2018-02_pfarrbrief

SigridStadler

Dompfarrbrief Linz 2018/2

Was bewirkt der

Die Pfingsterzählung (Apg 2,1-3)

sehe ich im Dom an zwei Stellen

bildlich dargestellt. Einmal am zweiten

Altar im Kapellenkranz links, ein

zweites Mal am vierten Hochchorfenster

rechts.

Beide Male fällt mir auf, dass die

Darstellung nichts von der Dynamik

der biblischen Erzählung wiedergibt.

Die Apostel sind zusammen mit

Maria in sich gekehrt, auf ihren Köpfen

sieht man eine Flamme (vgl. Apg

2,3). Dass in der biblischen Erzählung

Bewegung geschildert wird,

kommt in vielen Bildern nicht zum

Ausdruck.

Die Apostelgeschichte erzählt von

Brausen, von bewegter Luft, von

einem Sturm, vom Reden in anderen

Sprachen, vom Zusammenlaufen der

Menschenmenge.

Gabe des Auferstandenen

Der Evangelist Lukas, der auch als

Verfasser der Apostelgeschichte gilt,

hat dieses Geschehen am Pfingsttag

beschrieben. Im Unterschied dazu erzählt

das Johannesevangelium von

der Mitteilung des Heiligen Geistes

an die Jünger in unmittelbarem Zusammenhang

von Tod und Auferstehung

Jesu. Beim Tod Jesu heißt es im

Johannesevangelium: „Er überlieferte

den Geist.“ oder „Er gab den Geist

weiter.“ (Joh 19,30) Im Wort „überliefern“

bzw. „weitergeben“ (wie das

griechische „parédoken“ übersetzt

werden kann) klingt unser Wort „tradieren“

bzw. „Tradition“ an. Das Johannesevangelium

erzählt dann von

der Erscheinung des Auferstandenen

am Osterabend und lässt dabei Jesus

sagen: „Empfangt Heiligen Geist.“

(Joh 20,22) Der Heilige Geist ist die

Gabe des gekreuzigten und auferstandenen

Jesus, er befähigt vor allem zur

Vergebung der Sünden (vgl. Joh

20,23).

Tag nach dem Paschafest war bei den

Juden das sog. Wochenfest, weil es

sieben Wochen (d.h. eine „Woche“

von Wochen) nach dem Paschafest

begangen wurde. Der Evangelist

Lukas nimmt eine menschliche Erfahrung

sehr ernst, nämlich dass

Menschen Zeit brauchen, um gewisse

Ereignisse in ihrer Bedeutung wirklich

zu erfassen. So beginnt die

Pfingsterzählung mit der etwas eigenartigen

Formulierung (sehr wörtlich

übersetzt): „Und als der

Pfingsttag erfüllt werden sollte…“

Pfingsten kann (so sieht es auch der

liturgische Kalender unserer Kirche)

als Erfüllung des Ostergeschehens

verstanden werden. Wenn im Judentum

das Wochenfest als Bundeserneuerung

gefeiert wurde, wird da der

Zusammenhang mit dem Paschafest

noch einmal deutlich. Die Befreiung

aus der ägyptischen Sklaverei (Pascha)

und die Gabe des Bundes am

Berg Sinai (Wochenfest) hängen eng

zusammen. In der Pfingsterzählung

kommt dies vor allem im Bild der

Feuerzungen und im Reden in verschiedenen

Sprachen zum Ausdruck.

Eine volkstümliche Erzählung vom

Bundesschluss am Berg Sinai erzählt,

dass vom Berg bei der Gotteserscheinung

feurige Blitze

ausgegangen seien, sich in 70 Flammen

teilten und jede der Flammen

sich auf eines der damals 70 bekannten

Völker niedergelassen habe.

So kann das Phänomen der „Zungen

wie von Feuer“ und das „Reden in

anderen Sprachen“ erklärt werden

(Apg 2,4-6).

Das neue Volk Gottes

Am Pfingsttag wird das neue Volk

Gottes gegründet durch die Gabe

des Heiligen Geistes.

Was jeder von den Anwesenden in

seiner Sprache hört, sind „Gottes

große Taten“, die die „Galiläer“ verkünden,

sodass jeder sie in seiner

Sprache versteht (Apg 2,11).

„Gottes große Taten“ sind die gesamte

Geschichte Gottes mit seinem

Volk bis hin zu Jesus und seiner

Auferweckung von den Toten. All

das hören die verschiedenen Menschen

in „ihrer Sprache“; sie verstehen,

was ihnen zuvor unverständlich

4

Auch für Lukas ist der Heilige Geist

Gabe des Auferstandenen. Der 50.

Der altar „Königin der apostel“ erinnert daran, dass das pfingstereignis ein wesentlicher

Schritt im Entstehen der Kirche war.

Dompfarrbrief 2/2018

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