Kultur ohne Ausnahme!?

afuw2017

Kultur ohne Ausnahme!?

Aktions – Forschungs – Geschichten

aus den Jahren 2015 bis 2018

In Kooperation mit dem Projekt


Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Das ist ein Plakat über unsere Aktionsforschung in Kooperation mit dem Reutlinger Projekt KULTUR OHNE

AUSNAME in den Jahren 2015 bis 2018.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Übersicht

1 Eine Frage der Geschichte ........................................................................ 4

2 Vorgeschichte .......................................................................................... 5

3 Weitere Erfahrungen sammeln ............................................................... 13

3.1 Wohin des Weges? ......................................................................................................... 13

3.2 Unterwegs im Reutlinger Kulturleben............................................................................... 21

4 Weitere Geschichten erkunden und vermitteln ...................................... 55

4.1 Wie weiter? .................................................................................................................... 55

4.2 Wo´s passt...................................................................................................................... 57

4.3 Geschichten von unterwegs............................................................................................. 61

5 Weitere Perspektiven entwickeln ........................................................... 74

6 Nachwort ............................................................................................... 89

Auf dem Foto sieht man die Aktionsforscher Matthias Braun (mit Klappe) und Thomas Geprägs (mit Mikro).

Dieser Bericht mit Aktions – Forschungs – Geschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

wurde im Sommer 2018 zusammengestellt von der

AfuW - Agentur für unschätzbare Werte

gemeinnützige UG (haftungsbeschränkt)

Gönninger Straße 112

72793 Pfullingen

Telefon: 0151-10710576

www.unschaetzbare-werte.de

Geschäftsführer: Harald Sickinger

Handelsregisternummer: HRB 748115

Registergericht: Amtsgericht Stuttgart

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

1 Eine Frage der Geschichte

„Geschichten sind wie Such- und Punktscheinwerfer; sie beleuchten Teile der Bühne,

während der Rest im Dunkeln bleibt. Sie wären nicht wirklich nützlich, wenn sie die

gesamte Bühne gleichmäßig erhellen würden.“.

Das steht auf Seite 27 des Buches „Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der

Moderne“. Dieses Buch handelt davon, wie Menschen in der modernen Welt aus dem

gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt werden. Geschrieben wurde es im Jahr 2005 von

Zygmunt Baumann.

Die folgenden Aktions–Forschungs–Geschichten erzählen von Teilen aus unserem

Aktions-Forschungs-Puzzle, die womöglich auch für andere nützlich sind.

Sie beleuchten Perspektiven von Menschen, die aus eigener Erfahrung wissen, was es

bedeutet, wenn man ausgegrenzt bzw. behindert wird.

Mit Expertinnen und Experten aus eigener Erfahrung gehen wir der Frage nach, wie wir

Barrieren abbauen oder überwinden können. Dabei erzählen unsere Geschichten auch,

wie wir trotz vieler Barrieren zahlreiche Schätze im Kulturleben entdecken.

Unsere Geschichten handeln davon, wie wir In Verbindung mit dem Projekt „Kultur

ohne Ausnahme“ mehr als drei Jahre lang das kulturelle Leben in Reutlingen erkunden.

Wir fragen zum Beispiel: Was ist eigentlich Kultur? Wo gibt es Kultur? Was hilft, damit

alle dabei sein können? Werden Menschen daran gehindert, ihre Interessen und

Talente zu verwirklichen? Wie können wir das Kulturleben so verändern, dass niemand

mehr ausgeschlossen wird?

Auf dem Foto sieht man Thomas Geprägs beim Interview mit einem Besucher des Musik-Festivals Inter:Komm!

im Jahr 2017. Im Hintergrund an der Kamera steht Harald Sickinger. Foto: Alex Müller.

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Wir stellen Fragen und setzen uns für Verbesserungen im Kulturleben ein. Das nennen

wir Aktionsforschung.

Meistens arbeiten wir dabei in kleinen Teams. Manchmal sind wir aber auch viele. Wir

gehen unseren persönlichen Interessen und Talenten nach, erkunden Kultur-Orte und

versuchen herauszufinden, wie´s für alle passt.

Was wir erfahren, erzählen wir mit Hilfe von unterschiedlichen Medien weiter. Oft

verwenden wir dabei Filmaufnahmen von unserer Aktionsforschung.

Wenn wir auf diese Weise unsere Geschichten vermitteln, dann wollen wir dadurch

zum Mitforschen und Mitmachen einladen.

So kommen wir nach unserer Erfahrung weiter.

2 Vorgeschichte

„Was hältst Du davon, von Kultur für alle?“

Im Sommer 2014 bekommt die Agentur für unschätzbare Werte von der Organisation

BAFF aus Reutlingen eine Anfrage.

BAFF steht für Bildung – Aktion – Freizeit – Feste und organisiert schon viele Jahre lang

Aktivitäten mit vielen unterschiedlichen Menschen. Getragen wird BAFF von den

Behindertenhilfeorganisationen BruderhausDiakonie und Lebenshilfe.

Die Anfrage lautet, ob wir im Rahmen eines geplanten Projektes zusammenarbeiten

wollen. Das Vorhaben heißt „Kultur ohne Ausnahme“.

BAFF hat zu diesem Zeitpunkt bereits einen Förderantrag bei Aktion Mensch gestellt

und ein kleines Vorprojekt gestartet. Als weitere Partnerorganisationen sind bisher das

Kulturzentrum franz.K, das Kulturamt der Stadt Reutlingen und die Volkshochschule

Reutlingen dabei.

Diese Kooperationspartner haben in der Vergangenheit bereits beim Festival „Kultur

vom Rande“ zusammengearbeitet. Sie wollen, dass gemeinsame Kultur von Menschen

mit und ohne sogenannte Behinderung nicht nur während des Festivals, sondern

immer zu erleben ist. Das Projekt „Kultur ohne Ausnahme“ soll dazu beitragen, dass

Kultur für alle noch selbstverständlicher wird, in Reutlingen und darum herum.

Wir vereinbaren, dass dabei auch die Agentur für unschätzbare Werte mitwirkt und so

starten im Herbst 2014, während der Vorphase des Projektes, unsere ersten

Aktionsforschungsversuche.

Dabei entsteht unter anderem ein Film-Clip mit den folgenden Ausschnitten aus

Straßeninterviews:

Thomas Geprägs: „Was hältst Du davon, von Kultur für alle?“

Passant 1: „Gut, find ich.“

Passantin 2: „Für Kranke, oder?“

Thomas Geprägs: „Ja, ja, für gesunde und für kranke Menschen.“

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Passantin 2: „Ja, würd ich sagen. Und auch für alle, die jetzt bei uns hier noch alle

kommen und so, also das ist Kultur, dass man die alle aufnehmen tut, oder?“

Rolf Rathfelder: „Kultur für alle!“

Passantin 3: „Das ist prima.“

Rolf Rathfelder: „Das ist gut?“

Passantin 3: „Kultur am Rande!“

Rolf Rathfelder: „Ja, so ähnlich.“

Im zweiten Teil des Clips sieht man Markus Lemcke, wie er vor der Internetseite des

Festivals „Kultur vom Rande“ 2014 sitzt. Es läuft ein Film mit unterschiedlichen

Künstlerinnen und Künstlern, die bei dem Festival aufgetreten sind.

Auf diesem Standbild sieht man Markus Lemcke und die Internetseite des Festivals „Kultur vom Rande“.

Harald Sickinger: „Markus, diese Szenen, was bringen die für Dich zum Ausdruck?“

Markus Lemcke: „Dass barrierefreie Kultur sehr unterschiedlich sein kann, dass es eben

sehr viel unterschiedliche Menschen gibt, bei den Menschen mit Behinderungserfahrungen,

die sehr viel unterschiedliche Fähigkeiten haben.“

http://vimeo.com/afuw/kulturfueralle

Markus Lemcke ist Experte für Barrierefreiheit im Bereich der elektronischen

Datenverarbeitung.

Thomas Geprägs und Rolf Rathfelder engagieren sich in Reutlingen im Arbeitskreis

Selbstbestimmung. Das gilt auch für einige andere Bürger*innen, die jetzt bei unserer

Aktionsforschung in Verbindung mit dem Projekt „Kultur ohne Ausnahme“ mitmachen.

Namentlich sind das Frank Bakos, Matthias Braun und Angelika Lotterer.

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Sowohl der Arbeitskreis Selbstbestimmung als auch Markus Lemcke waren vor einigen

Jahren bereits an einem Film der Agentur für unschätzbare Werte gegen

Diskriminierung beteiligt.

Ausgegangen ist das Videoprojekt damals von einer Geschichte, die sich im Jahr 2010

zugetragen hatte: Der Türsteher einer Reutlinger Disco verweigerte einem Mann den

Zutritt und begründete das mit dessen Hautfarbe.

Auf diesem Standbild aus unserem Film „...dass alle Menschen gleich sind...“ sieht man einen YouTube - Clip über

den Diskriminierungsfall an der Disco-Türe. In unserem Film schaut Markus Lemcke die Szenen auf YouTube an.

Er sagt, dass es seiner Meinung nach gut ist, wenn so etwas öffentlich gemacht wird.

http://vimeo.com/afuw/ausschnitt-film-gegen-diskriminierung

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Ausgrenzungen stattfinden. Wir wollen aber

ein Kulturleben, wo alle ihre Interessen und Fähigkeiten verwirklichen können. Das

motiviert uns zur Aktionsforschung in Reutlingen und darum herum.

Im Herbst 2014 machen wir uns auf den Weg zu unserer ersten Besichtigungsaktion in

der Reutlinger Stadthalle.

„Und Action!“

„Kamera läuft. Und Aktion!“, sagt der Kameramann Matthias Braun. Dann startet

Thomas Geprägs am Computer das Straßeninterview seines Kollegen Rathfelder über

Kultur für alle, Kultur vom Rande und die Stadthalle.

Bei den Aufnahmen von der Besichtigung kommen Erinnerungen hoch.

Der Film-Clip zeigt, wie Thomas Geprägs, Angelika Lotterer und Rolf Rathfelder auf die

Erkundung mit dem Stadthallen-Manager Christoph Lang zurückblicken.

https://vimeo.com/afuw/stadthalle

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Dazu gekommen sind die Beteiligten damals, nachdem sie im Freizeitprogramm der

Organisation BAFF von unseren geplanten Aktionen gelesen hatten.

Oben sieht man Matthias Braun bei seiner Arbeit als Kameramann.

Das Bild unten zeigt Memory-Kärtchen, die an unseren ersten Besuch in der Stadthalle erinnern.

„Wen von Euch kann man ansprechen,

wenn ich oder meine Kollegen Unterstützung brauchen?“

Markus Lemcke erklärt: „Zunächst geht´s eben darum, dass ... die Orte, wo Kultur

stattfindet, von den baulichen Bedingungen her barrierefrei sind, aber dass eben auch

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das Personal darauf eingerichtet ist, dass Menschen mit Behinderungserfahrungen

einfach individuelle Wünsche haben, was ...die Teilnahme an Kultur angeht.“.

Anfang 2015 kommen im Kulturzentrum franz.K einige Interessierte zusammen, um

mit dem Geschäftsführer Andreas Roth hinter die Kulissen zu schauen.

Auch bei dieser Aktion machen wir wieder Filmaufnahmen.

Wir stellen Andreas Roth viele Fragen.

Franziska Schiller will zum Beispiel wissen: „Wen von Euch kann man ansprechen, wenn

ich oder meine Kollegen Unterstützung brauchen?“.

Andreas Roth erklärt uns, dass es an der Eintrittskasse und an der Theke immer

Menschen gibt, die weiterhelfen können.

Der erste Kontakt von Franziska Schiller mit der Agentur für unschätzbare Werte hat

sich in der Vorphase des Projektes bei einer Veranstaltung zum Thema Inklusion

ergeben.

Wir hatten zu diesem Zeitpunkt bereits unsere ersten Aktionsforschungserfahrungen

beim Besuch in der Reutlinger Stadthalle gemacht.

Weil hier noch keine Menschen dabei waren, die im Rollstuhl unterwegs sind, suchten

wir bewusst nach Menschen mit diesbezüglichen Erfahrungen.

Bei unserer Aktionsforschung im franz.K mischt auch Detlef Hartwig mit.

Wie einige andere Mitwirkende, war er davor bereits bei unserem Aktionsforschungsfilm

gegen Diskriminierung beteiligt.

Im franz.K fragt Detlef Hartwig: „Wenn die Menschen jetzt reinkommen zur Tür und

sagen: So, jetzt hab ich meine Eintrittskarte verloren. Wie können wir das lösen mit den

Eintrittskarten?“.

Andreas Roth erklärt, dass so etwas schon manchmal vorkommt und dass man in

diesem Fall miteinander spricht. Meistens findet sich dann auch eine Lösung.

http://vimeo.com/afuw/besichtigung-franzk

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Der Mann vom Kulturzentrum franz.K sagt auch, dass wir ihm durch unsere Fragen

wichtige Anregungen geben.

Hier sieht man Andreas Roth während unserer Führung hinter die Kulissen im Kulturzentrum franz.K.

In der Folgezeit sind wir immer wieder bei Veranstaltungen im franz.K und im

angrenzenden Cafe Nepomuk unterwegs.

Zu diesen Veranstaltungen gehört auch ein Auftritt der Band „Station 17“. Hier machen

Menschen mit und ohne Handicap zusammen Musik.

Wir geben unsere Erfahrungen an Andreas Roth und an die anderen Partnerinnen und

Partner des Projektes „Kultur ohne Ausnahme“ weiter. Dafür nutzen wir Videoausschnitte

von unseren ersten Erkundungen.

Auch helfen wir bei der Vorbereitung einer Filmpräsentation im franz.K mit. Dabei geht

es um das Thema „Inklusion weltweit“.

Kultur ist alles,

wo man auf eine bestimmte Sache aufmerksam macht.“

Immer wieder sind wir außerdem im Schaffwerk aktiv.

Das ist ein altes Haus in Pfullingen.

Hier sammelte ein Mann aus Pfullingen viele alte Dinge und manche formte er um.

Im Jahr 2010 starb dieser Mann.

Das Haus und die vielen Dinge darin erbte seine Tochter.

Jetzt entsteht aus diesem Erbe nach und nach ein lebendiges Museum.

Dabei helfen wir mit.

Es beginnt bei einem Gespräch mit der Hauseigentümerin Sabine Kramer im Frühling

des Jahres 2015.

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Weil das Haus bisher mit größeren E-Rollstühlen gar nicht zugänglich ist, besorgt

Franziska Schiller einen Falt-Rollstuhl zum Umsteigen.

http://vimeo.com/afuw/faltrolli

Am 28. April 2015 erscheint im Reutlinger Generalanzeiger ein Artikel über die

Entwicklungen in dem Haus.

Hier sieht man unter anderem, dass auch Aktionsforscherinnen und Aktionsforscher

mit Behinderungserfahrungen mitarbeiten.

Das ist ein Foto mit Bildunterschrift aus dem Artikel der Journalistin Patricia Kozjek:

Der ganze Artikel: https://www.yumpu.com/s/6FDo5zGkmeAEbXTx

Bei Rundführungen durch das Haus kann man Sagen und Märchen hören. In der

Scheune erzählt Sabine Kramer das Märchen über die Bremer Stadtmusikanten:

„Es hatte ein Mann einen Esel, der ihm schon lange Jahre treu gedient, dessen Kräfte

aber nun zu Ende gingen, so dass er zur Arbeit immer untauglicher war. Da wollt´ ihn

der Herr aus dem Futter schaffen, aber der Esel merkte, dass kein guter Wind wehte,

lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen; dort, dachte er, kannst Du ja

Stadtmusikant werden...“.

Sigrid Müller, die älteste Mitwirkende in unserem Aktionsforschungsteam, denkt bei

dieser Geschichte an eine andere Geschichte. Wir sitzen in der Schaffwerk-Scheune.

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Sigrid Müller sagt, dass im Dritten Reich die Menschen aussortiert worden sind und

fügt hinzu: „Damit fängt es an, das einsam werden, wenn jemand sagt: Dich brauch ich

doch nicht mehr, was kannst denn Du? Und für mich ist es ganz schlimm, wenn ich nach

meinem Beruf gefragt werde. Ich muss drauf schreiben: Ungelernte Arbeiterin. Und im

Grund genommen stimmt das gar nicht.“.

Die 77jährige Sigrid Müller macht bereits seit der Stadthallenbesichtigung bei unserer

Aktionsforschung mit. Dazu gekommen ist sie durch ihren Kontakt mit Peter Föll. Das

ist ein Mitarbeiter der BruderausDiakonie, der uns beim Start unserer

Aktionsforschung unterstützt hat.

„Was ist eigentlich Kultur?“ fragen wir uns in der Anfangsphase immer wieder.

Sigrid Müller antwortet: „Kultur ist alles, wo man auf eine bestimmte Sache

aufmerksam macht.“. Andere ergänzen: Museen, Theater, Musik. „Alles was schön ist“,

sagt Angelika Lotterer. „Alles was Spaß macht“, fügt Rolf Rathfelder hinzu.

Wir stellen auch die Frage: „Was ist dann eigentlich keine Kultur?“.

Angelika Lotterer meint: „Wenn man über einen bestimmt, was man tun muss.“.

Schlechtes Benehmen, Gewalt und Krieg, sind weitere Stichworte, die wir sammeln.

Dann meldetet sich Sigrid Müller und erklärt eindringlich, dass es auch keine Kultur ist,

wenn man sich an die Geschichte gar nicht erinnert.

In einer unserer Filmaufnahmen zeigt Sigrid Müller einen Stoffdruck. Den hat sie bei

ihrer Arbeit in der sogenannten TSA gemacht. Das ist eine Abkürzung und bedeutet

tagesstrukturierende Angebote.

Sigrid Müller: „Da sieht man die Kunst des Stoffdruckens einer 77jährigen Künstlerin.

Eigentlich fällt mir das jetzt schwer zu sagen Künstlerin, weil ich als junger Mensch ja

nur, wenn ich´s mal ganz gemein sagen darf, der Abfall war,...der nie was konnte...“.

http://vimeo.com/afuw/kunst-des-stoffdruckens

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3 Weitere Erfahrungen sammeln

Im Lauf des Frühlings wird klar, dass die Stiftung Aktion Mensch das Projekt „Kultur

ohne Ausnahme“ ab dem Sommer 2015 drei Jahre lang fördern wird.

Elisabeth Braun und Rosemarie Henes übernehmen die Projektleitung. Markus Christ

beginnt im Kulturbüro mit vielfältigen Vernetzungsaktivitäten. Mit der Agentur für

unschätzbare Werte wird eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen. Unsere

Aktionsforschung soll bis zum Sommer 2018 weitergehen. Die Verantwortung hierfür

übernimmt Harald Sickinger Die Vorphase des Projekts ist zu Ende, jetzt geht´s so

richtig los.

Faltblatt „Kultur ohne Ausnahme“: https://www.yumpu.com/s/9WyplPXdxLRkCUqT

3.1 Wohin des Weges?

„Was hört Ihr Euch sonst für Musik an?“

Die Kamera filmt einen Ordner. Darauf steht geschrieben: „Verschiedene

Musikgruppen M. Braun“.

