Hochwasser 1809 - Hochwasserplattform

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Hochwasser 1809 - Hochwasserplattform

Hochwasser

in der Düffel

Natürliche, unnatürliche, geplant-gewollte

Überflutungen des Düffel- und des Ooijpolders

von Kleve bis Nijmegen

Herausgegeben von der

Überparteilichen Bürgerinitiative gegen die Überflutung der Düffel

und angrenzende Gebiete e.V.


Hochwasser

in der Düffel

Natürliche, unnatürliche, geplant-gewollte

Überflutungen des Düffel- und des Ooijpolders

von Kleve bis Nijmegen

Herausgegeben von der

Überparteilichen Bürgerinitiative gegen die Überflutung der Düffel

und angrenzende Gebiete e.V.

Kleve 2008


Die Auenlandschaft De Gelderse Poort


Inhalt

Vorwort 4

Zur Einführung 6

Die Düffel 9

Hochwasser 1809 17

Hochwasser 1855 21

Hochwasser 1861 25

Hochwasser 1926 27

Kriegshochwasser 1945 33

Hochwasser 1995 45

Hochwasser heute 55

Die Bürgerinitiativen 63

Fachbegriffe des Deichwesens 70

Abbildungen 73


4

Vorwort

Liebe Mitbürger,

vor Ihnen liegt eine Broschüre, in der die

Bürgerinitiative gegen die Überflutung der

Düffel die Geschichte der Hochwasserkatastrophen

in der Düffel und den angrenzenden

Gebieten in den vergangenen Jahrhunderten

darstellt. Sie enthält weiterhin

eine Übersicht und Aufzeichnung der Aufgaben,

die zur Zeit noch bestehen, um unsere

Heimat vor Hochwasserschäden optimal

zu schützen. Wenn auch schon manches

erreicht ist, so bleibt doch noch viel

zu tun, um die Düffel und die angrenzenden

Gebiete so gut wie möglich gegen die

Folgen von Hochwasser zu schützen.

Obwohl nach dem Hochwasser des Jahres

1995 am Niederrhein bisher keine neuen

spektakulären Hochwassersituationen aufgetreten

sind, so haben uns die Hochwasserkatastrophen

an Elbe und Oder und an

vielen anderen Flüssen im In- und Ausland

vor Augen geführt, dass das Risiko von

Hochwasserüberschwemmungen am Niederrhein

und den damit verbundenen Schäden

dennoch für die Zukunft nicht völlig

ausgeschlossen werden kann. Durch entsprechende

Sicherungsmaßnahmen kann

dieses Risiko jedoch weitgehend eingeschränkt

werden.

Die Bürgerinitiative wurde seinerzeit gegründet,

als nicht auszuschließen war, dass

das Gebiet der Düffel und des niederländischen

Ooijpolders durch die Landesregierung

in Düsseldorf bzw. durch die Regierung

in Den Haag als Retentionsräume

ausgewiesen werden sollte, die bei extremer

Überschwemmungsgefahr durch

Hochwasser planmäßig geflutet werden

sollten. Nachdem sich die niederländische

Regierung anstelle der planmäßigen Flutung

des Ooijpolders für das Projekt

„Raum für den Fluss“ (verbesserte Abflussmöglichkeiten

bei Hochwasser) entschieden

hatte, wurden die Pläne einer Flutung

der Düffel bei extremem Hochwasser

auch auf deutscher Seite zunächst auf unbestimmte

Zeit zurückgestellt.

Die Bürgerinitiative sieht nunmehr ihre

Aufgabe, darauf hinzuwirken, dass der

Hochwasserschutz in der Düffel und den

angrenzenden Gebieten so effektiv wie

möglich gestaltet wird. Sie unterhält zu

allen entsprechenden Behörden und Instan-


zen Beziehungen, sowohl auf deutscher als

auch auf niederländischer Seite. Ein besonderes

Anliegen der Initiative ist die grenzüberschreitende

Zusammenarbeit zwischen

Deutschland und den Niederlanden. Den

Hochwasserschutz sieht die Bürgerinitiative

auch als eine gesamteuropäische Aufgabe.

Überregionale Untersuchungen und

Forschungen sind gerade im Hinblick auf

mögliche Klimaveränderungen und deren

Folgen erforderlich. Eine Abstimmung und

Koordinierung zwischen Hochwasserschutz

und Katastrophenschutz gehört

ebenfalls zu den Anliegen der Initiative.

Wir hoffen, dass wir mit dieser Dokumentation

über die Hochwassersituationen in

der Vergangenheit und der Simulation

möglicher Hochwasser in heutiger Zeit einen

Beitrag geleistet haben, der Ihnen die

bestehenden Risiken von Hochwasser und

seinen Folgen vor Augen führt. Zugleich

soll dieser Beitrag aber auch Ihr Interesse

für die Arbeit der Bürgerinitiative wecken,

indem er aufzeigt, was alles noch getan

werden kann und getan werden muss, um

diese Gefahren auf ein Minimum zu beschränken.

Bei dieser Gelegenheit danken wir allen

Mitgliedern der Bürgerinitiative für die

Treue und Unterstützung sowie für das

Wohlwollen und Verständnis für die gemeinsamen

Ziele. Wir hoffen, dass wir

durch diese Publikation allen Mitgliedern

und interessierten Lesern die Arbeit und

die Ziele der Bürgerinitiative noch näher

bringen können.

Der Vorstand der Bürgerinitiative

gegen die Überflutung der Düffel

und angrenzende Gebiete e.V.

5


6

Zur Einführung

Fast jedes Hochwasserereignis wird in Deutschland dokumentiert und verlegt. Insbesondere waren des

die Rheinhochwasser 1993 und 1995, aber auch das Oderhochwasser 1997 und das Elbehochwasser

2002.

Leid und unübersehbare Schäden springen ebenso ins Auge wie spektakuläre Rettungsaktionen.

Das Anliegen der Bürgerinitiative gegen die Flutung der Düffel und angrenzende Gebiete ist ein

anderes! Die Initiative wendet sich gegen die „gezielte Flutung“ des Naturraums Düffel bzw. Düffelt

zum Zwecke einer Hochwasserscheitelabsenkung. Im Jahr 2005, also 60 Jahre nach Ende des Zweiten

Weltkriegs, stellt sich die Frage: Ist eine „gezielte Flutung“ der Düffel vergleichbar mit den

militärischen, taktischen Deichsprengungen von 1945 und dem Fluten der gesamten Niederung von

Xanten bis Nijmegen?

Diese Frage muss gestellt werden, weil aus dem Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft

und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen ein größerer Hochwasserretentionsraum,

sei es in Kalkar-Bylerward oder in der Klever Düffelniederung gefordert wurde, da in den

Niederlanden für die Duffelt von der Landesgrenze bis Nijmegen ein Notüberlaufgebiet angedacht

wurde.

Wie war es denn 1945 nach den Deichsprengungen durch die deutsche Wehrmacht? Im Buch „Niederrheinisches

Land im Krieg“ gibt es eindrucksvolle Bilder aus dem Kranenburger Gebiet. Für Kleve

fehlen derartige Dokumente. Es wird jedoch berichtet, dass das Hochwasser in Kleve bis an die

Kavarinerstraße reichte. Der Hochwasserscheitel lag dabei noch ca. 1,00 m unter dem des Jahres 1926,

der am Pegel Emmerich auch 1995 erreicht wurde.

Der Wasserstand vom Februar 1945 wurde rekonstruiert und mit der heutigen Bebauung in Brienen,

Wardhausen, Donsbrüggen und Kleve verschnitten; das heißt die Ortschaften wurden bildmäßig eingestaut.

Erschreckend, welche Wasserwüste 1945 ertragen wurde bzw. bei einem Deichbruch zu ertragen

wäre!

1945 war die Deichzerstörung gewollt, um den Alliierten den Vormarsch zu erschweren. In der Vergangenheit,

so 1809, 1855, und 1861 brach der Bann deich unter dem Druck der Eismassen. 1926 lief

die niederländische Duffelt von Nijmegen aus bis zum Querdamm ein. Der damals intakte Querdamm

hielt, wurde jedoch überspült. Die deutsche Düffel wurde nur leicht eingestaut, jedoch nicht geflutet!


Seit fast 150 Jahren leben wir am unteren linken Niederrhein relativ sicher und gut geschützt vor den

Fluten des Rheins. Trotzdem entwickelte die Oberdeichinspektion beim Staatlichen Umweltamt in

Krefeld nach den Hochwasserereignissen 1988, 1993 und 1995 den „Generalplan Hochwasserschutz“

mit einem umfangreichen Deichsanierungsprogramm.

Im neuen Jahrhundert folgte eine Flut von „Gesetzen“ zur Verbesserung des Hochwasserschutzes an

allen Hauptflüssen der Europäischen Gemeinschaft. Allen Gesetzen und Vorschriften ist gemeinsam:

� den technischen Hochwasserschutz auf den „Stand der Technik“ zu bringen, d.h. alle Deiche zu

untersuchen und ggf. abzutragen und neu aufzubauen;

Hochwasserrückhaltung im Entstehungsbereich und am Rheinstrom zu betreiben, d.h. Retentionsräume,

Flutpolder, Taschenpolder oder Notfallgebiete zu sichern und zu bauen.

Diese Publikation soll dazu beitragen, ein Hochwasserverständnis zu erzeugen und Risiken fassbar

darzulegen. Es soll keineswegs die Gewalt eines Hochwassers verharmlosen, andererseits es auch

nicht hektisch überbewerten.

Retentionsraumideen werden auch nicht grundsätzlich in Abrede gestellt. Es soll aber auch deutlich

werden, dass die Naturräume Bylerward und Düffel einen hohen Wert für die Landwirtschaft und die

Siedlungstätigkeit haben und nicht einfach zu Planspielen „blau eingefärbt und für den Hochwasserschutz

reserviert“ werden dürfen. Besonders deshalb nicht, weil

� die Deichsanierungsmaßnahmen am Niederrhein noch nicht abgeschlossen sind;

� die möglichen Retentionsräume noch nicht hergestellt sind, und

� die kostengünstigeren Maßnahmen, Raum für den Rhein zu schaffen, zwar bekannt sind, aber nur

auf niederländischer Seite umgesetzt werden.

Kleve, im Mai 2008 Horst Terfehr

7


8

Hochwasser am Deich von Ooij, 1995

Der Friedhof von Ooij beim Hochwasser 1926


Die Düffel

9


10

Naturräumlicher Aufbau der Düffel


Der Naturraum

Für die Gestaltung der naturgeographischen

Strukturen des Flussgebietes zwischen Nimwegen

und Kleve sind die Veränderungen des

Laufes des Rheins von größter Bedeutung gewesen.

Bereits vor einer Million Jahren, zu Beginn der

Glazialperioden, floss der Fluss durch dieses

Gebiet. Während der vorletzten Eiszeit, etwa

vor 150.000 Jahren, dehnte sich das Polareis

vom Norden bis in unsere Regionen aus. Eine

dieser Eiszungen reichte bis nach Kranenburg

und bedeckte den heutigen Ooijpolder und die

Düffel. Die Eismassen hatten zuvor die in

mehreren hunderttausend Jahren durch den

Rhein abgelagerten Sand- und Kiesmengen vor

sich hergeschoben und diese Massen schließlich

mehrere Meter hoch aufgestaut. So entstand

ein Gürtel von Stauchmoränen, darunter

diejenige, die sich zwischen Nimwegen und

Kleve erstreckt.

