10.06.2018 Aufrufe

xx-xx_mrlife36_WebFinalNeu

Erfolgreiche ePaper selbst erstellen

Machen Sie aus Ihren PDF Publikationen ein blätterbares Flipbook mit unserer einzigartigen Google optimierten e-Paper Software.

Für den Landkreis Marburg-Biedenkopf

life

Ausgabe Nr. 36 Juni/Juli 2018

DAS MAGAZIN

EBEN NOCH AKTIV

Plötzlicher Herztod

kommt nicht

ohne Grund

SCHAURIG SCHÖN

Moorlandschaften

im Norden des

Landkreises

Foto: Rainer Waldinger

TRAUMHAFT CHIC

Erfolgreiche Jagd

nach dem

perfekten Kleid

AUF

ERFRISCHENDEM

KURS war im Seepark Niederweimar

Wakeboard-Weltmeisterin Vanessa Weinhauer

unterwegs. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser,

wünschen wir einen schönen Sommer.

www.mrlife.de • www.facebook.com/mrlife.de


So baut man heute!

www.fkr-baucentrum.de

Die Bau-Profis in unserer Region!

Ob Rohbau, Innenausbau, Dachausbau, Renovierung, Sanierung oder Modernisierung,

ganz gleich welches Bau vorhaben Sie in Angriff nehmen, das FKR baucentrum ist Iihr

kompetenter Partner für alle Baustoffe.

Wir nehmen uns Zeit für Sie und informieren und beraten aus erster Hand.

Gartengestaltung

Neubau

Bad-Planung Dachausbau

Kommen Sie

zu den Profis –

kommen Sie zum

FKR baucentrum.

35039 Marburg · Neue Kasseler Straße 68 · Telefon 06421/607-0

www.fkr-baucentrum.de · Marburg · Gladenbach · Kirchhain · Schwalmstadt

skmb.de

Weil die Sparkasse verantwortungsvoll

mit einem Kredit helfen kann.

Sparkassen-Privatkredit.

Entscheiden

ist einfach.


Editorial

Inhaltsverzeichnis

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudele durch die Welt. Sie ist so schön:

Gib dich ihr hin, und sie wird sich dir geben.“

Dieser Satz von Kurt Tucholsky passt in diese Jahreszeit wie kaum ein anderes

Zitat. Der Frühsommer hat den Frühling abgelöst, die Bäume stehen in vollem

Grün, in den Gärten und auf den Wiesen blühen die Blumen, man wird morgens

von Vogelgezwitscher geweckt – herrlich. Wann, wenn nicht jetzt, ließe

sich die Welt in vollen Zügen genießen und Entspannung finden? Dies kommt

im oftmals hektischen Alltag leider viel zu oft viel zu kurz. Dabei ist es doch eigentlich

so leicht, sich eine schöne Zeit zu machen. Nein, keine Sorge: Sie müssen

jetzt nicht sofort die Koffer packen und sich auf Weltreise an die entlegensten

Orte begeben. Ganz im Gegenteil, denn vor der eigenen Haustür gibt es so

viel zu erleben und zu sehen – und Entspannung finden Sie dort auch.

Diese mrlife-Ausgabe liefert Ihnen Anregungen für Ausflüge und Erlebnisse in

unserer Region. Haben Sie beispielsweise gewusst, dass es im Burgwald einzigartige

Moore gibt? Discogänger fühlen sich in die wilden 80er zurückversetzt,

denn mr life nimmt Sie mit auf eine Zeitreise in die ehemalige Glastanzdiele

HeBa.

Historisches und zugleich Unterhaltsames aus Marburg lesen Sie ebenfalls in

dieser Ausgabe: mrlife stellt kuriose Namen alter Marburger Gassen und ihre

Bedeutung vor. In Marburg haben bereits die Vorbereitungen zum Jubiläum

500 Jahre Uni Marburg begonnen – mrlife hat sich erkundigt, wie gefeiert werden

soll.

Die mrlife-Redaktion freut sich über Rückmeldungen, Anregungen und Ideen.

Viel Spaß beim Lesen, Entdecken und Entspannen – genießen Sie den Sommer

und lassen Sie ab und an einfach mal das Steuer los!

Ileri Meier

Geschäftsführung

Impressum:

Herausgeber: Hitzeroth Druck+ Medien GmbH & Co.KG,

Franz-Tuczek-Weg 1, 35039 Marburg

Telefon: 06421/4090, Fax 06421/409155,

E Mail: redaktion@mrlife.de; www.mrlife.de

Geschäftsführung: Ileri Meier, Dr. Wolfram Hitzeroth

Redaktion: Angela Heinemann

Produktion: Rainer Waldinger

Anzeigen: Roger Schneider

Druck: msi-media service international gmbh, Marburg

Marburg

4 ALMA MATER RÜSTET SICH

500 Jahre Uni Marburg rücken näher

20 SPASS-STOFFE STATT LANGWEILER

Wie beim Schneider tolle Kleider entstehen

26 DIE CHEMIE STIMMT

Prof. Stefanie Dehnen wirbt für ihr Fach

28 RASIERKLINGE ALS ALLZWECKWAFFE

Beim Barbier ist der Bart in guten Händen

30 LANGE NICHTS GEHÖRT - von Prof. Karl Prümm,

dem Initiator des Marburger Kamerapreises

Stadt und Land

5 HINTER DIESER TÜR GING‘S AB

Rückblick auf die Glastanzdiele HE-BA

11 STADTAUSFLUG BAD LAASPHE

Perle kurz hinter der Kreisgrenze

14 DIE SIEBEN ZWERGE STAUNEN

Ein Schneewittchendorf im Kellerwald

16 BEINAHE SCHON KRIMI-KULISSE

Burgwald-Moore als einzigartige Biotope

19 GUT VORBEREITET AUFS EHRENAMT

Streitschlichter für Schulen gesucht

Kultur

5 WELTSTAR KOMMT AUS SAN FRANCISCO

Lisa Pollard-Coppola bei Marburger Jazzern

10 STRICH FÜR STRICH ZUM KUNSTWERK

Hans-Jürgen Kind ist Tablet-Graphiker

13 EIN WAHRER ZEITUNGSFAN

Heimatforscher „komponiert“ ein Buch

22 HIER VERKEHRTEN SCHWEINEHALTER

Gassennamen sprechen Bände

29 MENSCHEN MITREISSEN IST SEIN DING

Konzerttenor zwischen Lehrerpult und Bühne

31 SPANNUNG PUR

Buchtipps für Krimi-Fans

Gesundheit

6 DEFI BRINGT DAS HERZ IN TAKT

Medizinprodukt zum Implantieren

7 JÄH AUS DEM LEBEN GERISSEN

Plötzlicher Herztod und seine Ursachen

12 AM BILDSCHIRM GRÜSST DER DOKTOR

Möglicher Zeitgewinn durch Telemedizin

Sport

18 FAST BLIND ZU WM-BRONZE

Die Pläne der Jessica Dietz

Wirtschaft

8 UNGEBROCHENER TATENDRANG

Unternehmerphänomen Hans-Jürgen Schneider

Essen und Trinken

24 BRÜCKENBAUSTELLE - NA UND?

Lahnterrasse besticht mit Kochkunst

3


Stadt und Land

Programmvorstellung

zur Jubiläumsdekade:

v. l. : Prof. Christoph

Friedrich, Univizepräsidentin

Prof. Evelyn

Korn, Prof. Christoph

Kampmann und Prof.

Eckart Conze.

Eine Chance, die Gegenwart

zu verstehen

Jubiläumsdekade „500 Jahre Uni-Marburg“:

Arbeitskreis Universitätsgeschichte arbeitet

bereits am Programm

Von Norbert Wiedemer

Wir haben was

gegen Einbrecher:

Sichere Fenster!

Alle 5 Minuten wird in Deutschland

ein Einbruch verübt. Hauptangriffspunkte

sind dabei Fenster

und Türen. Grund genug, mit

uns über das Thema Sicherheit

zu sprechen. Denn als Fenster-

Profi wissen wir, dass Sicherheit

machbar ist. Wir zeigen es Ihnen.

Rufen Sie uns an oder besuchen

Sie unsere Ausstellung.

Lindenstraße 1 • 35287 Amöneburg-Roßdorf

Tel. 06424 9268-0 • info@fenster-rhiel.de

QUALITÄT NACH MASS, SERVICE UND BERATUNG

2027 feiert die Philipps-Universität Marburg ihr 500-jähriges

Bestehen. Aus diesem Anlass will der Arbeitskreis Universitätsgeschichte

laut Prof. Eckart Conze einen Beitrag leisten,

den Weg vom 16. bis ins 21. Jahrhundert zu erforschen und

zu reflektieren.

Schon vor einiger Zeit wurde die Schriftenreihe „Academia

Marburgensis“ wieder aufgenommen, die sich mit ehemaligen

Persönlichkeiten der Universität befasst. Außerdem stellte

das Uniarchiv auf seiner Webseite die Präsentation „150

Jahre preußische Universität Marburg“ online.

Initiiert wurde eine Vortragsreihe „Forum Universitätsgeschichte“,

die sich u.a. mit der „Marburger Stipendiatenanstalt“,

„100 Jahre Morde von Mechterstädt“, „Universität und

Krieg - das Ende des 30-jährigen Kriegs und die Wiedergründung

der Universität“ oder mit Emil von Behring befasst. Forschungsprojekte

und verschiedene Veranstaltungsformate

wie das Studium Generale sollen weitere Themen, einzelne

Fächer, Institute oder Persönlichkeiten in den Blick nehmen.

In vier Dissertationen, die die Universität finanziell unterstützt,

werden frühere Professorenhaushalte, die Verwaltungsgeschichte

der Uni von 1866 bis 1970 sowie die 68er-Bewegung

in Marburg oder die Stipendiatenanstalt untersucht.

In der inner- und außeruniversitären Öffentlichkeit, so Prof.

Conze, sollen Interaktion und Austausch stattfinden. Dazu

sind Akteure aus Stadt und Region wie Geschichtsvereine

oder Kulturträger eingeladen. Auch Lehr- und Lernprojekte

mit Studierenden und ein Portal Unigeschichte soll es geben.

4


Stadt & Land

Hier ging es jedes

Wochenende rund

von Angela Heinemann

Hinter dieser Tür wurden Beziehungen geknüpft, Freundschaften

gepflegt, Abende genossen. Nicht nur am Wochenende,

aber hauptsächlich dann. Es war ein Freizeittreffpunkt

für junge Leute, der Massen anzog. Im gesamten

Landkreis Marburg-Biedenkopf, aber auch darüberhinaus

genoss die He-Ba einen Ruf als stark frequentierte Discothek

– damals, in den Siebzigern und Achtzigern des vergangenen

Jahrhunderts. Damals, als „man“ noch in Discotheken

ging.

Gründer Heinrich Balzer hatte 1969 einen zündenden Gedanken.

Er eröffnete in seinem Gebäudetrakt im Marburger

Stadtteil Hermershausen eine so genannte Glastanzdiele,

die er nach seinen Initialen He-Ba nannte. Dieser Schritt

erwies sich nicht nur als gute Geschäftsidee, sondern als

Dauerbrenner. Das stellte sich aber erst später heraus.

„Zunächst spielten in der He-Ba regelmäßig Kapellen und

Bands, meine Mutter bereitete Schnitzel für die Gäste,“

weiß heute Heinrich Balzers Sohn Armin. Locker bis ein

oder zwei Uhr nachts war Stimmung in der He-Ba in einem

Ort, der es mit seinem dörflichen Charakter ansonsten eher

ruhig angehen ließ.

In den Achtzigern wurde umstrukturiert, dem Wandel der

Zeit und dem Geschmack der Gäste geschuldet. Die He-

Ba wurde Discothek – mit Discokugel, Sports und vollem

Programm. Wolfgang Becker, Uwe Obitz und weitere

Discjockeys legten wechselweise an verschiedenen Abenden

Platten auf. Da musste man hin – zum Tanzen, Sehen

und Gesehenwerden.

Später, als die Zeit der reinen Discotheken verschwand,

wurde es ruhiger um die He-Ba. Ihre Pforten schloss sie

dennoch nicht, sie warb erfolgreich für Ehemaligen-Treffs

und Oldie-Abende. Bis 2011 fanden noch vereinzelt Veranstaltungen

in Hermershausen statt. Zuletzt viermal im

Jahr – Weihnachten, Ostern, im Sommer und Herbst.

Wer sich an diese Tür noch erinnern

kann, hat heute seine wildesten Zeiten

hinter sich: Durch diesen Eingang ging

es in die He-Ba, Glastanzdiele und

Discothek in Hermershausen seit 1969.

Heute ist vom He-Ba-Flair nicht mehr viel übrig. Die Tür

– noch im Originalzustand – erinnert an das, was mit

dem beliebten Treffpunkt einst verbunden war. Der neue

Grundstückseigentümer, der nicht aus der Region kommt,

betrachtet das Anwesen mit Ehrfurcht. Das eine oder andere

Mal wurde er schon angesprochen mit solchen Sätzen

wie: „In der He-Ba sind Sie? Toll. Da hab‘ ich meine Frau

kennengelernt.“

Foto: Angela Heinemann, Privat

Neben dem heute 90jährigen Arno Funk (Schlagzeug, Kongas) besteht die

Wodka-Lemon-Gang heute aus (von links) Wolfgang Schekanski (Kontrabass),

Johannes Prall (Schlagzeug), Hannes Kleinhenz (Saxophon), Michael Schneider

(Trompete und Flügelhorn), Parvis Rahbarnia (Piano), Frank Weller (Trompete)

und Ernst Prall (Tenor- und Baritonsaxophon).