Harald Sickinger : „Was ist das, Matze, was man da sieht?“

Matthias Braun: „Verschiedene Musikgruppen“

Harald Sickinger: „Die hast Du da gesammelt, oder?“.

Daraufhin klappt der Experte aus eigener Erfahrung und Mit-Aktionsforscher seinen

Musik-Ordner auf. Den hat er extra mitgebracht, um ihn zu zeigen.

Auf der ersten Seite sieht man einen Veranstaltungshinweis. Es geht dabei um ein

schon länger zurückliegendes Konzert des Liederkranzes Reudern: Das

Weihnachtsoratorium von Heinrich Fidelis Müller.

Matthias Braun erklärt: „Es ist das Mitteilungsblatt von daheim, wo ich gebürtig her

komm.“.

http://vimeo.com/afuw/musikordner

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In einem Orgelkonzert in Reutlingen war Matthias Braun bisher noch nie. Als wir aber

im Sommer 2015 überlegen, ob und wie wir die lange Orgelnacht erforschen könnten,

da ist er gleich dabei.

Am 15. August von 20 Uhr bis 24 Uhr wird an drei Orgeln gespielt und der

Beleuchtungsmeister Holger Herzog lässt die Kirche mit rund hundert Scheinwerfern

in einem ganz besonderen Licht erscheinen. Mit ihm verabreden sich Matthias Braun,

Thomas Geprägs und Harald Sickinger schon zwei Stunden vor Beginn der

Veranstaltung.

Hier erklärt Holger Herzog (links) den Aktionsforschern Matthias Braun (in der Mitte) und Thomas Geprägs

gerade, wie er die Scheinwerfer steuert.

In unseren Filmaufnahmen findet sich unter anderem diese Gesprächspassage:

Holger Herzog: „Ja, und jetzt habt Ihr Euch ein Orgelkonzert rausgesucht?“

Thomas Geprägs: „Ja.“

Matthias Braun: „Mhm.“

Holger Herzog: „...was hört Ihr Euch sonst für Musik an...?“

Thomas Geprägs: „Alles.“

Holger Herzog: „Alles?“

Matthias Braun: „Ich auch.“

Holger Herzog: „Alles?“

Matthias Braun: „Mhm“

Holger Herzog: „Ah“

Thomas Geprägs: „...Volksmusik, Country bissle“.

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Mathias Braun: „Truck...“

Thomas Geprägs: „Truck Stop kennst Du?“

Matthias Braun: „Sagt Dir Truck Stop was?

Holger Herzog: „Truck Stop? Ja, ja, ja. Ja. Ja.“

Matthias Braun: „...Hansestadt Hamburg“.

http://vimeo.com/afuw/was-hoert-ihr

Im Musikordner von Matthias Braun gibt´s weiterführende Informationen über die

Musikgruppe aus der Hamburger Gegend. Das zeigt er uns, als wir an einem anderen

Tag im Pfullinger Schaffwerk zusammensitzen.

„Der wilde, wilde Westen fängt gleich hinter Bernloch an“, sagt Matthias Braun dabei.

„Wer singt das?“, fragt Harald Sickinger.

„Truck Stop singt das“, antwortet Detlef Hartwig.

Er ist ein Freund von Matthias. Immer wieder unternehmen die beiden etwas

zusammen. Zum Beispiel spielen sie gemeinsam Tischtennis.

„Dass die Leute bissle Spaß haben oder dass sie bisschen rumlaufen

können, also das ist für mich, sag ich mal, Kulturnacht“

Auf diesem Standbild aus unseren Filmaufnahmen sieht man rechts Detlef Hartwig. Hier erkundet er gerade mit

anderen Aktionsforschern die Reutlinger Kulturnacht.

Es ist der 26. September 2015, wir sind bei der Reutlinger Kulturnacht unterwegs.

Detlef Hartwig sagt: „Dass die Leute auch bissle Spaß haben oder dass sie bisschen

rumlaufen können, also das ist für mich, sag ich mal, Kulturnacht.“.

Heute erleben wir eine Musikmaschine in der Wilhelmstraße, ein Kabarett im

Matthäus-Alber-Haus, Kurzfilme im neuen Kino Kamino und ein Konzert von „Tante

Friedas Jazzkränzchen“ in der Buchhandlung Osiander.

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Dass wir eine Band gesehen haben, erzählt Detlef Hartwig später in seinem Wohnheim,

„also Schlagzeug, Saxophone, Klarinette, je nachdem, und es war ja auch, ja, s´war auch

gut. Teils hat´s die Frau n´ bisschen angestrengt mit Schlagzeug spielen. Der ist schier

der Arm eingeschlafen, wahrscheinlich, so wie´s aussieht. Aber es war ja nicht

eingeschlafen.“.

http://vimeo.com/afuw/kulturnacht

Im Kulturzentrum franz.K, in der Volkshochschule und in der Stadtbibliothek läuft an

diesem Tag ein Film von uns. Besucherinnen und Besucher der Kulturnacht erfahren

dadurch, dass wir das Kulturleben erkunden und unsere Erfahrungen weitergeben.

http://vimeo.com/afuw/koa-einfuehrung

Auch bei anderen Gelegenheiten zeigen wir nun schon ziemlich oft Filmaufnahmen und

erzählen von unterwegs. Das machen wir zum Beispiel bei einer großen Projekt-

Auftaktveranstaltung im franz.K.

Zeitungsartikel: https://www.yumpu.com/s/kyIUH1m58zT3lNEv

Weitere Anlässe für unsere Präsentationen sind im Herbst und Winter 2015 unter

anderem Treffen mit Leitungspersonen der BruderhausDiakonie, die Mitgliederversammlung

des Vereins Lebenshilfe, eine Feier mit den Aktiven von BAFF und eine

Zusammenkunft von Reutlinger Kulturschaffenden. Diese Zusammenkunft nennen sie

„Runder Tisch Kultur“.

„Mir ist aufgefallen, solang ich in dem Projekt unterwegs bin, dass

manche Leut in der Kultur geschätzt werden und andere nicht

und ich frag die Hörer dieser Filmaufnahmen, warum das so ist?“

Diese Aufnahme zeigt die Aktionsforscherinnen Sigrid Müller (links) und Franziska Schiller (rechts) beim

Reutlinger Heimatmuseum

Sigrid Müller und Franziska Schiller berichten vom Besuch einer Ausstellung im

Heimatmuseum. Es geht um die Kindertagesstätte im Reutlinger Gmindersdorf. Diese

Kita gibt´s seit hundert Jahren.

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„An meine Kindheit erinnern mich hier viele, viele Dinge“, sagt Sigrid Müller.

Dazu gehören Spielsachen oder auch Bücher wie „Die Hasenschule“ oder „Der

Struwelpeter“. In diesem Buch gibt es eine Figur, die Suppenkasper heißt.

„Es war eigentlich immer auch in der behüteten Wohngemeinschaft, dass solche

Vorbilder dann benützt wurden als Abschreckung“, erzählt die Aktionsforscherin, die

seit rund fünfzig Jahren in Wohneinrichtungen für behinderte Menschen wohnt, „wenn

ich mal meinen Teller nicht leer essen wollte, hieß es gleich: Willst Du so werden wie

der Suppenkasper im Struwelpeter, der gestorben ist, weil er nicht mehr gegessen

hat?“. Dann erklärt sie: „Wenn ich solch eine Ausstellung seh, wie diese hier, dann weiß

ich, dass diese Situation schon viel viel früher begonnen hat, als wie das, was ich in

meinem Leben erfahren durfte.“.

http://vimeo.com/afuw/kita-gmindersdorf

„Für Leut, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen, tät ich´s empfehlen“, sagt

Franziska Schiller, „aber bringt jemand mit zum lesen bzw. das Gesehene zu

verarbeiten.“.

Aus ihrem Blickwinkel sind viele Beschriftungen nicht lesbar. Auch gibt es aus ihrer

Sicht einigen Gesprächsbedarf.

Franziska Schiller schaut sich in der Dauerausstellung des Heimatmuseums um. Sie

sieht, wie bestimmte Persönlichkeiten hier gewürdigt werden und sagt: „Mir ist

aufgefallen, solang ich in dem Projekt unterwegs bin, dass manche Leut in der Kultur

geschätzt werden und andere nicht und ich frag die Hörer dieser Filmaufnahmen,

warum das so ist?“.

Unser Video-Ausschnitt zeigt, wie sich das Markus Lemcke und Harald Sickinger am

Computer anschauen.

http://vimeo.com/afuw/eine-frage-der-wertschaetzung

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Wie die Erfahrungen, Eigenschaften, Fähigkeiten und Leistungen jedes Menschen

anerkannt werden können, das scheint uns eine wichtige Frage zu sein. Dem wollen

wir bei unserer Aktionsforschung weiter nachgehen.

Wir machen die Erfahrung, dass manches als Kultur gilt und manches nicht. Bei unserer

Aktionsforschung erleben wir immer wieder, dass auch Menschen ihre Kulturerfahrungen

einbringen wollen, die ansonsten nicht gefragt sind.

Auf dieser Grundlage schreibt Harald Sickinger ein Arbeitspapier zur Beteiligung von

Bürger*innen mit Behinderungserfahrungen:

https://www.yumpu.com/s/F19Q8AgiKprPR0CO

In den ersten Monaten unserer Aktionsforschung haben wir eine Vorgehensweise

entwickelt, die damit beginnt, dass wir nach den individuellen Interessen, Stärken und

bisherigen Erfahrungen der Mitwirkenden fragen. Dafür gehen wir auch an Orte, die

für sie bedeutsam sind und wir sprechen mit Personen aus ihrem Umfeld. Manchmal

kennen die zum Beispiel Stärken der Mitwirkenden, die ihnen selbst gar nicht so

bewusst sind.

Oben sieht man zum Beispiel Franziska Schiller, als sie gerade bei ihrem Arbeitsplatz an der Kasse in einem

Buchladen der LWV Eingliederungshilfe angekommen ist. In dem Laden gibt´s auch Wolle zu kaufen.

Auf dem Bild unten steht Thomas Geprägs bei den Traktoren auf dem Hofgut Gaisbühl der BruderhausDiakonie.

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Frank Bakos arbeitet ebenfalls in der Landwirtschaft. „Das ist auch Kultur“, sagt er.

In seinem Zimmer zu Hause hängt ein Plan an der Wand. Was man da sieht, fragt ihn

Harald Sickinger. „Tanzkurs, Fußmassage und Musik, Arbeitskreis“, antwortet Frank

Bakos. Damit meint er den Arbeitskreis Selbstbestimmung, wo er sich schon Jahre

lange für Menschen mit Handicap einsetzt.

Manchmal hilft er in seiner Freizeit auch beim Westbahnhof mit. Dort werden Teile

einer alten Bahn restauriert.

Hier sieht man Frank Bakos beim Reutlinger Westbahnhof.

Wir gehen bei unserer Aktionsforschung von unserem persönlichen Standpunkt aus

und dann erweitern wir Schritt für Schritt unseren Horizont.

„Man muss auch mal über den Tellerrand rausschauen“

Ende 2015 machen wir eine Weiterbildungsreise nach Hamburg und bereiten Praktika

vor.

Man müsse auch mal über den Tellerrand rausschauen, erklärt Franziska Schiller. „Ich

will doch nicht dumm sterben“, meint sie, als wir uns über eine bevorstehende Tagung

in Hamburg unterhalten. Zusammen mit Markus Christ vom Kulturbüro von „Kultur

ohne Ausnahme“ und den Aktionsforschern Matthias Braun und Harald Sickinger reist

sie dorthin, um zu erfahren, wie die Organisation „Leben mit Behinderung“ in Hamburg

Kulturbegleitungen organisiert.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Es wird eine abenteuerliche Tour, mit einigen Hindernissen im Hamburger S-Bahn-

Verkehr und bei der Veranstaltung selbst, wo nicht alles für alle verständlich ist.

Die Veranstalter haben einen Film über die Tagung drehen lassen. Ein Video von uns

zeigt, wie wir diesen Tagungs-Film anschauen. Ungefähr in der Mitte unseres Videos

sieht man Matthias Braun, wie er eingeschlafen ist. „Weil es war auch zum einnicken“,

sagt er und erklärt: „Weil die haben Fremdwörter benutzt und keine einfachen.“

Nicht nur wir, sondern auch die Veranstalter lernen Schritt für Schritt dazu. Dafür

geben wir unsere Erfahrungen an sie weiter.

http://vimeo.com/afuw/rueckblick-tagung-hamburg

Franziska Schiller sagt, dass sie manche Anregungen aus Hamburg in Reutlingen

umsetzen will. Sie möchte, dass noch mehr Menschen mit und ohne Handicap

zusammen weggehen und miteinander Kultur erleben.

Auch bei unserer Reise in den Norden haben wir viel erlebt. Einen Eindruck davon gibt

ein kurzer Clip mit ausgewählten Bildern. Es beginnt mit einer Szene, in der Franziska

Schiller nicht in die S-Bahn einsteigen kann, weil der Einstieg zu hoch ist. Man sieht

außerdem, wie sie mit ihrer Assistentin und den Kollegen auf der Reeperbahn

unterwegs ist, wie wir zusammen einen Club besuchen, ein Feuerwerk entdecken, den

Hamburger Hafen natürlich auch und bei der Heimfahrt isst Matthias Braun noch ein

Franzbrötchen. Das ist einem Hamburger Spezialität.

http://vimeo.com/afuw/impressionen-hamburg-reise

Auf diesem Foto sieht man Franziska Schiller, Matthias Braun und die Assistentin Sina Stosch im Hafen.

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3.2 Unterwegs im Reutlinger Kulturleben

„... und hier im Praktikum ist er guter Computerspezialist“

Ab Januar 2016 arbeiten eine Praktikantin und fünf Praktikanten regelmäßig einen

Arbeitstag in der Woche als Aktionsforscherin bzw. Aktionsforscher bei der Agentur für

unschätzbare Werte mit. Möglich ist das durch entsprechende Vereinbarungen mit den

Werkstätten für behinderte Menschen der BruderhausDiakonie und der LWV

Eingliederungshilfe.

Praktikumsbeschreibung: https://www.yumpu.com/s/RoaecmDsGWkBHg7p

Hier sieht man Frank Bakos und Thomas Geprägs beim Aufgang zu unserem Büro im Kulturamt.

Montags treffen sich Frank Bakos, Thomas Geprägs, Rolf Rathfelder und Harald

Sickinger in einem Raum des Kulturamtes im Spitalhof. Das liegt mitten in der Stadt.

Von hier aus

Matthias Braun, Detlef Hartwig, Franziska Schiller und Harald Sickinger richten derweil

in der Hermann-Kurz-Straße vorübergehend ein weiteres Aktionsforschungszentrum

ein. Das liegt etwas weiter außerhalb. Dafür sind diese Räumlichkeiten im Unterschied

zu unserem Büro im Kulturamt auch für Menschen zugänglich, die im Rollstuhl

unterwegs sind.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

In Filmaufnahmen kann man sehen, wie Franziska Schiller mit Hilfe einer elektrischen

Rampe zu unserem Treffpunkt gelangt.

http://vimeo.com/afuw/elektrische-rampe

Hier sind Detlef Hartwig und Franziska Schiller im Büro mit der Sichtung von Filmaufnahmen beschäftigt.

Wir beschäftigen uns jetzt viel mit der Frage, wie wir unsere Stärken gut einsetzen und

weiterentwickeln können. In einem Ausschnitt aus unserem Videotagebuch sieht man

zum Beispiel, wie Franziska Schiller über ihren Kollegen Detlef Hartwig sagt: „Also ich

hab´ Detlef kennengelernt als Fachmann für Stadtführung“.

Im Computer schauen wir gerade Aufnahmen an, die bei Detlef Hartwig zu Hause

entstanden sind.

„Ich kann´s ja mal zeigen kurz“, hört man ihn sagen und man sieht, wie er sein

Stadtführerleibchen vorführt und auch seinen gelben Stadtführer-Regenschirm.

Franziska Schiller fällt aber spontan noch eine weitere Stärke von Detlef Hartwig ein:

„...hier im Praktikum ist er guter Computerspezialist.

„Und er ist auch guter Dinge“, fügt Matthias Braun hinzu.

http://vimeo.com/afuw/staerken-erkunden

Detlef Hartwig selbst sieht seine Stärken außerdem bei der Unterstützung von

Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern. Zum Beispiel klappt er in der Buslinie 81 die

Rampe aus und ein.

„...sind wir ganz enttäuscht wieder raus, weil sie zu teuer waren.“

„Wir waren noch im Konzertbüro und haben einiges gefragt, ob es Karten gibt für die

Otto – Veranstaltung und was die kosten.“, berichtet Rolf Rathelder in einem anderen

Ausschnitt aus unseren Aufzeichnungen aus der Anfangszeit des Praktikums.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Es geht um einen Auftritt des Komikers Otto in der Reutlinger Stadthalle. „Dann sind

wir ganz enttäuscht wieder raus, weil sie zu teuer waren“, erzählt der Praktikant weiter.

Harald Sickinger fragt, was die Karten kosten. „46 Euro“, antwortet Rolf Rathfelder.

Wenn wir im Kulturleben unterwegs sind, stoßen wir nicht nur an bauliche Barrieren

oder auf Probleme mit der Verständigung. Immer wieder hat das, was jemand am

Besuch einer Kulturveranstaltung hindert, auch mit dem Eintrittspreis zu tun.

Manchmal hilft nach unseren Erfahrungen in solchen Fällen das Reutlinger

Gutscheinheft weiter. Manche Personen können zumindest einen Teil des Eintritts

nicht mit Geld, sondern mit Gutscheinen bezahlen. Teilweise gibt es außerdem schon

von vorneherein eine Ermäßigung für Menschen mit sogenannten Behinderungen und

für andere Personengruppen.

Im Lauf des Praktikums erforschen wir darüber hinaus noch eine weitere Möglichkeit,

um finanzielle Barrieren zu überwinden. Das ist die Reutlinger Kulturpforte.

„Rüdiger Weckmann“, sagt Matthias Braun, während er am Computerbildschirm auf

ihn zeigt. „Er ist der Vorsitzende der Kulturpforte“, fügt Matthias Braun hinzu. Links

daneben sieht man ihn selbst, Markus Christ und Detlef Hartwig. Rechts verdeckt seine

Hand gerade Franziska Schiller.

Franziska Schiller fragt Rüdiger Weckmann in dem Video: „Können Sie uns bitte

erzählen, was das nochmal genau ist mit der Kulturpforte?“. Harald Sickinger schwenkt

die Kamera auf Rüdiger Weckmann. „Also die Kulturpforte ist ein Verein, der sich an die

Kulturveranstalter in Reutlingen gewandt hat mit der Bitte, Freikarten für Menschen

mit geringen Einkommen zur Verfügung zu stellen.“.

http://vimeo.com/afuw/erkundung-kulturpforte

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Wenn man wenig Geld hat, kann man bei der Kulturpforte Gast werden und Gäste

können Freikarten für eine ganze Reihe von Veranstaltungen bekommen. Das

probieren wir aus.