In der letzten Glazialperiode, vor 100.000 bis

10.000 Jahren, drang das Eis nicht bis in unser

Gebiet vor, trotzdem herrschte hier ein Polarklima,

so dass große Teile der Erdoberfläche

ohne Pflanzenbewuchs blieben und durch

Sand- und Schneestürme große Sandmassen in

Bewegung gesetzt wurden. Der Rhein hatte

damals nicht nur ein einziges Flussbett, sondern

floss durch ein kilometerbreites Gebiet in

zahlreichen kleinen Flüssen und Bächen, die

sich teilten und wieder vereinigten, immer

wieder das Bett wechselnd. Wegen des tiefliegenden

Meeresspiegels hatte der Fluss ein

großes Gefälle und floss mit hoher Geschwindigkeit.

Dadurch konnte er sogar im östlichen

Teil der Betuwe die Stauchmoräne durchbrechen.

So entstanden die Steilhänge zwischen

Nimwegen und Wyler sowie zwischen Donsbrüggen

und Kleve. In diesem breiten Flussgebiet

lagerte der Rhein dicke Schichten von

Kies und grobkörnigem Sand ab.

Am Ende der letzten Glazialperiode vor etwa

15.000 Jahren, als das Klima wärmer wurde

und die Vegetation zunahm, stieg durch die

einsetzende Eisschmelze der Meeresspiegel,

und die Strömungsgeschwindigkeit des Flusses

sank entsprechend. Die Masse abgelagerten

Materials nahm ab, es wurde feinkörniger und

setzte sich dann vor allem in Form von Ton ab,

der stark verwittert und wasserundurchlässig

war. Diese jetzt „alte“ Flusstonschicht tritt

heute in der Nähe von Mehr noch an die Oberfläche.

Während einer danach einsetzenden

Kältezeitperiode wurde mit den vorherrschenden

Südwestwinden Sand von den benachbarten

vegetationslosen Stauchmoränen auf diese

Schichten geweht. Daraus bildeten sich langgestreckte

Flugsandrücken oder Flussdünen, die

sich noch heute an einigen Stellen im Gebiet

von Persingen und Zyfflich aus den später abgelagerten

Tonschichten herausheben.

Auf dem Untergrund, der sich aus den grobkörnigen

Rheinablagerungen, den alten Flusstonschichten

und den Flugsandschichten zusammensetzt,

wurden während der letzten

Jahrtausende erneut Tonschichten abgelagert.

Der größte Teil des Niederungsgebietes zwischen

Nimwegen und Kleve ist mit diesem

Flusslehm bedeckt. Die Lehmablagerungen

haben eine Landschaft mit Erhebungen und

Vertiefungen entstehen lassen, deren Höhenunterschiede

meist nur Bruchteile von Metern

betragen. Diese flachen Rücken entstanden

durch die jährlich wiederkehrenden Überflutungen,

die mitgeführten sandigen und grobkörnigen

Tonbestandteile setzten sich beiderseits

des Flussbetts gleich neben dem Strom

ab, was zur Bildung flacher sogenannter Uferwälle

führte. Immer wenn der Rhein sein

Strombett änderte, und das passierte im Laufe

der Zeit vielfach, wiederholte sich dieser Prozess

mit dem Effekt, dass ständig neue Uferwälle

aufgebaut wurden. In den verlassenen

alten Flussbetten kam das Wasser nur mit geringerer

Geschwindigkeit an, deshalb wurden

hier feinkörnige Tonschichten abgelagert. Ein

auf diese Weise aufgefülltes Strombett bildete

zusammen mit den Uferwällen einen sogenannten

Stromrücken.

Die oft mit dem niederländischen Wort

„kommen“ oder „komgronden“ bezeichneten

niedrigeren Auenlehmgebiete liegen in größerer

Entfernung vom Fluss und sind an allen

Seiten von Stromrücken und Uferwällen umgeben.

Vor Anfang des Deichbaus liefen diese „Kommen“

in jedem Winter langsam voll Wasser,

das hier zur Ruhe kam. Deshalb konnten sich

hier auch die feinsten Bodenmaterialien absetzen.

Das Ergebnis ist, dass die Böden dieser

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„Kommen“ heute aus schweren Tonschichten

bestehen. Auf weiter landeinwärts gelegenem

Gebiet bildete sich darauf sogar Moor, wie

beispielsweise im Kranenburger Bruch.

Natürliche Entwässerung

Zur natürlichen Entwässerung der Flussebene

bildeten sich in früherer Zeit viele kleine

Wasserläufe. Sie transportierten nicht nur das

Regenwasser, sondern auch das Überschwemmungswasser

der Flüsse und das Wasser aus

den Stauchmoränen ab. Ein Beispiel ist der

Groesbeek, der in der Nähe des später entstandenen

Kranenburg in die Ebene trat. Auch

traten große Mengen Drängewasser aus den

Stauchmoränen in die Ebene, wie zum Beispiel

in der Nähe des ehemaligen Pensionats „Notre

Dâme des Anges“ in Ubbergen.

Es gab zwei natürliche Entwässerungssysteme

in der Niederung zwischen Kleve und Nimwegen.

Das nördliche mündete etwas unterhalb

von Leuth, das südliche, eine Entwässerungsrinne

entlang der Stauchmoräne, die Aa, die

später das „Meertje“ hieß, etwas oberhalb von

Nimwegen in die Waal.

Flussbettverlagerungen

Die sich vielfach verändernden Flussläufe

richteten regelmäßig Schäden im Flussgebiet

an. In der Nähe von Erlecom grub sich der

Fluss bis ins Mittelalter eine Bucht, die sich

immer tiefer landeinwärts ausdehnte. Vermutlich

Ende des 15. Jahrhunderts jedoch nahm

die Waal ihren Weg zwischen Gendt und

Erlecom, wodurch diese Bucht abgeschnitten

wurde. Die Folge war, dass Erlecom von der

Nord- auf die Südseite des Flusslaufs geriet.

Das alte Strombett ist als „ooijse Graaf“ bis

zum heutigen Tag erhalten geblieben.

Eine weitere Stromverlagerung ereignete sich

in der Nähe des Dorfes Ooij. Im 17. Jahrhundert

beschrieb die Waal an dieser Stelle eine

breite Kurve, die eine Bedrohung für die

Deiche der nördlich gelegenen Overbetuwe

darstellte. 1649 kaufte der Deichvorstand der

Overbetuwe dem Herrn von Ooij einen Teil

seines Deichvorlandes ab. Anschließend wurde

im Auftrag der Overbetuwe ein neues Flussbett

gegraben, wodurch die große Waalkurve abgeschnitten

wurde.

Eine weitere Stromverlagerung fand im 18.

Jahrhundert östlich von Bimmen statt. Seit

1711 hatte der Fluss seinen Lauf nördlich von

Schenkenschanz genommen, was eine unmittelbare

Bedrohung der Deiche in der Düffel bedeutete.

Diese Deiche hielten dem Druck nicht

stand und mussten zurückverlegt werden. Das

Schloss Bijlandt, auch Haelt genannt, verschwand

in den Fluten. Ab 1750 bildete sich

bei Bimmen wieder eine weite Kurve, die auf

die Dauer die Zerstörung des gegenüberliegenden

Dorfes Herwen zur Folge hatte. Um diese

Bucht bezwingen zu können, wurde 1776 der

Bijlandtsche Kanal gegraben, der noch heute

existiert.

Überschwemmungen

Im 14. Jahrhundert wurde der Deichbau in der

Düffel und im Ooijpolder abgeschlossen. Damit

war allerdings der Schutz der dahinterliegenden

Ländereien gegen Hochwasser und

Überflutungen noch nicht endgültig gewährleistet.

Im Gegenteil: Wenn die Deiche brachen,

waren die Folgen von Flusshochwasser umso

verheerender.

Flussüberschwemmungen waren große Katastrophen,

auch wenn sie nicht so gewaltig waren

wie die Sturmflut im Südwesten der Niederlande

im Jahr 1953, bei der mehr als 1800

Menschen ums Leben kamen. Die Zahl der

Opfer bei Flussüberschwemmungen lag zwischen

zwei und etwa dreißig, war also verhält-


nismäßig niedrig. Allerdings bedeuteten solche

Katastrophen, selbst wenn sie keine Todesopfer

forderten, einen tiefen Eingriff in das

Leben der Betroffenen. Jede Überschwemmung

brachte Leid, Entbehrungen, Zerstörungen

und Schäden mit sich.

Die Schäden waren meistens sehr erheblich

und vielfältig: Häuser und Scheunen waren

zerstört oder beschädigt, fruchtbare Böden mit

Schwemmsandablagerungen bedeckt. Die Verluste

betrafen alle Bereiche: Vieh, Wintervorräte,

Heu, Stroh, Hausrat, Werkzeuge, Säh-

und Pflanzgut, es gab Einkommensausfälle

wegen Hochwasserschäden usw. Nicht nur die

unmittelbar nach der Katastrophe folgende

Notlage und die damit verbundenen Belastungen

waren gravierend, auch danach ging es nur

mühsam aufwärts, weil man sich für die notwendigsten

Reparaturarbeiten tief verschulden

musste. Kleinbauern, die keine Reserven hatten,

um solche Schicksalsschläge aufzufangen,

balancierten nach jeder Hochwasserkatastrophe

am Rande ihrer Existenz. Außerdem

machte das Risiko eines neuen Hochwassers

das Leben der Menschen besonders unsicher.

Ob es im nächsten Winter erneut Deichbrüche

geben und wie hoch das Überschwemmungswasser

diesmal steigen würde, war nie vorauszusehen.

Damit war nicht gesagt, dass die Bevölkerung

hier größere Sorgen hatte als in anderen

Landesteilen, dort jedoch hatte man

wieder andere Sorgen.

Ursachen der

Überschwemmungen

Überschwemmungen waren immer die Folgen

von Hochwasser auf den Flüssen. Hochwasser

auf Rhein und Waal konnte dreierlei Ursachen

haben. An erster Stelle konnte und kann es

durch längere heftige Regenfälle im Stromgebiet

des Rheins und seiner Nebenflüsse ausgelöst

werden. Die meisten der Nebenflüsse entspringen

in den deutschen Mittelgebirgen, die

überwiegend nur mit dünnen Bodenschichten

bedeckt sind. Bei großen Niederschlags-

mengen sind diese schnell mit Wasser gesättigt,

und dann fließt der gesamte Niederschlag

in die Flüsse ab. Wenn nun die hohen Wasserstände

vieler Nebenflüsse nach der Mündung

in den Rhein zusammentreffen, dann kann das

Wasser des Niederrheins besonders hoch ansteigen.

