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V - Verräter in Friedwang

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V - <strong>Verräter</strong> <strong>in</strong> <strong>Friedwang</strong><br />

Zeit: Herbst 1034 BF<br />

Ort: Baronie <strong>Friedwang</strong><br />

Autoren: Uwe Eichler, Storko-von-Gernatsborn<br />

Baronie <strong>Friedwang</strong> – Ende Efferd 1034 BF<br />

Die Sonne spiegelte sich hell auf der milchigweißen Wolke, die sich unter ihr aufbauschte. Es war,<br />

dem Stand von Praios Schild nach zu urteilen, bereits früher Nachmittag. Die Stimmung hier oben,<br />

im endlosen Azurblau des Himmels, hätte friedlicher und entrückter kaum se<strong>in</strong> können. Es war das<br />

luftige Reich des Aves, den Gefilden der Menschen so fern wie dem strengen Regiment der<br />

Zwölfgötter. I h r Reich.<br />

E<strong>in</strong> Schatten eilte nun über die Wolke h<strong>in</strong>weg. Für das menschliche Auge wäre darüber e<strong>in</strong><br />

gedrungener, graublauer Vogel heran geschwirrt. Aber hier oben gab es ke<strong>in</strong>e ungeflügelten<br />

Zweibe<strong>in</strong>er, auch Menschen genannt, als Beobachter. Kreaturen, die eigentlich sehr nützlich waren,<br />

als Futterspender etwa. Die sich nur leider allzu gerne <strong>in</strong> Belange mischten, von denen sie kaum<br />

etwas verstanden und verstehen wollten. Vom natürlichen Gang der D<strong>in</strong>ge, der wahren<br />

Beschaffenheit der Welt etwa hatten diese Kopftiere (wie man sie unter den echten Tieren spöttisch<br />

nannte) wenig Ahnung.<br />

Von den Menschen also bemerkte niemand die e<strong>in</strong>zelne Taube, die ungewöhnlich hoch über die<br />

leicht wolkenverschleierten Äcker, Wiesen und Wälder h<strong>in</strong>wegglitt: auf e<strong>in</strong>en dunklen,<br />

schneegekrönten Gebirgskamm am Horizont zu. Ihre Schw<strong>in</strong>gen spürten, ertasteten den stetigen,<br />

warmen Aufw<strong>in</strong>d, es bedurfte nur weniger sachter Flügelschläge, um die Höhe zu halten. Sie war so<br />

glücklich und zufrieden, wie e<strong>in</strong> Tier es nur se<strong>in</strong> konnte. Fühlte sich beschw<strong>in</strong>gt im wahrsten S<strong>in</strong>ne<br />

des Wortes. Freiheit. Wenn dieses Wort überhaupt e<strong>in</strong>e höhere Bedeutung besass, dann bei ihr, hoch<br />

über den Landmassen, die sich schier endlos unter ihrem geplusterten Federkleid und dem wolkigen<br />

Dunst auszudehnen schienen.<br />

Ihre S<strong>in</strong>ne waren denen e<strong>in</strong>es Menschen doch sehr verschieden. Auch wenn sie e<strong>in</strong> Geschöpf der<br />

Lüfte war, so spürte ihr Schnabel auf geheimnisvolle Weise die gewaltigen Erdkräfte der Sumu und<br />

deren Beschaffenheit, e<strong>in</strong>e unsichtbare Landkarte, die ihr gerade den Weg wies. Es war, als wollte<br />

Travia selbst sie zu ihrem Ziel geleiten, zurück <strong>in</strong> ihren heimatlichen Schlag auf Burg Suunkdal.<br />

Mit leichtem Flügelschlag korrigierte die Taube ihren Flug, g<strong>in</strong>g tiefer, sank unter den<br />

Wolkenschleier. Der Anblick des wildgefleckten, sonnenbeschienenen Sichellandes unter ihr wäre<br />

für e<strong>in</strong>en Menschen atemberaubend gewesen, mit all den Dörfchen, Gehöften, Wasserläufen,<br />

Baumwipfeln. Der Bot<strong>in</strong> wurde der Atem auf andere Weise geraubt.<br />

Der Aufprall kam ohne jede Vorwarnung, von schrägl<strong>in</strong>ks h<strong>in</strong>ten. Schmerzhaft gruben sich<br />

messerscharfe Klauen <strong>in</strong> ihre Flanke, mit e<strong>in</strong>em schrillen Aufschrei stürzte sie ab, taumelte, trudelte<br />

dem Boden entgegen - e<strong>in</strong>e hilflos zappelnde Beute <strong>in</strong> den Fängen des schwarzen Falken. Federn<br />

stäubten hoch. Den tödlichen Biss <strong>in</strong> den Nacken spürte die Taube schon nicht mehr.<br />

Yas<strong>in</strong>the schob die Kapuze zurück, mit ihrer vierf<strong>in</strong>grigen Hand, und glitt im Schatten des<br />

Waldrands aus dem Sattel. Sie sah um sich, aber hier auf der Wiese war sie alle<strong>in</strong>, mit den<br />

Schmetterl<strong>in</strong>gen und brummenden Bienen. Meuchel, ihr Falke, war <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Pfeilschuss<br />

Entfernung im Gras gelandet und hackte bereits den Schnabel <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e Beute. E<strong>in</strong>e unsche<strong>in</strong>bare,<br />

1


graue Taube. Allerd<strong>in</strong>gs erspähten ihre scharfen Augen rasch die Lederkapsel an dem e<strong>in</strong>en Fuß des<br />

Kadavers. Die Frau pfiff leise zwischen den schadhaften, krummen Zähnen h<strong>in</strong>durch. E<strong>in</strong>e<br />

Brieftaube, sieh an. Das war so gar nicht beabsichtigt gewesen. Wie es aussah, war ihr der Herr<br />

jenseits des Himmels wieder e<strong>in</strong>mal gewogen.<br />

Die Falkner<strong>in</strong> zog den schweren Handschuh aus der Tasche, streifte ihn sich wieder über und schritt<br />

näher. Sie packte Meuchel, der mit dem Balg davonhoppsen wollte, an den Lederriemen und nahm<br />

ihn auf die geschützte Rechte. Das Tier protestierte mit wütend geöffnetem, blutbeflecktem<br />

Schnabel, also stülpte sie ihm schnell die federgeschmückte Kappe über. Dann griff sie nach der<br />

Kapsel, öffnete sie. E<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>er Papierstreifen. Yas<strong>in</strong>the rollte ihn ause<strong>in</strong>ander, hielt ihn <strong>in</strong>s Licht.<br />

Die kle<strong>in</strong>en, zierlich geschwungenen Buchstaben waren nicht leicht zu entziffern, aber der S<strong>in</strong>n des<br />

Geschriebenen zauberte ihr nach und nach e<strong>in</strong> fe<strong>in</strong>es Lächeln <strong>in</strong>s Gesicht. Besuch kündigte sich an.<br />

Hoher Besuch, der den meisten <strong>Friedwang</strong>en überhaupt nicht gefallen würde.<br />

"Es stimmt also, was man sagt", murmelte sie. "Die großen Ereignisse kommen immer auf<br />

Taubenfüßen."<br />

Sie setzte Meuchel wieder neben se<strong>in</strong> zerhacktes Opfer, nahm ihm die Kappe ab. Sollte der Falke<br />

sich sattfressen, er hatte es sich verdient...E<strong>in</strong>em anderen Jäger würde Yas<strong>in</strong>the das Festmahl<br />

h<strong>in</strong>gegen gehörig verderben. Das Blut im Gras sieht irgendwie purpurn aus, dachte sie und lachte<br />

verzückt.<br />

Harka nahm ihr Barett ab und wischte sich mit e<strong>in</strong>em Stofffetzen den Schweiß von der Stirn. Sie<br />

musste bl<strong>in</strong>zeln als sie <strong>in</strong> die letzten Strahlen der Praiosscheibe blickte, die über den bewaldeten<br />

Gipfeln der Sichelberge jenseits des tiefen Wassers vor ihr sachte unterg<strong>in</strong>g. Der Herbst gewandete<br />

die Blätter der Wälder <strong>in</strong> Rot- und Gelbtöne und tauchte das Licht <strong>in</strong> Gold. Die Gardist<strong>in</strong> seufzte.<br />

Warum war sie nur zur Wache e<strong>in</strong>geteilt worden. Der Karren <strong>in</strong> dem die Abgaben transportiert<br />

werden war doch leer, se<strong>in</strong>e Wohlgeboren hatte sie vor ihrem Aufbruch nach <strong>Friedwang</strong> <strong>in</strong><br />

Gernatsborn verstauen lassen. Von den Bauern und Fischern dieses Ortes war auch bestimmt nichts<br />

zu befürchten, große Augen bekamen sie als die Garde plötzlich <strong>in</strong> die Dorfmitte aufmarschierte. Da<br />

waren schon e<strong>in</strong> paar Hübsche junge Männer dabei gewesen und mit Rüstung, Wams und Waffe<br />

machte man bei vielen e<strong>in</strong>en guten E<strong>in</strong>druck – aber an e<strong>in</strong>em Fischer war sie gewiss nicht<br />

<strong>in</strong>teressiert. Sie rückte ihr Barett wieder zurecht, stütze sich auf ihre Hellebarde und warf e<strong>in</strong>en<br />

Ste<strong>in</strong> <strong>in</strong>s Wasser des Sees an dessen Ufer sie das Lager aufgeschlagen hatte.<br />

Mit „Frau Harka“ wurde sie von e<strong>in</strong>er Stimme von h<strong>in</strong>ten abrupt aus ihren Gedanken gerissen. „Ich<br />

habe alle Her<strong>in</strong>ge kontrolliert, die Zelte s<strong>in</strong>d fest und sollten jeden Sturm trotzen können.“ Der<br />

jugendliche Soldat mit breitem Mund stand auf dem Griff se<strong>in</strong>es Kurzschwertes am Gürtel gestützt<br />

vor ihr und schien weitaus besser gelaunt zu se<strong>in</strong>. Die etwa zehn Götterläufe altere Gardist<strong>in</strong> drehte<br />

sich um und mustere ihren für heute zugeteilten Untergeben. Gerade Gero, der Trommelbursche,<br />

musste mit ihr die Wache<strong>in</strong>heit teilen, dem Jungen musste man ja auch überall über die Schulter<br />

schauen, dachte sie sich. Wenn irgendetwas nicht <strong>in</strong> Ordnung wäre oder der Bursche gar während<br />

der Nachtwache e<strong>in</strong>schläft dann würde alle<strong>in</strong> sie die Strafe des Weibels beim Rapport zu spüren<br />

bekommen.<br />

„Alda hat mir erzählt, dass es über diesen See Orkensauffe recht viele örtliche Sagen gibt, sie hat<br />

mir erzählt, dass der Name ...“ Harka unterbrach ihn gelangweilt. „Hast du schon die Pferde<br />

ordentlich versorgt.“ „Ja, das ha...“ antwortete der Junge und wurde wiederum unterbrochen. „Du<br />

musst sie ordentlich striegeln, <strong>in</strong>sbesondere die Rösser ihrer Wohlgeboren, ich sage dir wenn es da<br />

e<strong>in</strong>e schlechte Nachrede gibt, dann wirst du der erste se<strong>in</strong> der das zu spüren bekommt, verstanden!“<br />

„Jawohl Frau Harka!“ Gero drehte sich um und machte sich zu den Pferden auf. Harka rollte die<br />

Augen, während die anderen Kameraden ihren Sold im örtlichen Gasthaus auf den Putz hauten<br />

musste sie hier das K<strong>in</strong>dermädchen spielen.<br />

2


„Ha, Phex ist mir heute wohl gesonnen, her mit euren E<strong>in</strong>sätzen.“ Mit e<strong>in</strong>er brummenden Stimme,<br />

die die Gespräche der anderen Gäste des Schankraumes übertönten, sprach Voltan und breitete<br />

voller Freude und Genugtuung se<strong>in</strong>e kräftigen Arme aus. „Da geht was nicht mit rechten D<strong>in</strong>gen<br />

zu“ murmelte die jugendliche Alda und schüttelte dabei den Kopf. „Was!? Willst du mich denn dem<br />

Falschspiel beschuldigen, mich Korporal Voltan Liegenfeld. Mädel...“ er beugte sich etwas zu ihr<br />

h<strong>in</strong>über so dass er mit se<strong>in</strong>em e<strong>in</strong>em gesunden Auge besser <strong>in</strong> ihr junges Gesicht blicken konnte.<br />

Manche Narben umrahmten den kahlen Kopf des Mittdreißigers und zeugten von so machen<br />

Schlachten. „... glaubst du ich würfle zum ersten Mal. Damals <strong>in</strong> Wehrheim <strong>in</strong> der Höhle des<br />

Löwen, da habe ich e<strong>in</strong>en Dukaten auf e<strong>in</strong>mal gewonnen und der Bursche wollte mir das nicht<br />

rausrücken. Auf dem Hof davor habe ich es ihm gezeigt. Ha. Ich gebe dir e<strong>in</strong>en guten Rat, wenn du<br />

Mädel ke<strong>in</strong>e Münzen mehr zum Spielen hast, dann solltest du lieber damit aufhören, denn ich habe<br />

e<strong>in</strong>e Glückssträhne. Haha.“ „Ist schon gut, du brauchst dem Flötenmädel ke<strong>in</strong>e großen Ansagen<br />

machen, würfle lieber, die E<strong>in</strong>sätze liegen schon“ sprach e<strong>in</strong>er der drei weiteren Gardisten am<br />

Tisch, „noch e<strong>in</strong>e Runde Bier Wirt<strong>in</strong>, für Korporal Voltan und se<strong>in</strong>e zweite Lanze“ rief e<strong>in</strong> anderer.<br />

Alda gab kle<strong>in</strong> bei, sie wollte doch nicht ihr ganzes Geld an diesen Korporal Voltan verschwenden,<br />

zumal sie zuvor noch nie soviel Münzen ihr Eigen nennen durfte. Sie stand auf und wandte sich der<br />

Theke zu. Der halbe Schänke „Der Vollen Reuse“ war von ihren Kameraden besucht, die sie jedoch<br />

nur als das kle<strong>in</strong>e Flötenmädel ansahen, obwohl sie e<strong>in</strong>e Rekrut<strong>in</strong> der Schatzgarde war wie andere<br />

auch und gar e<strong>in</strong> Kurzschwert an ihrem Gürtel trug. Überall wurde gewürfelt und gezecht, die<br />

erfahrenen Korporäle prahlten mit abenteuerlichen Geschichten und Schlachten und die Rekruten<br />

lauschten gebannt, es war e<strong>in</strong> üblicher Abend. Was würde sich Alda nun gönnen wollen, dachte sie<br />

sich und blickte noch e<strong>in</strong>mal sachte auf ihre Münzen im Beutel – e<strong>in</strong>en guten Schnaps vielleicht.<br />

Die Türe der Schank wurde von außen geöffnet, e<strong>in</strong> Gardist mit schweren ledernen Reiterstiefeln<br />

betrat den Raum und schien sich umzusehen. Alda stand am nächsten, sie erkannte ihn als Movert,<br />

den Botenreiter und Kundschafter aus der Stabslanze. „He, Flötenmädel, wo ist der Weibel oder der<br />

Hauptmann.“ Ich habe auch e<strong>in</strong>en Namen, stand auf der voller Gram gerunzelten Stirn der brünetten<br />

Jugendlichen zu lesen, doch antwortete sie dem Gardisten „Ihre Wohlgeboren s<strong>in</strong>d glaube <strong>in</strong> dem<br />

anderen Gasthaus untergebracht, gleich am Ufer der Orkensauffe.“ „Der See?“ fragte Movert noch<br />

e<strong>in</strong>mal nach. Alda nickte und der Reiter verließ ohne weitere Worte zu wechseln die Schankstube.<br />

„Ganz vorzüglich euer Hecht, Wirt.“ Storko erhob se<strong>in</strong>en Pokal und nickte dem Besitzer des „Alten<br />

Hechtes“ anerkennend zu. „Habt Dank, Herr, ich fange täglich <strong>in</strong> den Morgenstunden selbst den<br />

Fisch.“ Dankend verbeugte sich Firondrian Muhler dabei. „Ihr müsst das eure Rezeptur me<strong>in</strong>em<br />

Stabskoch übermitteln.“ bemerkte Storko noch an. „Nicht wahr Liebster, der Fisch hier steht<br />

unseren Gernatshechten <strong>in</strong> ke<strong>in</strong>er Weise nach“ fügte auch Glyrana an und re<strong>in</strong>igte sodann mit e<strong>in</strong>er<br />

Serviette sachte ihre Lippen. In der Gaststube, die für allgeme<strong>in</strong>e Gäste heute geschlossen war,<br />

saßen an e<strong>in</strong>em mittig aufgestellten Tisch se<strong>in</strong>e Wohlgeboren Storko von Gerrnatsborn-Mers<strong>in</strong>gen<br />

ä.H. und se<strong>in</strong>e Gemahl<strong>in</strong> Glyrana von Mers<strong>in</strong>gen ä.H., an der Seite war ihr erster geme<strong>in</strong>samer<br />

Sohn Gisborn Hal, der gerade im Schoß der jungen Zofe Alw<strong>in</strong>e von jener mühevoll mit Brei<br />

gefüttert wurde. Neben der Türe des Raumes hielt der vollbärtige Trabant des Hauptmannes<br />

Xebebrt Zweimühler Wache.<br />

Die Mers<strong>in</strong>ger Edle war <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em dunkelgrünen für die Reise zweckmäßigen Kleid gewandet, doch<br />

war die geschm<strong>in</strong>kt ihre langen Nägel lackiert und nicht ohne Schmuck verschönert. Ihre Schwester<br />

würde sie nicht wieder erkennen dachte sie sich, von der ahnungslosen Jugendlichen die sich vor<br />

wenigen Jahren noch war war nicht mehr viel übrig geblieben, sie war nun <strong>in</strong> die Geschäfte ihres<br />

Gatten e<strong>in</strong>geführt worden und zeichnete sich durch e<strong>in</strong>e außergewöhnliche Menschenkenntnis aus,<br />

desweiteren war sie nun mit ihren 21 Götterläufen beachtlich weiblich geworden. Ihre Figur hatte<br />

sich nach der Schwangerschaft von Gisborn kaum erholt und nun trug sie schon wieder e<strong>in</strong> K<strong>in</strong>d<br />

unter ihrer Brust. „Geht es dir gut, Liebl<strong>in</strong>g?“ Storko berührte ihre Hand. „Ja, mir geht es gut, ich<br />

3


<strong>in</strong> nur etwas nervös, habe ich doch me<strong>in</strong>e Schwester seit dem letzten Familientreffen auf Weidleth<br />

nicht mehr gesehen. Um so weiter und länger wir getrennt waren und uns nur mittels Brieftauben<br />

Nachrichten schreiben können ist sie mir weit mehr ans Herz gewachsen als ich gedacht hatte.“ „Du<br />

vermisst eure Neckereien, stimmt's?“ Storko schmunzelte. „Du, musst dich aber schonen, nachdem<br />

du <strong>in</strong> bester Hoffnung bist, lange wird es gewiss nicht mehr dauern. Eigentlich hättest du nicht diese<br />

beschwerliche Reise antreten sollen...“ Die Mers<strong>in</strong>ger<strong>in</strong> fuhr ihm erbost <strong>in</strong>s Wort. „Glaubst du ich<br />

lasse dich alle<strong>in</strong> nach <strong>Friedwang</strong> reisen, ich kann mir doch nicht die Gelegenheit nehmen lassen<br />

Schwester und Schwager zu besuchen. Ich b<strong>in</strong> gespannt ob von alledem was Syrenia geschrieben<br />

hat auch was dran ist, sie erwähnte sie wohne <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Wasserschloss...“ „Warte nur, Glyrana bis<br />

Gernatsborn zur Burg ausgebaut wurde, wir Gernatsborn-Mers<strong>in</strong>gen werden uns als starkes<br />

Adelsgeschlecht aus dem oberen Gernatstal erheben, zumal wir von Tsa gesegnet s<strong>in</strong>d. Unser<br />

Gisborn Hal wird sicher e<strong>in</strong>mal e<strong>in</strong> Oberst...“ Glyrana rollte mit den Augen. „Von Nachwuchs aus<br />

dem Hause de<strong>in</strong>er Schwester hört nicht viel, oder? Unser Schwager ist ja auch nicht mehr der<br />

Jüngste.“ Beide begannen süffisant zu lachen.<br />

Außen an der Tür des Gasthauses wurde geklopft. „Ich b<strong>in</strong>'s, Weibel Wehrheimer, mach die Tür auf<br />

Xebbert.“ Hagen Wehrheimer, der Spieß der Schatzgarde betrat den Raum und meldete se<strong>in</strong>em<br />

Offizier: „Herr Hauptmann, der Kundschafter ist zurückgekehrt, die Gegend ist ruhig, von ke<strong>in</strong>en<br />

Räubern oder Kriegsfürsten gehört oder gesehen. Senkenthal soll nicht mehr als 20 Meilen weit<br />

entfernt se<strong>in</strong>. Von dort aus dann noch e<strong>in</strong>mal e<strong>in</strong>e Tagesreise bis nach <strong>Friedwang</strong>.“ Storko<br />

antwortete „Ausgezeichnet, wir wollen morgen früh aufbrechen und diesen Ort Efferd<strong>in</strong>g verlassen<br />

um noch am Nachmittag nach Senkenthal zu kommen. Schickt morgen Movert los, damit er uns bei<br />

me<strong>in</strong>em Schwager ankündigt … und stell sicher, dass die Soldaten nicht zu viel saufen und morgen<br />

<strong>in</strong> e<strong>in</strong>wandfreiem Zustand s<strong>in</strong>d, ich will e<strong>in</strong> gutes Bild machen.“<br />

Der junge Gernatsborn schauerte ob der Abendkühle und zog den Mantel enger um die Schultern.<br />

Storko hätte selber kaum sagen können, warum er noch e<strong>in</strong>mal vor die Tür des Gasthauses getreten<br />

war. Vermutlich lag es daran, dass der urige Schankraum doch ziemlich e<strong>in</strong>geräuchert und ihm der<br />

We<strong>in</strong> zuletzt zu Kopf gestiegen war. Nun stand er also am leise murmelnden See, starrte am Steg<br />

mit dem sacht schaukelnden Fischerboot vorbei <strong>in</strong>s glitzernde Dunkel. Es war wirklich frisch<br />

geworden. Nachdem die letzten Tage sonnig gewesen waren, kündigte sich langsam aber sicher der<br />

Herbst an. Sicher würde es bald regnen. Mit nassem Platschen rollten kle<strong>in</strong>e, schäumende Wellen<br />

ans kiesige Ufer, wurden wieder e<strong>in</strong>s mit dem smaragdgrünen Uferwasser. Nur um erneut als<br />

Wellen zurückzukehren. E<strong>in</strong> paar Enten quakten irgendwo im Halbschlaf.<br />

Der „Hecht“ war e<strong>in</strong> prachtvolles Bauwerk, unter dem schiefergedeckten Giebel waren gleich zwei<br />

Balkone zu sehen, der untere lief um das ganze Gebäude. Dennoch war das Wirtshaus w<strong>in</strong>zig im<br />

Vergleich zu den bewaldeten Bergen, die am Ufer aufragten, wie zusammengekauerte Riesen. Auch<br />

der See wirkte riesig, lauernd und unergründlich, zumal jetzt bei Nacht. Er beschloss, sich die Be<strong>in</strong>e<br />

etwas zu vertreten, das Wetter würde <strong>in</strong> den nächsten Tagen sicher nicht besser werden. Woh<strong>in</strong>?<br />

Dort drüben, auf der Uferwiese, ragte se<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es Feldlager auf, flackerte e<strong>in</strong> e<strong>in</strong>sames Lagerfeuer,<br />

um die sich e<strong>in</strong>ige Gestalten drängten. Kehliges Lachen und leises Geschwatze drang an se<strong>in</strong> Ohr,<br />

offenbar ließen es sich die Gardisten wohl gehen. Funken und Rauch wirbelten zu e<strong>in</strong>em dichten<br />

Schilfgürtel, bläulicher Nebel lag über dem Wasser, wo sich die Flammen undeutlich spiegelten.<br />

Der Befehlshaber überlegte, ob er zur Stippvisite h<strong>in</strong>übergehen sollte. Aber die Stimmung schien<br />

nicht gerade belhankanisch zu werden, die gestreiften Zelte waren gemäß Wehrheimer<br />

Ordnungss<strong>in</strong>n aufgestellt: <strong>in</strong> Reih und Glied. Ebenso die Feldposten. Die e<strong>in</strong>zigen Gegner, mit<br />

denen es se<strong>in</strong>en Mannen und Frauen zu tun hatten, waren Kühe, die tatsächlich von dem Treiben<br />

angelockt wurden und von den Wachen auf Abstand gehalten werden mussten. Storko beschloss, die<br />

bescheidene Lagerfeuerromantik nicht zu stören. Zumal er selbst e<strong>in</strong>en raren Moment völliger Ruhe<br />

genießen wollte. Also g<strong>in</strong>g er <strong>in</strong> die entgegen gesetzte Richtung, wo das Ufer mit Ste<strong>in</strong>en befestigt<br />

4


war, e<strong>in</strong>e richtige kle<strong>in</strong>e Kaianlage mit Hafenmole. Flachbödige Kähne und bauchige Fischerboote<br />

lagen hier an Holzpollern vertäut, e<strong>in</strong>ige sogar mit zwei Masten, rumpelten, scharrten sacht gegen<br />

das Mauerwerk, schaukelten, stampften im Wellengang. Wasser schmatzte und gluckste rund um die<br />

hölzernen Rümpfe. Körbe und Reusen standen auf der Pier bereit. Hie und da waren Netze zum<br />

Trocknen aufgespannt, es roch nach Fisch. Dort drüben lag bereits der gepflasterte Dorfplatz, mit<br />

dem hellweißen Schre<strong>in</strong> des Sonnengottes als Blickfang. H<strong>in</strong>ter den bunten Butzenscheiben der<br />

Schänke waren ebenfalls noch Schemen zu erahnen, Lautenmusik wehte heran. Storko blickte<br />

wieder h<strong>in</strong>aus auf die unruhig schlummernde Orkensauffe, schloss für e<strong>in</strong>en Moment die Augen <strong>in</strong><br />

e<strong>in</strong>em jähen W<strong>in</strong>dschwall, der ihm die Haare flattern ließ. Herrlich. Der Adelige atmete tief durch.<br />

Das Madamal betrachtete sich im Wasser, er<strong>in</strong>nerte ihn an e<strong>in</strong>e uralte Legende mit e<strong>in</strong>er Fee, deren<br />

genauer Inhalt ihm gerade nicht e<strong>in</strong>fiel. E<strong>in</strong>e e<strong>in</strong>same Laterne flackerte grünlichgolden am Platz,<br />

Kerzensche<strong>in</strong> sickerte aus der „Vollen Reuse“, ansonsten war es stockdunkel. Struppige Katzen<br />

streunten umher, labten sich an den Fischresten, die hier und dort lagen, irgendwo bellte e<strong>in</strong> Hund.<br />

Am Ende der Mole baumelte majestätisch e<strong>in</strong> großer Eisenkorb an e<strong>in</strong>er Art Galgen, gefüllt mit<br />

Holz. Offenbar e<strong>in</strong>e Art Seezeichen, für den Fall, das Nebel aufkam.<br />

Es war e<strong>in</strong>e merkwürdige, ja, widersprüchliche Atmosphäre, die <strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g herrschte: e<strong>in</strong>e<br />

Mischung aus Bergabgeschiedenheit, Walde<strong>in</strong>samkeit und dem geöffneten Horizont e<strong>in</strong>es kle<strong>in</strong>en<br />

Hafenstädtchens. Das „Stille Land“, so nannte man die Westerau, den entlegenen Nordwesten der<br />

Baronie <strong>Friedwang</strong>, auch. Der Name passte, die Ruhe überall um ihn herum war fast schon wieder<br />

bedrückend. Oder beunruhigend? Hier, so nah an Efferds Element, schien sie immer auch die Ruhe<br />

vor dem nächsten Sturm zu bedeuten. Er zog sich <strong>in</strong> den Schatten e<strong>in</strong>er Lagerhalle zurück, lauschte<br />

dem beharrlichen Murmeln und Glucksen der Wellen, h<strong>in</strong>g se<strong>in</strong>en Gedanken nach, die sich um<br />

Glyrana drehten, das Haus Mers<strong>in</strong>gen, die Zukunft der Wildermark und ihre eigene. E<strong>in</strong> paar<br />

Nebelschwaden wurden von „draußen“ herangeweht, krochen unstet über den Dorfplatz, hüllten<br />

hier e<strong>in</strong> Haus e<strong>in</strong> und gaben dort wieder e<strong>in</strong>es frei. Das grünliche Licht der Laterne wurde<br />

verschwörerisch, brachte den Nebel von <strong>in</strong>nen heraus zum Glimmen.<br />

Schritte tappten schwer auf dem speckig glänzenden Pflaster. Die Katzen flohen. E<strong>in</strong> viel zu großer,<br />

verzerrter Schatten wanderte über das Fachwerk der Häuser, die jetzt so unwirklich aussahen wie<br />

Theaterfassaden. Der Neuankömml<strong>in</strong>g, zu dem er gehörte, kam aus Richtung der Schenke, teils <strong>in</strong><br />

die Nebelfetzen, teils <strong>in</strong> e<strong>in</strong>en dunklen Kapuzenumhang gehüllt. Dies und die Art, wie er um sich<br />

spähte, ließen Storko misstrauisch werden. Er drückte sich noch etwas mehr <strong>in</strong> se<strong>in</strong> Versteck. Die<br />

Gestalt sah grob <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e Richtung, ihr Gesicht war nur e<strong>in</strong> schwarzes Loch unter der Gugel. Storko<br />

hob die Augenbraue: War er entdeckt worden? Ne<strong>in</strong>. Der Nachtschwärmer hielt jetzt geradl<strong>in</strong>ig,<br />

aber nicht fluchtartig, auf den Kai zu, verschwand dort <strong>in</strong> Dunst und Dunkelheit. Nur e<strong>in</strong> hohles<br />

Polzern, das Knarren von Holz, leises Quietschen und e<strong>in</strong> regelmäßiges Patschen ließen vermuten,<br />

dass er e<strong>in</strong> Boot bestiegen haben musste. E<strong>in</strong> Fischer? Die große Zahl der Boote am Kai und die<br />

restlos belegten Liegeplätze ließen vermuten, dass es nicht üblich war, bei derart stockf<strong>in</strong>sterer<br />

Nacht h<strong>in</strong>auszufahren. Zumal Storko e<strong>in</strong>ige Schauer-Geschichten über den See gehört hatte. Die<br />

„Schöne Lula“, e<strong>in</strong>e hübsche Wassernixe, war wohl noch die angenehmste Begegnung, die man da<br />

draußen haben konnte…Ob ab und an auch e<strong>in</strong>mal so e<strong>in</strong>e Nymphe oder e<strong>in</strong> Nöck an Land kam?<br />

Aber um Efferd<strong>in</strong>g e<strong>in</strong>en Gegen-Besuch abzustatten brauchte so e<strong>in</strong> Fabelwesen sicherlich ke<strong>in</strong><br />

Ruderboot.<br />

Er g<strong>in</strong>g e<strong>in</strong>ige Schritt auf die Stelle zu, wo der oder die Unbekannte verschwunden war. Wohl hörte<br />

er die gleichmäßigen Riemenschläge noch, aber sehen konnte er das Boot nicht mehr. Nun zogen<br />

auch noch dunkle Wolken vor das Madamal, fast schon erschrak er ob der selemischen F<strong>in</strong>sternis,<br />

die ihn umgab. Storko starrte, lauschte angestrengt h<strong>in</strong>aus <strong>in</strong>s t<strong>in</strong>tenschwarze Nichts. Die<br />

Rudergeräusche wurden immer schwächer, der Fremdl<strong>in</strong>g schien geradewegs auf den See<br />

h<strong>in</strong>auszurudern. Alle<strong>in</strong> der Gedanke ließ ihn schaudern. Plötzlich Stille.<br />

