20 JAHRE TORFABRIK MESCHEDE

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Matthias ist ein Mittelstürmer der alten Schule. Er lungert vor dem gegnerischen Tor rum, bewegt sich wenig und wartet auf seine Chance. Matthias hat das Down-Syndrom und außerdem einen großartigen Torriecher. Er kann zwar nicht
sprechen, aber ein schönes Tor versteht jeder! Niemand feiert seine Tore so ausgiebig und schön wie Matthias. Seit zwanzig Jahren steht er im
Sturmzentrum der Torfabrik Meschede. In dieser Zeit hat der Publikumsliebling mehr als tausend Tore geschossen und nur ein einziges Foulspiel begangen. Von besonderen Spielertypen in einer eigentlich ganz normalen Mannschaft handelt dieses Heft. Viel Freude damit!

D

ustin Becker

ist ein besonderer

Spielertyp.

Er hat

den Antritt

einer Wanderdüne und den Bewegungsradius

eines Baukrans. Bei seiner

Ligapremiere wird Dustin eingewechselt.

Zwei Minuten lang steht er in der gegnerischen

Hälfte und macht typische Fußballergesten.

Pressen, verschieben, rotieren,

auswechseln. Zur Verwunderung

seiner Trainer aber rennt Dustin plötzlich

vom Spielfeld und wechselt sich

eigenmächtig wieder aus. „Hast gut die

Räume zugestellt“, lobt ihn sein Coach,

nachdem dieser das Geschehene für

sich sortiert hat. Auch Dustin „Danger“

Becker ist mit seinem Kurzauftritt nicht

unzufrieden.

Dustins ausgeprägte Easy-Going-

Mentalität ist selbstverständlich Teil

seines Handicaps. Er gehört zu den

Spielern der Torfabrik Meschede, die in

ihrem Leben immer auf Unterstützung

angewiesen sein werden. Das Zusammensein

mit Dustin bietet vielfältige

Überraschungen. Seine Eltern Jinny

und Uli Becker könnten Buchbände

darüber schreiben und scheinen es mit

relativ viel Humor zu nehmen.

Als Jungtalent nahm Dustin am Trainingslager

der Torfabrik teil, lernte die

Mannschaft kennen, war begeistert und

ist geblieben. Fußball ist Dustins große

Leidenschaft und da er außerordentlich

kontaktfreudig ist, dauerte sein Integrationsprozess

maximal eine halbe Minute.

Hilfreich war natürlich auch, dass

Dustin sich mit seinen Mitmenschen

fast ausschließlich über Fußball unterhält.

Er vergisst zwar so einiges, aber

nie etwas das mit Fußball zu tun hat.

Erklären können seine Eltern sich das

nicht.

Vater Uli ist Präsident des VfS Warstein

und Handball eigentlich die vorherrschende

Sportart im Hause Becker.

Keine Frage, dass Dustin auch dort als

oberster Fan bei jedem Spiel dabei ist.

Das aktive Fußballspielen bei der

Torfabrik hebt seine Hingabe aber nochmal

auf eine ganz neue Ebene. Teil eines

Teams zu sein, ist eine Erfahrung,

die Dustin zuvor noch nicht gemacht

hat. Eine tolle Sache für ihn. Schnell

haben auch Jinny und Uli Becker die

Torfabrik ins Herz geschlossen. „Immer

nur mit der buckligen Verwandtschaft

im Garten zu spielen, war ja auch langweilig“,

sagt Mutter Jinny Becker.

„Dustin ist ein begeisterter Fußballspieler.

Auch wir waren sofort begeistert.

Die Mannschaft ist nicht nur spielerisch

toll, es sind auch klasse Typen.“ Gerne

Um ihren Sohn Dustin und seine Torfabrik zu besiegen, zieht Mutter Becker alle Register.

Und schreckt auch vor fiesen Foulspielen nicht zurück.

schauen Dustins Eltern mal auf ein

Schwätzchen beim Training vorbei oder

besuchen die Festivitäten der Mannschaft.

„Dustin fühlt sich aufgenommen,

ernst genommen und als Teil eines

Ganzen. Das ist nicht nur für Dustin,

sondern auch für uns Eltern wichtig

und ein tolles Gefühl“, sagt Jinny Becker.

Seit Dustin an Bord ist haben sich Beckers

für die Torfabrik mächtig ins Zeug

gelegt. Bei ihren legendären Glühweinabenden

im Beckerschen Garten drehen

Jinny und Uli Becker an den ganz großen

Rädern. Livemusik und Parkplatzchaos

inklusive. Kurz vor Weihnachten

spenden Beckers den Erlös dieses Happenings

für wohltätige Zwecke. Zum

Beispiel an die Torfabrik.

Neben ihren Glühweinabenden hat Mutter

Becker aus einer Laune heraus eine

zweite fulminante Veranstaltungsreihe

etabliert: das Familienduell. Eine unbedachte

Äußerung über die Sporttauglichkeit

seiner Mutter bescherte Dustin

ein sportliches Duell mit ihr. Im Affekt

beschloss Jinny Becker, mit dem Rest

der Familie gegen die Torfabrik Meschede

anzutreten, um ihren vorlauten Sohn

zu besiegen. Gesagt, getan.

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Kurzerhand charterte sie das Dorfparkstadion

in Kallenhardt und motivierte

ihren gesamten Bekanntenkreis, sie bei

ihrer Misson zu unterstützen. Herausgekommen

ist ein tolles Fußballfest, bei

dem Mutter Becker alles aufbietet, was

Stammbaum und Freundeskreis hergeben.

Der TV Kallenhardt hat das Familienduell

mittlerweile fest in den Veranstaltungskalender

aufgenommen. Immer

am ersten Samstag im August findet

es statt.

Bisher gab es für Dustin und seine

Torfabrik dort nichts zu gewinnen. Jinny

Becker hingegen hat es geschafft und

ihren Sohn besiegt. Über ihrem Triumph

schwebt jedoch der Vorwurf der

Wettbewerbsverzerrung. Es schienen

beileibe nicht nur Blutsverwandte zu

sein, die Mutter Becker aufbot. Die Landesliga-Handballer

vom VfS Warstein

als „entfernte Verwandte“ zu präsentieren,

zeugt schon von Gerissenheit. Die

Kritik prallt an ihr ab. „Ein toller Wanderpokal

ist das. Wandert von einer

Ecke unseres Wohnzimmers in die andere“,

freut sie sich hämisch über ihren

Coup. „Dustin darf den Pokal gerne

anschauen. Aber nicht anfassen.“

Mit bösen Giftpfeilen schießt Mutter

Becker seit geraumer Zeit auch gegen

Torfabrik-Trainer Sebastian Nöckel.

„Typisch Sozialarbeiter. Kann alles, aber

nix richtig“, so ihr wenig mildes Urteil

über den Mann, der ihren Sohn betreut.

Mit Blick auf das nächste Familienduell

orakelt sie bereits dessen Karriereende

herbei. Ob Jinny Becker im Gegenzug

und im Falle einer eigenen Niederlage

ihr Amt als Mutter zur Verfügung stellen

würde, wollte der Coach wissen.

„Die Frage stellt sich nicht. Verlieren ist

für mich keine Option“, sagt sie. Bis

zum nächsten Sommer hat Jinny Becker

nun also wieder Zeit, um ihren Ruf

als unbarmherzige Unsympathin zu

manifestieren und mit dem gegnerischen

Trainer zahlreiche Gemeinheiten

auszutauschen.

Den Erlös überweist Jinny Becker nach

dem Familienduell aufgerundet und

stillschweigend an die Mannschaft ihres

Sohnes. Da will sie am liebsten gar

nicht drüber reden und bemüht sich

um Haltung. „Die Kohle sollten sie am

besten in einen neuen Trainer investieren.“

Mutter Becker tut alles, um die

Stimmung vor dem nächsten Familienduell

anzuheizen. Sie will gewinnen.