Zuerst muss man mit einem Formular zu einem Wohlfahrtsverband gehen und dort

nachweisen, dass man wenig Geld hat. Dann bekommt man eine Bescheinigung und

kann sich damit für ein Jahr als Gast bei der Kulturpforte registrieren lassen.

Wir waren beispielsweise bei der Arbeiterwohlfahrt und bei der Diakonie, um das zu

testen. Das war mit einigem hin und her verbunden. Aber es hat geklappt und ganz

nebenbei haben wir auch noch freundliche Leute von den beiden Wohlfahrtsverbänden

kennengelernt und über unsere Aktionsforschung informiert.

Hier sieht man Herbert Mang von der Arbeiterwohlfahrt mit Thomas Geprägs und Frank Bakos.

Es gibt viele Begegnungen bei unserer Aktionsforschung. Wenn wir Leute treffen, dann

tauschen wir Erfahrungen aus. Das machen wir beim Bäcker, im Konzertbüro, in der

Touristeninformation, in Ämtern, an verschiedenen Kultur-Orten und auf öffentlichen

Plätzen. Oft machen wir dabei auch Film- oder Fotoaufnahmen

„...und dann haben wir auch geschwätzt über Kultur.“

„Das war montags“, sagt Thomas Geprägs. Er hat eine Memorykarte über unsere

Aktionsforschung in der Hand. Darauf sieht man ihn mit zwei Männern auf dem

Marktplatz stehen. Alle haben Papiere in der Hand. „Da haben wir welche getroffen

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

von der IG Metall“, erklärt er. „Da hab´ ich gefragt: Was macht Ihr? Dann haben wir

geschwätzt und dann hat er gesagt er ist IG Metall und dann haben wir auch geschätzt

über Kultur.“.

Mit einem der beiden Männer haben wir ein kurzes Interview geführt.

„Was muss in Reutlingen passieren, damit es für alle Leute gut ist?“, fragt Thomas

Geprägs.

Sein Gesprächspartner fragt zurück, ob er „Du“ sagen kann und nachdem Thomas

Geprägs das bejaht, sagt der Mann: „Du hast ja am Anfang gesagt zum Beispiel diese

Barrierefreiheit. Natürlich also alle Menschen sollten, ich hab´s ja auch vorhin, am

Anfang erwähnt, Platz finden in dieser Stadt und da gibt´s auch Platz für alle. Also ich

versteh nicht, dass manche Menschen denken müssen immer, Fremde ist immer

Gefahr, sagt der Mann, der Betriebsrat bei einer großen Reutlinger Firma ist. Dann zeigt

er uns Postkarten der Industriegewerkschaft Metall gegen Diskriminierung.

http://vimeo.com/afuw/infostand-igmetall

Hier sieht man einige Memory-Karten von unserer Aktionsforschung. Sie liegen auf dem Reutlinger Stadtplan.

Über die Geschichte der IG Metall in Reutlingen erfahren wir zu einem späteren

Zeitpunkt noch mehr, als wir die Ausstellung „Gute Arbeit – gutes Leben“ im

Heimatmuseum anschauen. Sie handelt davon, wie Beschäftigte von hiesigen Betriebe

sich seit mehr als hundert Jahren für gute Arbeits- und Lebensbedingungen einsetzen.

Uns bringt das unter anderem wieder zur Frage zurück, was jeder und jede von uns

gerne macht und gut kann.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„Völlig losgelöst von der Erde“

Thomas Geprägs und Frank Bakos sitzen in unserem Büro im Kulturamt. Sie schauen

sich einen Ausschnitt aus dem Videotagebuch des Freitags-Teams an, das sich in der

Hermann-Kurz-Straße trifft. In dem Video sehen sie Matthias Braun und Detelf Hartwig.

Die stehen neben unserer Litfaß-Säule, auf der wir Infos befestigen, die wir uns merken

wollen. Die beiden singen freudestrahlend: „Völlig losgelöst von der Erde, schwebt das

Raumschiff völlig schwerelooooooos.“. Thomas Geprägs klatscht Beifall.

http://vimeo.com/afuw/nach-dem-konzert

Die Begeisterung der beiden wirkt ansteckend. Das zeigt sich zum Beispiel auch, als

Matthias Braun und Harald Sickinger diese Szenen bei einer Konferenz von Mitarbeiterinnen

und Mitarbeitern im Sozialdienst der Werkstatt für behinderte Menschen

vorführen.

Die Gesangseinlage gehört zum Bericht von Matthias Braun und Detlef Hartwig über

ein Konzert von Peter Schilling im Kulturzentrum franz.K und der Text stammt aus

seinem berühmten Lied „Major Tom“.

Die unterschiedlichen Aktionsforscherinnen und Aktionsforscher besuchen

unterschiedliche Veranstaltungen bzw. Kultur-Orte, je nachdem, was zu den eigenen

Interessen passt. Manche von uns sind jetzt als Gäste bei der Kulturpforte registriert

und bekommen Freikarten für manche Veranstaltungen. Manche Kulturangebote sind

aber auch ohne Kulturpforte zugänglich, weil gar kein Eintritt verlangt wird.

Auf dem Bild unten sieht man Frank Bakos und Thomas Geprägs bei Filmaufnahmen in

einer Fotoausstellung. Das ist im Gebäude der Volksbank am Reutlinger Marktplatz im

2. Stock.

Wir denken, dass man wissen sollte, dass man dorthin nur über Treppen kommt. Es

gibt nämlich keinen Aufzug. Darüber sprechen wir auch mit einer Mitarbeiterin der

Volksbank.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„...oben im ersten Stock war ein Workshop über einfache Sprache...“

Die Stadtbibliothek und die Volkshochschule liegen in Reutlingen direkt

nebeneinander. An beiden Orten sind wir immer wieder unterwegs. In unseren

Aufzeichnungen aus dem ersten Quartal 2016 finden wir den folgenden

Gesprächsausschnitt aus unserem Freitags-Team

„Was ist da gewesen?“, fragt Matthias Braun seine Aktionsforschungskollegin

Franziska Schiller. Sie antwortet: „Also ich bin nach dem Essen mit dem Harald

zusammen in die Volkshochschule und in der Volkshochschule oben im ersten Stock war

ein Workshop über einfache Sprache und den hab ich zusammen mit Harald besucht,

dass ich mit Euch zwei leichter umgehen kann, weil Ihr zwei ja leichte Sprache braucht.“.

Bei dem Workshop, den Franziska Schiller mit Harald Sickinger besuchte, ging´s darum,

wie man schwierige Texte in einfache bzw. leichte Sprache übersetzen kann.

Am gleichen Tag haben wir in der Volkshochschule auch noch eine Aktionskunstgruppe

aus Freiburg beraten Diese Leute hatten uns gefragt, ob wir Tipps geben können, wie

sie die Plakate und Installationen aus Reisepässen und ähnlichen Dingen in ihrer

Passausstellung gut zugänglich anbringen. Da ist auch Markus Lemcke dazu

gekommen.

Bei dieser Gelegenheit hat der Experte für das Thema Barrierefreiheit bei der

elektronischen Datenverarbeitung anderen Mitgliedern aus unserem

Aktionsforschungsteam auch gleich noch Tipps zur Bedienung von Tablets gegeben.

Solche Geräte nutzen wir nämlich manchmal bei unserer Arbeit.

Auf dem Foto sieht man das Freitags-Team während des Praktikums. Matthias Braun, Franziska Schiller und

Detlef Hartwig sind hier in der Stadtbücherei. Dort gibt es Bücher in einfacher Sprache.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Wie sich Barrieren in unterschiedlichen Bereichen abbauen lassen, das beschäftigt uns

schon in den ersten Monaten 2016 ganz regelmäßig.

Rolf Rathfelder erzählt zum Beispiel, dass er als Heimbeirat schon mal mit einigen

Mitstreiterinnen und Mitstreitern bei der Zeitung war. Bisher, so sagt er, hätten sie

erfolglos versucht, dass die Sprache der Zeitung einfacher wird. Deshalb treffen wir uns

mit der Koordinatorin des Heimbeirats, um uns abzustimmen.

In der Nikolaikirche besuchen wir die Präsentation eines Krimis in einfacher Sprache

und lesen auch selbst darin. In der Stadtbibliothek erkunden wir neben vielem anderen

auch die Ecke mit den Büchern in einfacher Sprache.

Mit Mitarbeiterinnen der Stadtbibliothek, aber auch mit anderen Beschäftigten der

Stadt Reutlingen tauschen wir uns dann im März 2016 wieder aus. Bei einer

Veranstaltung im großen Sitzungssaal des Rathauses geben unter anderem Franziska

Schiller und Thomas Geprägs ihre Erfahrungen mit dem Abbau von Barrieren weiter.

Zugleich erfahren wir aber bei solchen Gelegenheiten auch selbst wieder mehr.

Thomas Geprägs probiert zum Beispiel eine besondere Kleidung aus. Dadurch

bekommt er ein Gefühl für körperliche Einschränkungen, mit denen andere Menschen

leben und kann sich besser in ihre Lage versetzen.

Auf dem Foto von Thomas Geprägs im Spezialanzug liegt eine Memory-Karte. Wir erinnern uns an viele Aktionsforschungsbesuche

im Reutlinger Rathaus.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„Der hat den Rain Man genommen, um auf die Problematik

Behinderung aufmerksam zu machen.“

Wir sortieren Materialen, die wir bei unserer Aktionsforschung gesammelt haben.

Darin findet sich auch eine Einladung von Eugen Blum.

Thomas Geprägs erklärt dazu: “Eugen Blum hat einen Film gezeigt im franz.K und alles

organisiert.“. Franziska Schiller ergänzt: „Der hat den Rain Man genommen, um auf die

Problematik Behinderung aufmerksam zu machen.“.

Das ist eine Aufnahme von der Film-Arbeit mit Eugen Blum. Hier steht er vor dem Kino Kamino und wartet

konzentriert auf das Zeichen „Film ab“.

Der Kontakt von Eugen Blum zur Agentur für unschätzbare Werte und zum Projekt

Kultur ohne Ausnahme“ war schon einige Zeit vorher durch die Mitarbeiterin einer

sozialen Einrichtung in Reutlingen zu Stande gekommen.

Eugen Blum hatte sich für unsere Arbeit gegen Diskriminierung interessiert und Harald

Sickinger bei unterschiedlichen Gelegenheiten auch von seinen eigenen Erfahrungen

berichtet. Außerdem spielte er Harald Sickinger zum Beispiel Musik vor, die ihm gefällt.

Dazu gehört die Band „Diorama“. Oft sprach er auch über Filme.

Bald stellte sich heraus, dass Eugen Blum viel über Filme weiß und dass es auch welche

gibt, die eine große Bedeutung für ihn haben. Dazu gehört zum Beispiel der Film „Rain

Man“ von Barry Levinson.

Er zeigte Harald Sickinger die DVD und sagte, dass er gerne anderen Menschen etwas

von seinen Ansichten darüber vermitteln würde.

Nach und nach entstand die Idee für eine kleine Veranstaltung und er plante mit

unserer Hilfe eine Filmvorführung mit anschließendem Gespräch.

Die Einladung zu dieser Filmvorführung sieht man auf der nächsten Seite.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Mehr als zwanzig Menschen mit und ohne Behinderungserfahrungen sind gekommen.

Nach dem Film gab es ein angeregtes Gespräch.

„Es war für mich etwas Besonderes, ein neues Erlebnis, weil ich ja zum ersten Mal

moderieren durfte. Ich durfte halt etwas vorstellen. Ich durfte halt vorstellen, ein

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Kunstwerk, einen Film, wo ich mich selber einsehen kann.“, sagt Eugen Blum über seine

Veranstaltung.

Er macht die Erfahrung, dass Filme manchmal Respekt vermitteln können.

„Respekt ist für mich, wenn man mich so akzeptiert wie ich bin, in dem ich zum Beispiel

meine Vergangenheit erzähle“, sagt Eugen Blum, wenn man „etwas über sich erzählt

und der andere versteht das. Er versteht, dass ich mein Mensch bin mit besonderen

bisschen Fähigkeiten.“.

http://vimeo.com/afuw/veranstaltung-rain-man

Matthias Braun, Detlef Hartwig und Harald Sickinger haben sich bei der Filmvorführung

um die Technik im franz.K gekümmert. Dafür haben sie sich vorher mit einem Techniker

des Kulturzentrums getroffen, der ihnen alles erklärt hat.

„Das braucht man noch. Kultur ist das“

Auf diesem Foto steht Thomas Geprägs zwischen Sabine Kramer vom Schaffwerk und dem Pfullinger

Bürgermeister Michael Schrenk. Der Aktionsforscher hält das Amtsblatt in der Hand. Er schlägt vor, dass im

Amtsblatt über die Kultur im Schaffwerk berichtet wird.

In einem unserer Clips steht Thomas Geprägs neben Frank Bakos und dem kleinen

roten Dienstwagen der Agentur für unschätzbare Werte vor dem alten Haus in der

Gönninger Straße in Pfullingen. Dort gibt es viele alte Gegenstände und Skulpturen von

denen viele nicht so genau wissen, wofür die eigentlich gut sind.

Das nicht ganz leicht heizbare Haus nutzen wir jetzt im Frühling 2016 mit zunehmender

Wärme wieder öfter für unsere Arbeit.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„Da kam mal ein Bericht: Braucht man das noch oder gehört das weg?“, berichtet

Thomas Geprägs als Reporter in dem Clip. „Das braucht man noch“, sagt er, „Kultur ist

das“.

http://vimeo.com/afuw/kultur-ist-das

Später sagt er das auch dem Bürgermeister von Pfullingen, mit dem wir uns im Rathaus

treffen, um über die Kultur im Schaffwerk zu sprechen.

Kultur ist Vielfalt, Kultur ist Freude, Kultur ist Freiheit“

„Wenn Sie einen Film drehen müssten über Kultur ohne Ausnahme, was müsste in dem

Film vorkommen?“, fragt Markus Lemcke einen Passanten vor dem Spitalhof auf dem

Reutlinger Marktplatz.

Kultur würd ich mal sagen. Es geht ja um Kultur ohne Ausnahme. Dann vielleicht

jegliche Kultur. Einfach ohne Ausnahme, keine Ahnung, dass man einfach jede Kultur

der Stadt reinnimmt“, meint der Mann.

Ein paar Schritte weiter spricht Thomas Geprägs eine Frau an: „Was ist für Sie Kultur?“.

Sie antwortet: „Kultur ist Vielfalt, Kultur ist Freude, Kultur ist Freiheit.“.

Danach kommt ein Junge zu Wort: „Kultur ist für mich, wenn jeder da seinen eigenen

Zweck hat und zwar, also jeder seine eigene Tradition.“.

http://vimeo.com/afuw/freiluft-aktionsforschungsbuero

Immer wieder sind wir auf öffentlichen Straßen und Plätzen unterwegs. Dabei mischen

sich diejenigen, die gerade im Praktikum sind mit anderen Aktionsforscherinnen und

Aktionsforschern, die in ihrer Freizeit mitwirken.

So ist das auch heute, an diesem Tag im April 2016.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

An der einen Ecke des Platzes tauscht sich Franziska Schiller gerade mit einem Bürger

darüber aus, ob Barrierefreiheit nur Menschen betrifft, die im Rollstuhl unterwegs

sind.

Auf der anderen Seite erklären Mattias Braun und andere Kollegen unsere

Aktionsforschung. Dafür haben wir ein Büro unter freiem Himmel aufgebaut.

Hier sieht man Thomas Geprägs, Matthias Braun und unten einen Gast in unserem Freiluft-Forschungsbüro.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„...dass wir jetzt zum Beispiel die Experten in eigener Sache

mehr einbeziehen sollten...“

Franziska Schiller will neue Dinge erfahren und neue Menschen kennenlernen. Zugleich

will sie auch ihre eigenen Sichtweisen weitervermitteln. Das macht sie bei vielen

Gelegenheiten. Dazu gehören auch zwei Seminaren des Bundesamtes für Familie und

zivilgesellschaftliche Aufgaben. Hier berichtet sie engagierten jungen Menschen im

Bundesfreiwilligendienst von ihren persönlichen Lebenserfahrungen und zusammen

mit Harald Sickinger auch von unseren Erfahrungen in Verbindung mit dem Projekt

Kultur ohne Ausnahme“.

Hier sind Franziska Schiller und Harld Sickinger im Vordergrund mit einer Seminargruppe im April 2016 zu sehen.

Eine weitere Gelegenheit ergibt sich beim Reutlinger Generalanzeiger.

Von links nach rechts: Gisela Sämann vom GEA, Franziska Schiller, Matthias Braun und Detlef Hartwig

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Schon seit Sommer 2015 haben wir Kontakt zur Reutlinger Ressortleiterin der Zeitung.

Nach einigen Vorgesprächen und Vorbereitungen vereinbart Franziska Schiller mit

Gisela Sämann, dass sie die Ressortleiterin eine Woche lang bei ihrer Arbeit begleitet.

Dadurch erfahren wir viel Neues darüber, wie eine Zeitung gemacht wird und auch die

Macherinnen und Macher der Zeitung lernen dazu.

Am Ende der Hospitationswoche im Mai 2016 entstehen Filmaufnahmen, Darin sieht

man Franziska Schiller mit Gisela Sämann in einer Redaktionssitzung. Im Gespräch mit

Harald Sickinger sagt die Zeitungsfrau danach: „Auch die Kollegen, die jetzt immer

geholfen haben, die Franziska die Treppen rauf und runter zu tun, die glaub ich, haben

jetzt auch einen anderen Blick auf dieses Haus.“.

http://vimeo.com/afuw/lernerfahrungen-gea

Die Redaktionsräume sind nur über eine Treppe zugänglich. Einige Wochen vor der

Hospitation haben wir deshalb mit Frau Sämann ausprobiert, wie dieses Hindernis zu

überwinden ist. Die Lösung war schließlich unser Faltrollstuhl, den Franziska Schiller

ein Jahr vorher für das Schaffwerk organisiert hatte. Ähnlich wie dort, stieg Franziska

vom Elektrorollstuhl in den Faltrolli um und wurde dann von verschiedenen Helfern die

Treppe hochgezogen bzw. später wieder hinuntergebracht.

Hier sieht man die Treppe zu den Redaktionsräumen. Mit dem Faltrollstuhl und mit Unterstützung der Redaktion

konnte Franziska Schiller dort hinaufgelangen.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Gisela Sämann sagt, dass sie von Franziska Schiller noch andere wichtige Dinge gelernt

hat.

Das ist zum Beispiel, „dass wir jetzt die Experten in eigener Sache, also Menschen mit

Behinderungen mehr einbeziehen sollten in unsere Berichterstattung. Also nicht über

jemanden zu schreiben, sondern tatsächlich mal nachzufragen.“. So beschreibt es die

Ressortleiterin beim Reutlinger Generalanzeiger nach einigen Tagen intensiver

Zusammenarbeit mit Franziska Schiller.

Gisela Sämann und Franziska Schiller bei der gemeinsamen Arbeit, die ihnen offensichtlich Freude bereitet.