E<strong>in</strong> unstetes Licht flackerte jetzt draußen auf dem See auf, mehrere Herzschläge lang, dann wieder<br />

5


Schwärze. Wieder e<strong>in</strong> gelblicher, zerfranster Lichtsche<strong>in</strong>, der nach kurzer Zeit erneut verschwand.<br />

E<strong>in</strong> Feuer, e<strong>in</strong> zwischen Baumstämmen allzu hoch loderndes Lagerfeuer vielleicht? Oder - gar e<strong>in</strong><br />

Spuk? Der Geist e<strong>in</strong>es jener Schwarzpelze etwa, die hier vom Heiligen Alboran <strong>in</strong> der großen<br />

Schlacht ersäuft worden waren, damals <strong>in</strong> den Dunklen Zeiten? Heilige Zwölfe ! ! ! Der Schlotzer<br />

Edelmann fühlte sich unwohl. Die Ersche<strong>in</strong>ung kehrte nicht wieder, was vermutlich e<strong>in</strong> gutes<br />

Zeichen war. Also doch eher e<strong>in</strong> derisches Feuer? ! Storko versuchte das Gesehene mit dem <strong>in</strong><br />

Übere<strong>in</strong>stimmung zu br<strong>in</strong>gen, was er bei Tageslicht vom See wahrgenommen hatte. In se<strong>in</strong>er<br />

jetzigen Blickrichtung hatte sich e<strong>in</strong>e große, bewaldete Insel befunden. Wenn auf dem genau<br />

gegenüberliegenden Ufer e<strong>in</strong> Feuer brannte, musste es eigentlich durch dieses langgestreckte Eiland<br />

verdeckt werden. Was eigentlich nur den Schluss zuließ, dass das Licht von der Insel her gekommen<br />

war…<br />

Er g<strong>in</strong>g die Efferd<strong>in</strong>ger „Uferpromenade“ weiter, zu e<strong>in</strong>em flachen, schilfigen Strand, auf den<br />

e<strong>in</strong>ige weitere Schelche und Kähne hochgezogen worden waren. Auf e<strong>in</strong>em vorgelagerten Inselchen<br />

stand der Efferdsschre<strong>in</strong>, durch e<strong>in</strong>en kurzen Knüppeldamm mit dem festen Land verbunden, und<br />

markierte bereits das Dorfende. Der Perspektivenwechsel brachte nicht viel: Der See blieb dunkel,<br />

war nicht bereit, se<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es (?) Geheimnis zu enthüllen. Storko lehnte sich gegen e<strong>in</strong>en<br />

angeschwemmten Baumstamm, überhaupt lag hier recht viel Treibgut umher. Die Wolken vor dem<br />

Madamal zogen weiter, der Mond tauchte die Szenerie wieder <strong>in</strong> e<strong>in</strong> silbriges Licht. Die große Insel<br />

im Norden war nun mit etwas Fantasie zu erahnen, aber ke<strong>in</strong>e Spur e<strong>in</strong>es Feuers zu sehen. Es sei<br />

denn, dass helle Wölkchen dort war Rauch und nicht nur Nebel. Storko ergriff e<strong>in</strong>en e<strong>in</strong>zelnen Ste<strong>in</strong><br />

und warf ihn auf den See h<strong>in</strong>aus: Das Geschoss prallte dreimal am Wasser ab, bevor es pflatschend<br />

versank – nicht schlecht für den Anfang. Der Edelmann stutzte. Irgendetwas schaukelte da im<br />

flachen Wasser. E<strong>in</strong>e Flasche? Ja, e<strong>in</strong>e sorgfältig verkorkte Tonflasche. Die Reitstiefel waren zum<br />

Glück wasserfest, also durfte er es sich erlauben, das halbe Dutzend Schritte näher zu waten. Er zog<br />

se<strong>in</strong> triefendes Fundstück heraus, entkorkte es. E<strong>in</strong> zusammengerolltes Stück Papier steckte im<br />

Flaschenhals. Wie er geahnt hatte: e<strong>in</strong>e Flaschenpost…E<strong>in</strong> Hilferuf vielleicht? Er entrollte den<br />

Zettel, der an den Rändern schon etwas nass geworden war. Selbst im Zwielicht war die Botschaft<br />

leicht zu entziffern. Mit schwarzer T<strong>in</strong>te war e<strong>in</strong> großes V aufgemalt, an dem, jeweils l<strong>in</strong>ks und<br />

rechts, e<strong>in</strong> Fuchs und e<strong>in</strong> Rabe h<strong>in</strong>g – aufgehängt wie an e<strong>in</strong>em Ast oder Galgen.<br />

Das kam Storko äußerst almadanisch vor - was hatte das alles zu bedeuten? Warum sollte jemand<br />

spät nachts <strong>in</strong> aller F<strong>in</strong>sternis auf e<strong>in</strong>e Insel im See rudern, an e<strong>in</strong> Haus darauf konnte er sich nicht<br />

er<strong>in</strong>nern, und dann noch dazu unter Kapuze versteckt. Vielleicht mag sich dort mitten <strong>in</strong> der<br />

Orkensauffe auf dem Eiland e<strong>in</strong> Platz bef<strong>in</strong>den an dem man die 'alten Kulte' praktizierte. Auch <strong>in</strong><br />

se<strong>in</strong>em eigenen Lehen h<strong>in</strong>g manch e<strong>in</strong> alte<strong>in</strong>gesessener Schlotzer gewissem Aber- und<br />

Volksglauben nach, was der Junker solange duldete wie diese im Rahmen e<strong>in</strong>es Firuns- oder<br />

Pera<strong>in</strong>eglaubens e<strong>in</strong>zugrenzen war, und selbst etlichen se<strong>in</strong>er Freunde <strong>in</strong> den Rängen der<br />

Niederadligen konnte man wohl e<strong>in</strong>e gewisse Sympathie dazu nachsagen. Wie auch immer, dies<br />

hier war nicht se<strong>in</strong> Lehen. Auch wenn er gekommen war um die Abgaben für Darpatien und Reich<br />

e<strong>in</strong>zufordern war es das Land von Schwager und Schäger<strong>in</strong>, er war verpflichtet ihnen von diesen<br />

seltsamen Ereignissen zu berichten. Er g<strong>in</strong>g e<strong>in</strong> paar Schritte das Ufer entlang und starrte h<strong>in</strong>aus auf<br />

den See dessen Wasser gerade flach und unaufbrausend glatt im Madalicht schillerte. Noch immer<br />

hielt er den Zettel <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Rechten. Er konnte sich ke<strong>in</strong>en Reim daraus machen, e<strong>in</strong> großes V, was<br />

hatte das zu bedeuten, und wer bei allen Göttern würde dies als Flaschenpost <strong>in</strong> den See werfen?<br />

Doch die beiden Tiere, Fuchs und Rabe aufgehenkt am Galgen wie geme<strong>in</strong>e Verbrecher, schienen<br />

e<strong>in</strong> <strong>in</strong>terpretierbares Zeichen zu se<strong>in</strong>. Fuchs könnte für Phex stehen, war se<strong>in</strong> Vetter Alrik nicht dem<br />

Listigen, wie Storko selbst auch, <strong>in</strong>sgeheim zugetan. Und der Rabe war das Tier Barons,<br />

Bishdarielon doch e<strong>in</strong> Galgorit. Konnte dieses Zeichen e<strong>in</strong>en Angriff auf die brüderliche Herrschaft<br />

über die Baronie <strong>Friedwang</strong> bedeuten? Storko fasste sich wieder und hielt se<strong>in</strong>e eigenen Gedanken<br />

für wildeste Spekulationen. Wie auch immer diese Zeichen waren höchst beunruhigend,<br />

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Volksglaube s<strong>in</strong>d e<strong>in</strong>es Verschwörung und Kulterei e<strong>in</strong> anderes. Das geme<strong>in</strong>e Bauernvolk musste<br />

geführt werden wollen nicht Unwüchse aus Aberglauben entstehen, so wie er gehört hatte kümmere<br />

sich die Edle dieses Ortes sich schon seit längerem nicht um ihr Lehen sowie kam nur alle zwölf<br />

Tage e<strong>in</strong> Praiospriester vorbei. Auch wenn dies Ort und diese Angelegenheit nicht <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en<br />

Zuständigkeitsbereich fiel musste er versuchen Licht <strong>in</strong> diese seltsamen Ereignisse zu br<strong>in</strong>gen, das<br />

war er se<strong>in</strong>en geschätzten Vettern schuldig, und zu guter Letzt war möglicherweise e<strong>in</strong>e Gefahr für<br />

die Schatzgarde zu befürchten.<br />

E<strong>in</strong>e Stunde später saß Storko wieder <strong>in</strong> der mit Kerzen beleuchteten Gaststube des 'alten Hechts'.<br />

Glyrana war samt dem kle<strong>in</strong>em Gisborn längst zu Bette gegangen, er hatte ihr nichts von den<br />

seltsamen Erlebnissen erzählt, um sie nicht zu beunruhigen. Er nippte etwas We<strong>in</strong> aus dem Kelch<br />

vor ihm und betrachtete nochmals den Zettel der nun auf dem Tisch vor ihm aufgelegt war. H<strong>in</strong>ter<br />

ihm stand der Weibel, der sich gerade se<strong>in</strong>e Pfeife anrauchte. Die Luft im Raum wurde vom<br />

süßlich-herben Duft des Krautes geschwängert. Kurz dachte Storko nach ob er nicht auch e<strong>in</strong>en<br />

se<strong>in</strong>er teuren Zigarillos genießen sollte, doch es war ke<strong>in</strong> Anlass danach. Se<strong>in</strong> Trabant, der beim<br />

E<strong>in</strong>gang stand, öffnete die Tür. „Endlich s<strong>in</strong>d sie da“ murmelte er. Auch wenn es mitten <strong>in</strong> der<br />

Nacht war wollte Storko den D<strong>in</strong>gen <strong>in</strong> diesem entlegenen Ort auf den Grund gehen, denn morgen<br />

früh würden sie wieder weiterreisen, weshalb er nach Dorfschulze, Büttel und Efferdpriester<br />

schicken ließ, sie aufweckte und <strong>in</strong> die Gaststube vorladen ließ. Nachdem die Edle des Ortes sich<br />

nicht um diese Angelegenheiten kümmern würde, müssten sie am besten über die Ereignisse<br />

Bescheid wissen.<br />

Nicht schon wieder e<strong>in</strong> Kriegsherr, der uns drangsaliert, schienen die Gesichter der Dorfoberen<br />

sagen zu wollen, als sie von den Gardisten here<strong>in</strong>bugsiert wurden. Der Dorfschulze, e<strong>in</strong> stämmiger,<br />

rotwangiger Mann mit grauen Haaren und Dreifachk<strong>in</strong>n, hatte sich tatsächlich nur e<strong>in</strong>e Schaube<br />

über den Schlafrock geworfen und war gerade umständlich damit beschäftigt, se<strong>in</strong>e Schlafmütze <strong>in</strong><br />

e<strong>in</strong>e der großen Manteltaschen verschw<strong>in</strong>den zu lassen.<br />

Er wirkte ebenso gutmütig wie verschlafen – letzterer E<strong>in</strong>druck verschwand ke<strong>in</strong>esfalls, sondern<br />

schien se<strong>in</strong> üblicher Gesichtsausdruck zu se<strong>in</strong>. Die Büttel<strong>in</strong> des Dorfes, e<strong>in</strong>e drahtige Frau mittleren<br />

Alters, deren ansonsten unauffälliges Allerweltsgesicht e<strong>in</strong>e große Narbe zierte, musterte die<br />

Wachen selbstbewusst: Auch wenn sie nur e<strong>in</strong>e Ochsenzunge und e<strong>in</strong>en eisenbeschlagenen Stock<br />

als Waffe führte. Sie lüpfte ihren Federhut und deutete e<strong>in</strong>e Verbeugung <strong>in</strong> Richtung des Edlen an.<br />

Dann war da noch der Efferdgeweihte, der aussah, als wäre er geradewegs der Orckensauffe<br />

entstiegen: Die Farbe se<strong>in</strong>er Gewandung traf tatsächlich exakt das Türkis der Wassers, mit silbernen<br />

Fäden waren im Brust und Schulterbereich Schuppen aufgenäht, auch se<strong>in</strong>e Haube er<strong>in</strong>nerte an e<strong>in</strong>e<br />

Fischhaut. Weiße Haare r<strong>in</strong>gelten sich darunter hervor, die Augen leuchteten <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em schwer<br />

ergründbaren Blau. Das knochige, harte, vorspr<strong>in</strong>gende und zugleich <strong>in</strong> sich ruhende Gesicht<br />

gemahnte Storko sofort an e<strong>in</strong>en Hecht. Das K<strong>in</strong>n zierte e<strong>in</strong> fe<strong>in</strong>er silbriger Bart, der gerade Rücken<br />

und die glatte Haut bewiesen den geübten Schwimmer.<br />

„Wer wagt es, den Schlaf e<strong>in</strong>es Dieners des Wilden und Sanften zu stören?“ hob der Priester an, mit<br />

e<strong>in</strong>er eigenartig entrückten Stimme, deren Gefühlslage schwer zu deuten war – was Storko fast<br />

mehr beunruhigte als e<strong>in</strong> echter Zornesausbruch. Sie er<strong>in</strong>nerte irgendwie an die allererste Welle, die<br />

prüfend gegen e<strong>in</strong> gerade <strong>in</strong>s Wasser geschobenes Boot prallte.<br />

Storko stellte sich knapp vor. Konnte es se<strong>in</strong>, dass der Mann noch nichts von der Ankunft der Garde<br />

mitbekommen hatte? Oder wollte er solcherart se<strong>in</strong>e Autorität herausstellen?<br />

„Myrion Seerufer“ entgegnete der Geweihte sanft.<br />

„Xavert, Xavert Wolpjan. Halten zu Gnaden, Herr, wir kennen uns ja noch von der Begrüßung,<br />

nicht wahr?“ Der Dorfschulze katzbuckelte. Dennoch lag e<strong>in</strong> listiger Glanz <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en Augen. „Ich<br />

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hoffe, der Herr hat ke<strong>in</strong>en Anlass zu Beschwerden? Alles bestens soweit? Der Lagerplatz ist recht<br />

so, die Pferde versorgt? Sollte es Ärger mit e<strong>in</strong>em Dörfler gegeben haben, wird sich Hildel<strong>in</strong>d<br />

Donfanger, unsere Büttel<strong>in</strong>, sofort des Übeltäters annehmen.“ E<strong>in</strong> Blick zur Frau, die eher<br />

dienstbeflissen als wirklich überzeugt nickte.<br />

„Wie kommt Ihr darauf, dass es Ärger mit jemandem aus Efferd<strong>in</strong>g gegeben haben könnte?“ Storko<br />

musterte den Dorfvorsteher. „Oder mit sonst jemanden?“ Wusste der Schulze irgendetwas von dem<br />

geheimnisvollen Nachtschwärmer? Wolpjans Gesicht verriet nicht viel, es hätte genauso gut e<strong>in</strong>em<br />

Schlafwandler gehören können.<br />

Großzügig wies er den Drei den Stuhl. Die Büttel<strong>in</strong> und der Dorfschulze nahmen Platz, Myrion<br />

zögerte noch. Im nächsten Moment erfuhr der Edle den Grund: Vor dem verbliebenen Stuhl brannte<br />

e<strong>in</strong>e Kerze. Hastig schob sie Wolpjan beiseite – und verzog schmerzerfüllt das Gesicht, als ihn<br />

dabei heißes Wachs über die Hand tropfte.<br />

Gravitätisch nahm Seerufer Platz, strich se<strong>in</strong>e Robe zurecht.<br />

Storko schob ihm das Blatt mit Fuchs und Rabe zu. „Das habe ich vorh<strong>in</strong> am Seeufer gefunden. Als<br />

Flaschenpost.“<br />

Der Geweihte blickte kurz auf den Zettel, wirkte aber nicht sonderlich <strong>in</strong>teressiert. Die Büttel<strong>in</strong> sah<br />

kurz <strong>in</strong> die Richtung und dann wieder <strong>in</strong> Habachtstellung geradeaus. Wolpjan kratzte sich am Kopf<br />

und pflückte sich dann ausgiebig das Wachs von der Hand. Das Trio war gerade der Inbegriff e<strong>in</strong>es<br />

freundlich-abweisenden Dorfes, dass sich von Außenstehenden nicht allzu sehr <strong>in</strong> die Karten<br />

blicken lassen wollte.<br />

„Ihr habt gute Augen, Euer Wohlgeboren wenn Ihr mitten <strong>in</strong> der Nacht noch e<strong>in</strong>e Flasche im See<br />

treiben seht“ sagte der Geweihte lächelnd, als wäre mit dieser Antwort bereits alles geklärt. „Der<br />

See hat viele Geheimnisse“, fügte er dann noch feierlich h<strong>in</strong>zu.<br />

„Ich glaube nicht, dass e<strong>in</strong> Seeotter oder e<strong>in</strong> Wels das da aufs Papier geschmiert hat….Hochwürden.<br />

Man könnte das als grobe Beleidigung der praiosgegebenen Obrigkeit <strong>in</strong> dieser Baronie<br />

auffassen….zum<strong>in</strong>dest aber werden hier zwei heilige Tiere der Zwölfgötter auf übelste Weise<br />

geschmäht….“ „Beleidigung der Obrigkeit, Euer Wohlgeboren?“ ächzte Xavert Wolpjan dumpf.<br />

Alle<strong>in</strong> der Vorwurf schien ihn im Innersten zu treffen.<br />

„E<strong>in</strong> gehängter Fuchs, der ja wohl auf Baron Alrik den Fuchs von <strong>Friedwang</strong> verweist, und e<strong>in</strong><br />

h<strong>in</strong>gerichteter Rabe, den man mit se<strong>in</strong>en Bruder Bishdarielon <strong>in</strong> Verb<strong>in</strong>dung br<strong>in</strong>gen könnte…<br />

me<strong>in</strong>en Schwager. E<strong>in</strong> Aufruf zum Doppelmord, um genau zu se<strong>in</strong>.“<br />

„Schmierereien. Wie Ihr schon sagtet, Herr. Nichts als grober Unfug.“ Der Dorfschulze begann zu<br />

schwitzen, se<strong>in</strong> Gesicht wurde im Sche<strong>in</strong> der Kerze immer röter, wie e<strong>in</strong> Hummer, der gerade im<br />

Kochtopf gelandet war. „E<strong>in</strong> Dummer-Jungen-Streich, mehr nicht.“ „Die Insel nördlich des Dorfes,<br />

ist die eigentlich bewohnt?“<br />

„Wie?“<br />

„Die Insel, die man bei Praiossche<strong>in</strong> sehr gut sehen kann – wohnt dort jemand? Mir war so, als hätte<br />

ich dort vorh<strong>in</strong> e<strong>in</strong> Feuer wahrgenommen.“ „Fischermanns Freund“, antwortete die Büttel<strong>in</strong> an<br />

Wolpjans Statt. „Nun, manchmal übernachten dort Fischer. Wir Efferd<strong>in</strong>ger selbst haben dort<br />

wochenlang Zuflucht gefunden, als die Schergen aus dem Osten <strong>in</strong> der Westerau gewütet haben.“<br />

E<strong>in</strong> Lächeln – etwas zu bemüht, um zu überzeugen. Irgendetwas schien der Hüter<strong>in</strong> von Recht und<br />

Ordnung <strong>in</strong> dem Dorf nicht zu behagen. Sie blickte auffordernd zum Dorfschulzen. Dieser<br />

versuchte gerade, von der Kerze herabtropfendes Wachs aufzufangen – und fluchte, als er sich an<br />

dem kle<strong>in</strong>en Sturzbach erneut die F<strong>in</strong>ger verbrannte. „Es ist schon die achte Flaschenpost dieser<br />

Art“, brach es plötzlich aus Myrion Seerufer heraus. „Vielleicht solltet ihr das Se<strong>in</strong>er Wohlgeboren<br />

8


mal sagen. Zum<strong>in</strong>dest habe ich mal von acht gehört…Was soll die Heimlichtuerei…jeder im Dorf<br />

weiß davon…“ „Zwölf“ murmelte Hildel<strong>in</strong>d leise. „So viele wurden bei mir abgegeben. Mit der<br />

hier s<strong>in</strong>d es dann dreizehn…“ „Was redest du da?“ schnaubte der Dorfschulze. „Wie du es befohlen<br />

hast, Xavert. Die Botschaften s<strong>in</strong>d alle bei mir abzugeben.“ E<strong>in</strong>en Moment lang herrschte pikiertes<br />

Schweigen am Tisch.<br />

„Dreizehn mal gibt es dieses Hetzgemälde also schon…Ihr habt e<strong>in</strong>e sehr fleißige Dorfjugend hier<br />

<strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g“, ätzte Storko. „Was hat das zu bedeuten? Lernt man so an der Orckensauffe die<br />

Kusliker Zeichen?“ „Es s<strong>in</strong>d nicht die Efferd<strong>in</strong>ger. Die Vogelfreien werfen sie <strong>in</strong>s Wasser…“ würgte<br />

Xavert schließlich hervor. „Um die anständigen Leute hier im Dorf…<strong>in</strong> Verruf zu br<strong>in</strong>gen…sie<br />

gegen unsere Barone aufzuhetzen…Wir haben damit nichts zu tun. Re<strong>in</strong> gar nichts.“ Se<strong>in</strong> dicker<br />

Zeigef<strong>in</strong>ger klatschte, mit Wachs verklebt, auf den Buchstaben. „Da stehts. V - wie Vogelfrei. Sie<br />

hocken auf der Insel, führen sich auf wie die Thorwelischen Piraten. Drangsalieren die Fischer,<br />

nehmen ihnen den Fang ab, lassen sich Speis und Trank auf die Insel br<strong>in</strong>gen. Hübsche Frauen…<br />

Und Flaschen, viele Flaschen mit Schnaps und We<strong>in</strong>…die sie uns dann mit diesen Zetteln<br />

zurückschicken…Freischärler s<strong>in</strong>ds, verfluchte Bosjäckel.“<br />

„Bosjäckel?“ Storko hatte den Namen schon mal irgendwo gehört. „Altgläubige“ Myrion lächelte<br />

ungnädig. „So nennen sie sich zum<strong>in</strong>dest. Sokramorier.“ „Weiß Bishdarielon davon?“<br />

„Versteht doch, der Frieden im Dorf…“ schnaufte der Schulze. „E<strong>in</strong>ige Verirrte mögen auf ihrer<br />

Seite se<strong>in</strong>, gewiss. Zum<strong>in</strong>dest reden sie so. Sollen wir deswegen etwa auch noch aufe<strong>in</strong>ander<br />

losgehen wie der Rest der Wildermark? Ich will Ruhe und Ordnung haben…wir hatten die Gobl<strong>in</strong>s<br />

hier, die Schergen dieser Oppste<strong>in</strong>er Hexe…Viele gute Leute wurden von ihnen erschlagen…Die<br />

Answ<strong>in</strong>isten s<strong>in</strong>d hier durchgezogen…Krieg, Krieg, Krieg, seit vielen Götterläufen nichts als Hader<br />

und Streit. Man kann mit den Vogelfreien auskommen, trotz allem…“<br />

„Es s<strong>in</strong>d Ketzer“, erwiderte Seerufer scharf. „Das Ges<strong>in</strong>del auf der Insel ebenso wie ihre allzu<br />

vielen Freunde hier im Dorf. Man sagt, sie hätten e<strong>in</strong>e Kultstätte auf der Insel errichtet, wo sie der<br />

Orckensauffe Opfer br<strong>in</strong>gen. Und dieser Wisch hier. Für mich ist das ke<strong>in</strong> V, sondern e<strong>in</strong>e<br />

bosparanische Fünf. Was wohl bedeutet, dass sie zum Bund der Fünf gehören.“<br />

„Der Bund der Fünf!“ Hildel<strong>in</strong>d verdrehte die Augen. „Das ist doch wirklich nur e<strong>in</strong> wildes<br />

Gerücht.“ „Man hört es jeden Tag aufs Neue.“<br />

„Unmöglich. Diese götterlosen Marodeure s<strong>in</strong>d untere<strong>in</strong>ander völlig zerstritten….Die Kesselbande<br />

vere<strong>in</strong>t mit dem Senkenthaler Bundschuh? Der Stichelstroh und dieser Andras Hofer plötzlich unter<br />

e<strong>in</strong>er Decke vere<strong>in</strong>t? Wie das? Die lieben sich doch so heiß und <strong>in</strong>nig wie Zwerg und Elf….Da<br />

fließt schon mal Blut. Was hat e<strong>in</strong>e Tekla Nordwyn plötzlich mit den Bergfexen oder Randos<br />

Apfelmännern zu schaffen? Das ist doch alles nur großmäuliges Gerede…“<br />

„Was ist großmäuliges Gerede?“ fragte der junge Mers<strong>in</strong>gen gedehnt. „Dass gleich fünf<br />

Sokramoriergruppen e<strong>in</strong> Bündnis geschmiedet haben, um das Volk aufzustacheln und die Macht <strong>in</strong><br />

<strong>Friedwang</strong> an sich zu reißen. In Nieder- wie <strong>in</strong> Oberfriedwang. Über 150 Rebellen… Ich me<strong>in</strong>e, aus<br />

welchem Grund sollten…sie… sich….plötzlich….“ Hildel<strong>in</strong>ds Blick war auf Storko geheftet und<br />

schien langsam e<strong>in</strong>zufrieren. „…e<strong>in</strong>ig se<strong>in</strong>….“<br />

Im nächsten Moment zerplatzte e<strong>in</strong>e der schönen Butzenglasscheiben des „Hecht“, e<strong>in</strong> schwerer<br />

Ste<strong>in</strong> kollerte auf die Diele. Wolpjan schrie auf. Fackelsche<strong>in</strong>, Gebrüll. „Lass unseren Dorfschulzen<br />

frei, verdammter Mers<strong>in</strong>ger Bluthund!“ hallte es aus e<strong>in</strong>er Seitengasse. „Von uns bekommst du<br />

ke<strong>in</strong>en e<strong>in</strong>zigen Kreuzer! Ausbeuter! Halsabschneider!“ „Freiheeeiiiit! Freiheeeeeit!“<br />

Erneut klirrte e<strong>in</strong> Geschoss gegen e<strong>in</strong> Fenster, war aber nicht stark genug, es zu zerbrechen. „Es<br />

säuft der Adel, was er kann, bezahlen muss der Bauersmann.“ „Als Aves grub und Gylda spann, wo<br />

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war denn da der Edelmann?“ „Freiheeiiiit!“<br />

Storko eilte zum zerschlagenen Fenster, spähte vorsichtig h<strong>in</strong>aus. Mit Fackeln, Dreschflegeln,<br />

Sensen, Glefen, Äxten und Sparren drängte e<strong>in</strong> wütender Mob herbei, wohl von der etwas<br />

abgelegenen Bauernsiedlung her. E<strong>in</strong>ige hatten Stockschleudern dabei, hier und da krachte e<strong>in</strong> Ste<strong>in</strong><br />

gegen das Fachwerk. Scheppernd zerbrachen Dachziegel. Der Edle g<strong>in</strong>g vorsichtshalber <strong>in</strong><br />

Deckung. Da schossen ja richtige kle<strong>in</strong>e Katapulte. Der derben Tracht nach zu urteilen waren es<br />

Unfreie, die heranschwärmten, vielleicht fünf Dutzend. E<strong>in</strong> echtes Haberfeldtreiben. Die johlende<br />

Menge verharrte für e<strong>in</strong>en Moment, schien nicht recht zu wissen, ob sie erst auf das Zeltlager der<br />

Garde oder endgültig auf das Gasthaus losgehen sollten. Die meisten liefen e<strong>in</strong>fach aufgeregt<br />

durche<strong>in</strong>ander.<br />

Der Dorfschulze sprang nun ebenfalls auf. „Ich werde mit ihnen reden! Das ist alles nur e<strong>in</strong><br />

Missverständnis…“ Xavert Wolpjan eilte zum Fenster. E<strong>in</strong> Ste<strong>in</strong> prallte hart vom Fensterrahmen ab,<br />

traf ihn wuchtig an der Schläfe. Ohne e<strong>in</strong>en weiteren Laut sank der Schulze <strong>in</strong> die Knie, kippte mit<br />

blutüberströmtem Kopf auf die Seite, rührte sich nicht mehr.<br />

Die zwei Gardisten die die drei „Ortsvorsteher“ zuvor <strong>in</strong> den „Hecht“ gebracht hatten sahen sich<br />

<strong>in</strong>des von der herannahenden wütenden Menge bedrängt. „Klonk“ machte es und e<strong>in</strong> Ste<strong>in</strong> traf<br />

Elw<strong>in</strong> an se<strong>in</strong>em Helm. Ihm wurde kurz schwarz vor Augen und er musste sich an der Hellebarde<br />

abstützen. Die zweite Gardist<strong>in</strong> streckte ihre Stangenwaffe drohend <strong>in</strong> die Richtung der Meute und<br />

ächzte unter dem Visier ihres Schallers hervor „kommt nur, Pack, wenn ihr euch traut.“ Der junge<br />

Gardist Elw<strong>in</strong> - eigentlich war er e<strong>in</strong> Rekrut und hatte bis vor e<strong>in</strong>em dreiviertel Jahr niemals zuvor<br />

e<strong>in</strong>e Blankwaffe <strong>in</strong> den Händen gehalten – konnte sich wieder fassen. Vom ihrem Lager vernahm er<br />

nun e<strong>in</strong>, leicht das Grölen der Aufständischen übertönendes, Alarm-Trommeln, den Kameraden war<br />

der Tumult nicht unbemerkt geblieben.<br />

In der belagerten Gaststube gab die Büttel<strong>in</strong> nun endlich ihre Habachtstellung auf und bückte sich<br />

zu Xavert um nach se<strong>in</strong>er blutigen Wunde zu sehen. Storko war überrascht ob dieser Ereignisse,<br />

versuchte aber sich nichts anmerken zu lassen. In <strong>Friedwang</strong> schien es ja nur so von<br />

Aufständischen, Freischärlern, Räubern und Kultisten zu wimmeln: Bosjeckel, Kesselbanden,<br />

Bundschuhe, Bergfexen, Apfelmänner. Dies schien ke<strong>in</strong> gutes Zeugnis für die Verwaltungskünste<br />

se<strong>in</strong>er Vettern zu se<strong>in</strong>. Und dann noch e<strong>in</strong> Bauernaufstand. Storko h<strong>in</strong>g ja selbst <strong>in</strong>sgeheim e<strong>in</strong>er<br />

Adelsrepublik nach, was für so manchen Edlen Hochverrat wäre, jedoch freie Unfreie und Aufstand<br />

gegen den Adel war <strong>in</strong> jeder H<strong>in</strong>sicht gegen die göttlich gewollte Ordnung.<br />

„Herr Hauptmann“ sprach Storkos Trabant Xebbert Zweimühler „während er sachte durch das<br />

e<strong>in</strong>geschlagene Fenster blickte „es wird schon zum Alarm getrommelt, die Gardisten kommen.“<br />

Von Seiten des Lagers kamen sogleich etwa e<strong>in</strong> Dutzend Schatzgardisten herbei, mit Platte und<br />

Helm gerüstet trieben sie die Menge mit den Spießen der Hellebarden etwas zurück. „Soll ich den<br />

Angriff befehlen“ fragte der Weibel, während er nun ebenfalls durch das Fenster blickte.<br />

Mittlerweile waren die Aufständischen mit den Soldaten beschäftigt und nur vere<strong>in</strong>zelt trafen Ste<strong>in</strong>e<br />

ungezielt das Wirtsgebäude. Storko hob se<strong>in</strong>e Hand mit e<strong>in</strong>er e<strong>in</strong>haltenden Geste. „Noch nicht.“ Er<br />

wandte sich mit ernster Miene Myrion Seerufer zu, dessen Gesichtsausdruck noch immer so glatt<br />

und ruhig aussah wie die Oberfläche der Orkensauffe bei W<strong>in</strong>dstille. „Hochwürden, ich b<strong>in</strong> mir<br />

sicher ihr wollt hier heute genauso wenig e<strong>in</strong> Blutbad sehen wie ich es will, doch wenn es nötig ist<br />

werde ich me<strong>in</strong>en Gardisten befehlen die Unfreien mit härtester Gewalt zum Frieden und zur<br />