Jazzkonzert mit Weltstars

Dieses Datum sollten sich Freunde des Jazz vormerken:

Am Samstag, den 25. August lädt die in der Region bekannte

„Swinging Wodka Lemon Gang“ zu einem Konzert

in das Marburger Erwin-Piscator-Haus (Stadthalle). Ihren

Auftritt gestalten die Musiker zusammen mit dem Posaunisten

Joe Wulf und seiner Band „Gentlemen of Swing“,

die seit Jahren auf Jazz-Festivals in Europa begeistern. Mit

dabeisein wird die Saxophonistin Lisa Pollard-Coppola,

die eigens zu dem Konzert aus San Francisco anreist.

Nicht zum ersten Mal tauchen Joe Wulf und Lisa Pollard-

Coppola bei Amateurmusikergruppen auf. Trotz ihrer Erfolge

- Lisa Pollard-Coppola wurde von Duke Ellington

persönlich in seine legendäre Bigband eingeladen - sind

die Künstler bodenständig geblieben und begeistern Menschen

für ihre Musik. Vor diesem Hintergrund werden die

Künstler im Vorfeld des Konzertes mit Schülern aus Marburger

Schulen, unter anderem mit der Jazz-Ensemble der

Steinmühle, üben und auftreten. Karten für das Konzert in

der Stadthalle sind erhältlich bei der Oberhessischen Presse

(Franz Tuczek Weg 1, Schlossbergcenter) und im Touristenbüro

MTM zum Preis von 23,50 Euro (ermäßigt: 21 Euro,

Abendkasse 25 Euro). (ah)

5


Gesundheit

Keine Angst

vor moderner

Medizin Das Herz:

Vorbeugen, untersuchen –

und gegebenenfalls handeln

Gefäße, des Herzens („Herzecho“) und ein Belastungs-EKG

liefern erste Ergebnisse über den aktuellen Status des eigenen

Herzens. Verdächtige Befunde müssen dann mit einem Herzkatheter

weiter abgeklärt werden.

von Prof. Dr. Rainer Moosdorf

Die aktuellen Blutwerte zu kennen, den Fett und Zuckerkonsum

im Auge zu behalten, ausreichend zu schlafen - das sind

bekannte Hinweise für jeden, der seine Gesundheit im Blick

behalten will und gilt auch für jüngere Menschen. Steigt der

Ruhe-Blutdruck kontinuierlich auf über 140/90 mm/Hg, so

spricht man vom therapiebedürftigen Bluthochdruck, kurzfristige

höhere Werte unter Belastung sind hingegen normal,

gleiches gilt auch für höhere Pulsfrequenzen. Kurzfristig - im

Training – akzeptabel, sind sie längerfristig, insbesondere für

Amateure, schädlich. Maßhalten ist nicht nur ein Spruch, sondern

Leitlinie. Dem Körper zuliebe.

Neu auftretende Luftnot, Druck hinter dem Brustbein – bei

Frauen häufig auch in der Mitte des Oberbauchs - und diffuse

Herzbeschwerden sollten im Alltag nicht auf die leichte Schulter

genommen werden. Die Natur sendet uns Warnsignale, wir

müssen sie nur wahr- und ernstnehmen. Ein Ultraschall der

Im Ultraschall sieht man, wie es um das eigene Herz bestellt ist. Diese Untersuchung

ist auch unter dem Namen „Herzecho“ bekannt. Die vorliegende

Abbildung zeigt ein gesundes, leicht vergrößertes Herz.

Implantierte Defibrillatoren

retten viele Leben

Bedenkliche Veränderungen lassen sich in der heutigen Zeit

durch die moderne Medizin meist gut in den Griff bekommen.

Durch Medikamente, Kathetermaßnahmen oder oft aufwändige

Operationen können viele Krankheitsbilder rund um das

Herz behandelt werden, wenn Gefahr im Verzug ist. Hausarzt,

Internist und Kardiologe sind dabei kompetente Ansprechpartner.

Ist die Auswurfleistung des Herzens, zum Beispiel durch einen

Infarkt oder eine schwere Herzmuskelerkrankung, auf unter

30 Prozent gesunken und das Herz somit nicht mehr fit,

stehen im Rahmen einer sogenannte Primärprophylaxe Defibrillatoren

zur Verfügung, die in den Körper kaum sichtbar eingepflanzt

werden und ein Kammerflimmern mit einem elektrischen

Impuls beenden. Neueste System können darüber

hinaus auch den Ablauf der Herzaktion verbessern und damit

den Auswurf erhöhen. Allein in Deutschland werden jährlich

tausende solcher Defibrillatoren implantiert und haben viele

Leben gerettet. Dieses moderne Instrument hat einen ganz wesentlichen

Anteil an der Verlängerung der Lebenserwartung in

unseren Ländern und hat die Medizin insgesamt massiv zum

Positiven verändert.

6


Gesundheit

Fotos: Günter Gleim, Rainer Moosdorf

Rainer Moosdorf hat als Herzchirurg

viele tausend Herzen operiert. Nun wird

er aus dem Ruhestand heraus regelmäßig

für die mrlife-Leser schreiben.

Der plötzliche Herztod:

Auch junge Menschen

kann er treffen

Der plötzliche Herztod reißt Menschen mitten aus dem Leben. Ursachen

sind für Außenstehende oft nicht ersichtlich. mrlife sprach

mit Prof. Dr. Rainer Moosdorf, der bis 2017 die Herzchirurgie am

Marburger Universitätsklinikum leitete.

mrlife: Es ist der Geschäftsmann mittleren Alters, der morgens

nicht mehr aufwacht. Der Bauarbeiter Ende dreißig, der

vor dem Fernseher plötzlich nicht mehr ansprechbar ist. Es ist

der junge Fußballprofi, der umfällt und tot vom Platz getragen

wird. – Was passiert hier, Herr Professor Moosdorf? Sterben die

Menschen ohne Grund?

Moosdorf: Auch wenn es so wirken mag: Nein. Ein Grund liegt

stets vor. Meist ist es das Herz-Kreislauf-System, bei dem etwas

nicht regelrecht läuft. Das lässt sich bei Untersuchungen herausfinden.

mrlife: Welchen Dingen soll man auf den Grund gehen? Wo liegen

die Risiken?

Moosdorf: Arteriosklerose, also die Verkalkung und Einengung

der Arterien mit Einschränkungen der Durchblutung des Herzmuskels,

spielt mit die größte Rolle. Sie führt zur Angina pectoris

und schließlich zum Herzinfarkt. Beim drohenden oder akuten

Herzinfarkt können schlimme Rhythmusstörungen auftreten bis

hin zum gefährlichen Kammerflimmern. Die Größe des Infarktes

ist nicht ausschlaggebend für das Risiko, es kann auch ein kleiner

Infarkt, der ansonsten gar nicht so gefährlich wäre, zu solchen bedrohlichen

Rhythmusstörungen führen. Gerade bei den jungen

Sportlern ist aber auch oft eine Herzmuskelentzündung die Ursache,

zum Beispiel nach einer übergangenen Grippe.

mrlife: Diesen Vorgang bemerkt der Betroffene nicht?

Moosdorf: Oft ja, aber nicht immer. Im Ruhezustand oder im

Schlaf kann sich ein Infarkt zunächst unbemerkt entwickeln.

mrlife: Bestimmte Gegebenheiten erhöhen die Wahrscheinlichkeit

auf entstehende Verengungen der Herzkranzgefäße und

später Durchblutungsstörungen des Herzmuskels. Das heißt,

man sollte einiges im Blick behalten…

Moosdorf: Fettstoffwechselstörungen, Diabetes, Bluthochdruck,

Rauchen können genau dazu führen, also zu der so genannten

koronaren Herzkrankheit.

mrlife: Die Sauerstoffversorgung des Herzens ist so elementar?

Moosdorf: Bekommt es nicht genug, so schränkt das seine Auswurfleistung

ein, zunächst reversibel und schließlich nach einem

Infarkt endgültig. Damit steigt auch das Risiko von Rhythmusstörungen,

wenn die Auswurfleistung unter 30 Prozent sinkt, wird

es kritisch und die Wahrscheinlichkeit für Kammerflimmern

wächst.

mrlife: Ist man als Risikopatient diesem Zustand also ausgeliefert?

Kommt das einfach irgendwann?

Moosdorf: Man muss auf die kleinen Vorzeichen achten, Druck in

der Brust oder plötzliche Luftnot oder eben Rhythmusstörungen.

Eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit des Herzens durch Sauerstoffmangel

ist messbar, Verkalkungen und Verengungen kann

man auch in Untersuchungen feststellen.

mrlife: Man geht nicht davon aus, dass ein Leistungssportler auf

dem Fußballrasen eingesetzt wird, wenn sich bei Untersuchungen

derlei Probleme gezeigt hätten. Woran liegt es also in solchen

Fällen?

Moosdorf: Verschiedene Ursachen kommen dort in Frage. Sie reichen

von einer Myokarditis, also eine Herzmuskelentzündung

durch zum Beispiel verschleppte grippale Infekte bis hin zu unbemerkt

gebliebenen genetisch bedingten Veränderungen, die

schwere Herzrhythmusstörungen hervorrufen können - auch

schon bei Kindern und Jugendlichen übrigens. Auch eine krankhafte

Verdickung des Herzmuskels, besonders an bestimmten

Stellen, kann Rhythmusstörungen hervorrufen. Den plötzlichen

Herztod gibt es bei Sportlern meist unter einer akuten Belastung,

er ist aber nicht daran gebunden, sondern kann auch in Ruhe auftreten,

wie wir gerade kürzlich gesehen haben.

mrlife: Gründliche Untersuchungen helfen also in jedem Fall

weiter. Und sonst? Was kann man selber tun, um sich und sein

Herz gesund zu halten? Bauchfett soll besonders schädlich sein.

Und der Mittagsschlaf besonders gut…

Moosdorf: Bauchfett ist ein Ausdruck des metabolischen Syndroms

und damit Ausdruck von erhöhten Fettwerten, Diabetes

und ein Hinweis: Auch dieses Fett muss mein Herz durchbluten.

Es ist ein Zeichen falscher Ernährung und eines wichtigen Risikofaktors

– mehr nicht, aber auch nicht weniger. Der Mittagsschlaf

ist einfach eine Pause für den Organismus. Alles mal runterzufahren,

kann hilfreich sein. Das ist dann gut, wenn es guttut. Und

es ist dann gut, wenn es die „Konzentrations - Zigarette“ ersetzt.

Das Interview führte Angela Heinemann

7


Wirtschaft

Träume mit 74: eine Akademie für Elektroplaner

Für Hans-Jürgen

Schneider ist noch

lange nicht Schluss

von Manfred Günther

Welche Träume ihn mit 17 angetrieben haben, das lässt

sich schnell aus der Vita des heute 74-jährigen Hans-Jürgen

Schneider ablesen: „1957 nur mit einem Koffer in der

Hand aus Oberschlesien nach Stadtallendorf gekommen“,

begann er zwei Jahre später eine Lehre, an der ihn noch

heute eines besonders fasziniert: Elektrotechnik. Mittlerweile

vom Handwerker über den Planer bis zum Geschäftsführer

von zwei Ingenieurbüros, einem Elektrogroßhandel

und einem Sachverständigenbüro aufgestiegen, hat er nun

noch einen großen beruflichen Traum: eine eigene Elektroplaner-Akademie

(EPA).

„Das Programm dafür existiert bereits“, plaudert

Schneider aus dem Planer(Näh)kästchen. Und wer

ihn kennt, der weiß: Er wird funktionieren, der

Plan mit der dreijährigen Ausbildung, bei der

vier Tage in der Woche Praxis und ein Tag

Theorie auf dem Programm stehen sollen.

Dabei könnte er sich eigentlich zur Ruhe setzen,

nicht nur des Alters wegen, sondern auch

aufgrund des Erreichten, zumal Sohn Stefan

als Mitgeschäftsführer bei Elektroplan in die

Ingenieurs-Fußstapfen des Vaters getreten ist.

Anfang April gingen unter anderem die Glückwünsche

des Zentralverbandes Elektrotechnik und Elektronikindustrie

(ZVEI) zum 40-jährigen Bestehen seines Ingenieurbüros

ein, das inzwischen auch Dependancen in

Berlin und Köln unterhält. Wenige Tage später kam die

Nachricht, dass zum vierten Mal die Jurystufe beim Großen

Preis des Mittelstandes erreicht wurde - gemeinsam

mit bundesweit 742 Mittelständlern aus 4.917 Nominierten

ausgewählt. Unter diesen werden nun die Preisträger 2018

für jedes Bundesland ermittelt.

Was ihn antreibt, weiterzumachen? „Es macht einfach

Spaß“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Und deshalb

mache es ihm auch nichts aus, bis abends im Büro

8


Wirtschaft

Fotos: Rainer Waldinger

zu sitzen - auch sonntags - und am nächsten Tag um 6:34

Uhr im ICE nach Berlin, von wo es dann mitunter per Flugzeug

oder Bahn nach Köln oder andere Städte in Deutschland

geht.

Hans-Jürgen Schneider bereiten nicht nur der Beruf und

die Tätigkeiten in diversen beruflichen Gremien Freude,

sondern auch das ehrenamtliche Engagement für das Gemeinwohl.

Und bei alldem kommt ihm sein Organisationstalent

zugute. So wie bei der Weihnachtsfeier für Obdachlose

von Frank Zander in Berlin, dem Gänseschmaus für

die Ärmsten, bei der er gerne selbst serviert.