Eine zweite Ursache für Hochwasser, die insbesondere

in der Vergangenheit häufig auftrat,

war die Bildung von Eisdämmen. Heute passiert

dies wegen der intensiven Schiffahrt nach

der Erwärmung durch Kühlwassereinleitung

nur noch selten, früher jedoch froren die Flüsse

in strengen Wintern regelmäßig zu, auch bedingt

dadurch, dass die Qualität des Flussbettes

bis in das 19. Jahrhundert viel zu wünschen

übrig ließ. Das Sommerbett war noch keine

durchgehende Fahrrinne wie heute. Bei Hochwassern

wurde der Abfluss des Wassers durch

Untiefen, Sand und Kiesbänke mitten im Fluss

oder durch lange Kribben, die von den Anliegern

gebaut worden waren, behindert. Wenn

stromaufwärts in Deutschland das Tauwetter

bereits begonnen hatte, aber in den Niederlanden

der Fluss noch mit Festeis bedeckt war,

bildeten sich an diesen Stellen die ersten Eisdämme

und Eisstaus. Die Abfuhr von Wasser-

und Eismassen über das Winterbett wurde

ebenfalls von Engpässen behindert, die durch

eng aufeinanderfolgende Banndeiche oder

übermäßig erhöhte Sommerdeiche entstanden

waren. Mit solchen Baumaßnahmen wollte

man das Deichvorland möglichst lange gegen

Hochwasser schützen, weil inzwischen diese

Ländereien nicht nur als Wiesen oder Weiden,

sondern auch für den Anbau von Schilfrohr

und Gehölzen genutzt wurden. Diese Stellen

bildeten sodann ein zusätzliches Hindernis für

die zügige Abfuhr von Wasser und Eis. Eisdämme

konnten oft einen solchen Umfang

erreichen, dass sie von Deich zu Deich reichten

und die Deichkrone weit überragten. Hinzu

kam, dass die Flüsse während der Tauperioden

viel Wasser führten, da in der Regel dann viel

Regen fiel und die dicken Schneeschichten der

deutschen Mittelgebirge wegschmolzen. Die

großen Wassermengen wurden hinter den Eisdämmen

aufgestaut, so dass die Deiche überflutet

wurden und brachen.

Ein dritter Grund für das Auftreten von

Hochwassern und Deichbrüchen, der früher

insbesondere in dem Gebiet zwischen Kleve

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und Nimwegen von Belang war, lag in der

stark wechselnden Wasserverteilung zwischen

den Rheinarmen. Die zahlreichen Deichbrüche

im 17., 18. und 19. Jahrhundert hatten hier ihre

Ursache.

Bis 1690, als der Rhein sich noch bei Schenkenschanz

in Waal und Niederrhein (ndl. „Nederrijn“)

teilte, führte die Waal neunzig Prozent

des vom oberen Flusslauf kommenden

Rheinwassers, weil die obere Mündung des

Nederrijn fast vollständig versandet war. Mit

dem Bau des „Pannerdensch Kanaal“ im Jahr

1707 und des „Bijlandsch Kanaal“ 1776 wurde

eine stabilere Verteilung des Rheinwassers geschaffen.

Seitdem erhält die Waal zwei Drittel

der Wassermenge, das weitere Drittel für den

Nederrijn verteilt sich wegen der nochmaligen

Verzweigung oberhalb von Arnheim in Nederrijn

und IJssel im Verhältnis zwei zu eins.

Normalerweise funktionierte diese Verteilung

problemlos. Eisgang jedoch – und das kam damals

öfters vor � konnte diese Balance ernsthaft

stören. Wasser- und Eismengen auf dem

Rhein konnten gewaltig anwachsen, besonders

wenn zur gleichen Zeit auch stromaufwärts die

Schneeschmelze eintrat. War der Pannerdensch

Kanaal, das Tor zum Nederrijn, mit Eis

verstopft, hatte die Waal sämtliche Wassermassen

der Rheins zu bewältigen. Die Gefahr

für die Region wuchs zusätzlich an, falls sich

im Rhein bei Kalkar ein Eisdamm bildete und

infolgedessen der linke Rheindeich brach.

Wasser- und Eismassen, die den Bruch durchquerten,

konnten wegen der etwas weiter südlich

gelegenen Stauchmoränenwälle und der

angrenzenden hohen Flächen nur durch einen

schmalen Korridor abfließen. Das Wasser innerhalb

des Ooijpolders konnte dann so hoch

steigen, dass die Deiche von innen heraus

brachen. Die Entwässerungsschleusen wurden

dadurch mehrfach zerstört.

Zum Schutz gegen das von stromaufwärts

heranfließende Wasser wurde 1809 etwas

unterhalb von Kalkar zwischen dem Rheindeich

und den höheren Inlandflächen ein Querdeich,

der Patersdeich, gebaut. Alle betroffenen

Deichverbände, darunter auch die damaligen

nicht-niederländischen Verbände „Die

Düffel“, Kranenburg, Rindern und Zyfflich-

Wyler, beteiligten sich an den Kosten dieses

Deiches.

Deichbrüche wurden damals auch von der im

Vergleich zu heute schlechteren Qualität der

Deiche ausgelöst. Zum ersten waren um 1800

die Deiche ein bis zwei Meter niedriger als

heute. Das bedeutete, dass diese Deiche bei hohem

Wasserstand überspült wurden, abbrachen

und durch das überströmende Wasser schließlich

durchbrachen. Auch waren die Deiche damals

schmaler und steiler als heute und schon

aus diesem Grund anfälliger für Durchbrüche.

Im Ooijpolder waren bis zu den vor kurzem

abgeschlossenen Deichverstärkungen mehrere

Flussdeiche sehr schmal und steil. Aber auch

in anderer Hinsicht wiesen die Deiche Mängel

auf. So war der Verlauf der Deiche meist unregelmäßig.

Dieses unsystematische Muster war entstanden

durch die nachträgliche Verbindung von im

Mittelalter vorgenommenen Dorfeindeichungen

und dadurch, dass der Deich nach einem

Bruch oft in einem Halbkreis um die ehemalige

Durchbruchstelle gelegt wurde. Am gefährlichsten

waren die sogenannten Schardeiche

� Deiche, die ohne Vorland direkt an

das Sommerbett des Stroms gebaut wurden. Im

Ooijpolder bestand im 16. und 17. Jahrhundert

ein stromabwärts vom Spruitenkamp gelegener

Teil des Ooijschen Banndeichs aus einem solchen

Schardeich.

Danach wurde der Deich etwas nach Süden

verlegt und war somit kein Schardeich mehr.

Der Erlecomsedam ist bis heute zum größten

Teil noch ein Schardeich geblieben.

Schließlich spielte auch der Untergrund eine

wichtige Rolle für die Dauerhaftigkeit der Deiche.

So wie viele Deiche waren auch diejenigen

im Ooijpolder und in der Düffel auf sandigem,

wasserdurchlässigem Boden gebaut.

Dieser Grund wird bei höheren Wasserständen

von Flusswasser durchtränkt, dieses drückt in

der Folge auf das Grundwasser, so dass dieses

steigt und als Qualmwasser austritt. Bei hohem

Flusswasserstand nimmt der Unterschied zum

Wasserstand hinter dem Deich zu, der Qualmstrom

wird stärker, Sandkörner werden losgespült.

Sandhaltiges Qualmwasser ist sehr gefährlich,

denn unter dem Deich entstehen auf

diese Weise Hohlräume, die schnell größer

werden und den Deich einsacken lassen. Um

diesen Vorgang zu stoppen und dem Wasser

Gegendruck zu geben, legt man Sandsäcke auf


die Stellen, wo das Qualmwasser austritt. Wie

später noch erörtert werden soll, wurde mit

dem gleichen Ziel Flusswasser in den Ooijpolder

eingelassen. Hauptziel dieser Maßnahme

war jedoch, den Boden des Polders mit

dem im Flusswasser vorhandenen Schlick zu

düngen.

Qualmwasser unterläuft den Deich

Der Polder von Kalkar bis Nimwegen

aus: A.M.A.J. Driessen unter Mitarbeit von G.P.

van de Ven: Das Holländisch-Deutsche Pumpwerk.

Ein Kulturdenkmal der Wasserwirtschaft zwischen

Nimwegen und Kleve. Hrsg. Vom Polderdistrict

Groot Maas en Waal gemeinsam mit dem Deichverband

Kleve-Landesgrenze. Druten 1999, S. 11-

21.

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Hochwasser in der Düffel � eine Chronologie

1784

Deichbrüche unterhalb Kalkars und oberhalb Millingens. Eis- und Wassermassen laufen quer durch

die Düffel auf den Ooijpolder zu. Der Lappenturm in der Stadtmauer von Nijmegen wird unterspült

und stürzt ein.

1786

Inbetriebnahme der Meerschleuse bei Nijmegen.

1799

Deichbrüche bei Millingen in der Ooij und der Düffeldeiche.

1809

Deichbruch bei Brienen (Tod der Johanna Sebus). Überflutet werden die Düffel, Millingen, Ooij, Persingen

und der Ooijpolder. Überströmungen bei Schmithausen in Kellen. Rindern 10 Fuß hoch eingestaut.

Das Wasser läuft bei Ooij in die Waal zurück.

1820

Deichbruch bei Kekerdom. Ooijpolder und Düffel laufen voll. Niel wird 2,50 m hoch eingestaut.

1829

Deichbruch bei Spruitenkamp.

1854

Bau des Querdamms.

1855

Das Hochwasser in der Düffel reicht bis zum Dach der kleinen Häuser.

1861

Höchstes bekanntes Hochwasser

1905

Vertrag vom 8. November: Teilung des Deichverbandes „Die Düffel“ entlang der Staatsgrenze in einen

niederländischen und einen deutschen Teil.

1910

Erstes Binnenpumpwerk auf Erdölbasis.

1926

Erlecomdam und Ooijdämme gebrochen. Querdeich überspült, aber nicht gebrochen. Dämme in Brienen

halten stand. Pegel Lobith 17 m NN (höher als 1995).

1945

Überflutungen durch Deichsprengungen im Zweiten Weltkrieg

1993

Hochwasser bei der Deichsanierung Bimmen.

1995

1 cm höheres Hochwasser als 1926 am Pegel Emmerich


Hochwasser 1809

28. Januar: 9,66 m am Pegel Emmerich

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Johanna Sebus

Johanna Sebus auf einem Gemälde des Düsseldorfer Malers Roland Risse (um 1870)

Da drunten im Klever Land, wo der Rhein

durch ein weites, flaches Land langsam dahinfließt

und sich recht breit zwischen den Ufern

ausdehnt, sind diese Ufer durch Dämme oder

Deiche geschützt, damit nicht das Wasser,

wenn es anschwillt, die Felder und Ortschaften

überschwemme und großen Schaden verursache.

Leider aber kommt es häufig vor, dass bei

Eisgängen, oder wenn im Frühlinge oder im

Herbst und Winter die Flut anschwillt, das

Wasser über diese Dämme steigt und, vom

Eise unterstützt, dieselben gewaltsam durchbricht

und dann mit verheerender Macht auf

das Flachfeld sich ergießt. So weit das Auge

reicht, ist dann alles in einen See verwandelt.

Es ist ein entsetzlicher Anblick, wenn man nur

die Kronen der Bäume, die oberen Stockwerke

oder Dächer der Häuser und die Kirchtürme

aus dem Wasser hervorragen sieht.