Ordnung zu bewegen. Deshalb bitte ich euch die Meute zur Vernunft zu br<strong>in</strong>gen, e<strong>in</strong> Nachspiel wird<br />

das heutige Ereignis zweifelsohne ohneh<strong>in</strong> für sie und den Ort haben.“<br />

E<strong>in</strong> Schreien e<strong>in</strong>es Kle<strong>in</strong>k<strong>in</strong>des drang dumpf aus dem Obergeschoß des Gasthauses – Gisborn war<br />

durch all den Tumult als se<strong>in</strong>em Schlaf gerissen worden.<br />

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Myrion sah erst h<strong>in</strong>auf zur Empore des Schankraums, dann zum Dorfschulzen. In beiden Fällen<br />

sprach ehrliche Besorgnis aus se<strong>in</strong>em Blick. Die Büttel<strong>in</strong> nahm e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es Netz von der Wand, wo<br />

es neben zwei gekreuzten Paddeln als Dekoration h<strong>in</strong>g. Sie ballte es zu e<strong>in</strong>er Art Kissen und schob<br />

es dem jämmerlich stöhnenden, arg benommenen Schulzen unter den Kopf. „Er lebt“, sagte<br />

Hildel<strong>in</strong>d Donfanger überflüssigerweise, „der Schädel sche<strong>in</strong>t noch heil zu se<strong>in</strong>.“<br />

Der Efferdsgeweihte wandte sich wieder dem Junker zu: „Gegen das Toben des Sturms<br />

anzusprechen ist mitunter e<strong>in</strong>facher als e<strong>in</strong>e wütende Menge zu besänftigen. Doch gleichen die<br />

Gefühle des Volkes dem Zorn des Unergründlichen. Leicht lassen sie sich aufwiegeln, ebenso rasch<br />

s<strong>in</strong>d sie wieder besänftigt.“ Der Blauberobte nickte. „Ich werde mit ihnen reden. Auch wenn me<strong>in</strong>e<br />

Stimme bei den Bauern nicht so sehr zählt wie bei den Fischern. Allerd<strong>in</strong>gs…“ E<strong>in</strong> selbstironisches<br />

Schmunzeln, „auf Regen s<strong>in</strong>d sie schon angewiesen. Und darauf, das ihnen Efferd se<strong>in</strong>e Gabe im<br />

rechten Maß zuteilt.“<br />

„Wir wollen Xavert sehen!“ brüllte es von draußen. „Lasst unseren Dorfschulzen frei. Sofort!“<br />

„Ja, e<strong>in</strong> bisschen zackig. Oder wir schlagen den Hecht kurz und kle<strong>in</strong>.“<br />

„Sagt Ihnen, dass er verwundet wurde – und wie es geschehen ist. Das wir nichts Böses im Schilde<br />

führen.“ Storko ballte wütend die Faust, während oben der kle<strong>in</strong>e Gisborn weiter schrie und we<strong>in</strong>te.<br />

Er glaubte Glyranas Stimme zu hören, wie sie ihr Söhnchen zu beruhigen versuchte. Mit e<strong>in</strong>em<br />

Aufschrei zerknüllte er den Zettel, der noch immer auf dem Tisch lag. „V wie Vogelfrei? V wie<br />

<strong>Verräter</strong> muss es wohl heißen! Diese Insubord<strong>in</strong>ation ist unerhört!“<br />

Im nächsten Moment schämte er sich für se<strong>in</strong>en ungewohnten Gefühlsausbruch, aber der Bewahrer<br />

von W<strong>in</strong>d und Wogen schien ihn sogar zu billigen. „Gewiss werde ich alles so schildern, wie es sich<br />

zugetragen hat. Doch übt auch Ihr Nachsicht mit den Ungehorsamen. Ich vermute, dass es der<br />

Dunkle Trost ist, der ihre S<strong>in</strong>ne verwirrt. Der Heiligen Elida sei´s geklagt.“ Myrion hob e<strong>in</strong> Amulett<br />

<strong>in</strong> Muschelform, <strong>in</strong> das tatsächlich e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es Bild der Schutzherr<strong>in</strong> gegen das Chaos e<strong>in</strong>gemalt<br />

war.<br />

„Der Dunkle Trost?“ „E<strong>in</strong> übler Rauschtrank, den viele der armen Bauern nach Sonnenuntergang zu<br />

sich nehmen. Um besser schlafen und schöner träumen zu können. Man sagt, die Sokramorier<br />

brauen ihn auf ihren Festen, aber das weiß ich nur vom Hörensagen. Sicher ist, dass er die Moral<br />

und die Glaube an die Macht der heiligen Zwölfe untergräbt. “<br />

„Sei es wie es sei. Eilt euch, bevor noch mehr Blut vergossen wird.“<br />

Die Wachen öffneten die Tür, und Bruder Myrion schritt würdevoll h<strong>in</strong>aus. Das Lärmen und Toben<br />

hatte <strong>in</strong>des schon etwas nachgelasse. Die kräftigen Gardisten drängten, knufften und stießen die<br />

Meute mit den Stangen ihrer Hellebarden zurück. Hie und da flog e<strong>in</strong> Tonkrug, dort e<strong>in</strong>e Fackel,<br />

vere<strong>in</strong>zelt sogar schwere, klobige Holzschuhe. Aber außer wilden Rangeleien wurde nicht wirklich<br />

gekämpft.<br />

E<strong>in</strong>ige weitere Efferd<strong>in</strong>ger waren herbeigelaufen, palaverten aufgeregt mit den Rebellen, versuchten<br />

sie zu beschwichtigen. Auch wenn die Stimmung immer noch am Siedepunkt war, die Gewalt ebbte<br />

doch etwas ab: und sei es nur deswegen, weil die jugendlichen Hitzköpfe bemerkten, wie gut<br />

bewaffnet und kampferfahren die Schatzgarde war. Viele Halbstarke hatten sich dem Mob<br />

angeschlossen: die Dorfjugend sozusagen. Storko, der vor die E<strong>in</strong>gangstür getreten war, verzog das<br />

Gesicht: als K<strong>in</strong>derschlächter wollte er eigentlich nicht <strong>in</strong> die Efferd<strong>in</strong>ger Ortsgeschichte e<strong>in</strong>gehen.<br />

Er merkte, dass er ke<strong>in</strong>en Harnisch trug. Nichts destrotz fühlt er sich sicher: Neben ihm, <strong>in</strong> den<br />

Fenstern standen Gardisten mit blankgezogenen Schwertern, auf dem umlaufenden Balkon hatten<br />

e<strong>in</strong>ige Armbruster Stellung bezogen. Auch die Hellebardiere mit ihren schmucken Federbaretten<br />

hielten e<strong>in</strong>deutig Stand. Der Protest wurde trotzig. E<strong>in</strong>er <strong>in</strong> der Meute f<strong>in</strong>g mit kehliger Stimme das<br />

11


S<strong>in</strong>gen an: „ Erst wenn <strong>in</strong> Flammen stehen, Zehntscheuer, Burg und Stadt, die Reichen untergehen,<br />

dann blüht des Bauern Saat!“ Freudiges Gejohle antwortete dem Sänger. Der setzte noch e<strong>in</strong>s drauf:<br />

„An den Darm des Pfaffen, hängt den Edelmann, lasst ihn dran erschlaffen, hängt ihn drauf und<br />

dran!“ Tatsächlich brachten es irgendwelche Scherzbolde es fertig, dazu e<strong>in</strong>e Flöte zu spielen und<br />

die Trommel zu schlagen. Myrion stellte sich kopfschüttelnd und ehrlich betrübt h<strong>in</strong>ter dem Kordon<br />

der Hellebardenträger auf.<br />

„Brüder und Schwestern!“ hob der Geweihte salbungsvoll an und hob beide Hände. „Efferd<strong>in</strong>ger!<br />

Me<strong>in</strong>e K<strong>in</strong>der….“ Obwohl er noch nicht e<strong>in</strong>mal besonders laut sprach, verstummte der Mob<br />

schnell. Myrion Seerufer schien tatsächlich über e<strong>in</strong>ige Autorität im Dorf zu verfügen. „Schweigt,<br />

schweigt, genug dieser gräulichen Worte, die euch geradewegs der Namenlose e<strong>in</strong>zuflüstern<br />

sche<strong>in</strong>t. Wollt Ihr, dass eure Seelen schon bald die Zwölfgöttliche Verdammnis erleiden müssen?<br />

Oder gar das schwarze Feuer der Niederhöllen? Bedenket, die jenseitigen Qualen währen ewig, was<br />

ist dagegen schon alle derische Unbill? Beruhigt euch, so haltet doch <strong>in</strong>ne <strong>in</strong> eurem s<strong>in</strong>nlosen Zorn.<br />

Xavert kann jetzt nicht zu euch kommen, er wurde durch unglückliche Umstände verwundet…“<br />

Erneute brandete wütendes Geschrei hoch, Fackeln und Fäuste wurden geschwungen. E<strong>in</strong>en<br />

Moment lang schien der Priester tatsächlich vor e<strong>in</strong>em tobenden Ozean aus hassverzerrten<br />

Gesichtern zu stehen. E<strong>in</strong>em der Soldaten wurde der Federhut vom Kopf gestoßen. Die Meute<br />

rückte wieder e<strong>in</strong>ige Schritte vor, wurde mühsam zurückgeschoben.<br />

„Es ist alles nur e<strong>in</strong> Missverständnis. Der Dorfschulze wurde durch e<strong>in</strong>en verirrten Ste<strong>in</strong><br />

getroffen…Niemand hat uns gefangengenommen, es ist alles <strong>in</strong> bester Ordnung.“<br />

Der Lärm ebbte wieder etwas ab. „Bedrohen sie dich, Myrion? Halten sie Xavert und Hildel<strong>in</strong>d als<br />

Faustpfand?“ wollte e<strong>in</strong>e junge Efferd<strong>in</strong>ger<strong>in</strong> mit brünetten Zöpfen wissen. „Ja, Senta hat recht.<br />

Sagst du uns das alles nur, um uns zu beschwichtigen?“<br />

„Ne<strong>in</strong>, bei Efferds Dreizack. Auch ich missbillige diesen Aufruhr hier, ebenso wie Xavert und die<br />

Büttel<strong>in</strong>. Er ist unseres Dorfes wahrlich unwürdig, das den Namen des Regenbr<strong>in</strong>gers <strong>in</strong> dem<br />

se<strong>in</strong>igen führt. Somit ist er e<strong>in</strong>e Schmähung des Launenhaften selbst. Denkt daran, wie reich er euch<br />

bislang beschenkt hat, eure Felder mit himmlischem Nass, eure Netze s<strong>in</strong>d gut gefüllt mit Fischen.<br />

Wollt ihr jetzt se<strong>in</strong>en Zorn leichtfertig herausfordern? Efferd ist e<strong>in</strong> Freund der Reisenden, so sie<br />

Ihn und se<strong>in</strong>e Diener mit Respekt behandeln. Aber auch Efferds Schwester Travia mahnt euch, das<br />

heilige Gastrecht zu achten. Der edle Herr von Gernatsborn hat euch nichts getan, er ist nur auf der<br />

Durchreise. So beruhigt euch nun, neigt euer Haupt und entschuldigt euch bei Herrn Storko, so wird<br />

er sicherlich Milde vor Recht…“<br />

Weiter kam Myrion nicht. E<strong>in</strong> nasses Tschok, Tschok….Tschok ertönte, dann verzerrte der<br />

Geweihte auch schon schmerzhaft das Gesicht. Ächzend brach er <strong>in</strong> die Knie – e<strong>in</strong> dunkler Bolzen<br />

steckte <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Rücken, e<strong>in</strong> weiterer <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Unterschenkel. E<strong>in</strong> dritter zischte an dem<br />

Blauberobten vorbei und verfehlte e<strong>in</strong>en der Rebellen nur knapp. Storko, der die Szene von der Tür<br />

aus verfolgt hatte, schrie auf: vor Schreck, aber auch Empörung. Der Geweihte brach stöhnend<br />

zusammen, bäumte sich noch e<strong>in</strong>mal auf. „Verrat!“ schrie Myrion, dann klatschte se<strong>in</strong> Gesicht <strong>in</strong><br />

den Schmutz.<br />

„Seid Ihr da oben verrückt geworden? Beschuss sofort e<strong>in</strong>stellen!“ bellte der Hauptmann. „Wohl<br />

völlig bescheuert, oder was!“ Erzürnt sah er zur Balustrade, wo die Armbrustschützen kauerten.<br />

Im nächsten Moment hätte Storko sich für se<strong>in</strong>en lautstarken Ruf die Zunge abbeißen können: Se<strong>in</strong>e<br />

wackeren Gardisten kauerten verwirrt h<strong>in</strong>ter Blumenkästen, die Armbrüste noch immer gespannt<br />

und geladen. Die Jungs und Mädels spähten so unschuldig zwischen Madariten und Herbstzeitlosen<br />

h<strong>in</strong>durch wie die Blütenelfen, Sie hatten nicht geschossen: Auch wenn die Pfeile e<strong>in</strong>deutig aus<br />

Richtung Gasthaus gekommen waren. Oder? Ne<strong>in</strong>, die Bolzen waren seitlich daran vorbei geflogen,<br />

und tiefer als der Balkon, wie Storko jetzt realisierte. Fast schon von unten nach oben. Was ob des<br />

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leicht ansteigenden Geländes bedeutete, dass sie vom Steg herangeschwirrt se<strong>in</strong> mussten.<br />

Während sich h<strong>in</strong>ter ihm die eisige Stille des Entsetzens ausbreitete, sah er dort, zwischen dem<br />

Schilf des Sees fahlgrünliche Lichter bl<strong>in</strong>ken: drei kle<strong>in</strong>e Totenlichtle<strong>in</strong>, die man bei anderem<br />

Wetter leicht für Glühwürmchen hätte halten können. Schossen die Gespenster der ersoffenen<br />

Orken jetzt schon mit Pfeilen?<br />

Es brauchte schon e<strong>in</strong>ige Blicke mehr, um menschenähnliche, schwarzglänzende Schemen rund um<br />

die Lichtpunkte zu erkennen: Irgendwie zu stofflich, um Spukgestalten zu se<strong>in</strong>. Sie sahen irgendwie<br />

glitschig und fischig aus, die Gesichter wirkten merkwürdig unförmig, waren vermutlich verlarvt.<br />

Menschen, die sich als Necker verkleidet hatten? Tatsächlich hielten sie Armbrüste <strong>in</strong><br />

behandschuhten Fäusten. Storko widerstand der Versuchung, sich alle<strong>in</strong> auf die Meuchler zu<br />

stürzen. Stattdessen zog er blank. „Armbruster! Ich habe mich geirrt. Die Bastarde hocken da unten<br />

am Steg…Verpasst ihnen e<strong>in</strong> paar Eschenzweige!“<br />

Aber <strong>in</strong> dem Trubel, der nun losbrach, hörte ihn niemand. Auch die Lichter verschwanden, wurden<br />

offenbar mit der Hand abgedeckt. Stattdessen setzte das wilde Gerangel am Sperrkordon erneut e<strong>in</strong><br />

- mit dem Unterschied, dass nun auch noch die Vermittler und Besonnenen unter den Efferd<strong>in</strong>gern<br />

auf die Wachen losg<strong>in</strong>gen. Die wirkten mit e<strong>in</strong>em mal heillos verwirrt, ja, demoralisiert. E<strong>in</strong>ige<br />

Rebellen durchbrachen bereits die Absperrung, zogen und zerrten an dem vor Schmerzen<br />

schreienden Efferdsgeweihten: wohl <strong>in</strong> dem Glauben, ihn vor dem heimtückischen Schlächter aus<br />

Gernatsborn und se<strong>in</strong>en Mordgesellen retten zu müssen.<br />

Storko eilte geduckt zum See: Entgegen se<strong>in</strong>es Grundsatzes, sich nicht alle<strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Übermacht zu<br />

stellen (wenn ihm als Kadett etwas von Kriegskunde e<strong>in</strong>gebleut worden war, dann die Wehrheimer<br />

Zahlen. Aber das Trio hatte se<strong>in</strong>e Pfeile schon verschossen).<br />

Er hatte erwartet, dass die „Fischmenschen“ versuchen würden, das Boot des Wirts zu stehlen, aber<br />

dem war nicht so. Die Angreifer machten nicht e<strong>in</strong>mal Anstalten, davonzuschwimmen. Stattdessen<br />

tauchten sie e<strong>in</strong>fach im Wasser unter wie die Seehunde, erst verschwand der e<strong>in</strong>e, dann der nächste,<br />

beide waren nur noch grüne Lichtpunkte unter der Oberfläche, die rasch erloschen.<br />

Das dritte Wesen (der Steuere<strong>in</strong>treiber war sich gar nicht so sicher, ob er es hier wirklich mit<br />

Menschen zu tun hatte), gab e<strong>in</strong>en gurgelnden Laut von sich: was an e<strong>in</strong>em Armbrustbolzen lag, der<br />

ihn schräg aus der Schulter ragte. E<strong>in</strong> Gruß vom Gasthaus. Guter Schuss bei den Lichtverhältnissen,<br />

er würde den Namen des Gardisten feststellen und ihn belobigen müssen.<br />

Mit nassen Atemgeräuschen taumelte der Hecken- oder besser gesagt Schilfschütze, griff nach dem<br />

tief e<strong>in</strong>gedrungenen Bolzen, ließ se<strong>in</strong>e Armbrust fallen. Bei dem ziemlich ungelenken Versuch, sie<br />

wieder aus dem Wasser zu fischen, fiel er auf den Rücken, zappelte wie e<strong>in</strong> Fisch, rappelte sich<br />

mühsam auf.<br />

Storko zögerte nun nicht mehr, er brauchte dr<strong>in</strong>gend e<strong>in</strong>en Gefangenen, wenn er hier se<strong>in</strong>e<br />

Unschuld beweisen wollte. Der Gernatsborner steckte das Schwert weg, hechtete vom Steg <strong>in</strong>s<br />

aufspritzende Wasser, packte se<strong>in</strong> Opfer, bekam es aber ob se<strong>in</strong>er glitschigen Lederhaut nicht zu<br />

fassen. Also probierte er es mit e<strong>in</strong>em Fausthieb mitten <strong>in</strong>s kammgeschmückte, ausdruckslose<br />

Molchgesicht. Immerh<strong>in</strong>, der tüchtige rechte Haken warf den plumpen Wassergeist endgültig aufs<br />

Land. Zu se<strong>in</strong>em Erstaunen unternahm der Meuchler ke<strong>in</strong>erlei Anstalten, sich zu wehren, sondern<br />

krümmte sich im Schilf, ruderte hilflos mit Armen und Be<strong>in</strong>en, zerrte an se<strong>in</strong>er Maske. Dazu kamen<br />

nun wieder die unheimlich dumpfen, gurgelnden, nassen Geräusche. Sie hörten sich zunehmend<br />

verzweifelt an.<br />

Storko hatte etwas Zeit, se<strong>in</strong>en Fang zu begutachten. Der Unbekannte war vom Kopf bis Fuß <strong>in</strong><br />

feucht und fettig schimmernde Lederschuppen gehüllt, zum<strong>in</strong>dest <strong>in</strong> e<strong>in</strong> hautenges Gewand von<br />

ähnlicher Konsistenz wie Leder, das tranig roch.<br />

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Auf dem Kopf trug er e<strong>in</strong>e vorspr<strong>in</strong>gende Fischmaske aus gleichem Material, mit großen<br />

Glasaugen, flossenartigen Ohren und kiemenähnlichen Schlitzen an der Seite. Den Kopf schmückte<br />

e<strong>in</strong>e Art Kamm. Um se<strong>in</strong>en Hals h<strong>in</strong>g e<strong>in</strong> grünlich leuchtender Ste<strong>in</strong>: e<strong>in</strong> Gwen Petryl? Zwischen<br />

den F<strong>in</strong>gern der eng anliegenden Handschuhe vermochte Storko Schwimmhäute zu entdecken, auch<br />

die Stiefel er<strong>in</strong>nerten an Flossen. Die Gestalt sah bedrohlich und lächerlich zugleich aus, wie e<strong>in</strong><br />

tumbes Sumpfungeheuer aus e<strong>in</strong>em Schauermärchen für K<strong>in</strong>der. Mit e<strong>in</strong>em eleganten Necker war<br />

dieser Popanz überhaupt nicht zu vergleichen. Eher schon mit e<strong>in</strong>em Ziliten oder Krakonier der<br />

Blutigen See.<br />

„Ergibst du dich, elender Mörder?“ fauchte Storko, zog erneut und hielt dem Fremden das Schwert<br />

an die nicht vorhandene Kehle. Er würde kräftig zustoßen müssen, um das dicke Leder zu<br />

durchdr<strong>in</strong>gen. Die Bewegungen des D<strong>in</strong>gs wurden schwächer, ebenso das nasse Röcheln. „So ist´s<br />

gut, Fischkopf! Und jetzt runter mit der…“ Erst jetzt merkte Storko, dass der Armbrustschütze sich<br />

nicht etwa ergeben wollte. Sondern aus irgende<strong>in</strong>em Grund gerade erstickte. Oder war der<br />

Armbrustbolzen bereits tödlich gewesen?<br />

Storko konnte im fahlen Mondlicht ke<strong>in</strong> Band entdecken, mit der die Larve am Kopf befestigt war.<br />

Also packte er die Maske am oberen Rand, zog und zerrte daran – e<strong>in</strong> schmatzendes Geräusch. Im<br />

nächsten Herzschlag hielt er sie <strong>in</strong> Händen. Allerd<strong>in</strong>gs war das teigige Männergesicht, das sich nun<br />

enthüllte, bereits blau angelaufen, auch der starre Blick kündete nicht gerade von blühenden Leben.<br />

Dazu war die Haut mit dunklen, leicht blutenden Kreisen übersät, die den Junker an Pockennarben<br />

er<strong>in</strong>nerten. Hastig tastete er nach weiteren Waffen. An l<strong>in</strong>ken Unterschenkel des Kampfschwimmers<br />

war <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Scheide e<strong>in</strong> krummes Messer festgebunden, am rechten Oberschenkel auf ähnliche<br />

Weise e<strong>in</strong> verschließbarer Köcher, der zwei weitere Bolzen enthielt.<br />

Storko wandte sich der Maske zu, deren Beschaffenheit wirklich eigenartig war, und noch am<br />

ehesten an die wabbelige Haut e<strong>in</strong>es T<strong>in</strong>tenfischs er<strong>in</strong>nerte. E<strong>in</strong>e hässliche Molchfratze. Storko war<br />

sich ke<strong>in</strong>eswegs sicher, ob die großen, runden Fischaugen wirklich aus Glas waren. Merkwürdig<br />

waren auch die unzähligen Saugnäpfe im Inneren der Maske. Diese wirkte dadurch auf<br />

beunruhigende Weise lebendig. Eklig das Ganze. Auch der tranige Geruch schlug ihm auf den<br />

Magen. Wie konnte man so etwas auf dem Gesicht tragen?<br />

Nun musste er sich wieder dem chaotischen Geschehen im Dorf zuwenden: se<strong>in</strong>e Gardisten traten<br />

unter dem berserkerhaften Ansturm der Dörfler gerade den Rückzug an, e<strong>in</strong> halbes Dutzend<br />

retirierte mit gesenkten Hellebarden <strong>in</strong> Richtung des Lagers, die andere Hälfte verbarrikadierte sich<br />

im Gasthaus. E<strong>in</strong> geordneter Rückzug, aber e<strong>in</strong> Rückzug. Irgendjemand rief verzweifelt se<strong>in</strong>en<br />

Namen – war es der Geme<strong>in</strong>e Elw<strong>in</strong>?<br />

Im nächsten Moment schrie er auf, als ihn etwas am Be<strong>in</strong> packte – und wütend <strong>in</strong>s Wasser zerrte,<br />

das schwarz über se<strong>in</strong>en Kopf zusammenschwappte. Storko trat, schlug <strong>in</strong> wilder Panik um sich,<br />

traf mit dem Fuß schmerzhaft den Steg, aber der Angriff, den er erwartete hätte, blieb aus. Als er<br />

prustend und völlig durchnässt auftauchte, war die Leiche (und somit das wichtigste Beweismittel)<br />

verschwunden.<br />

„Verfluchtes Efferd<strong>in</strong>g!“ schnaubte er und pflückte sich e<strong>in</strong> paar tropfende Seepflanzen aus dem<br />

Haar. E<strong>in</strong> Bad hatte er eigentlich zu derart später Stunde nicht mehr nehmen wollen. Und ja, das<br />

Wasser war niederhöllisch kalt.<br />

Nur die Molchmaske hielt er noch <strong>in</strong> Händen. Wirrer Fackelsche<strong>in</strong> blendete ihn. Die<br />

Aufständischen eilten herbei, suchten offenbar das Ufer nach geflohenen Gardisten ab. Storko<br />

duckte sich, hielt sich <strong>in</strong>st<strong>in</strong>ktiv die Maske vor das helle Gesicht – im nächsten Moment saugte sie<br />

sich auch schon an se<strong>in</strong>er Nase fest. Drückte sich wie von selbst gegen se<strong>in</strong> Gesicht, e<strong>in</strong> glitschiges,<br />

warmes, weiches, nasses Etwas.<br />

Durch die Fischaugen sah die Welt seltsam verschwommen aus, dennoch konnte er das meiste<br />

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sehen. Er musste atmen – aber bekam ke<strong>in</strong>e Luft mehr. In jäher Panik versuchte er sich die Larve<br />

abzureißen, aber sie bewegte sich ke<strong>in</strong>en F<strong>in</strong>gerbreit, saß an se<strong>in</strong>em Kopf fest wie e<strong>in</strong> oronisches<br />

Folter<strong>in</strong>strument. War so se<strong>in</strong> Gegner gestorben? Luft, er brauchte Luft, aber da war nur glitschige<br />

Fischhaut – und Saugnäpfe, die auf se<strong>in</strong>en Wangen brannten.<br />

In Panik trat er e<strong>in</strong>en Ste<strong>in</strong> unter se<strong>in</strong>en Füßen um, glitt aus, landete wieder bäuchl<strong>in</strong>gs im Wasser.<br />

Das f<strong>in</strong>stere Nass schlug schwer über se<strong>in</strong>en Haarschopf zusammen. Er reckte den Hals heraus,<br />

versuchte gierig Luft e<strong>in</strong>zusaugen, se<strong>in</strong>e Schläfen brannten bereits: nichts. Halbohnmächtig sackte<br />

er zusammen, zurück <strong>in</strong>s silbrige Wasser. Er wurde bereits e<strong>in</strong> Stück auf den See h<strong>in</strong>aus getrieben.<br />

Schemenhaft wedelten Unterwasserpflanzen <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Gesichtsfeld, e<strong>in</strong>ige Fische flohen vor ihm.<br />

Er versuchte nach oben zu gelangen, merkte, dass er kaum noch Kraft hatte, die vollgesogenen<br />

Kleider und das Schwert zogen ihn unbarmherzig nach unten. Ertr<strong>in</strong>ken…so fühlte sich also<br />

jämmerliches Ersaufen an. Er dachte an Glyrana und se<strong>in</strong>en Sohn: würden sie je von se<strong>in</strong>em<br />

bizarren Schicksal erfahren?<br />

Ob er wollte oder nicht, er m u s s t e jetzt e<strong>in</strong>atmen: Kalt und schmerhaft strömte der See <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e<br />

Lungen. Das Ende…Storko keuchte, hustete, würgte. Zu se<strong>in</strong>em Erstaunen gelang es ihm, das<br />

Wasser – was eigentlich? Auszuhusten? Zu erbrechen? Mit silbrigen Blasen blubberte es wieder aus<br />

se<strong>in</strong>em Innersten. Im nächsten Moment <strong>in</strong>halierte er es erneut durch die Luftröhre e<strong>in</strong>. Husten,<br />

Würgen. Hektisches Schwabbern ertönte, Blubberblasen wirbelten um ihn herum auf. Er stöhnte<br />

vor Angst. Dennoch spürte er Erleichterung. Er atmete gerade nicht nur unter Wasser – er atmete<br />

Wasser.<br />

Es war dennoch e<strong>in</strong> scheußliches Gefühl, so ähnlich musste sich tulamidische Wasserbrettfolter<br />

anfühlen. Und doch war es zugleich fasz<strong>in</strong>ierend. E<strong>in</strong>atmen, ausatmen. Silbrige Blasen tanzten um<br />

ihn herum. Langsam wurde er ruhiger. Nur der Druck auf se<strong>in</strong>e Ohren nahm immer mehr zu, wurde<br />

schmerzhaft. Es war, als würde ihm e<strong>in</strong> Kobold im Nacken sitzen und se<strong>in</strong>e Daumen <strong>in</strong> die<br />

Gehörgänge bohren. Er sank immer tiefer, h<strong>in</strong>unter <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e nasskalte, bodenlose Nacht. Storko<br />

schluckte, verzog das Gesicht. E<strong>in</strong> Knacken <strong>in</strong> den Ohren, der Druck ließ etwas nach. Erneut atmete<br />

er Wasser. Es schmeckte klar, nur e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong> wenig erdig. Er ruderte mit den Armen und Be<strong>in</strong>en,<br />

gewann wieder an Höhe. E<strong>in</strong> Knacken und Krachen se<strong>in</strong>er entlasteten Trommelfelle. Die Tiefe ließ<br />

ihn los.<br />

Storko kehrte zurück <strong>in</strong>s Mondlicht, sah über sich die Seeoberfläche. Stieß mit dem Kopf durch die<br />

sachten Wellen, trieb auf dem See. Erneut war es, als versuchte er e<strong>in</strong>en Felsen e<strong>in</strong>zuatmen. Er war<br />

jetzt wirklich e<strong>in</strong> Fischmensch, ob er wollte oder nicht. Der Junker versuchte sich mit beiden<br />

Händen die Maske vom Kopf zu reißen – was nur bewirkte, dass er wieder tiefer sank, geradewegs<br />

nach unten, wie e<strong>in</strong> alanfanisches Grandenopfer an e<strong>in</strong>em Korb mit Ste<strong>in</strong>en.<br />

Also wieder Wasser <strong>in</strong> die „Kiemen“ und <strong>in</strong> die Bauchlage…be<strong>in</strong>ahe hatte er sich schon an die<br />

groteske Situation gewohnt. Große Felsentürme waren l<strong>in</strong>ks und rechts zu erahnen, e<strong>in</strong> Schwarm<br />

Gnitzen riss vor ihm aus. Darunter w<strong>in</strong>kten ihm das Gewirr der Wasserpest und lappenartiges<br />

Nixenkraut zu. E<strong>in</strong> großer Schatten glitt durch das Halbdunkel davon: e<strong>in</strong> Wels?<br />

Die Furcht schwand etwas. Das Graublau des Sees hatte e<strong>in</strong>e eigenartige Schönheit, auch wenn er<br />

durch die Glasaugen, im trüben Wasser nur wenig E<strong>in</strong>zelheiten wahrnehmen konnte. Was nun? Er<br />

musste schleunigst zurück ans Ufer, Glyrana, Gisborn und se<strong>in</strong>er wackeren Garde beistehen, aber<br />

wie <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er lurchenhaften Existenz? Wo war er überhaupt? Storko fiel es schwer zu schätzen, wie<br />

weit draußen er sich schon befand, aber er spürte jetzt e<strong>in</strong>e starke Strömung an sich ziehen und<br />

zerren. Unter se<strong>in</strong>en vollgelaufenen Stiefeln war ke<strong>in</strong> Grund mehr, bis nach oben schienen es aber<br />

auch mehrere Schritt zu se<strong>in</strong>. Das blubbernde, gestresste Wasseratmen fiel ihm mittlerweile etwas<br />

leichter. Dennoch hatte er nicht vor, auf Dauer <strong>in</strong> die Orkensauffe umzuziehen.<br />

