesundheitsaufklärung

schon seit längerem für eine gesundheitsbewusste Ernährung sensibilisiert sind und aus diesem Grund

besonders auf eine gesunde Ernährung des Nachwuchses geachtet haben. Im Osten hingegen wurde nach der

deutsch-deutschen Vereinigung das im Vergleich zu früher ungewohnt breite und vielfältige Lebensmittelangebot

von den Familien erst einmal euphorisch begrüßt und relativ unkritisch konsumiert. Auch Kinder

verzehrten so vermutlich insbesondere mehr Convenienceprodukte und Fast Food als ihre Altersgenossen im

Westen. Dies könnte dazu geführt haben, dass die Probanden der Altersstufe I der Ostgruppe in der

Geschmacksempfindlichkeit ähnlich schlecht abschnitten wie die Probanden der Altersstufen II und III der

Westgruppe. Ein weiterer Grund für die großen Unterschiede bei der Altersstufe I könnte das starke soziale

Gefälle zwischen Ost und West sein, das im Harz vorherrscht. Die Eltern der Altersgruppe 1 (Ost) sind aufgrund

der hohen Arbeitslosenrate eher dazu gezwungen, auf billigere Nahrungsmittel zurückzugreifen, die oft

eine Vielzahl von Aromen und geschmacksbeeinflussenden Zusatzstoffen enthalten. Ebenso sind im Osten

traditionell sowie aufgrund der geringeren Einkommen der Männer mehr Mütter, auch jüngerer Kinder,

berufstätig, was vermutlich eine stärkere Verwendung von Convenience-Produkten in den Haushalten zur

Folge hat. Der starke Rückgang im Angebot und in der Inanspruchnahme von Schulessen gegenüber der Situation

vor der deutschen Vereinigung geht mit einem höheren Fast-Food-Verzehr der Kinder einher.

Die überraschend deutlichen Ergebnisse der Untersuchung bestätigen die Hypothese einer ernährungsbedingten

Konditionierung des Geschmackssinns. Um auszuschließen, dass die beobachteten Unterschiede

zufällig waren, sollten die Untersuchungen in größerem Umfang wiederholt werden. Dabei sollten die Probandenkollektive

möglichst ähnlich zusammengesetzt sein, nicht nur in Bezug auf Alter und Geschlecht, sondern

auch hinsichtlich der sozialen Struktur und anderer Faktoren. Dass in Bad Lauterberg Mitglieder einer öffentlichen

Verwaltung und in Nordhausen Mitglieder eines Freizeitsportvereins getestet wurden, könnte einen Einfluss

auf das Untersuchungsergebnis gehabt haben, sofern man unterstellt, dass Freizeitsportler sich insgesamt

gesünder ernähren als andere Personen. Es handelte sich im vorliegenden Fall jedoch nicht um solche Sportler,

die überwiegend auf Fitness, gesunde Lebensweise und gesunde Ernährung fixiert sind, sondern um solche, die

dem Sport eher wegen der sozialen Kontakte im Verein frönen, einschließlich feucht-fröhlicher Feiern und

dergleichen. Insofern wird nicht davon ausgegangen, dass die beobachtete höhere Geschmacksempfindlichkeit

dieser Probanden durch eine bewusstere aktuelle Ernährung bedingt ist.

Sollten die Unterschiede in der Geschmacksempfindlichkeit der Kinder tatsächlich ihre Ursache in der Ernährung

haben und sich die in der Kindheit und ggf. Jugend praktizierten Verzehrsmuster – wie sich in der Untersuchung

der Erwachsenen andeutet – lebenslang auf die Geschmacksempfindlichkeit auswirken, so unterstreicht

dies nachdrücklich den Stellenwert einer Ernährung mit gering verarbeiteten, möglichst wenig mit

geschmacksbeeinflussenden Zusätzen „verfremdeten“ Lebensmitteln im Kindes- und Jugendalter.

Literatur

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch über Ernährung,

Landwirtschaft und Forsten der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg / Berlin 1960, 1970, 1980 und 1990

Statistisches Amt der DDR (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch der DDR, 1955-1960, 1960-1970, 1971-1981 und 1981-

1990

Müller, Anja: Zum Ernährungsverhalten und Geschmackspräferenzen im Ost-West-Vergleich anhand einer empirischen

Untersuchung in Nordhausen und Bad Lauterberg. Diplomarbeit, Hochschule Anhalt (FH), Bernburg

2005

FORUM WARE 34 (2006) NR. 1 - 4

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