In diesen Monaten ist Franziska Schiller mit anderen Mitwirkenden unserer

Aktionsforschung an vielen Orten unterwegs, wo unsere Erfahrungen als Expertinnen

und Experten in eigener Sache gefragt sind.

Wir beraten beispielsweise einige Interessierte, die Menschen mit Handicap zu

Kulturveranstaltungen begleiten wollen. Dabei arbeiten wir mit Markus Christ vom

Kulturbüro des Projekts „Kultur ohne Ausnahme“ zusammen.

In Kooperation mit dem Projekt k.l.e.v.e.r-iq wirken wir beim Verbessern der

Wegweiser in einem Amtsgebäude mit. Das machen Franzika Schiller und Harald

Sickinger in Zusammenarbeit mit anderen Expertinnen und Experten. Dazu gehören

auch Markus Lemcke und Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.

Wir arbeiten mit vielen unterschiedlichen Expertinnen und Experten aus eigener

Erfahrung zusammen und so vergrößert sich der Kreis von direkt oder indirekt

Mitwirkenden bei der Aktionsforschung für eine Kultur ohne Ausnahme nach und nach

immer weiter.

In diesem Zusammenhang besuchen wir zum Beispiel auch den Förder- und

Betreuungsbereich einer Behindertenhilfeeinrichtung, stellen dort unsere Arbeit vor

und erkundigen uns nach dem Kulturleben von Menschen, die auf viel Assistenz

angewiesen sind.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Vor einem Konzert in Gebärdensprache treffen sich Frank Bakos, Thomas Geprägs und

Harald Sickinger mit einem Beschäftigten der BruderhausDiakonie-Werkstatt, der auf

Gebärdensprache angewiesen ist. Sein Chef übersetzt und so erfahren wir zum Beispiel

und geben weiter, dass der Mann gerne Musikveranstaltungen besuchen möchte, wo

man die Schwingungen der Musik am ganzen Körper spüren kann.

So etwas erleben wir im franz.K dann auch selbst beim Konzert des Gospelchors aus

Gönningen mit dem Gebärdenchor der Volkshochschule Tübingen.

Manchmal sind wir bei unserer Aktionsforschung mit Menschen im Kontakt, die uns

wichtige Dinge sagen, deren Namen wir aber nicht nennen. Wir geben das dann in

anonymisierter Form weiter.

Der folgende Ausschnitt aus einem Gespräch von Harald Sickinger mit der Bewohnerin

einer stationären Wohngruppe für Menschen mit sogenannten Behinderungen ist ein

Beispiel dafür. Die Frau erzählt, warum sie manchmal Selbstgemaltes in der Wohnung

herumliegen lässt.

Harald Sickinger: „Was hindert Sie im Moment an der Teilnahme am Kulturleben?“

Expertin aus eigener Erfahrung: „Dass ich nicht ernst genommen werd´. Manchmal

überhaupt nicht und jetzt fängt das so ganz, ganz sachte an zu kommen, dass ich ernst

genommen werde. Ganz besonders mit meinem Malen und mit meiner Kunst. Ich bin

zum Teil glücklich, aber zum Teil auch sehr enttäuscht, wenn´s dann heißt: Ach ja, die

Frau, die lässt das und das wieder überall rumfahren und liegen und so. Und wenn ich

das mach, dann möcht ich eigentlich bloß damit sagen: Schau mal, was ich wieder in

meiner Kunst hergestellt hab.“.

„Etwas ausprobieren“

Kameramann Frank Bakos bei der Arbeit im Schaffwerk

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Frank Bakos steht in unserem provisorischen Frühlings-Projektbüro im Schaffwerk an

der großen Kamera.

Er filmt, wie Thomas Geprägs und Rolf Rathfelder auf ein großes Papier schreiben, was

aus ihrer Sicht ein gutes Museum ausmacht. „Aufzug“ steht schon drauf und „Rampe“,

auch „Wegbeschreibung mit Symbolen“. Darüber ist das Wort „Barrierefrei“ zu lesen

und darunter “Keine Stufen“.

Jetzt schreibt Rolf Rathfelder mit einem dicken blauen Filzstift: „Etwas ausprobieren“.

Harald Sickinger fragt ihn: „Rolf tätest Du sagen, das gehört auch zu einem guten

Museum?“.

Rolf Rathfelder antwortet: „Ha ja, wenn man was ausprobieren kann. Tät ich schon

sagen.“.

In der nächsten Aufnahme sieht man Matthias Braun. Er zieht eine Kuckucksuhr auf,

die an der Wand hängt. Er weiß, wie das geht, weil sein Opa die gleiche hatte.

Wir befinden uns in einer Stube mit vielen geschichtsträchtigen Dingen. Sabine Kramer

versucht etwas zu zeigen, was sie besonders an ihren Vater erinnert.

http://vimeo.com/afuw/museum-zum-ausprobieren

Später schreibt Matthias Braun auf ein Plakat. „Alte Uhren“. In der nächsten Einstellung

kann man mehr erkennen. Auf dem Plakat steht in der Mitte geschrieben „Ein Museum

über mich“. Eine Motorsäge soll auch auf dem Plakat drauf sein, erklärt Matthias

Braun, weil er einen Motorsägeschein hat. Dann erinnert er an einen Besuch seiner

Konfirmations-Vorbereitungsgruppe vor vielen Jahren in Eckwälden. Während

Matthias Braun dort im Internat war, kamen ihn seine Altersgenossinnen und

Altersgenossen aus dem Heimatort ganz überraschend besuchen. „Von dem hab` ich

nichts gewusst“, berichtet er freudestrahlend.

Wir nutzen das alte Haus und die alten Gegenstände, um uns mit Dingen zu

beschäftigen, die für unser eigenes Kulturleben wichtig sind. Wenn wir uns die

geschichtsträchtigen Dinge im Schaffwerk anschauen, dann führt uns das immer

wieder zur Frage, wie es eigentlich mit unserer eigenen Geschichte ist, wie sie bisher

verlaufen ist und wie sie gut weitergehen kann.

Mit der Zeit finden wir immer besser heraus, was wem wichtig ist, welche Stärken wer

hat und wer welche Rollen übernehmen kann. Dafür probieren wir vieles aus.

Frank Bakos und Matthias Braun zum Beispiel sind ab und zu in der Rolle des

Kartenkontrolleurs bei „Sagenhaften Rundführungen“ im Schaffwerk unterwegs

In einem unserer Filmbeiträge sieht man Matthias Braun mit einem „Original“-

Stempel. Den bekommen die Gäste bei den Rundführungen aufgedrückt.

Aber Achtung! Am Ende des Clips zeigt er den Stempel für diejenigen, die nicht bezahlt

haben. „Da steht nix drauf“, sagt Matthias Braun.

http://vimeo.com/afuw/rund-ums-schaffwerk

Auch an der Begegnungskultur in seinem eigenen Wohnviertel arbeitet Matthias Braun

während des Praktikums mit. Immer wieder hilft er nach dem Viertel-Mittagstisch in

der Kreuzkirche beim Abbau. Dabei unterstützt ihn Markus Christ vom Kulturbüro.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Matthias Braun stapelt Stühle und Markus Christ hilft ihm bei Abbau in der Kreuzkirche.

„Um eine richtig gute Arbeit machen zu können,

brauchst Du auch eine Basis...“

Frank Bakos, Rolf Rathfelder und Thomas Geprägs beim Aufbau von Informationswänden in unserer neuen

Aktionsforschungsbasis im ehemaligen Konzertbüro.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Hier steht Frank Bakos an der Eingangstüre zu unserem neuen provisorischen Aktionsforschungszentrum.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Das ehemalige Konzertbüro zwischen dem Reutlinger Marktplatz und dem Spitalhof

steht schon lange leer. Mehrfach hat Rosemarie Henes von BAFF mit uns zusammen

die Verantwortlichen der Stadt darum gebeten, dass wir den Raum für unsere Arbeit

nutzen dürfen. Lange ohne Erfolg.

Im Juni 2016 klappt es dann doch noch. Vorübergehend können wir hier unser

Aktionsforschungsbüro einrichten und zumindest mal fast bis zum Ende des Jahres

bleiben Das ist für uns vor allem auch deshalb wichtig, weil das ehemalige Konzertbüro

für Menschen zugänglich ist, die im Rollstuhl unterwegs sind.

„Um eine richtig gute Arbeit machen zu können, brauchst Du auch eine Basis“, sagt

Franziska Schiller. Das ehemalige Konzertbüro ist ein guter Basis-Ort, für eine

„vernünftige Arbeit“, wie es unsere Kollegin formuliert.

An diesem zentral gelegenen Ort können wir nun noch leichter mit Bürgerinnen und

Bürgern ins Gespräch kommen.

Einmal tauschen wir uns vor unserem Büro auch mit dem Künstler Erich Rosenberger

aus.

Er ist zufällig vorbeigekommen und es entwickelt sich ein angeregtes Gespräch. Dabei

erzählt er uns von seinen Verbesserungsideen für das Reutlinger Kulturleben:

„Es wär nicht schlecht, wenn die Stadt Reutlingen oder die Gemeinde, oder wie man´s

auch immer nennt, ne Halle zur Verfügung stellen würde, wo die einzelnen Leute, also

halt Künstler zusammen kommen könnten, um a) Austausch zu haben und b) kleine

Geheimnisse untereinander zu lüften, c) einfach spontan ein Bild malen, die anderen

machen Musik daneben...“.

http://vimeo.com/afuw/halle-zum-zusammenkommen

Der Künstler Erich Rosenberger im angeregten Gespräch vor unserem Aktions-Forschungsbüro

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„Eine der Hauptpersonen sitzt im Rollstuhl. Von da her hat mich das

auch selber angesprochen, weil ich selber im Rollstuhl sitze.“

Von Anfang an waren wir in unterschiedlichen Behindertenhilfe-Einrichtungen

unterwegs. Dort haben wir über unsere Arbeit informiert, Fragen gestellt und Leute

kennengelernt. Dazu gehört auch Maria Eckert.

Sie ist bei der LWV-Eingliederungshilfe beschäftigt. Wir treffen sie manchmal an der

Pforte in Rappertshofen und im Buchladen der Einrichtung in Rommelsbach, aber auch

beim Fußgänger*innen-Check bzw. Rollstuhlfahr-Check in der Reutlinger Innenstadt

sind wir ihr schon als Expertin aus eigener Erfahrung begegnet. Auf Einladung der

Stadtverwaltung haben wir dabei gemeinsam erkundet, wo und wie Gehwege bzw.

Rollstuhlfahrwege verbessert werden können.

Jetzt will die Expertin aus eigener Erfahrung einen Kultur-Tipp weitergeben. Wir stehen

mit der Kamera vor dem Reutlinger Cineplex-Kino. Im Schaukasten hängt ein Plakat

über den Film „Ein ganzes halbes Jahr“.

Maria Eckert sagt: „Der Film läuft ab dem 23.6. hier im Kino und, ja, ich hab gesagt, ich

muss diesen Film unbedingt sehen, weil das Buch so toll war.“. Sie fasst die Handlung

kurz zusammen und sagt in diesem Zusammenhang: „Eine der Hauptpersonen sitzt im

Rollstuhl. Von da her hat mich das auch selber angesprochen, weil ich selber im

Rollstuhl sitze.“.

Harald Sickinger fragt: „Wenn man hier mit dem Rolli ins Kino gehen möchte, kann Frau

oder Mann dann den Film gut sehen?“.

Das sei ein bisschen schwierig, antwortet die Rollstuhlfahrerin.

Im Unterschied zum neuen Kino Kamino ist es im Cineplex an der Planie so, „dass das

einzige Kino, was barrierefrei ist, das Kino 1 ist und alle anderen sind nur durch Treppen

erreichbar.“. So erklärt es uns Maria Eckert.

Manchmal werden die Filmvorstellungen auch noch kurzfristig in andere Kinosäle

verlegt. So kann man sich nicht wirklich sicher sein, ob man den Film sehen kann.

https://vimeo.com/afuw/unterwegs-mit-maria-eckert

Maria Eckert vor dem Filmplakat beim Kino an der Planie.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

In diesem Fall können Maria Eckert, Frank Bakos und Harald Sickinger den Film aber

tatsächlich zusammen anschauen und womöglich machen das auch noch andere Leute,

die unser Video mit dem Tipp auf unserer Internetseite oder bei einem unserer

Kulturvermittlungs-Treffen gesehen haben. Vielleicht hat sich ja die eine oder der

andere animieren lassen, den Film anzuschauen.

„Kann ich dann nur Euch besuchen oder auch selber Kurse leiten?“

Im Juli 2016 sind wir bei der LEF-Jahrestagung eingeladen. LEF bedeutet

Landesverband der Evangelischen Erwachsenen- und Familienbildung in Württemberg.

Thomas Geprägs. Markus Lemcke, Franziska Schiller und Harald Sickinger fahren zu der

Veranstaltung nach Bad Boll.

Auf dem Foto von der Tagung in Bad Boll sieht man von rechts Markus Lemcke, Harald Sickinger, Franziska

Schiller, Thomas Geprägs sowie Frieder Leube vom Haus der Familie in Reutlingen und Vertreterinnen anderer

Familienbildungsstätten.

Hier zeigen wir Videos und berichten von unseren Erfahrungen bei der

Aktionsforschung im Kulturleben. Dazu gehören auch Erfahrungen im Reutlinger Haus

der Familie. Dort waren wir im Frühjahr, haben Fragen gestellt und Filmaufnahmen

gemacht.

„Kann ich dann nur Euch besuchen oder auch selber Kurse leiten?“, fragt Franziska

Schiller in einem Videoausschnitt, den wir bei der Tagung zeigen.

Der Leiter des Bildungshauses Frieder Leube erzählt, dass es solche Anfragen immer

wieder gibt. Normalerweise braucht man eine bestimmte Qualifikation, um einen Kurs

zu leiten.

„Ausbildung, Wissen in dem Sinn mit Ausbildung, Zeugnis und so weiter hab ich keins.“,

sagt Franziska Schiller. Aber trotzdem kennt sie sich mit einigen Dingen gut aus.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Zum Beispiel macht sie als Kompressionsstrumpf-Trägerin oft die Erfahrung, dass ihr

die Strümpfe nicht richtig angezogen werden und äußert die Idee, dass sie doch mal

einen Kurs leiten könnte, wie man Kompressionsstrümpfe richtig anzieht.

So tauschen wir uns mit den Verantwortlichen der württembergischen Familienbildungsstätten

unter anderem über Möglichkeiten aus, wie Expertinnen bzw.

Experten aus eigener Erfahrung zusammen mit pädagogischen Fachkräften einen Kurs

leiten könnten.

In anderen Filmaufnahmen von unserem Besuch im Reutlinger Haus der Familie sagt

der Leiter Frieder Leube: „Wir haben seit einem guten Jahr eine neue Homepage und

da war´s uns wichtig, dass wir die Homepage so programmieren lassen, dass

Menschen, die mit dem Sehen Schwierigkeiten haben, die ein eingeschränktes

Sehvermögen haben, dass die die Schrift entsprechend groß stellen können, dass die

auch unsere Angebote lesen können...“.

Nach diesem Ausschnitt sehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung in Bad

Boll, wie Markus Lemcke die Homepage testet. „So jetzt geh ich hier mal auf das

Pluszeichen....Jetzt haben wir schon gesehen, irgendwas vergrößert sich. Aber das

Spannende ist, ist die Seite auch so programmiert, dass man sie jetzt noch bedienen

kann? Jetzt gehen wir hier mal runter. Also wir sehen jetzt hier ganz deutlich, die Schrift

hat sich vergrößert. Das hat also funktioniert. Die Programmierung ist gut...“.

http://vimeo.com/afuw/homepage-hdf

Auf diesem Video-Standbild sieht man, wie Markus Lemcke gerade die Schrift auf der Homepage prüft.

Auch Aufnahmen von einer Befahrung der Toilette schauen wir an. Außerdem

sprechen wir über Möglichkeiten zur Vereinfachung der Sprache und über einige

weitere Aktionsforschungs-Themen.

„Haben Sie Fragen an uns?“, sieht und hört man Thomas Geprägs in einem weiteren

Filmausschnitt sagen.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„Mich würde interessierten, was war Ihr erster Eindruck, als Sie hier ins Haus

gekommen sind?“.

Thomas Geprägs antwortet: „Mein erster Eindruck war, schöne Räume, barrierefrei

ausgebaut, dass man mit dem Rollstuhl kann runter und Aufzug für Rollstuhlfahrer,

Kinderwägen, schönes Haus find ich.“.

Franziska Schiller beschreibt, wie sie angekommen ist: „Als ich hier dann das schöne,

weiße Haus und ihre Freundlichkeit gesehen hab, hab ich mich gleich daheim gefühlt.“.

Frieder Leube und seine Kollegin Irmela Theurer-Weigele sagen, dass sie das freut.

http://vimeo.com/afuw/fragen-an-uns

Das Haus der Familie soll inklusiv sein, sagen sie. Das betrifft nicht nur Menschen mit

Handicap, sondern auch alle anderen.

Es gibt im Haus der Familie das Ferda-Café. Hier treffen sich regelmäßig Frauen und

manchmal auch Männer aus unterschiedlichen Ländern. Sie reden miteinander und

tauschen ihre unterschiedlichen Erfahrungen aus. Das gefällt Franziska Schiller und so

nimmt sie ab jetzt manchmal daran teil.

Begegnungen mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern bereichern unsere

Aktionsforschung für eine Kultur ohne Ausnahme. Das erleben wir bei Ferda

international und bei vielen anderen Gelegenheiten.

Dazu gehört zum Beispiel auch unser Informationsstand beim interkulturellen Open Air

Festival Inter:Komm! des Kulturzentrums franz.K. Hier gibt´s wie so oft Videos von

unserer Aktionsforschung, Erzählungen und Gespräche, die andere und uns selbst

wieder ein Stück weiterbringen.

„Letztes Jahr war ich da auch und dann spielen da drei Orgeln“

Hier erklärt Thomas Geprägs, dass es bei der langen Orgelnacht in der Marienkirche Lichteffekte gibt.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Thomas Geprägs und Rolf Rathfelder stehen vor der Marienkirche und unterhalten sich

über den bevorstehenden Reutlinger Orgelsommer.

„Letztes Jahr war ich da auch und dann spielen da drei Orgeln. Eine oben, links rechts.“,

sagt Thomas Geprägs über seine Erfahrungen bei der langen Orgelnacht 2015.

Als wir wieder im Aktionsforschungsbüro sind, schauen wir Filmaufnahmen von

unserer Aktionsforschung im letzten Jahr an und Thomas Geprägs erklärt, wie Holger

Herzog die Marienkirche in ein ganz besonders Licht taucht:

„In der Mitte sitzt, sitzt einer von Tübingen und der hat so Licht gemacht, mit so

Lichteffekten.“.

http://vimeo.com/afuw/kulturtipp-orgelnacht

Über die Orgelnacht sprechen wir auch mit Susanne Merkl vom Kulturamt. Es geht um

die Rollstuhlgerechtigkeit, um die Verständlichkeit der Informationen und um die

Zugänglichkeit dieser Informationen zum Beispiel für blinde Menschen im Internet

Hierbei ziehen wir wieder Markus Lemcke zu Rate.

