Eine kurze Zollberg - Chronik - Esslingen

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Eine kurze Zollberg - Chronik - Esslingen

Chronik

Eine kurze Zollberg - Chronik

Eingebettet zwischen Mutzenreiswald und Eisberg,

liegt, an der Kante der Filderebene, auf

der südlichen Höhe über dem Neckartal, der

Stadtteil Zollberg.

Nur wenige Bewohner des Zollbergs kennen

heute noch den „Urzustand“ ihrer heutigen

Heimat.

Bereits 1449 durch die „Schlacht am Mutzenreis“

(Städtekrieg wegen Zollstreitigkeiten zwi-

schen den schwäbischen Städten und den Rittern

unter Ulrich von Württemberg), wurde

dieses Gebiet erwähnt.

Ein altes, königlich-württembergisches Zollhaus

(der Hauptzoller auf den Blienshalden)

gab später dem neu entstandenen Stadtteil seinen

Namen. Es stand bis 1818 dort oben an der

einstigen Markungsgrenze von Esslingen,

Berkheim und Nellingen. Es war ein ewiger

Zankapfel zwischen Esslingen und den Württembergern.

Sonst zogen sich in der „Zollgasse“, dem Gelände

zwischen der heutigen Eichendorffstrasse

und der Mutzenreisstrasse Obstbaumwiesen

hin, während auf der anderen Seite zwischen

dem Ende der Achalmstrasse und der Neuffenstrasse

Getreide- u. Kartoffeläcker lagen.

Vor der eigentlichen Bebauung standen bereits

einige Häuser einsam im Blienshaldenweg,

Haus Nr.73, und in der Eichendorffstrasse Haus

Nr. 3, 4, 30. Dort gab es auch ein Schützenhaus

mit Schießständen, aus dem später das Lehrlingsheim

wurde. Gegenüber floss ein kleiner

Bach die Pfeiferklingenschlucht hinunter. Dort,

wo jetzt die Apotheke steht, war eine gemauerte

Jauchegrube, versteckt hinter einer Fichtenumrandung.

Sie diente den Bauern als Abfüllstation

zur Düngung ihrer Felder.

Die Strassenbahnhaltestelle war schon vorhanden,

von dort führte ein Feldweg zum Forsthaus

und zum Waldheim. Das alte „Waldheim“, anfangs

des 3. Reichs abgebrannt, war wieder

aufgebaut und hieß nun „Freizeitheim“. Es war

ein beliebtes Ausflugsziel der Esslinger Bürger,

hier fanden viele Feste statt. Im Wald dahinter

gab es eine Tierschau mit Affen, Schlangen,

Pfauen und Rehen. Auf dem großen Sportplatz

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daneben wurden Sportfeste, Bundesjugendspiele,

Radrennen, Wettläufe und Hindernisreiten

für Pferde durchgeführt.

Auf dem Gelände der heutigen Jugendfarm

stand der Fliegerhorst, in dem von der HJ Segelflugzeuge

hergestellt wurden. Im 2. Weltkrieg

waren hier polnische und russische

Kriegsgefangene untergebracht. Durch einen

Bombenangriff, der dem Reichsbahnausbesserungswerk

im Neckartal galt und das Ziel verfehlte,

wurde das Gebäude zerstört und viele

Gefangene kamen dabei um. Die Bombentrichter

sieht man heute noch im Wald.

Etwa bei Hohenstaufenstrasse 1-3 sollte im 3.

Reich die Pädagogische Hochschule neu gebaut

werden. Die Baugrube wurde ausgehoben, dann

aber der Bau gestoppt. Die Grube lief voll Wasser

und in dem entstandenen Gumpen konnte

im Sommer geplanscht und im Winter mit leeren

Milchbüchsen Eishockey gespielt werden.

Östlich der Häuser Hohenstaufenstrasse 5-9

gab es bis 1939 eine „Schinderhütte“, wo alte

und kranke Pferde geschlachtet wurden. 2

FLAK-Stellungen bewachten während des 2.

Weltkriegs die Höhen der Hohenstaufenstrasse

1 und der Mutzenreissstrasse.

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Während des 2. Weltkriegs befanden sich auf

dem Gelände zwischen Waldheim und Stuifenstrasse

stacheldrahtumzäunte Holzhütten,

in denen russische Kriegsgefangene untergebracht

waren. Später baute man dort noch mehr

unbeheizte Holzbaracken und Hütten dazu, in

die Aussiedler und Flüchtlinge aus den Ostgebieten

als erste Notunterkunft einquartiert wurden.

Selbst eine Seidenraupenzucht zur Herstellung

von Fallschirmseide befand sich während der

Kriegszeit auf dem Gelände der Jugendherberge.

Als es bei uns noch richtige, kalte, schneereiche

Winter gab, waren die Kielmeyer‘schen Wiesen

neben der JUHE ein beliebtes Ski- und Schlittenfahrgebiet.

Für die eigentlich schon 1936 angedachte

„Siedlung Zollberg“ wurde dann im August

1955 der erste Spatenstich durchgeführt, um

für die vielen, nach dem Kriegsende nach Esslingen

zugeströmten Flüchtlinge und Heimatvertriebenen

aus den Ostgebieten links und

rechts der Zollbergstrasse eine neue Heimat zu

geben.

Mit dem Erschließungsbetrag von 17 Millionen

Mark wollte die Stadt Esslingen hier oben,

50 Jahre Zollberg Festschrift I 1


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durch gegliedertes und aufgelockertes Bebauen,

eine neue Stadtlandschaft errichten, die auch

heute noch durch ihre gepflegten Vorgärten und

parkähnlichen Grünflächen zwischen den

Mehrfamilienhäusern auffällt.

Hatte der Zollberg anfangs 1956 nur 362 Einwohner,

so stieg durch die rasante Bautätigkeit

bis 1960 die Einwohnerzahl auf 7500 mit rund

1700 Wohnungen, die sich durch die Baustufe

II Zollberg Süd (1970 - 1974) auf rund 2000

Wohnungen erhöhte. Heute ist die Einwohnerzahl

auf rund 5500 gesunken.

Hart und entbehrungsvoll war das Leben der

Zollberger Gründungsgeneration. Mit vielen

Hypotheken zur Baufinanzierung, daher auch

der alte Zollberger Spitzname „Schuldenbuckel“,

mit Eigenarbeit und Nachbarschaftshilfe,

entstanden die kleinen Reihenhäuser im

Bereich Zollberg West, durch Wohnbauunternehmen

die großen Mehrfamilienhäuser in

Zollberg Ost. Bis zu 3 Generationen wohnten

eng gedrängt in kleinen Wohneinheiten. Lange

mussten sich die Bewohner durch Schlamm

und Lehm kämpfen, um an die Haltestelle der

Straßenbahn zu gelangen, denn die Verbindungsstrassen

wurden erst zuletzt gebaut und

geteert. Gummistiefel waren täglich ein

Muss.

Erst langsam entwickelte sich eine funktionierende

Infrastruktur.

Heute ist der Zollberg ein sehr lebendiger Stadtteil

geworden mit einem funktionierenden gesellschaftlichen

Leben, Schulen, Kindergärten

und Kinderbetreuungen nebst vielen Sport- und

Freizeitmöglichkeiten.

Durch einen sehr umtriebigen Bürgerausschuss

und Förderverein entstand im Stadtteil ein „Wir

Gefühl“, das speziell im jährlichen Zollbergbürgerfest

stets neu gefestigt wird. Es lässt sich

also gut leben auf dem Zollberg.

Klaus Demuth

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