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50 USABILITY/OPERATING INSTRUCTIONS

sen ist gemeint, die Nutzer sind sich ihres Wissensdefizits bewusst und sind daran interessiert, dieses Defizit

auszugleichen. Für sie sind die technischen Dokumentationen geschrieben und für sie spielt die Gebrauchstauglichkeit

der Texte eine entscheidende Rolle.

Akteure, die die Motivation und das Interesse haben, ihr Wissensdefizit hinsichtlich eines technischen (oder

medizinischen usw.) Produkts ausgleichen zu wollen, sind konfrontiert mit Kommunikationsprodukten und

deren spezifischen Eigenschaften wie Kohärenzbildung (thematischer Zusammenhang und Bezug zum impliziten

Wissen), Verwendung von Organisationsmustern für die Linearisierung der Inhalte (was kommt zuerst,

was folgt darauf), Verwendung von Fachwortschatz, Unterscheidung von Behauptungen, Bewertungen,

Instruktionen und Argumentationen. Die Akteure müssen also zusätzlich die Bereitschaft aufbringen, sich auf

das Abenteuer Text einzulassen. Dies ist insofern ein Abenteuer, als es nicht nur vom Text abhängt, wie die

Begegnung ausfällt, sondern gleichermaßen auch von ihnen selbst, die sich eigentlich als Akteure hinsichtlich

der Nutzung von Produkten verstehen. Auch wenn sich die Textautoren um Verständlichkeit (Eigenschaften

des Textes) bemühen, obliegt das Verstehen als mentaler und kognitiver Prozess den Lesern. Sie bringen

Parameter ein wie Erfahrungen und Gewohnheiten im Umgang mit Texten (individuell, sozial und kulturell

gebundene Erfahrungen) und das Vorwissen, dass die Anschlussmöglichkeit von neuem Wissen voraussetzt.

Wie können Texte unter diesen Voraussetzungen gebrauchstauglich sein?

In der Literatur zur technischen Kommunikation spricht man von den Adressaten und dem Adressatenbezug

der Texte. Nun mag es Produkte geben und mit ihnen entsprechende Kommunikationsprodukte, die auf eine

gut abgegrenzte Adressatengruppe zielen. Die Mehrzahl der Produkte dürfte mehrfach adressiert sein. Eine

Konsequenz wäre, die Mehrfachadressierung auch auf die Kommunikationsprodukte auszudehnen, d. h. mehrere

Texte für ein Produkt zu liefern (wie es z. B. bei Patienteninformationen teilweise geschieht mit je einer

Textversion für die Patienten und Ärzte). Neben Programmen, die insbesondere hinsichtlich des Internetgebrauchs

lanciert werden wie „Wissen für alle“ könnten Programme wie „Dokumente für alle“ erfolgreich

sein. Hier ergeben sich interessante Forschungsthemen, die die Kommunikationspraxis aus der Sicht der

Akteure einbeziehen. Einen Rahmen dazu bildet die Modellierung der Mensch-Maschine-Interaktion, in der

nicht nur die Maschine als Werkzeug für die Handlungsziele der Akteure gesehen wird, sondern auch die technischen

Dokumente als Werkzeuge in einem komplexen Interaktionsszenario eingebunden sind.

3 Dokumentation der Mensch-Maschine-Interaktion

Die Mensch-Maschine-Interaktion ist das eigentliche Thema von Bedienungsanleitungen oder Gebrauchsinformationen.

Dokumentiert wird, wie Personen mit einem Kraftfahrzeug, einer Kaffeemaschine oder einer

Software bzw. anderen Produkten im weitesten Sinne (z. B. Lebensmittel, Medikamente Textilien, Pflanzen)

umgehen. Ähnlich wie im Wetterbericht kann ein Ereignis oder Geschehen in der Vergangenheit oder in der

Zukunft „dokumentiert“ werden. Während sich das Ereignis im Wetterbericht auf ein einmaliges Ereignis der

Realität bezieht, das an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit und damit im Hinblick auf

bestimmte Akteure und Betroffene stattfindet, bezieht sich das im technischen Dokument dargestellte Ereignis

auf einen „typischen Fall“. D.h. Akteure, Ort und Zeit sind unbestimmt. In diesem Sinne bilden die möglichen

Szenarien einer Mensch-Maschine-Interaktion ein System mit zum Teil festgelegten und zum Teil nicht festgelegten

Parametern. Üblicherweise sind die festgelegten Parameter in der Rubrik „Anwendungsbereich“

zusammengefasst. Zu den nicht festgelegten Parametern gehören u. a. Ort, Zeit und die jeweiligen Akteure, die

ein eigenes spezifisches Bedingungsgefüge in die Gebrauchssituation einbringen. Eine Eingrenzung der Möglichkeiten

findet sich unter dem Begriff „bestimmungsgemäßer Gebrauch“. Zum bestimmungsgemäßen

Gebrauch gehört das Handlungsziel der Akteure, z. B. eine Tasse heißer Kaffee in bestimmter Stärke und

Zubereitungsart (Produkt Kaffeemaschine), ein nach Formatvorlage x formatierter Text (Produkt Textverarbeitungssoftware)

oder auch die kontrollierte Rückkehr eines Bumerangs (Produkt Sportgerät).

Akteur und Handlungsziel bilden zusammen mit dem Produkt ein System (angewandt auf das Produkt Software

in Knapheide 1999). Dabei liefert die Dimension PRODUKT die konkreten und bekannten Parameter,

während die Dimensionen AKTEUR und HANDLUNGSZIEL nur in generalisierter und abstrakter Form

erfasst werden können. Sie werden schließlich in jeder Gebrauchssituation durch die Akteure selbst individuell

festgelegt. Aufgabe der Dokumentation ist es, die Akteure in der Weise zu unterstützen, dass diese ihre Handlungsziele

(optimal) erreichen. Gelingt dies, so kann ein Dokument als „tauglich“ gelten. Gelingt dies auf

effektive und effiziente Weise, dann hat sie einen hohen „Tauglichkeitsgrad“.

Es zeigt sich, dass Effektivität und Effizienz nun in Konflikt geraten können. Gehen wir zunächst der Frage

nach, inwieweit die Tauglichkeit des Dokuments mit der Tauglichkeit des Produkts (Systems, Maschine,

Gerät) in Verbindung steht. Nehmen wir an, eine Kaffeemaschine erzeugt standardmäßig einen nur bedingt

guten Kaffee, d. h. die Kaffeemaschine hat einen eher geringen Tauglichkeitsgrad. Nun besteht durch den Text

eventuell die Möglichkeit, durch Beschreibung von Tricks die Maschine zu „überlisten“ und eine Anleitung

für ein besseres Ergebnis zu liefern, wodurch der Text komplexer wird. Er wird als Dokument effektiver im

FORUM WARE 34 (2006) NR. 1 - 4

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