Der Winter des Jahres 1809 war sehr hart. Der

Schnee lag hoch, und die Eisdecke über die

Bäche und Flüsse war so hart gebacken, dass

man mit schweren Wagen darüber fahren

konnte. In der ersten Hälfte des Januar trat

Tauwetter ein, und die starke Eisdecke des

Rheines setzte sich bald in Bewegung. Mit

schauerlichem Geräusche wälzte die starke

Strömung die gewaltigen Eisblöcke und Eisschollen

übereinander hin. Da mussten die

Dämme sehr stark sein, wenn sie Widerstand

leisten sollten, und im Clever Land waren sie

leider schlecht. Das Wasser stieg ebenso unerwartet

schnell als hoch; denn im Oberland lag

hoher Schnee, der schnell abging. Bald wurde

oberhalb der Stadt Cleve die niedere Gegend

völlig unter Wasser gesetzt und ebenso die

ganze untere Stadt, ja es stieg die Flut in der

Stadt so hoch, dass viele Häuser mit ihren


ersten Stockwerken ganz im Wasser standen.

War es hier schlimm, wo doch die Häuser

höher gebaut sind, so stand es auf dem Lande

noch viel ärger. Die armen Bauern saßen mit

ihren Weibern und Kindern auf den Firsten

ihrer Dächer in Nässe und Kälte. Ihr Vieh war

ertrunken, ihre Vorräte zerstört, für sie selbst

keine Rettung; denn unter ihnen wühlte das

Wasser die Fundamente ihrer Häuser auf, und

sie mussten in jeder Minute gewärtig sein, dass

sie einstürzten. Herzzereißendes Angstgeschrei

ließ sich weit und breit hören. Manche Häuser

stürzten ein und begruben die unglücklichen

Bewohner in den brausenden Wellen; manche

Leute saßen auf den Balken ihrer Häuser, auf

die sie sich, als letztere einstürzten, gerettet

hatten, und schwammen so hilflos umher, den

unvermeidlichen Tod vor Augen. Selbst die

beherztesten Schiffer waren nicht imstande,

der wild daherbrausenden Flut zu widerstreben

und das Rettungswerk mit Erfolg zu betreiben.

Es war, da manche Dämme gebrochen waren,

selbst zu besorgen, dass der Rhein sich ein

anderes Bett wählen möchte. Bald wurde das

Unglück unterhalb Cleve noch größer; denn an

der Spoy, etwa eine Stunde tiefer als Cleve,

brach wieder ein Damm, und es riß das Wasser

alles mit sich fort, Häuser, Hütten, Menschen

und Vieh.

Unfern dieser Stelle stand das Haus der Witwe

Sebus, das sie mit ihrer Tochter Johanna und

einer Witwe van Beek nebst ihren drei Kinderchen

bewohnte. Johanna war ein Mädchen von

17 Jahren, kräftiger Gestalt, freundlichem Angesicht,

aber was noch mehr als dies, � sie war

reines Herzens und Wandels. Obschon das

Wasser hoch gestiegen war und schon über den

cleverhamschen Damm spülte, mochten die

Bewohner des Hauses doch die Größe der Gefahr

nicht geahnt haben. Plötzlich aber stieg

die Flut mächtiger, und der Damm brach. Als

die brüllende Flut um das Haus schwoll, ergriff

Johanna ihre Mutter, eine alte Frau, welche der

Schrecken vollends gelähmt und unfähig gemacht

hatte, sich selbst zu retten, und trug sie

etwa 200 Schritte weit auf einen Hügel. Das

Wasser reichte ihr schon bis ans Knie und

drohte, sie umzureißen. Als das wackere Mädchen

ihre liebe Mutter gerettet hatte, sagte sie

zu dieser: „Nun will ich der Frau van Beek und

ihren Kindern zu Hilfe eilen und dann unsere

Ziege holen, damit Ihr Milch bekommt, liebe

Mutter!“ Vergens flehte ihre Mutter, sie sollte

doch bei ihr bleiben, da die steigende Flut

jeden Versuch weiterer Rettung als eitel erscheinen

lasse; umsonst warnte der auf dem

Rinderschen Damme stehende Th. Reimer vor

dem Versuche, weil sie der Flut unmöglich

Widerstand leisten könne. „Ich muß retten!“

rief das edle Mädchen aus und schritt mutig in

die schäumenden Wogen, einem niedern Hügel

zu, wohin sich die Frau van Beek mit ihren

Kindern gerettet hatte. Glücklich erreichte Johanna

den Hügel; aber das mit jeder Minute

wachsende und wilder werdende Gewässer

zeigte, dass an keine Rückkehr zur Mutter, ja

sehr bald auch an keine Rettung nicht zu denken

war. Die Frau van Beek geriet in Verzweiflung,

als sie raschen Schrittes den entsetzlichen

Tod nahen sah. Sie wickelte ihr

Haupt um die Häupter ihrer Kinder in ihre

Kleider und stürzte sich mit ihnen in das empörte

Wasser. Johanna stand still mit gefalteten

Händen da; einen Blick sandte sie hinüber, wo

die geliebte Mutter verzweifelnd die Hände

rang, einen andern hinauf zum Himmel, zu

dem sie bald eingehen sollte und � eine gewaltige

Welle riß den Hügel weg, auf dem sie

stand, und begrub sie im Schoße der Gewässer.

Als sich die Gewässer verlaufen hatten, fand

man den Leichnam des edlen Mädchens. Bei

der Kirche des Dorfes Rindern wurde sie bestattet.

Johanna Sebus war ein einfaches,

schlichtes Bauernmädchen; sie war unter 7

Kindern das fünfte. Ihre Mutter wurde gerettet,

aber der Kummer nagte an ihrem Herzen. Nahe

der Stelle, wo der edlen Menschenretterin ein

Denkmal gesetzt wurde, baute man der Witwe

ein Haus; allein sie starb, ehe es vollendet

wurde.

aus: Karl Gahlings: Johanna Sebus, eine geschichtlich-literarische

Beleuchtung mit ältesten Belegen

und Bildern. Kleve 2 1984.

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Das Johanna Sebus-Denkmal in Wardhausen

Foto: Rainer Hoymann

Das Hochwasser 1809 � eine schreckliche Bilanz

Am 13.01.1809 brachen die Erlecomer und Kalkarer Deiche. Johanna Sebus versuchte, nachdem sie

ihre Mutter gerettet hatte, auch ihre Nachbarin zu retten. Dabei ertrank sie.

Am 14.01.1809 brachen die Kleverhammer Deiche. Die Kirche in Brienen wurde zerstört. Die Niederung

wurde 10 Fuß, ca. 3,00 m hoch eingestaut.

Am 30./31.01.1809 brach nach dem zweiten Eisgang Tauwetter mit Sturm herein.

Von Büderich bis Kranenburg wurden 27 Personen gerettet, aber 22 Personen ertranken.

288 Häuser wurden zerstört, 1244 beschädigt. 60 Pferde, 886 Rinder, 44 Schafe und 200 Schweine

ertranken.


Hochwasser 1855

5. März: 9,63 m am Pegel Emmerich

21


22

Rheinüberschwemmung

„In Emmerich ist man mit einigen Fuß Wasser

in den dem Rheine zunächst gelegenen Straßen

davon gekommen. Beim Losbrechen der Eismassen

legte sich eine Scholle gegen die am

äußersten Ende der Stadt am Rheine gelegene

Münster-Kirche, wurde aber bald mit den

übrigen abwärts getrieben, ohne Schaden

anzurichten. Am 4. März konnte man mit Kähnen

von dem ½ Stunde von Cleve am alten

Rhein gelegenen Dorfe Kellen nach Emmerich

fahren. Auch Cranenburg stand größtentheils

unter Wasser, und die ganze Chaussee von

Cleve nach Nymwegen so wie die ganze

Niederung von dem Rheine bis nach Cleve ist

überfluthet. Doch sind hier keine Unglücksfälle

eingetreten, die auch nur im Entferntesten

mit den Schauderscenen verglichen werden

könnten, welche sich an den einige Stunden

aufwärts gelegenen vorbenannten Orten ereigneten.

Auch in unserm Nachbarstaate Holland hat

Wasser und Eis furchtbare Verheerungen angerichet,

weil das Eis in Waal und Rhein noch

unbeweglich feststand, als die gewaltigen Eismassen

vom Oberrhein sich heranwälzten.

Mehr denn 100 Ortschaften, namentlich in den

Provinzen Gelderland und Utrecht, sind überschwemmt,

und auf die Kunde hiervon hat sich

der König selbst nach Arnheim begeben, um

dem Schauplatze des Unglückes näher zu

sein.“

aus: Die Rheinüberschwemmung des Jahres 1855. Zum Besten der Überschwemmten zusammengestellt.

Rheinberg 1855.


Hochwasser 1855

Die überfluteten Flächen sind grün angelegt. Sie entsprechen einem heutigen

Hochwasserstand von 9,63 am Pegel Emmerich, entsprechend 17,63 üNN.

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24

Das Unglück kam während der Nacht

Die Hochwasserkatastrophe von 1855 war nach Auffassung von Heinz-Dieter Abel ein Ereignis,

das sich heute jederzeit wiederholen könnte � insbesondere, wenn der Bergbau bei seinen

Plänen bleibe, unterhalb der Rheindeiche Kohle abzubauen. Die Schäden im Altkreis Moers

wurden vor 147 Jahren mit 249 977 Thalern beziffert. Zum Vergleich: Ein großer Bauernhof

wurde mit 1100 Thalern taxiert.

Heinz-Dieter Abel hat 30 Jahre in Baerl gelebt. Er weiß, wovon er spricht, wenn er vor den

Gefahren des Hochwassers warnt. Mehrere Tage hat der Rentner, der jetzt in Neukirchen-

Vluyn wohnt, die Akten im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf studiert. Die Bürgermeistereien und

Deichgräfe gaben während der Hochwasserkatastrophe 1855 ihre Berichte an die Landräte

weiter.

„Nach langen zwischen Furcht und Hoffnung durchlebten Tagen sind die Einwohner der

unteren Gegenden unserer Provinz im Regierungsbezirk Düsseldorf, vom 1. bis zum 3. März

durch mehrfache Dammdurchbrüche und in Folge dessen durch furchtbare Überschwemmungen

heimgesucht worden. Das Eis auf dem Rhein stand von Holland bis Düsseldorf, und die

Deichbrüche waren durch keine menschliche Macht zu verhindern.

Das Unglück kam während der Nachtzeit so plötzlich und mit solcher Gewalt, sodaß nicht nur

Verlust zahlreichen Viehs, sondern leider sogar der Tod, nach einigen Nachrichten von 14,

nach anderen von 20 Menschen in Bislich und in der Deichschau Beek zu beklagen sind. Ein

großer Teil der Kreise Rees, Geldern, Moers und Kleve stehen unter Wasser“, schrieb der

Oberpräsident zu Düsseldorf am 8. März 1855.

In Eversael brach der Deich auf einer Länge von etwa 300 Metern. In der Nähe des

Durchbruchs wurden mehrere Häuser abgetrieben; weitere drei Häuser beim Husenhof in

Budberg wurden ebenfalls von der Flut weggerissen. Der Damm der Lohmannsheide sowie

der Deich zwischen Baerl und Orsoy brachen an mehreren Stellen. Auch hier wurden mehrere

Häuser zerstört. „In einem der Häuser war der Mann mit seiner Frau und seinen fünf Kindern

geblieben und hatte dasselbe nicht verlassen, weil er geglaubt hatte, er werde in seinem vor

kurzem neuerbauten Haus sicher sein. Und gerade dieses Haus wird von den Fluten

weggerissen und während der Mann sich an einem jungen Kirschbaum greift und festhält,

sind seine Frau und fünf Kinder ertrunken“, so der Bericht der Bürgermeisterei Homberg vom

6. März 1855. Eine Gedenktafel an der evangelischen Kirche Baerl erinnert noch heute an

dieses furchtbare Unglück.

aus: Rheinische Post (Xanten) vom 28.08.2002

Autor: Ulrich Joppich


Hochwasser 1861

30. Januar: 9,90 m am Pegel Emmerich

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Erinnerung an das Hochwasser 1861 in De Gelderlander vom 30.01.1995

Jo Hol am Gedenkstein, der an den Deichbruch 1861 erinnert.