Kennengelernt hat er den Musiker, Moderator und Schauspieler

bei seinem Lieblingsitaliener in Berlin. Mit Zander

plaudernd

an der Theke sitzend,

habe dieser

irgendwann

gefragt, ob sich

Schneider nicht

für das Event engagieren

wolle.

Vier Wochen vor

der Feier sei dann

ein Anruf eingegangen:

„Du wolltest

doch ...“. Und

der Stadtallendorfer

hat dann auch: Hans-Jürgen Schneider wie er leibt und lebt:

Er organisierte Paletten

mit Lecke-

voller Tatendrang.

reien bei dem ortsansässigen Süßwarenhersteller und eine

Spedition, die diese nach Berlin transportiert – und dies

nun schon seit acht Jahren zur Weihnachtszeit.

Doch nicht nur Berliner, auch die Kindertafel oder Jumpers

in Stadtallendorf ebenso wie das Tierheim in Marburg oder

nun auch die Feier für Bedürftige in der Universitätsstadt

sowie die Rotarier, deren Vizepräsident er ist, profitieren

von seinem Engagement.

Mit 74 Jahren ist also noch lange nicht Schluss, um noch

einmal auf einen Schlager – diesmal aus den 1970ern - zurückzukommen.

Kein Wunder, scheint das Agil sein bis

ins hohe Alter in der Familie zu liegen: Der Großvater arbeitete

bis 75 im Bergwerk unter Tage, heiratete in diesem

Alter noch ein zweites Mal und feierte mit 100 Jahren dann

Silberne Hochzeit und wurde 104. Nach seinem Alter gefragt,

antwortet Hans-Jürgen Schneider: „Ich bin erst 74,

bis 104 ist es noch sehr weit.“ Es bleibt also noch viel Zeit,

um sich um das zu kümmern, was ihm am Herzen liegt:

„Menschen, Tiere und Pflanzen.“

„Mit der Auszeichnung möchten wir Ihnen für diesen

großen Einsatz für das Gemeinwohl danken.“

(Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer während der

Verleihung des Hessischen Verdienstordens, der für besondere

Verdienste um das Land Hessen und deren Bevölkerung

verliehen wird. Wegen des hohen Rangs der

Auszeichnung ist die Zahl der Ordensinhaber und der jährlichen

Verleihungen begrenzt.)

„Hans-Jürgen Schneider ist jemand, der viel mehr leistet

als er muss und der bereit ist, Verantwortung für die Gesellschaft

zu übernehmen.“ (Landrätin Kirsten Fründt)

Ein Kurzporträt über Hans-Jürgen Schneider

(Jahrgang 1944) fällt dann doch etwas länger

aus. Nicht nur wegen seines vielseitigen

Engagements im beruflichen Umfeld, sondern

auch aufgrund seines Einsatzes für das

Gemeinwohl.

Mit 18 Jahren schloss er eine Ausbildung zum Starkstromelektriker

bei der Firma Winter in Stadtallendorf

ab. Nach dem Bundeswehrdienst begann er ab

1966 ein Studium (Elektrotechnische Energietechnik),

es folgte die Tätigkeit als Prokurist bei der Firma

Elektrobau-Gundlach sowie bei der Elektroplanungsund

Ingenieursgesellschaft Eltplan in Marburg. Seit

1978 ist Hans-Jürgen Schneider geschäftsführender

Gesellschafter der Unternehmensgruppe Schneider,

dem Ingenieurbüro für Elektrotechnik, Sicherheitsund

Informationstechnischen Anlagen in Stadtallendorf,

das er gemeinsam mit seiner Frau, die bis heute

das kaufmännische Büro leitet, gegründet hat.

Seit mehr als 30 Jahren engagiert er sich in den verschiedensten

Gremien für den Berufsstand der Elektrotechniker

und Elektroplaner - so als Vorsitzender

der Elektroplaner in Deutschland im Zentralverband

Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), als

Vorsitzender der Sektion Technische Ausrüstung der

Union Beratender Ingenieure (UBI) - dabei derzeit

Elektro-Mobilität und erneuerbare Energien im Fokus

- oder in acht Normengremien.

Beim außerberuflichen Engagement hat er sich in

besonderer Weise um den Tennissport verdient gemacht,

unter anderem seit Jahrzehnten als Vorsitzender

des Tenniskreises Marburg-Biedenkopf mit 35

Vereinen und circa 4.000 Spielerinnen und Spielern,

hierbei vor allem bei Organisation und Mitarbeit bei

zahlreichen Veranstaltungen wie den überregional

bedeutenden „Marburg Open“.

Hans-Jürgen Schneider war außerdem ehrenamtlicher

Richter am Sozialgericht Marburg, zudem setzt

er sich für zahlreiche Einrichtungen ein – für die

Marburger Tafel, das Tierheim in Marburg oder die

Kinderhilfsorganisation Plan Nicaragua.

9


Kultur

Digitale Kunst

als Hobby

Tablet-Graphiken: Hier zeichnet

immer noch der Mensch

von Angela Heinemann

Tablet-Graphiken mit diesem präzisen Erscheinungsbild erfordern ein

gutes Auge, eine ruhige Hand, hohes Geschick und einiges an Geduld.

Hans-Jürgen Kind, pensionierter Kunsterzieher, hat all das vorzuweisen

Was ist das? Der Betrachter der Werke hält für einen Moment

inne beim Anblick der verschiedenen Marburg-Ansichten

und versucht zu erkennen, was er vor sich hat. Ein

Bild? Gemalt? „Strich für Strich entstand mit der Hand. Im

vergrößerten Arbeitsmodus lassen sich alle Feinheiten detailgenau

wiedergeben“. - Hans-Jürgen Kind aus Dautphetal-Silberg

berichtet, wie er seine insgesamt sieben Tablet-

Graphiken gefertigt hat. Kunst am Computer – aber nicht

künstlich.

Der pensionierte Kunsterzieher, den es nach seiner Tätigkeit

am Gymnasium im südhessischen Gernsheim wieder

in seine Heimat im Marburger Hinterland gezogen hat, erzählte

mrlife die Entstehungsgeschichte seiner Werke. Drei

Stunden pro Tag verbrachte der Frühaufsteher am Graphic

Tablet, bis er nach vier Wochen ein Werk abschließen

konnte. Sieben an der Zahl sind es insgesamt geworden –

Marburger oder Marburg-Kenner identifizieren unschwer,

um welches Panorama, welches Gebäude oder welche Gasse

es sich jeweils handelt.

Mit einem speziellen Stift („graphic pen“) setzt sich Kind,

der an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig

Freie Kunst und Kunstpädagogik studiert hat, an

den Zeichencomputer. Auf dem so genannten graphic tablet

oder drawing tablet entstanden insgesamt sieben hochformatige

Werke – jedes präzise, nach vorher selbst gemachten

Fotos.

Als nächstes will sich der Mann mit der künstlerisch-handwerklichen

Ader Bauernhöfe im Hinterland vornehmen,

diesesmal im Querformat. In Silberg hat er sich bereits

nach Motiven umgeschaut. Mit Erfolg.

10


Stadtausflug Bad Laasphe

Bad Laasphe:

Das Tor zum Sauerland

Schiefer und Fachwerk prägen die Königstraße. Der Stadtbrunnen aus dem Jahr 1994 (Mitte). Zwei ungleich große Schiffe weist die Evangelische Kirche auf.

von Dr. Lutz Münzer

Fotos: Dr. Lutz Münzer

Schon im Jahre 780, also zur Zeit Karls des Großen, ist

der Ort Laasphe im oberen Lahntal erstmals erwähnt worden.

Deutlicher ins Licht der Geschichte trat der Ort 1178

mit der urkundlichen Ersterwähnung der oberhalb von

ihm gelegenen Burg Wittgenstein, die sich im Besitz der

Grafen von Battenberg befand. Mit der Teilung der Grafschaft

Battenberg 1238 schlug die Geburtsstunde der Grafschaft

Wittgenstein mit Laasphe als Hauptort.

Spätestens 1277 galt Laasphe als Stadt. Die Grafschaft

Wittgenstein unterlag in der Folgezeit mancherlei Wandlungen,

wurde 1607 dauerhaft geteilt, und Laasphe blieb

weitere zwei Jahrhunderte Residenzstadt. 1801 erfolgte sogar

die Erhebung des Territoriums zum Fürstentum, aber

fünf Jahre später endete im Zuge der Auflösung des Deutschen

Reiches die Selbständigkeit. Entsprechend den Bestimmungen

des Wiener Kongresses wurde das frühere

Fürstentum dem Land Preußen zugewiesen und bildete

seitdem Teil des Kreises Wittgenstein mit Sitz der Kreisverwaltung

in Berleburg. 1975 wurde der Kreis Wittgenstein

mit dem Kreis Siegen vereinigt.

An die einstige Funktion als Residenzstadt erinnert heute

vor allem die hoch über der Stadt gelegene, in der Frühneuzeit

zum

Schloss umgebaute

Burg

Wittgenstein.

Sie beherbergt

ein Gymnasium

mit Realschule

samt

Internat. Das

Städtchen Bad

Mit reichen Schnitzereien versehen sind die Eckpfosten

des Hauses Stoltz am westlichen Ende der ca. 6.000 Ein-

Laasphe, heute

Köngstraße.

wohner zählend,

führt das Attribut „Bad“ seit 1984; schon seit 1960 ist

es Kneipp-Kurort.

Charakteristisch für Bad Laasphe ist die Lage der einen

ovalartigen Grundriss aufweisenden Altstadt an dem Bach

Laasphe, kurz vor dessen Einmündung in die Lahn. Den

Mittelpunkt bildet die Evangelische Pfarrkirche aus dem

Hochmittelalter mit Umbauten aus dem 19. Jahrhundert.

Bei ihr fallen die beiden ungleich großen Schiffe auf. Das

kleinere davon entspricht wohl dem älteren Teil des Gotteshauses,

das vermutlich in der Mitte des 13. Jahrhunderts

durch das zweite, größere

Schiff erweitert wurde.

Im Wesentlichen drei,

durch diverse meist kleine

Durchgänge miteinander

verbundene Straßen, darunter

als bedeutendste

die Königstraße, erschließen

von West nach

Ost das historische Zentrum.

Häufig anzutreffen ist

das schwere sauerländische

Fachwerk mit schwarz-weißem

Anstrich und Schieferbedachung –

Ca. 40 Kilometer

von Marburg entfernt, lässt

sich Bad Laasphe gut erreichen –

sei es über die Bundestraße 62, sei es auf

dem Lahntalradweg oder mit der Eisenbahn,

auf der an Werktagen fast im Stundentakt Züge

binnen 55 Minuten dorthin fahren. Seit 2014

können im restaurierten Bahnhofsgebäude

nicht nur Fahrkarten erworben werden, sondern

das „Kurhessenbahn-Café“ bietet

auch die Möglichkeit eines Imbisses.

Besonders zu empfehlen sind

frische Waffeln.

wir befinden uns ja in einem Teil des rheinischen Schiefergebirges.

An den kräftigen Balken einiger dieser Häuser

finden sich vielfältige ornamentale Verzierungen sowie Inschriften.

Als herausragendes Beispiel sei das 1705 im Auftrage

des Brauers und Branntweinbrenners Stoltz errichtete

Haus in der Königstraße (Nr. 49) genannt.

Schließlich hat Bad Laasphe indirekt mit der Reformation

zu tun: Der Erfurter Weihbischof Johannes Bonemilch,

der Luther wohl am 3. April 1507, einem Karfreitag, in Erfurt

zum Priester weihte, ist 1434 in Laasphe geboren!

11


Wirtschaft

Noch ist es Zukunftsmusik:

per Chat oder Videoanruf mit einem Doktor reden,

ohne vorher in einem Wartezimmer sitzen zu müssen.

Telemedizin: mehr

als der Chat mit dem Doktor

Kompetenzzentrum hat in Mittelhessen

die Arbeit aufgenommen

von Manfred Günther

Für die einen ist es ein Traum, für die anderen noch ein

Alptraum - aber für viele ein Thema: Telemedizin. Morgens

ganz bequem vom Bett aus per Chat oder Videoanruf

mit einem Doktor reden, ohne vorher in einem

Wartezimmer zwischen schniefenden Nasen und hustenden

Menschen ausharren zu müssen.

Klar sei, dass die Telemedizin nicht den persönlichen

Kontakt ersetzen werde, betonen Befürworter wie Bundesgesundheitsminister

Jens Spahn, der in diesen Tagen

noch einmal erklärt hat, das Verbot für Fernbehandlung

von Ärzten aufheben zu wollen und als

Hauptgrund dafür nennt, „den Alltag vieler Menschen

leichter machen zu wollen“. Dabei verwies er auf Studien,

denen zufolge 50 bis 70 Prozent der Arztbesuche

einfache Rück- und Klärungsfragen sind. „Die kann

man natürlich auch digital machen, durch eine Onlinesprechstunde.“

Klar sei auch, dass bei Telemedizin und E-Health, wie

der Einsatz digitaler Technologien im Gesundheits-

12

wesen im Fachjargon heißt, der Datenschutz gewährleistet

sein muss, wie Markus Büttner, Pressesprecher

des hessischen Gesundheitsministeriums, betont. Das

Land Hessen hat vor kurzem gemeinsam mit der Technischen

Hochschule Mittelhessen und der Justus-Liebig-Universität

Gießen das landesweite Kompetenzzentrum

für Telemedizin und E-Health vorgestellt, bei dem

künftig Projekte und Ideen für innovative telemedizinische

Lösungen gebündelt werden.