Frau Merkl gibt uns dann viel Informationsmaterial mit.

„Ich hab da so ein Plakat. Kann man das unten bei Euch aufhängen?“, fragt Rolf

Rathfelder seine Lebensgefährtin Angelika Lotterer.

In Wohnhäusern für Menschen mit Handicap und an vielen anderen Orten geben wir

Informationen über Kulturveranstaltungen weiter.

Angelika Lotterer geht dieses Jahr auch mit und wird nach ihrem ersten Besuch ein

richtiger Fan der langen Orgelnacht.

http://vimeo.com/afuw/gespraech-orgelnacht

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Dieses Standbild aus unseren Filmaufnahmen zeigt Rolf Rathfelder im Gespräch mit Angelika Lotterer.

„Das ist für mich eine ganz tolle Kultur gewesen“

Im ehemaligen Konzertbüro geben wir unsere Erfahrungen weiter und hören, was

andere uns zu sagen haben.

Walter Rebstock interessiert sich ebenfalls für die lange Orgelnacht. Rolf Rathfelder

hat auch ihn neugierig gemacht. Jetzt sprechen wir unter anderem darüber, wie man

nach dem Ende der Veranstaltung in der Marienkirche die Heimfahrt organisieren

kann.

Durch die gläserne Eingangstüre hindurch sieht man Walter Rebstock beim Gespräch in unserem Büro.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Wir fragen unsere Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner auch oft, was Kultur

für sie bedeutet.

Walter Rebstock zeigt uns in diesem Zusammenhang einen Zeitungsartikel. Dieser

Artikel dreht sich um eine Aktion von BAFF. Dabei wurden Kübel mit Nutzpflanzen wie

Tomaten und Kartoffeln bepflanzt. Walter Rebstock war dabei.

Dass da Sachen drin wachsen, die von den Bürgerinnen und Bürgern geerntet werden

können, erzählt er und nennt Orte, wo solche Kübel stehen: Bei der Marienkirche, in

der Oberlinstraße, unten an der Vesperkirche, beim franz.K und auch direkt bei

unserem Büro im Spitalhof.

So können wir einfach rausgehen und schauen, was da wächst. „Das ist für mich eine

ganz tolle Kultur gewesen“, sagt Walter Rebstock über die Pflanz-Aktion.

http://vimeo.com/afuw/pflanz-kultur

Rolf Rathfelder und Walter Rebstock bei den bepflanzten Kübeln im Spitalhof. Sie entdecken gerade Tomaten.

Es gibt viele Arten, wie man etwas zum Kulturleben beitragen kann. Diese Erfahrung

machen wir regelmäßig.

Rolf Rathfelder mit Matthias Braun stehen vor dem Schaufenster der Reutlinger

Touristeninformation. Hier sehen sie Veranstaltungshinweise auf einem Bildschirm. Es

gibt auch einen Hinweis auf das Burning Eagle Festival. Das gibt es im Sommer auf dem

Gelände des Umweltbildungszentrums Listhof.

„Das ist doch das Burning Eagle Festival, was ist das genau“, meint Rolf Rathfelder.

„Da schaff ich“, sagt Matthias Braun.

„Ja, was machst Du da?“, fragt ihn sein Aktionsforschungskollege.

„Erst in der Küche“ antwortet Matthias Braun und erwähnt dann noch, dass er auch

Eintrittskarten abreißen muss.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Das hat er mit Markus Christ vom Kulturbüro des Projekts „Kultur ohne Ausnahme

und mit den Festival-Veranstaltern so besprochen.

http://vimeo.com/afuw/mitarbeit-burning-eagle

Matthias Braun mit Rolf Rathfelder vor dem Informationsbildschirm der Touristeninformation am Marktplatz.

„Wir haben sie repariert

und dann ist sie wieder schwarz geworden“

Jedes Jahr nach den Sommerferien gibt es in Reutlingen und im ganzen Land einen Tag

des offenen Denkmals.

An diesem Tag erkunden wir unterschiedliche Denkmale und Geschichten darum

herum. Dabei entstehen wieder kurze Videoclips.

„Also hier stehen wir im Gmindersdorf am Dienstwagen von der Agentur für

unschätzbare Werte und das ist alles Gmindersorf“, berichtet der Aktionsforschungs-

Reporter Thomas Geprägs.

Dann erzählt ein ehrenamtlicher Stadtführer: „Das Gmindersdorf ist so entstanden, es

gab hier keine Arbeitskräfte mehr und drum hat der Gminder verarmte Bauern aus

Österreich und Italien angeworben hierher und da es ne große Wohnungsnot gab in

Reutlingen, wurde das Gmindersdorf errichtet.“.

Vor hundert Jahren war das. Die Firma Gminder war ein Textilunternehmen.

„Das sieht hier so bisschen ländlich hier aus, bisschen ländlich“, meint Thomas Geprägs

und der Stadtführer erklärt, dass das so gewollt ist, dass jedes Haus deshalb auch

seinen Garten hat.

Wir erfahren noch einiges mehr über das besondere Wohnviertel im Reutlinger

Westen.

„Also das war Gmindersdorf“, hört man Thomas Geprägs am Ende des Clips sagen, „das

hat die Firma Gminder gegründet.“.

http://vimeo.com/afuw/gmindersdorf

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Hier sieht man Thomas Geprägs am Anfang der Reportage über das Gmindersdorf.

Von unserem Besuch in einer alten Sägemühle am Fluss Echaz gibt´s ebenfalls einen

kurzen Zusammenschnitt:

http://vimeo.com/afuw/saegemuehle

Dieses Foto stammt aus unserem Filmbeitrag über die alte Sägemühle in Reutlingen.

Beim Westbahnhof zeigen die Freunde der Zahnradbahn Honau-Lichtenstein eine alte

Dampflok, die sie restauriert haben. Dabei hat auch Frank Bakos mitgearbeitet.

„Wir haben sie repariert und dann ist sie wieder schwarz geworden“, sagt er und auch

sein Chef von den Freunden der Zahnradbahn kommt in unserem Video zu Wort.

http://vimeo.com/afuw/alte-lok

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Oben: Thomas Geprägs mit Frank Bakos im Gespräch bei der alten Dampflok.

Unten: Ein Besucher unseres vorübergehenden Aktionsforschungszentrums, als er dieses Video anschaut.

„Aber sonst find ich einfach das franz K. kulturell so einen Diamant“

Wir nutzen das ehemalige Konzertbüro in der zweiten Jahreshälfte 2016 zum

Erfahrungsaustausch zwischen Menschen aus unterschiedlichen Gruppen und

Generationen. Bürgerinnen und Bürgern mit und ohne Handicap, Mitarbeitende in der

Behindertenhilfe und Ämtern, Kultur erlebende und Kultur schaffende Menschen,

Eltern, ältere Menschen ebenso wie junge Leute.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„Ich will mich nicht nur auf Rap beziehen“, sagt der Rapper Santiago Österle.

Aus seiner Sicht sind alle Formen von Kunst ein Sprachrohr.

„Ich speziell befasse mich halt mit Rap, weil ich selber Texte schreibe, erklärt der junge

Mann, dessen Kunst wir zuletzt bei einer Präsentation des Antidiskriminierungsprojektes

TALK im franz.K erlebt haben.

Durch Musik versucht er seine Entfaltung zu finden und Kraft zu schöpfen.

Santiago Österle sitzt mit Harald Sickinger vor einem Plakat.

Sie sprechen über das Unterwegssein. Was braucht man, damit man gut unterwegs

sein kann, im Kulturleben und im Leben insgesamt?

http://vimeo.com/afuw/kraftquelle-musik

Santiago Österle spricht über Kraftquellen in seinem Leben.

Das Kulturzentrum franz.K ist für Santiago Österle ein wichtiger Ort.

Es freut ihn, dass hier nach und nach Barrieren abgebaut werden.

„Was sich jetzt echt getan hat, ist toll, dass es jetzt einen Lifter auf die Bühne hoch gibt,

auf die Auftrittsbühne, wo ich dann mit dem Rolli, in meinem Fall, hochfahren kann und

den Auftritt machen kann.“.

Problematisch ist aus seiner Sicht noch, dass es keinen Aufzug zu den Räumen gibt, wo

die Künstlerinnen und Künstler sich normalerweise vor und nach dem Auftritt

aufhalten. Außerdem ist der Hintereingang für ihn nicht gut nutzbar.

„Aber sonst find ich einfach das franz.K kulturell so einen Diamant“, meint der Musiker.

Er findet die große Bandbreite der Musik dort toll. Jeden Mittwoch geht er zum Rap-

Workshop des Projekts TALK ins franz.K. „Deswegen ist das irgendwie so ne zweite

Heimat für mich geworden“, sagt Santiago Österle.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Wir blättern im Programmheft des Kulturzentrums franz. K und entdecken „Heiners

Schmuckschatulle“.

Das ist eine neue Veranstaltungsreihe, die vom Projekt „Kultur ohne Ausnahme“ mit

veranstaltet wird. Markus Christ vom Kulturbüro organisiert und koordiniert da viele

Dinge.

Im Herbst 2016 findet die Veranstaltung zu ersten Mal statt.

Franziska Schiller hilft an der Kasse mit, Eugen Blum hilft Harald Sickinger beim Filmen

und Thomas Geprägs interviewt Gäste.

„Sehr lustig“, hört man eine Zuschauerin in unserem Video sagen. „Mit dem Heiner

Kondschak“, erklärt der Reporter Thomas Geprägs. „Klasse, sehr überraschend“,

klingt´s aus dem Publikum. Dann sieht man etwas von dem, was sie meinen. Heiner

Kondschak singt: „Eine kleine Schmuckschatulle öffnet ihre Tür. Diese kleine

Schmuckschatulle, die gehört mir. Vielleicht wird´s ein kleines Festchen, ich freu mich

schon sehr drauf und das kleine Kästchen macht jetzt seinen Deckel auf.“.

http://vimeo.com/afuw/schmuckschatulle

Es sind unterschiedliche Überraschungsgäste, die der Künstler aus seiner

Schmuckschatulle zieht. So wird dieser Abend wie auch spätere Schmuckschatullen-

Abende im franz.K sehr abwechslungsreich.

Manches ist zum Schmunzeln und Lachen, auch Ernstes ist dabei, Bekanntes und

Neues, Musik, Theater, Lyrik, Comedy oder Tanz.

Moderiert und mit eigenem angereichert wird das Ganze von dem in der Region

bekannten Musiker, Schauspieler und Regisseur Heiner Kondschak.

In den nächsten eineinhalb Jahren unserer Aktionsforschung in Verbindung mit dem

Projekt „Kultur ohne Ausnahme“ sind wir noch oft im franz.K. unterwegs.

Ab Ende 2016 geben wir in Zusammenarbeit mit dem Team des Kulturzentrums auch

Freikarten an Menschen, die sich sonst den Eintritt kaum leisten könnten. Außerdem

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

werden wir von den Verantwortlichen immer wieder zu Rate gezogen, wenn es um den

Abbau von Barrieren geht. Für uns ist dieser Ort zu einem zentralen Forschungs- und

Begegnungszentrum geworden.

Frank Bakos (hier ohne Hut) mit den Truffle Valley Boys nach deren Auftritt beim Bluegrass-Fesival im franz.K.

Wir beschäftigen uns viel mit der Frage, was einen guten Kultur-Ort ausmacht.

Damit zusammenhängend entsteht in Kooperation mit dem Projekt „Lokale Bildungsnetzwerke

(LoBiN)“ ein Film. „Wo´s passt“ heißt das rund 20minütige Video von Harald

Sickinger über die Perspektiven von jungen Leuten.

Ende Dezember 2016 wird „Wo´s passt“ im Reutlinger Jugendhaus Bastille präsentiert.

Nach der Filmvorführung rappt Santiago Österle live:

„Ich rolle durch die Straßen, guck mir die Sachen an, weiß irgendwie gar nicht, was ich

dagegen machen kann.“.

Dass er die Sachen runter rockt, rappt er und dass „dadurch das Leben ein bisschen

bunter“ wird. „Such mir die kleinen Puzzleteile die mich faszinieren“, ist in der Bastille

zu hören, „...aber ein barrierefreies Leben wär meine erste Wahl.“, heißt es am Schluss.

Hier sieht man Memory-Kärtchen, die mit unserer Aktionsforschung im Jugendhaus Bastille und im

Kulturzentrum franz.K zusammenhängen

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

4 Weitere Geschichten erkunden und vermitteln

4.1 Wie weiter?

Januar 2017, alternativer Neujahrsempfang.

Der große Saal im Kulturzentrum franz.K ist voller Informationsstände und Menschen,

die sich austauschen. An einem der Stände informieren BAFF und der Arbeitskreis

Selbstbestimmung über ihre Arbeit und über das Projekt „Kultur ohne Ausnahme“. Auf

einem großen Bildschirm laufen Filmaufnahmen von unserer Aktionsforschung, mit

wenigen Worten und mit Musik unterlegt.

„...Interessen verfolgen...Talenten nachgehen...Erfahrungen

sammeln...Erfahrungen weitergeben...Barrieren abbauen...Kultur

weiter entwickeln...Perspektiven verändern...Schätze entdecken...“

Eine Schachtel mit der Aufschrift „Reutlingen Puzzle“. Sie ist geöffnet. Man sieht

Puzzle-Teile. Darunter das Logo von „Kultur ohne Ausnahme“ und der Zusatz „damit´s

für alle passt“.

In der nächsten Szene ist Markus Lemcke zu erkennen, wie er im Computer etwas über

Kultur ohne Ausnahme“ liest. Dann ein Filmausschnitt mit Fahnenschwenker beim

Schwörtag. Dahinter Reutlingens Oberbürgermeisterin Bosch. Davor Frank Bakos, wie

er die Zeremonie filmt. Es folgen viele weitere bewegte Bilder von unserer Arbeit.

Kurze Texteinblendungen erklären, was wir tun.

„Interessen verfolgen“ heißt die erste. Wir versuchen herauszufinden, was in unserem

Interesse und was im Interesse anderer Menschen liegt.

Auch dass wir unseren eigenen und anderen „Talenten nachgehen“ zeigt der Clip.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Man erfährt außerdem, dass wir „Erfahrungen sammeln“ und „Erfahrungen

weitergeben“. Das unterstreicht zum Beispiel eine Szene mit Andreas Roth vom

franz.K. Er zeigt uns ein Plakat für die Veranstaltung „Hyrrätytöö“. Das ist das „neue

Spektakel in der Theatermanege. „Ohne Elefanten“, steht auf dem Plakat.

In unserem Gespräch stellt sich dann heraus, dass auch sonst keine Tiere dabei sind.

„Warum steht das nicht drauf, dass da keine Tiere dabei sind?“, fragt Frank Bakos.

Wir denken, es kommt zu Missverständnissen, wenn da nur steht „Ohne Elefanten“.

Deshalb schreiben wir dahinter „und auch ohne andere Tiere“.

Wie wir Erfahrungen weitergeben, davon erzählen noch andere Beispiele: Im Haus der

Familie, bei einer Tagung in Bad Boll, beim Reutlinger Generalanzeiger...

Nach der Einblendung „Barrieren abbauen“ sieht man Bücher in einfacher Sprache und

danach, wie Rolf Rathfelder in einem Leitfaden liest. „Das inklusive Museum“ steht

drauf.

Vom „Perspektiven verändern“ erzählen diese und weitere Filmschnipsel ebenfalls und

vom „Schätze entdecken“ – bei Heiners Schmuckschatulle und bei vielen anderen

Gelegenheiten...

http://vimeo.com/afuw/impressionen-koa-01-2017

Hier verlässt Santiago Österle unser vorübergehendes Aktionsforschungsbüro beim Spitalhof. Diese Szene steht

am Ende des Clips mit Eindrücken von unserer Aktionsforschung in der ersten Hälfte des Projekts „Kultur ohne

Ausnahme“.

Wir entwickeln und vermitteln nun mehr und mehr ausgewählte Geschichten, von

denen wir meinen, dass sie uns selbst und andere weiterbringen.

Jede dieser „Geschichten von unterwegs“ vermittelt eine etwas andere Perspektive.

Jede ist wie ein Puzzle-Teil und nach und nach entsteht ein zusammenhängendes Bild.

Durch Videos, Fotos und Erzählungen geben wir bei kleineren und größeren Treffen

bzw. Veranstaltungen weiter, was im jeweiligen Zusammenhang von Interesse ist.

Die Beratungs- und Informationsstelle Jugendgemeinderat bei der Stadt Reutlingen

beispielsweise interessiert sich ebenso für unseren Rat wie wir unter anderem auch

bei zur Evangelischen Bezirkssynode zum Austausch eingeladen sind.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

An den unterschiedlichsten Orten berichten wir über unsere Aktionsforschung und

kommen mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch.

Das ehemalige Konzertbüro können wir nun nicht mehr als Treffpunkt nutzen. Also

veranstalten wir wöchentliche Treffs im Kaffeehäusle und später im Café Nepomuk.

Bald laden wir darüber hinaus monatlich zu „Geschichten von unterwegs“-

Veranstaltungen in den Kulturpark im Reutlinger Norden ein. Beim bunten Abend im

Wohnheim für Menschen mit Handicap kreuzen wir ebenso auf, wie bei vielen

öffentlichen Kultur-Ereignissen in Reutlingen und darum herum.

Hier vermitteln wir unsere Geschichten von unterwegs und erkunden bzw. entwickeln

zugleich weitergehende.

Dabei machen wir immer wieder die Erfahrung, dass wir weiterkommen, wenn wir dort

anfangen, wo´s passt.

4.2 Wo´s passt

„Du wirst akzeptiert, wie Du bist...“

„Alteburgstraße, IHK, da ist das Kaffeehäusle, bei der Alteburgstraße, Pomo, Volkspark

Pomologie, da ist das Kaffeehäusle von der Lebenshilfe“, sagt Thomas Geprägs.

Er hat sich eine Kopie mit einem Ausschnitt aus dem Reutlinger Stadtplan gemacht.

Dann hat er Umrisse eingezeichnet und ausgeschnitten.

„Das ist das katholische Heilig Geist-Gebiet und in der Kirche bin ich“, erklärt unser

Aktionsforschungskollege.

„Und das ist für Dich wichtig?“, fragt ihn Harald Sickinger.

„Das ist für mich wichtig“, antwortet Thomas Geprägs.

Thomas Geprägs zeigt das ausgeschnittene Heilig Geist-Gebiet. Danach sagt er zu einer Unterstützerin, dass sie

die ausgeschnittene Karte mit dem Kopierer bitte noch vergrößern soll.

http://vimeo.com/afuw/wichtiges-gebiet

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Das Kaffeehäusle und das Gebiet darum herum sind aus seiner Sicht gute Orte.