Er steht an der Leeuwense Zandstraat in Leeuwen.

Hochwasser 1861

Die überflutete Fläche ist blau angelegt. Diese Flächenabgrenzung entspricht

heute 9,90 m am Pegel Emmerich, entsprechend 17,90 m üNN. Es ist der

bisher höchste gemessene Wasserstand am Pegel Emmerich.


Hochwasser 1926

3. Januar: 9,88 m am Pegel Emmerich

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Aus der Rinderner Schulchronik des Jahres 1926

Das neue Jahr führt sich sehr schlecht ein. Nach starkem Regenfall im November setzte in der

2. Hälfte des Dezembers Fönwetter ein, das außergewöhnliche Wärme brachte. Daher das gewaltige

Anwachsen des Rheines, der so sehr niedrig gestanden hatte � zum Glück für uns!

Die Zeitungen melden vom 1. Januar nachmittags 4.00 Uhr über den Wasserstand

Mannheim 7,35 m (langsam fallend)

Mainz 4,68 m (vorübergehend langsam fallend) 4,56 m

Bingen 5,66 m (vorübergehend langsam fallend)

Coblenz 9,28 m (fällt) 7,89 m

Hanau 5,72 m (Stillstand)

Trier 6,69 m (fällt) 4,62 m

Marburg 2,54 m (fällt langsam)

Frankfurt 5,20 m (steht)

Ferner vom gleichen Tage

Bonn 2.00 Uhr nachmittags 9,10 m

Cöln 6.00 Uhr nachmittags 9,67 m

Düsseödorf 4.00 Uhr nachmittags 8,92 m

Keeken 12.00 Uhr Mitternacht 6,97 m

Keeken 1. Januar früh 7,32 m

Keeken 2. Januar 7.15 Uhr morgens 7,83 m

Die Eisenbahnbrücke bei Wesel ist seit Mitternacht vom 31. Dezember zum 1. Januar gesperrt.

Man spricht von mehreren Dammbrüchen, so bei Uerdingen, Rees und Büderich, die

aber nicht bestätigt wurden. Die tollsten Gerüchte schwirren umher, wie es zu Zeiten großer

Ereignisse meistens geschieht.

Am 1. Januar erließ der Landrat nebenstehende Bekanntmachung in den Clever Zeitungen:

„Da im hiesigen Kreise noch mit einem weiteren Steigen des Hochwassers zu rechnen

ist, richte ich an die Bewohner des Überschwemmungsgebiets die Mahnung, sich für

die Zeit der Gefahr vorzubereiten; ferner mache ich darauf aufmerksam, daß nach § 78

des Clever Deichreglements und nach § 360 Nr. 10 des Reichsstrafgestzbuches den Anforderungen

der Deich- oder Polizeibehörden zur Hilfeleistung Folge zu leisten ist. Sobald

dringende Gefahr eintritt, werde ich das Einstellen des Geläutes der Kirchenglocken

im Bereiche der Banndeiche anordnen. Im Falle des Überlaufs oder Bruch eines

Banndeichs wird dann das Notsignal durch anhaltendes Läuten der Kirchenglocken

gegeben werden.

Cleve, den 1. Januar 1926. Der Landrat: Eich.“

Am Morgen des 2. Januar kam aber die Anordnung, daß die Kirchenglocken zu schweigen

hätten und nur bei größter Gefahr als Notsignal dienen sollten. Am Nachmittag wurden Kähne

ins Dorf gefahren. Die Leute haben bereits Kohlen und Kartoffeln aus den Kellern geschafft,

andere bringen bereits die Möbel auf den Speicher. Man befürchtet nämlich zunächst einen

Deichbruch bei der schon im vorigen Jahr gefährdeten Stelle bei Till-Moyland. Weite Kreise

der Bevölkerung sind wie auch im vorigen Jahr erregt, daß die Deiche außerhalb Cleve nicht


so sind wie sie sein müssten und man brauchte z.Zt. scharfe Worte gegen den recht alten

Deichgräfen Pollmann, der nun in den letzten Tagen seines Amtes enthoben sein soll. Warum

ein so ungeheuer verantwortungsvolles Amt nicht auf junge Schultern gelegt und in die Hand

eines Mannes, der infolge seines Berufes (Bauhandwerker, Bauunternehmer, u.s.w.) größere

Eignung zum Deichgräfen hat als zum Beispiel ein Landwirt, der sich vielleicht nur auf den

Titel etwas zugute tut. So denken die Leute, ja es wurden Stimmen laut, die besonders gegen

die Deichsteuer sprachen. Es sei ein Unrecht, daß die Steuer nur von denen erhoben würde,

deren Besitztum im Falle der Not Schaden leiden würde. Warum werde die Steuer nicht von

allen Staatsbürgern erhoben?

Hochwasser 1926 zwischen Beek und Ooijpolder

Am Sonntag, den 3. Januar, pilgern große Volksmengen von Cleve aus nach Wardhausen und

Düffelward, um jenseits des Banndeiches das schaurig schöne Naturschauspiel zu sehen. Leider

setzte nachmittags wieder ein starker Regen mit Sturm ein. An der Schleuse in Wardhausen

steht das Wasser nach Aussage des Schleusenwärters Loock 47 cm höher als in dem

schlimmen Frühjahr 1920. Es ist schlimm, daß die Deiche sich infolge des langanhaltenden

Regens vollgesogen haben. Stellenweise sind die Deiche durch Maulwürfe aufgelockert, und

es ist leicht möglich, daß auch hier kleine Ursachen große Wirkungen haben. Gebe Gott, daß

sich in unserer Niederung nicht ein zweites 1809 ereignet. Manche Leute bringen ihr Vieh

und andere Dinge in Sicherheit, so nach Materborn und Keppeln. Unaufhörlich wird Vieh

vorbeigetrieben auf Cleve zu.

Im Anfang dieses Heftes ein Bericht Nr. 1 aus dem „Volksfreund“ Nr. 2 vom 4. Januar 1926.

Eine Bekanntmachung des Landrates in der gleichen Zeitungsnummer verbietet Unbefugten

unter strenger Strafe das Betreten des Deiches.

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30

Am 5. Januar 26 ist die Erregung im Volke wieder groß wegen der Sirenensignale in Cleve.

Die Leute haben die Vorstellung, daß nun das Hochwasser kommen müsse. Immer noch wird

Vieh nach Cleve gebracht. Für die Nacht ziehen Doppelposten zu dem Ort, um im Augenblick

größter Gefahr Alarm zu schlagen.

Aber auch das hat sich als sehr notwendig erwiesen � um die umherschleichenden Spitzbuben

von den zur Zeit unbewohnten Häusern zu vertreiben. In Wardhausen sind nur wenige Männer

zurückgeblieben.

Am 6. Januar ist die Lage unverändert, wenngleich es auch schon scheint, daß der Querdamm

unterhalb Wyler und der Deich bei Till-Moyland nun ausgebessert sind und gehalten werden

können. In beiden Messen fiel der Gefahr wegen die Predigt aus. Wieder wandern, wie am

vergangenen Sonntag, viele Schaulustige zu den Deichen hin. Es herrscht lebhafter Autoverkehr.

Es werden Lebensmittel und Deichmaterial nach Düffelward und Wardhausen geschafft.

Am Morgen des 7. Januar kommt von der Schleuse die Nachricht, daß das Wasser stündlich 1

½ cm fällt und daß die Gefahr erst in etwa 3 Tagen behoben sei, falls das Fallen des Wassers

anhält. Unter diesen Umständen kann der Untericht morgen nicht aufgenommen werden. Sehr

viele Kinder sind auswärts in Sicherheit gebracht worden. Auf den Wegen nach Wardhausen,

der Grintweide und Düffelward steht das Binnenwasser. Der Anfang des Unterrichts wurde

auf Montag, den 11. Januar verschoben, wovon dem Schulrat Mitteilung gemacht wurde. Das

Läuteverbot besteht nach wie vor. Im Laufe des Tages erschien nebenstehende Bekanntmachung

des Landrats zu Cleve. Leider setzte gegen Abend starker Regen mit Sturm ein.

„Die Hochwassergefahr ist nach menschlichem Ermessen als beseitigt anzusehen. Das

Schlimmste, der Verlust von Menschenleben hat, wenn auch unermessliche Werte vernichtet

wurden, glücklicher Weise verhütet werden können, dank des bewundernswerten

Opfermutes und der Unerschrockenheit weitester Kreise der Bevölkerung. Es ist mir

eine besondere Freude und Genugtuung, allen denen, die sich in uneigennütziger Weise

an dem freiwilligen Hilfsdienst und am Hilfswerk beteiligt haben, namens der preußischen

Staatsregierung und im besonderen Auftrage des Herrn Regierungspräsidenten

herzlichen Dank und uneingeschränkte Anerkennung auszusprechen. Ganz besonders

gilt dies für die tapfere und todesmutige Mannschaft, welche unter Leitung des Herrn

Heimrats Hansen und besondere Mithilfe des Herrn Gemeindevorstehers Jansen den

Querdamm gehalten hat, dessen Bruch unabsehbare Folgen für die Niederung gehabt

hätte. Das vorbildliche Verhalten der freiwilligen Feuerwehren des Kreises hebe ich bei

diesem Kampfe gegen die unermesslichen Wassermassen besonders lobend hervor.

Möge auch für die kommende schicksalsschwere Zeit der bekundete Gemeinsinn und

die unbegrenzte Opferfreudigkeit im Kreise Cleve erhalten bleiben.

Cleve, den 6. Januar 1926. Der Landrat: Eich.“

Nebenstehendes Gedichtchen, das im „Volksfreund“ vom letzten Montage erschien, schildert

so recht die Eindrücke der vom Hochwasser Bedrohten. Zum Glück ist der Sturmschlag der

Glocke bis heute ausgeblieben.


Die Glocken schweigen

Ein Sonntag ohne Glockenklang,

Wie arm, wie bang.

Kein Heimatruf, der das müde Herz

Aus Alltagssorgen hebt himmelwärts.

Kein Aveläuten

Zu Tageszeiten,

Die eherne Zunge in Stadt und Land

In Schweigen gebannt.

Volk ist in Not,

Hochwasser droht!

Die Fluten steigen,

Die Glocken schweigen.

Es soll ja ihr Läuten

Sturmnot bedeuten.

Herr „schon“ Dein Volk, Herr wende die Not.

Und nimm ihm nicht Obdach, Habe und Brot

Gebiete der Flut

Mach alles gut

Und laß bald wieder der Glocken Läuten

Uns Frieden bedeuten!

Seit 11.00 Uhr heute Morgen steht das Wasser, was wohl mit starken Niederschlägen im

Stromgebiet des Mittel- und Oberrheines zusammenhängt. Die Flüchtlinge kehren allmählich

zurück. Noch immer besteht das Läuteverbot, obwohl die größte Gefahr vorüber ist.

