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Das Netzwerkmagazin des APOLLON Alumni Network e.V. blickt mal über den Zaun der Gesundheitssysteme.

Zugänglichkeit, einfache Sprache, besserer Zuschnitt auf

Zielgruppen und Berücksichtigung kulturspezifischer

Besonderheiten – oder überspitzt formuliert:

Barrierefreiheit 5 für alle?

Aber zurück zu unseren Chronikern. Wir werfen zunächst

einen Blick auf die aktuelle Versorgung.

Seit 2003 werden in Deutschland strukturierte Schulungsund

Behandlungsprogramme für chronisch kranke

Menschen (Disease Management Programm, kurz DMP)

angeboten. Im Laufe der Jahre wurden neue Programme

auf den Weg gebracht und auch mehrere Anpassungen

gemäß der Lage der aktuellen medizinischen Evidenz

vorgenommen. Der G-BA hat den Auftrag, weitere für die

Entwicklung von DMP geeignete chronische Krankheiten zu

benennen und die Ausgestaltung zu veranlassen 6 . Derzeit

sind zusätzlich zu den vorhandenen Programmen, die

große Chronikergruppen bedienen (Diabetes mellitus Typ 1

und 2, Asthma bronchiale, COPD, KHK und Brustkrebs), fest

drei weitere DMP in Planung (chronische Herzinsuffizienz,

Depression, Rückenschmerz) und darüber hinaus mögliche

Indikationen in der Diskussion.

Das Resümee nach 15 Jahren DMP ist ein durchaus

positives: Auch wenn die vergleichende Evaluation mit

Patienten außerhalb der DMP 7 nach wie vor nicht Teil der

gesetzlich geforderten externen Evaluation der

Programme 8 ist, belegen Studien, dass die DMP-

Teilnehmenden besser über ihre Krankheit und die damit

verbundenen Risiken informiert sind, ihr

Gesundheitszustand besser ist, die Anzahlen an

Komplikationen und Folgeerkrankungen geringer, die

Therapieadhärenz höher und selbst die direkten Kosten

etwas niedriger sind als bei Nicht-Teilnehmenden 9 .

Das selbe Gutachten des Sachverständigenrates für die

konzertierte Aktion im Gesundheitswesen 10 , das die

Notwendigkeit der strukturierten Behandlung der

Chroniker feststellte, hob gleichzeitig die wesentliche

Stärkung der Kompetenz und Partizipation der Nutzer, also

der Patienten, hervor 11 . Die Beschäftigung mit der

Patientenorientierung nimmt seit diesem und dem

Gutachten von 2003 unter den Akteuren des

Gesundheitsmarktes zu, da die Verbindung zu Qualität und

Wirtschaftlichkeit in den Fokus rückte 12 . Der Patient wird

zum „Koproduzenten von Gesundheit“ 13 .

Im Rahmen der Chronikerprogramme ist dieser Einbezug

des Patienten ein besonders wesentliches Merkmal: Ein

großer Teil der Therapie erfolgt notwendig im Alltag des

Patienten, so dass er befähigt werden muss, seine

Krankheit selbst zu managen. Diese Befähigung nennt man

im Rahmen der in den DMP gesetzlich verankerten

Schulungen „Empowerment“. Für das Verhältnis von

Gesundheitskompetenz und Empowerment zueinander ist

am ehesten von einer Teil-Ganzes-Relation auszugehen 14 .

Verwunderlich also, dass dem Problem

Chronikerversorgung im Nationalen Aktionsplan

Gesundheitskompetenz ein ganzer Part gewidmet wird,

ohne die Anknüpfungspunkte an die bestehenden DMP auch

nur an einer einzigen Stelle in Betracht zu ziehen!

So wird zur Empfehlung 13, „Fähigkeit zum

Selbstmanagement von Menschen mit chronischer

Erkrankung und ihren Familien stärken“ 15 , das

Praxisbeispiel „Chronic Disease Self-Management

Program“ (CDSMP) der Universität Stanford angegeben. –

Die Wirksamkeit aller im Rahmen der Disease Management

Programme angebotenen Schulungsprogramme ist

eindrucksvoll belegt, sowohl in den durch die jeweiligen

5 Vgl. die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) auf

Grundlage des § 11 Absatz 1 Satz 2 des

Behindertengleichstellungsgesetzes

6 S. §137f Absatz 1 SGB V – man beachte auch die angegebene Verfristung.

7 Vgl. G-BA (2014), §6, Abs. 2.

8 S. §137f Absatz 4 SGB V

9 Vgl. Plate, F (2018). DMP: Herausforderung für die nächsten 15 Jahre? In:

Monitor Versorgungsforschung (01/18), S. 32-4.

10 Heute: Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im

Gesundheitswesen (SVR)

11 Vgl. SVR (2001). Gutachten 2000/2001 des Sachverständigenrates für die

Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. Bedarfsgerechtigkeit und

Wirtschaftlichkeit. Band I Zielbildung, Prävention, Nutzerorientierung und

Partizipation.http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/14/056/1405660.pdf

(11.03.2018).

12 S. Pundt, J. (2014). Einleitung. Patientenorientierung: Wunsch oder

Wirklichkeit?. In: Pundt, J. (Hg.) (2014). Patientenorientierung: Wunsch oder

Wirklichkeit? S. 231-257.

13 Vgl. SVR (2003). Gutachten 2003 des Sachverständigenrates für die

Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen Finanzierung, Nutzerorientierung

und Qualität. http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/15/005/1500530.pdf

(11.03.2018).; European Patients Forum (EPF) (Hg.) (2015). EPF Background

Brief: Patient Empowerment. http://www.eu-patient.eu/ globalassets/

campaign-patient-empowerment/briefing_paperpatient-empowerment_

final_external.pdf (11.03.2018).

14 Vgl. Nutbeam, D. (2000). Health literacy as a public health goal: a

challenge for contemporary health education and communication

strategies into the 21st century. In: Health Promotion International Vol. 15,

No. 3.

http://www.allianz-gesundheitskompetenz.ch/logicio/client/allianz/file

/Literatur/Health_Promot._Int.2000Nutbeam25967.pdf (11.03.2018).

15 S. Schaeffer D, Hurrelmann K, et al. (Hg., 2018). Nationaler Aktionsplan

Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz in Deutschland

stärken. Berlin: KomPart 2018.

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