Im Zusammenhang mit dem Filmprojekt „Wo´s passt“ haben wir auch einiges darüber

erfahren, was aus der Sicht von Jugendlichen einen guten Kultur-Ort ausmacht.

http://vimeo.com/afuw/wos-passt

„Du wirst so akzeptiert, wie Du bist...was Du bist und was nicht und das gehört

irgendwie dazu, zu ´nem Ort, wo ich mich wohl fühl“, sagte ein Jugendlicher vor dem

Jugendhaus Bastille. Das ist ein guter Ort für ihn.

Diese Aufnahme aus dem Film „Wo´s passt“ zeigt das Jugendhaus Bastille und Leute auf dem Sportplatz davor.

Später saß der junge Mann bei uns im ehemaligen Konzertbüro.

Wir schauten die Szene zusammen an und er sagte: „Das ist ganz wichtig, dass man

einen Ort hat, wo man akzeptiert wird, um Selbstvertrauen zu entwickeln und wenn

man Selbstsicherheit auch hat, kann man anfangen, auch sich selber zu verändern.“.

Franziska Schiller sieht das genauso. Andere aus unserer Runde stimmen zu.

„Ich selber sein können“, steht auf einer Karte. Davon träumt Franziska Schiller.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Auch Rolf Rathfelder wünscht sich das. Da müsse man eigentlich noch dazuschreiben

„und sich nicht hinter einer Maske zu verstecken“, sagt er.

„Mich sicher fühlen“ ist auf einer anderen Karte zu lesen. Matthias Braun hält sie in die

Kamera.

Was aus seiner Sicht hilft, damit man sich sicher fühlen kann, fragt ihn Harald Sickinger.

„Miteinander reden, wenn man Ängste hat und so.“, antwortet Matthias Braun und

blickt zu Detlef Hartwig. Der ergänzt „Wenn man nicht weiter weiß, muss man jemand

holen, wo hilfsbereit ist...Mitbewohner am besten oder Mitarbeiter.“.

http://vimeo.com/afuw/sicher-fuehlen

“Dass man Freunde hat“, erklärt Detlef Hartwig später noch, das sei wichtig, damit man

sich sicher fühlen kann.

Der Film „Wo´s passt“ läuft gerade achteinhalb Minuten, da geht´s auch hier darum:

„Und kann man dann sagen, also, n´ guter Ort ist auch dort, wo...“, beginnt Harald Sickinger

seine Frage an einen Schüler der Reutlinger Erich-Kästner-Schule und bringt

den Satz nicht zu Ende. „...Freunde sind“, sagt der Schüler spontan dazwischen. „Ja,

kann man“, fügt er hinzu.

Vieles von dem, was die Jugendlichen sagen, scheint auch für uns und andere

Menschen zu gelten, unabhängig vom Alter. Es passt,...

• wo man anerkannt wird, wie man ist und wo man sich entwickeln kann

• wo Freundinnen und Freunde sind

• wo man seinen Interessen nachgehen kann

Auch Respekt sei sehr wichtig, sagen viele.

Der Film „Wo´s passt“ ist jetzt eine viertel Stunde gelaufen.

„TALK – respect connects“ steht in der Einladung zur Präsentation des Jugendkunst-

Projekts T.A.L.K. Das ist Englisch und bedeutet, dass Respekt verbindet.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Santiago Österle erklärt: „Das Talkprojekt ist einfach für mich ein Zusammenfinden von

Jugendlichen, die dann zusammen Sachen arbeiten. Das TALK-Projekt schließt ja total

viel ein. Es schließt den Graffiti-Workshop ein, also den Fotoworkshop, den Rap-

Workshop ein und es schließt den Tanz-Workshop ein. Also, es ist sehr viel, was in dem

Projekt innerhalb passiert und halt beim Rap ist es halt sehr intensiv, weil wir mit

unserem Coach Kabu die Texte erarbeiten und einfach über unser Leben praktisch

reden.“.

Santiago Österle beii der „T.A.L.K.-Präsentation.

Danach sieht man Santiago Österle mit anderen Musiker*innen auf der Bühne in

seinem Element.

Er rappt: „...mein halbes Leben KBF, viele positive Gedanken, ich habe viel gelernt und

dafür möchte ich danken. Doch Dinge ändern sich. Das Leben hat mich eingeholt. Neue

Klasse, neue Zeit...“. Dann singen er und die anderen Mitwirkenden „franz.K, hands up,

franz.K, hands up...“.

Das heißt übersetzt „franz.K, Hände hoch, franz.K. Hände hoch...“ und das Publikum

macht mit. Aber das sieht man im Film nicht. Das wissen wir, weil wir dabei waren.

Dass aus Santiagos Perspektive im franz.K noch nicht alle, aber schon einige Barrieren

abgebaut worden sind, erfahren wir in der nächsten Szene des Films „Wo´s passt“ –

und dass dieses Kulturzentrum ein Diamant für ihn ist.

Am Ende geht´s im „Wo´s passt“-Film noch um andere Bereiche, die wichtig sind, für

ein gutes Kulturleben. Dazu gehört zum Beispiel die Schule.

„Ich träume eigentlich von einer Schule, die keine Barrieren mehr aufstellt und die

Grenzen für alle öffnet.“, sagt der Rapper.

Diesen Traum träumt er nicht allein.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

4.3 Geschichten von unterwegs

„Wir sind das Projekt Kultur ohne Ausnahme,

was sind Sie für ein Verein?“

„Wir sind das Projekt Kultur ohne Ausnahme, was sind Sie für ein Verein?“, fragt

Thomas Geprägs an einem der vielen Infostände beim alternativen Neujahrsempfang

im Kulturzentrum franz.K.

Die Leute am Stand sagen, dass sie sich für bessere Radwege einsetzen. Das ist auch

Kultur. „Mit Lebenskultur hat´s was zu tun und es ist gesund“, meint eine Frau.

„Wenn Menschen zusammen kommen“, das sei für ihn Kultur, antwortet ein

Jugendlicher am Stand des Kulturzentrums Zelle.

„Was man gemeinsam schafft“, das bedeutet Kultur aus der Sicht eines Mannes, der

beim alternativen Neujahrsempfang die schwule Bewegung in Reutlingen (SchwuBeRt)

vertritt.

Alternativ bedeutet anders. Beim alternativen Neujahrsempfang kommen Leute

zusammen, die sich für eine Welt einsetzen, wo einiges anders gemacht wird. Dabei

geht es um den Umgang mit der Natur und um den Umgang der Menschen

miteinander.

Auf der Bühne erklärt Thomas Geprägs, was der Arbeitskreis Selbstbestimmung macht.

Er sagt, der „setzt sich ein für Menschen mit Handicap und speziell im Freibad für

Rollstuhlfahrer. Eigene Kabinen, eigene Duschen und ein Lifter“. Er will „dass sie vom

Rollstuhl aus in den Lifter sitzen können und einfach runter ins Wasser.“.

Weitere Aktive aus dem Arbeitskreis sitzen mit Markus Christ vom Kulturbüro neben

Thomas Geprägs auf der Bühne und baden ihre Füße in einem Planschbecken.

Von links sieht man hier Brigitte Edelmann (mit Schild), Rolf Rathfelder, Angelika Lotterer, Frank Bakos (mit Gießkanne),

hinter ihm sitzt Markus Christ und rechts steht Thomas Geprägs mit dem Mikrofon in der Hand.

Das ist eine Protest-Aktion, „weil das im Freibad so schlecht ist“, sagt Thomas Geprägs.

https://www.yumpu.com/s/U0HLPdIBb2wRJ1Ou (Geschichte mit Text und Videos)

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„Wir Menschen müssen umdenken...“

Rolf Rathfelder zeigt ein Buch: „Das haben wir gemacht für die Gedenkstätte in

Grafeneck. Das ist so ein Buch, wo das erklärt, was da passiert ist“. Der Arbeitskreis

Selbstbestimmung hat beim Schreiben des Buches geholfen. Auch Angelika Lotterer

war dabei. Sie ergänzt: „Was man früher zur Nazizeit mit Leut mit Handicaps gemacht

hat.“.

„Die waren verdunkelt“, sagt Rolf Rathfelder über die grauen Busse. Damit wurden in

der Zeit des Nationalsozialismus Menschen mit Handicap abgeholt und nach Grafeneck

auf der Schwäbischen Alb gebracht. Dort wurden sie ermordet.

Er blättert weiter und zeigt uns ein Foto von dem Gebäude, in dem die Menschen

ermordet wurden.

http://vimeo.com/afuw/grafeneck

Am 27. Januar ist der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Aus

diesem Anlass kommt das Gespräch auf diejenigen, die im Zusammenhang mit der

entwertenden und ausgrenzenden Kultur des Nationalsozialismus ermordet wurden.

Aus diesem Gespräch stammt der folgende Ausschnitt:

Harald Sickiger: „Im Saal der Heime am Gustav-Werner-Platz gibt´s einen Gedenk-

Gottesdienst und am Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus werden Kerzen

aufgestellt. Welche Bedeutung haben solche Gedenk-Orte für Dich?“

Franziska Schiller: „Wir Menschen müssen umdenken und um umzudenken helfen

solche Teile.“

Aus dem Gespräch entsteht das nächste Puzzleteil mit Text und Videos. Wir verwenden

es bei unseren Treffen und machen´s wie andere Teile auch im Internet zugänglich:

https://www.yumpu.com/s/IHLyhz6osMxqeJkB (Geschichte mit Text und Videos)

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„Ich frag, ob sie noch zwei Freikarten für Paula haben“

Matthias Braun startet den Film-Trailer. Darin sagt ein Mann: „Paula, ich glaube nicht,

dass Du eine gottbegnadete Künstlerin ersten Ranges wirst. Frauen können keine

Malerinnen werden. Matthias Braun und sein Freund Detlef Hartwig interessieren sich

für den Film. Er läuft im Kamino-Kino.

Franziska Schiller hat ihn schon gesehen. Sie erklärt: Es geht um eine wahre

Begebenheit, Paula. Sie ist am Anfang des letzten Jahrhunderts im Norden von

Deutschland aufgewachsen und als junge Frau weiß sie genau, dass ihr das Malen liegt

und dass sie´s kann und sie wollt damit ihre Stärke zeigen und das einfach machen.

Am Anfang hat Paula einen Malkurs besucht, wo sie genau nach Vorschriften malen

sollte, wie in der Fotografie, man sollte in der Malerei die Natur naturgetreu

wiedergeben. Aber das war der Paula egal. Sie hat das so gesehen und gut. Sie malte

weiterhin nach ihren Empfindungen. Sie hat halt Nasen wie Kartoffeln gesehen und

dann hat sie Nasen wie Kartoffeln gemalt. Der Freund von ihrem Mallehrer hat sie

gefragt; Sehen Sie das so? Sie hat dann gesagt: Ja, das sehe ich so, als Kartoffel...“.

„...Jeder Mensch ist ja ein Individuum und die Paula hat halt ihr Individuum gelebt,

indem ihr das, was andere gesagt haben, in Anführungszeichen scheißegal war“, sagt

Franziska Schiller und fügt hinzu: „Ihr Mann hat sie gehalten und auch gehen lassen,

sie hat auch Freundinnen um sich herumgehabt, die mit ihr revoluzzt haben.“

Der Film handelt unter anderem davon, wie eine Frau trotz vieler Widerstände ihre

Fähigkeiten im Kulturleben verwirklicht. Dabei werden Fragen aufgeworfen, die viele

Menschen beschäftigen.

Die „Geschichte von unterwegs“ dazu wird unter anderem im Berufsbildungsbereich

einer Behindertenhilfeeinrichtung als Anschauungsmaterial verwendet.

https://www.yumpu.com/s/uldzQ6IKBHJDEWbM (Geschichte mit Text und Videos)

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„Hat der Sohn von der Besitzerin hier Musik gemacht?“

„In diesem Haus hat der Sohn der Besitzerin damals schon, ehe der Jazzclub gegründet

wurde, hat der spaßeshalber bei sich im Keller ab und zu Konzerte gemacht“, erklärt

der Vorsitzende des Reutlinger Jazzclubs in der Mitte.

Seit inzwischen mehr als 40 Jahren hat der Verein den Keller gepachtet und lädt zu

Musikveranstaltungen dorthin ein.

„Hat der Sohn von der Besitzerin hier Musik gemacht“, fragt Thomas Geprägs.

Clemens Wittel antwortet „Der hat hier Veranstaltungen gemacht. Er selber, glaub ich,

hat gar keine Musik gemacht. Aber der hatte so Spaß an der Jazz-Musik, dass er dann

selber Bands engagiert hat und dann immer mal wieder hier unten, im Kohlenkeller

sozusagen, ein Konzert gemacht hat.“.

Von links stehen hier Clemens Wittel, Frank Bakos und Thomas Geprägs auf der steilen Treppe zum Jazzclub.

https://www.yumpu.com/s/qrIbCSxEBX256vaV (Geschichte mit Text und Videos)

Die Geschichte rund um den Jazzclub entsteht anlässlich eines Konzertbesuchs. Dabei

spielen Jazzmusiker spontan in unterschiedlichen Besetzungen zusammen. Der Eintritt

ist frei. Trotzdem gibt es Barrieren. Mit dem Rollstuhl kommt man nicht in den Jazzclub.

Wir überlegen mit Clemens Wittel, ob man einen Treppenlift einbauen könnte. Er zeigt

uns, dass die steile Treppe in den Keller dafür zu eng ist. Bei Veranstaltungen müssen

Fluchtwege immer gut zugänglich sein, falls es einmal brennt.

„Vereint gegen Barrieren“

Am 8. Mai 2017 erscheint ein Artikel der Journalistin Elke Schäle-Schmitt im Reutlinger

Generalanzeiger Es geht um eine Veranstaltung im Spitalhof, die von der Architektenkammer

zusammen mit der Liga für Teilhabe organisiert wurde. Die Überschrift heißt

„Vereint gegen Barrieren“.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Artikel im GEA: https://www.yumpu.com/s/HGMUn6vEPiwsr14K

Das Foto stammt aus dem Artikel. Es zeigt Teilnehmende der Podiumsdiskussion: Von links: Maria Eckert, Ulrich

Schwille, Andreas Bauer, Lothar Bauer, Konrad Berger und Moderator Eckart Hammer.

Perspektiven von Expertinnen und Experten aus eigener Erfahrung flossen unter

anderem durch die Mitwirkung von Maria Eckert bei einer Podiumsdiskussion und

durch die Präsentation von Videobeispielen aus unserer Aktionsforschung durch

Harald Sickinger ein.

Dabei ging es um Erfahrungen mit Barrieren im öffentlichen Raum in der Region.

Beispielsweise ging es laut GEA-Artikel um „schlecht lesbare Hinweisschilder, oder

sprachlich komplizierte Ankündigungen für Kulturveranstaltungen, Internetauftritte,

die keine Rücksicht auf Sehbehinderte nehmen, obwohl das technisch recht einfach

möglich wäre...“.

Letzteres spricht ein Filmbeispiel an, das sich um die Einkaufskultur dreht.

Markus Lemcke schaut sich eine Internetseite an, die zum Einkaufen in Reutlingens

Nachbarstadt Metzingen einlädt. Dabei stellt er fest, dass bei den Fotos u. a. die Texte

fehlen, welche die Fotos für blinde und sehbehinderte Menschen beschreiben sollten.

http://vimeo.com/afuw/fehlende-alternativtexte

„Am beeindruckendsten“, schreibt der Generalanzeiger weiter, „war das Beispiel einer

Reutlinger Rollstuhlfahrerin. die mit der Bahn zum Einkaufen nach Metzingen wollte

und für die normalerweise zehn Minuten dauernde Fahrt aus vielerlei Gründen letztlich

zwei Stunden brauchte – samt Kehrschleife in Nürtingen, weil sie sonst am Bahnhof in

Metzingen auf einer Insel festgesessen wäre.“.

Auch diese Geschichte dokumentieren wir als „Geschichte von unterwegs“ mit Text

und Videoausschnitten:

https://www.yumpu.com/s/5XehF6xjmrN7tPZb

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Mitte Mai erscheint im Schwäbischen Tagblatt noch ein Artikel, der ausschließlich die

Bahnfahrt mit Hindernissen zum Thema macht:

Artikel im Tagblatt: https://www.yumpu.com/s/eNWiR1nLgVDv0CbA

Wir möchten allerdings nicht nur Geschichten über Barrieren vermitteln. Wir wollen

Wege erkunden, die uns selbst und andere die Schätze der Kultur erleben lassen.

„Ich finde, so etwas ist wirklich auch ein Schatz...“

Thomas Geprägs im Gespräch mit Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch

„Die hat gesagt, dass es nicht mehr wegzudenken ist aus Reutlingen, Kultur vom

Rande“, erklärt Thomas Geprägs, als wir die Aufnahmen von unserem Gespräch im

Rathaus noch einmal anschauen. Dann fügt er hinzu: „Die sitzt auch immer am

Schreibtisch“.

Im Film sieht man, wie er sie fragt: „Was macht so ´ne Oberbürgermeisterin den ganzen

Tag?“ und wie er sie eine Schachtel öffnen lässt. Ursprünglich war da mal ein Spiel drin.

„Entdecke die Wunder der Erde“ steht drauf.

Die Oberbürgermeisterin holt das Programm des Festivals „Kultur vom Rande“ aus der

Schachtel. Das findet im Juni statt. „So etwas ist wirklich auch ein Schatz, vielleicht

sogar ein Wunder der Erde“, sagt sie.

Thomas Geprägs, Franziska Schiller und Harald Sickinger erstellen fünf Videoclips mit

prominenten Unterstützerinnen und Unterstützern des Festivals Diese Clips werden

bei der Eröffnung gezeigt.

http://vimeo.com/afuw/bosch-kulturvomrande

http://vimeo.com/afuw/wuerth-kulturvomrande

http://vimeo.com/afuw/mack-kulturvomrande

http://vimeo.com/afuw/bauer-kulturvomrande

http://vimeo.com/afuw/keller-kulturvomrande

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Bei jedem dieser Gespräche tauschen wir uns über viele unterschiedliche Fragen aus.

Es geht nie ausschließlich um „Kultur vom Rande“, sondern um Kultur ohne Ausnahme

insgesamt.

Zum Gespräch mit Barbara Bosch hat Thomas Geprägs einen Reutlinger Stadtplan

mitgebracht. Er möchte ihr zeigen, dass der für viele Menschen nicht gut lesbar ist.

Sie erklärt, dass momentan an einem besser lesbaren Stadtplan gearbeitet wird und

dass dabei auch Expertinnen und Experten beteiligt sind, die das Problem aus eigener

Erfahrung kennen.

Außerdem erwähnt sie die Mitwirkung einer Organisation mit dem Namen

„Behindertenliga“. Diese Organisation hat allerdings ihren Namen geändert.

Thomas Geprägs sagt in freundlichem Ton: „Frau Bosch, sie haben gesagt

Behindertenliga. Das heißt mittlerweile Liga für Teilhabe.“.

Die Oberbürgermeisterin bedankt sich für den Hinweis.

http://vimeo.com/afuw/gespraech-stadtplan

„...dass man sich dann vielleicht mal aufmacht,

um was dran zu ändern...“

Ob man von den Bremer Stadtmusikanten etwas lernen kann, wollen wir wissen.

„Ja“, sagt die Passantin, die wir beim ehemaligen Konzertbüro in der Reutlinger

Innenstadt angesprochen haben.