Woher waren die drei Attentäter gekommen? Wo waren die beiden Überlebenden h<strong>in</strong>? Er sah sich<br />

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um – und erspähte tatsächlich e<strong>in</strong>en grünlichen Lichtpunkt <strong>in</strong> der feuchten F<strong>in</strong>sternis. Dort war auch<br />

schon der zweite.<br />

Nun gut, wenn er hier schon bei den Fischen gelandet war, konnte er die Meuchler genauso gut<br />

verfolgen. Ungelenk nahm er ihre Spur auf. Er hatte Glück: sie ließen sich offenbar gerade von<br />

derselben Strömung treiben wie er, so musste er sich wenig anstrengen, um sich ihnen an die<br />

Flossen zu heften.<br />

E<strong>in</strong>e Zeitlang schwebte Storko so durch den dunklen See, flog regelrecht durch wogende Schwärze<br />

dah<strong>in</strong>. Außer dem Blubbern se<strong>in</strong>es Wasserodems war es still, der Wellenschlag über se<strong>in</strong>en Kopf<br />

nur zu erahnen. Be<strong>in</strong>ahe schon wurde die Reise e<strong>in</strong>tönig – und er selbst e<strong>in</strong> Teil des Wassers um ihn<br />

herum, das <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Brustkorb brodelte, auf magische (?) Weise Luft an se<strong>in</strong>e Lungen abgab und<br />

es wieder durch den Mund <strong>in</strong> Bläschenwolken verließ. Die grünen Punkte waren gut zu verfolgen,<br />

während er selbst vermutlich nahezu unsichtbar war. Hie und da schreckte er e<strong>in</strong>ige schlafende<br />

Fische auf, das waren aber schon se<strong>in</strong>e e<strong>in</strong>zigen Begegnungen auf der wahnwitzigen Reise. Die<br />

Kühle erschien ihm gerade noch erträglich, aber sie würde nach e<strong>in</strong>iger Zeit zu e<strong>in</strong>em Problem<br />

werden, dessen war er sich sicher.<br />

Die beiden „Irrlichter“ verließen die Strömung nach l<strong>in</strong>ks, schwammen e<strong>in</strong>e Weile weiter und<br />

waren dann urplötzlich verschwunden. Verdammt…nun hatte er sie aus den Augen verloren.<br />

Storko hatte ke<strong>in</strong>e Ahnung, wann er selbst diese Unterwasserkutsche verlassen sollte. Er verließ<br />

sich auf se<strong>in</strong> Gefühl, paddelte zur Seite – und schrie im nächsten Moment ängstlich auf, als e<strong>in</strong><br />

gewaltiger Schatten vor ihm auftauchte: E<strong>in</strong> Felsen! Dumpf schrammte er dagegen. Hastig hangelte<br />

er sich mit weißen Händen über glitschige Ste<strong>in</strong>e h<strong>in</strong>weg, strampelte sich von der Felswand frei,<br />

sah plötzlich Äste und Ste<strong>in</strong>e unter sich aufschimmern.<br />

Es wurde hier rasch wieder flacher, se<strong>in</strong>e Füße spürten schlammigen Grund. E<strong>in</strong>e Insel? Modrige<br />

Dunkelheit umf<strong>in</strong>g ihn. Natürlich, er hatte reichlich Schlamm aufgewirbelt. Raus hier, den Dreck<br />

wollte er nicht e<strong>in</strong>atmen. Ziemlich orientierungslos planschte er weiter, schnaufend und gurgelnd<br />

wie das Seeungeheuer von der Orkensauffe. Das er mit se<strong>in</strong>em Getöse hoffentlich nicht anlocken<br />

würde. Wo war er jetzt? Er glaubte sich daran zu er<strong>in</strong>nern, dass es bei „Fischermanns Freund“ noch<br />

e<strong>in</strong>ige vorgelagerte kle<strong>in</strong>ere Inseln gegeben hatte. Über ihn baumelten Entenfüße im Wasser – e<strong>in</strong><br />

merkwürdiger Anblick: die Tiere schliefen offenbar. Recht hatten sie: eigentlich hätte er um diese<br />

Zeit <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em bequemen Federbett im „Alten Hecht“ liegen müssen. Statt hier selbst den Hecht zu<br />

spielen….<br />

Gütige Götter, wo war er h<strong>in</strong>geraten? E<strong>in</strong> pelziges riesiges Etwas tauchte vor ihm auf, wich<br />

erschrocken aus, mit e<strong>in</strong>em keulenartigen schuppig glänzenden Schwanz um sich schlagend: E<strong>in</strong><br />

Biber?!<br />

Sarkasmus wechselte sich <strong>in</strong> ihm ab mit Unruhe. Was sollte er se<strong>in</strong>em Schwiegervater sagen, wenn<br />

der ihn fragte, was er getan hatte, während Glyrana und das Enkelchen von e<strong>in</strong>em wütenden Mob<br />

bedroht worden war? Biber <strong>in</strong> der Orkensauffe fangen?<br />

Storko schwamm aufs Geradewohl los, irrte durch e<strong>in</strong>e surreale Traumwelt: Dort öffnete sich e<strong>in</strong>e<br />

kle<strong>in</strong>e Schlucht zwischen den Felsen, dort g<strong>in</strong>g es e<strong>in</strong>en sanften Hang h<strong>in</strong>auf zu e<strong>in</strong>er wogenden<br />

Mauer aus Schilf. Alles mögliche Grünzeug wogte am Grund h<strong>in</strong> und her. Er entfernte sich wieder<br />

etwas vom Land, schwamm <strong>in</strong> die T<strong>in</strong>tenschwärze, spürte wieder die Tiefe unter sich. Er wäre<br />

be<strong>in</strong>ahe verzweifelt, aber nun sah er neben dem Mondlicht e<strong>in</strong> weiteres Flackern über se<strong>in</strong>em Kopf:<br />

das Feuer, das er von Efferd<strong>in</strong>g aus erspäht hatte? Immerh<strong>in</strong>, das war schon e<strong>in</strong>mal e<strong>in</strong><br />

Anhaltspunkt. Er hielt darauf zu, majestätisch erhoben sich wieder Felsen aus dem Abgrund,<br />

Vorbastionen e<strong>in</strong>er weiteren Felsenburg. Vorsichtig hob er den Kopf über Wasser: Die felsige,<br />

bewaldete Landmasse dort musste Fischermanns Freund se<strong>in</strong>, von der Nordseite her. Der<br />

Feuersche<strong>in</strong> war wieder verschwunden, aber er hatte das Gefühl, hier richtig zu liegen. Irrte er sich,<br />

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oder war nicht sogar Stimmengewirr zu hören, irgendwo aus dem Wald? Da vorne war e<strong>in</strong> grünes<br />

Leuchten <strong>in</strong> der Felswand zu erahnen – und e<strong>in</strong> Höhlengang knapp über der Wasseroberfläche.<br />

Storko steuerte das Licht unter Wasser an. Erneut packte ihn e<strong>in</strong>e Strömung (oder Wellenschlag) –<br />

und schob ihn auf die große Spalte zu. Er stieg kurz auf, sah e<strong>in</strong>e halb überflutete Höhle vor sich,<br />

tauchte wieder unter. E<strong>in</strong>ige Schritt glitt er über kiesigen Grund h<strong>in</strong>weg, dann wurde es rasch<br />

flacher. Grünblaues Licht um ihn herum. Se<strong>in</strong> Herz schlug schneller. Beklemmung breitete sich <strong>in</strong><br />

ihm aus, aber auch e<strong>in</strong>e Art von Fasz<strong>in</strong>ation. Se<strong>in</strong>e Füße fanden erstmals seit langem wieder Halt.<br />

Er tauchte auf und fand sich <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er großen Grotte wieder. Sie wurde von grünen Leuchtste<strong>in</strong>en<br />

erhellt, die <strong>in</strong> Feuer-Schalen herumstanden. E<strong>in</strong> Ruderboot war den Schotter h<strong>in</strong>aus aufs Trockene<br />

gezogen worden. An den Wänden standen Tragekörbe, ebenso große Krüge, Harpunen, Kescher.<br />

Auf Ste<strong>in</strong>en trockneten mehrere der Molchgewänder und - Masken. Storko taumelte an Land wie<br />

e<strong>in</strong> Schiffbrüchiger, spürte jedes Gran se<strong>in</strong>es zitternden Körpers und das Gewicht se<strong>in</strong>er nassen<br />

Gewänder. Mit gurgelndem Seufzen sackte er <strong>in</strong> die Knie.<br />

Nun bekam er schon wieder ke<strong>in</strong>e Luft mehr. Storko zog und zerrte an der Maske, geriet für e<strong>in</strong>en<br />

Moment <strong>in</strong> Panik. Als ihm bereits schummrig wurde, löste sich das D<strong>in</strong>g widerwillig ab. Glitschig<br />

triefend ließ sich die zweite Haut wieder abnehmen, nahm dabei allerd<strong>in</strong>gs e<strong>in</strong>ige Fetzen se<strong>in</strong>er<br />

ersten Haut mit. Der Junker atmete gierig muffige Höhlenluft e<strong>in</strong>, die sich mit dem Restwasser <strong>in</strong><br />

se<strong>in</strong>en Lungen mischte. Der Gernatsborner würgte, spuckte, hustete se<strong>in</strong>e Atemorgane frei, erbrach<br />

noch e<strong>in</strong> wenig Seewasser.<br />

Dann lehnte er sich erst e<strong>in</strong>mal gegen die Höhlenwand, versuchte ruhiger zu atmen. Lärm hatte er<br />

genug gemacht….Er warf die Maske beiseite, tastete nach e<strong>in</strong>igen blutigen Wunden <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em<br />

Gesicht. Nun verstand er, warum der dritte Schwimmer an Land erstickt war. Mit e<strong>in</strong>er<br />

Schulterwunde hatte man kaum noch e<strong>in</strong>e Chance, diesen Schmierlappen auf Mund und Nase<br />

loszuwerden. Was auch immer für e<strong>in</strong>e Magie auf diesem Artefakt ruhte: efferdsgefällig war sie<br />

nicht. Langsam gewöhnten sich se<strong>in</strong>e Augen an das diffuse Licht. Dort, <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er großen Lache, lag<br />

auch se<strong>in</strong> alter Bekannter: der Meuchler, den er am Seeufer gestellt hatte. Nun sah er, weiß und<br />

aufgeschwemmt, endgültig wie e<strong>in</strong>e Wasserleiche aus. Gut. In der Hausnummer hatte er sich schon<br />

e<strong>in</strong>mal nicht geirrt.<br />

Die Höhle war erstaunlich groß, sicherlich zwanzig Schritt lang und etwa genauso breit. L<strong>in</strong>kerhand<br />

führten grob gehauene Stufen nach oben. Storko schrie auf, als er bemerkte, dass er nicht alle<strong>in</strong> <strong>in</strong><br />

der Höhle war. Dumpf hallte das Echo von den Wänden wieder.<br />

E<strong>in</strong> grottenhässliches Weib, das mit „vergammelter Wasserleiche“ noch schmeichelhaft beschrieben<br />

wäre, kroch am Höhlenende aus e<strong>in</strong>er Art Zierbrunnen: Die glupschäugige, schimmliggrüne,<br />

schleimigblaue Kreatur wurde von übergroßen Klauenhänden verunziert. Ihre wurmähnliche<br />

Echsenzunge ragte aus e<strong>in</strong>em grotesken, mit dünner Haut bespannten Totenschädel. Um den<br />

sp<strong>in</strong>deldürren Leib herum r<strong>in</strong>gelte sich e<strong>in</strong>e Seeschlange. Aus den Haaren rann beständig Wasser<br />

und fiel mit e<strong>in</strong>em nervenaufreibenden „Plitsch, plitsch, platsch, platsch“ <strong>in</strong> den Brunnen. Es<br />

dauerte e<strong>in</strong>ige stockende Herzschläge, bis der Junker merkte, dass er es hier lediglich mit e<strong>in</strong>er<br />

„lebensecht“ bemalten Statue zu tun hatte. Das Grauen, das diese Missgeburt verströmte, war<br />

dennoch nicht von dieser Welt. Ekler Gestank nach verrottetem Fisch lag <strong>in</strong> der Luft: Offenbar als<br />

Opfergaben waren Dutzende vergammelte Fische vor das Götzenbild oder <strong>in</strong> den Brunnen geworfen<br />

worden. Die Unbarmherzige Ersäufer<strong>in</strong>… Fast schon panisch rieb sich Storko über das Öl<br />

verschmierte Gesicht. In der Maske hatte ihre Macht gewirkt, das wusste er nun. So kauerte er da,<br />

selbst triefend und mit schmutzigen Algen bedeckt wie das Standbild der „Tiefen Tochter“. Jähe<br />

Kälteschauer ließen ihn zittern. Wenn es denn nur Kälte war. Er zog sich das Hemd aus, fühlte sich<br />

nun erst recht nackt und hilflos vor dieser…dunklen Gött<strong>in</strong>.<br />

Be<strong>in</strong>ahe hätte er sich vor der Statue verneigt. Aber da war noch das andere Wesen. Aus dem<br />

17


„Dunklen Brunnen“ führte e<strong>in</strong>e Wasserr<strong>in</strong>ne <strong>in</strong> die Mitte der Kultstätte. Dort befand sich e<strong>in</strong>e<br />

Vertiefung, kaum größer als e<strong>in</strong> Badezuber, die tatsächlich mit (unheiligem?) Wasser gefüllt war. In<br />

diesem Becken lag, Storko traute se<strong>in</strong>en Augen kaum, e<strong>in</strong>e elfenbe<strong>in</strong>farbene junge Frau, mit<br />

grünlich schimmernden Haar: Die wallenden blonden Locken waren ihre e<strong>in</strong>zige Verhüllung. Sie<br />

lag so nackt und barbusig <strong>in</strong> dem Nass, wie Tsa sie geschaffen hatte. Ne<strong>in</strong>, wohl eher Efferd: Dort,<br />

wo sich bei e<strong>in</strong>em Menschenmädchen zwei grazile Be<strong>in</strong>e befunden hätten, zuckte und patschte e<strong>in</strong><br />

großer, grünbläulich geschuppter Fischsschwanz, der <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Art Fluke endete. E<strong>in</strong>e Nixe…Der<br />

Kontrast zur Erzdämon<strong>in</strong> h<strong>in</strong>ter ihr hätte kaum größer se<strong>in</strong> können.<br />

Der Anblick wäre das Schönste und Verführerischste gewesen, was der Junker jemals gesehen hatte,<br />

der Inbegriff holder Weiblichkeit. Aber er war ebenso wenig ungetrübt wie das Wasser, <strong>in</strong> dem die<br />

Seejungfer sich befand. Schon die Fesseln, mit denen die zierlichen, glatthäutigen Hände über den<br />

Kopf hochgezogen worden waren, störten das Bild unschuldiger, märchenhafter Schönheit<br />

empf<strong>in</strong>dlich. Auch wenn die Brüste des zauberhaften Wesens dadurch erst richtig zur Geltung<br />

kamen, musste man schon e<strong>in</strong> Dämonenpaktierer se<strong>in</strong>, um den Anblick erregend zu f<strong>in</strong>den.<br />

Außerdem hatten sie der Nixe e<strong>in</strong>en Belegnagel quer <strong>in</strong> den Mund geschoben und mit Stricken<br />

h<strong>in</strong>ter dem Kopf festgebunden, als grausame Knebelung. Aus den wunderbaren meergrünen Augen<br />

der Nixe schrien Angst, Leiden und Verzweiflung. Es war e<strong>in</strong>e unglaubliche Barbarei.<br />

Blaurotes Blut rann die Handgelenke der Schönen herab. Die Fesseln waren wiederum um e<strong>in</strong>en<br />

Haken geschnürt, der an e<strong>in</strong>em Seil h<strong>in</strong>g: Der dazugehörige Flaschenzug klirrte an e<strong>in</strong>em Kran aus<br />

unbehauenen Baumstämmen. E<strong>in</strong>e Meerjungfrau an der Angel: wer immer der Seebewohner<strong>in</strong> dies<br />

angetan hatte, verfügte über (pervalischen) Humor.<br />

War das die Schöne Lula aus den Sagen? Die mit ihrem Gesang leichts<strong>in</strong>nige Fischer betören und<br />

sie zu sich h<strong>in</strong>ab <strong>in</strong> ihr nasses Reich locken sollte? Wenn ja, dann war sie gerade ziemlich außer<br />

Gefecht gesetzt. Nun entdeckte die Seejungfer den E<strong>in</strong>dr<strong>in</strong>gl<strong>in</strong>g, begann an ihren Stricken zu zerren<br />

und sich zu w<strong>in</strong>den. Ihre großen, grün leuchtenden Augen sahen Storko geradewegs an:<br />

Schutzsuchend? Furchtsam? Erzürnt? Prüfend? Abgründig? Der Junker spürte, wie ihn selbst Angst<br />

überkam: Gab es für dieses alterslose Wesen dort überhaupt e<strong>in</strong>en Unterschied zwischen se<strong>in</strong>en<br />

Pe<strong>in</strong>igern und anderen Menschen? Wusste es selbst um Gut und Böse? Konnte es ihm <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em<br />

Zustand noch immer Schaden zufügen? An se<strong>in</strong>er Seele?<br />

Die Nixe war überderisch schön, soviel stand fest. Feenhaft schön. Schöner und betörender als<br />

Glyrana. Diese Erkenntnis raubte ihm den Atem, im nächsten Moment hatte er se<strong>in</strong>e Gemahl<strong>in</strong><br />

vergessen. Er wollte die Seejungfer befreien, retten, beschützen….sie e<strong>in</strong>fach <strong>in</strong> die Arme<br />

schließen, liebkosen und küssen.<br />

E<strong>in</strong>e Art Lichtaura umschmeichelte ihre makellose Haut, die weichen, grüngoldenen Haare, ihre<br />

vollkommenen Brüste, die smaragdartig glitzernden Fischschuppen. Gerne hätte er ihre Stimme<br />

gehört. Und dann diese funkelnden Augen…Plötzlich waren es die Augen e<strong>in</strong>er k<strong>in</strong>dlich<br />

verspielten, nur körperlich erwachsenen Jungfrau. Ja, alles schien für die Nixe plötzlich e<strong>in</strong> Spiel zu<br />

se<strong>in</strong>, sie begann ihn mit Blicken regelrecht zu necken.<br />

Befrei mich, flüsterte es sanft <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Kopf. Dann werden wir zusammen von hier<br />

wegschwimmen…Und für immer zusammen se<strong>in</strong>. Du bist nicht so wie die anderen. Diese<br />

Stimme…als ob er sich noch immer unter Wasser bef<strong>in</strong>den und se<strong>in</strong>e Geliebte am Ufer sprechen<br />

hören würde. Ne<strong>in</strong>, die leicht verzerrten Worte schienen selbst aus der Tiefe des Sees zu se<strong>in</strong>em<br />

Geist heraufzusteigen. Eigentlich war es gar ke<strong>in</strong>e Stimme, mehr e<strong>in</strong>e Art von vollkommener<br />

E<strong>in</strong>fühlung. Du bist nicht böse.<br />

Er g<strong>in</strong>g e<strong>in</strong>en Schritt auf die Gefangene zu, ohne es zuvor se<strong>in</strong>en Füßen befohlen zu haben: bereit,<br />

ihr den hölzernen Knebel zu lösen. E<strong>in</strong>e andere <strong>in</strong>nere Stimme ließ ihn zögern. Se<strong>in</strong>e eigene.<br />

Wenn sie schon jetzt e<strong>in</strong>e derartige Macht über ihn besaß – was würde geschehen, wenn sie erst<br />

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jeglicher Bande ledig se<strong>in</strong> würde? In den Märchen endete die Liebe zu e<strong>in</strong>er Nixe selten glücklich.<br />

Und er wusste mittlerweile, wie sich Ertr<strong>in</strong>ken anfühlte…<br />

Die Entscheidung wurde ihm von schweren Schritten auf der Treppe abgenommen.<br />

„Was machen wir mit Henner?“ fragte e<strong>in</strong>e derbe Frauenstimme. „Unserem tolpatschigen<br />

Versager…“<br />

Storko versteckte sich rasch h<strong>in</strong>ter e<strong>in</strong>em großen Krug, raffte schnell noch die Fischmaske und se<strong>in</strong><br />

nasses Hemd an sich.<br />

Da trat die Frau auch schon <strong>in</strong> das Unheiligtum: E<strong>in</strong> dunkelblondes, muskulöses Mannweib, das<br />

sich gerade die Haare mit e<strong>in</strong>em Tuch trocken rubbelte. Statt dem Fischmenschen-Gewand trug sie<br />

e<strong>in</strong> Le<strong>in</strong>enhemd, Lederhosen und e<strong>in</strong>en Säbel. Irgendetwas mit ihren Lippen stimmte nicht: Sie<br />

wirkten zu wulstig, waren blutleer und eher fischähnlich als menschlich. Entsprechend dumpf und<br />

glucksend klangen ihre Worte. Dann war da noch e<strong>in</strong>e Auffälligkeit: Statt des l<strong>in</strong>ken Ohrs wuchs ihr<br />

e<strong>in</strong>e starre, fleischfarbene Flosse aus dem Kopf.<br />

„Ihr packt ihn <strong>in</strong>s Boot, b<strong>in</strong>det e<strong>in</strong>en schweren Ste<strong>in</strong> an se<strong>in</strong>e Füße und versenkt ihn oben im<br />

Nassloch“, schlug e<strong>in</strong>e weitere Frauenstimme vor, die leiser klang, aber auch kälter, schlauer und<br />

gefährlich. Sie gehörte zu e<strong>in</strong>er Gestalt im Kapuzenmantel, die Storko bekannt vorkam: Der Spion,<br />

ne<strong>in</strong>, die Spion<strong>in</strong>, die er zu Beg<strong>in</strong>n se<strong>in</strong>es Abenteuers auf dem Dorfplatz gesehen hatte.<br />

„An der tiefsten Stelle“ fügte sie h<strong>in</strong>zu. Ihr Gesicht war von e<strong>in</strong>er purpurnen Stoffmaske verhüllt.<br />

„Dann hat das Ungeheuer von der Orkensauffe auch noch was von ihm!“ höhnte e<strong>in</strong> kahlköpfiger<br />

Mann mit viel zu großen Glupschaugen, dessen Haut ebenfalls noch feucht glänzte: offenbar der<br />

dritte Meuchelmörder. Er trug e<strong>in</strong> ärmelloses Matrosenhemd, e<strong>in</strong>e Pluderhose und e<strong>in</strong> Rapier. Auf<br />

den Oberarm war ihm e<strong>in</strong> Krake e<strong>in</strong>tätowiert: das Untier erdrosselte mit se<strong>in</strong>en Fangarmen gerade<br />

e<strong>in</strong>en klagenden Delph<strong>in</strong>. „War das e<strong>in</strong> Spaß heute Nacht!“<br />

„E<strong>in</strong> Spaß?“ fauchte die Maskierte wütend, während sie den Toten umr<strong>in</strong>gten. „Du redest ernsthaft<br />

von Spaß, Branko? Es stimmt schon, was man sagt: Charyptoroth-Paktierer haben nicht mehr Hirn<br />

als Quallen.“<br />

Der Hauptmann vermutete nur, dass die Verhüllte das verfluchte Wort ausgesprochen hatte. E<strong>in</strong><br />

durchdr<strong>in</strong>gendes, pe<strong>in</strong>igendes Geräusch erklang anstelle des Dämonennamens <strong>in</strong> Storkos Kopf, es<br />

hörte sich an wie Rrrr<strong>in</strong>g. Lag es an dem Wasser <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en Ohren? Das lief ihn nun auch noch aus<br />

Mund und Nase, e<strong>in</strong> schwarzer, ekliger Schwall. Storko würgte, kämpfte verzweifelt mit dem<br />

Hustenreiz. Er fühlte sich elend und schutzlos. Nur langsam beruhigte er sich wieder.<br />

Zum Glück palaverten die Drei <strong>in</strong> voller Lautstärke weiter. „Hüte de<strong>in</strong>e purpurne Zunge, Yas<strong>in</strong>the!“<br />

knurrte der Mann, der Branko genannt worden war. Se<strong>in</strong>e Glatze war auffallend schuppig, am K<strong>in</strong>n<br />

sprossen ihm zwei Barteln. Auch die Nase war merkwürdig platt. „Wir s<strong>in</strong>d de<strong>in</strong>e Verbündete, aber<br />

ke<strong>in</strong>esfalls Knechte, vergiss das nicht. Niemand nennt die Wasserdrachen vom Ulchochuurchol<br />

hirnlos.“<br />

„Die Wasserdrachen vom Ulchochuurchol“, äffte „Yas<strong>in</strong>the“ ihn nach. „E<strong>in</strong> stolzer Name für e<strong>in</strong>e<br />

Handvoll abgehalfterter Kairan-Taucher. Die ihre Seelen an die Tiefe Tochter verramschen mussten,<br />

um nicht wie ihre Gefährten im Flüsterwasser zu ersaufen. Drachen, die Wasserblasen statt Feuer<br />

speien. Vergesst nicht, dass ich es b<strong>in</strong>, die dafür sorgt, dass eure Ernte auf schnellstem Weg <strong>in</strong> den<br />

Heptarchien landet. Frisch und unverdorben…Wo das Zeug dann jedes Mal Höchstpreise erzielt.<br />

Mit e<strong>in</strong>em Wort: Euren Reichtum verdankt Ihr alle<strong>in</strong> mir.“<br />

„Wir zerfließen geradezu vor Dankbarkeit“, höhnte die fischlippige Taucher<strong>in</strong>. „Branko hat Recht.<br />

Was gibt es denn Schöneres, als nem Pfaffen zwei Pfeile zu verpassen? Noch dazu `ner Blaukutte…<br />

Ich raff´s nicht. Was hat e<strong>in</strong>e wie du dagegen, dass sie sich <strong>in</strong> Globomong<strong>in</strong>g gegenseitig an die<br />

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Gurgel gehen?“<br />

Storkos Atmung beruhigte sich langsam wieder. Der Junker spuckte aus. „Wie oft soll ich es noch<br />

sagen? Ihr solltet nur feststellen, wie stark die Garde ist. Ich konnte nicht viel herausf<strong>in</strong>den <strong>in</strong> der<br />

Schänke, die Efferd<strong>in</strong>ger haben me<strong>in</strong> Mal gesehen. Da herrschte plötzlich zuviel Misstrauen bei den<br />

Dörflern. Nun habt Ihr sie endgültig aufgescheucht.“ Yas<strong>in</strong>the g<strong>in</strong>g <strong>in</strong> die Knie, riss den Leuchtste<strong>in</strong><br />

vom Hals des Toten und wog ihn <strong>in</strong> der Hand. Diese besaß nur vier F<strong>in</strong>ger, wie Storko <strong>in</strong> dem<br />

grünlichen Leuchten sehen konnte.<br />

„Na und wenn schon.“ Branko schnallte Henners Messer ab, während se<strong>in</strong>e Gefährt<strong>in</strong> den Köcher<br />

plünderte. Der Kairantaucher zog blank: E<strong>in</strong>e silbrige Kl<strong>in</strong>ge kam zum Vorsche<strong>in</strong>: „Charyptonith.<br />

Ich liebe se<strong>in</strong>en Glanz…“<br />

„Moment mal.“ Die Taucher<strong>in</strong> packte ihn derb am Arm. „Wer sagt, dass die Krakensilbrige Kl<strong>in</strong>ge<br />

jetzt dir gehört, Froschauge?“<br />

„Wer sagt, dass ich dir damit nicht de<strong>in</strong>e gierigen Tentakelf<strong>in</strong>gerchen abschneide, wenn du mich<br />

nicht sofort loslässt, Jadvige?“<br />

Die Blonde namens Jadvige zögerte. Yas<strong>in</strong>the stopfte ihr den Kristall <strong>in</strong> die freie Hand. „Hier,<br />

nimm. So e<strong>in</strong> verfluchter Gwen Petryl hat auch se<strong>in</strong>en Wert.“<br />

„Du schenkst ihn mir? E<strong>in</strong>fach so? Wie überaus großzügig!“ E<strong>in</strong> misstrauischer Blick. „Ich fürchte<br />

Rattenk<strong>in</strong>der, wenn sie Geschenke br<strong>in</strong>gen.“<br />

„Du kannst dir ja von Branko die Pfote abschneiden lassen, wenn dir das lieber ist.“ Die<br />

Neunf<strong>in</strong>grige stand auf. „Glaub mir. Me<strong>in</strong> Gott schenkt mir genug Reichtümer. Und er weist mir<br />

auch so den Weg durchs Dunkel.“<br />

„Durchs Dunkle? Oder geradewegs <strong>in</strong> die F<strong>in</strong>sternis?“ Jadvige ließ den Gwen Petryl hastig <strong>in</strong> ihrer<br />

Tasche verschw<strong>in</strong>den. „Na gut. Ich will me<strong>in</strong>e F<strong>in</strong>ger behalten.“<br />

„Wir alle br<strong>in</strong>gen unsere Opfer.“ E<strong>in</strong> frostiges Lachen. „Jedenfalls b<strong>in</strong> ich noch nicht der<br />

Mibelsucht und den Niederhöllen verfallen, anders als ihr.“<br />

„Was zum…!“<br />

„Jaja, beruhigt Euch. Es ist mir völlig egal, womit ihr euch langsam zugrunde richtet. Aber<br />

durchkreuzt gefälligst nicht me<strong>in</strong>e Pläne. Ihr wisst, dass eure Geschäfte nur solange gut laufen,<br />

solange noch Chaos im Land herrscht. Eben, solange die Wildermark noch die Wildermark ist.<br />

Während eure Hohepriester<strong>in</strong> auf Rulat weilt, hört ihr am besten auf me<strong>in</strong>en Ratschlag. Ihr alle auf<br />

dieser Insel hier. Weil ich am meisten Grips von euch allen habe. Und der sagt mir: Wir …<br />

Andersgläubigen müssen gegen diesen Storko und se<strong>in</strong>e Schatzgarde zusammenhalten. Er kommt<br />

uns gerade gefährlich <strong>in</strong> die Quere.“<br />

Der Mers<strong>in</strong>gen gr<strong>in</strong>ste <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Versteck. Damit könntest du Recht haben, dachte er, den Kopf<br />

gegen den trockenen Felsen gelehnt. „Wenn sie jetzt anfangen, Steuern e<strong>in</strong>zutreiben, könnte bald<br />

wieder Recht und Gesetz <strong>in</strong> der Sichel E<strong>in</strong>zug halten.“ Yas<strong>in</strong>the klang, als spräche sie von e<strong>in</strong>er<br />

ekligen, überaus ansteckenden Hautkrankheit. „Das müssen wir unter allen Umständen verh<strong>in</strong>dern.“<br />

Branko schob das Messer wieder <strong>in</strong> die Scheide.<br />

„Seh ich zufällig genauso, Rätt<strong>in</strong>. Seh ich genauso. Gerade deswegen muss Globomong<strong>in</strong>g ja<br />

brennen. Dann wird dieser Storko am höchsten Ast baumeln, heute Nacht schon, wenns gut läuft…<br />

und wir s<strong>in</strong>d fe<strong>in</strong> raus. Grips, den haben wir auch. Vergiss nicht, dass Geschäfte auf Gegenseitigkeit<br />

beruhen. Immerh<strong>in</strong> verdienst du dir sicher e<strong>in</strong>e goldene Rattennase mit diesem Dunklen Trost. Der<br />

im Wesentlichen nichts anderes ist als unser Flüsterwasser, nicht wahr?“<br />

„Gut geraten, Froschauge.“ Yas<strong>in</strong>the blickte unbee<strong>in</strong>druckt zur Statue. „Also gut, ich werde es noch<br />

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mal so erklären, dass sogar ihr Schlammgründler es versteht. Primo: Es ist viel zu früh für e<strong>in</strong>en<br />

Aufstand. Die Steuern liegen alle noch wohl verwahrt auf Burg Suunkdal und Friedste<strong>in</strong>. Erst wenn<br />

sie die Schatzgarde abgeholt hat, lohnt sich e<strong>in</strong> Überfall…Allerd<strong>in</strong>gs ist das wirklich euer Problem.<br />