Das Kompetenzzentrum bietet eine kostenfreie Beratung

bei der Implementierung von neuen telemedizinischen

und E-Health-Lösungen an. Themenschwerpunkte

der Beratung sind Datenschutz und -sicherheit,

technische Standards sowie die intersektorale Kommunikation.

Wesentlich dabei sei, dass die Akteure im Gesundheitswesen

zum Wohle des Patienten besser miteinander

kommunizieren, die sensiblen Patientendaten

und medizinischen Befunddateien sicher und zuverlässig

untereinander einsehen und austauschen können,

„so wie es durch die neue EU-Datenschutzgrundverordnung

gefordert wird“, betonte Hessens Gesundheitsminister

Stefan Grüttner.

Bei der Vorstellung des Kompetenzzentrums wurde

auch aufgezeigt, dass Telemedizin weit mehr als ein

Chat mit dem Doktor ist: So müssen Notfallsanitäter

und Rettungssanitäter künftig nicht kostbare Minuten

darauf warten, dass der Notarzt zu ihnen kommt.

Mittels eines Übertragungssystems im Rettungswagen

(RTW) können sie Kontakt zu einem diensthabenden

Kardiologen herstellen, der sich über eine im

RTW eingebaute Kamera in Echtzeit über das Befinden

und die Befunde des Patienten selbst informieren

kann. Er kann das EKG sofort befunden, künftig sogar

eine von den Notfallsanitätern durchgeführte Sonografie,

und entsprechend das Katheterlabor über den

Notfallpatienten informieren, damit für dessen Klinkankunft

alles vorbereitet ist. Zudem kann er das Rettungsteam

anweisen, weitere Medikamente zu geben,

die beispielsweise nicht ausdrücklich für Notfallsanitäter

freigegeben sind. Alles in allem kommt beispielsweise

der Infarktpatient mindestens zehn Minuten, unter

Umständen aber auch fast eine halbe Stunde früher

gut versorgt direkt im Herzkatheterlabor der Klinik an.

Foto: Matthias Stolt - stock.adobe.com


In alten

Zeitungen

gestöbert

Der Münchhäuser

Heimatforscher Holger

Durben hat daraus

ein Buch gemacht

Alte Zeitungen sind den Münchhäuser Holger Durben eine wertvolle Geschichtsquelle. Er durchforstete die

Regionalzeitungen aus dem Marburg-Frankenberger Raum und sammelte dabei in seinem Lesebuch „Was

in der Zeitung steht“ viele hundert interessante Nachrichten.

von Karl-Hermann Völker

Münchhausen. Förster Müller zu Wolkersdorf lässt wegen

Frankenberg interessierte sich Holger Durben,

Schuldforderungen im September 1824 die Hofreite des

Jahrgang 1973, für Geschichte. Im Frankenber-

Konrad Erckel in Münchhausen versteigern, Johannes Nau-

ger Geschichtsverein lernte er den Stadtkäm-

mann, genannt „Hornist“, hat sich im Juli 1843 wegen Bet-

merer und Heimatforscher Helmut Wissemann

telns zu stellen, am 20. April 1860 wird die ledige Maria

Margaretha Jesberg wegen Diebstahls und Landstreicherei

steckbrieflich gesucht – Notizen aus vergilbten Zeitungsblättern

unter der Rubrik „Vergehen und Verbrechen“, die

die ganze Armut der Menschen damals im Marburg-Frankenberger

Land spiegeln. Der Heimatforscher Holger Durben

aus Münchhausen hat sie in jahrelanger Arbeit gesammelt

und jetzt in einem mehr als 700 Seiten starken Buch,

versehen mit schönen alten Fotos, drucken lassen. „Was in

der Zeitung steht. Münchhausen und Christenberg 1822 –

(1928-1996) kennen. Dessen zweibändige

Chronik, vorwiegend mit Zeitungsquellen aus

Frankenberg, war ihm großes Vorbild. „Ohne

sie wäre dieses Lesebuch niemals entstanden“,

schreibt Durben im Vorwort.

Es sind nicht nur die epochalen historischen

Ereignisse wie die Auswanderungswelle um

1850 mit 200 Emigranten allein aus Münchhausen

oder der Bau der Eisenbahn von Sarnau

nach Frankenberg 1890, die Holger Durben

Alte Fotos schmücken die

Einleitung des Bandes

von Holger Durben mit

Zeitungstexten. Hier

sieht man von links in

Münchhausen Elisabeth

Paulus, Ludwig, Katharina

und Elisabeth Naumann

(„Schuster-Ludwigs“)

1969. Ein Lesebuch“ gab er dem in kleiner Privatauflage

auswählte. Viele Kriminalfälle, Zwangsverstei-

erschienenen Werk als Titel. Holger Durbens Hauptidee:

gerungen und Auswandererdaten spiegeln vor

Zu zeigen, dass alte Zeitungen eine interessante historische

allem die Existenznot der Menschen im Mar-

Quelle sein können. Er profitierte dabei auch davon, wie er

burger Land während des 19. Jahrhunderts.

sagt, dass Marburg als erste Hochschule seit 1979 sämtliche

Zeitgeschichtlich wertvoll sind auch die klei-

historischen Zeitungsbestände mit Mitteln der Deutschen

nen Notizen über die Heidelbeerernte im

Forschungsgemeinschaft (DFG) durch Verfilmung vor dem

Burgwald, die Kriminalfälle und Steckbriefe,

Verfall rettete – gerade Zeitungspapier aus Not- und Kriegs-

Wetterberichte, Bekanntmachungen, Familien-

Foto: Fotos: Karl-Hermann Völker

zeiten ist davon bedroht.

Durben stöberte in Originalen oder durchforstete im Mikrofilm

die Wochenblätter für die Provinz Oberhessen, den

Oberhessischen Anzeiger seit 1866, das Kreisblatt für den

Kreis Frankenberg-Vöhl seit 1877 und die Kreisblätter für die

Kreise Kirchhain und Marburg.

Etwa 1000 Stunden, jahrelange Sammel- und Schreibarbeit

stecken in dem Buchprojekt, das der Autor auch immer

mal wieder ruhen ließ. Schon als junger Burgwaldschüler in

nachrichten und Vorfälle – als beispielsweise

Silvester 1922 der Münchhäuser Nachtwächter

Peter Sauer mit seiner Schusswaffe mal Feuerwerk

machte. Durben: „Mein absoluter Favorit

unter Hunderten von Zeitungsmeldungen!“

„Vieles wäre unwiederbringlich verloren, wenn

es nicht in der jeweiligen Epoche niedergeschrieben

worden wäre“, sagt Durben.

Wilhelm Berghöfer, der

1852 unerlaubt über

Hamburg nach Australien

ausgewandert war, wurde

steckbrieflich gesucht.

Er ließ 1855 seine Frau

mit fünf Kindern nachkommen.

13


Stadt & Land

Amethyst-Druse:

Die kleine Lou passt hinein.

Stolz waren die Leute im Kellerwald, als ihnen vom Landesherrn

eine „Bergfreiheit“ zum Abbau von Bodenschätzen

eingeräumt wurde und gründeten 1561 unter diesem Namen

den Ort, der heute zu Bad Wildungen gehört. Stolz sind

sie noch heute auf ihr kleines Dorf, bietet es doch eine Reihe

von außergewöhnlichen Attraktionen: So wird die Entstehung

des Schneewittchen-Märchens hier verortet, und das Bergwerk

mit dem ältesten Bergamt Hessens hat man als Museen

erhalten. Auf diese Weise ist Bergfreiheit Teil der Deutschen

Märchenstraße und des „GeoParks GrenzWelten“ geworden.

Zuerst zum Märchen, denn mit dem Namenszusatz „Schneewittchendorf“

will das Dorf Authentizität zeigen, was den Bezug

zum Märchen angeht. Zwei Tatsachen werden hier vor

allem ins Feld geführt. Den Brüdern Grimm und ihren Informanten

soll das Schicksal der bildhübschen Waldecker Fürstentochter

Margaretha als Vorlage gedient haben. Deren Mutter

starb, als das Mädchen sechs Jahre alt war, bekam dann

eine „böse“ Stiefmutter, wurde über das Siebengebirge („hinter

den sieben Bergen“) nach Brabant gebracht und dort im Alter

von 21 Jahren vergiftet. Was die Zwerge angeht, zeigt

m a n in Bergfreiheit das historische Bergmannshaus

mit den sieben Bettchen,

in denen Kinder, die

wegen ihrer Körpermaße

in den

engen Stollen

arbeiten mussten,

in einem Raum

geschlafen und gegessen

haben.

Dieses „Schneewittchenhaus“

kann regelmäßig

besichtigt

werden, und

Schneewittchendorf

Bergfreiheit im

Kellerwald

von Werner Ebert

14


Haus Stadt && Garten Land

Idylle im Kellerwald: Das Schneewittchendorf Bergfreiheit

Fotos: Werner Ebert, Nationalpark Hainich, Rüdiger Biehl

das Märchen wird auf der Freilichtbühne gespielt (s. Termine

und Öffnungszeiten).

Zum Bergbau: Einige Stollen hat man als Besucherbergwerk

erhalten. Der Eingang findet sich leicht. Er liegt etwas südlich

des Ortes und ist gleichzeitig Startpunkt von Lehrpfaden, auf

denen es eine Menge an Bergwerksgeschichte und vielfältiger

Natur des Kellerwaldes zu entdecken gibt.

Zum Bergbau passt auch die Edelsteinschleiferei, in

der man den Schlei- fern zu bestimmten Zeiten

auch über die Schul-

tern schauen darf - und in

der man natürlich

auch einkaufen kann. Durch

die verwirren- de Vielzahl der angebotenen

Steine leitet eine

sachkundige und sehr geduldige

Beratung. Das ultimative Mitbringsel ist

ein Kellerwald-

Achat, der hier gefunden wird.

Geschliffen er-

innert der rot-weiße Stein

manchmal an

ein marmoriertes Steak.

Nach den Besichtigungen wird der

Besucher

in Bergfreiheit Hunger

und Durst verspüren. Beides lässt

sich auf

angenehme Weise in der

Hardtmühle stillen. Umgeb

e n

von megalithischen Amethyst-Drusen,

Topasen,

Rosenquarzen, auf der

Terrasse mit dem Rauschen

des Urff-Baches

im Hintergrund und

mit einer fangfrischen

Forelle aus eben diesem

Bach kann man

es sich gut gehen

lassen, während

Kinder auf einem

phantasievollen

Spielplatz

tollen oder Ponyreiten

können.

Begrüßung an der Straße:

Skulpturen der sieben Zwerge.

Hier mit einem achten Exemplar.

Ultimative Mitbringsel aus Bergfreiheit: Kellerwald-

Achat in allen möglichen Formen. Der Edelstein-

Schleifer Lutz Kaden lässt sich gerne über die Schulter

schauen und beantwortet mit Geduld alle Fragen.

Kuschelsäcke für bequemes

Genießen. In diesem Zimmer

des Schneewittchen-Hauses

kann das Märchen vorgelesen

werden. Der Schrank lässt

sich auch in ein Handpuppentheater

verwandeln.

Stube im Schneewittchenhaus.

In diesem Raum haben

tatsächlich Kinder-Arbeiter

gewohnt.

Schneewittchen tot! Doch Rettung naht. Anders als in der möglichen historischen

Vorlage. Hier starb die Prinzessin mit 21 Jahren an Gift.

Öffnungszeiten:

Schneewittchenhaus:

1.4.-31.10. Mittwoch bis Sonntag 15 bis 17 Uhr

Schneewittchen mit den Zwergen an jedem 2. Sonntag im Monat

Bergwerk:

1.4.- 31.10. Mittwoch bis Sonntag 15 bis 17 Uhr

Letzter Einlass 16.30 Uhr

Historisches Bergamt:

1.4.-31.10 Mittwoch bis Sonntag 15-17 Uhr

Besichtigung Edelsteinschleiferei:

Montag bis Freitag 15-17 Uhr

Einzeltermine:

Naturbühne:

19.8. Schneewittchen-Aufführung. Vorstellungsbeginn 14.30 Uhr

Kelterfest:

14.10. ab 10 Uhr im Dorfpark. Schneewittchen ist mit den Zwergen

auch dort.

15


Stadt & Land

Schaurig oder faszinierend schön?

Die Moore im Burgwald gehören zu den einzigartigen Biotopen in Deutschland

Durch planmäßige Wiedervernässung der „Franzosenwiesen“ ist in diesem Naturschutzgebiet wieder eine Moorlandschaft entstanden.

Von Karl-Hermann Völker

„Schaurig ist’s übers Moor zu gehen…“ heißt es in dem

bekannten Stück von Annette von Droste-Hülshoff, wo

ein Knabe in einer gespenstischen Landschaft Todesängste

aussteht. Das war 1842. Die Dichterin hat sich damals

in ihrer naturmagischen Ballade noch von den typischen

Moorlandschaften ihrer münsterländischen Heimat anregen

lassen. Inzwischen gehören die großen Moorgebiete

Mitteleuropas fast schon der Vergangenheit an. Von Menschen

entwässert, abgetorft, genutzt und besiedelt. Im

nordhessischen Burgwald haben sich hingegen national

einzigartige Moorgebiete erhalten.

