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GEBRAUCHSTAUGLICHKEIT/BEDIENUNGSANLEITUNGEN 51

Hinblick auf das Handlungsziel (guter Kaffee), aber weniger effizient im Hinblick auf den Lese- und Verstehensprozess,

der wegen erhöhter Komplexität ein Mehr an kognitiver Aufmerksamkeit und zeitmäßigem Aufwand

bedeutet. In diesem Fall entsteht ein hoher Tauglichkeitsgrad des Dokuments bei geringen Tauglichkeitsgrad

des Produkts, allerdings auf Kosten des Lesers, aber zugunsten des Nutzers (dies gilt generell in

Fällen, in denen die Dokumentation Mängel des Produkts kompensieren muss). Der umgekehrte Fall liegt vor,

wenn bei einem qualitativ hochwertigem Produkt die Dokumentation Mängel aufweist in der Art, dass die

spezifischen Qualitäten des Produkts und damit der möglichen Handlungsergebnisse nicht klar genug herausgestellt

werden, weil dies zu komplexen Darstellungen führt (man bevorzugt also „kurz und knapp“ und kompensiert

mit Bewertungen anstelle von Beschreibungen). In diesem Fall ist die Dokumentation nicht tauglich,

obwohl sie den Leser unterstützt, aber nicht den Nutzer, weil sie optimale Handlungsergebnisse behindert. Im

Konfliktfall hat also das optimale Erreichen des Handlungsziels Vorrang, d. h. Effektivität geht vor Effizienz.

Ein anderer Fall liegt vor, wenn geringe Effizienz gleichzeitig die Effektivität behindert. Wagner (2002) stellt

fest, dass die Mensch-Computer-Interaktion zum größten Teil durch miss- und unverständliche Sprachverwendung

(im Interface und in der Hilfe) behindert wird. Insofern als die Handhabung von Computer und Software

in erster Linie sprachlich gesteuert wird (neben visueller Steuerung), haben wir es hier mit dem Sonderfall zu

tun, dass der Gebrauch des Produkts selbst eine sprachliche Kompetenz verlangt, die an die Bedingungen des

Produkts angepasst ist (u. a. Verkürzungen aufgrund des geringen Darstellungsplatzes). Verständlichkeit und

Verstehen sind hier bereits auf der Ebene der Produkttauglichkeit angesiedelt. Dabei kommt der Dokumentation

(Online-Hilfe) vor allem die Aufgabe der Kompensation zu (Herstellung von Kohärenz und Konsistenz,

Erklärung, Definition, Beschreibung). Gelingt dies nicht, kann also das Textmaterial nicht oder nur schwerlich

verstanden werden, können die Handlungsziele nicht erreicht werden.

In der Praxis und für Forschungszwecke werden Gebrauchstauglichkeit sowie Benutzungsfreundlichkeit

getestet (usability testing). Dabei vermischt sich allerdings häufig die Überprüfung von Eigenschaften des

Produkts mit Eigenschaften des Dokuments. Fraglich ist, inwieweit diese methodische Trennung in der Praxis

überhaupt durchführbar ist. Man testet so z. B. die Gebrauchstauglichkeit von Dokumenten über die Art und

Weise des Gebrauchs von Produkten (Krömker 1999). Unterscheidungen sind allerdings möglich über den

zusätzlichen Einsatz von nachträglichen Interviews oder Fragebögen. Was hier letztlich interessiert, ist die

Erkennung von Schwachstellen bei Produkt und/oder Dokument. Zukunftsweisend ist dabei die Einbeziehung

der Nutzer in Produkt- und Dokumententwicklung (s. o. „Dokumente für alle“).

4 Der Text als Werkzeug

Wie eine Kaffeemaschine dazu verhilft, einen guten Kaffee zu erhalten, eine Textsoftware dazu verhilft,

einen schön formatierten und elektronisch zugänglichen Text zu erhalten, so verhilft die Bedienungsanleitung

dazu, ein oder verschiedene Nutzungsszenario(s) herzustellen, in dem oder denen die jeweiligen Handlungsziele

nach den Vorstellungen der Akteure auf optimale Weise erreicht werden. Eine Dokumentation mit hohem

Tauglichkeitsgrad versetzt die Akteure in den Stand entscheiden zu können, welche Funktion, welches Produkt,

ja sogar welches Handlungsziel als sinnvoll einzustufen sind. Es ist ein Werkzeug, das dem Leser zur

Verfügung steht, um souveräner Nutzer in Szenarien mit Mensch-Maschine-Interaktionen zu werden. Dies

bestimmt letztlich die generelle Tauglichkeit eines Dokuments.

Ein Merkmal von Werkzeugen ist ihre Wiederverwendbarkeit. Insofern als Dokumentationen den „typischen

Fall“ behandeln, sind sie von Natur aus wieder verwendbar (re-usability). Dies spricht nicht dagegen, dass

Einzelfälle als Beispiele demonstriert werden. Es gibt Lernertypen, die vor allem aus Beispielen abstrahieren

und erst durch Beispiele zu abstraktem Wissen kommen (induktives Lernen im Vergleich zum deduktiven

Lernen, wo Anwendungen aus den abstrakten Kategorien abgeleitet werden).

Werkzeuge können einfach oder mehrfach funktional sein. Dies kann man verstehen auf zweierlei Weise, in

globaler und in lokaler Sichtweise.

In einer lokalen Sichtweise betrachtet man einen eher eingeschränkten Nutzungskontext der Mensch-

Maschine-Interaktion: als Nutzer möchte man ab und zu oder nur einmalig oder in längeren Zeitabständen ein

Gerät benutzen, um ein aus mehreren Optionen ausgewähltes Handlungsziel zu erreichen (z. B. Softwarenutzung

zur Steuererklärung). In diesem Fall reicht eine einfache Funktionalität des Produkts, die auf den jeweiligen

Nutzer eingestellt ist. Das dazugehörige Dokument ist als Schritt-für-Schritt-Anleitung aufgebaut, Hintergrundwissen

und begriffliche Zusammenhänge interessieren nicht. Definiert der Nutzer das Nutzungsszenario

in dieser Weise, würde er/sie weiteres Textmaterial als Ballast betrachten. Der Tauglichkeitsgrad ist hoch,

wenn das Handlungsziel sowohl effektiv als auch effizient erreicht wird.

In einer globalen Sichtweise kommt ein umfassenderer Kontext in den Blick. Dies ist der Fall, wenn Nutzer

ein Werkzeug professionell und/oder regelmäßig benutzen. In diesem Fall gehen bestimmte Verfahrensschritte

in Gewohnheiten über, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung erübrigt sich. Es interessiert das gesamte Interakti-

FORUM WARE 34 (2006) NR. 1 - 4

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