Wie gesagt: Gold spielt für mich ke<strong>in</strong>e Rolle.“<br />

„Schön, dass du uns de<strong>in</strong>en Anteil überlassen willst“, gluckste Jadvige (die ke<strong>in</strong>e Augenbrauen<br />

mehr hatte, ebenso wie kahle Stellen im Haar, wie Storko nun merkte). Gierig zog die<br />

Leichenfledder<strong>in</strong> dem Toten auch noch die Handschuhe aus. „Zu groß, verdammt…“ Unsicher<br />

kratzte sie sich h<strong>in</strong>ter ihrem Flossenohr.<br />

„Er bekommt, was ihm zusteht, glaubt mir. Wie auch immer: Ihr solltet nichts unternehmen, was<br />

den Fe<strong>in</strong>d warnt. Auch wenn euch e<strong>in</strong> niedergeschossener Efferdgeweihter schon wie e<strong>in</strong> großer<br />

Sieg ersche<strong>in</strong>en mag. Bei mir wäre der Pfaffe jetzt wenigstens tot…Also, ke<strong>in</strong>e überstürzten<br />

Aktionen mehr. Secundo: Das Mers<strong>in</strong>ger Metzweib ist trächtig. Ich möchte das Neugeborene<br />

lebendig haben. Das heißt, ke<strong>in</strong>e Aufregung, ke<strong>in</strong>e Fehlgeburt, bis zur baldigen Niederkunft.“<br />

Storko riss entsetzt die Augen auf. Was hatte er da gehört?“<br />

„Oh, seid wann mag unsere Yas<strong>in</strong>the denn kle<strong>in</strong>e K<strong>in</strong>der? Was hast du denn vor mit dem Balg,<br />

Rätt<strong>in</strong>?“ zischelte Branko.<br />

„Das ist me<strong>in</strong>e Angelegenheit, Krake. Me<strong>in</strong>e – und Se<strong>in</strong>e. Tertio: Das Auftauchen der Schatzgarde<br />

ist der Grund, warum sich die Vogelfreien dieser Baronie ausnahmsweise mal e<strong>in</strong>ig s<strong>in</strong>d. Unsere<br />

edlen Räuber, die nur den Reichen nehmen und den Armen geben…Auf diese Gelegenheit haben<br />

sie lange gewartet. Wird die Garde jetzt schon abgeschlachtet, werden diese Streithähne <strong>in</strong> e<strong>in</strong> paar<br />

Tagen wieder ause<strong>in</strong>anderlaufen. Statt die Macht <strong>in</strong> der Baronie an sich zu reißen und den kle<strong>in</strong>en<br />

Alboran auf den Thron zu setzen. An dessen Stelle dann e<strong>in</strong> Rat der Fünf herrschen wird. E<strong>in</strong><br />

Regentschaftsrat. Den selbstverständlich wir kontrollieren werden. <strong>Friedwang</strong>, e<strong>in</strong>e e<strong>in</strong>zige<br />

Räuberbaronie… wunderbare Vorstellung, nicht wahr? Nie war die Gelegenheit dazu günstiger als<br />

jetzt.“<br />

Der Junker schüttelte verstört den nassen Kopf. Das wurde ja immer schlimmer. Die Diener<strong>in</strong> des<br />

Namenlosen (Storko hatte jetzt ke<strong>in</strong>en Zweifel mehr, dass er es mit e<strong>in</strong>er solchen zu tun hatte) g<strong>in</strong>g<br />

h<strong>in</strong>über zu der gefesselten Nixe.<br />

„Conclusio: Die Schatzgarde darf nicht aufgerieben werden. Noch nicht. Deswegen sollten wir die<br />

Lage <strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g – ich me<strong>in</strong>e natürlich Globomong<strong>in</strong>g – e<strong>in</strong> wenig beruhigen. Zum Glück haben<br />

wir jetzt e<strong>in</strong>e Geheimwaffe.“ Yas<strong>in</strong>the schlug den Mantel zurück. Darunter kam e<strong>in</strong> breiter Gürtel<br />

mit e<strong>in</strong>er Peitsche zum Vorsche<strong>in</strong>. Die Nixe riss die Augen auf.<br />

Die Drei stellten sich feixend um ihr Opfer, umschlichen es wie Raubtiere.<br />

„Hast alles mit angehört, Lula, nicht wahr?“ sagte Yas<strong>in</strong>the. „Und, was hältst du von unserem Plan?<br />

Ach so, du kannst ja gar nicht mehr reden…bist stumm wie e<strong>in</strong> Fisch.“<br />

„Sie hat wirklich e<strong>in</strong> hübsches Gesicht“ giftete Jadvige. „Aber das lässt sich ändern. “ Dann fiel ihr<br />

noch etwas e<strong>in</strong>: „ Naja, hübsch. Hat ganz schön Schuppen, unsere Schönheit.“ E<strong>in</strong> meckerndes<br />

Lachen. „Und st<strong>in</strong>kt unten rum nach Fisch.“ Branko spuckte <strong>in</strong> den Tümpel. Stolz blickte er um<br />

sich. „Hätte nie gedacht, dass ich mal so ne Fischfotze fangen würde!“ Froschauge lachte ebenfalls<br />

derb. „Und dass es so e<strong>in</strong>fach se<strong>in</strong> würde…e<strong>in</strong> Schlag mit dem Paddel, und im nächsten Moment<br />

hat die kle<strong>in</strong>e Nymphoman<strong>in</strong> schon <strong>in</strong> unserem Netz gezappelt. Ich me<strong>in</strong>e, ich habe im<br />

Flüsterwasser ja schon e<strong>in</strong>iges erlebt, aber so was schlägt dem Fass den Boden aus“<br />

„Es war der Kairan“, sagte Yas<strong>in</strong>the. „Se<strong>in</strong>e magischen Kräfte haben sie wohl verwirrt. Außerhalb<br />

des Wassers s<strong>in</strong>d die Fischweiber ziemlich wehrlos.“<br />

„Neulich hast du noch geme<strong>in</strong>t, du hättest sie beim Sonnenbaden zwischen den Felsen überrascht“,<br />

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maulte Jadvige. Sie klang eifersüchtig.<br />

Die Geweihte des Namenlosen gab Branko e<strong>in</strong> Zeichen – dieser löste das Kranseil von e<strong>in</strong>em<br />

Pflock und zog die erstickt jammernde, verzweifelt zuckende Nixe hoch, bis sich nur noch die<br />

Fluke im Wasser befand. Es war e<strong>in</strong> unwürdiges Schauspiel: wie Raubfischer, die e<strong>in</strong>en<br />

harpunierten Delph<strong>in</strong> hoch hievten. Nun sah Storko die blutigen Striemen auf dem Rücken der<br />

Seejungfrau. Ihre Schuppen waren an e<strong>in</strong>igen Stellen abgeschabt: Sie hatten sie grausam gequält.<br />

Der Edelmann ballte zornig die Faust.<br />

Yas<strong>in</strong>the zog die Peitsche aus ihrem Gürtel.<br />

„E<strong>in</strong> paar Stunden im Trockenen, und diese wunderschönen Kreaturen enden als Dörrfisch, nicht<br />

wahr?“ E<strong>in</strong> kaltes, pervalisches Gr<strong>in</strong>sen. „Aber ihre Macht über das Wasser und das Wetter am See<br />

ist wirklich bee<strong>in</strong>druckend. Dieser Fettsack von Dorfschulze….so was hat der noch nicht erlebt. Hat<br />

geglotzt wie e<strong>in</strong> Huhn wenns donnert. E<strong>in</strong>e gefangene Nixe, die mit ihrem S<strong>in</strong>gsang e<strong>in</strong>en Sturm<br />

auf der Orkensauffe auslöst. Und was für e<strong>in</strong>en Sturm…“<br />

„Ja.“ Der Kairantaucher machte das Seil wieder fest. Dann betatschte er die Brüste der Nixe.<br />

„Völlig fertig war der. Seitdem machen die <strong>in</strong> Globomong<strong>in</strong>g ke<strong>in</strong>e Scherereien mehr…“<br />

„Du sagst es.“ Storko zuckte zusammen, als die Peitsche knallte und ihr Echo hart widerhallte –<br />

zum Glück nur auf dem Höhlenboden. „Unsere schöne Lula hier. Was hat sie sich damals<br />

gesträubt.“ Der Stimme nach zu urteilen, war Yas<strong>in</strong>the nicht wirklich davon überzeugt, es hier mit<br />

dem berühmten Fabelwesen zu tun zu haben.<br />

„Den Fehler wird unser Goldfisch hier nicht noch e<strong>in</strong>mal begehen, da b<strong>in</strong> ich sicher. So ist es doch,<br />

Fischweib, oder? Obwohl wir für soviel Nixentränen sicherlich e<strong>in</strong>en hübschen Preis erzielen<br />

werden, drüben <strong>in</strong> Yol-Ghurmak. “ Branko zog den Kopf der Seejungfer an den Haaren zurück, als<br />

wäre sie irgende<strong>in</strong>e Hafenhure. Die grünen Augen sahen leidend, aber ansonsten apathisch zur<br />

Decke. Dem Schmuggler wurde se<strong>in</strong> Treiben im nächsten Moment selbst unheimlich. Er ließ los.<br />

„Wenn du noch mal was mit dem Wasser anstellst, von wegen Wasserschlangen herbeirufen und<br />

dergleichen – dann gibt es morgen Fischfilet!“ Branko legte ihr die Schneide se<strong>in</strong>es Rapiers auf den<br />

schuppigen Unterleib. Wieder ke<strong>in</strong>e Reaktion. Der Kultist stieß die Gefangene an, so dass sie hilflos<br />

unter dem Kran baumelte. Schließlich packte er wieder das Seil und zog sie endgültig aus dem<br />

verfluchten Wasser. Jadvige griff nach e<strong>in</strong>er Harpune, die gegen die Wand lehnte, und hielt sie dem<br />

Wassergeist an die Kehle. „Verflucht, me<strong>in</strong>e Kle<strong>in</strong>e. Diese Kl<strong>in</strong>ge hier ist verflucht. Glaub mir, e<strong>in</strong><br />

Stich damit lässt sogar e<strong>in</strong> Zauberweib wie dich verfaulen…Also besser ke<strong>in</strong>e Metzchen…“ Ihr<br />

Flossenohr zuckte nervös.<br />

Irgendetwas geschah nun mit dem Fischschwanz: Er verformte sich, teilte sich <strong>in</strong> zwei Gliedmaßen,<br />

wurde langsam zu blutigen Menschenbe<strong>in</strong>en. Der grünliche Schimmer <strong>in</strong> den Haaren verschwand.<br />

Die Nixe sah nun endgültig schutzlos und verwundbar aus. Menschlich…Aber sie war auch <strong>in</strong><br />

dieser Gestalt noch immer wunderschön.<br />

„E<strong>in</strong>e ganz normale Schlampe“, griente der Kairantaucher. „Wer sagt´s denn. Mit allem was<br />

dazugehört.“ Branko blickte begeistert auf die entsprechende Stelle und kratzte sich am Gemächt.<br />

„Könnte ich sie mal e<strong>in</strong> paar Stunden…benutzen?“<br />

„In e<strong>in</strong> paar Stunden wäre sie tot“, lachte Yas<strong>in</strong>the herzlos. „Es sei denn, ihr beide mögt es feucht.“<br />

Ohne Vorwarnung zog sie der Nixe die Peitsche über die Be<strong>in</strong>e. „Lula“ stöhnte qualvoll auf. „Ne<strong>in</strong>.<br />

Sie ist e<strong>in</strong> Raubtier. Ihr wärt beide tot.“ Die Kultist<strong>in</strong> senkte ihre Waffe, zog den Lederriemen durch<br />

ihre Hand.<br />

„Ich glaube, du hast unsere gut geme<strong>in</strong>ten Warnungen verstanden.“ E<strong>in</strong> W<strong>in</strong>k der „Rätt<strong>in</strong>“, und<br />

Branko ließ se<strong>in</strong> Opfer wieder <strong>in</strong> den Teich. Die Be<strong>in</strong>e wuchsen zusammen, die schöne weiße Haut<br />

verwandelte sich erneut <strong>in</strong> Fischschuppen.<br />

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Yas<strong>in</strong>the zog e<strong>in</strong>en Klumpen Wachs hervor, formte mehrere Pfropfen. „Me<strong>in</strong> Wunsch, Lula, ist<br />

e<strong>in</strong>fach. Wie du gehört hast, br<strong>in</strong>gen sie sich drüben im Dorf gerade um. Für e<strong>in</strong> zartbesaitetes<br />

Wesen wie dich sicher e<strong>in</strong>e schwer erträgliche Vorstellung …Also wirst du ihnen etwas vors<strong>in</strong>gen,<br />

wie du es schon mal für uns getan hast. Regen… Ja, ich glaube Dauerregen wird ihre erhitzten<br />

Gemüter beruhigen. Hast du das verstanden? Ich weiß, dass du Regen herbeirufen kannst.“<br />

Die Nixe räkelte sich, halb angewidert, halb erleichtert, im Wasser. Dann nickte sie widerwillig.<br />

„Gut.“ Die Priester<strong>in</strong> verteilte das Wachs. „Verstopft euch damit erstmal die Ohren.“ Nachdem ihr<br />

Befehl ausgeführt worden war, nahm sie der Nixe den Belegnagel aus dem Mund, wich hastig<br />

zurück. Das Mädchen rang nach Luft.<br />

Storko verschlug es den Atem. Jetzt, wo er auch noch die fordernden Lippen und schneeweißen<br />

Zähne der Seejungfrau bewundern durfte, hatte er se<strong>in</strong>e Sorge um Glyrana fast wieder vergessen.<br />

Mit schmerzverschleierten Augen sah sie <strong>in</strong> die Runde (Storko schien es, als würde sie nach ihm<br />

Ausschau halten). Branko wich dem Blick aus, Jadvige hielt ihm mit verkniffenem Gesicht und<br />

erhobener Harpune stand. Selbst die Priester<strong>in</strong> tastete respektvoll nach e<strong>in</strong>em Amulett, das e<strong>in</strong>e<br />

gekrönte Ratte zeigte. Aber die Nixe senkte nur scheu die Augen.<br />

Dann blickte sie h<strong>in</strong>über zu dem natürlichen Hafen der Höhlene<strong>in</strong>fahrt und öffnete zart ihren Mund.<br />

Storko glaubte se<strong>in</strong>er Wahrnehmung nicht zu trauen: E<strong>in</strong>e Handvoll Wasser stieg aus der kle<strong>in</strong>en<br />

Bucht auf, wie von Geisterhand geschöpft. Es formte sich zu e<strong>in</strong>er faustgroßen Kugel, schwebte <strong>in</strong><br />

Schritthöhe auf die Nixe zu. Sie trank es e<strong>in</strong>fach aus der Luft, wie e<strong>in</strong> Schmetterl<strong>in</strong>g, der sich an<br />

e<strong>in</strong>em Wassertropfen labte.<br />

Dann begann sie wirklich zu s<strong>in</strong>gen, nicht mit Worten, zum<strong>in</strong>dest <strong>in</strong> ke<strong>in</strong>er Sprache, die e<strong>in</strong>er der<br />

Anwesenden verstand. Es war e<strong>in</strong> überderischer, geisterhafter S<strong>in</strong>gsang, der an das An- und<br />

Abschwellen des W<strong>in</strong>des über dem See er<strong>in</strong>nerte, an sachten Wellenschlag, das fe<strong>in</strong>e<br />

Meeresrauschen <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Muschel, an unschuldige K<strong>in</strong>derlaute ebenso wie an s<strong>in</strong>nliche Verführung<br />

und M<strong>in</strong>nespiel. Mal klang er traurig, dunkel und sehnsuchtsvoll, mal hell, hoffnungsfroh und<br />

heiter. Die Sphärenklänge füllten die gesamte Höhle aus, schienen zugleich von außerhalb zu<br />

kommen wie aus dem Innersten von Lulas Seele (so die Nixe denn e<strong>in</strong>e hatte).<br />

Jede Sorge, aller Kle<strong>in</strong>mut fiel von Storko ab. Er hätte stundenlang zuhören können, vielleicht tat er<br />

es sogar. Dennoch war da auch e<strong>in</strong> zartbitterer Schmerz, e<strong>in</strong> Hauch von Wehmut, wie ihn sonst<br />

wohl nur Liebende empfanden. Der berühmte Stich mitten <strong>in</strong>s Herz. Oder war er bereits heillos<br />

verliebt? Der Anblick der Nixe <strong>in</strong> Menschengestalt hatte <strong>in</strong> ihm wahnwitzige Hoffnungen geweckt.<br />

Sang sie <strong>in</strong> diesem Moment nicht alle<strong>in</strong> für ihn? Der Gesang verebbte, nach e<strong>in</strong>er Ewigkeit und<br />

doch viel zu früh. Die Seejungfrau lächelte ihn an, so glaubte er zum<strong>in</strong>dest. Irgendwo <strong>in</strong> der Ferne<br />

grummelte e<strong>in</strong> Gewitter. Das Donnern wurde lauter, W<strong>in</strong>d kam auf. Die ersten Blitze tauchten die<br />

Höhle <strong>in</strong> e<strong>in</strong> grellweißes Licht. In ihrem Flackern wirkte das Gesicht der Gefangenen plötzlich<br />

maskenhaft, starr und schrecklich-schön <strong>in</strong> all ihrer Macht. Fast schon dämonisch, wie das<br />

Götzenbild h<strong>in</strong>ter ihr. Storko graute es, vor ihr und der Ersäufer<strong>in</strong> wie vor sich selbst: Wie konnte er<br />

e<strong>in</strong> derart … unwirkliches, fremdartiges Geschöpf lieben? Sie war nicht von dieser Welt, soviel<br />

stand fest. Jedenfalls nicht von se<strong>in</strong>er. Erneut krachte, rumpelte der Donner. Regentropfen wehten<br />

von draußen im Mondlicht here<strong>in</strong>.<br />

Nur der Priester<strong>in</strong> schien die Situation zu gefallen. „Sehr gut“, sagte sie mit lauter Stimme. „Br<strong>in</strong>gt<br />

das Fischweib wieder zum Schweigen, ich werde mir das Schauspiel oben ansehen.“ Sie<br />

verdeutlichte den tauben Spießgesellen mit Gesten, was sie me<strong>in</strong>te. Mit wehendem Mantel eilte die<br />

Rätt<strong>in</strong> zur Treppe.<br />

Storko rang mit sich als die beiden verfluchten Diener der Tiefen Tochter die Nixe wieder<br />

gewaltsam packten und ihr den Belegnagel <strong>in</strong> den Mund schoben. Ihr Gesang hatte ihn betört,<br />

23


nichts anderes wollte er <strong>in</strong> jenem Moment als mit Lula <strong>in</strong> den See zu enttauchen und mit ihr<br />

zusammen zu se<strong>in</strong>.<br />

Die Wassernixe zuckte mit ihrem Fischschwanz als Branko den Strick des Knebels h<strong>in</strong>ter ihrem<br />

Kopf kräftig anzog. „Jetzt heißt es wieder still se<strong>in</strong> für die Fischschlampe Lula“. Er lachte hämisch.<br />

Storko griff zum Knauf se<strong>in</strong>es Schwertes, das noch immer an se<strong>in</strong>em Gürtel h<strong>in</strong>g. Diesem<br />

dahergelaufenen Schwe<strong>in</strong> würde er es zeigen, e<strong>in</strong> solch wunderbares Geschöpf zu misshandeln. Fast<br />

wäre er nach vorne gestürmt den beiden den Garaus zu machen, doch langsam kam se<strong>in</strong> Verstand<br />

wieder zurück. Er er<strong>in</strong>nerte sich an Glyrana, se<strong>in</strong>en Sohn, Gernatsborn und an die Schatzgarde – er<br />

hielt se<strong>in</strong>e Emotionen zurück. Noch immer tropfte dunkler feuchter Schleim aus se<strong>in</strong>er Nase.<br />

„Ist der schwer, aufgedunsen vom Wasser“ bemerkte Jadvige als sie den Toten nach oben durch die<br />

Grotte schleppen wollte. „Komm her Branko, glotz das Fischweib nicht so lang an, oder willst du<br />

gar ihr erliegen“. Knurrend packte er mit an und sie trugen die Leiche h<strong>in</strong>auf auf die Oberfläche der<br />

Insel.<br />

Nun war Storko wieder alle<strong>in</strong> <strong>in</strong> der Grotte, alle<strong>in</strong> mit der schönen Lula. Von draussen hörte man<br />

noch immer den stetigen Regen prasseln, der Donner grollte bis hier h<strong>in</strong>e<strong>in</strong> und das Licht der Blitze<br />

drang durch das Wasser. Er g<strong>in</strong>g aus se<strong>in</strong>er Deckung heraus und machte e<strong>in</strong> paar Schritte um die<br />

Nixe besser sehen zu können. Ihm war kalt, er schlotterte, dennoch zog er se<strong>in</strong> Wasser triefendes<br />

Hemd wieder an. Sollte er Lula nun befreien? Er versuchte ihren Blicken zu widerstehen um klar<br />

denken zu können. Sie würde ihm um den Verstand br<strong>in</strong>gen und <strong>in</strong> die Tiefe ziehen, und die üblen<br />

Pläne der Diener<strong>in</strong> des Namenlosen würden aufgehen. Er hatte genug gehört, ne<strong>in</strong> eher zu viel. E<strong>in</strong>e<br />

Räuberbaronie sagte sie, unter dämonischem und namenlosem E<strong>in</strong>fluss. Hier <strong>in</strong> <strong>Friedwang</strong> wollten<br />

sie die Schwarzen Landen erweitern, sich aus der zerrütteten Ordnung <strong>in</strong> der Wildermark Vorteile<br />

verschaffen. Und Yas<strong>in</strong>the hatte Recht, die Schatzgarde war genau das H<strong>in</strong>dernis dafür, denn sie<br />

stand für Reichsordnung – mit Gold für das Reich ließen sich eben Verwalter und Soldaten<br />

bezahlen. Und – Storko schauderte als es ihm wieder <strong>in</strong> Er<strong>in</strong>nerung kam – sie hatte se<strong>in</strong>e<br />

schwangere Gemahl<strong>in</strong> erwähnt, ihm kamen übelste Vorstellungen hoch, die Zukunft se<strong>in</strong>es Hauses<br />

stand auf dem Spiel. Er musste zurück und Lula hier lassen – vorerst. Er drehte ihr den Rücken zu<br />

und murmelte, was sie nicht mit ihren Ohren hören aber e<strong>in</strong> zauberkundiges Wesen <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en<br />

Gedanken lesen konnte „Heute kann ich dich nicht befreien, doch ich werde wieder kommen und<br />

dich retten!“ Er versuchte nicht mehr <strong>in</strong> ihre Richtung zu sehen und nicht mehr an sie zu denken.<br />

Durch das den Durchgang Unterwasser sah man die aufhellenden Lichter der Blitze die durch den<br />

nassen Grottenboden reflektiert wurden, draussen musste es gar arg schütten. Wie sollte er nun<br />

wieder nach Efferd<strong>in</strong>g gelangen. H<strong>in</strong>auf zu gehen und e<strong>in</strong> Boot zu nehmen? Zu gefährlich, sie<br />

könnten ihn entdecken oder bemerken, dass e<strong>in</strong> Boot fehlt. Dann wüssten sie, dass sie enttarnt wäre<br />

und der Wissensvorteil wäre verloren. Zweifellos würde die Rätt<strong>in</strong> die gee<strong>in</strong>ten Räuber der Baronie<br />

dazu bewegen den Wagen der Schatzgarde mit vollen Steuergeldern zu überfallen – sie werden <strong>in</strong><br />

ihre eigene Falle gehen, dachte sich Storko.<br />

Der triefend nasse Offizier sah se<strong>in</strong>e L<strong>in</strong>ke an, die noch immer die verfluchte Fischmaske hielt. Sie<br />

war das (verme<strong>in</strong>tlich sichere) Tor hier h<strong>in</strong>aus wie auch der Beweis für die niederhöllische<br />

Verschwörung die im Gange war. Doch wieder die Maske aufsetzen und dunkles Wasser atmen –<br />

Pfui. Storko fröstelte wieder stärker, er brauchte alsbald e<strong>in</strong>en warmen Platz und trockene Kleider<br />

wolle er nicht am Fieber erkranken. Es gab ke<strong>in</strong>en besseren Weg, er musste wiederum e<strong>in</strong> Geschöpf<br />

des Wassers werden.<br />

Wiederwillig hielt er sich das glitschige D<strong>in</strong>g vor dem Kopf und musste ke<strong>in</strong>e Sekunde warten bis<br />

sie die nasse lederne Haut um se<strong>in</strong> Haupt geschlungen hatte. Traniger Geruch schoss <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e Nase,<br />

ke<strong>in</strong>e war mehr zum Atmen vorhanden. Doch es war dieses Mal weniger abscheulich, hatte er sich<br />

daran gewöhnt? Storko machte e<strong>in</strong>en Satz und sprang mit dem Kopf vorwärts <strong>in</strong> das Wasser der<br />

Gotte. Gar nicht schlecht, dachte er, se<strong>in</strong> gewandter Köpfler hätte selbst die Nixe bee<strong>in</strong>drucken<br />

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können. Dann holte er Luft, oder besser gesagt Wasser. Es schien ihm als ströme das kühle Nass<br />

durch se<strong>in</strong>en Leib, es war sonderbar angenehm. E<strong>in</strong> Blitz zuckte von außerhalb des Unterseekanals<br />

und erhellte die Wasserkammer, sodass er selbst durch die verzerrenden Glubschaugengläser der<br />

Maske die Umgebung und den Weg gut erfassen konnte.<br />

Er begann zu schwimmen. Obwohl es kalt war schien ihm das nichts mehr auszumachen. Die<br />

Fische wichen ihm aus oder hatten sich ohneh<strong>in</strong> aufgrund des Sturmes der an der Oberfläche tobte<br />

<strong>in</strong> die Algenwälder am Grund zurückgezogen. Storko bemerkte, dass die Maske ihn nicht nur<br />

Unterwasser atmen ließ, sondern auch, dass die Art Fischflossenohren daran se<strong>in</strong> Hörvermögen im<br />

Nass verbesserte. Auch wenn der Regen auf die Oberfläche prasselte und e<strong>in</strong> stetes Grollen <strong>in</strong><br />

se<strong>in</strong>en Ohren erzeugte nahm er auch die fe<strong>in</strong>en Geräusche der anderen Wasserbewohner war. Er<br />

fühlte sich fast wie e<strong>in</strong> Neckermann. Auch se<strong>in</strong> Gesichtss<strong>in</strong>n hatte sich schon an das Trübe<br />

gewöhnt, die alles erhellenden Blitze blendeten ihn nun.<br />

Er schwamm und schwamm <strong>in</strong> die Richtung <strong>in</strong> die er glaubte, dass es zurück zum Ort gehen würde.<br />

Auch wenn er die Umgebung nun gut wahrnahm konnte er sich nicht orientieren. Er musste<br />

auftauchen um sich umzusehen.<br />

Er schwamm nach oben und reckte se<strong>in</strong>en Fischkopf aus dem Wasser. Er schreckte zurück, es<br />

schüttete und brauste. Ohren betäubender Lärm umkreise se<strong>in</strong> Haupt und alles war dunkel,<br />

verschwommen und diffus. Wieder durchzuckte e<strong>in</strong> Blitz die Umgebung, das Licht war hier noch<br />

viel greller als Unterwasser. Dennoch konnte er die Insel <strong>in</strong> der Ferne erspähen, erschien etwas<br />

abgedriftet zu se<strong>in</strong>. Doch wo war Efferd<strong>in</strong>g? Langsam gewöhnten sich se<strong>in</strong>e S<strong>in</strong>ne an die Unruhe<br />

Überwasser. Dort drüben waren Lichter zu erkennen, schwach aber dennoch drang Fackel- oder<br />

Feuersche<strong>in</strong> von dem Ort hervor. Hatte se<strong>in</strong>e Schatzgarde gar das Dorf <strong>in</strong> den Kämpfen <strong>in</strong> Brand<br />

gesetzt, waren die Bewohner geschlachtet worden. Er wusste nur zu gut, dass e<strong>in</strong> paar se<strong>in</strong>er<br />

altgedienten Gardisten nicht zimperlich waren und auch nicht vor e<strong>in</strong>em Gemetzel zurückschrecken<br />

würde.<br />

Storko wollte Luft holen, doch es war ke<strong>in</strong> Wasser Überwasser – er musste wieder unter tauschen.<br />

E<strong>in</strong> paar Schritt unter der Oberfläche war es angenehm ruhig. Das Schilf, die Fische und er selbst<br />

bewegten sich im Takt der Strömung des dunklen Wassers der Nacht, fast als flüsterte das Wasser<br />

ihm zu. Sollte er die Maske überhaupt anderen offenbaren, denn sie verlieh Macht, ja die Kraft<br />

Unterwasser zu bleiben so lange man wollte … doch im Inneren wusste Storko, dass sie ihn am<br />

Ende <strong>in</strong> die schwarzen Tiefen ziehen würde.<br />

Harka war kalt. Die Gardist<strong>in</strong> klammerte sich an ihrer Hellebarde und versuchte so weit wie<br />

möglich ihren Körper an die Hausmauer des Gasthauses zu pressen, denn auch wenn sie unter dem<br />

Vorsprung des E<strong>in</strong>gangs den sie bewachte Stellung bezogen hatte spritzte das herabregnende Wasser<br />

aus allen Richtungen und hatte sie schon lange durchnässt. So e<strong>in</strong> Gewitter hatte sie schon lange<br />

nicht mehr erlebt. Plötzlich wie aus heiterem Himmel kamen die Wolken, der Sturm und der Regen<br />

– just <strong>in</strong> dem Moment als der Weibel den Befehl zum Angriff geben wollte, die heillose Meute<br />

konnte nicht mehr im Zaum gehalten werden. Rondra sei Dank, denn sie wollte nicht mit der Waffe<br />

gegen wehrlose Bauern stechen müssen. Spätestens als der Hagel e<strong>in</strong>setzte hatten sich alle <strong>in</strong> ihre<br />

Häuser zurück gezogen. Das Lager brachen sie ab und verschanzten sich im „Hecht“ - wie e<strong>in</strong>e<br />

kle<strong>in</strong>e Festung kam das Gasthaus Harka nun vor. Von oben hörte sie das Plaudern von e<strong>in</strong> paar<br />

Armbrustern die so wie sie <strong>in</strong> Stellung waren. Von irem Platz konnte sie die Umgebung eigentlich<br />

ganz gut übersehen, und bei jedem Blitz war er hell wie von tausend Fackeln beleuchtet.<br />

„Da kommt jemand, Achtung!“ rief e<strong>in</strong> anderer Gardist vom ersten Stock. „Was“ murmelte Harka,<br />

„den hett' ich doch sehen müssen.“ „Da schau!“ rief Elw<strong>in</strong>, der zweite Torwächter und streckte<br />

se<strong>in</strong>e Hellebarde mehr abwehrend als angreifend <strong>in</strong> die Dunkelheit.<br />

25


Wieder e<strong>in</strong> Blitz. Plötzlich stand e<strong>in</strong>e Person vor ihnen, oder doch e<strong>in</strong>e Kreatur. Sie sahren<br />

zerzauste Haare, nasse Fetzen hangen von den Armen herab. „Halt!“ rief Harka „Wer da!“.<br />

„Macht Platz“ sprach Storko mit ernster Stimme. Erst jetzt erkannten die beiden Gardisten, dass ihr<br />