In den vergangenen Jahren wurden diese Flächen systematisch

in einem großen Biotop-Verbundsystem geschützt

und wieder behutsam durch den Rückbau künstlicher Entwässerungen,

Entnahme von Fichtenanpflanzungen sowie

durch Staumaßnahmen in ihren ursprünglichen Zustand

zurückgeführt. Zehn Naturschutzgebiete im Burgwald

mit insgesamt fast 400 Hektar beinhalten die wertvollsten

Moorflächen und naturnahen, sumpfigen Täler. In zwei

Naturwaldreservaten mit zusammen 140 Hektar erfolgen

keine forstlichen Eingriffe mehr - sie dienen der Erhaltung

naturnaher Waldformen und ihrer wissenschaftlichen Erforschung.

Das kann die Aktionsgemeinschaft „Rettet den

Burgwald“ berichten, die in den letzten Jahren gemeinsam

mit der Forstverwaltung zahlreiche Projekte zum Schutz

des Lebensraums Moor angestoßen haben.

Mächtige Buntsandsteinschichten, entstanden vor etwa

240 Millionen Jahren, tragen den Burgwald mit einer Vielzahl

von Waldstandorten, aber auch ausgeprägten Feuchtbiotopen.

In engen Tälern, in denen kalte Luft bis in den

16


2

1

3

4

5 6

1. Die weißen Büschel des für Hochmoore typischen Wollgrases bestimmen das Bild im Christenberger Talgrund. 2. Rinnsale

und Quellen, wie hier „Roths Börnchen“, münden in die kühlen Talgründe des Burgwaldes. 3. Über 200 verschiedene Moose gibt

es im Burgwald, darunter 17 Torfmoosarten. 4. Die verschollene eiszeitliche „Fadensegge“ entdeckte der Cölber Botaniker Claus

Neckermann im Ernsthäuser Moor wieder. 5. Der Sprossende Bärlapp überdauerte Jahrmillionen im Burgwald. 6. Mit Moos-Sense

und Wiesenbeil, so demonstriert Gerhard Badouin, bewirtschafteten noch im 19. Jahrhundert die Schwabendorfer Kolonisten die

mühsam trockengelegten „Franzosenwiesen“.

Foto: Fotos: Karl-Hermann Völker

Sommer hinein Bodenfröste erzeugt, gedeihen seltene

Pflanzengesellschaften mit subarktischem Charakter. Da

gibt es allein 24 verschiedene Burgwald-Torfmoosarten,

von denen drei auf der roten Liste stehen. Sie schieben

sich wie ein Moosteppich durch ein Polster aus braunem

Herbstlaub, kriechen grün am Totholz hinauf. Die seltene

Karpatenbirke, das Sumpfblutauge oder der Sonnentau setzen

kleine Farbakzente. Für weiße Tupfen, beispielsweise

im Christenberger Talgrund, sorgen im Sommer die Büschel

des Schmalblättrigen und Scheidigen Wollgrases.

Mit den zurückkehrenden Mooren treten im Burgwald

auch wieder fast verschwundene Pflanzen auf. Eine uralte

Gefäßpflanzengruppe, die sich noch über Sporen vermehrt

und schon in den Schachtelhalmwäldern des 400 Millionen

Jahre zurückliegenden Devonzeitalters im Burgwald

existierte, sind die „Bärlappe“. Es gibt von diesen lebenden

Pflanzenfossilien im Burgwald wieder vier Arten.

Im Ernsthäuser Moor, dem als flächenhaftem Naturdenkmal

ausgewiesenen „Seitenbruch“, entdeckte der Cölber

Botaniker Claus Neckermann auch die vom Aussterben bedrohte

„Fadensegge“ wieder. „Es ist ein Relikt aus der Zeit,

als es hier noch richtige Moore und wenig Kulturland gab“,

sagt der Botaniker, der seit Jahren mit seinem Planungsbüro

in einem Monitoring die Flora dieses nun geschützten

Moorgebietes überwacht.

Wer selbst ausprobieren will, wie „schaurig“ oder faszinierend

schön die unterschiedlichen Moorbiotope wirken,

sollte ab Münchhausen durch den Christenberger Talgrund

zu den „Franzosenwiesen“ wandern. Hier ist die Renaturierung

der Moore im Burgwald am besten zu beobachten.

17


Sport & Freizeit

Auf der Regattastrecke

fast ohne Augenlicht

Para-Ruderin träumt nach WM-Bronze von

Teilnahme an „ganz normalem Rennen“

Konzentration und Disziplin sind zielführende Begleiter der stark sehbehinderten Vollblut-Sportlerin Jessica Dietz.

von Angela Heinemann

Ärzte diagnostizierten bei Jessica Dietz Hyperaktivität.

Da war sie vier. Das von Geburt an stark sehbehinderte

Mädchen war unermüdlich in Bewegung und konnte sich

schlecht konzentrieren. Schnell zeigte sich, dass Übungen

beim Ergotherapeuten und viel Schulsport Abhilfe brachten.

Körperliche Betätigung kanalisierte ihre Energie, aus Jessica

wurde eine starke Leichtathletin. Schon bald hatte ihr es

das Schwimmen angetan. Dann kam sie zum Rudern - und

holte im vergangenen Jahr bei der Para-WM in Florida die

Bronzemedaille.

„Alles ging so schnell,“ sagt die 23-Jährige, die 2012 aus

dem oberfränkischen Kronach an die Blindenstudienanstalt

(Blista) nach Marburg kam. Sie erinnert sich noch an die

Anfänge im Ruderboot – knapp zwei Jahre ist das nur her.

Jessica trainierte hart. Das Bootshaus der Steinmühle war

ihre Anlaufstelle.

„Jessicas Ruderleistungen entspringen der langjährigen

Kooperation von Steinmühle und Blis- t a

im Bereich des Ruderns,“ sagt Steinmühlen-Schulleiter

Björn Gemmer,

gleichzeitig stellvertretender Vorsitzender

des Vereins Rudern und Sport Steinmühle.

Beim so genannten Inklusionsrudern

sitzen Sehbehinderte und Sehende

im selben Boot, unter Trainingsleitung

des erfolgreichen Ruderlehrers Martin

Strohmenger.

Die Stadt Marburg unterstützt

derlei Kooperationen zwischen

Sportverein und Schule.

Mit dem städtischen Förderprogramm

harmon

i e r t

18

das Landesprogramm „Schule und Verein“. Neben diesen

Bausteinen fördert auch die Blista Jessicas sportliche Karriere

finanziell.

Mit ihrem Ruderpartner Valentin Luz startete Jessica Dietz

Ende September vergangenen Jahres durch. Dass es dabei

zu einem Rang auf dem WM-Treppchen der Para-Ruderer

reichen würde, konnte sie erst selbst nicht glauben.

Gelassen, aber mit klarem Ziel

Mittlerweile hat sie verstanden, dass ihre Medaille, die an

der Wand hängt, real ist. Sie weiß aber auch, dass es ein Leben

nach dem Rudern gibt und möchte ihre berufliche Ausbildung

unter Dach und Fach bringen. An der Deutschen

Hochschule für Präventions- und Gesundheitsmanagement

absolviert sie derzeit ein Fernstudium für den Bachelor im

Fitnesstraining. Die Fitnesstrainer B-Lizenz ist noch ganz

frisch.

„Olympia 2020 bleibt mein Fernziel,“ sagt Jessica Dietz und

verrät noch einen ganz besonderen Wunsch. Um den zu

erfüllen, muss man nicht nach Tokio fahren. Sich mit Ruderern

messen, die keine Behinderung haben, das wäre was,

sagt sie. „Mal teilnehmen an einer normalen Regatta.

Unter Sehenden.“

Mit weniger als 5 Prozent Sehvermögen

und eingeschränktem Gesichtsfeld fuhr

Jessica Dietz bei der WM der Para-Ruderer

in Florida im Doppelzweier zu Bronze.

Fotos: Rainer Waldinger


Stadt & Land

Konflikte lösen ohne

Strafe und Schuldzuweisungen

Verein sucht ehrenamtliche Mediatoren 55+

für den Einsatz in Schulen

von Angela Heinemann

Fotos: Bilderprofi Zabel

Wer jahrzehntelang im Berufsleben gestanden hat, ist oft d a m i t

erfahren im Lösen von Konflikten. Der Verein Seniorpartner in hilfr

in School, Landesverband Hessen (SiS) stockt dieses Kapital

durch ein Seminar noch auf. Die Absolventen werden gezielt

in die Lage versetzt, Schülern zu vermitteln, wie man Differenzen

bewältigt und untereinander bestehende Probleme

löst. „Im Herbst starten wir wieder eine neue Fortbildungseinheit

für Menschen ab 55, die sich ehrenamtlich als Mediatoren

e i c h e r

W e i s e

Lernbereitschaft

und Aufmerksam-

Ganz unterschiedliche Berufsgruppen finden sich im Mediatorenteam

„Seniorpartner in School“ zusammen, darunter ehemalige

Architekten, Ärzte, Ingenieure und Lehrer. Auch Angehörige

anderer Berufsgruppen im Ruhestand sind gern gesehen.

in Schulen engagieren wollen,“ berichtet Dr. Anne keit der

Traulich, Vorsitzende von SiS Hessen.

Die Nachfrage nach mediatorischer Arbeit in Schulen ist

steigend. Es sind verschiedene Dinge, über die sich Schülerinnen

und Schüler auseinandersetzen. Manchmal seien

es Kleinigkeiten, doch auch das Stichwort „Mobbing“

fällt. Bewährt hätten sich gezielte Gespräche mit der Vorgehensweise,

ohne Schuldzuweisungen und Bestrafungen

auszukommen, dabei jedoch zeitnah das Problem zu lösen.

Diese Methode ist auch unter dem Stichwort „No Blame Approach“

bekannt.

„Unsere Zielgruppe sind meist die Klassen 3 bis 7,“ berichtet

Anne Traulich. „Wir helfen den jungen Menschen dabei, anders

miteinander zu kommunizieren, als es möglicherweise

bisher der Fall war. In gemeinsamen Gesprächen werden auf

Augenhöhe Lösungen für Konflikte erarbeitet. Dabei verstehen

wir unsere Leistung als Hilfe zur Selbsthilfe.“

Einmal wöchentlich sind die Mediatoren jeweils an „ihrer“

Schule und zeigen den Kindern durch die Methode der Mediation

S c h ü l e r

im Unterricht.

Aufgrund

der aktuellen Nachfrage von Schulen nach weiteren ehrenamtlichen

Schulmediatoren wird der Verein SiS im 4. Quartal

2018 erneut eine Staffel zur Qualifizierung anbieten.

„Wir machen interessierte Menschen im Alter ab 55 Jahren

mit Hilfe einer professionellen Kursleitung mit den Schritten

der Mediation vertraut und trainieren die Anwendung des

Erlernten auf Schüler,“ berichtet Anne Traulich.

Wer sich eine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der genannten

Weise über einen längeren Zeitraum hin vorstellen

kann und auch die dazu erforderliche Zeit mitbringt, ist eingeladen,

sich zu informieren und den Verein Seniorpartner in

School zu kontaktieren (www.sis-hessen.de, Dr. Anne Traulich,

Tel. Büro 06429-8290066, Mail info@sis-hessen.de). Der

Weiterbildungskurs umfasst 80 Stunden und ist kostenlos.

alternative Möglichkeiten

zu Konfliktlösungen. Die Arbeit

erfolgt in Absprache mit der Schulleitung

In der Stadt Marburg und im Landkreis Marburg-Biedenkopf machen derzeit folgende

Schulen vom Angebot des Vereins Seniorpartner in School (SiS) Gebrauch:

und im Einvernehmen mit

den Eltern. Die Teilnahme der

Schüler basiert auf Freiwilligkeit.

Ihnen wird Vertraulichkeit zugesichert.

Nach den bisherigen Erfahrungen

entlastet das Angebot

• Brüder-Grimm-Schule Marburg • Emil-von-Behring-Schule Marburg

• Elisabeth-Schule Marburg • Richtsberg Gesamtschule Marburg

• Grundschule Stadtallendorf • Georg-Büchner-Schule Stadtallendorf

• Gesamtschule Ebsdorfergrund • Adolf-Diesterweg-Schule Gladenbach-Weidenhausen

• IGS Wollenbergschule Wetter

das Schulklima und unterstützt

19


Marburg

Ein

Kleid,

das

anzieht

von Ina Tannert

So manche Frau lebt für die Jagd nach dem perfekten

Kleid. Egal wie lange es dauert, egal wie unbequem

es ist. Andere Vertreterinnen des schönen Geschlechts

feiern dagegen den Siegeszug der Jeanshose oder generell

die Emanzipation zweckmäßiger Kleider für die Frau. Danke

dafür übrigens, Coco Chanel.

Apropos Chanel – ich blättere in einem Katalog für Chanel-

Stoffe. Voller fluffiger Kleider, einfach geschnitten, in dezenten

Farben. Etwas zu dezent für mein Gegenüber. Ich besuche

gerade die Meisterschneiderin Liliya Latzko in ihrem

Modeatelier in der Ockershäuser Straße. Sie strahlt über das

ganze Gesicht und in einem reizvollen Kleid in rassigem

Rot. Mit Spitze. Sie mag es knallig und glitzernd, so wie

viele ihrer Kundinnen.

20

Die Schneiderin plaudert aus dem Nähkästchen, von feinen

Stoffen aus Italien und Frankreich, vom einfachen Batist bis

zum edlen Jacquard-Stoff. Da fängt die Qual der (Kleider-)

Wahl schon an. Will Frau es einfach, nur bedruckt, kompliziert

gewebt oder gleich Haute Couture? Farbe, Stil, Länge,

Stoffart - die textilen Möglichkeiten erscheinen schier unendlich.