Durch nebenstehende Bekanntmachung wird das Läuteverbot aufgehoben. Damit ist die Gefahr

hoffentlich für dauernd vorüber.

„Nachdem die Gefahr eines Durchbruches im hiesigen Kreise beseitigt ist und das

Hochwasser fällt, wird das Verbot des Läutens der Kirchenglocken im Überschwemmungsgebiet

mit Wirkung vom 10. ds. Mts. Ab hiermit aufgehoben.

Cleve, den 8. Januar 1926. Der Landrat: Eich.“

Nach Angaben des Herrn Gemeindevorstehers Kersjes betragen die Wasserschäden (Vernichtung

der Wintersaat u.s.w.) schätzungsweise vorläufig über 1 Mill. Goldmark. Wasserschäden

können in der Zeit vom 18. bis 21. Januar beim Bürgermeisteramt angemeldet

werden.

Heute hat man damit begonnen, den „wasserdichten“ Keller der Schule mit Hilfe der Brandspritze

auszupumpen. Die Wassermasse ist von 41 cm auf 28 cm zurückgegangen.

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Der Gelderlander vom 02.02.1995

Am Querdamm bei Zyfflich 1926


Kriegshochwasser 1945

17. Februar: 8,94 m am Pegel Emmerich

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Auf ihrem Rückzug sprengte die deutsche Wehrmacht die

Banndeichlinie an mehreren Stellen, um den alliierten

Streitkräften den Vormarsch auf das Ruhrgebiet zu verwehren.

Diese Deichsprengungen setzten die gesamte linksrheinische

Niederung von Xanten bis Nimwegen unter Wasser,

waren aber keineswegs kriegsentscheidend, da der Vormarsch

der Alliierten nur verzögert wurde.

Die Sprengungen � linksrheinisch 1944/45

Datum Ort der Sprengung Wasserstände

m Pegel Emmerich m NN

02.12.1944 Deiche bei Arnheim und Erlecom 6,63 16,68

Überflutung von Nimwegen bis Querdamm

08.12.1945 Schleuse Querdamm – 50 m Lücke 6,01 16,06

11.02.1945 Schleuse Brienen – Straße Kleve 6,33 16,38

Nimwegen auf 8 km bis zu 1 m überflutet

13.02.1945 Banndeich Till am Steincheshof 6,38 16,43

17.02.1945 Banndeich Hönnepel und Wisselward 6,89 16,94

Bei Wardenstein und am Entenbusch, dazu

den Rückstaudeich Grieth-Wissel, somit

Rückflutung bis Xanten

21.02.1945 Banndeich bei Niedermörmter 6,19 16,24


Überflutungen nach Deichsprengungen im Februar 1945

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Das Rheinhochwasser 1945 nach der Sprengung der Deiche

Rhein-km Hochwasser 1945 Bezugspunkt m NN Einlauftiefe/m

854 16,80 Warbeyen, Ortschaft 14,50 2,30

856 16,60 Kellen, Friedhof 14,00 2,60

856 16,60 Griethausen, Ortschaft 15,00 1,60

857 16,50 Kleve, Bahnhof 15,00 1,50

857 16,50 Kleve, Gruft-/Tiergartenstr. 15,70 0,80

857 16,50 Kleve, An der Münze 16,47 0,03

857 16,50 Kleve, Eingang Tierpark 16,40 0,10

857 16,50 Kleve, Siemensstr. 15,00 1,50

857 16,50 Kleve, Galleien 14,00 2,50

857 16,30 Brienen, Ortschaft 14,70 1,60

859 16,30 Wardhausen, Ortschaft 14,00 2,30

859 16,30 Spoyschleuse, Kanalspiegel 12,20 4,10

859 16,30 Rindern, Ortschaft 13,30 3,00

861 16,10 Düffelward, Ortschaft 13,00 3,10

861 16,10 Donsbrüggen, Mühle 12,70 3,40

864 15,80 Mehr, Ortschaft 12,70 3,10

864 15,80 Keeken, Schützenhaus 12,70 3,10

866 15,60 Niel, Ortschaft 12,00 3,60

868 15,40 Zyfflich, Ortschaft 15,00 0,40

868 15,60 Kranenburg, Richtersgut 12,40 3,20


Am Richtersgut in Kranenburg, Februar 1945

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Wie war es 1945 und wie sähen die Wasserstände heute in

der Niederung aus? Aus Berichten und Bildern der

Kriegszeit und Wasserstandsrekonstruktionen wissen wir

dieses:

� Schon im November / Dezember 1944 stieg der Rhein

am Pegel Emmerich auf 6,82 m; heute 8,87 m = 16,87 m

NN

� Mitte Februar 1945 wurde mit 6,89 m; heute 8,94 m =

16,94 m NN der Höchststand erreicht

� Aus den Aufzeichnungen der täglichen Wasserstände

im Abflussjahr 1945 und der daraus abgeleiteten Pegelganglinie

wird deutlich, dass vom 8. bis 21. Februar ein

Wasserstand von über 6,00 m; heute 8,05 m = 16,05 m

NN am Pegel Emmerich stand, also von Xanten bis Kleve

ca. 14 Tage „Land unter“ vorherrschte

Pegelganglinie am Pegel Emmerich Februar 1945 � Km 851,9

m am Pegel

Pegel 00 = 10,05 m über NN Tage

mNN

18,05

17,05

16,05

15,05 vergleichende Geländehöhen:

14,05 Hasselt 14,50 m NN

13,05 Huisberden 14,00 m NN

12,05 Kleve-Galleien 14,00 m NN

11,05

10,05


Hochwasser und Krieg

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Wiesen bei Kranenburg, Februar 1945


42

Amphibienfahrzeug in Kranenburg, Große Straße, Februar 1945


Faksimile aus: W. Michels / P. Sliepenbeek: Niederrheinisches Land im Krieg. Ein Beitrag zur Geschichte des

Zweiten Weltkrieges im Landkreis Kleve. Hrsg. Vom Landkreis Kleve. Kleve 1964, S. 120-122.

43


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Düffel im Kriegswinter 1945 � geteilt und geschunden


Hochwasser 1995

Ende Januar / Anfang Februar: 9,85 m am Pegel Emmerich

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Die höchsten Wasserstände 1995

Emmerich 9,85 m = 18,85 m NN = m NAP

Lobith 16,68 m NAP

Pannerdense Kop 15,84 m NAP

Nijmegen 13,53 m NAP

Heute, gut 13 Jahre nach dem Hochwasser 1995, könnte

man rückwirkend sagen: Große Aufregung, aber alles

nochmal gutgegangen!

Die nachfolgende Auswahl von Presseartikeln belegt jedoch

unmissverständlich, dass die Sorge eines Deichbruches

mit verheerender Überflutung der Niederung von

Kleve bis Nijmegen nicht unbegründet war, obwohl letztlich

die Deiche den Fluten standhielten.

Ganz anders verlief das Hochwasser der Oder im Jahre

1997 sowie das Hochwasser der Elbe und deren Nebenflüsse

2002. Jedes dieser Hochwasser richtete mehrere

Milliarden Euro Schaden an.


De Gelderlander vom 1. Februar 1995

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De Gelderlander vom 03.02.1995 berichtet über Deicharbeiten auf deutscher Seite


Schlagzeilen der niederländischen Presse zum Hochwasser 1995

28. Januar Nijmegen am unendlichen Meer

De Gelderlander Psychologische Deichverstärkung in Bimmen

Deichbruchgefahr wird durch möglichen Sturm größer

30. Januar Deutsche Flüsse steigen weiter

De Gelderlander Evakuierung beschlossen

31. Januar Die Deutschen verfestigen den Querdamm

De Gelderlander Räumen des Polders

Das Risiko im Gelderland

31. Januar Evakuierungen, Deichbruch, Deicherhöhungen und Räumungen

NRC-Handelsblatt 15 bis 80 Milliarden Euro Schaden bei Überströmungen

1. Februar Im deutschen Grenzgebiet geht das Leben normal weiter

De Gelderlander Überschwemmungen werden eine nationale Katastrophe

2. Februar Kleve wird nicht geräumt

De Gelderlander Verweigerer mit Zwang herausgebracht

Deichbruch kann zur Umweltkatastrophe führen

3. Februar Trübes Qualmwasser überrascht Kleve

De Gelderlander Zurück in Phasen � abgestufte Rückkehr

Aussicht auf eine schnelle Rückkehr

4. Februar Zweifel an der Notwendigkeit der Zwangsräumung

De Gelderlander Katastrophenfonds schon seit 1935

6. Februar Willkommen zu Hause im Ooijpolder

De Gelderlander Farben zu kaufen

Schadensregulierung in Frage gestellt

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De Gelderlander vom 01.02.1995

De Gelderlander vom 28.02.1995


Schlagzeilen der deutschen Presse zum Hochwasser 1995

28. Januar Erreicht der Pegel Rekordwerte vom Dezember 1993? (Michael Evers)

Neue Rhein Zeitung

31. Januar Die Niederung soll evakuiert werden (Thomas Claassen)

Rheinische Post Die Deiche am Niederrhein halten bislang stand (RP Düsseldorf)

31. Januar Katastrophenfall: Deichbruch wird nicht mehr ausgeschlossen

(Michael Evers)

Neue Rhein Zeitung Niederländer verlassen ihre Häuser (Ev)

Zehn Meter höher wartet die Rettung (Matthias Maruhn)

Schulfrei und 1000 Betten in Berufsschule (Vo)

1. Februar - NRZ Bange Frage: Halten die Rheindeiche? (Michael Evers)

Rheinische Post Der Tag der Angst vor der großen Flut (Ludger Distelkamp)

Spontane Hilfe über die Grenze hinweg (Jürgen Stock)

1. Februar Tausende von Tieren evakuiert (Claudia Gronewald)

Neue Rhein Zeitung Krankenhäuser auf alles vorbereitet (Claudia Gronewald)

De Rozet Beek-Ubbergen 1995

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Im Stau im Hochwassergebiet

Notizen eines betroffenen Niederländers

Dezember 1993

hatte es bereits ein Jahrhunderthochwasser gegeben. Die Deiche waren nicht gebrochen, die

Menschen hatten die Niederung nicht verlassen.

Januar 1995

Nun war es wieder Winter, wieder stieg das Rheinwasser. War es diesmal gefährlich? Wir

wussten es noch nicht. Wie öfters bei möglichen Katastrophenchancen stellten wir Radio und

Fernsehen auf das westdeutsche Fernsehen ein. War nicht mal etwas Gefährliches aus einem

Schiff bei Wesel ausgelaufen, ohne dass die niederländischen Medien uns davor gewarnt

hatten? Und auch diesmal wurde uns von den östlichen Nachbarn etwas detaillierter erzählt

und gezeigt, wie das Wasser am deutschen Niederrhein immer weiter stieg. Nach „De

Gelderlander“ vom Samstag, 28. Januar, sei schon ein Evakuierungsplan fertig, es gäbe jedoch

keinen Anlass, jetzt schon mit einer Evakuierung zu beginnen. Eine weitere Nachricht:

Ministerpräsident Wim Kok will sich nicht beeilen bei der Entscheidung, die Betuwelijn zu

bauen. Eine Mitteilung, die normalerweise mit Genugtuung empfangen würde, jetzt aber

Unruhe auslöst. Sind wir also bereits aufgegeben?