Hauptmann vor ihnen stand. Wo er auch <strong>in</strong> der letzten Stunde auch war und was ihm wiederfahren<br />

war, er sah arg <strong>in</strong> Mitleidenschaft gezogen aus. Durchnässte, ja schlammige Kleidung, gar waren<br />

e<strong>in</strong> paar Ranken e<strong>in</strong>er Wasserpflanze über se<strong>in</strong>er Schulter zu erkennen. Se<strong>in</strong> Gesicht zeigte etliche<br />

leicht blutende Wunden, die Haut schien an Stellen abgerissen zu se<strong>in</strong>, se<strong>in</strong>e Lippen waren<br />

gequollen und weißlich. Er roch nach Tran und Fisch.<br />

„Ja, Jaw, Jawohl Herr Hauptmann“ stotterte Elw<strong>in</strong> und öffnete die Tür zum Gastraum. Er dachte<br />

sich nur, besser nicht nachfragen, wie seltsam dies auch war.<br />

Im Schankraum waren gut e<strong>in</strong> Dutzend Personen. E<strong>in</strong> paar leicht verletzte Gardisten scharten sich<br />

um die Feuerstelle und aßen Brot. Als sie den Hauptmann <strong>in</strong> dem here<strong>in</strong>tretenden Mann erkannten,<br />

was gut e<strong>in</strong> paar Sekunden dauerte Standen sie ordnungsgemäß auf. Der Schulze saß am Tisch,<br />

auch wenn e<strong>in</strong> blutiger Verband se<strong>in</strong> Haupt krönte war er wieder bei Bewusstse<strong>in</strong>. Daneben saß<br />

auch die Büttel<strong>in</strong> von Efferd<strong>in</strong>g. Der Trabant des Hauptmannes Xebbert Zweimühler sowie der<br />

Weibel Hagen Wehrheimer erhoben sich sofort und blickten ihren Offizier verwundert an. Nicht nur<br />

dass er aussah und roch als hätte er im Schilf mit e<strong>in</strong>em Krakenmolch gekämpft, er hatte auch e<strong>in</strong>n<br />

seltsam glibbriges Etwas <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Hand.<br />

Der vollbärtige und kräftige Gutfünfziger von Unteroffizier trat an Storko heran „Hauptmann, was<br />

ist mit euc...“. „Nicht jetzt“ unterbrach ihn der Edelmann, der grade ganz und gar nicht wie e<strong>in</strong><br />

solcher aussah. „Sofort nachdem das Unwetter aufgehört hat werden wir unseren Weg nach<br />

Senkenthal aufnehmen. Der Bote soll wenn der Regen zurück geht voraus reiten und von den<br />

Geschehnissen berichten. Hagen nickte. Dann wandte sich Storko se<strong>in</strong>em Trabanten zu und flüsterte<br />

„Xebbert, von nun an musst du me<strong>in</strong>e Gemahl<strong>in</strong> auf Schritt und Tritt bewachen und für ihren<br />

Schutz sorgen, verstanden!“ „Jawohl antwortete dieser knapp.<br />

Ohne weitere Worte zu verlieren g<strong>in</strong>g der Gernatsborner <strong>in</strong>s Obergeschoß wo se<strong>in</strong>e Familie<br />

untergebracht war. Er wollte Glyrana alles Erlebte erzählen. Sie hatte e<strong>in</strong> außerordentliche Gabe der<br />

Menschenkenntnis und die Fähigkeit Seelenruhe zu vermitteln, was wohl mit ihrem jugendlichen<br />

Klosterdienst der Heiligen Noionia herrühren musste. Er wolle ihr alles erzählen, bis auf die<br />

schändlichen Gefühle die er der Nixe gegenüber hatte, als wie auch, dass Yas<strong>in</strong>the Glyrana selbst<br />

erwähnt hatte – er wollte sie weder kränken noch mehr beunruhigen.<br />

Der Regen plätscherte <strong>in</strong> Strömen herab. Storko lugte unter se<strong>in</strong>em gewachsten Mantel hervor,<br />

spähte nach h<strong>in</strong>ten, wo der schwere Wagen die schlammige Landstraße entlang ruckelte. Die L<strong>in</strong>ie<br />

se<strong>in</strong>er Gardisten war doch recht ausgedünnt, was dem schmalen Weg durch den Wald geschuldet<br />

war. Bemooste Ste<strong>in</strong>e und Wurzelwerk ragten <strong>in</strong> das dunkle, löchrige Braun des Karrenwegs h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>.<br />

Nasse Zweige strichen den Gardisten über die Barette, deren Federn schlapp unter dem kalten Guss<br />

herabh<strong>in</strong>gen. Ke<strong>in</strong> stolzer Anblick. Er er<strong>in</strong>nerte eher an e<strong>in</strong>e Armee auf dem traurigen Rückzug.<br />

Welkes Laub fiel herab.<br />

Alle möglichen Gedanken schwirrten <strong>in</strong> Storkos Kopf herum. Seltsamerweise hatte er <strong>in</strong> den<br />

wenigen Stunden Schlaf kaum von der Orkensauffe, der Nixe oder dem Unheiligtum geträumt.<br />

Sondern mehr von se<strong>in</strong>er Zeit als Kadett der Kaiserlich Wehrheimer Akademie. Das Gebrüll des<br />

allseits beliebten „Weibels Wüst“ hallte noch immer <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en Ohren („Gernatsbooorn, wir s<strong>in</strong>d hier<br />

nicht im Orkland, also paradieren wir hier auch nicht wie bei den praiosverfluchten Orken! Will er<br />

sich über mich lustig machen? Will er sich über den Reichsbehüter lustig machen mit se<strong>in</strong>em<br />

Gehampel? Augäään geradäää aussss – auch wenn für ihn offenbar gerade tausend nackte<br />

Rahjadiener<strong>in</strong>nen über den Himmel tanzen!“). Gefolgt war stundenlanges Strafexerzieren im<br />

26


Schlamm. Dafür kamen ihm se<strong>in</strong>e Erlebnisse unter Wasser und <strong>in</strong> der Höhle jetzt, nach dem<br />

Erwachen, wie e<strong>in</strong> Traum vor.<br />

Das Gespräch mit Glyrana…nun ja, sie hatte se<strong>in</strong>e Geschichte schweigend angehört, und ihn am<br />

Ende mit großen, dunklen Rabenaugen angesehen. Besonnen, ruhig – und irgendwie vorwurfsvoll<br />

… Ahnte sie, dass da doch mehr Gefühle für die Nixe im Spiel gewesen waren, als er es hatte<br />

zugeben wollen (und können?). Oder missbilligte sie es, dass er das Zauberwesen so e<strong>in</strong>fach im<br />

Stich gelassen hatte? Storko verzog die Lippen, sofort rann ihm Wasser den Mundw<strong>in</strong>kel h<strong>in</strong>ab. In<br />

Stich gelassen… Nun, bei e<strong>in</strong>er derartig unberechenbaren, fremdartigen Kreatur traf diese harte<br />

Formulierung die D<strong>in</strong>ge wohl nicht ganz.<br />

Er versuchte den Blick ihrer seegrünen Augen aus se<strong>in</strong>em Geist (ebenso wie aus se<strong>in</strong>em Herzen) zu<br />

verbannen - e<strong>in</strong> Blick, der ihn spätestens <strong>in</strong> dem Moment im Innersten getroffen hatte, als er aus der<br />

Grotte geflohen war. Zum<strong>in</strong>dest aus dem Kopf vermochte er die Er<strong>in</strong>nerung zu verscheuchen. Was<br />

hatte er getan: Das Richtige? Das wenig Heldenhafte, aber Naheliegende? Das e<strong>in</strong>zige Vernünftige?<br />

Das ihm Menschenmögliche? Gab es überhaupt e<strong>in</strong>e richtige Verhaltensweise <strong>in</strong> Situationen, die<br />

den Alltagsverstand jedes Menschen überfordern mussten? Dennoch….Machte er es sich nicht<br />

gerade wieder e<strong>in</strong>mal zu leicht? Auf welcher Seite stand er eigentlich? Irgendwie kam sich Storko<br />

vor wie e<strong>in</strong> verkappter Spießgeselle der Dämonenbündler: zum<strong>in</strong>dest, wenn es um das trübe<br />

Schicksal der „Schönen Lula“ g<strong>in</strong>g.<br />

Versonnen tastete er nach den kle<strong>in</strong>en, aber schmerzhaften Wundmalen <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Gesicht. Storko<br />

erschrak, als er glucksend Wasser ausspuckte, das ihm <strong>in</strong> den Rachen gelaufen war. Er keuchte.<br />

Konnte es se<strong>in</strong>, dass diese Maske die Seele ihrer Träger derart schnell an die Tiefe Tochter<br />

auslieferte? Storko beschloss, das schmierige D<strong>in</strong>g möglichst bald e<strong>in</strong>em Tempel der Zwölfgötter zu<br />

übergeben.<br />

Glyrana…Se<strong>in</strong>e geliebte Gatt<strong>in</strong>. Als Storkos Bericht gestern Nacht geendet hatte, hatte die<br />

Mers<strong>in</strong>gen die Situation wieder e<strong>in</strong>mal als erstes voll durchschaut. E<strong>in</strong>e Falle…natürlich, man<br />

konnte dieses Wissen hervorragend verwenden, um den Aufrührern e<strong>in</strong>e Falle zu stellen. Wenn auf<br />

dem Rückweg statt des Goldes Bewaffnete im Wagen mitfahren würden…. Mit etwas Glück konnte<br />

man so dem gesamten Widerstand <strong>in</strong> der Baronie das Rückgrat brechen. Glyrana. Manchmal hatte<br />

sie e<strong>in</strong>fach wundervolle Ideen. Er würde darüber nachdenken, sich natürlich ausgiebig mit Bisch<br />

und Alrik beraten müssen.<br />

Der Aufbruch aus Efferd<strong>in</strong>g heute Morgen war dann völlig surreal gewesen. Dem Gewittersturm<br />

war der sanfte, nicht allzu unangenehme Herbstregen gefolgt, der noch immer anhielt. In se<strong>in</strong>em<br />

Plätschern hatten sich die erhitzten, aufgewühlten Gemüter rasch beruhigt, nur e<strong>in</strong>ige verschlossene<br />

Gesichter hatten den Abmarsch der Schatzgarde verfolgt, aus dem Schutz von Türrahmen und<br />

Vordächern heraus.<br />

Der Regen war derart beruhigend…dass es fast wieder beunruhigend war. Alles <strong>in</strong> allem hatte der<br />

Efferd<strong>in</strong>ger Aufruhr erstaunlich glimpflich geendet: hier war e<strong>in</strong> Schädel mit Verbandsstoff<br />

umwickelt worden, dort hatte e<strong>in</strong>e Hand bandagiert oder e<strong>in</strong> Schmiss mit e<strong>in</strong>em Lederpflaster<br />

zugeklebt werden müssen. Dennoch sah das Ganze mehr nach dem Ergebnis e<strong>in</strong>er wilden<br />

Wirtshausschlägerei als nach e<strong>in</strong>em echten Scharmützel aus. Rondra sei Dank. Zwei Zelte waren<br />

allerd<strong>in</strong>gs <strong>in</strong> Flammen aufgegangen, nur mit Mühe hatten sie den Wagen <strong>in</strong> Sicherheit gebracht, <strong>in</strong><br />

dem jetzt Glyrana und der kle<strong>in</strong>e Gisborn fuhren – streng bewacht von Leibwächter Xebbert, der<br />

se<strong>in</strong>e Schützl<strong>in</strong>ge tatsächlich kaum e<strong>in</strong>en Wimpernschlag aus den Augen ließ.<br />

Nun hatten sie das ungastliche Dorf seit etwas über e<strong>in</strong>er Stunde h<strong>in</strong>ter sich gelassen. Der Weg<br />

führte ziemlich geradl<strong>in</strong>ig durch e<strong>in</strong>en herbstbunten Wald. Dah<strong>in</strong>ter zur L<strong>in</strong>ken lag wohl noch die<br />

Orkensauffe, se<strong>in</strong> (etwas zu groß geratener) Badezuber <strong>in</strong> der vergangenen Nacht. Ach was, viel<br />

weniger feucht um ihn herum war es an diesem Vormittag auch nicht. Merkwürdig: Ke<strong>in</strong> Schnupfen<br />

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plagte ihn, ebenso wie das Gefühl, sich verkühlt haben: Irgendwie genoss er sogar die<br />

Nässe….obwohl er nur wenig Stunden geschlafen hatte, fühlte sich frisch…frisch wie e<strong>in</strong> Fisch im<br />

Wasser…Hastig schniefte er etwas davon e<strong>in</strong>: Wie lange hatte er es nicht mehr <strong>in</strong>haliert?<br />

G<strong>in</strong>g das schon wieder los? Verlegen räusperte er sich.<br />

Storko parierte se<strong>in</strong> Pferd und ließ den Bannerträger weiter traben. Wie erhofft, schloss nun der<br />

Spieß auf, der missmutig zu den dunklen Regenwolken jenseits der tropfenden Baumwipfel blickte.<br />

Seit an Seit ritten sie weiter<br />

„Sag, Wehrheimer, hast du eigentlich herausgefunden, wer der Meisterschütze war, der dem Molch<br />

gestern den Bolzen verpasst hat, drunten im Schilf? E<strong>in</strong> firungefälliger Schuss, fürwahr, der e<strong>in</strong>e<br />

Belobigung verdient…und mir überaus nützlich war…“<br />

Der Weibel wich e<strong>in</strong>em triefenden Tannenzweig aus und reckte das K<strong>in</strong>n.<br />

„Ja, Euer Wohlgeboren, tjahm…“ Hagen Wehrheimer kratzte sich an der Stelle, wo die leichte<br />

Garether Platte an se<strong>in</strong>em Hals anschloss.<br />

„Also, unsere Armbruster behaupten steif und fest, von ihnen wars ke<strong>in</strong>er. Den Kampf am Steg hat<br />

angeblich ke<strong>in</strong>er so richtig mitbekommen. Wir waren ja alle mordsmäßig abgelenkt wegen dem<br />

Aufruhr im Dorf“, fügte der Spieß eifrig h<strong>in</strong>zu.<br />

Storko sah erstaunt dre<strong>in</strong>. „Das kann nicht se<strong>in</strong>…“ Der Edle runzelte die Stirn. Hatten etwa die<br />

Efferd<strong>in</strong>ger geschossen? War das Ganze nur e<strong>in</strong> absurder Zufallstreffer?<br />

„Das heißt, die Gardist<strong>in</strong> Yppa, die zur gleichen Zeit vom Lager herbeigeeilt kam, hat berichtet, sie<br />

wäre von was am Kopf getroffen worden. Von e<strong>in</strong>em Ste<strong>in</strong>wurf. In ihrer Verwirrung hätte sie<br />

zufällig zum Dach des Gasthauses geblickt und dort e<strong>in</strong>en Schatten gesehen, auf e<strong>in</strong>er, wie sagt<br />

man, Manscharte…?“<br />

„Mansarde?!“<br />

„Ja, Euer Wohlgeboren.“<br />

„Das war ganz sicher niemand von uns?“<br />

„Ne<strong>in</strong>, das habe ich e<strong>in</strong>deutig geklärt, Herr. “<br />

„E<strong>in</strong> Schatten also – mit e<strong>in</strong>er Armbrust?“<br />

„Gut möglich. Es g<strong>in</strong>g aber alles drunter und drüber. F<strong>in</strong>ster wie <strong>in</strong> nem Orkarsch wars auch noch.“<br />

„Jaja, schon gut, ich war dabei. Dieser geheimnisvolle Schatten erklärt wohl dennoch den<br />

vortrefflichen Schuss. Und warum geruhte die Geme<strong>in</strong>e Yppolitta davon nicht unverzüglich<br />

Meldung zu machen? Wenn sich nachts irgendwelche Fremde über unseren Köpfen herumtreiben?<br />

Während e<strong>in</strong>es bewaffneten Aufstands gegen die Schatzgarde?“<br />

„Nun. Sie hatte gerade e<strong>in</strong>en schweren Ste<strong>in</strong> an den Helm bekommen und hielt das Ganze<br />

entsprechend erstmal für e<strong>in</strong>e S<strong>in</strong>nestäuschung.“ Hagen räusperte sich. Storko wurde unwirsch. Seit<br />

wann war se<strong>in</strong> Weibel derart e<strong>in</strong>silbig? Das Ganze? Der Junker spürte, dass da noch mehr im Busch<br />

war.<br />

„Ich verlange ordentliche Meldungen“, knarzte er ungnädig. „Wenn schon nicht von e<strong>in</strong>er<br />

benommenen Gardist<strong>in</strong>, dann wenigstens von me<strong>in</strong>em Weibel. Die ganze Geschichte – und nicht als<br />

Fortsetzungsroman für den Darpatischen Landboten, wenn ich bitten darf!“<br />

Hagen Wehrheimer senkte, fast schon verschämt den Blick: „Sie will gesehen haben, wie der<br />

Schütze… im Mondlicht davongeflogen ist, Herr. E<strong>in</strong>fach so…auf den See h<strong>in</strong>aus. Und dann im<br />

Dunklen verschwunden.“<br />

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„E<strong>in</strong> echter Schutzalveraniar“ sagte Storko und wunderte sich selbst, wie heiter er bei diesen<br />

Worten klang. E<strong>in</strong>en Moment lang wollte er Hagen tadeln (se<strong>in</strong>e Garde versuchte ihn zu foppen,<br />

oder?). Dann er<strong>in</strong>nerte er sich daran, auf welchem Weg er selbst das Gasthaus verlassen hatte.<br />

„E<strong>in</strong> Scherz“, fügte er mehrdeutig h<strong>in</strong>zu, als er Wehrheimers verstörten Blick sah.<br />

„Fledermausflügel“, würgte Hagen heraus. „Yppa glaubt riesige Fledermausflügel gesehen haben.<br />

Aber, Ihr müsst verstehen“ - er zog das Barett herunter – „als ich mit ihr gesprochen habe, war Ihr<br />

Kopf so dick bandagiert.“ Die F<strong>in</strong>ger des Unteroffiziers kreisten um se<strong>in</strong>en eigenen Schädel: sei es<br />

nun, um anzudeuten, wie dick der Verband oder wie groß der vermutete Dachschaden bei der<br />

Gardist<strong>in</strong> war.<br />

Bereits im nächsten Moment ahnte Storko, dass weiterer Nervenkitzel <strong>in</strong>s Haus stand: Als er sah,<br />

dass <strong>in</strong> etwa e<strong>in</strong>em Armbrustschuss Entfernung se<strong>in</strong> Bannerträger plötzlich angehalten hatte.<br />

Be<strong>in</strong>ahe war er froh, dass er sich erstmal nicht mehr mit dem Thema „fliegender Schutzalveraniar“<br />

befassen musste…<br />

Der Reiter stand vor e<strong>in</strong>em umgekippten (oder gefällten?) Buchenstamm, der den Weg versperrte<br />

und lugte misstrauisch nach beiden Seiten <strong>in</strong>s Dunkle des Waldes. Wie auf dem Präsentierteller,<br />

fauchte es <strong>in</strong> Storko. Bei e<strong>in</strong>em Sandkastenspiel an der Akademie hatte ihn „Weibel Wüst“ e<strong>in</strong>mal<br />

gehörig zur Schnecke gemacht, als er se<strong>in</strong>e Z<strong>in</strong>nsoldaten derart plump an e<strong>in</strong>er Barrikade im Wald<br />

aufgestellt hatte. Das war allerd<strong>in</strong>gs noch im ersten Ausbildungsjahr gewesen.<br />

Der Gardist war nun sogar abgestiegen. Nun sah er auch, warum: An e<strong>in</strong>er langen Le<strong>in</strong>e war e<strong>in</strong><br />

herrenloses, aufgeregt tänzelndes Pferd mit dem Wegh<strong>in</strong>dernis verbunden. Er versuchte es zu<br />

beruhigen – und aus dem Lasso zu befreien, <strong>in</strong> das es sich mit den H<strong>in</strong>terhufen verheddert hatte.<br />

Es gehörte e<strong>in</strong>deutig dem Botenreiter, den er heute Morgen nach Suunkdal geschickt hatte… Nur,<br />

dass er gerade nicht im Sattel saß. Genau genommen fehlte er komplett.<br />

Storko riss die Hand hoch, sorgte mit knappen Befehlen dafür, dass der Hauptzug weit vor dem<br />

H<strong>in</strong>dernis anhielt – und <strong>in</strong> Kampfstellung g<strong>in</strong>g. Er überlegte, ob er nach l<strong>in</strong>ks und rechts<br />

ausschwärmen lassen sollte, um e<strong>in</strong>en eventuellen Gegner im Wald <strong>in</strong> die Ferdoker Flanken-Zange<br />

nehmen zu können. Aber das Unterholz war e<strong>in</strong>fach zu dicht für e<strong>in</strong>en kühnen Reitervorstoß<br />

parallel zur Straße. Allerd<strong>in</strong>gs kam da auch Fußvolk kaum durch. Nicht unbed<strong>in</strong>gt der ideale Ort für<br />

e<strong>in</strong>en großangelegten H<strong>in</strong>terhalt. Vom Wetter ganz zu schweigen, das jede Bogensehne zum<br />

Erschlaffen br<strong>in</strong>gen musste.<br />

„Weibel, sorg dafür, dass hier vernünftig gesichert wird. Passt mir vor allem auf den Wagen auf. Ich<br />

seh mir das mal vorne genauer an.“ Der Junker trabte mit gezogener Kl<strong>in</strong>ge an. Dumpf trommelten<br />

die Hufe über den Waldweg, patschten durch Pfützen, zertraten e<strong>in</strong>zelne morsche Äste.<br />

Nun, hier, <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em kurzen, felsigen Hohlweg, sah die Gegend schon sehr viel geeigneter für e<strong>in</strong>en<br />

Überfall aus. Dennoch blieb es im Wald bis auf das Rauschen, Tropfen und Knistern des Regens<br />

ruhig. Es roch nach Moder, Pilzen und Laub. Ab und an fielen Blätter von den Bäumen.<br />

Se<strong>in</strong> Soldat hatte das Tier aus se<strong>in</strong>er Fesselung befreit und besänftigt. Der Baum war von oben <strong>in</strong><br />

den Hohlweg gestürzt: e<strong>in</strong> H<strong>in</strong>dernis, dass tatsächlich schwer zu umgehen und auch nicht zu<br />

überspr<strong>in</strong>gen war. Der Kurier hatte offenkundig versucht, den Baumstamm mit e<strong>in</strong>em Seil beiseite<br />

zu ziehen.<br />

„Das ist Moverts Brauner“, sagte der Gardist. „Der Botenreiter“, fügte er h<strong>in</strong>zu. „Es wundert mich,<br />

dass sie se<strong>in</strong> Pferd nicht auch noch mitgenommen haben. Hat sich wohl zu stark gewehrt…“<br />

„Anders als Movert“, feixte der Bannerträger. E<strong>in</strong> zorniger Blick se<strong>in</strong>es Befehligers hieß<br />

schweigen.<br />

„Sie?“ fragte Storko. Scharrend schob er se<strong>in</strong> Schwert wieder <strong>in</strong> die Scheide.<br />

29


Der Gardist nickte und näherte sich mit klirrendem Kürass. Er reichte dem Junker e<strong>in</strong>e völlig<br />

durchnässte, beschmutzte Filzkappe. Der hielt sie <strong>in</strong>s Licht. E<strong>in</strong>e grüne, hohe Bauernkappe mit<br />

hochgeschlagener, spitz vorragender Krempe, wie sie hierzulande weit verbreitet war. Das e<strong>in</strong>zige<br />

Markante war e<strong>in</strong> seitlich aufgestecktes Emblem, aus Blei oder Z<strong>in</strong>n: E<strong>in</strong> langschnäbliger,<br />

schreitender Storch mit gespreizten Flügeln. Das heilige Tier der Pera<strong>in</strong>e…Wohl e<strong>in</strong>e Art<br />

Pilgerzeichen. Andererseits hatte Storko gehört, dass sich auch Wegelagerer gerne mit solchen<br />

frommen Medaillen tarnten, die Fremden Schutz und Respekt bei der Dorfbevölkerung verliehen.<br />

Echten Wallfahrern war der unglückliche Movert wohl kaum <strong>in</strong> die Hände gefallen.<br />

„Ich fange gerade an, <strong>Friedwang</strong> zu lieben“, knurrte Storko und blickte rechterhand <strong>in</strong> den Wald,<br />

wo zerbrochene Zweige und zertretenes Totholz e<strong>in</strong>e deutliche Spur h<strong>in</strong>terlassen hatten: Der Bote<br />

hatte sich beim Wegschleppen wohl heftiger gewehrt, als es ihm se<strong>in</strong>e Gefährte zugestehen wollte.<br />

Diese Geschehnisse sprachen nicht wirklich für e<strong>in</strong> gutes Verwaltungshändchen se<strong>in</strong>es <strong>Friedwang</strong>er<br />

Schwagers, es schien als würden Räuber, Aufständische, Ketzer überall <strong>in</strong> diesen Landen ihr<br />

Unwesen treiben. Der Offizier tastete das Storchenemblem am durchtränkten Filzhut <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en<br />

Händen ab. „Pilger?...“ murmelte er. Hatte er nicht gehört, dass so manche dieser Bosjäckel, so wie<br />

die Freisassen dieser Lande genannt wurden, solch falsche Pilgerzeichen tragen um sich<br />

fälschlicherweise als brave Pilger auszugeben – e<strong>in</strong>e Verhöhnung der Götter.<br />

Der Bannerträger, e<strong>in</strong> etwa dreißig-jähriger braunbärtiger Mann, hatte mittlerweile das Pferd des<br />

Botenreiters aus se<strong>in</strong>er Fesselung befreit und es beruhigt, die durchnässte Standarte der Schatzgarde<br />

hatte er derweil schief <strong>in</strong> den schlammigen Boden gerammt. Vorsichtig musterte er die Umgebung<br />

des Waldes während se<strong>in</strong> Hauptmann e<strong>in</strong> paar Schritte weiter den liegenden Baumstamm abschritt.<br />

„Der Baum sche<strong>in</strong>t noch ganz frisch zu se<strong>in</strong> – die Räuber müssen ihn erst vor kurzem gefällt haben“<br />

murmelte Storko. Er g<strong>in</strong>g <strong>in</strong> Richtung der Böschung des Hohlweges um die Stelle zu begutachten<br />

wo der Stamm gefällt worden ist. Plötzlich machte jedoch etwas rotes am liegenden Stamm auf sich<br />

aufmerksam. Vorher aus e<strong>in</strong> paar Schritten Entfernung hatte er es durch die hervorstehenden Äste<br />

und Blätter nicht wahrnehmen können, doch da war dunkelrote Farbe zu erkennen. Er bog die<br />

hölzernen Zweige beiseite und griff mit dem handschuhbesetztem Zeigef<strong>in</strong>ger auf die dunkle Paste<br />

die nass am Holz aufgeschmiert war. Das war ke<strong>in</strong>e Farbe, es war Blut. Er roch an se<strong>in</strong>em<br />

Handschuh, ke<strong>in</strong> Zweifel Blut. Wohl hatte Movert sich gegen die Räuber wacker verteidigt, das<br />

Blut e<strong>in</strong> Zeugnis des Kampfes. Storko blickte um sich, sonst war hier nichts außergewöhnliches zu<br />

erkennen, außer der nassen Pfütze im Schlamm des Pfades <strong>in</strong> der er stand.<br />

„Hast du die Mütze hier gefunden Bospar?“ rief er dem Bannerträger zu. Jener nickte, „Genau<br />

daneben, Herr Hauptmann.“<br />

Alles schien S<strong>in</strong>n zu machen, Movert versuchte wohl früh des Morgens als er hier vorbei kam den<br />

Baum wegzuzerren und e<strong>in</strong>em unvorsichtigen Moment haben die Schurken ihn im Kampf<br />

überwältigt und <strong>in</strong>s Unterholz verschleppt.<br />

Der Gernatsborner g<strong>in</strong>g e<strong>in</strong> paar Schritte weiter zum Stumpf. „Matsch, matsch“ machte es als er die<br />

schlammigen Pfützen durchschritt. Hier an der bergseitigen Böschung bevor der Wald hatte sich am<br />

Rande des Wohlweges e<strong>in</strong> Art Bach gebildet, der Geröll und Erde zu e<strong>in</strong>er wahren R<strong>in</strong>ne geformt<br />

hatte. Während des Unwetters der Nacht musste hier e<strong>in</strong> ganzer Sturzbach h<strong>in</strong>unter geronnen se<strong>in</strong>.<br />

Jetzt war das Erdreich am Rande hier so aufgeweicht, dass er fast mit dem Matsch wieder h<strong>in</strong>unter<br />

stürzte als er versuchte die nasse Böschung recht unbeholfen h<strong>in</strong>auf zu schreiten. Gerade konnte er<br />

sich noch an e<strong>in</strong>em Ast anhalten um nicht abzurutschen und sich dann daran hochzuhieven. Das was<br />

er hier oben am Stamm des massiven Baumes sah passte nicht <strong>in</strong>s Bild, denn er war nicht gefällt<br />

worden, sondern weit eher umgefallen, entwurzelt worden. Das Erdreich am Abhang zum Hohlweg<br />

h<strong>in</strong>unter musste derart feucht und weich geworden se<strong>in</strong>, dass im Sturm der den Baum zum<br />

Umstürzen gebracht hatte – Spuren von menschlichem Wirken waren ke<strong>in</strong>e zu erkennen.<br />

30


Mit e<strong>in</strong>em Satz sprang Storko die Böschung h<strong>in</strong>unter und landete <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er großen Pfütze, dreckiges<br />

Wasser spritze <strong>in</strong> alle Richtungen. Der Regel hatte mittlerweile nachgelassen und war nur mehr als<br />

leichtes Nieseln wahrzunehmen, irgendwie schade dachte er, hatte der Regen doch etwas<br />

Beruhigendes.<br />

Im Trab kam nun auch Weibel Wehrheimer zur versperrten Wegstelle heran geritten. „Der Wagen<br />

und die Umgebung ist gesichert! Befehle?“<br />

„Ich denke nicht, dass wir e<strong>in</strong>en Überfall zu erwarten haben.“ kommentierte der Offizier se<strong>in</strong>em<br />

Untergeordneten zu „nicht nur, dass das Wetter nicht besonders e<strong>in</strong>ladend wirkt hier als<br />

Wegelagerer auszuharren und Reisende zu erwarten, der Baum wurde nicht gefällt, sondern<br />

entwurzelte wohl während des Sturmes <strong>in</strong> der Nacht.“<br />

Die beiden anderen Gardisten runzelten die Stirn. Bosper, der Bannerträger, bemerkte „Aber sie<br />

haben doch Movert überwältigt und verschleppt und sogar den Beweis des Hutes hier gelassen …<br />

und ihn durch das Unterholz <strong>in</strong> diese Richtung gebracht.“ Er deutete mit der Kl<strong>in</strong>ge <strong>in</strong> die Richtung<br />

des Dickichts. „Hier haben sie ihn mitgenommen, die Spur ist klar zu sehen...“.<br />

„Fast schon zu klar Bosper, wenn es Räuber waren, dann s<strong>in</strong>d das Amateure. E<strong>in</strong> ordentlicher<br />

H<strong>in</strong>terhalt sieht anders aus“ wies ihn der erfahrene Weibel zurecht während der vom Pferd stieg und<br />

neben dem Hauptmann zum verme<strong>in</strong>tlichen Fluchtweg der Banditen g<strong>in</strong>g.<br />

Weibel Wehrheimer marschierte e<strong>in</strong> paar Schritte <strong>in</strong> den Wald h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>. Nasse Blätter und Äste<br />

striffen an Barrett und Umhang und entluden ihre feuchte Fracht. Zweifellos waren Zweige<br />

umgeknickt worden und Spuren am matschigen Waldboden zu erkennen – es war erst vor kurzem<br />

hier jemand gegangen – doch schien das hier e<strong>in</strong> Pfad durch den Wald zu se<strong>in</strong> der hie und da<br />

genützt wurde, denn die umliegende Vegetation war weitaus dichter.<br />

Gerade als er sich nach gründlicherem Augensche<strong>in</strong> des Bodens wieder aufrichtete, wurde die –<br />

ansonsten nur durch Tropfen durchzogene - Stille des Waldes gestört.<br />

„Haaatschi!“ machte es neben ihnen. Und wiederum „Haatschi!“.<br />

Geistesgegenwärtig machte Bosper mit se<strong>in</strong>er allzeit gezogenen Kl<strong>in</strong>ge e<strong>in</strong>en Satz durch das<br />