Sie meint: „Wie´s bei den Brüdern Grimm in dem Märchen so schön heißt, etwas

Besseres als den Tod findet man überall. Also, dass, wenn einem nix mehr passt, die

zuständigen Zustände, dass man sich dann vielleicht einfach mal aufmacht, um was

dran zu ändern.“.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Dieses Gespräch kommt in einem der fünf Videogeschichten vor, die Franziska Schiller

und Harald Sickinger in Zusammenarbeit mit anderen Aktionsforscherinnen und

Aktionsforschern speziell zur Präsentation vor den abendlichen Theatervorstellungen

beim Festival „Kultur vom Rande“ produziert haben.

Wir haben einige Ausschnitte daraus zusammengestellt.

http://vimeo.com/afuw/ausschnitte-gvu-kvr

Diese ausgewählten Filmpassagen drehen sich um Wunder der Erde und um

märchenhafte Vorstellungen.

Rolf Rathfelder und Angelika Lotterer sagen zum Beispiel, es ist auch ein Wunder der

Erde, dass sie sich kennen und lieben gelernt haben.

Es geht aber auch darum, wie es wäre, wenn Märchen oder Träume wahr würden.

Rolf Rathfelder wünscht sich, dass er wie ein erwachsener Mensch behandelt wird und

nicht wie ein kleines Kind. „Dass alle Menschen gleichbehandelt werden, wär auch ein

Traum“, sagt der Aktionsforscher.

„Da müssen alle an einem Strang ziehen, nicht mit Handicap und mit Handicaps“,

ergänzt ihn seine Lebensgefährtin Angelika Lotterer.

Dass wir ja so eine Art Schatzsuche machen, meint Harald Sickinger und schwenkt mit

der Kamera auf jene Schachtel, in der früher ein Spiel drin gewesen ist und die schon

bei der Oberbürgermeisterin zu sehen war. „Auf der Kiste steht ja drauf: Expedition.

Entdecke die Wunder der Erde. Wie kann man eigentlich erklären, was eine Expedition

ist, Franzi?“, fragt er.

Franziska Schiller denkt nach. Dann sagt sie: „Eine lange, anstrengende, interessante,

vielfältige Reise.“.

In dieser Momentaufnahme fährt Franziska Schiller gerade aus dem Bild, um dann auf dem Marktplatz wieder

auf zu tauchen. Im Gepäck hat sie die Bremer Stadtmusikanten: Ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn. Das

Zelt im Hintergrund ist ein Veranstaltungsort beim Festival „Kultur vom Rande“.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„Das gibt mir Phantasie“

Hier sieht man ein Beispiel dafür, wie die Behindertenhilfeeinrichtung LWV Eingliederungshilfe in Rappertshofen

ausgewählte Geschichten von unterwegs aus unserer Aktionsforschung präsentiert. Der rechte Faden führt zu

der Stelle auf dem Stadtplan, wo sich das Kunstmuseum Spendhaus befindet.

„Wenn Sie malen, freitags jetzt, können Sie das Gefühl beschreiben, wie das ist, wenn

Sie malen“, fragt Harald Sickinger die Malerin Gabi Pfister. Sie ist erst vor kurzem zur

Malerin geworden, freitags, im offenen Atelier des Projekts „Kultur ohne Ausnahme“.

Gabi Pfister sagt: „Ich fühle mich befreit, einfach befreit“.

Franziska Schiller schaut diese Szene zusammen mit Harald Sickinger an. Sie kann

dieses Gefühl gut verstehen. Ihr geht´s manchmal ganz ähnlich.

„Vor mir hängt ein schwarzrotes Bild“, sagt sie in einer Aufnahme, die im Kunstmuseum

Spendhaus entstanden ist. Es ist ein Bild von HAP Grieshaber.

„Schwarz und rot sind eigentlich gefährliche Farben“, erklärt Franziska Schiller weiter,

„aber das ist für mich ein warmes, ausdrucksvolles Bild. Das guck ich gern an. Das gibt

mir Phantasie. Das gibt mir Wärme.“.

Dieses Bild hat sie inspiriert, selbst kreativ zu werden, in den Werkräumen des

Kunstmuseums.

http://vimeo.com/afuw/kunstmuseum

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Solche „Geschichten unterwegs“ geben auch anderen Leuten Phantasie zum Kultur

erleben und zum Kultur schaffen.

Das passiert zum Beispiel bei unserem wöchentlichen Kultur-Treff im Cafe´Nepomuk,

bei unseren monatlichen Veranstaltungen im Kulturpark in Rappertshofen und bei

vielen weiteren Treffen mit Menschen mit Handicap, mit denjenigen, die sie

unterstützen, mit Verantwortlichen von Kultureinrichtungen und mit allen möglichen

anderen Interessierten.

Dabei geht es um die Schätze der Kultur und um Herausforderungen auf dem Weg

dahin. Es geht um den Abbau von Barrieren, um die Organisation von Assistenz. Es geht

um ganz bestimmte Kultur-Veranstaltungen und um Kultur-Orte ganz allgemein.

Im Sommer 2017 ist nach dem Festival „Kultur vom Rande“ unter anderem mal wieder

der Reutlinger Orgelsommer ein Thema, wenn wir Geschichten von unterwegs

erzählen, auch die Kulturnacht, die bald wieder kommt und unsere Erfahrungen beim

diesjährigen Inter:Komm!-Festival. Dort haben wir einige Stimmen eingefangen.

„Wie würdest Du Inter:Komm! erklären?“, fragt Thomas Geprägs einen Besucher.

Der antwortet: „Also, ich find es toll, dass es keinen Eintritt kostet, dass jeder kommen

kann, auch die, die kein Geld haben, Flüchtlinge und so.“.

http://vimeo.com/afuw/stimmen-interkomm

Dieses Foto zeigt Frank Bakos in unserer kleinen „Aktionsforschungs-Basisstation“ beim Inter:Komm!-Festival.

Im Herbst 2017 drehen sich unsere „Geschichten von unterwegs“ dann zum Beispiel

wieder um Denkmale.

Am Tag des offenen Denkmals sind wir im Pfullinger Schaffwerk und in der Reutlinger

Oststadt unterwegs, wo es alte prächtige Häuser gibt, aber auch manches mehr, was

das Kulturleben bereichert.

Hier fragt Franziska Schiller den Stadtführer, wie er in dreißig Sekunden die Oststadt

erklären würde.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Dieser Stadtteil habe gemeinsam mit anderen die höchste Lebensqualität in

Reutlingen, meint er.

Unter uns entwickelt sich daraus ein Gespräch über Lebensqualität. Was bedeutet das

für uns selbst, an den Orten, wo wir wohnen?

Auch dieses kurze Video ist ein Beispiel dafür, womit wir bei unseren Treffen und

Veranstaltungen zum Austausch über das Thema Kultur ohne Ausnahme anregen.

http://vimeo.com/afuw/lebensqualitaet

Diese Leute hören gerade dem Stadtführer zu, wie er eine Geschichte vom Reutlinger Landratsamt erzählt.

Im Kulturpark Rapperthofen im Reutlinger Norden besuchen inzwischen regelmäßig

mehr als zwanzig Menschen unsere monatlichen „Geschichten von unterwegs“ –

Veranstaltungen.

Begonnen hat diese Sache im Frühling 2017 mit einer persönlichen Geschichte von

Franziska Schiller, die selbst in Rappertshofen wohnt. Zusammen mit Harald Sickinger

zeigte sie Videos und erzählte von ihren Erfahrungen in Verbindung mit dem Projekt

Kultur ohne Ausnahme“.

Inzwischen ist daraus ein regelmäßiger Termin geworden, bei dem wir Informationen

und Meinungen austauschen, aber auch konkrete Aktivitäten planen. Unter anderem

Veranstaltungen im Kamino und im franz.K spielen hier oft eine wichtige Rolle.

Mancher Bewohner und manche Bewohnerin einer Behindertenhilfeeinrichtung ist

nun gemeinsam mit uns unterwegs, zum Beispiel bei Heiners Schmuckschatulle oder

beim Filmschauen.

Oft nutzen wir unsere selbst gemachten Filmclips, wenn wir Kultureinrichtungen

vorstellen.

Auch über das Kamino zeigen wir immer wieder ein kurzes Video. Darin ist unter

anderem Harald Sickinger zu sehen, wie er über den Eintrittsreis redet.

Für Menschen mit Behindertenausweis kostet es sechs Euro, erklärt er.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„Das Kino Kamino ist im Stadtgebiet Oststadt“, erklärt Thomas Geprägs in dem Clip.

Dass es sich im Ziegelweg befindet ergänzt Rolf Rathfelder. Dann sieht man Franziska

Schiller, lachend, vor dem Kamino.

http://vimeo.com/afuw/kamino

Wenn es der Anlass gebietet, sind wir Immer wieder auch an Orten unterwegs bzw.

erzählen Geschichten von Orten, die nicht jede und jeder gleich mit Kultur in

Verbindung bringt.

Die Hochschule Reutlingen zum Beispiel veranstaltet anlässlich des Reformationsjubiläums

ein Konzert mit dem Leipziger Barockorchester und mit dem Valparaiso

Chorale. Das ist ein Chor aus den USA.

Das Konzert wird in der Stadthalle gegeben. Davor zeigen wir bei verschiedenen

Veranstaltungen und Treffen ausgewählte Ausschnitte von einem Gespräch mit dem

Organisator Prof. Dr. Baldur Veit. Er leitet an der Hochschule das Büro für

internationale Angelegenheiten. Offiziell und in Englisch heißt das „Reutlingen International

Office (RIO)“.

„Ich versuche alle internationalen Aktivitäten der Hochschule zu koordinieren“, erklärt

Baldur Veit im Gespräch mit Thomas Geprägs, Franziska Schiller und Harald Sickinger.

Das Konzert, sagt er, "hat mit den internationalen Beziehungen der Hochschule zu tun.

Die Valparaiso University ist eine Partnerhochschule der Hochschule Reutlingen.

http://vimeo.com/afuw/hochschule-reutlingen

Es gibt noch viele weitere kleinere und größere Geschichten, die wir im Herbst und im

Winter 2017 / 2018 erkunden und vermitteln.

So berichten wir unter anderem vom Gedenken an die Opfer des Holocaust anlässlich

des Jahrestages der sogenannten Reichskristallnacht, von Sportangeboten für

Menschen mit und ohne Handicap und von Angeboten der Volkshochschule.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Das Heimatmuseum, das Kunstmuseum und die Stadtbibliothek sind ebenfalls immer

wieder Thema.

In der Stadtbibliothek gibt es jetzt auch Lesungen von Büchern, die in einfacher Sprache

geschrieben sind.

Franziska Schiller macht außerdem darauf aufmerksam, dass man in der Bibliothek

auch ins Internet gehen kann. Das sieht man in einem unserer Filmchen.

http://vimeo.com/afuw/stadtbibliothek

In diesem Bildausschnitt aus dem Video-Clip sieht man eine Informationsbroschüre über die Stadtbibliothek. Sie

ist in leichter Sprache geschrieben und liegt hier auf dem Reutlinger Stadtplan.

Bis zum Ende des Projekts „Kultur ohne Ausnahme“ im Sommer 2018 und darüber

hinaus vermitteln wir solche Geschichten, um Anregungen zu geben und ins Gespräch

zu kommen und so auch selbst wieder Anregungen zu bekommen.

Im Dezember 2017 ist Edith Koschwitz (links) in unserem offenen Kulturtreff zu Gast. Rechts neben ihr sieht man

Angelika Lotterer. Wir sprechen über die Reutlinger Kulturnacht, für deren Organisation Edith Koschwitz

verantwortlich ist. Außerdem leitet sie das Projekt „Fortschreibung der Kulturkonzeption Reutlingen“. Auch das

interessiert uns sehr.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Gelegenheiten zum Austausch ergeben sich im Nebenraum des Café Nepomuk, im

Kulturpark in Rappertshofen, bei einer Sitzung des Heimbeirats von Bewohnerinnen

und Bewohnern einer Behindertenhilfeeinrichtung, bei Besuchen im Wohnheim, bei

vielen persönlichen Treffen und an Infoständen, bei Gesprächen über die

Fortschreibung der Kulturkonzeption für Reutlingen und nicht zuletzt bei einer großen

Veranstaltung des Projekts „Kultur ohne Ausnahme“ im Reutlinger Spitalhof.

Bei all dem gehen wir von unseren eigenen Erfahrungen aus und versuchen diese

Schritt für Schritt mit anderen zu verbinden.

5 Weitere Perspektiven entwickeln

Die Stadt Reutlingen hat im Jahr 2006 eine Kulturkonzeption beschlossen.

Das Wort Konzeption kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „etwas

zusammenfassen“.

In der Kulturkonzeption hat die Stadtverwaltung das Kulturleben der Stadt zusammengefasst.

Die Kulturkonzeption ist ein dickes Buch.

Seit Sommer 2017 wird die bisherige Kulturkonzeption fortgeschrieben. Das heißt, sie

wird weiterentwickelt.

Deshalb machen sich jetzt viele Leute Gedanken darüber. Wir machen das auch.

Puzzleteil mit Text und Videos: https://www.yumpu.com/s/tZARP0TOapx73jgB

Das Foto zeigt Spielfiguren, mit denen wir wichtige Fragen verdeutlichen: Ein Rollstuhlfahrer, der sich fragt, wie

er die baulichen Barrieren überwinden soll, die ihm den Weg versperren; eine Frau, die sich fragt, ob ihr das Geld

reicht, welches der Geldautomat ausspuckt und unterschiedliche Personen, die sich fragen, wie Kommunikation

gelingt. Dazu gehört nicht nur das Thema, auf welches ein Schild hinweist. „Halt! Leichte Sprache“ steht drauf.

Außerdem sieht man da einen Omnibus. Das ist lateinisch und bedeutet „für alle“. Wie entsteht eine Kultur, die

möglichst für alle passt? Auf dem Stadtplan sind schon einige Teile des Reutlingen-Puzzles zu sehen, die zu passen

scheinen und ein nach und nach zusammenhängendes Bild entstehen lassen.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„...buchstäblich jede und jeder...“

„In die Kulturkonzeption gehört ja auch jede Hautfarbe“, sagt Franziska Schiller,

„buchstäblich jede und jeder, egal welche Hautfarbe, welche Sprache, welche was auch

immer, einfach jeder.“.

Eine Kultur ohne Ausnahme entstehen zu lassen, das betrifft zunächst einmal alle und

alles. Das betrifft nicht nur Reutlingen. Das betrifft die ganze Welt.

Es ist Januar 2018. Im Kulturzentrum franz.K. findet wieder der alternative Neujahrsempfang

statt. Auf der Bühne steht Thomas Geprägs und führt das Video ein, welches

wir mitgebracht haben:

„Wir sind das Projekt Kultur ohne Ausnahmen“. sagt er, „wir setzen uns ein für

Menschen mit Handicap, dass die im Kulturleben teilnehmen, für das setzen wir uns ein.

Kultur ist auch eine Schule für alle, wo Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam

in die Schule gehen. Früher war´s nicht so. Da wurden Menschen mit Handicap

ausgegrenzt“.

Dann fragt er: „Was hat Kultur ohne Ausnahme mit Klimawandel zu tun?“ und der Film

wird gestartet.

Hier sieht man Thomas Geprägs bei seiner Rede zur Einführung unseres Filmclips beim alternativen

Neujahrsempfang im Kulturzentrum franz.K.

„Klima wandel(n) – solidarisch handeln“, heißt das Motto beim diesjährigen alternativen

Neujahrsempfang.

In unserem Clip erklärt Franziska Schiller: „Wir stehen ja ein für Kultur für alle und wenn

wir Kultur für alle haben, gehören wir ja alle zusammen“.

Alle miteinander können das gesellschaftliche Klima ändern, meint sie, damit niemand

ausgegrenzt wird.

„Solidarisch, das ist für mich ein Fremdwort. Das kapier ich nicht ganz, was das sein

soll“, sagt Rolf Rathfelder ein wenig später in unserem Filmbeitrag.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Dann sieht man, wie Thomas Geprägs die Überschrift über der Einladung zum

Neujahrsempfang anschaut und sagt: „Das kapier ich auch nicht, solidarisch, das ist ein

schwieriges Wort.“.

Franziska Schiller erklärt, was es aus ihrer Sicht bedeutet: „Nach meinem Verständnis

heißt das, so zu handeln, dass es für jeden, für die Welt, für die Tiere und für die

Menschen okay ist.“.

Dann folgen Straßenszenen mit den Bremer Stadtmusikanten – Ein Esel, ein Hund eine

Katze und ein Hahn, die sich zusammenschließen und zu ändern versuchen, was in

ihrem Leben nicht passt.

http://vimeo.com/afuw/klima-wandeln

„...gegenseitig unterstützen...“

Kultur bedeutet, dass die Leute gegenseitig unterstützen,“ sagt unser Kollege Detlef

Hartwig. „Das ist sehr wichtig“, ergänzt er, der immer wieder Leuten im Rollstuhl hilft,

wenn sie zum Beispiel jemanden brauchen, um die Rampe vom Stadtbus auszuklappen.

Wie so viele Leute unterstützt er andere Leute und braucht zugleich auch manchmal

selbst Unterstützung.

Das ist zum Beispiel beim Besuch von Kulturveranstaltungen der Fall: „Alleine tät ich´s

mir nicht trauen, sondern ich nehm jemand mit, wo sich mit mir auskennt.“, erklärt

Detlef Hartwig.

„Jetzt gibt´s manchmal so Kulturbegleiter, die holen einen daheim ab und bringen einen

auch abends wieder heim“, erwähnt Angelika Lotterer und spricht damit etwas an, was

das Kulturbüro von „Kultur ohne Ausnahme“ organisiert hat.

„Also jetzt gerade spontan kommt mir die Geschichte mit dem Kunstmuseum in den

Kopf. Die Unterstützung war beim Schaffen ziemlich wertvoll. Sonst hätte mein Krabat

nie Flügel gekriegt und so weiter“, meint Franziska Schiller.

Der „Krabat“ von Franziska Schiller

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Wenn viele Personen und Organisation zusammenschaffen, dann finden wir immer

wieder Möglichkeiten, wie´s passt. Das ist unsere Erfahrung.

Im Kunstmuseum arbeiten seit Anfang 2018 wieder einige Aktionsforscherinnen und

Aktionsforscher mit Kerstin Rilling zusammen.

Sie hat uns bereits im letzten Jahr geholfen, sodass wir unsere Perspektiven mit Kunst

sichtbar machen und erweitern konnten.

„Wir machen uns mit Kunst auf den Weg“ heißt es jetzt.

Mit dabei ist auch Christine Fuchs, die sich bereits seit einiger Zeit bei vielen unserer

Erkundungen und Aktionen beteiligt.

Dazu gekommen ist sie durch unsere monatlichen „Geschichten von unterwegs“ im

Kulturpark.

Vor kurzem hat sie ein persönliches Zukunftsfest veranstaltet.

Was das ist, erklärt sie so: „Ein Zukunftsfest ist eine Veranstaltung, wo man mehrere

Leute aussucht, die man gerne dabeihaben möchte, um die Zukunft zu gestalten und

dabei Unterstützer zu suchen.

Was sehr wichtig war, sagt sie, war „wie die Leute mich gesehen haben oder sehen und

auch meine Fähigkeiten, die ich hab.“.

http://vimeo.com/afuw/zukunftsfest

Bei dem Zukunftsfest ging es neben vielen anderen Themen auch um die Frage, wie sie

die passende Unterstützung fürs Fahren mit dem Stadtbus bekommen kann.

Christine Fuchs am Busbahnhof. Seit dem Zukunftsfest ist sie öfter mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„...wenn jeder quasi und jede

da ihre Fähigkeiten einbringen kann...“

Was bei der Kulturkonzeption eigentlich sonst noch beachtet werden sollte, fragt

Harald Sickinger.

Rolf Rathfelder antwortet: „Wenn eine neue Kulturstätte gebaut wird, dass die

Menschen mit Behinderung mit einbezogen werden beim Planen und Bauen.“.

„Respekt ist wichtig“ sagt Thomas Geprägs immer wieder, wenn es darum geht, wie

eine Kultur ohne Ausgrenzung entstehen kann.

Einen Menschen zu respektieren heißt zunächst einmal, ihn und seine jeweilige

persönliche Perspektive zu verstehen oder das mindestens zu versuchen.

Thomas Geprägs als Reporter vor dem Neubau des Reutlinger Stadttheaters „Die Tonne“.

„Wir sind das Projekt Kultur ohne Ausnahmen“, hört man Thomas Geprägs sagen, „wir

stehen hier vor dem Theater Tonne.“. Dann erklärt er, dass beim Theater eine

Arbeitskollegin von seinem Arbeitsplatz auf dem Hofgut Gaisbühl mitspielt und dass

auch seine Aktionsforschungskollegin Franziska Schiller hier Schauspielerin ist.

„Das ist ein schönes Gebäude“, meint Thomas Geprägs über den Neubau und betont:

„Das ist nicht weit von mir daheim, Theater Tonne, früher war´s weiter.“.

Dieses Jahr will er sich hier einige Theaterstücke anschauen.

http://vimeo.com/afuw/tonne

„Und was kann man eigentlich machen, dass es in so ´ner Kultureinrichtung Respekt

gibt?“, hakt Harald Sickinger nach.

„Für jeden eine Möglichkeit schaffen. So, wie zum Beispiel im Haus der Familie“,

antwortet Franziska Schiller, „der eine betreut die Kinder, der andere kocht, der andere

macht einen kulturellen Abend.“.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Seit unserem Aktionsforschungsbesuch im Haus der Familie besucht Franziska Schiller

dort immer wieder das Ferda-Café.

Da treffen sich Menschen aus unterschiedlichen Ländern.

Einige von ihnen trifft sie neuerdings auch bei einem Projekt, das in der

Volkshochschule stattfindet. Dabei wird mit Mosaik-Steinen gearbeitet.

Hier begegnen sich die Menschen auch Augenhöhe, findet Franziska Schiller.

„Auf Augenhöhe“, so heißt auch ein Film, den wir vor einiger Zeit im Kino Kamino

gesehen haben.

Jetzt, im März 2018, läuft er in der Nikolaikirche in der Veranstaltungsreihe „Film für

alle“.

Franziska Schiller und Harald Sickinger waren bei einem Vorbereitungstreffen und

haben Plakate mitgebracht.

Matthias Braun schaut sich das Plakat an. „Ich tät den Film weiterempfehlen“, sagt er

und erzählt ein bisschen, worum es geht:

„Es ist ein kleinwüchsiger Vater und ein großer Sohn“. Der Film sei empfehlenswert,

meint Matthias Braun, „an manchen Stellen ist er witzig und ab und zu auch traurig.“.

Auch Thomas Geprägs und Franziska Schiller empfehlen den Film, weil er aus ihrer Sicht

unterschiedliche Probleme unterhaltsam vermittelt.

So beginnt ein kurzes Video mit Ausschnitten aus unserem Gespräch über „Auf

Augenhöhe“.

Dieses Video schauen unter anderem einige Schülerinnen und Schüler an, die sich im

Unterricht damit beschäftigen.

http://vimeo.com/afuw/filmbesprechung-auf-augenhoehe

Von links nach rechts sieht man hier Matthias Braun, Rolf Rathfelder, Angelika Lotterer und Thomas Geprägs. Sie

unterhalten sich über den Film „Auf Augenhöhe“.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

„Viel erreicht, aber auch noch viel zu tun...“

Im März 2018 präsentieren wir ausgewählte Geschichten von unterwegs bei einer

großen Veranstaltung, die das Projekt „Kultur ohne Ausnahme“ mit der Evangelischen

Hochschule organsiert hat.

Einladung zur Veranstaltung: https://www.yumpu.com/s/QfIKXbwzp6LUg4Nm

„Viel erreicht, aber auch noch einiges zu tun...“ heißt es in der Überschrift des

Veranstaltungsberichts von Gisela Sämann, der danach im Reutlinger Generalanzeiger

erscheint.

In der Zusammenfassung am Ende des Artikels steht: „Genug Ideen, Reutlingen zum

inklusiven Kulturort zu machen, gibt es – das hat die Veranstaltung im Spitalhof gezeigt.

Und auch, wie wichtig es ist, Menschen mit Behinderung in die Planungen mit

einzubeziehen: als Experten in eigener Sache.“.

Artikel im GEA: https://www.yumpu.com/s/AWejTi6MGhpR47C9

Unsere Erfahrung ist: Wir kommen weiter, wenn bei der Entwicklung unseres Kulturlebens

von unseren Interessen und Talenten ausgegangen wird.

Es passt, wenn wir dem nachgehen, was wir gerne machen und was wir gut können.

Die ersten Schwierigkeiten auf dem Weg ins Kulturleben treten allerdings oft schon

auf, bevor wir das Haus verlassen – zum Beispiel,

• wenn wir selbst nicht wissen, was wir wollen und können,

• oder, wenn andere unsere Interessen und Talente nicht verstehen

• oder, wenn wir nicht wissen, wo wir unseren Interessen und Talenten nachgehen

können

• oder, wenn wir uns nicht dorthin bewegen können, weil die passenden

Bewegungsmittel fehlen oder die Orientierung oder die Sicherheit oder die Kraft

oder einfach die Motivation.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Manche Expertinnen und Experten aus eigener Erfahrung sagen, dass es eine Art

ansteckende Krankheit gibt, die sich manchmal in Wohnheimen ausbreitet.

„Lustlosigkeit“ oder „Faulheit“ könnte man die nennen, meint Rolf Rathfelder.

Oder „Müdigkeit“, fügt Angelika Lotterer hinzu.

Franziska Schiller schlägt noch eine andere Bezeichnung für diese Sache vor, die

manche beim Kultur erleben und beim Kultur schaffen behindert. „Ich tät´s Hospitalisation

nennen“, sagt sie.

„Das ist aber ein Fremdwort“, wirft Rolf Rathfelder ein.

„Was heißt das auf Deutsch und in einfacher Sprache, dass wir´s auch verstehen?“, fragt

Matthias Braun.

Franziska Schiller antwortet: „Dass wir einfach, wie Ihr´s gesagt habt, keinen Bock mehr

haben, was zu machen und uns dann im Haus immer im Kringel drehen.“.

http://vimeo.com/afuw/motivationsfragen

So ist das nach unserer Erfahrung teilweise, so ist es aber nicht immer.

Wir selbst und viele andere um uns herum tun einiges,

• damit wir herausfinden, was wir wollen und können

• und das auch anderen vermitteln

• und die vorhandenen Möglichkeiten des Kulturlebens entdecken

• und neue Möglichkeiten entwickeln – und das betrifft auch die Motivation und

die Kraft und die Sicherheit und die Orientierung und passende Bewegungsmittel

ebenso.

Viele öffentliche Verkehrsmittel passen aber noch nicht für alle und einige von uns

suchen Menschen, die sie unterwegs unterstützen.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Im Lauf der letzten Jahre haben wir immer wieder bei Begehungen und Befahrungen

mitgemacht, um unsere Perspektiven zu vermitteln.

Erst kürzlich organisierte der Landkreis in der Volkshochschule einen Fachtag zum

barrierefreien Planen und Bauen. Auch die Agentur für unschätzbare Werte war dabei.

„Dass die Kulturstätten barrierefrei sind und gut zugänglich ist wichtig“, meint Rolf

Rathfelder, als wir über die Weiterentwicklung der Kulturkonzeption sprechen.

Dafür bleibt noch viel zu tun.

Nicht selten liegt es am Geld, wenn jemand außen vor bleibt. Das betrifft unter

anderem die Eintrittspreise.

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

Die bisherigen Regelungen über Freikarten für Menschen mit wenig Geld helfen

ebenso weiter, wie zum Beispiel auch das Reutlinger Gutscheinheft und ermäßigte

Eintrittspreise für bestimmte Veranstaltungen.

Manchmal sind die Reglungen aber noch ziemlich kompliziert.

Aus manchen Bereichen des Kulturlebens ist man ohne viel Geld ausgeschlossen.

Stellvertretend für viele andere sagt Angelika Lotterer: „Es sollte halt auch so sein, dass

es für jedermann und für uns bezahlbar ist.“.

Verstehen und verstanden werden ist sehr wichtig, damit wir Kultur miterleben und

mitschaffen können.

Nach unserer Erfahrung kommen wir weiter, wenn wir eine angemessene Sprache

suchen und finden oder erfinden, wenn wir so sprechen und schreiben, dass wir uns

leichter verständigen können.

Das betrifft nicht nur die Verwendung von Fremdwörtern, sondern die Kommunikation

insgesamt.

„Kommunikation“ ist ein Fremdwort. Es kommt aus der lateinischen Sprache und es

bedeutet, dass man Wissen, Erfahrungen oder auch Gefühle austauscht.

Auch im Frühling und Sommer 2018 beschäftigen wir uns weiterhin mit dem Austausch

von Wissen, Erfahrungen und Gefühlen.

Wir helfen zum Beispiel bei der Entwicklung eines Stadt-Spiels für Reutlingen mit,

indem wir den Spielemacherinnen und Spielemachern unsere Perspektiven vermitteln.

Diese fließen dabei ebenso ein, wie die Perspektiven von vielen anderen Menschen.

Dazu gehören auch Menschen, die aus ihren Heimatländern flüchten mussten und jetzt

in Reutlingen leben.

Das Wort „Perspektive“ stammt ebenfalls aus der lateinischen Sprache.

„Das bedeutet Ansicht oder Aussicht“, erklärt Rolf Rathfelder.

Wenn wir unsere Ansichten austauschen, dann verändern wir dabei oft nicht nur

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Kultur ohne Ausnahme!? – Aktionsforschungsgeschichten aus den Jahren 2015 bis 2018

unsere Ansichten, sondern auch unsere Aussichten.

Salima Fellous arbeitet in der Volkshochschule an einem Mosaik. Dabei erzählt sie vom

Hamam. Das ist ein türkisches Bad. „Da sind die Fliesen auch mit Mosaik gemacht“,

sagt sie und fügt hinzu: „Das ist auch wunderschön.“.

Dann sieht man gleich nebenan Franziska Schiller bei der Arbeit mit Mosaiksteinen.

http://vimeo.com/afuw/mosaik

Unsere Aktionsforschung sehen wir wie eine Mosaik-Arbeit und die geht weiter.

Auch als das Projekt „Kultur ohne Ausnahme“ offiziell langsam zu Ende geht, vermitteln

wir weiter Geschichten von unterwegs – vom Mosaik-Projekt des Familienforums in

der Volkshochschule, von vielen anderen Mosaik-Arbeiten und von vielen aktuellen

Veranstaltungen. Dazu gehört wieder mal das Inter:Komm!-Fesival, es ist ja schließlich

schon wieder Sommer.

Warum er das Festival besucht, will Franziska Schiller da von einem Besucher wissen.

Er antwortet: „Weil meine Freundin wollte herkommen“. Dann erzählen der Mann und

seine Freundin, dass sie schon einmal da waren und dass es ihnen gut gefallen hat,

auch weil es das Festival unter freiem Himmel stattfindet.

„Was muss passieren in Reutlingen noch, damit´s ´ne Kultur ohne Ausnahme gibt, also

eine Kultur für alle?“, fragt Harald Sickinger.

„Dass schon alle zusammen sind, halli galli kann man sagen“, meint der Besucher und

erklärt, dass man das im Arabischen so sagt.

http://vimeo.com/afuw/halli-galli

Im Wasenwald wird den ganzen Sommer über Naturtheater gespielt.

https://vimeo.com/afuw/naturtheater

Auch einige von uns machen sich mit Kunst auf den Weg in die Natur

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Es ist Juli 2018.

„...wohin ich geh...“

Harald Sickinger: "Was hat´s mit dem Esel auf sich?“

Christine Fuchs: „Der begleitet mich in meinem Weg, wohin ich geh, das ist für mich

sehr wichtig“

Franziska Schiller: „Der guckt so gutmütig, wie der Sabine ihrer, hat aber viel Energie.“

Harald Sickinger; „Was hast Du gesagt, Franzi?“

Franziska Schiller: „Ich hab gesagt, dass der Christine ihr Esel Ruhe ausstrahlt, wie der

Sabine ihr Esel von den Bremer Stadtmusikanten, aber viel Energie hat.“

Harald Sickinger: „Und Du hast auch was gesagt, Kerstin, zum Esel.“

Kerstin Rilling: „Ich weiß gar nicht, was hab ich gesagt, dass er so viel Ausdruck hat,

dass es ein ganz eigener Christine-Esel geworden ist, dass die Christine zuerst gar keinen

selber machen wollt, weil sie gesagt hat, ich kann das gar nicht, gell, und dann sie eine

ganz eigene Form für ihren Esel gefunden hat und dann ist es so ein toller Esel

geworden. Und der geht auch ganz oft den Berg nauf, gell, der muss immer bergauf

gehen?“

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Christine Fuchs: „Mhm“

Flüstern aus der Runde: „Das ist wichtig“

Kerstin Rilling: „Das ist wichtig, ja, das haben wir auch festgestellt.“

Christine Fuchs: „Ja“.

Kerstin Rilling: „Und jetzt ist er auf der Alb, wie Du.“

Christine Fuchs: „Das erste Ziel auf der Alb.“

http://vimeo.com/afuw/esel

Bei der Fortsetzung unserer Aktionsforschung hilft jetzt auch unser gerade anlaufendes

Projekt „Andere Perspektiven!?“ weiter. Gefördert wird das von der Baden-

Württemberg-Stiftung.

In diesem Zusammenhang knüpfen wir an unsere bisherigen Aktionsforschungs-

Erfahrungen an, erkunden nun außer den Schätzen der Kultur auch die Schätze der

Natur und sind öfter im Biosphärengebiet Schwäbische Alb unterwegs. Wir gehen dem

nach, was uns weiterbringt und dafür beschäftigen wir uns mit Geschichten, die andere

Perspektiven vermitteln.

Vorhin hat Sabine Kramer vom Kulturbetrieb Schaffwerk schon das Märchen von den

Bremer Stadtmusikanten erzählt.

„Was hat das mit den 4 Häusern auf sich?“, fragt sie jetzt in die Runde und zeigt auf

eine gelbe Fahne. Sie hängt links von der weißen Fahne mit dem Esel drauf.

„Ja, das haben wir gedruckt in der Druckerei“, antwortet Eugen Blum und erzählt über

sein Motiv.

http://vimeo.com/afuw/4-haeuser

Die Fahne ist wie alle anderen bei unserer „Kultur ohne Ausnahme“-Arbeit im

Kunstmuseum entstanden.

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Eugen Blum hat etwas zu seinem Motiv geschrieben:

„4 Häuser

Das Haus Nummer eins ist leer.

Das Haus Nummer zwei ist mit Menschen mit Handicap befülllt.

Das Haus Nummer drei ist mit Soldaten überfüllt.

Das Haus Nummer vier ist mit Traurigkeit überfüllt.

Alle 4 Häuser sind in der Seelsorge!!!!“

Wir stehen jetzt an einem steilen Abhang.

Eugen Blum: „Das ist hier natürlich eine sehr große Aussicht, also ich find´s sehr schön,

wie das ist, das passt zur Landschaft. Obwohl man muss hier bisschen aufpassen, dass

man jetzt nicht da runterrutscht, weil es etwas gefährlich sein kann.“.

„Ja, was würden Sie denn am liebsten da runter schreien?“, fragt Eugen Blum und zeigt

auf das Plakat, das wir im Kunstmuseum gemacht haben.

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So nimmt die Sache ihren Lauf...

http://vimeo.com/afuw/der-berg-ruft

.

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6 Nachwort

„Da sieht man Vergangenheit und Zukunft“

In unseren Filmaufnahmen aus der Anfangszeit 2015 finden wir ein Gespräch mit Sigrid

Müller.

Harald Sickinger:

„Wenn´s jetzt ein Sigrid-Müller-Museum geben tät, was wär da drin?“

Sigrid Müller:

„Oooooh...darf ich´s sagen, bist nicht bös?... da wär bestimmt die große Klappe drin.“

http://vimeo.com/afuw/sigrid-mueller-museum

Sie machte den Mund auf, wenn ihr etwas wichtig war.

Wichtig war ihr zum Beispiel das Denkmal auf dem Gustav-Werner-Platz, wo wir uns

immer wieder trafen.

Sie erklärte:

„Das Denkmal ist die Erinnerung an das Dritte Reich, weil man ja da auch aus der

Gustav-Werner Stiftung Leute, die noch namensmäßig bekannt sind, zur Deportation

abgeholt hat...Ich fühl mich doch dem angeschlossen, weißt Du, weil ich doch in der Zeit

gelebt hab.“.

Einmal brachte sie als Geschenk für uns ein selbstgemaltes Bild mit und wir stellten es

vorübergehend auf dem Sockel des Denkmals ab.

Harald Sickinger nahm das Smarthone, nahm die Szenerie auf und stellte eine Frage:

„Sigrid, was sieht man da? Was kann man da sehen, weil ich film´s jetzt?“

Ihre Antwort war: „Da sieht man Vergangenheit und Zukunft.“

Später schauten wir uns diese Aufnahmen zusammen an und sprachen weiter:

Sigrid Müller: „Man sieht die Vergangenheit und die Zukunft in einem und ich glaube,

die Vergangenheit ist genauso wichtig, wie die Zukunft.“

Harald Sickinger: „Was ist die Vergangenheit und was ist die Zukunft auf dem Bild?“

Sigrid Müller: „Die Zukunft ist mein jetziger Standpunkt der Kunst. Die Vergangenheit

ist das, was ich hinter mir habe, was in Not und Elend und sonst wie geendet hat.“

http://vimeo.com/afuw/vergangenheit-und-zukunft

Unsere Kollegin Sigrid Müller ist im Frühling 2017 gestorben.

Wir haben viel von ihr gelernt.

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Dieses Foto zeigt das selbstgemalte Bild von Sigrid Müller auf dem Sockel des Denkmals für die Opfer der

nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

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