Leseprobe Die-Zeitwaechterin Lillith-Korn

nadineskonetzki

Eine Seele, älter als die Zeit.

Nach einem Museumsbesuch steht Theklas Welt still – wortwörtlich. Als sich der Vorfall wiederholt, muss sie feststellen, dass niemand außer ihr die Zeitaussetzer bemerkt, geschweige denn ihr glaubt.
Sie begibt sich allein auf die Suche nach Antworten und stößt auf unerwartete Hilfe von dem Antiquar Matteo. Er erklärt ihr, dass sie die Zeit anhalten und in ihr reisen kann, und bietet ihr an, sie zu trainieren. Doch woher stammt sein Wissen?
Bei ihren Zeitreisen sucht Thekla zudem eine bedrohliche Stimme heim.
Schnell wird das begonnene Abenteuer zum bitteren Ernst … bis Thekla schließlich vor einer unvorstellbaren Entscheidung steht: Sollte sie ein Leben für viele andere opfern?

Lillith Korn

Die Zeitwächterin


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www.zeilengold-verlag.de

Nadine Skonetzki

Blütenhang 19

78333 Stockach

info@zeilengold-verlag.de

1. Auflage

Copyright © Zeilengold Verlag, Stockach 2018

Buchcoverdesign: Marie Graßhoff, www.marie-grasshoff.de

Satz & Illustration: saje design Bonn, www.saje-design.de

Lektorat: Pia Euteneuer, Wort.Gewand13

Korrektorat: Regina Meißner, www.semikolonundco.com

Druck: bookpress, 1-408 Olstzyn (Polen)

ISBN Print: 978-3-946955-10-8

ISBN Ebook: 978-3-946955-86-3

Alle Rechte vorbehalten.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.


Lillith Korn


Prolog

»Gib mir deine Essenz, Lyewaru. Damit ich dich auf

immer bei mir tragen kann, bis zum Anbeginn der neuen

Zeit. Dann hole ich dich zurück. Vertraust du mir?«

~ Atros ~

STILLE FLUTETE DAS Zimmer und drohte, sie alle zu ertränken.

Tränen der Verzweiflung liefen der jungen Frau die Wangen

hinab. Ihr Mann küsste sie auf die Stirn und strich sanft über den

Rücken des Babys. Seit nahezu zwei Stunden verharrten sie so.

Das totgeborene Kind ruhte zwischen ihnen, auf die Brust der

trauernden Mutter gebettet. Zwanzig Minuten hatten die Ärzte

versucht, das Mädchen wiederzubeleben – vergeblich.

Carolin und Sebastian Wolff wollten Abschied nehmen, bevor

diese Monster von Ärzten ihnen die Kleine aus den Armen reißen

würden. Der Zeitpunkt, sie gehen zu lassen, war noch nicht gekommen.

Nein, sie würden warten, damit der erste Sonnenstrahl des

Morgens das Baby wenigstens einmal berührte.

Aber noch war es Nacht. Durchs Fenster sahen sie die Sterne,

die am Himmel funkelten, und wer wusste schon, ob einer davon

nicht die Seele ihrer Tochter war, deren leblosen Körper sie

hielten. Neben dem Krankenbett spendete eine Lampe dem Paar

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etwas Licht und die Blumen, die auf dem Nachttisch standen,

warfen lange Schatten an die kahle Wand.

Sie lagen gemeinsam in dem Ein-Personen-Bett; gaben sich

für einen Moment der Illusion hin, eine Familie zu sein.

Es klopfte und kurz darauf trat eine Schwester ein. »Alles in

Ordnung soweit bei Ihnen? Brauchen Sie etwas?«

Carolins Unterlippe bebte, während sie den Kopf schüttelte.

»Retten Sie mein Kind!«, schluchzte sie.

»Gehen Sie einfach und lassen Sie uns unsere kostbare Zeit

mit unserer Tochter!«, knurrte Sebastian und strich Carolin beruhigend

über das Haar.