Sonntag, 29. Januar

Auf dem Fahrrad über den Deich. Nach Bimmen, bis vor den vor einigen Monaten neu

gebauten Deich. War der schon sicher genug, hat der sich bereits gesetzt? Fertig war er noch

nicht. Gestern noch meldete „De Gelderlander“, die Deutschen würden sich darum bemühen,

geeignete Anfahrten für LKWs zum Deich zu beschaffen. So eine Mitteilung stärkt nicht

gerade das Vertrauen. Das Wasser hatte sich bis kurz vor die Deichkrone herangeschlichen,

und noch immer stieg es weiter an. Umweg über die Hauptstraße, in Bimmen wieder zum

Deich und dann weiter bis nach Keeken. Überall Wasser, ganz hoch im Deichvorland, immer

größere Flächen Qualmwasser hinter dem Deich. Kahle Bäume ragen aus dem Wasser, mitten

im Strom; Hecken sind schon in den Fluten verschwunden. Wieder zu Hause, laufen Diskussionen

über Radio und TV über Evakuierungen oder nicht, über Kompetenzverteilung

zwischen Innenministerium, Provinz oder Kommunen ständig an, was müssen wir tun? Auch

„Radio Gelderland“, ständig mit neuen Nachrichten in der Luft, bringt uns jetzt nicht weiter.

Wir reservieren unsere Evakuierungsadresse bereits bei Lies, der ältesten Tochter in

Nimwegen. Gute Freunde aus dem Burgenland rufen uns an, wie weit steckt ihr bereits im

Wasser? Der Telefonverkehr im Inland liegt teilweise brach, aus Österreich kam man gleich

durch.

Montag, 30. Januar

Trotz drohender Gerüchte über eine Evakuierung fahre ich zur Arbeit in die Uni Nijmegen.

Als ich zufälligerweise den Pförtner vom Erasmusgebäude anspreche, fragt er mich, was ich

eigentlich hier mache, weil vom „Commissaris der Koningin in de Provincie Gelderland“, Dr.

Jan Terlouw, die Räumung der Niederung östlich von Nimwegen verordnet wurde. Nachdem

ich telefonisch Kontakt mit meiner Frau hatte – die Telefonverbindungen sind jetzt noch

ziemlich normal – mache ich mich mit dem Auto auf den Weg nach Millingen. Nicht über die

Hauptstraße, weil ich vermute, dort stehen schon weitere Pendler auf dem Weg nach Hause.


Doch auf dem alten Rijksstraatweg in Beek ist schon mehr stopp als go. Darum entscheide ich

mich, in Richtung Wyler zu fahren und nicht die Hauptstraße über Leuth nach Millingen zu

nehmen. In Zyfflich und Niel ist alles ruhig, innerhalb einer weiteren Viertelstunde bin ich zu

Hause.

Dort wird deutlich, dass zwar die Verordnung der Provinz uns mahnt, unsere Häuser bis zum

Dienstag zu verlassen, die Gemeinde Millingen jedoch hat weitere Ziele mit uns. Damit für

die geliebte Bürgermeisterin keine Seele verloren geht, sollen sich alle vertriebenen Einwohner

der Gemeinde in Kekerdom abmelden, so wird es durch Lautsprecheransagen in den

Straßen von Millingen bekannt gegeben. Wir haben also über die Hauptstraße nach

Nimwegen zu fahren.

Wir haben uns entschlossen, nicht über Kekerdom zu fahren, weil wir vermuten, nicht die

einzigen dort zu sein. Die Bürgermeisterin hält die Stellung im Rathaus, gegen den Willen des

Bürgermeisters von Nimwegen und der Provinzverwaltung. Sie bleibt, warum ist unklar,

vielleicht um den Hubschraubern im richtigen Notfall Arbeit zu beschaffen. Wir werden uns

telefonisch bei ihr abmelden, wenn wir in Nimwegen eingetroffen sind. Über die grüne

Grenze bei Hömischmühle, Niel und Zyfflich geht es. Wie üblich, kaum ein Mensch zu sehen.

In vierzig Minuten sind wir in Nimwegen bei der Tochter Lies. Nach dem Abendessen

entscheiden Lies und ich, noch mal nach Millingen zurückzufahren. Schließlich dürfen wir

uns noch bis Dienstagabend, den 31. Januar, in Millingen zeigen. Und einige für uns wertvolle

Sachen sind noch in unserem Haus. Wir entscheiden uns, über die Hauptstraße nach

Leuth zu fahren, kein Mensch fährt zu dieser Zeit in diese Richtung. Stimmt. Alles ruhig bis

zur Ampel Beek. Als wir als einzige links abbiegen, stoßen wir aus der Gegenrichtung auf

einen Riesentreck. Weil wir als einzige ostwärts fahren, steht ein Riesenstau vor der Ampel:

bis zum letzten Kubikmillimeter beladene PKW, Anhänger, manchmal mit Trecker,

Karnevalswagen usw. Ein Stau, wie ihn der Polder noch nie gesehen hat, obwohl in jeder

Minute der Deich brechen könnte an einer Stelle, und zwar weniger als drei Kilometer vom

Stau entfernt, so nachher Gerard Karnebeek, damals Heimrat im Polderdistrict Groot Maas en

Waal und fast ununterbrochen aktiv an der gefährdeten Deichstelle bei Ooij. Nur weil die

Einwohner von Millingen sich in Kekerdom abzumelden hatten.

Rückblick

Für mich war dieses die wichtigste Erfahrung während der Evakuierung im Winter 1995. Das

Vertrauen zu den Vorgesetzten, die sich nicht an Vereinbarungen halten, sondern ihre eigenen

Ideen in den Vordergrund setzen, auf Kosten von möglichen Opfern, war bei mir ziemlich

gesunken. Keine Initiative zur Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden Kleve und

Kranenburg, zum Beispiel zur Bereitstellung von Straßen, war bei unserer geliebten Bürgermeisterin

zu verspüren. Die Maßnahme wirkte sich auch nachteilig für die Nachbargemeinde

Ubbergen aus, weil die Einwohner von Leuth, Kekerdom, Ooij und Erlecom sich die Straße

mit den Einwohnern von Millingen teilen mussten. Auch sie gerieten in den lebensgefährlichen

Stau.

Noch eine zweite Erfahrung gab es für mich: das Leben in den Niederlanden außerhalb der

Evakuierungsgebiete lief einfach weiter. Die Busfahrer des „Streekvervoer“ fingen den Streik

an, die Randstadbewohner kamen am Sonntag als Katastrophentouristen noch nach Nimwegen

und Umgebung. Möglicherweise hatten sie schon eine Übernachtung gebucht, falls der

Ooijpolder doch noch zum Notüberflutungsgebiet würde. Die neuesten (noch offiziell) geheimen

Regierungspläne geben ihnen möglicherweise Recht.

Jan Smit, Millingen aan de Rijn, NL

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Evakuierungsaufruf des Kreises Kleve beim Hochwasser 1995


Hochwasser heute

� Simulationen auf der Basis des Kriegshochwassers 1945

� Karten aus dem Umweltministerium

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Die Große Straße in Kranenburg (2006)

…und bei einem Hochwasser wie 1945


Die Mehrer Straße in Donsbrüggen (2006)

Die Bürgerinitiative gegen die Überflutung der Düffel und angrenzende Gebiete will mit

den folgenden Bildern nicht schockieren, wohl aber auf die allgemeinen Hochwassergefahren

aufmerksam machen.

Auch will sie verhindern, dass der Polder Bylerward, der Düffel- und der Ooijpolder zu

Retentionsräumen umgebaut werden, denn es gibt gute und kostengünstige Alternativen.

…und bei einem Hochwasser wie 1945

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Der Spoykanal bei Wardhausen (2006)

…und bei einem Hochwasser wie 1945


Das Industrie- und Gewerbegebiet

Siemensstraße in Kleve (2006)

…und bei einem Hochwasser wie 1945

Die Große Straße in Kleve (2006)

… und bei einem Hochwasser wie 1945

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Das Land Nordrhein-Westfalen hat 1999 die Hochwasserfibel „Bauvorsorge in hochwassergefärdeten

Gebieten“ herausgegeben. In den Blattschnitten auf diesen Seiten ist das Überschwemmungsgebiet

von Kranenburg bis Kalkar dargestellt. Die Farben blau und rot verdeutlichen unterschiedliche Wassertiefen.

Blau bedeutet über 4,00 m Wassertiefe, rot dagegen 2,00 bis 4,00 m. Diesen Tiefen liegt die


Überlegung zugrunde, dass es keine Deiche gibt und der Rhein sich für einmal in 200 Jahren frei ausbreiten

kann. Und das mit einer Wassermenge von 13.000 m 3 /s, entsprechend 10,28 am Pegel Emmerich.

Im Vergleich dazu flossen 1995 12.000 m 3 /s ab, die einen Pegelstand von 9,84 m in Emmerich

ergaben. 1945 flossen bei einem Pegelstand von 8,94 m in Emmerich nur 9.600 m 3 /s ab.

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Die Bürgerinitiativen

� Bürgerinitiative gegen die Überflutung der Düffel und angrenzende Gebiete (D)

� Hoogwaterplatform (NL)

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Die überparteiliche Bürgerinitiative gegen die Überflutung der

Düffel und angrenzende Gebiete e.V.

Sorgen

Nach dem Hochwasser 1995, das die Höhe des bisher bekannten höchsten Hochwassers von

1926 am Pegel Emmerich erreichte, begann die Diskussion über die Beherrschung von extremen

Rheinhochwassern. Derzeit lautet die Zauberformel: Retentionsräume schaffen und Notüberäufe

festlegen!

Niederländische Ideen

Zwei Studien machten Schlagzeilen:

2001 Haskoning

2002 Lutein

Beide Studien halten das Gebiet Ooij-Düffel für Retention und Notüberläufe geeignet und

sagen, je größer das Gebiet, desto niedriger der eingestaute Wasserstand.

Deutsche Pläne

In NRW hat das Umweltministerium (MUNLV) 11 Retentionsräume ausgewiesen, im Raum

Kalkar den Polder Bylerward. Anlässlich der Präsentation des Hochwasserfilms „Jeder cm

zählt“ am 11.07.2002 in der Stadthalle Kleve machte die damalige Umweltministerin klar:

„Wir brauchen Retentionsraum im Grenzgebiet, entweder Bylerward oder die Düffel.“ Am

14.02.2004 machte die gleiche Ministerin einem Deichgräfen in der Sendung „Hallo Ü-

Wagen“ öffentlich schwere Vorwürfe, dass er gegen den Polder Bylerward agiere.

Erkenntnis

Das Umweltministerium hält im linksniederrheinischen niederländisch-deutschen Grenzgebiet

Hochwasserrückhalteräume für unabdingbar. Aus der Bevölkerung und den Firmen der Düffelniederung

wurde am 03.03.2004 die Überparteiliche Bürgerinitiative gegen die Überflutung

der Düffel und angrenzende Gebiete gegründet.


Ziele

� Schutz der Kulturlandschaft Düffel, der Wohn- und Arbeitsplätze und der in der

Düffel lebenden Menschen vor Hochwasser.

� Sensibilisierung dieser Menschen für die Hochwasserproblematik.

� Sofortige Finanzierung und Realisierung aller Deich- und Anlagensanierungen

auf den Bemessungshochwasserabfluss 2004 (BHQ) zuzüglich 1 m Freibord.