Da ist der einfache Tweed mit Hahnentrittmuster. „Langweilig,

aber edel“, sagt die Designerin. Oder doch Gittertüll mit

glitzernden Pailletten? Das sind echte Hingucker. „Das sind

die Spaß-Stoffe, knallig und auffallend“, sagt Liliya Latzko.

So wie das tiefblaue Kleid von Kundin Veronika Chernov.

Daran zupft die Schneiderin herum, steckt hier eine Naht

ab, legt das allgegenwärtige Maßband an. Brust, Taille, Hüf-

Fotos: Ina Tannert


Marburg

te, Rückenlänge - alles muss genau passen. Dazu hat sie

zuvor aus Einzelteilen zusammengefügt, was zusammengehört.

Vorder- und Rückseite, Abnäher, Einlagen. Es geht

immer am Stoffbruch entlang. Ja, Stoff hat einen Bruch.

Ganz wichtig.

Das Stück ist aus Polyester, das macht alles mit, ist pflegeleicht

und beliebt. Besang doch schon Evelyn Hamann

in „Ödipussi“ die „Schwester Polyester“. Da muss also was

dran sein.

Ein Potpourrie aus Farbe schneidert Liliya Latzko ihrer

Kundin Veronika Chernow auf den Leib

Heißer Hingucker: kurz angeröstet entsteht aus dem Stoffstück eine

Polyester-Blüte

mer den Charakter der Trägerin wie desjenigen, den es im

Idealfall anlockt.

Eine Ausnahme gibt es, nämlich das „kleine Schwarze“.

Denn das geht immer, ist klassisch elegant, seit knapp 100

Jahren. Übrigens auch eine Erfindung von Coco Chanel.

Außerdem kokelt der Stoff. Schneiderschere, Nadel, Faden

- kann ja jeder. Die Meisterschneiderin zückt ein Feuerzeug

und fackelt ein Stoffstück ab. Das schmilzt und stinkt. Heraus

kommen hübsche ausgebrannte Polyester-Blumen. Das

perfekte Accessoire fürs Dekolleté.

Das Kleid soll ein Blickfang werden, sexy, die Weiblichkeit

unterstreichen. Keine Mogelpackung.

„Frauen wollen das

perfekte Kleid, in das man sich

verlieben kann und in dem man

sich in sie verliebt“, sagt die Designerin

kokett. Also zieht Frau

etwas an, um jemand anderen

anzuziehen? Durchaus möglich.

Dann aber auch den richtigen.

Der, der zum eigenen Stil passt.

Das perfekte Kleid trifft also im-

Ein sexy Traum

aus Pailetten: für

die modebewusste

Frau, die auffallen

will, darf es auch

mal ein glitzernder

Eyecatcher sein.

bunt, knallig und mit Spitze - das

mag Frau gerade im Sommer gerne.

Mann an Frau sicherlich auch.

21


xKultur

von Ina Tannert

Gassen mit

Geschichte

Die Alte Gasse (oben) macht ihrem Namen auch optisch alle „Ehre“ - wohingegen

die Mistgasse (unten) deutlich aufgeräumter daherkommt.

Was ist die stolze Marburger Oberstadt

doch schön. Und schön verschlungen

ist sie auch - mit ihren vielen Gassen

und Gässchen. Was dem ortsfremden

Besucher durchaus einiges an Kopfzerbrechen

bereiten kann, ist dem

Ur-Marburger da willkommene Abkürzung

kreuz und quer durch die Altstadt.

Dabei verbinden Gassen nicht nur Orte,

sondern auch Gesellschaften und

ganze Epochen. Ob als halb vergessener

Spalt zwischen architektonischen

Schmuckstücken oder als Geheimtipp

erfahrener Oberstadt-Insulaner. Viele

sind ansehnlich gepflastert, manche

wirken verlottert, sind moosbewachsen,

etwas schäbig. Sie sind krasser

Kontrast zur gepflegten Shoppingmeile

der Altstadt. Bei manchem dieser Stiefkinder

der verkehrstauglichen Infrastruktur

kann man nicht einmal mehr

von Hinterhof-Romantik sprechen.

Doch gerade in ihrer Unvollkommenheit

erzählen die Gassen dem aufmerksamen

Beobachter ihre Geschichte

ganz offen und unverblümt. Da lugt

ein Rest eines alten Sandsteinklotzes

aus dem neuen Mauerwerk, hier bröckelt

der Putz von überstrichenen Relikten

der Vergangenheit. Verblassende

Graffiti, alte Sinnsprüche politisch-idealistischer

Gesinnungen scheinen hier

und da noch durch. Nieder mit dem

Establishment - in diese Richtung geht

die Parole. Ein Relikt der 68er?

Doch findet sich auch der ein oder andere

Augenschmaus im meist kurzen

Verlauf der verwinkelten Wegstücke.

Eine aufwändig geschnitzte Tür, daneben

ein kreatives Kunstwerk, verewigt

im Fundament - alles versteckt sich neben

hastig zurechtgeteerten Stolperfallen.

Na, immerhin gibt es einen befestigten

Boden, den muss es nicht zwangsläu-

22


Kultur

Auf den Spuren der Marburger Gäßchen begab sich Sprachwissenschaftler Dr. Heinrich Dingeldein mit mrlife in die historischen Hinterhöfe der Oberstadt.

fig geben, um sich Gasse nennen zu

re Namen waren auch schon vergeben.

ter Name, der sich wohl auf den hang-

dürfen. Hauptmerkmal jener Wegstü-

Klingt wenig kreativ, ist aber so. „Es

abwärts fließenden Unrat aus dem

cke ist, dass Gassen nie außerhalb lie-

müsste eines der ersten Gässchen ge-

Schloss bezog. Dann doch lieber ein

gen. „Eine Gasse ist typisch innerört-

wesen sein, die außerhalb der alten

Misthaufen vor der Haustür. Dort tra-

lich und diente immer der informellen

Kernstadt lag. Damit lag die Alte Gas-

fen sich zumindest die Schweinehalter

Lokalisierung und der Orientierung“,

se nicht mehr in der Alten Stadt – da

und Nachbarn. Auch ein Beispiel für

berichtet Sprachwissenschaftler Dr.

mussten neue Namen her“, vermutet

einen typischen Aspekt einer Gasse:

Heinrich Dingeldein, der sich gemein-

Dingeldein.

„Die Namen haben so etwas wie eine

sam mit mrlife auf die Spuren der alten

Deutlich eleganter kommt da eine wei-

Nachbarschaft definiert“, sagt Dingeld-

Marburger Gassen begeben hat. Denn

tere Gasse daher, deren Namen nicht

ein. Die Bewohner erhielten so eine

an die historischen Namen von vier

eben auf einen schnurgeraden, aufge-

gemeinsame Identität. Wie beim We-

Gassen in der Oberstadt erinnert die

räumten Weg hindeutet. Die Mistgas-

bersgäßchen, das erstmals im 14. Jahr-

Stadt seit kurzem mit braun-weißen

se unterhalb des Rathauses trug ihren

hundert urkundlich erwähnt wurde,

Touristen-Schildern.

einprägsamen Namen früher einmal

lebten einst an diesem Weg neben der

Die wurden, wie alle Gassen, mit ihrer

zu Recht. Ihre Lage weist darauf hin,

Pfarrkirche doch die Weber der Stadt.

Entstehung von den Bewohnern der

Die benachbarte Windgasse ist da we-

Umgebung benannt - und das meist

niger bekannt, nicht mal bei Google

mit ganz pragmatischem Hintergrund.

Maps. Bei dem Namen fällt es schwe-

Paradebeispiel dafür ist die Alte Gasse.

rer, Rückschlüsse zu ziehen. Durch die

Das kurze Stück Weg zieht sich gegen-

kurze Verbindung in Richtung Kirch-

über der Augustinergasse den Hang hi-

hof könnte einmal besonders stark der

nauf und stoppt unvermittelt an einem

Gartenzaun. Alt und etwas verhärmt

sieht es aus, das kurze verbliebene

Ein Schild in der Barfüßerstraße weist auf die

ehemalige Stadtgrenze hin

Wind gepfiffen haben. Vielleicht war

die Gasse auch als Frischluftlieferant

des Viertels von Nutzen.

Gassenstück. Doch einst war die Alte

Über Jahrhunderte hinweg wurden die

Gasse eine der neuen Gassen. Nämlich

dass einst städtische Schweinehal-

Gassennamen rein mündlich überlie-

jener, die mit der Stadterweiterung im

ter die Gasse rege als Halde nutzten.

fert, ähnlich wie bei alten Hausnamen.

13. Jahrhundert in Richtung Westen

Schweine wurden damals noch in den

Offiziell als Bezeichnung anerkannt

entstanden.

Kellern der Wohnhäuser gehalten. Ein

wurden sie erst ab dem 19. Jahrhun-

Als Marburg weiter wuchs, entstan-

Misthaufen in der Gasse war da nichts

dert, als Hausnummern zur Orientie-

den auch mehr Gassen. Und die er-

Ungewöhnliches, auch kein optischer

rung nicht mehr ausreichten. Heute er-

Foto: Fotos: Ina Tannert

hielten Namen, zumindest inoffizielle.

So entstand wohl die Bezeichnung

Alte Gasse, die gar nicht alt war. Die

Neue Gasse gab es aber schon, ande-

Mangel. Immerhin war der Mist wertvoller

Dünger und Rohstoff.

Mehr in Richtung Abfallgrube tendierte

da das Drecksloch, auch ein al-

innern hübsche schnörkelige Lettern

an die alten Namen – die mündliche

Überlieferung als Hauptaspekt der Tradition

ist heute passé.

23


Gastronomie

Für einen Cocktail oder mehr:

Lecker speisen

im

von Angela Heinemann

Das sind ja schöne Aussichten! Der Satz hat hier, im Marburger

Restaurant Lahnterrasse, eine Doppelbedeutung. Die

schlechte zuerst: An der Dauerbaustelle der Weidenhäuser

Brücke hängt ein Teil des Geschäftserfolgs. Die gute Nachricht:

Der Betrieb in dem geräumigen Lokal läuft ganz normal

weiter. Lecker speisen wie eh und je ist hier angesagt

- mit herrlichem Blick auf das Marburg-Ambiente.

Es ist Mittagszeit, mitten in der Woche, und es wird aufgetischt.

Mediterrane Küche, mit allen Feinheiten, die der

Gaumen des Kenners gewohnt ist. Aber auch internationale

Küche, von argentinischen Steaks über Garnelen bis hin zur

Schweinelende. Passende Weine, Bier, Alkoholfreies.

Professionell geht es in der Küche zu. Tahir Kaya, Inhaber der

Lahnterrasse, ist hier der Chef. Wir dürfen einen Blick hineinwagen

und fotografieren. Frischer Fisch, Bruschetta, bunte

Salate und herzhafte Suppen machen Appetit. Auch wer

Pizza sucht, wird nicht enttäuscht. Mit Routine und Sorgfalt

verlassen die zubereiteten Speisen Pfanne, Topf und Herd.

Lahnterrasse Marburg

Restaurant & Café

Saisonal angepasste Küche

mit internationalem Einfluss.

Lingelgasse 5 • 35037 Marburg

Öffnungszeiten: mo-sa 11-15 Uhr

und 17-23 Uhr

so und feiertags: 11-23 Uhr

im Sommer sa, so und feiertags

durchgehend geöffnet

Tel. 06421-6978000

www.lahnterrasse-marburg.de

Parkmöglichkeiten u.a.:

Parkhaus Erlenringcenter,

• Mensa-Parkplatz (ab 17 Uhr),

• Parkhaus Pilgrimstein,

• Tiefgarage Lahncenter.

24


Gastronomie

Fotos: Rainer Waldinger

„Zwei Kinderschnitzel,“ kommt die Order. An den kleinen

Appetit der jungen Gäste ist auch gedacht. „Wir sind auf

fast alle Wünsche eingestellt,“ sagt der erfahrene Gastronom.

„Eine Zwiebelsuppe“ ruft die Bedienung. – Ja klar.

Geht in Ordnung.

So vielfältig wie die Speisekarte sind auch die Möglichkeiten

in der Lahnterrasse. Separate Räume im Obergeschoss bieten

geschlossenen Gesellschaften Platz. Firmenfeiern und

Jubiläen, Tagungen und Seminare, Hochzeiten, Geburtstage

und Weihnachtsfeiern - all das ist möglich, inclusive Büffets.

120 Personen, so Tahir Kaya, finden im Lokal selbst

Platz, bis maximal 80 Gäste passen auf die Terrasse.

Der Familienbetrieb reagiert schnellstmöglich und mit

größtmöglicher Flexibilität. „Das müssen wir auch,“ sagt

der Inhaber mit gedeckter Stimme. Die Baustelle an der Brücke

– so nötig sie ist – hat den Geschäftsbetrieb merklich gedämpft.

Stammgäste bleiben zum Teil aus, gerade zum Mittagsmenü,

„weil sie es wohl in der Mittagspause nicht mehr

schaffen.“ Der Umweg mit dem Auto um die Stadt oder zu

Fuß über den Mensasteg ist vielen zu zeitaufwändig.

Tahir Kaya hat Verständnis – muss den Einnahmeverlust

aber kompensieren. Die Anpassung des Personalstandes ist

ein wichtiges Element dabei. Das Sortiment muss ständig

überprüft werden.

Kaya hofft auf wieder

bessere Umsätze.

Um hierbei wenigstens

akzeptable

Höhen zu bringen,

ist viel Energie nötig.