Das Licht flackerte und erlosch schließlich. Schlagartig brach

Dunkelheit herein. Auch der Himmel verfinsterte sich und aus

der Ferne ertönte ein dunkles Grollen.

»Oh«, machte die Pflegerin. »Ich werde jemanden schicken, der

Ihnen die Glühbirne ersetzt. Sieht aus, als ob ein Gewitter aufzi–«

Das Klappern der Schranktüren erstickte ihre Worte. Ein

Beben erschütterte den Raum. Obwohl es geschlossen gewesen

war, flog das Fenster auf und ein stürmischer Wind knallte die

Tür hinter der Pflegekraft zu.

»Du liebe Güte! Geht es Ihnen gut?«, rief sie atemlos über den

Sturm hinweg und versuchte, die Bö auszusperren.

Die junge Mutter nickte, bis ihr klar wurde, dass niemand sie

bei diesen Lichtverhältnissen sehen konnte.

Dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig.

Die Krankenschwester schloss die Fensterläden; das Licht flackerte

erneut wie eine kaputte Neonröhre und ging wieder an;

das Beben und Grollen stoppte abrupt.

Eine sonderbare Stille füllte den Raum und niemand traute sich,

etwas zu sagen. Kurz schien es, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Bis das für die Eltern schönste Geräusch der Welt erklang:

Babygeschrei.

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Kapitel 1

»Hab Geduld. Wir werden blühen.

Unsere Zeit wird kommen.«

~ Atros ~

»ECHT LIEB VON dir, dass du mitgekommen bist.« Thekla drückte

dem jungen Mann mit dem dunklen kurzen Haar und den eisblauen

Augen einen Kuss auf die Wange.

Ivo winkte ab. »So wars ausgemacht.« Er zog einen Mundwinkel

nach oben, präsentierte sein typisches schiefes Lächeln und

zuckte die Schultern. »Solange wir auf das Fest gehen, können

wir von mir aus bis abends hierbleiben. Ich brauche unbedingt

Reese’s Peanut Butter Cups! Und Squeeze Cheese!«

»Keine Sorge. Versprochen ist versprochen.« Thekla drehte

sich um. »Nele?«

»Hier«, stöhnte ihre kleine Schwester. Sie lief einige Schritte

hinter ihnen und nestelte an ihrem Zopf herum. »Müssen wir

jetzt lange rumlatschen? Das ist so öde.«

»Ein bisschen«, antwortete Thekla. Sie hatte sich zwar gedacht,

dass Nele das Museum für Archäologie nicht sehr interessant

finden würde, aber die Hoffnung hatte gesiegt. Etwas Bildung

schadete nie. Sie selbst liebte das und freute sich bereits seit über

einer Woche auf den Besuch des Museums. Immerhin hatte sie

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die beiden überzeugt, sie zu begleiten. Wild wuschelte sie ihrer

Schwester über den blonden Schopf.

»Lass das!«, nörgelte Nele, kicherte aber dabei. »Jetzt darf ich

das neu flechten.«

Ivo mischte sich ein. »Komm, Nele. Ich glaube, da hinten kann

man wissenschaftlich experimentieren. Das ist spannender, als

nur zu gucken.« Er zwinkerte seiner Freundin zu und schnappte

sich die Zwölfjährige. »Wir treffen uns nachher am Ausgang«,

rief er und verschwand mit Nele in der Menschenmenge.

Dankbar wollte Thekla ihm einen Handkuss hinterherwerfen,

besann sich jedoch eines Besseren, da er es ohnehin nicht sehen

würde. Nun hatte sie etwas Zeit, sich all die interessanten Sachen

anzusehen, die dieses Museum beherbergte. Und das, ohne dass

jemand andauernd herumnörgelte. Nicht selten erntete sie verwunderte

Blicke, wenn sie von ihren Interessen erzählte. Welche

Neunzehnjährige stand schon auf Museen, verstaubte Bücher

und sah sich historische Dokumentarfilme an? So gut wie niemand

in Theklas Alter, weshalb sie sich hin und wieder einsam

fühlte. Aber die Leidenschaft überwog. Sie hatte nun mal schon

immer eine Schwäche für antike Gegenstände gehabt. Sie wollte

wissen, welche Geheimnisse die vergangene Zeit verbarg, welche

Geschichten Skelette oder sonstige Reliquien ihr verrieten.