Unterholz h<strong>in</strong>ter dem das Niesen gekommen war.<br />

Storko und der Weibel hörten nur: „Ja da haben wir ja unseren Räuber“, darauf e<strong>in</strong> etwas<br />

abwehrendes Quengeln und wieder „Haatschi, haatschi!“<br />

Wenige Momente später kam der Gardist wieder hervor und hielt e<strong>in</strong>e junge Frau fest mit e<strong>in</strong>en<br />

Arm gepackt und der Kl<strong>in</strong>ge bedroht vor sich h<strong>in</strong>.<br />

Storko musterte die 'Räuber<strong>in</strong>'. Die blonde junge Frau, war noch e<strong>in</strong> halbes Mädchen , bestimmt<br />

nicht älter als 16 Götterläufe. Ihre Kleidung und kunstvoll geflochtenen Haare waren triefend nass,<br />

sie war recht blass im Gesicht und ständig nieste und schniefte sie. Jedenfalls war sie nicht wie e<strong>in</strong>e<br />

Räuber<strong>in</strong> gekleidet, sie trug e<strong>in</strong> Kleid aus grobem aber gutem Stoff wie es wohl bei ortsansässigen<br />

Freibauern üblich war.<br />

„Sprich Mädel! Wer bist du, was hast du hier verloren und was habt ihr Räuber und Freischärler mit<br />

me<strong>in</strong>em Soldaten gemacht!“ richtete der Gernatsborner forsch an sie.<br />

Die die junge Frau nicht sofort antwortete packte Bosper sie noch stärker am Arm, dass sie vor<br />

Schmerz ihrem Mund verzog. Sie sah recht schwach, ja fast krank aus.<br />

„Ich, ... wir haben ihm nichts getan, wir haben ihn gerettet …“ sprach sie zaghaft.<br />

„Hör auf so e<strong>in</strong>en Stuss zu reden, sag die Wahrheit!“ drängte der Weibel auf sie e<strong>in</strong> während Bosper<br />

wieder stärker zugriff. Sie verzog wider das Gesicht und stöhnte etwas.<br />

31


„Nicht so schroff“ ordnete der Hauptmann se<strong>in</strong>en Gardisten kurz an. „Also, erkläre dich<br />

ordentlich.“<br />

Mit verzogenem Gesicht begann sie wieder ruhig zu sprechen. „Me<strong>in</strong> Name ist Yel<strong>in</strong>de Nordwyn<br />

und wir s<strong>in</strong>d hier nur zufällig vorbeigekommen. Me<strong>in</strong> Freund Gero und ich wollten gestern den<br />

schönen sonnigen Herbstnachmittag genießen und s<strong>in</strong>d h<strong>in</strong>auf gewandert um uns zu treffen, doch<br />

dann hat uns am Abend das Gewitter erwischt und wir mussten die Nacht im Wald <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em<br />

Unterschlupf verbr<strong>in</strong>gen. Haatschi!“ Sie schniefte wieder.<br />

Storko grübelte, den Namen Nordwyn hatte er doch schon e<strong>in</strong>mal gehört, doch er wusste nicht<br />

genau <strong>in</strong> welchem Zusammenhang. „Also gut, und was hat das mit me<strong>in</strong>em verschwundenen<br />

Soldaten zu tun?“ fragte er weiter.<br />

Die junge Frau schaute mitleidenswürdig <strong>in</strong> das Gesicht des Edelmannes. „Ja, als wir heute morgen<br />

nachdem der Sturm nachgelassen hatte hier vorbeikamen um zurück zum Hof me<strong>in</strong>er Mutter zu<br />

gehen fanden wir euren Soldaten im Matsch liegen. Er war bewusstlos, mit e<strong>in</strong>er Platzwunde am<br />

Kopf. Er hat versucht den entwurzelten Baum mit dem Pferd aus dem Weg zu schieben und ist am<br />

feuchten Boden ausgerutscht und hat sich den Kopf angeschlagen. Wir haben ihn dann über den<br />

Waldpfad zum Hof geschleppt.“<br />

Nordwyn, Nordwyn … überlegte der Gernatsborner, dann konnte er sich endlich wieder daran<br />

er<strong>in</strong>nern. Gestern fiel der Name Tekla Nordwyn im Zusammenhang mit den Aufständischen und<br />

Räubern. Wie e<strong>in</strong>e Räuberpr<strong>in</strong>zess<strong>in</strong> schien diese Yel<strong>in</strong>de jedoch nicht auszusehen.<br />

„Und was hast du dann wieder hier gemacht, gewartet bis die nächsten <strong>in</strong> die Falle gehen?“<br />

bedrängte sie wieder der Weibel.<br />

„Ne<strong>in</strong>, ne<strong>in</strong>, ich wollte nur nach dem Pferd sehen. Wir konnten es nicht auch noch durch das<br />

Dickicht mitnehmen. Wir s<strong>in</strong>d ke<strong>in</strong>e Räuber, wir s<strong>in</strong>d aufrechte Freibauern. Und als ich wieder hier<br />

ankam, habe ich die Bewaffneten gesehen und geglaubt es wäre die Kesselbande oder die Bergfexe<br />

und habe mich versteckt“ antwortete Yel<strong>in</strong>de müde.<br />

Storko hielt ihr die nasse Kappe mit dem Emblem des langschnäbligen, schreitenden Storches mit<br />

gespreizten Flügeln vor die Nase. „Ist das de<strong>in</strong>e?“<br />

Sie nickte. „Muss ich wohl verloren haben, als wir den Soldaten hochgehoben habe.“<br />

„Und was ist das für e<strong>in</strong> Zeichen, wer seid 'ihr' – wollt euch wohl als fromme Pilger ausgehen um<br />

nicht als Strauchdiebe entlarvt zu werden.“<br />

Yel<strong>in</strong>de wurde <strong>in</strong>nerlich aufgrund der Anschuldigungen etwas wütend. Da sie schwach und müde<br />

war klangen ihre Worte jedoch auch nicht viel stärker. „Wir s<strong>in</strong>d Storchenbrüder- und schwestern,<br />

wir verehren Pera<strong>in</strong>e wie es sich gehört und würden nie freveln, weshalb wir auch mit reichen<br />

Ernten belohnt werden. Me<strong>in</strong>e Mutter und die anderen Freihöfe haben sich nur zusammen getan um<br />

uns gegen die Banditen zu wehren, seitdem der Baron …“<br />

Der Edelmann würgte sie ab. „Genug. Dass du weißt wer vor dir steht. Ich b<strong>in</strong> Storko von<br />

Gernatsborn-Mers<strong>in</strong>gen ä.H., Junker zu Gernatsborn <strong>in</strong> Schlotz und Hauptmann der Kaiserlich-<br />

Königlich Darpatischen Schatzgarde. Ich b<strong>in</strong> genau hier her gekommen auf dass die Reichsordnung<br />

wieder <strong>in</strong> <strong>Friedwang</strong> e<strong>in</strong>ziehen soll“ - das dies nur e<strong>in</strong>e Facette des eigentlichen Steuere<strong>in</strong>hebens<br />

war brauchte er nicht extra erwähnen - „aber was erzähl ich dir das überhaupt.“<br />

Die junge Frau runzelte die Stirn. „Schatzgarde, ich habe gehört, dass e<strong>in</strong>e solche nach <strong>Friedwang</strong><br />

kommt. Den anderen Bosjäckel gefällt das gar nicht.“<br />

Entsetzt blickte Storko auf, woher wussten sogar die e<strong>in</strong>fachen Leute von se<strong>in</strong>em Besuch. Ja, das<br />

war bestimmt Yas<strong>in</strong>the, der Diener<strong>in</strong> des Namenlosen Gottes zuzuschreiben. Sie hatte doch schon<br />

von irgendwoher von ihrem Heranreisen erfahren und begonnen ihr Netz aus Intrigen langsam zu<br />

32


sp<strong>in</strong>nen. Wohl hatte sie die verschiedenen Gruppen von Vogelfreien, Räubern und Bauernwehren<br />

aufgefordert sich zusammen zu tun und gegen die Schatzgarde und die Baronsherrschaft<br />

aufzubegehren, was wohl unter dem Bund der Fünf laufen sollte.<br />

„Und was sagt de<strong>in</strong>e Mutter dazu, sie ist doch die Anführer<strong>in</strong> eurer Bauernwehr?“<br />

Yel<strong>in</strong>de zuckte mit den Schultern. „Wir s<strong>in</strong>d rechtschaffende Bauern, die nur ihre Länder<br />

verteidigen. Ich glaube nicht, dass wir und mit den anderen Räubern zusammentun. Aber ich weiß,<br />

dass auch me<strong>in</strong>e Mutter e<strong>in</strong>e E<strong>in</strong>ladung vom 'Bund der Fünf' erhalten hat. Vor nicht allzu langer<br />

Zeit kam e<strong>in</strong> Brief an, heute ist doch Praiostag, dann beraten sie sich darüber.“<br />

Storko strich sich über se<strong>in</strong>en K<strong>in</strong>nbart und überlegte e<strong>in</strong>ige Momente bis er e<strong>in</strong>en Plan fasste.<br />

Diese Bauernwehr der Storchenbrüder schien ja e<strong>in</strong>e ganz göttergefällige Geme<strong>in</strong>schaft zu se<strong>in</strong>, die<br />

wohl e<strong>in</strong> schlechtes Gewissen haben würde, wenn sie mit den anderen Landstreichern und Räubern<br />

die gestern noch ihre Felder geplündert haben zusammen tun. Wohlmöglich würde er sie auf se<strong>in</strong>e<br />

Seite bzw. die der Baronie br<strong>in</strong>gen können. Zumal wusste er ja von den frevlerischen<br />

Machenschaften im H<strong>in</strong>tergrund.<br />

Da e<strong>in</strong> paar Sekunden vergangen waren ohne dass e<strong>in</strong> Wort gewechselt wurde erhob der Weibel<br />

wieder das Wort. „Mit der Kle<strong>in</strong>en im Gepäck, die sogar die Tochter der Anführer<strong>in</strong> ist, können wir<br />

sicherlich nicht nur unseren Botenreiter zurückgew<strong>in</strong>nen, sondern sogar noch weitere Forderungen<br />

stellen, dass die nicht gegen uns und die Baronie aufbegehren.“<br />

Der Hauptmann schüttelte den Kopf während er sich noch immer durch den gewachsten Bart strich.<br />

„Ne<strong>in</strong> Hagen, so machen wir das nicht, nicht diesmal. Wir werden politisch klug vorgehen.“<br />

Er richtete sich direkt an Bosper „Lass das Mädel los“ dieser folgte sogleich dem Befehl. Yel<strong>in</strong>de<br />

rieb sich vergrämt den Arm an dem sie so fest gehalten wurde und zitterte vor Kälte.<br />

„Und br<strong>in</strong>g ihr e<strong>in</strong>e trockene Decke sowie e<strong>in</strong>en Schluck Schnaps, der sie von Innen wärmen wird.“<br />

Der Gardist machte sich sofort daran das Geforderte zu besorgen. „Wie es sche<strong>in</strong>t, haben wir<br />

Yel<strong>in</strong>de Nordwyn und ihrem Freund zu danken. Haben sie doch unseren verletzten Reiter gerettet<br />

und mühselig zu ihrem sicheren Hof getragen, und sich dabei wohl noch verkühlt.“ Storkos<br />

Gesichts – das aber ansonsten nicht besonders schön von Hautabschürfungen verletzt anzusehen<br />

war – zierte nun e<strong>in</strong> schmeichelndes Lächeln. „Du wirst mich und die me<strong>in</strong>en zum Hof de<strong>in</strong>er<br />

Mutter br<strong>in</strong>gen, dort können wir dann unseren Soldaten an uns nehmen und de<strong>in</strong>er Mutter für die<br />

edle Tat ihrer Tochter danken, nicht wahr. Du führst uns h<strong>in</strong>. Entschuldige die Verwechslung von<br />

vorh<strong>in</strong>, aber wie du sagtest treibt sich ja das Ges<strong>in</strong>del hier herum und lauert dem braven Götter- und<br />

Reichsfürchtigen auf.“ Er reichte ihr nun auch ihre verlorene Kopfbedeckung die er <strong>in</strong> den Händen<br />

hielt.<br />

Der jungen Nordwyn wurde gerade e<strong>in</strong>e trockene dicke Decke um die Schultern gelegt die stark<br />

nach Pferd roch und der grobe Soldat überreichte ihr sogar e<strong>in</strong>en kle<strong>in</strong>en geöffneten Flakon aus<br />

dem es verführerisch gut nach edlem Brand roch. Sie wusste nicht so recht was sie davon halten<br />

sollte. Sie machte erst e<strong>in</strong>mal e<strong>in</strong>en kräftigen Schluck. Scharf rann es ihrer Kehle h<strong>in</strong>unter, doch<br />

kurz danach begann es aus ihrem Magen warm zu werden. Immerh<strong>in</strong> sagte dieser Edelmann er sei<br />

der Anführer e<strong>in</strong>er Kaiserlich und Königlichen Garde und die Soldaten hatten alle ordentliche<br />

Uniformen und e<strong>in</strong>heitliche Bewaffnung. Wie e<strong>in</strong>e Räuberbande sahen die nicht aus, vielleicht<br />

konnten sie wirklich die ganzen Fahnenflüchtige und Apfeldiebe aus <strong>Friedwang</strong> vertreiben und ihre<br />

Mutter wäre noch stolz, dass sie e<strong>in</strong>em Soldaten von jenen das Leben gerettet hatte. Sie nickte, was<br />

hätte sie denn sonst tun sollen, e<strong>in</strong>fach davonlaufen wäre ke<strong>in</strong>e Option. „Gut, ich br<strong>in</strong>ge euch zum<br />

Hof me<strong>in</strong>er Mutter. Es ist nicht weit, etwa e<strong>in</strong>e Dreiviertelstunde den Pfad durch den Wald hier<br />

h<strong>in</strong>unter.“ Dann musste sie wieder schniefen, doch ihr war schon wesentlich wärmer geworden.<br />

„Ausgezeichnet“ bemerkte Storko „bist du hungrig ... bestimmt, du wirst gleich Brot und etwas<br />

33


Wurst bekommen“.<br />

Dann wandte sich der Offizier se<strong>in</strong>em Weibel zu. „Hagen, ich nehme die erste Lanze, sowie den<br />

Bannerträger und den Feldscher mit. Führe den Rest und den Wagen mit me<strong>in</strong>er Gemahl<strong>in</strong> sicher<br />

nach Senkenthal, nachdem ihr den Baum aus dem Weg schaffen konntet. Der Weg sollte dann nicht<br />

mehr weit se<strong>in</strong>. Ich werde sobald nachkommen wie es geht.“ Der Weibel nickte.<br />

Wenig später folgten die Schatzgardisten, angeführt vom Hauptmann und dem Bannerträger, der<br />

Bauernstochter durch das Gehölz. Es war der weitaus unberührte Schratenwald, wie Yel<strong>in</strong>de dem<br />

Schlotzer Junker stolz erklärte. Dicke Tropfen prasselten immer wieder von oben herab wenn e<strong>in</strong>e<br />

W<strong>in</strong>dböe die nasse Fracht der Wipfel zum entluden brachte, und die Blätter um ihnen herum<br />

strichen die Feuchtigkeit auf alle ihre Uniformen – manch e<strong>in</strong> Gardist begann zu fluchen als es ihm<br />

<strong>in</strong>s Genick rannte. Oft war der Pfad fast nicht zu erkennen und hätten sie nicht e<strong>in</strong>e Ortsansässige<br />

dabei gehabt würden sie sich wohl verlaufen.<br />

Der Weg war meistens etwas abschüssig und g<strong>in</strong>g nach Süden, dachte Storko, oder vielleicht doch<br />

eher nach Südosten. In e<strong>in</strong>em Wald den man nicht kannte war es fast unmöglich sich zu orientieren,<br />

zumal da durch das trübe bewölkte Vormittagswetter und die hohen Wipfel die Praiosscheibe nicht<br />

auszumachen war.<br />

Doch nach etwas mehr als e<strong>in</strong>er halben Stude wurde das Gehölz lichter vor ihnen und es war auch<br />

e<strong>in</strong> Rauschen zu vernehmen.<br />

„Das ist die Rausche da vorne, unser Fluss“ bemerkte die stolze Bauernsrochter und preschte nach<br />

vorne durch die letzten Büsche vor dem Waldrand.<br />

Nach der Waldgrenze sahen sie e<strong>in</strong>en Bach, der sich hier gut e<strong>in</strong> bis zwei Schritt <strong>in</strong> das Erdreich<br />

gegraben hatte und stark rauschend abwärts floss. Im Frühl<strong>in</strong>g nach der Schneeschmelze mag dieser<br />

die Wassermassen des Vorsichellandes wohl talwärts befördern.<br />

Jenseits der Rausche offenbarte sich e<strong>in</strong>e Senke über die man hier e<strong>in</strong>en guten Überblick hätte,<br />

würde das trübe Wetter die Sicht nicht beh<strong>in</strong>dern. Nördlich und östlich waren die Berge im<br />

nebeligem Dunst zu erspähen, während im Süden und Westen e<strong>in</strong> Wald, wohl der Schratenwald, die<br />

Heidelandschaft begrenzte. Auch wenn man ke<strong>in</strong>e Gehöfte und Ortschaften durch die Trübe<br />

erblicken konnte, so konnte man aufgrund von Rauchsäulen die hie und da <strong>in</strong> den Himmel stiegen<br />

auf Bewohner im Umkreis dieser Senke schließen.<br />

„Halt, nicht so schnell Kle<strong>in</strong>es!“ rief Bosper ihr noch nach, als sie flugs rechts durch e<strong>in</strong> paar<br />

Büsche am Rande des Schratenwaldes abbog.<br />

„Hier, mir nach, hier ist der Nordwyn-Hof“ antwortete Yel<strong>in</strong>de durch den Durchgang.<br />

Sie wandten sich flussabwärts, wohl <strong>in</strong> den Süden, zu. Nun sah Storko auch, dass h<strong>in</strong>ter den<br />

Wipfeln Rauch hochstieg, und war da nicht h<strong>in</strong>ter den Büschen e<strong>in</strong>e Kuh zu erblicken.<br />

Auf der anderen Seite der Baumschneise die direkt zur Rausche ragte offenbarte sich e<strong>in</strong>e freie<br />

Fläche von gut mehr als Hundert Schritt Breite zwischen Bach und Schratenwald. E<strong>in</strong> Dutzend<br />

Milchkühe grasten hier auf der feuchten Heide und wiederkäuten ruhig und unbee<strong>in</strong>druckt vom<br />

trüben Wetter vor sich h<strong>in</strong>. Weiter flussabwärts waren Äcker und Felder zu erspähen, die wie es sich<br />

gehörte schon längt abgeerntet waren. Dah<strong>in</strong>ter erblickte man den Nordwyn-Hof, e<strong>in</strong> stattlicher<br />

Dreikantbau mit Nebengebäuden, e<strong>in</strong>e kle<strong>in</strong>e Holzbrücke führte gen Osten über die Rausche.<br />

Die Bauernstochter war schon fast bis zum Hof gelaufen, während die Schatzgardisten noch<br />

widerwillig am matschigen Rand des Ackers marschierte.<br />

Es schien verdächtig viel los zu se<strong>in</strong> an diesem Hof, viel mehr als man an e<strong>in</strong>em<br />

Praiostagsvormittag - an dem götterfürchtige Freibauern den nächsten Tempel zum Gebet aufsuchen<br />

34


- vermuten würde. Etliche Reitpferde waren zu erkennen die auf zahlreichen Besuch schließen ließ.<br />

Als die Schatzgarde noch näher kam sah Storko, dass Yel<strong>in</strong>de gerade mit e<strong>in</strong>em Knecht sprach und<br />

wild gestikulierte, und dann geme<strong>in</strong>sam weiter h<strong>in</strong>ten verschwanden. Die anderen Knechte und<br />

Mägde vor dem Hof die auszumachen waren schienen sichtlich unruhig zu werden als sie die heran<br />

marschierenden Gardisten erblickten.<br />

„Hauptmann“ erhob Bosper, der Bannerträger, fragend das Wort „sollen wir <strong>in</strong> Gefechtsformation<br />

vorrücken?“<br />

„Ne<strong>in</strong>, wir wollen sie nicht noch mehr beunruhigen. Wir marschieren ruhigen Schrittes. Wir wollen<br />

uns nicht noch weitere Fe<strong>in</strong>de machen. Das hier sche<strong>in</strong>en ke<strong>in</strong>e Räuber oder Wegelagerer zu se<strong>in</strong>“<br />

befand der Offizier und ordnete „Wir werden im Gardegleichschritt vor dem Hof aufmarschieren,<br />

die sollen sehen, dass es sich bei und um e<strong>in</strong>e schlagkräftige Garde handelt.“<br />

Bosper, der als höchstrangiger Unteroffizier das Kommando übernahm, gab nun die Marschbefehle<br />

so laut und Kraftvoll, dass es auch im Inneren der Bauernstube gehört werden musste: „Habt Acht!“<br />

Die erste Lanze der Schatzgarde blieb wie angeordnet wie angewurzelt stramm stehen und die<br />

Hellebarden fest <strong>in</strong> Händen.<br />

„Rechts um! Und im Gleichschritt marsch!“ Ertönte es aus der Kehle des Korporals.<br />

In e<strong>in</strong>er L<strong>in</strong>ie, flankiert vom kommendierenden Bannerträger und gefolgt von Hauptmann und<br />

Feldscher, schritten die Hellebardiere über die letzten Wiesenabschnitte dem Innenhof zu.<br />

Die Knechte und Mägde die dort die Pferde der Gäste betreuten wichen besorgt oder verängstigt zur<br />

Seite weg.<br />

Just <strong>in</strong> dem Moment als sie im Innenhof des Dreikantsgebäudes e<strong>in</strong>marschierte kam Yel<strong>in</strong>de aus<br />

dem zentralen Teil des Bauwerks heraus. Dicht gefolgt von e<strong>in</strong>er großbäuerlich gekleideten Frau<br />

Ende Dreißig, die aufgrund ihres Auftretens und der Ähnlichkeit mit der verme<strong>in</strong>tlichen Tochter<br />

Tekla Nordwyn se<strong>in</strong> musste. Dah<strong>in</strong>ter strömten auch e<strong>in</strong> weiteres Dutzend gutbäuerlich Gekleidete<br />

heraus. Durchwegs hatten sie die hier üblichen Hüte auf, geschmückt mit dem Emblem des aufrecht<br />

schreitenden wehrhaften Storches. Das mussten die sogenannten Langschnäbel oder Storchenbrüder<br />

und -schwestern se<strong>in</strong>. Manch e<strong>in</strong>er von ihnen versuchte etwas tölpelhaft e<strong>in</strong>e Waffe, meistens e<strong>in</strong>e<br />

Streitaxt oder e<strong>in</strong> Kurzschwert, h<strong>in</strong>ter ihren Körpern zu verstecken.<br />

Der Edelmann konnte nur die ersten Wortfetzen von Tekla vernehmen - „Wie kannst du nur diese<br />

Soldaten zu uns br<strong>in</strong>gen, gerade heute...“ - denn schon übertönten die Befehle des Unteroffiziers das<br />

Gelände. „Erste Laaaanze! Alles halt!“<br />

Bewusst betonend schlugen die Gardisten ihre schweren Stiefel ane<strong>in</strong>ander als sie wie angeordnet<br />

<strong>in</strong> die stramme Position überwechselten. Exerzieren das konnten se<strong>in</strong>e Schatzgardisten, bemerkte<br />

Storko <strong>in</strong>nerlich wieder e<strong>in</strong>mal, was alle<strong>in</strong> dem Drill des Weibels zu verdanken war.<br />

Die Anführer<strong>in</strong> der Langschnäbel stellte sich demonstrativ mit verschränkten Unterarmen vor der<br />

L<strong>in</strong>ie der Soldaten auf. Wie ihre Tochter waren ihre blonden Haare zu e<strong>in</strong>er kunstvollen Zopffrisur<br />

geflochten wie es bei den reichen Freibauern der Gegend üblich war. Ihre Praiostagskleid war<br />

sauber und aus gutem Stoff gefertigt ihr Leib gesund und kräftig geformt, nur ihre starken<br />

Unterarme verrieten, dass sie es auch gewohnt war anzupacken. E<strong>in</strong> breiter kunstvoll mit<br />

Storchensymbolen verzierter Gürtel war um ihre Taille geschnallt an dem <strong>in</strong> lederner Scheide gar<br />

e<strong>in</strong> kurzes Schwert angehängt war.<br />

Der Edelmann machte e<strong>in</strong> paar Schritte nach vorne. Diese Bäuer<strong>in</strong> schien sich ja fast für e<strong>in</strong>e<br />

Adlige zu halten, dachte er etwas abschätzig, mit ihrem aufsässigen Gehabe. Doch wie auch immer,<br />

es galt Schlimmeres zu verh<strong>in</strong>dern als selbstbewusste Freibauernschaft.<br />

35


So erhob er mit e<strong>in</strong>er ehrlich ersche<strong>in</strong>enden Stimme das Wort, wobei er im Gegensatz zur der<br />

Bäuer<strong>in</strong> e<strong>in</strong>e freundlich e<strong>in</strong>ladende Geste mit se<strong>in</strong>en Händen machte.<br />

„Die Zwölf Alveranischen Geschwister zum Gruße, Pera<strong>in</strong>e die Gött<strong>in</strong> die uns Nahrung vom Felde<br />

schnekt und Travia die uns Gastfreundschaft lehrt vornan! Ich b<strong>in</strong> Junker Storko von Gernatsborn-<br />

Mers<strong>in</strong>gen ä.H., Kommandeur und Hauptmann der Kaiserlich-Königlich Darpatischen<br />

Schatzgarde.“<br />

Die Miene der stolzen Bäuer<strong>in</strong> veränderte sich <strong>in</strong> ke<strong>in</strong>em Maßen.<br />

„Ich b<strong>in</strong> euch zu Dank verpflichtet, dass eure Tochter so hilfsbereit war sich um me<strong>in</strong>en verletzten<br />

Soldaten zu kümmern und <strong>in</strong> sicher hier her brachte“ - auch wenn er im Moment nichts über das<br />

Wohlergehen von Movert wusste - „auf dass er nicht Opfer von Räubern und Wegelagerern wie den<br />

Apfelmännern, der Kesselbande oder den Bergfexen werde, die diese Lande und <strong>in</strong>sbesondere die<br />

brave Bauernschaft ja bekanntlich bedrohen.“<br />

Tekla nickte widerwillig. „Ja, ja genug der großen Reden, euren Soldaten könnt ihr haben, ihm geht<br />

es bis auf e<strong>in</strong>e blutige Wunde die wir erst vorh<strong>in</strong> versorgt haben wieder ganz gut. Was wollt ihr hier<br />

sonst noch, ihr könnt wieder gehen, Euer Wohlgeboren.“ Die letzten Worte betonte sie bewusst <strong>in</strong><br />

e<strong>in</strong>er leicht abschätzigen Tonlage, mach e<strong>in</strong>er der Bauern die sich unterstützend h<strong>in</strong>ter ihr aufgebaut<br />

hatten begannen leicht zu gr<strong>in</strong>sen.<br />

Der Gernatsborner Junker begann <strong>in</strong>nerlich leicht zornig zu werden. Wie sprach denn dieses<br />

aufgeblasene Ackerweib mit ihm, e<strong>in</strong>em Edelmann und Kaiserlich-Königlichem Amtsträger. Wäre<br />

es hier nicht die Wildermark gewesen und nicht die Zeiten genau diese wie sie eben s<strong>in</strong>d, dann<br />

würde er dieses Weib für ihr Verhalten ihm gegenüber <strong>in</strong> den Kerker werfen lassen. Jedoch waren es<br />

eben Zeiten der Wildermark und die verlangten e<strong>in</strong> entsprechendes Vorgehen.<br />

„Aber, aber. Was ich hier will?“ Begann der Edelmann wieder versöhnlich. „Ich will nichts anderes<br />

als ihr, brave Bauersleut. Ich will diesen Landstrich von Unrecht, Diebstahl und Verrat befreien. Ich<br />

b<strong>in</strong> hier her nach <strong>Friedwang</strong> gekommen um Reichsordnung durchzusetzten. Auf dass wieder<br />

zwölfgöttliches-praiosgefälliges Recht herrscht und nicht Räuber, Diebe, Fahnenflüchtige und<br />

<strong>in</strong>sbesondere dunkle Mächte, die man sonst nur jenseits der Sichel erwarten würde.“<br />

Die Bauersfrau wurde etwas stutzig. „Dunkle Mächte? Wollt ihr den K<strong>in</strong>dern Angst machen.“<br />

„Glaub ihm ke<strong>in</strong> Wort, Tekla“ sprach von h<strong>in</strong>ten e<strong>in</strong> dicklicher Bauer mit hochrotem Kopf.<br />

„Bei den gütigen Göttern <strong>in</strong> Alveran, ich sage euch, ihr götterfürchtiges und tüchtiges Bauernvolk<br />

droht e<strong>in</strong>er frevelnden Verschwörung beizutragen. Gestern kamen wir auf unserem Weg durch<br />

Efferd<strong>in</strong>g, dort wurde der ortliche Diener des Herrn der Gezeiten, dem ihr auch den Regen der eure<br />

Felder bewässert schuldet, Opfer e<strong>in</strong>es feigen götterfrevelnden Attentats.“ Während er sprach holte<br />

er das Papier mit dem aufgemalten V aus se<strong>in</strong>er Gürteltasche heraus und hielt es hoch.<br />

E<strong>in</strong> Raunen g<strong>in</strong>g durch die Storchenbrüder und -schwestern.<br />

„Der Bund der Fünf soll er genannt werden – ich weiß nicht was man euch gesagt oder versprochen<br />

hat, jedoch dienen die Drahtzieher dah<strong>in</strong>ter den Fe<strong>in</strong>den der Götter, den Fe<strong>in</strong>den von Frieden und<br />

Ordnung.“ Im selben Moment zog er die Fischmaske unter se<strong>in</strong>em Mantel hervor und hielt sie <strong>in</strong><br />

Richtung der Bauern h<strong>in</strong>. „Das ist der Beweis, dieses labbrige D<strong>in</strong>g ist der Kopf e<strong>in</strong>es<br />

Fischmenschens, e<strong>in</strong> Diener der Dunklen Tochter, der es auf den Geweihten abgesehen hatte.“<br />

Die Bauern und auch ihre Anführer<strong>in</strong> schienen irritiert, ja fast verstört zu se<strong>in</strong>, und e<strong>in</strong>e ängstliche<br />

Unruhe machte sich breit. „Ich habe doch gewusst, dass man Lump Eschw<strong>in</strong>d und den Goldgreifen<br />

nicht vertrauen kann, das hatte me<strong>in</strong> Bauchgefühl gleich gesagt“ kommentierte e<strong>in</strong>er.<br />

„Seht me<strong>in</strong>e Wunden im Gesicht, von den Tentakelangriffen des Wesens das ich im Kampf besiegen<br />

konnte. Wollt ihr euch mit jenen e<strong>in</strong>lassen und euer Seelenheil auf's Spiel setzten.“<br />

36


Nach e<strong>in</strong>er rhetorischen Pause, <strong>in</strong> der sich die Besorgnis der Landwirte nur erhörte und Tekla teils<br />

fassungslos teils unglaubwürdig auf die Fischmaske starrte, fuhr er fort. „Aber noch ist es nicht zu<br />

spät, mit eurer Unterstützung können wir das Machwerk der dunklen Bündler zunichte machen.<br />

Schließt euch uns wenn die Zeit gekommen ist an, dann werden die Barone euch für die Treue an<br />

Götter und <strong>Friedwang</strong> gewiss reich belohnen, nachdem ich e<strong>in</strong> gutes Wort für euch e<strong>in</strong>gelegt haben<br />

werde.“<br />

Storko lächelte <strong>in</strong>nerlich fast, wie es doch leicht war das e<strong>in</strong>fache Volk mit tatkräftigen Beweisen zu<br />

schockieren – wäre es nur nicht tatsächlich ernst um den Verrat an Baronie und Göttern. Er blickte<br />

selbst nun kurz <strong>in</strong> die Glubschaugen der Maske und sehnte sich wieder an die wiegenden<br />