„Gerichte von

der Karte sind auch

zum Mitnehmen,“

sagt der Chef. Einfach

ausprobieren,

regt er an – und sich von der

Baustelle nicht abschrecken

lassen. Im Sommer einfach

mal vorbeikommen. Auf die

Terrasse. Für einen Cocktail.

Oder für mehr.

Der Inhaber der Lahnterrasse

bietet seinen Gästen nicht nur

ein gepflegtes Ambiente. Er

ist auch selbst ein exzellenter

Koch.

RESTAURANT

35041 Marburg-Marbach

Oberer Rotenberg 47

Telefon (0 64 21) 3 52 90

www.sellhof.de

· gutbürgerliche Küche

· Familienfeiern bis 80 Personen

Öffnungszeiten: Mi.–So. ab 9.30 Uhr geöffnet

Seit 1881 in Familienbesitz

Ihr Ansprechpartner:

Berthold Wiora

Kontakt unter:

06421 - 1667116

service@wiora.de

Im Künstlerhaus Lenz

können Gesellschaften

bis 50 Personen

komfortabel feiern.

Pflegeimmobilien

- Ihre Renditeanlage

- sicher und renditestark

- gesicherte Mietzahlung

- kein Mieterwechsel

- 25 Jahre Pachtvertrag

- eigenes Grundbuch

Bis ca.

5,0 %

Rendite

25


AuUniversität

Von chemischen

Verbindungen

und der Liebe

zur Musik

Prof. Stefanie Dehnen erforscht

Phänomene der Anorganischen

Chemie

von Norbert Wiedemer

„Ich kann das Chemiestudium besonders empfehlen, weil

es so kommunikativ ist“, macht Stefanie Dehnen Werbung

für ihr Fach. Sie ist Professorin für Anorganische Chemie an

der Philipps-Universität und gleichzeitig Direktorin im Wissenschaftlichen

Zentrum für Materialwissenschaften. Ihre

persönliche Faszination für das Fachgebiet will sie auch den

Studierenden vermitteln: „Ich bemühe mich, meine Veranstaltungen

interaktiv zu gestalten, dabei ist das Feedback

ein wichtiger Faktor. Die angehenden Akademiker sollen

nach Vorlesung oder Seminar sagen können: Das hat Spaß

gemacht.“ Hierfür nutzt sie gerne nach wie vor Tafel und

Kreide als Merkhilfe:

„Einmal durch

die Hand, ist

einmal im Kopf.“

Prof. Dehnen wuchs in Gelnhausen auf und erhielt bereits

an ihrer Schule Impulse für den Beruf: „Ich hatte fantastische

Lehrer, die mein Interesse und meine Freude am Unterrichtsstoff

beflügelt haben.“ Das Studium führte sie an das

Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Ihre Dissertation

beschäftigte sich mit experimentellen und theoretischen Untersuchungen

von Kupfersulfid- und Kupferselenclustern.

Eigentlich hätte nun für die Karriere ein Postdoktorat in den

USA gut gepasst, für das die junge Wissenschaftlerin auch

ein Feodor Lynen Stipendium der Alexander-von-Humboldt-

Stiftung eingeworben hatte, doch die Entscheidung fiel anders

und zugunsten der Familie aus. Die frisch Promovierte

Prof. Stefanie Dehnen lehrt an der Philipps-Universität Anorganische Chemie.

blieb in der ehemaligen badischen Landeshauptstadt und

wechselte zum Postdoktorat statt dem Land das Fach – zur

Theoretischen Chemie. Anschließend kehrte sie in die experimentelle

Forschung zurück und habilitierte sich 2004 im

Fach Anorganische Chemie. Im gleichen Jahr erhielt sie den

Wöhler-Nachwuchspreis der Gesellschaft Deutscher Chemiker.

2005 folgten ein Heisenberg-Stipendium der Deutschen

Forschungsgemeinschaft und der Landeslehrpreis Baden-

Württemberg. 2006 nahm sie schließlich die Berufung auf

„Strahl“: Künstlerische Darstellung

der Weißlichterzeugung aus

Infrarot-Laserlicht.

26


Universität

Fotos: Norbert Wiedemer, Nils W. Rosemann, Dehnen

die Marburger reich der Grundlagenforschung analysiert Prof. Dehnen

Professur an. Strukturen und Eigenschaften von Verbindungen und untersucht,

Heute gilt ihr

wie genau die gewählten Elemente in den Verbin-

aktuelles Forschungsinteressdungen

zusammenfinden und was sie dabei zusammenhält.

multinären Clustern

und Netzwerken,

die aus

Atomen von ein

bis zwei Elementen

der Hauptgruppen

des Periodensystems

und einem Element

der Übergangsmetalle

zusammengesetzt

sind. Solche Stoffe

haben außergewöhnliche

Eigenschaften,

die

Dabei stößt sie durchaus schon mal auf „neue Phänomene,

die Lehrbucherkenntnisse umkrempeln.“

Neben der Arbeit am Fachbereich und einem wöchentlichen

Home-Office-Tag in Karlsruhe ist die dynamische 48-Jährige

häufig zu universitären Veranstaltungen und Kongressen im

Ausland unterwegs. „So kommen gut und gerne zwischen

10 und 15 Vorträge im Jahr zusammen.“ Dabei steht der

wissenschaftliche Austausch mit Kollegen im Vordergrund.

Die Reisen führen oft ins europäische Ausland, nach Kanada,

in die USA, China oder Japan. Außerdem engagiert sie

sich in wissenschaftlichen Gremien wie der Wöhler-Vereinigung

für Anorganische Chemie in der Gesellschaft Deutscher

Chemiker oder im Fachkollegium für Molekülchemie

der DFG. Dehnen schmunzelnd: „Manchmal muss ich mir

morgens überlegen, wo ich eigentlich gerade aufwache.“

In der Universitätsstadt leitet Prof. Dehnen das von Prof.

Kurt Dehnicke ins Leben gerufene Chemikum. Unterstützt

sich über die von Stadt, Universität und Land hat sie gemeinsam mit einem

Elementzusammensetzung

fein

einstellen lassen.

Hier sind optoelektronische

Eigenschaften

sehr aktiven Mitarbeiterteam die Einrichtung, die vor

allem bei Jugendlichen und Kindern das Interesse für die

Chemie wecken soll, konzeptionell und organisatorisch

weiterentwickelt. So wird rund 12.000 Besuchern pro Jahr

der Spaß an naturwissenschaftlichem Experimentieren vermittelt.

Kaum zu glauben, dass diese Vollblutchemikerin ursprünglich

in Erwägung gezogen hatte, ein Musikstudium

zu absolvieren, um Profimusikerin

zu werden. Ihre zweite große

Leidenschaft pflegt sie jedoch heute

auf hohem Niveau im Symphonieorchester

zu nennen, die für Halbleiter

und Fotohalbleiter

des KIT und in einem

Streichquartett. Als Konzertmeisterin

von Bedeutung sind,

ist sie mit beiden Ensembles

oder Ionenleiter, die für

Batterien benötigt werden.

Weiter im Fokus

sowohl in Wettbewerben als auch

konzertant unterwegs und das mit

einem breit gefächerten Programm,

sind Hybrid-Verbindungen,

das Werke aus mehreren Musikepochen

bei denen die

Cluster zusätzlich in organische

Moleküle eingebettet

sind. Unter bestimmten Umständen

weisen diese extrem nicht-lineare-optische

„Blickdichter Zeoball“: Hier handelt

es sich um ein Clustermolekül

umfasst.

Schließlich will auch die Familie mit

Ehemann und Kindern zu ihrem Recht

kommen. „Ich genieße die Zeit mit meinen

Lieben. Vor allem im Urlaub - häufig im

Eigenschaften auf, die zum

Beispiel Grundlage für die kostengünstige Erzeugung von

weißem Laserlicht aus Infrarot-Laserdioden sind. Im Be-

Süden, in der Bretagne oder in England - ‚schlürfen‘

wir zusammen Kultur.“ Zuhause wird gerne das künstlerische

Angebot der Region genutzt.

27


Wirtschaft

Der Bart:

das Make-up

des Mannes

von Ina Tannert

Mit Rasierpinsel

und

Rasiermesser

rückt Barbier

Rabiey Oweid

dem Bart von

Harry Loss zu

Leibe

Grauer Industriecharme empfängt den Besucher

von Raby‘s Barber Shop in der Biegenstraße.

Graue Wände, schwarze Decke, Industrielampen,

Retro-Fliesen in Holzoptik. Darauf stehen Friseure

in braunen Lederschürzen, Rasiermesser in der

Hand. Eine Hommage an die Tradition, die hier

auf die Moderne trifft. Es riecht schwach nach

Nelken und Zedernholz. Das kommt vom Bartöl.

Ja Öl, denn auch der prächtigste Gesichtsschmuck

darf gerne seidenweich sein.

Auf den Friseurstühlen nehmen Männer jeden Alters

Platz. Sie alle verbindet eines – eine üppig

sprießende Gesichtsbehaarung. Bärte in allen

Farben, Formen und Längen, ein Traum für jeden

Barbier. Und das ist sein Laden für ihn auch, sagt

Inhaber Rabiey „Raby“ Oweid. Seinen Traum verwirklichte

der Friseurmeister 2015 und etablierte

ein Domizil für den stilbewussten Bartträger von

heute.

Seitdem wird geschäumt, rasiert, geschnitten, getrimmt

und eingeölt was die Haarpracht hergibt.

Alles für den perfekten Bart-Look. Gut, es geht

auch mal um die Frisur auf dem Kopf, das gehört

dazu. Gearbeitet wird aber vor allem unterhalb

der Nasenpartie. Denn Stoppeln,

„Gesichts-Hecken“

oder unsaubere

Kanten – das

geht gar nicht

und hat im Männergesicht

heute

nichts verloren, findet

der Jungunternehmer.

„Früher wollte keiner

einen Bart haben, heute kann es sich keiner mehr

ohne vorstellen – und ein Bart ist das Make-up eines

Mannes“, sagt der Barbier. Gerade in den letzten

Jahren wächst dieser Trend in der Männerwelt

und damit wachsen allerorts die Bärte.

Da war der Schritt zum Barbier nicht weit, auch

wenn das traditionelle Barbierwesen nicht eben

Teil einer Friseurausbildung ist. Die Arbeit mit der

Rasierklinge, die Allzweckwaffe des Barbiers, lernte

der 24-Jährige

in vielen

schmerzhaften

Selbstversuchen.

Sein Wissen

gibt er heute

weiter und

will „eine fast

vergessene Tradition

wiederbeleben“.

Bei der Barbierkunst

steht

Mit messerscharfem Utensil wird im Barber

Shop gleich der gesamte Kopf des stilbewussten

die Damenwelt

Bartträgers getrimmt und auf Kante gebracht.

mangels Bart

zwar außen vor, doch es gibt eine „Ladies Corner“,

wo auch die Frau nicht zu kurz und zur

Wunschfrisur kommt. Dennoch, der Mann und

sein Bart stehen hier im Mittelpunkt. An einem Ort,

wo Mann verstanden wird, wo man ihm zuhört.

Wer lässt auf dem Friseurstuhl nicht gerne mal

Dampf ab, Männlein wie Weiblein. Und das wird

auch nicht weitergetratscht. Ehrensache für jeden

Friseur. Denn eine Regel des Barbiers lautet: Was

im Barber Shop passiert, bleibt im Barber Shop.

Fotos: Ina Tannert

28


Daniel Sans:

Zwischen Schule und

Konzertbühne Der 43-jährige

Wahl-Bad Endbacher genießt die Mischung

von Angela Heinemann

Fotos: Rainer Waldinger

Daniel Sans lebt das Beste aus zwei Welten. Auf internationalen

Bühnen überzeugt er als Konzerttenor, in der Schule begeistert

er andere fürs Singen. In Kombination ist dies für ihn die Erfüllung

eines Traums: „Ich bin hochmotiviert und kann heute

genau das tun, was ich wollte.“

Er ist fast immer

gut drauf – diese

Beobachtung haben

Kollegen gemacht.

Hinter den gewichtigen

Worten, persönlich „angekommen“

zu sein, bleibt die Ausstrahlung

nicht zurück. Sans kommt positiv rüber,

vermittelt den Eindruck, etwas bewegen zu können.

„Singen kann jeder, der sprechen kann“ – so sein

Statement.

Ermutigen und führen – das ist seine Philosophie. Wie das

geht, hat der 43-Jährige selbst erfahren. Den ersten Gesangsunterricht

bekam er mit acht Jahren und sang im Mainzer Domchor.

Die Prophezeiung von dessen Leiter, es werde mal „mehr“

aus ihm, animierte zum Chorleiterstudium. Im Anschluss entstand

der Kontakt zu Professor Martin Gründler. „Der hat an

der Musikhochschule in Frankfurt einen Opernsänger aus mir

gemacht,“ erinnert sich Sans dankbar.

Mit seinem know-how hatte sich Daniel Sans 2011 erfolgreich

an der Musikschule Marburg als Chorleiter beworben. Er baute

dort Kindergruppe, Jugendchor und Erwachsenenchor auf. Weil

der Ruf ihm vorauseilte, fragten Schulen an. Sans betreute den

Chor der Brüder Grimm Schule, der Gerhard Hauptmann Schu-

Beethoven, Mahler, Schumann: Erstmals hatte Daniel Sans

im November seine Bühne in eine Schule verlegt. Bei einem

Benefizkonzert in der Steinmühle sang er in

Begleitung des Pianisten Matthias Guthier.

le und leitete ab Februar

2012 den Chor der

Montessori Schule.

Die Station danach

sollte bis heute die

letzte werden: Die Aufgabe,

an der Steinmühle

den Oberstufenchor

zu leiten.