Thekla beäugte die beleuchteten Schaukästen, die sich an

der gesamten Wand entlangzogen. Es gab alles Mögliche zu

entdecken: Vasen aus der römischen Republik, antikes Geschirr,

Waffen … teilweise auch nur Fels und Geröll aus verschiedensten

Epochen. Interessiert studierte sie alles, las sich die Informationen

dazu durch.

Ein Funkeln in einer Vitrine neben ihr weckte ihre Aufmerksamkeit.

Ein Stein. Er war etwa so groß wie ihre Faust und

trotzdem stach er zwischen den anderen in den nahestehenden

Vitrinen deutlich hervor. Wobei nicht er selbst funkelte, sondern

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das Symbol, das sich in seiner Mitte befand. Sie ging näher heran

und beugte sich über das Glas. Verschlungene Linien bildeten

einen Knoten und ließen sie an die Unendlichkeit denken, da das

Symbol weder Anfang noch Ende besaß. Wenn man wollte, konnte

man die Form unaufhörlich nachzeichnen. Es erinnerte sie ein

bisschen an eine Schlange, die sich in den Schwanz biss – möglicherweise

bedeutete es etwas Medizinisches? Zumindest erinnerte

er sie an den Äskulapstab. Er gehörte zu Asklepios, dem Gott

der Heilkunde in der griechischen Mythologie. Heute galt er als

Zeichen des ärztlichen und pharmazeutischen Standes. Ob der

Stein von Heilkünstlern hergestellt worden war?

Erst jetzt wandte Thekla den Blick zur Info-Tafel. Das tat sie

gern – die Dinge erst selbst ansehen, überlegen, was es damit auf

sich hatte, und die Informationen dazu erst später nachlesen.

Bei diesem Stein handelt es sich um einen der in Deutschland

selten zu findenden Tillite.

Tillite sind Gesteine, die sich aus Ablagerungen von Gletscherrandbereichen

bilden. Entstanden vor dem letzten Eiszeitalter

wurden sie zu Festgestein.

Dieses Einzelstück stammt aus dem Schwarzwald. Ein

privater Besitzer hat es dem Museum für die Dauer unserer

Ausstellung unter dem Hinweis geliehen, dass es in Berlin gefunden

worden sei. Aufgrund seiner Beschaffenheit ist jedoch

anzunehmen, dass der Stein nicht von hier stammt.

Das sich darauf befindliche Zeichen, ein sogenannter gordischer

Knoten, besteht aus Pyromorphit und wurde vermutlich

im späten Mittelalter von Menschenhand eingearbeitet und

mit einer Mischung aus Harz und Bienenwachs verklebt. Es

ist unseres Wissenstandes nach der einzige Stein mit diesem

Zeichen, weshalb seine Bedeutung bisher nicht entschlüsselt

werden konnte.

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Das, was da vor ihr lag, sah aus wie ein normaler Brocken irgendeines

hellen Gerölls – wenn da nicht dieses grünlich schimmernde

Symbol in seiner Mitte geprangt hätte.

Je länger sie es betrachtete, desto schummriger wurde ihr.

Plötzlich spürte sie ein schmerzhaftes Ziehen in ihrer Brust. War

das wirklich … Schmerz? Es fühlte sich dumpf an und gleichzeitig

kribbelte es von ihren Zehenspitzen bis in ihren Kopf, als würde

Adrenalin durch ihre Adern schießen oder als wäre sie kurz vor

einer wichtigen Erkenntnis.

Ivos Stimme riss sie aus dieser seltsamen Trance. »Thekla?«

Erschrocken wirbelte sie herum. Er klang atemlos, fast ein

wenig panisch.