� Gleicher Hochwasserschutz im Polder von Xanten bis Nijmegen.

� Veröffentlichung der niederländisch-deutschen Studie über extreme

Hochwasserereignisse am Niederrhein.

� Gemeinsamer Widerstand mit der niederländischen Initiative Hoogwater-

platform gegen die von der niederländischen Regierung geplanten

Notüberflutungsmaßnahmen. Gemeinsamer Widerstand gegen die geplanten

und ins Gespräch gebrachten niederrheinischen Retentionsmaßnahmen des

Umweltministeriums NRW.

� Ausschöpfung aller Maßnahmen „Raum für den Fluss zu schaffen“, und zwar

in Abstimmung mit allen Bundes- und Landesbehörden, den gewerblichen und

industriellen Betrieben und den niederländischen Nachbarn.

� Gemeinsames Vorgehen mit gezielten Aktivitäten der niederländischen

Hochwaterplatform, anderen Initiativen, den Kommunen und den Deichverbänden, um

Kenntnisse auszutauschen und um die gesteckten Ziele zu erreichen.

� Mit wenig Aufwand lässt sich effektiv viel „Raum für den Fluss“ schaffen, wie aus der

Karte auf der nächsten Seite zu sehen ist. Deshalb:

� Mehr Raum für den Fluss zwischen den Deichen.

� Deiche zurücklegen bzw. erhöhen.

� Absprache mit den Niederländern.

Die Ausführungen dieser Maßnahmen machen

Retentionsräume und Notüberläufe entbehrlich!

Niederrheiner, unterstützt unser Anliegen,

welches auch euer Anliegen ist!

WERDET MITGLIED IN DER BÜRGERINITIATIVE

GEGEN DIE ÜBERFLUTUNG DER DÜFFEL!

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Kontaktadressen

Bürgerinitiative gegen

die Überflutung der

Düffel und angrenzende

Gebiete e.V.

Karl Deutmeyer, Kleve, Flutstr. 47, 02821-976990

Franz Janssen, Kranenburg-Zyfflich, Zum Querdamm 78, 02826-1236

Paul Janssen, Kleve-Düffelward, Rinderner Str. 34, 02826-3740

Maria Oppenberg, Kranenburg-Niel, Mehrer Str. 37, 02826-5180

Hermann Sieger, Kranenburg-Zyfflich, Kleyen 5, 02826-92181

Internet: www.hochwasserplattform.de

Mitglieder der Bürgerinitiative, v.l. Dr. Jan Smit (Hoogwaterplatform NL),

Roland Verheyen, Franz Janssen (Vertreter der Bauernschaft), Karl Deutmeyer,

Paul Janssen, Maria Oppenberg, Manfred Palmen (MdL), Georg Lensing.

Der erste Vorsitzende Hermann Sieger,

Horst Terfehr und Andreas Rambach sind leider nicht abgebildet.

Foto: Heinz Holzbach

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68

Hoogwaterplatform

Hoogwaterplatform

Wie zijn wij?

Het Hoogwaterplatform is een vereniging, gevestigd in de gemeente Ubbergen.

Wat willen wij?

De vereniging heeft ten doel het behartigen van de belangen van de inwoners in de Ooypolder,

Beek-Ubbergen en Duffelt (Nederlandse deel), die door de eventuele aanwijzing van hun

woongebied tot overloopbekken van de Rijn/Waal worden bedreigd in hun woon/werkomstandigheden

aldaar. We trachten dit doel te bereiken door:

� het voorkomen van eventuele ongewenste binnendijkse of buitendijkse waterstaatkundige

maatregelen in het werkgebied van de vereniging of de omgeving daarvan:

� het voorkomen en/of ongedaan maken van eventuele ongewenste organisatorische maatregelen

die in het kader van een Rampenbeheersingsstrategie met betrekking tot de hoogwaterproblematiek

genomen zouden kunnen worden;

� het kritisch volgen en zonodig bestrijden van (voorgenomen) waterstaatkundige maatregelen

zoals die van de beleidslijn „Ruimte voor de Rivier“ en van maatregelen die betrekking

hebben op het gebied van de Niederrhein (BRD);

� het voorstellen en/of bevorderen van buitendijkse of ninnendijkse maatregelen in het werkgebied

van de vereniging en omgeving, zo deze gewenst zouden zijn;

� in het algemeen waakzaam waterstaatkundige ontwikkelingen te volgen die eventueel verstorende

of negatieve gevolgen kunnen hebben voor de bewoners van het werkgebied van de

vereniging.

� Speciaal zal samengewerkt worden met de organisatie naar Duits recht „Die Bürgerinitiative

gegen die Überflutung der Düffel“.

Hoe kunt u ons helpen? helpen?

U kunt ons helpen door lid te worden van onze vereniging. Verder staan wij open voor elke

financiële bijdrage door de gemeentelijke overheid, particulieren, organisaties en bedrijven.

Het bestuur kann ook een andere bijdrage dan in geld toestaan.


Bestuur

Harry Sanders (voorzitter)

Gerard van Leeuwen (secretaris)

Rudy Broekman (penningmeester)

Jan Smit

mevr. C. van Berkestijn

Fried Frederix

Contactpersoon:

Gerard van Leeuwen

Ooijsebandijk 10

6576 JD Ooij (gem. Ubbergen)

tel. 024 – 3238264

e-mail: info@hoogwaterplatform.nl

69


70

Fachbegriffe des Deichwesens

Banndeich

Hält höchstes Hochwasser zurück (bannt das Hochwasser) oder schlängelt sich wie ein Band am Rhein

entlang

Banndeichpolder

Bei höchstem Hochwasser geschützte Fläche

BHW / Bemessungshochwasser

Rechnerisches Hochwasser, nach dem derzeit die Deichhöhen festgelegt werden

Dammbalken

Balken zum Abdichten der Öffnung im Deich bei Hochwasser

Deichbegang

Jährlich mit der Aufsichtsbehörde durch Ablaufen durchgeführte Inspektion der Deiche

Deichgräf

Vorsteher der Deichschau / des Deichverbandes

Deichscharte

Öffnung im Deich, die mit Balken geschlossen wird

Deichschau

Gemeinschaft zum Bau und zur Unterhaltung von Deichen

Deichschutzverordnung

Rechtsverordnung zum Schutz der Deiche

Deichstuhl / Deichamt

Vorstand der Deichschau / des Deichverbandes

Deichtor

Öffnung im Deich, die mit Stemmtoren und Balken verschlossen wird

Deichverband

Zusammenschluss der Deichschauen und Kommunen zum Bau und zur Unterhaltung eines größeren

Deiches

Deichverteidigung

Bei Hochwasser Ablaufen und Beobachten des Deiches und Ausbessern von Schadstellen, z.B.

Abdichten mit Sandsäcken

Erbentag

Mitgliederversammlung der Deichschau / des Deichverbandes

Freibord

Sicherheitsmaß zwischen dem Bemessungshochwasser und der Deichkrone zur Berücksichtigung von

Windstau, Wellenauflauf und sonstigen Sicherheitszuschlägen. Er beträgt in der Regel 1 m


Heimrat

Vorstandsmitglied der Deichschau

HHW / Höchstes Hochwasser

Am Niederrhein 1926 mit 9,83 m am Pegel Emmerich gemessen

LWG

Landeswassergesetz

Oberdeichinspektor

Staatsbeamter, der für den guten Zustand der Deiche verantwortlich war. Dieses wichtige Amt wurde

im Rahmen der Verwaltungsstrukturreform 2007 seitens des Landes NRW abgeschafft.

Polder

Eine vor Hochwasser ganz oder teilweise geschützte Fläche

Poll

Bodenaufhöhung, auf der zum Schutz vor Hochwasser Häuser gebaut wurden

Qualmwasser

Wasser, das bei Hochwasser flächig hinter dem Deich austritt

Ringdeich

Deich um ein Dorf

Rückstaupolder

Fläche, die bei einer bestimmten Höhe von Unterstrom einläuft

Schlafdeich / 2. Verteidigungslinie

Alte, erhaltenswerte Deiche

Schöpfwerk

Bauwerk, um Binnenwasser in den Fluss zu pumpen

Sickerwasser

Wasser, das bei Hochwasser durch den Deich sickert

Sommerdeich

Deich, der Sommerhochwasser zurückhält, aber bei Hochwasser überströmt wird

Sommerhochwasser

Hochwasser, welches im Sommer auftritt

Sommerpolder

Im Sommer nicht überflutete Fläche

Verbandssatzung

Von der Bezirksregierung genehmigte Rechtsverordnung zur Regelung der Verbandstätigkeit

Vorland

Land zwischen Fluss und Deich

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Winterhochwasser

Hochwasser, welches im Winter auftritt

WHG

Wasserhaushaltsgesetz

WRRL

Wasserrahmenrichtlinie – Europäische Wasserrichtlinie

WVG

Wasserverbandsgesetz (Bundesgesetz)

WVVO

Wasserverbandsverordnung, aufgehoben, durch das WVG ersetzt

Gabelung des Rheins bei Millingen in Waal und Pannerdenscher Kanal

Bis 1690, als der Rhein sich noch bei Schenkenschanz in Waal und Niederrhein (ndl.

„Nederrijn“) teilte, führte die Waal neunzig Prozent des vom oberen Flusslauf kommenden

Rheinwassers, weil die obere Mündung des Nederrijn fast vollständig versandet war.

Mit dem Bau des Pannerdensch Kanaal“ im Jahr 1707 und des „Bijlandsch Kanaal“ 1776

wurde eine stabilere Verteilung des Rheinwassers geschaffen. Seitdem erhält die Waal

zwei Drittel der Wassermenge, das weitere Drittel für den Nederrijn verteilt sich wegen

der nochmaligen Verzweigung oberhalb von Arnheim in Nederrijn und Ijssel im Verhältnis

zwei zu eins.


Abbildungen

2

Johan Bekhuis et al: Land der lebendigen Flüsse. Utrecht 2002.

85

(oben)

Roosje Benning et al.

85

(unten)

Peter Hendricks et al.

10, 15, 72

A.M.A.J. Driessen / G.P. van de Ven: Das Holländisch-Deutsche Pumpwerk.

Stichting Matrijs, Utrecht. Utrecht 1999.

20

Rainer Hoymann

23, 26

historisch, auch in: De Rozet, Beek-Ubbergen 1995.

29, 32

[Heimatverein Die Düffel:] Die Düffel. Ein Jahrhundert im Bild. Heemstudie 18.

Millingen aan de Rijn 1995.

Cover, 35, 56, 57, 58, 59

Horst Terfehr

37, 40, 42, 44

W. Michels / P. Sliepenbeek: Niederrheinisches Land im Krieg. Kleve 4 1975.

60, 61

Ministerium für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.

Düsseldorf 1999.

66

Bürgerinitiative gegen die Überflutung der Düffel und angrenzende Gebiete e.V.

67

Heinz Holzbach

69

www.hoogwaterplatform.nl

73


74

Impressum

Herausgeber

Bürgerinitiative gegen die Überflutung

der Düffel und angrenzende Gebiete e.V.

Texte

Horst Terfehr

Zusammenstellung

Horst Terfehr

Georg Lensing

Druck

Reintjes Graphischer Betrieb GmbH, Kleve

© Kleve 2008

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