„Zum Singen braucht es jemanden, der inspiriert und führt“ – diese

Erfahrung hat Daniel Sans, Konzerttenor, Chorleiter und Musiklehrer,

auch persönlich gemacht.

Daniel Sans erledigte das so gut, dass man ihn fragte, ob er

an dem Gymnasium im Marburger Stadtteil Cappel bleiben

will.

Musikunterricht zu geben lag eigentlich gar nicht so fern.

Pädagogische Aufgaben im Fach Musik umzusetzen – eine

Herausforderung für Daniel Sans.

Alle Altersstufen bringt Daniel Sans seitdem zum Singen

und Musizieren – und geht dabei mit gutem Beispiel voran.

Nicht nur stimmlich, sondern auch auf Klavier, Querflöte

und mittelalterlichem Dudelsack trifft er die Töne, verblüfft

die Klassen 5 beim Musical, die Klassen 6 beim gemeinsamen

Gesang und die Zehner, die Trommelklasse. Nach

seiner Anleitung spielen die Klassen 7 den Dudelsack – ein

Instrument, das polarisiert. Den Oberstufenchor führt Sans

immer noch. Etwas Gewohnheit tut zwischendurch gut.

„Bitte aber nicht allzu viel davon“, sagt der Tenor mit Wohnsitz

in Bad Endbach. „Das Rad dreht sich immer,“ meint

Sans – und er lebt auch so. Heute vor Schülern, morgen vor

Konzertbesuchern.

Denn die Bühnenauftritte als Tenor lässt er sich nicht nehmen.

Ein bisschen Tour muss sein.

29


Marburg

Prof. Karl Prümm: Initiator des

Marburger Kamerapreises.

Lange nichts gehört von …

Prof. Karl Prümm

von Norbert Wiedemer

Ende April wurde zum 18. Mal der Marburger Kamerapreis

verliehen, diesmal an die französische Kamerafrau Hélène

Louvart. Im Beirat, der die Preisträger auswählt, ist seit langem

Prof. Karl Prümm mit von der Partie. Dem emeritierten

Medienwissenschaftler ist es zu verdanken, dass es diese

Auszeichnung gibt, die inzwischen internationales Renommee

genießt. Er war es, der zur Jahrtausendwende die Initiative

ergriff und nach Partnern suchte, mit denen er den

Kamerapreis und die damit verbundenen Kameragespräche

in die Tat umsetzen konnte. Er fand sie schließlich in der

Philipps-Universität, dem Fachdienst Kultur, dem Marburger

Filmkunsttheater

und dem Berufsverband

Kinematografie

(BVK).

Eigentlich wollte

Prof. Prümm, der

vor kurzem seinen

73. Geburtstag

feierte, nach dem

Abitur die journalistische

Laufbahn

Filmexperten unter sich: Hubert Hetsch, Richard Laufner, einschlagen, ein

Prof. Karl Prümm und Dr. Michael Neubauer (Berufsverband

Kinematografie).

Volontariat beim

Saarländischen

Rundfunk bot gute Voraussetzungen. Doch dann kam das

Studium der Germanistik und Geschichtswissenschaft in

Marburg und Saarbrücken auf die Agenda. Nach der Promotion

folgte eine wissenschaftliche Assistenz in Bonn und

Siegen sowie die Habilitation. Die akademische Laufbahn

30

führte ihn weiter an die FU Berlin, wo er eine

Professur für Theaterwissenschaften im Bereich

Film und Fernsehen annahm. Von 1994

bis 2010 war er schließlich in Marburg Professor

für Medienwissenschaften.

In Seminaren und Kameragesprächen konnten

die Studenten die Begeisterung Prümms für

Kameraarbeit und Kameraanalyse miterleben.

Daraus entstand eine Buchreihe zu den Preisträgern.

Und auch in den Medien ist Prümm

als Experte gefragt. Fernsehkritiken, Beiträge

im Feuilleton überregionaler Printmedien, ein

Begleitband für die Berlinale 2014 und die Jurytätigkeit

für den Adolf-Grimme-Preis sind

nur einige Beispiele.

Mit großer Empathie erzählt Prümm von seinem

aktuellsten Projekt, bei dem er einmal nicht als Filmanalyst,

sondern erstmals als Regisseur und Drehbuchautor

aktiv war. Mit Unterstützung eines Kameramanns drehte er

zwei Dokumentarfilme über den Regionalschriftsteller Ludwig

Harich, dessen Roman „Weh dem, der aus der Reihe

tanzt“ die unselige Vergangenheit zwischen 1933 und 1945

aufarbeitet und Pflichtlektüre im saarländischen Zentralabitur

ist. Beide Streifen sollen übrigens in der saarländischen

Landesvertretung in Berlin, aber auch in Marburg aufgeführt

werden. Privat widmet sich der rüstige Pensionär der

Lektüre „großer Romane“ und langen Spaziergängen. Doch

auch die klassische Musik hat es ihm angetan: Bach, die

romantische Epoche und Werke des 20. Jahrhunderts sind

seine Favoriten. Dazu spielt er Klavier und bringt sich gerade

selbst Querflöte bei.

Und schließlich ist da noch die Familie: Mit seiner Frau

kümmert er sich gerne um die Enkel.

Design Gemütlichkeit Qualität

CI 41T

Contura 35

Contur i51

MCZ Pelletofen WW Musa Hydromatic 16 kW

Angebot 3.455 € abzgl. 2.000 € Förderung

Kachel · Ofen · Systeme Kamin · Ofen · Scheune

35396 Gießen

35043 Marburg-Cappel

Marburger Str. 240

Moischter Str. 10

Tel. 06 41/71970 · Fax 73826 Tel. 0 6421/471 85 · Fax 5 1433

Dipl.-Ing. E. Heuser

www.kos-kamine.de

Fotos: Norbert Wiedemer


Schatztruhe für Krimi-Freunde

von Christina Rausch

Kluftinger

Ebbelwoijunkie

Das Böse es bleibt

Unter Freunden der Regionalkrimis gilt er schon

seit Jahren als Kultfigur: Kommissar Kluftinger.

Jetzt ist der zehnte Krimi des Autorenduos Volker

Klüpfel und Michael Kobr erschienen. Und

zum Jubiläum geben die beiden Autoren auf

rund 500 Seiten ordentlich Gas.

Ganz stolzer Opa, schiebt Kluftinger sein Enkelkind,

das kleine “Butzele”, im Kinderwagen zum

Friedhofsgang an Allerheiligen – schließlich

sollen alle den Nachwuchs sehen. Vor einem

halben Jahr ist der Enkel geboren. Ein makabrer

Streich macht dem Kommissar einen Strich

durch seine Stolzer-Opa-Tour: Auf einem frischen

Grab steckt ein Grabkreuz, darauf steht

Kluftingers Name. Dieser zeigt sich zunächst

unbeeindruckt und hält die Aktion für einen

Scherz. Kurze Zeit danach erscheint dann auch

noch eine Todesanzeige in der Zeitung. Diese

gibt Kluftingers Tod bekannt und ganz langsam

nimmt auch der Kommissar an, dass es sich

um mehr als einen makabren Scherz handeln

muss… Doch wer hat es auf Kluftinger abgesehen?

Gemeinsam mit seinen Kripo-Kollegen

nimmt er die Ermittlungen auf.

Kluftinger ist der bisher emotionalste und persönlichste

Fall um den kauzigen Kommissar aus

dem Allgäu. Spielte Kluftingers Vergangenheit

in den bisherigen Büchern eine Nebenrolle,

wird ihr im neuen Fall die Hauptrolle zugeschrieben.

“Kluftinger” beginnt wie ein typischer Fall der

Reihe, der natürlich auch die gewohnte Portion

Klamauk mitbringt. Dann nimmt der Fall an Fahrt

auf und gewinnt an Dramatik. So gibt es neben

skurillen Momenten auch Ereignisse, die sowohl

Kluftinger als auch den Leser erschüttern.

Eine grausame Vorstellung für alle Apfelwein-Fans:

Es ist kaum zu glauben, aber das hessische Nationalgetränk,

der Ebbelwoi ist in Gefahr! Die EU

plant, die tägliche Menge des Kult-Getränks zu limitieren.

Schuld daran ist EU-Politiker Hans-Georg

Schumann – der zu Gesprächen in Frankfurt erwartet

wird, aber niemals ankommt. Ein Sonntagmorgen:

Kommissar Rauscher liegt noch im Bett,

als ein Anruf den Sonntag beendet. Vor der Börse

wurde ein Toter gefunden. Auf dem Bären sitzend,

der Körper mit Draht und einem Holzkreuz auf der

Figur befestigt. Noch am Fundort erfahren die Ermittler,

dass es sich bei dem Toten um Schumann

handelt. Ebenfalls am Tatort finden sie eine Spritze

und entdecken eine Einstichstelle am Hals des Toten.

Was ist bloß passiert?

Noch am Vormittag erfahren die Beamten, dass

Schumann am Vorabend ein Arbeitsessen im Römer

gehabt hätte – um über die Ebbelwoi-Geschichte

zu sprechen.

Der Fall scheint gelöst, denn bald wird der Taxifahrer

gefunden, dessen letzter Fahrgast Schumann

war. Karl Wöhr, Apfelwein-Konsument und Gegner

der geplanten EU-Verordnung, gibt zu, den Politiker

entführt und Ebbelwoi injiziert zu haben. Umgebracht

will er ihn nicht haben… Für Rauschers

Chef ist klar: Wöhr ist der Mörder. Das sieht Rauscher

anders. Es kommt zum Streit, Rauscher wird

suspendiert – und ermittelt heimlich. Als auch

noch sein Sohn entführt wird, ist das Entsetzen

groß. Wer steckt dahinter? Und was hat der Fall damit

zu tun?

Auch Nicht-Ebbelwoi-Trinker werden Spaß an “Ebbelwoijunkie”

haben: Der Fall ist alles andere als alltäglich

und sehr unterhaltsam.

Winter 1974 in Südtirol, die junge Marlene

kämpft sich mit ihrem Auto über kurvige Bergstraßen.

Um sie herum tobt ein Schneesturm,

sie ist in Todesangst. Marlene weiß genau, dass

ihr Mann sie umbringen lassen wird, weil sie ihn

verlassen will. Weil sie ihn vermeintlich betrogen

hat. Weil sie einen Beutel voller wertvoller

Saphire aus seinem Safe genommen hat. Die

Steine sollen ihr den Start in ein neues Leben

ermöglichen. Doch Marlenes Mercedes kommt

von der Straße ab und stürzt in eine Schlucht.

Die junge Frau wird von einem alten Mann

entdeckt und gerettet – Glück im Unglück, so

könnte man annehmen, doch dass sie in der

einsamen Berghütte des alten Simon Keller alles

andere als in Sicherheit ist, kann Marlene

da noch nicht ahnen… Zwischen Marlene und

dem alten Bauern Simon entwickelt sich nach

und nach eine Beziehung, für die es keine Beschreibung

gibt. Etwas verbindet sie und doch

steht etwas zwischen ihnen.

Kann das alles wirklich passiert sein? Ist es Fantasie?

Diese Frage kommt während der Lektüre

von Luca D‘Andreas Thriller „Das Böse es bleibt“

häufiger auf. Fantastische Elemente und Erinnerungen

wechseln sich mit knallharter Gegenwart

ab. Es ist Luca D‘Andreas ganz besondere

Erzählweise und die wortgewaltige Art

zu schreiben, die den Thriller zu einem echten

Lese-Erlebnis machen. Der Autor schafft es, eine

derart geballte Menge an subtiler Spannung

zwischen den Zeilen unterzubringen, dass die

Lektüre für Gänsehaut- und Gruselmomente

sorgt. Das Buch ist keine leichte Kost, aber in Sachen

Spannung und Sprache außergewöhnlich.

Kluftinger

Volker Klüpfel & Michael Kobr, 480 Seiten, Ullstein

Buchverlage, 22 Euro

Gerd Fischer

Ebbelwoijunkie, 246 Seiten,

Mainbook Verlag, 10 Euro

Luca D‘Andrea

Das Böse es bleibt, 432 Seiten,

DVA, 15 Euro

31


Unterhalten. Werben. Verkaufen.

Neu: Die OP Mediabox

Werten Sie Ihren Verkaufs-und Wartebereich auf!

Bereits ab

1 € pro Tag

Werbung auf großen Bildschirmen ist heutzutage überall präsent. Begeistern auch Sie Ihre Kunden mit aktuellen Angeboten und Aktionen.

Mit der OP Mediabox gelingt es Ihnen, die Wartezeit Ihrer Kunden angenehmer zu gestalten und den Abverkauf durch Eigenwerbung zu steigern.

Setzen Sie auf die zeitgemäße, innovative Form der Werbung und erstellen Sie im Handumdrehen Ihr eigenes Programm aus aktuellen regionalen

Nachrichten, überregional Inhalten, dem Wetter und eigenen Angeboten.

Ihr Display. Ihr Programm. Ihr Erfolg.

» Lokale Nachrichten der OP » Überregionale Meldungen von RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND)

» Einbindung von eigenen Inhalten » Regionales und überregionales Wetter

Komplettsystem …

mit integrierter Mediabox

in verschiedenen Größen:

22“, 32“, 43“, 49“ und 55“

… oder Mini PC

(116x112x44,47 mm)

für bereits vorhandene Bildschirme

KONTAKT

Tel. 0 64 21 / 409 194 | mediabox@op-marburg.de | weitere Infos unter

www.op.media-box.de

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!