»Was ist los?«

»Ich finde Nele nicht mehr. Wir haben uns eine Cola geholt

und … dann war sie weg.«

Sofort begann Theklas Herz wild zu pochen und verschiedenste

düstere Gedanken rasten durch ihren Kopf. Sie sah vor

ihrem geistigen Auge, wie ein Mann in dunkler Kleidung ihre

zarte Schwester packte und in einen Van zerrte. Wut kochte

hoch. Darauf, dass Ivo nicht richtig auf Nele aufgepasst hatte.

Aber Thekla schob sie eilig beiseite. Jetzt galt es erst einmal,

ihre Schwester wiederzufinden. »Wo war das genau?«, fragte sie

sachlich.

»Draußen.«

Er schluckte und nahm sie an der Hand. Sie liefen den Flur

entlang bis zum Ausgang, an dem ein rundlicher Mann neugierig

aus einem Kioskwagen sah. Eine Menschentraube hatte sich dort

versammelt und Thekla ahnte nichts Gutes.

»Nele!«, rief sie, ließ Ivo los und drückte sich durch die Menge.

Ivo eilte hinter ihr her, überholte sie schließlich und bahnte

ihnen schneller einen Weg, als sie es allein vermocht hätte.

Zeitgleich erblickten sie Nele. Sie saß blinzelnd auf dem Boden

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und hielt sich Kopf und Knie. Die Flasche Cola musste sie fallen

gelassen haben, neben ihr breitete sich eine braune Lache zwischen

einem Haufen Scherben aus. Eine Frau hockte bei ihr, die

Hand auf ihrer Schulter, und fragte etwas. Jetzt sah Thekla auch

das blutige Knie.

Als Nele sie entdeckte, schaute diese schuldbewusst, doch Thekla

verspürte keine Wut, lediglich Sorge.

Sie hockte sich vor ihre Schwester und musterte ihr blasses

Gesicht. »Was ist passiert? Ivo meinte, du warst plötzlich weg.«

Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie die Frau aufstand und

sich zurückzog.

»Ich war … Ich weiß nicht, Ivo hat was zu trinken geholt und

dann bin ich einfach gestolpert. Aber wegen der Flasche hats

ziemlich laut gescheppert. Die Leute machen ein Drama daraus,

als wäre hier gerade Was-weiß-ich-was los gewesen. Ein Glück

bist du da.«

»Sie war ohnmächtig«, mischte sich ein älterer Herr ein und

deutete mit seinem Gehstock auf Nele. »Fast, als wäre sie gar

nicht da gewesen und dann – zack – ist eine Frau über ihre Beine

gestolpert, kaum dass sie lag.«

Eine Frau, vielleicht die, die gestolpert war, nickte. »Als wäre

sie aus dem Nichts gekommen.«

Thekla war sich unsicher, ob sie sich bedanken sollte oder

sich darüber aufregen, dass dieser Mann noch immer da stand

und sie gemeinsam mit der Fremden neugierig anstarrte. Also

wandte sie sich an Nele und fragte: »Stimmt das? Warst du echt

ohnmächtig?«

Sie zuckte die Schultern. »Na ja, mir war schwarz vor Augen.

Weiß nicht genau.«

»Komm, wir fahren besser nach Hause«, meinte Ivo und half

ihr beim Aufstehen. Nun löste sich die Traube auf. Einige wirkten

beinahe deprimiert, weil es nichts Spannendes zu sehen gab.

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»Keine Toten hier«, rief Thekla deshalb und fuchtelte unwirsch

mit der Hand. »Gehen Sie endlich!«

Manche blieben stehen, als hätte sie nichts gesagt, einige wiederum

eilten beschämt davon.

Thekla kümmerte sich nicht darum, sondern hakte ihre Schwester

auf der einen Seite unter, während Ivo die andere stützte.

