forum ware - DGWT - Deutsche Gesellschaft für Warenkunde und ...

dgwt.de

forum ware - DGWT - Deutsche Gesellschaft für Warenkunde und ...

WARENETHIK UND BERUFSMORAL IM HANDEL

handelnden – und seinen Eigennutz optimierenden Akteur im Auge hat. Im beschriebenen Beispiel besteht also

eine Regulierungslücke.

Zum anderen werden die Verbraucher nicht über die Namen der Großhändler und ihre Abnehmer informiert,

die verdorbene Ware in Umlauf bringen. Die Bürger bezahlen mit ihren Steuergeldern Lebensmittelkontrollen,

deren Ergebnisse ihnen nicht mitgeteilt werden. Daran ändert auch das neue Verbraucherinformationsgesetz

kaum etwas (Rohwetter 2006, 1). Der Staat schafft keine Markttransparenz. Insofern liegt Staatsversagen vor.

Und die Moral der Händler?

Zu bedenken ist: Keine Ordnung kann vollständig sein und alle möglichen Fälle von Opportunismus regeln.

Genauso wenig darf von lückenlosen Kontrollen ausgegangen werden. Zum einen wäre der Regulierungsbedarf

freiheitsbeschränkend und zum anderen wären die Kosten zu hoch. Deshalb ist nach der Moral der

Marktakteure zu fragen.

Wie alle Handelsprodukte haben Lebensmittel sogenannte Vertrauenseigenschaften. Der Käufer kann sie

nicht beurteilen und muss dem Vertragspartner vertrauen. Dazu zählt die Haltbarkeit des Fleisches gemäß den

Verkäuferangaben. Diese Angaben sind bereits ein Signal des Vertrauensaufbaus, das der Verkäufer aussendet.

Offensichtlich bedarf es aber größerer Anstrengungen, um Skandalen vorzubeugen und echte Konsumentensouveränität

herzustellen.

Dazu könnte die Marketing-Organisation CMA beitragen, die bisher Fleisch so bewirbt, als wäre alles, was

auf den Markt kommt, von gleicher Qualität (Rohwetter 2006, 1). Über ein differenziertes Gütesiegel, hinter

dem die Selbstverpflichtung der Hersteller deutlich würde, könnte sich der Verbraucher ein ausgewogenes

Urteil bilden, und es könnten sich Marken entwickeln, die für Qualität stehen. Darüber hinaus könnten einzelne

Unternehmen oder Verbände signalisieren, dass sie einen Bedarf sehen, Verantwortung – Stichwort:

„Corporate Social Responsibility“ – zu übernehmen. Über veröffentlichte Kodizes, auf die sich die Händler

verpflichten, könnten sie ihre Vertrauenswürdigkeit verdeutlichen. Ein Muster für einen solchen Kodex im

Lebensmittelhandel formulierte 1997 das New Zealand Institute of Food Science and Technologies (Koziol

2005, 33).

Die Konsumentenethik

Der moralische Verbraucher kümmert sich explizit um Fragen wie: Woher stammt ein Produkt? Wie sind die

Produktionsbedingungen? Gibt es Konflikte mit der Umwelterhaltung, dem Tierschutz oder Menschenrechten?

Er handelt als souveräner Konsument, der seiner Kaufentscheidung neben Kostenüberlegungen Werturteile

zugrunde legt. Anders der Schnäppchenjäger: Er kauft lediglich unter Beachtung des Preises und legitimiert

sein Verhalten als ethisch, da es der Logik des Systems zu entsprechen scheint (Hellmann 2006, 14).

Tatsächlich tun sich im Fleischsegment Qualitätsprogramme schwer, weil der Preis „letztendlich das alles

bestimmende Kriterium ist“ (Busse, 2006, 24). Das Verhalten aus der Marktlogik zu erklären, greift unter einer

individual-ethischen Perspektive zu kurz. Der Konsument sollte sich nicht – genauso wenig wie der Unternehmer

– seiner moralischen Verantwortung entziehen. Dazu braucht er neben der Fähigkeit zu einem sachgerechten

Urteil (Informationsbeschaffung, Eigenschaftsvergleiche usw.) auch ein Gefühl der ethischen Verpflichtung.

Letztlich zeigt sich hier wieder die Aufgabe der Schulbildung. Zum einen gilt es, die Auszubildenden

des Groß- und Einzelhandels in der Schule mit den ethischen Verflechtungen des beruflichen Handelns zu

konfrontieren (Seeber 2005, 30). Zum anderen brauchen wir im Rahmen einer ökonomischen Bildung eine

Verbraucherbildung, die zu einer ganzheitlichen Souveränität führt.

Literatur

Homann, Karl/Franz Blome-Drees (1992): Wirtschafts- und Unternehmensethik, Göttingen

Busse, Tania (2006): Nichts wissen, alles essen, in: Die Zeit, Nr. 37, 7. September 2006, S. 2324

Hellmann, Kai-Uwe (2006): Ethik im Einzelhandel? Ein Problemaufriss, in: Forum Wirtschaftsethik, 14. Jg., Nr. 3,

S. 7-17

Koziol, Jacek (2005), Ethik und Qualität – Ansprüche der Warenwissenschaft, in: Helmut Lungershausen/Thomas

Retzmann (Hrsg.) Warenethik und Berufsmoral im Handel. Beiträge zur Innovation der kaufmännischen Bildung.

Schriftenreihe der Deutschen Stiftung für Warenlehre, Band 2, S. 31-34

May, Hermann (1993): Marktversagen-Staatsversagen, in: ders. (Hrsg.), Handbuch zur Ökonomischen Bildung, 2.

Aufl., München/Wien, S. 299-314

Rohwetter, Marcus (2006), Längst nicht gegessen, in: Die Zeit, Nr. 37, 7. September 2006, S. 1

Schoenheit, Ingo (2005): Die verborgenen Qualitäten der Waren. Transparenz über Produktion und Wertschöpfungsketten

durch vergleichende Unternehmenstests, in: Helmut Lungershausen/Thomas Retzmann (Hrsg.)

Warenethik und Berufsmoral im Handel. Beiträge zur Innovation der kaufmännischen Bildung. Schriftenreihe

der Deutschen Stiftung für Warenlehre, Band 2, S. 19-24

FORUM WARE 34 (2006) NR. 1 - 4

83

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine