Variation vom Vinschger Höhenweg - im Wanderweb

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Variation vom Vinschger Höhenweg - im Wanderweb

Spielt das Wetter mit, und das tut es im Vinschgau oft, liegen sechs Wandertage

vor uns, die an grandioser Weitsicht kaum zu überbieten sind. Wir lassen,

vom Haidersee am Reschenpass bis Meran, den ganzen Vinschgau im Panorama

an uns vorbeiziehen. Die ersten Tage dominiert König Ortler die Szenerie,

danach rücken die fernen Dolomiten ins Blickfeld. Immer wieder kommen

wir an einsamen Berghöfen vorbei, die wie Schwalbennester an den

steilen Hängen kleben. Heute sind fast alle durch eine Straße erschlossen und

strahlen weißgetüncht mit viel Geranienrot ins Land hinaus, Kalenderbilder

für den Wandel in Südtirol.

Über weite Strecken folgen wir dem 2010 eröffneten Vinschger Höhenweg,

schlagen jedoch wiederholt Varianten vor, sei es, dass wir einem alten Waal

folgen statt einer ausholenden neuen Waldstraße, sei es, dass wir einer guten

Übernachtung zuliebe einen Umweg in Kauf nehmen.

»Unser« Höhenweg endet als Y: einerseits gehen wir von Schloss Juval, wo

der Vinschger Höhenweg offiziell seinen Anfang beziehungsweise sein Ende

nimmt, auf dem Meraner Höhenweg weiter bis ins Becken von Meran, andererseits

ziehen wir von Juval weiter ins Schnalstal hinein, bis Kurzras. Dass

für diese Variante eine vortreffliche Essadresse mitverantwortlich ist, erwähnen

wir hier nur am Rande.

Wir beginnen unsere Sechstagewanderung bei St. Valentin am unteren

Haidersee. Hier hätten wir in den ersten Stunden des 16. Juni 1855, ein Samstag,

nicht stehen wollen. Der Föhn hatte in den Bergen den Schnee schmelzen

lassen, dazu kamen massive Wolkenbrüche. Von den Flanken gingen Muren

ab, schließlich brach der Damm des Mittersees (der später im Reschenstausee

verschwunden ist).

Die Flutwellen zerstörten große Teile von Burgeis, Schleis und Laatsch. In

Burgeis verloren 35 Familien Haus und Stall, zwei weitere Dutzend in Schleis

und Laatsch. Die Glurnser konnten gerade noch rechtzeitig die Stadttore

schließen, sodass sich die Wasser- und Schlammmassen ihren Weg den Stadtmauern

entlang bahnen mussten. Noch heute zeigt die Marke »1855« beim

Malser Tor den Pegel des Hochwassers an, das sich hier als Schlammmasse

staute.

Tempi passati. Die Hotels und Häuser von St. Valentin sind herausgeputzt,

Ferienvolk flaniert, die Sonne scheint.

Wanderwetter. Im oberen Teil von St. Valentin schwenken wir in die Nebenstraße

(Weg 2) ein, die nach Dörfl führt und dann – auf einer Teerstraße –

nach Alsack, dem Bauernnest am Berghang über der Haide. Ein paar Fahrrad-

Blick vom Haidersee gegen die Malser Haide und den Ortler (alte Ansichtskarte).

fahrer bummeln über Land, ein Traktor röchelt vorbei, aus einem schicken

BMW-Cabrio wird ein ebenso schicker Pudel zum Gassigehen entlassen. Die

Windrotoren der »Leitwind« drehen sich träge, dahinter grüßen die Spitze des

Ortler und die Wand der Königspitze herüber. Die weiten Wiesen der Haide

sind wohlbestückt mit Sprinklern der modernen Beregnungsanlagen, hie und

da schlängelt sich noch eine kleine Wasserader durch das Grün, letzte Überlebende

der ausgedehnten und ausgetüftelten Netze der Bewässerungswaale.

In Alsack wechseln wir auf einen alten Feld- und Wiesenweg, der nach

Planeil hinaufzieht. »Was tun denn die da?« Von Weitem konnten wir uns

keinen Reim machen auf das Tun eines älteren Paares, das in den steilen Wiesen

irgendwas ausstach und in Plastiksäcke einsammelte. Mäusejagd. Kein

Wunder, ist auch der große Begleithund ganz bei der Sache und würdigt allfällige

Hunde-Angsthasen keines Blicks.

Vor der Pension Gemse in Planeil, der empfehlenswerten Familienpension

mit guter Küche (siehe Wanderung 19), wird eben eine Gämse aus dem

Kofferraum gehievt. Wir gehen auf dem alten Fußweg rechts des Friedhofs

direttisssima zum Rand der Haide hinunter und queren auf einer etwas wackligen

Holzbrücke den Bach. Weiter vorn weisen einen die Schilder des Vinschger

Höhenwegs in die Forststraße ein, die (mit unnötigen Kehren) zur Ebene

von Malettes hinaufführt.

106 | Variation vom Vinschger Höhenweg 8 | St. Valentin–Matsch, 5 h 45 | 107

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