»Leute, ich bin nicht schwer krank«, maulte Nele. »Ich hab einfach

nichts getrunken heute. Habs vergessen und es ist sauwarm.«

Thekla sog scharf die Luft ein. »Du hast bei der Hitze vergessen,

was zu trinken? Dann ist es ja kein Wunder!«

»Wo bist du überhaupt hin verschwunden?«, fragte Ivo. »In

der einen Sekunde standest du neben mir, in der nächsten warst

du weg.«

Plötzlich fiel Thekla ein, dass sie wütend auf Ivo sein müsste.

Probehalber funkelte sie ihn böse an und er zuckte auch ordnungsgemäß

zusammen, doch das passende Gefühl dazu wollte

sich nicht mehr einstellen. Wahrscheinlich überwog die Erleichterung,

dass Nele weder verschleppt noch schwer verletzt

worden war – und das nagende Gefühl, selbst versagt zu haben.

Nele blieb unvermittelt stehen, drehte sich um und sah zum

Museum zurück. »Ich weiß es nicht«, entgegnete sie verwirrt.

Thekla tauschte einen Blick mit Ivo, der ebenso ratlos schaute,

wie sie sich fühlte. »Du weißt es nicht?«, echote sie.

Nele schüttelte den Kopf, hakte sich jedoch freiwillig wieder

unter und ließ sich in die U-Bahn-Station hinabführen. »Nein.

Es war genauso, wie Ivo gesagt hat. Wir standen da beim Kiosk

nebeneinander und dann …« Für einen Moment kaute sie nachdenklich

auf der Lippe. »… dann bin ich gestolpert und lag da.«

»Das ist komisch. Ich habe dich wirklich überall gesucht«, murmelte

Ivo. »Es war wirklich, als wärst du einfach verschwunden …«

Nele schlang die Arme um sich, als würde sie sich selbst festhalten

wollen.

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»Keine Angst«, tröstete Thekla. »Niemand kann einfach verschwinden.

Das ist unmöglich. Es wird euch in der Panik und dem

Stress nur so vorgekommen sein.«

Thekla lag auf dem Bett und beobachtete die am Fenster vorbeiziehenden

Wolken. In Gedanken ließ sie den Tag Revue passieren.

Bis auf den irritierenden Abschluss und ihr schlechtes Gewissen

deshalb war es ein schöner Ausflug gewesen. Aus irgendeinem

Grund ging ihr der Stein, dieser Tillit, nicht mehr aus dem Kopf.

Mit den Fingern malte sie das Symbol auf die Scheibe und fuhr die

endlosen Linien nach. Schließlich schnappte sie sich ihr Handy

und betrachtete die Bilder, die sie mit dem ihrer Meinung nach

peinlichen Selfiestick von ihnen gemacht hatte. Sie standen alle

drei vor dem Eingang des Museums, doch während Thekla das

Bild betrachtete, bemerkte sie, dass etwas damit nicht stimmte.

Es stellte sich nicht richtig scharf … und flackerte Nele etwa?

Irritiert blinzelte Thekla, kniff die Augen zusammen. Nele flackerte

noch einmal, dann war das Bild wieder normal. Vielleicht

ein Zeichen aus ihrem Inneren – dass sie besser hätte auf Nele

aufpassen müssen …

»Nele, Thekla! Essen ist fertig!«, riss die Stimme ihrer Mutter

sie aus den Gedanken. Der Duft von leckerer Tomatensoße

stieg ihr in die Nase und sie schwang hastig die Beine aus dem

Bett. Als sie den Flur der Fünf-Zimmer-Wohnung betrat, rannte

sie beinahe Nele über den Haufen, stoppte aber rechtzeitig und

schlenderte hinter ihr her. Vorbei an der beigefarbenen Wand

und der Garderobe im Landhaus-Stil. Sie war groß, genügte aber

nicht annähernd für vier Personen, weshalb die Schuhe im halben

Flur verteilt lagen.

»Einmal am Tag auf die Fresse fliegen reicht, danke!«, meinte

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Nele und sog dann genussvoll die Luft ein, während sie auf ihren

weißen Söckchen über die abgezogenen Holzdielen lief. »Mhm,

das riecht so gut!« Sie hatte recht, es roch himmlisch.

Thekla bog ins Wohnzimmer ein, das zugleich als Esszimmer

fungierte. Das bunte Bild an der Wand beim Tisch – leider

nur eins von Ikea, eine Fotokopie eines Kunstwerkes – verlieh

dem Raum etwas Freundliches und Gemütliches, ebenso wie die

Altbaufenster mit Blick auf den begrünten Innenhof. Natürlich

hingen auch Familienbilder im Wohn- und Esszimmer. Eines von

ihrem Urlaub in Prag, auf dem sie gemeinsam auf der Karlsbrücke

standen und lachten, hatten ihre Eltern in A5 drucken lassen

und über das Sofa gehängt.

Der ausladende Holztisch war mit weißen Kerzen dekoriert

und grünen Tellern gedeckt. Ihr Vater saß bereits und ihre Mutter

tat allen auf.

Thekla und Nele setzten sich nebeneinander und schnappten

sich ihre Portionen, ehe auch Carolin Wolff Platz nahm.

»Und, wie ist euer Tag gewesen?«, fragte sie und drehte die

Spaghetti auf die Gabel.

Thekla bereitete sich auf eine Beichte darüber vor, dass sie

nicht gut auf ihre Schwester aufgepasst hatte. Sie hatte zwar

nicht die strengsten Eltern, aber das würde sie nicht begeistern.

»Ganz gut, bis auf –«

»Kein ›bis auf‹, es war alles super«, unterbrach Nele sie und

warf ihr einen Blick zu, der sagte: ›Bring dich meinetwegen nicht

in Schwierigkeiten‹. Oder sie wollte schlicht nicht, dass Mama

und Papa sich sorgten. »Nicht sonderlich aufregend, aber gut.«

»Was habt ihr denn unternommen?«, hakte Carolin nach.

Erneut antwortete Nele, bevor Thekla die Chance bekam,

etwas zu sagen. »Wir sind im Museum gewesen. Wie gesagt, nicht

aufregend, aber okay. Und ihr?«

Carolin nahm die Serviette, tupfte sich den Mund ab und

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lehnte sich auf dem Holzstuhl zurück. »Na, Thekla fand es bestimmt

mehr als okay.« Sie zwinkerte ihr zu. »Aber so ganz glaube

ich euch nicht. Was war los?«

Augenblicklich spürte Thekla, wie ihr Herzschlag an Intensität

zunahm. »Nele ist gestolpert«, flunkerte sie schneller, als sie

darüber nachdenken konnte.

Carolin runzelte die Stirn, Nele hingegen nickte eifrig.

»Bin ich, aber ist schon alles wieder gut. Ich humpel auch nicht

oder so«, bestätigte sie. »Und wie war euer Tag?«

Nachhaken – immer eine schlaue Technik, um von sich selbst

abzulenken. Thekla schmunzelte.

»Ach … Bei mir gabs nichts Besonderes eigentlich. Es war ein

ganz normaler Wahnsinnstag im Amt. Papierkram ohne Ende.

Hast du was Spannenderes zu erzählen, Schatz?« Sie wandte sich

an ihren Mann, der sich gerade eine zweite Portion auf den Teller

schichtete und anschließend über den ergrauten Dreitagebart

fuhr.

»Ich hab heute die Artikel geschrieben, die ich in den letzten

Tagen recherchiert hatte. Mindestens einer davon wird sicher eine

Bombenschlagzeile! Ähnlich wie ›Auto fuhr gegen Baum - tot‹.«

Nele kicherte, während ihre Mutter den Kopf schüttelte und

die Augen verdrehte. »Sebastian! Der war schon nicht mehr flach,

der war unterirdisch«, stöhnte sie. »Hör auf, dein Talent immer

so unter den Scheffel zu stellen. Ich finde deine Berichte sehr gut,

auch wenn sie nie von schönen Dingen handeln.«

Damit hatte sie mehr als recht. Als Kriminalreporter für eine

Berliner Zeitung schrieb Theklas Vater Sebastian oft über grausame

Begebenheiten.

»Entschuldige, Schatz. Aber ich rege mich tierisch darüber auf,

dass ich den letzten Schei-, ich meine, Unsinn schreiben muss,

wenn auf der Welt so viel Wichtigeres passiert. Zum Glück ist das

bald vorbei, wenn ich wieder einen anderen Auftraggeber habe.«

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»Ja«, seufzte Carolin, »stimmt schon.«

Wie so oft begann sie bereits, die Teller abzuräumen. Zumindest

ihren und den von Nele, denn Thekla und ihr Vater hatten

ihr Mahl bisher nicht beendet.

»Ich esse noch!«, beschwerte er sich kauend.

»Du weißt, was ich davon halte, wenn nach dem Essen alle

brav und still sitzen bleiben müssen. Unsere Kinder sollen einen

freien Willen haben, das hast du selbst gesagt«, konterte sie nur

und räumte unbeirrt weiter ab – jetzt fielen ihr zwei Gläser zum

Opfer.

Sebastian stöhnte entnervt auf und als Carolin sich umdrehte,

äffte er sie mit vollem Mund tonlos nach und schielte dabei, sodass

Nele gluckste und auch Thekla lachen musste.

Irritiert drehte sich Carolin um. »Was ist?«

»Nichts«, sagten Nele und Thekla im Chor.

Carolin kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und wandte

sich gespielt empört an ihren Mann. »Sebastian Wolff! Was tun

Sie da genau hinter meinem Rücken, hm?«

»Ich esse nur«, beteuerte er und fügte dann charmant hinzu:

»Und es schmeckt großartig, denn ich habe die beste Frau der

Welt geheiratet, die außerdem die weltbeste Köchin ist.«

»Schleimer«, antwortete sie und gab ihm einen Kuss auf die

Stirn. Dann stellte sie zwei Gläser und eine Flasche Rotwein auf

den Tisch und setzte sich wieder.

Unterdessen hatten alle anderen aufgegessen. Thekla lehnte

sich zufrieden zurück und strich über ihren gefüllten Bauch. Der

Tag hatte sie ermüdet. Sie war so schläfrig, als wäre sie einen

Marathon gelaufen. Thekla hielt sich die Hand vor den Mund

und gähnte.

»Geh doch ins Bett, wenn du müde bist, Schatz«, sagte Carolin

und goss sich und ihrem Mann ein. »Du wolltest dich morgen irgendwo

bewerben, oder? Hattest du davon nicht gestern Abend

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erzählt? Was war das gleich? Da solltest du jedenfalls nicht übermüdet

sein.«

Thekla wusste, dass ihre Eltern nicht viel von der Idee eines

Praktikums im Antiquariat hielten und hofften, dass sie später

etwas lernen würde, von dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten

konnte. Carolins Meinung nach konnte man von dem, was

Thekla gern tat, nicht leben. Aber sie musste ihrer Mutter zugutehalten,

dass sie versuchte, ihr möglichst viel Freiraum zu lassen,

zumindest bisher. »Ja, morgen bewerbe ich mich im Antiquariat

Castano. Ich komme erst abends nach Hause, weil ich mich danach

mit Ivo treffe. Also nicht wundern. Und ja, ich glaub, ich geh

jetzt echt ins Bett.«

»Wir wundern uns nicht«, winkte ihr Vater ab und trank einen

Schluck Rotwein. »Aber ich fände es gut, wenn du was Anständiges

lernst, Mädel. Mach dein Praktikum, probier dich aus, aber

überleg mal, ob nicht auch was anderes infrage käme. Gibt viele

tolle Berufe auf der Welt.«

Carolin nickte. »Du kannst jederzeit auch bei mir fragen, ich

kann da sicher was für dich drehen. Es ist gar nicht so öde beim

Amt, wie du immer denkst.«

Thekla rollte die Augen. »Mama … Du hast eben erst davon

erzählt, wie langweilig dein Tag war.«

»Ah, ah, ah! Ich habe nur gesagt, dass nichts Besonderes passiert

ist!«

»Ich zitiere: Papierkram ohne Ende.«

Seufzend schüttelte Carolin den Kopf, während sich Sebastian

zu einem Schmunzeln hinreißen ließ.

»Na gut, Süße«, gab Carolin nach. »Denk einfach darüber nach,

wir zwingen dich zu nichts. Wir wollen nur das Beste für dich,

weißt du?«

»Ja, ich weiß, Mama. Aber jetzt gehe ich ins Bett. Wer weiß,

vielleicht gefällt es mir im Antiquariat ja auch gar nicht.«

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Zufrieden lächelte Carolin. »Schlaf gut und träum was Schönes.«

»Danke, ihr nachher auch.«

Nele grinste nur und meinte: »Lusche! Wer zuerst im Bett

liegt, kriegt nämlich keine Geschichte vorgelesen, jedenfalls nicht

von mir.«

Das war ein alter Witz zwischen ihnen. Thekla hatte Nele, als

sie etwa fünf Jahre alt war, immer gesagt: »Wer zuerst ins Bett

geht, bekommt eine Geschichte vorgelesen.« Das hatte meist gut

funktioniert. Nele war dann schleunigst im Bett verschwunden,

damit Thekla ihr etwas vorlas.

»Du wirst auch gleich schlafen, junge Dame!«, mahnte Carolin.

Nele brummte leise etwas Unverständliches und stand auf.

»Ich geh schon mal rüber, will sowieso noch was am Laptop

gucken.«

Diesmal war es ihr Vater, der das Wort erhob. »Aber nicht so

lange.« Allerdings zwinkerte er dabei, was so viel hieß wie: ›Ich

werde auch nicht schimpfen, wenn du doch länger wach bleibst‹.

Thekla lächelte, als Nele Mama und Papa einen Kuss auf die

Stirn gab und ihr dann in den Flur folgte. Sie selbst fühlte sich

mit über achtzehn zu erwachsen für Gutenachtküsse. Es gab

höchstens mal einen auf die Wange zur Begrüßung – wenn es

unbedingt sein musste.

Das Badezimmer lag zwischen Theklas Schlafzimmer und dem

ihrer Eltern. Neben der Garderobe im Flur gab es glücklicherweise

eine Gästetoilette, falls das Bad mal besetzt war. Wie früher

rannte Nele zuerst ins Bad und rief: »Erste! Ha!« Sie wollte gerade

die Tür zumachen, doch Thekla hielt sie auf.

»Nichts da. Ich guck dir beim Zähneputzen schon nichts ab.

Ich bin hundemüde. Also husch, rutsch mal ein Stück.«

Nele verdrehte die Augen, ließ ihre Schwester aber ohne weitere

Proteste gewähren.

Thekla kämmte sich das dunkle glatte Haar, das ihr genau

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is zur Schulter reichte, wusch sich und putzte die Zähne. Dann

wünschte sie Nele eine gute Nacht und verzog sich gähnend.

Ihr Zimmer bot genug Platz für sie und die Dinge, die ihr

wichtig waren. Da sie gern las, hatte sie drei weiße, gut befüllte

Bücherregale im Zimmer. Davor stand ein gemütlicher Lesesessel,

auf dem sie es sich oft bequem machte. Aber heute nicht mehr.

Heute wankte sie nur zur Kommode ganz links, die sie als Kleiderschrank

nutzte, angelte einen Schlafanzug heraus, schlüpfte

hinein und verschwand dann in ihr kuscheliges Bett.

Sie stellte den Wecker, zog sich die Decke übers Kinn und

schloss die Augen. Ohne dass sie es wollte, ließ sie den Tag Revue

passieren. Sie dachte an den Stein, den Tillit mit dem gordischen

Knoten, und zog in Gedanken erneut das Muster nach. Unaufhörlich

fuhr sie die verschlungenen Linien entlang, die niemals

endeten, bis der Schlaf sie einholte.

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