Bewegungen des Wassers, die Stille und Ruhe selbst angesichts e<strong>in</strong>es Sturmes über der<br />

Wasseroberfläche. Ne<strong>in</strong>, er musste das dämonische schleunigst e<strong>in</strong>em Tempel übergeben.<br />

E<strong>in</strong>e Stunde später marschierte die Lanze die Rausche entlang nach Süden. Zwar gab es hier ke<strong>in</strong>en<br />

Weg. Aber auf der Wiese neben dem Geröllfeld, das den Bach e<strong>in</strong>säumte, ließ sich gut wandern.<br />

Der trug se<strong>in</strong>en Namen völlig zu Recht, schäumend, wild und mit e<strong>in</strong>em wahrhaft bee<strong>in</strong>druckenden<br />

Rauschen schoss das Wasser über die glänzenden Schieferste<strong>in</strong>e dah<strong>in</strong>, stürzte h<strong>in</strong> und wieder als<br />

funkelnde Kaskade schrundige Felsstufen h<strong>in</strong>ab. Gelegentlich staute sich der Bach an e<strong>in</strong>em<br />

umgekippten Baumstamm oder natürlichen Damm aus Felsbrocken. Mannshohe F<strong>in</strong>dl<strong>in</strong>ge lagen<br />

hier und dort im Schatten der Tannen, wie vergessenes Spielzeug von Riesen. Hier ahnte man<br />

bereits die urtümliche Schwarze Sichel, weiter oben <strong>in</strong> den Bergen. Der Dunst war verweht, die<br />

Sonne h<strong>in</strong>ter den Wolken herausgekommen: Elfensommerstimmung herrschte. Storko fühlte sich<br />

guter D<strong>in</strong>ge – diese Storchenbrüder hatte er wohl auf se<strong>in</strong>e Seite gezogen. Auf die Seite von Recht<br />

und Ordnung. Be<strong>in</strong>ahe war er sich sicher, dass Herr Praios, der jetzt von oben ihre nassen Mäntel<br />

trocknete, diesen Garadanzug zu schätzen wusste. E<strong>in</strong> gutes Mittagessen war für sie auf dem<br />

Nordwynhof auch noch herausgesprungen.<br />

Sie irrten durch die Reihen der Felsentürme und F<strong>in</strong>dl<strong>in</strong>ge. E<strong>in</strong> richtiger Ste<strong>in</strong>garten…Tal der<br />

Ste<strong>in</strong>fee, so hatten die Nordwyns diese Gegend genannt. Die holde Namensgeber<strong>in</strong> würde<br />

gelegentlich schon mal Reisende <strong>in</strong> Ste<strong>in</strong> verwandeln. Wenn diese der Herrscher<strong>in</strong> des Tals nicht<br />

kle<strong>in</strong>e Opfergaben darbr<strong>in</strong>gen würden. Die Warnung hatte Tekla ihnen noch (scherzhaft?) mit auf<br />

den Weg gegeben. Mittlerweile war er sich nicht mehr so sicher, ob die Langschnäbel wirklich nur<br />

zur Herr<strong>in</strong> Pera<strong>in</strong>e und den übrigen Elfen beteten.<br />

Storko überlegte kurz, ob er hier etwas opfern sollte – und was? Dann schüttelte er unwirsch den<br />

Kopf. Gerade eben hatte er sich noch über Praios Lichterglanz auf se<strong>in</strong>em Antlitz gefreut – nun<br />

wollt er selbst den „Alten“ huldigen? Kam nicht <strong>in</strong> Frage.<br />

E<strong>in</strong> Klappern war zu hören, das nicht von den Hufen der Pferde stammte. Da vorne ragten Dächer<br />

aus Schiefersch<strong>in</strong>deln und Fachwerk auf. E<strong>in</strong> weiterer Hof? Ne<strong>in</strong>, rasch wurden mehr E<strong>in</strong>zelheiten<br />

sichtbar. Sie passierten e<strong>in</strong>e stattliche Mühle, deren Rad sich wuchtig im schäumenden Nass drehte.<br />

Bauern waren damit beschäftigt, Getreidesäcke von Eseln und Maultieren abzuladen. Die bärtige,<br />

zottelhaarige Gestalt im Schatten des Haupthauses, mit weißem Kittel und Zipfelmütze, e<strong>in</strong> Urviech<br />

von Mann mit behaarten Armen: das musste wohl der Müller se<strong>in</strong>. Irgendetwas stimmte mit se<strong>in</strong>en<br />

Be<strong>in</strong>en nicht, sie steckten irgendwie krumm <strong>in</strong> der derble<strong>in</strong>enen Hose. Der Hüne starrte sie e<strong>in</strong>fach<br />

nur an, stumpf wie e<strong>in</strong> <strong>in</strong> Menschengestalt verwandeltes Tier. E<strong>in</strong>e Pfeife qualmte <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em<br />

Mundw<strong>in</strong>kel und gab ihm endgültig etwas Dämonisches.<br />

Auch die Gesichter der Bauer wirkten abweisend und misstrauisch. Die Schatzgardisten beeilten<br />

sich nach knappem Gruß weiterzuziehen. Immerh<strong>in</strong>, an der Mühle begann e<strong>in</strong> heller Pfad, auf dem<br />

es deutlich e<strong>in</strong>facher vorang<strong>in</strong>g.<br />

37


Das Tal wurde rasch breiter, Rondrazahnblumen leuchteten gelb auf den Wiesen. Der Uferbereich<br />

der Rausche begann sumpfig zu werden, der Pfad wich immer mehr <strong>in</strong>s Grüne aus, durchschnitt<br />

Hecken und Baumgruppen. Vieh graste hier und dort, die ersten abgeernteten Äcker lagen zur<br />

L<strong>in</strong>ken wie Rechten.<br />

Vor ihnen war nun die Große Senke zu erahnen, das „Ries“ – e<strong>in</strong>e merkwürdig gleichförmige<br />

Talmulde von mehreren Meilen Durchmesser. Ob die alte Legende stimmte, dass sich hier e<strong>in</strong>mal<br />

der Riese Aarmar den Schuh ausgezogen und wieder zugebunden hatte (weil ihm e<strong>in</strong> „Ste<strong>in</strong>chen“<br />

h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>geraten war… Das sicherlich die Größe der weiter oben im Tal herumliegenden Felsbrocken<br />

gehabt hatte)? Da vorne schwang sich e<strong>in</strong>e Ste<strong>in</strong>brücke über die Rausche, die hier, im Talgrund,<br />

schon fast e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es Flüsschen war, von sicherlich fünf, sechs Schritt Breite. Der Pfad stieß nahe<br />

der Brücke auf den Karrenweg.<br />

Pl<strong>in</strong>g! Storko fluchte auf, als er das Eisen vom Huf se<strong>in</strong>es Streitrosses wegfliegen sah. Soweit zum<br />

Thema „Opfer an die Ste<strong>in</strong>fee“…. Zum Glück war es bis zum nächsten Dorf nicht allzu weit:<br />

Westlich der Rausche lagen, weit <strong>in</strong> der Senke verstreut, die Höfe von Prähnskaten, l<strong>in</strong>kerhand g<strong>in</strong>g<br />

es nach Senkenthal. Dort würde sich sicherlich e<strong>in</strong> Schmied f<strong>in</strong>den lassen. Prähnskaten war näher,<br />

aber <strong>in</strong> Richtung Senkenthal würde er noch e<strong>in</strong> paar Meilen gut machen, auf dem Weg Richtung<br />

Suunkdal.<br />

Bosper der Bannerträger bestand darauf, se<strong>in</strong> Pferd mit dem se<strong>in</strong>igen zu tauschen. Etwas<br />

widerwillig stieg Storko ab: Aber der Mann hatte Recht, se<strong>in</strong> getreues Reittier lahmte, und es an der<br />

Spitze se<strong>in</strong>er Lanze zu Fuß <strong>in</strong>s Dorf zu führen: nun, e<strong>in</strong>en derart unstandesgemäßen E<strong>in</strong>zug durfte<br />

er sich nicht leisten.<br />

So g<strong>in</strong>g es also gemächlich den Karrenweg entlang zu dem Dorf, dessen Wohlstand schon von<br />

weitem an den hohen Giebeln und großen Häusern abzulesen war. Ebenso wie an den ausgedehnten<br />

Weiden und Äckern südlich der Straße (während im Norden der Hang dicht bewaldet war). Fetter,<br />

schwarzer Lößerdeboden…<br />

Gelegentlich hörte man den Schlag von Äxten und das Prasseln e<strong>in</strong>es gefällten Baums aus dem<br />

Wald. E<strong>in</strong>e Schwe<strong>in</strong>ehirt<strong>in</strong> beaufsichtigte struppige Schwe<strong>in</strong>e, die sich an Eicheln fett fraßen. Erst<br />

jetzt sah Storko, dass an e<strong>in</strong>er Feldscheune e<strong>in</strong> Trupp Bauernwehr Wache hielt, wohl aus Furcht vor<br />

Viehdieben: Im vollen Harnisch, unter nietenbeschlagenen Eisenhelmen, mit Glefen,<br />

Morgensternen, Kriegsflegeln und Hellebarden bewaffnet. Nur an den derben Gesichtern erkannte<br />

man die Landbevölkerung. Hier und dort stand bereits e<strong>in</strong> schmucker Aussiedlerhof, mit Palisaden<br />

oder Ste<strong>in</strong>mauern befestigt (die e<strong>in</strong>deutig erst vor kurzem errichtet worden waren). Irgendwo<br />

zwischen den Felsen tutete e<strong>in</strong> Horn. Sie wurden offenbar <strong>in</strong> Senkenthal angekündigt.<br />

Das Dorf war mit e<strong>in</strong>em Zaun aus geflochtenen Weidenruten umhegt, zur Straßenseite wurde es<br />

durch e<strong>in</strong> Holztor abgeschirmt. Hier hielten e<strong>in</strong> Bursche und e<strong>in</strong> Mädel Wacht, die <strong>in</strong> altertümlicher<br />

Garether Platte und unter Sturmhauben kaum weniger rondrianisch aussahen als die Wachen<br />

draußen auf dem Feld. Nur die Beulen, die Kratzer und der Rost auf dem schönen Stahl zeigten,<br />

dass er schon durch die Hände vieler Vorbesitzer gegangen se<strong>in</strong> musste. Auch die Hellebarden<br />

stammten e<strong>in</strong>deutig noch aus der Zeit Kaiser Retos. Die Waffen wurden nichtsdestotrotz herrisch<br />

gekreuzt. „Halt, was ist euer Begehr <strong>in</strong> Senkenthal?“ blafften die Torwachen. Es klang be<strong>in</strong>ahe<br />

schon arrogant.<br />

„Se<strong>in</strong>e Wohlgeboren Storko von Gernatsborn-Mers<strong>in</strong>gen, Junker zu Gernatsborn, Hauptmann der<br />

Kaiserlich-Königlich Darpatischen Schatzgarde, auf dem Weg zu Se<strong>in</strong>er Hochgeboren Bishdarielon<br />

von Suunkdal, Baron zu <strong>Friedwang</strong>“, schnarrte Bosper und reckte se<strong>in</strong> Banner demonstrativ <strong>in</strong> die<br />

Höhe. Die beiden schienen nicht sehr bee<strong>in</strong>druckt. „Wenn Ihr <strong>in</strong> unserem Dorf übernachten wollt,<br />

müsst ihr Eure Waffen abgeben“, sagte der Bursche und wies auf e<strong>in</strong>e Truhe neben dem Tor.<br />

38


Tatsächlich war die Sonne bereits im S<strong>in</strong>ken begriffen.<br />

„Alle Waffen bis auf eure Essmesser“, fügte die junge Frau h<strong>in</strong>zu. „Am anderen Tor erhaltet Ihr sie<br />

dann wieder zurück.“ Bosper blickte e<strong>in</strong>en Augenblick verdutzt und musste sich dann e<strong>in</strong> Lachen<br />

verkneifen.<br />

„Was erzählt ihr da, Bauern? Wenn ich an das darpatische Waffenrecht denke, müsstet eher ihr eure<br />

Waffen abgeben….“<br />

Storko ritt näher. Nicht schon wieder Lärm und Rauferei provozieren, dachte er. Auch wenn die<br />

Bauern dort so hochmütig dre<strong>in</strong>blickten, als wären <strong>in</strong> Wahrheit sie Gardisten e<strong>in</strong>er Kaiserlichen<br />

Pfalzburg und se<strong>in</strong>e Leute irgendwelche Wühlmäuse vom nächsten Acker. Hoffart, ja, das Wort<br />

passte hier – die re<strong>in</strong>ste Hoffart stand denen <strong>in</strong>s schmutzige, rotwangige Gesicht geschrieben.<br />

Bauern, die sich für etwas Besseres hielten….<br />

„Wir benötigen e<strong>in</strong>en Hufschmied, ansonsten möchten wir durch Senkenthal h<strong>in</strong>durch reiten“, sagte<br />

der Junker gelassen, würzte se<strong>in</strong>e Worte aber mit e<strong>in</strong>er Prise eigenen Hochmuts. „Wie euch me<strong>in</strong><br />

Bannerträger schon kundgetan hat, wollen wir auf schnellstem Weg zu Burg Suunkdal – und uns<br />

hier nicht über Gebühr aufhalten.“ Letzteres Wort klang bereits leicht verärgert.<br />

„Gernatsborn? Wo liegt das denn?“ wollte die Frau wissen. Es war nicht e<strong>in</strong>mal e<strong>in</strong> bewusster<br />

Affront. Der Büttel<strong>in</strong> war dieser Ort offenbar wirklich von Herzen unbekannt, und entsprechend<br />

gleichgültig. Die beiden sahen gut genährt aus, das Tuch unter ihrer Rüstung war fe<strong>in</strong>stes Le<strong>in</strong>en<br />

und bunt gefärbt, sie waren sogar mit Schwertern bewaffnet – und ihre Schwarzsichler Fryheyt<br />

gewohnt.<br />

„Der Junker ist e<strong>in</strong> Schwager Eures Barons, falls Ihr das noch nicht mitbekommen habt“ schnaubte<br />

Bosper. „Noch mehr Widerworte, und wir werden uns den Weg durchs Dorf zu bahnen wissen.“ Der<br />

Bannerträger wandte sich mit vorgerecktem K<strong>in</strong>n zu se<strong>in</strong>em Befehliger: „Die Renitenz <strong>in</strong> dieser<br />

Baronie ist unglaublich.“<br />

Storko verzog betrübt das Gesicht. Das Verhalten der Senkenthaler hatte eigentlich e<strong>in</strong>e Lektion<br />

verdient, aber das hier was Bischs Lehen, er hatte es eilig, und ke<strong>in</strong>e Lust auf e<strong>in</strong>e erneute Keilerei.<br />

Zumal die Bauern hier wehrhaft zu se<strong>in</strong> schienen. „Das ist eben die Wildermark“, sagte er mit<br />

vergifteter Milde <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Stimme. Und zu den Wachen gewandt: „Ich möchte mit euren<br />

Vorgesetzten sprechen, dann wird sich das… Missverständnis sicherlich bald aufklären“ sagte er<br />

gepresst.<br />

„Gleich ob Hauptmann Nordbert oder unsere Dorfschulz<strong>in</strong>. Sie werden euch beide das gleiche<br />

sagen. Haltet euch an unsere Regeln – oder reitet um das Dorf herum. Wir hatten schon genug<br />

Ärger mit Söldnern, Marodeuren und anderen Herumtreibern. E<strong>in</strong>ige von denen haben sich auch<br />

schon für Leute vornehmer Abkunft ausgegeben, die sie nicht waren…Jeder kann behaupten, er sei<br />

der oder der.“<br />

Storko kratzte sich am Bart. Er ertappte sich dabei, wie er <strong>in</strong> Richtung der Rausche blickte. Jetzt<br />

hätte er gerne sämtliche Gardisten an se<strong>in</strong>er Seite gewusst. Irgendwie fühlte er sich zu müde für<br />

echtes Auftrumpfen, e<strong>in</strong>e Trägheit, die auch an der warmen Sonne lag.<br />

„So gönnt Ihr eurem Schmied nicht e<strong>in</strong> paar Taler für e<strong>in</strong> neues Hufeisen?“<br />

„Der da kann ja <strong>in</strong>s Dorf, wenn er se<strong>in</strong>e Waffen ablegt“, sagte der Büttel <strong>in</strong> Richtung e<strong>in</strong>es<br />

Gardisten. „Der Rest reitet außen herum…“<br />

„Euer Wohlgeboren.“<br />

„Was?“<br />

„Euer Wohlgeboren. Für e<strong>in</strong>en Geme<strong>in</strong>en immer noch Euer Wohlgeboren…“<br />

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„Unser Herr ist Bishdarielon von Senkenthal“ sagte die Frau. Der Unterton <strong>in</strong> ihrer Stimme klang<br />

nach: „Und der hat hier auch nicht gar so viel zu sagen…“ Nach e<strong>in</strong>er kle<strong>in</strong>en Kunstpause kam e<strong>in</strong><br />

lustloses „Euer Wohlgeboren“ h<strong>in</strong>terher.<br />

„Also gut. Dann werden wir Se<strong>in</strong>er Hochgeboren Bericht erstatten, was hier passiert ist. Wir lassen<br />

das Dorf alle l<strong>in</strong>ks liegen.“ Storko g<strong>in</strong>g davon aus, dass es auf dem Wasserschloss e<strong>in</strong>e Schmiede<br />

gab. Die Frage war eher, was passieren würde, wenn Wehrheimer, die eigentliche Garde und die<br />

Kutsche hier e<strong>in</strong>treffen würden. Vermutlich bei Nacht. Sie konnte nicht ohne weiteres über Stock<br />

und Ste<strong>in</strong> Richtung Suunkdal fahren. Sah so aus, als habe sich die Kraftprobe nur verzögert. Wenn<br />

das so weiterg<strong>in</strong>g, würde er erst <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Monat <strong>in</strong> Markt <strong>Friedwang</strong> e<strong>in</strong>treffen.<br />

Sie folgten dem Weidenzaun, der zusätzlich durch e<strong>in</strong>en Graben gesichert war, auf e<strong>in</strong>em Feldweg.<br />

Nach kurzer Zeit stieß der auf e<strong>in</strong>en Pfad, der vom Dorf her Richtung Süden führte. Die Landschaft<br />

war pera<strong>in</strong>egefällig. Woh<strong>in</strong> man blickte erstreckten sich abgeerntete Äcker, Obstha<strong>in</strong>e <strong>in</strong> voller<br />

Pracht, e<strong>in</strong>e Schafherde, die vor ihnen über den Pfad wechselte….Für Vorsichel-Verhältnisse schien<br />

das hier wirklich e<strong>in</strong>e wohlhabende Gegend zu se<strong>in</strong>. Sogar e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es Kloster schimmerte durch die<br />

Baumreihen. Abendstimmung breitete sich aus. Der Himmel begann rot zu leuchten.<br />

Da vorne ragte auch schon das malerische Wasserschloss Suunkdal auf.<br />

Es dämmerte bereits, als sie an der Residenz se<strong>in</strong>es Schwagers ankamen. Fertig gestellt war nur die<br />

dem Dorf zugewandte Seite. Gen Süden war das Gebäude noch e<strong>in</strong>gerüstet, <strong>in</strong> der Nähe standen<br />

e<strong>in</strong>ige Hütten, die wohl den Fronarbeitern als Unterkunft dienten. Fast e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es Dorf für sich. Die<br />

Schloss-Anlage bestand halb aus Ste<strong>in</strong>, halb aus Fachwerk und war von e<strong>in</strong>em stillen Teich<br />

umgeben. Auf dem dunklen, schilfigen Wasser schwammen Seerosen und e<strong>in</strong>ige Schwäne.<br />

E<strong>in</strong>e Ste<strong>in</strong>brücke führte zum Tor, wo zwei Gardisten Wache hielten: Den Senkenthaler Hahn auf<br />

ihren Waffenröcken. Mit Wehrheimer Nasalhelmen, Schwertern und wattierten Waffenröcken<br />

wirkten sie fast schwächer bewaffnet als die Bauernwehr am Dorfzaun. Dafür war der Empfang<br />

etwas freundlicher – allerd<strong>in</strong>gs lag e<strong>in</strong> Schatten auf den Gesichtern der Torwächter. „Schlechte<br />

Nachrichten, Euer Wohlgeboren…“<br />

Storko stürmte über den Innenhof, dann die Freitreppe zum Palas h<strong>in</strong>auf, an e<strong>in</strong>igen verstörten<br />

Dienern vorbei. Nahmen die Belen-Horas-Botschaften denn nie e<strong>in</strong> Ende?<br />

Der Hauptmann durcheilte den Rittersaal, ohne e<strong>in</strong>en Blick auf die kunstvoll geschnitzten<br />

Holzbalken oder die Wandteppiche mit den Jagdszenen und Fabelwesen zu verschwenden. B<strong>in</strong>nen<br />

kürzester Zeit hatte er das Schlafgemach des Barons erreicht. Syrenia saß dar<strong>in</strong> auf e<strong>in</strong>em Stuhl,<br />

starrte stumm zu ihrem Gemahl, der totenbleich und bis zum K<strong>in</strong>n zugedeckt <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Himmelbett<br />

lag. Blass wie Marbo und völlig regungslos. Über ihn beugte sich gerade e<strong>in</strong> weißhaariger junger<br />

Mann mit Kristallstab und roter Robe: Hes<strong>in</strong>dian Silpho ya Phaîtos, der Hofmagier Baron Alriks<br />

von <strong>Friedwang</strong>….Se<strong>in</strong> Milchgesicht wirkte überaus besorgt.<br />

Syrenia stand auf, umarmte Storko stumm. Dieser hielt es nicht mehr aus, trat an das Bett se<strong>in</strong>es<br />

Schwagers. „Ist er…?“<br />

Hes<strong>in</strong>dian schüttelte den Kopf, stellte den Stab neben e<strong>in</strong>em schmiedeeisernen Kandelaber ab: An<br />

dem die brennenden Kerzen bizarre Wachsmuster h<strong>in</strong>terlassen hatten. Erst jetzt sah Storko, dass der<br />

jungalte Magier e<strong>in</strong>e Phiole <strong>in</strong> der Hand hielt – mit der er e<strong>in</strong>e ölige Flüssigkeit auf die<br />

geschlossenen Augenlider des Barons träufelte. Diese bebten leicht. Oder bildete sich der Junker<br />

das im flackernden Kerzenlicht nur e<strong>in</strong>?<br />

„Seit zwei Tagen liegt er jetzt schon so da“, klagte Syrenia mit erstickter, kummervoller Stimme.<br />

„Wir dachten erst…er wäre wirklich zu Boron gegangen“, keuchte sie. „Im Rittersaal haben sie ihn<br />

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gefunden, spätabends. Man kann ihn rütteln, schütteln, er bewegt sich nicht. Se<strong>in</strong> Atem geht nur<br />

noch ganz schwach, gütige Marbo.“ Die Baron<strong>in</strong> zu Oberfriedwang tastete nach dem Jettste<strong>in</strong> um<br />

ihren Hals. „Auch se<strong>in</strong> Herzschlag ist kaum zu hören.“<br />

„Für mich s<strong>in</strong>d es die Symptome der Schlafkrankheit“. Der Magus verkorkte das Fläschchen<br />

wieder. „Ich probiere es mit Yagan-Öl, bislang ohne Erfolg…Auch Magie hat nichts geholfen, der<br />

Allweisen Herr<strong>in</strong> sei´s geklagt. Ich b<strong>in</strong> mit me<strong>in</strong>em Bosparano erstmal am Ende.“<br />

Ya Phaitos g<strong>in</strong>g zur Tür, schloss sie h<strong>in</strong>ter Storko. Syrenia stellte sich h<strong>in</strong>ter ihren Stuhl. „Wir haben<br />

alles versucht, den Angriff geheim zuhalten. Wie hast du von dem Attentat erfahren?“<br />

„Den Angriff? Dem Attentat?“<br />

„Den Biss…um genau zu se<strong>in</strong>.“ Der Adeptus schlug die Bettdecke zurück. Tatsächlich wies der<br />

Hals des Golgariten kaum verheilte Wundlöcher auf. E<strong>in</strong>deutig die Spuren spitzer Zähne.<br />

„Bei allen Zwölfen!“ Storko langte sich verstört an die eigene Kehle. „Sagt nicht dass das….bei den<br />

guten Göttern Alverans… Doch nicht etwa….e<strong>in</strong> Vampirbiss ??!“ Hastig schlug er das<br />

Praioszeichen.<br />

„Könnte man me<strong>in</strong>en“, sagte Hes<strong>in</strong>dian, und versuchte wissenschaftlich nüchtern zu kl<strong>in</strong>gen. Er<br />

verhüllte die Wundmale wieder. „Aber er wurde von dem D<strong>in</strong>g nicht ausgesaugt. Nicht mal<br />

angesaugt. Genau genommen hat es nicht mal die Halsschlagader erwischt. Der Biss g<strong>in</strong>g auch<br />

nicht allzu tief.“<br />

„Dem D<strong>in</strong>g?“ Erst jetzt merkte er, dass ständiges Wiederholen nicht gerade hes<strong>in</strong>degefällig wirkte.<br />

„Was war das für e<strong>in</strong> Überfall?“<br />

„Frag Gero, se<strong>in</strong>en Leibdiener. Er hat mit dem Angreifer gekämpft, am offenen Fenster…Ihn<br />

überrascht, als er Bisch mit dem Stilett den Rest geben wollte. Der lag stöhnend auf dem Boden,<br />

muss auf den H<strong>in</strong>terkopf gefallen se<strong>in</strong>. War anfangs mehr benommen, hat sogar noch mit uns<br />

gesprochen. Richtig e<strong>in</strong>geschlafen ist er erst e<strong>in</strong>e Stunde später. Und seither nicht mehr<br />

aufgewacht…“ Syrenia schluckte. „Ich will nicht zur Witwe werden“, flüsterte sie. „Nicht derart<br />

schnell…und nicht so…“<br />

Der Magier räusperte sich hastig. „E<strong>in</strong>e riesige Fledermaus. Sagt Gero. Be<strong>in</strong>e, Arme und Rumpf<br />

e<strong>in</strong>igermaßen menschlich, der pelzige Kopf, die Nase, die Ohren und die Flügel wie bei e<strong>in</strong>er<br />

Fledermaus…Die Kreatur soll sogar e<strong>in</strong>en Umhang getragen haben…“ Hes<strong>in</strong>dian stellte die Phiole<br />

wieder <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e Art Medicustasche. „Die Nächte s<strong>in</strong>d ja auch schon ziemlich kalt“, versuchte er sich<br />

<strong>in</strong> Galgenhumor und schüttelte darüber selbst den Kopf. „Maraskanisches Yaganöl wäre vermutlich<br />

besser als aranisches“ murmelte er dann geistesabwesend, ganz weltfremder Gelehrter.<br />

Fledermausflügel? Storko stutzte. Verbarg sich h<strong>in</strong>ter dem Beißer am Ende se<strong>in</strong> „Schutzalveraniar“<br />

vom Dach des Gasthauses <strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g? Fischmenschen, Fledermausmenschen…mal waren ihre<br />

Gegner unter Wasser, mal <strong>in</strong> der Luft unterwegs. Ke<strong>in</strong>e guten Aussichten. Er überlegte, ob er<br />

Hes<strong>in</strong>dian von se<strong>in</strong>er Begegnung <strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g erzählen sollte, zögerte aber. Der Geflügelte hatte ihn<br />

gerettet, per Armbrustschuss vom Dach – und Bisch dafür <strong>in</strong> den Sche<strong>in</strong>tod geschickt…irgendwie<br />

e<strong>in</strong> irritierender Gedanke…<br />

„Womöglich Etwas aus den Schwarzen Landen.“ Der Magier schloss die Tasche wieder. „Sie haben<br />

wohl e<strong>in</strong>e ganze Weile mite<strong>in</strong>ander gerungen, dem Lärm nach zu urteilen. Der Nachtschwärmer hat<br />

den guten Gero dann zurückgestoßen und ist durch das offene Fenster entfleucht…e<strong>in</strong>fach lautlos <strong>in</strong><br />

die F<strong>in</strong>sternis davon geflattert wie e<strong>in</strong>e übergroße Motte….immerh<strong>in</strong> konnte der tollkühne Diener<br />

ihm noch e<strong>in</strong> Amulett entreißen, am Fenster.“<br />

„Und darauf stand der Name und die Adresse des geheimnisvollen Fledermanns?“<br />

„Ne<strong>in</strong>. Es ist leider h<strong>in</strong>unter <strong>in</strong> den Schlossteich gefallen, ebenso wie der Dolch, den der Angreifer<br />

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geschwungen hat. Wir haben den Grund des Sees danach abgesucht, aber bislang nichts gefunden“<br />

sagte Syrenia. „Oh Storko, es ist alles so schrecklich. Gut, dass du gleich hierher geeilt bist. Wie<br />

hast du davon erfahren? Und so schnell?“<br />

„Ich? Ich b<strong>in</strong> mit der Schatzgarde hierher unterwegs. Von Bisch wusste ich nichts. Aber…ich<br />

dachte…Glyrana hätte uns angekündigt…mit e<strong>in</strong>er Brieftaube.“<br />

Die junge Adelige sah ihn mit großen Augen an. „Ne<strong>in</strong>. Davon wussten wir nichts.“<br />

„Wir wollten die <strong>Friedwang</strong>er Abgaben nach Gernatsborn br<strong>in</strong>gen. So ist die Botschaft also nie<br />

angekommen?“<br />

„Ne<strong>in</strong>, ne<strong>in</strong>…“<br />

Der Magier wanderte unterdessen mit verschränkten Armen auf und ab. Unter se<strong>in</strong>en Tritten<br />

knarrten die Bohlen. „E<strong>in</strong>e Art Werfledermaus womöglich…Fledermäuse übertragen die<br />

Schlafkrankheit… und Bishdarielon war schon früher sche<strong>in</strong>tot…sogar schon zweimal…<br />

womöglich e<strong>in</strong> Rückfall? Andererseits, ke<strong>in</strong>erlei astrale Komponente…als ob die Metamorphose<br />

nichtmagischen Ursprungs wäre. Aber ich habe noch nie von e<strong>in</strong>er derartigen Kreatur gehört.<br />

Verzwickte Causa, e<strong>in</strong>e wahrlich verzwickte Causa.“ Erst jetzt schien der Zauberer wieder zu<br />

realisieren, dass er nicht alle<strong>in</strong> im Schlafgemach war. „Wir müssen das alles streng geheim halten.<br />

Die Baronie <strong>Friedwang</strong> steht auch so schon kurz vor dem offenen Aufstand…wir können ke<strong>in</strong>e<br />

Vorfälle gebrauchen, die die Unruhe noch weiter anheizen…das ist ja wohl klar.“<br />

Eigentlich hatte Storko gedacht nach Suunkdal <strong>in</strong> Sicherheit zu kommen, den Schutz und die Hilfe<br />

des Barons zu genießen und <strong>in</strong>sbesondere sich bei Schwäger<strong>in</strong> und Schwager ob der<br />

aufrührerischen und unstandesgemäßen Zustände unter den örtlichen Bewohnern ordentlich zu<br />

beschweren – doch das jetzt auch noch. Se<strong>in</strong> Ankommen war tatsächlich phexgewollt, wolle<br />

<strong>Friedwang</strong> nicht zur Freiherrschaft des Pöbels werden, er musste das Steuer hier nun <strong>in</strong> die Hand<br />

nehmen.<br />

Er blickte durch das verglaste Fenster des Raumes h<strong>in</strong>aus. Es war schon fast ganz dunkel geworden<br />

und nur e<strong>in</strong> schmaler glimmernder roter Streifen am Horizont zu erkennen. Dann drehte er sich zu<br />

Syrenia um, die ihn besorgt anblickte. „Hast du schon de<strong>in</strong>en Schwager Alrik benachrichtigt?“<br />

Die junge Mers<strong>in</strong>ger Edle schüttlete verzagt den Kopf. „Ne<strong>in</strong>, wir wollten es geheim halten.“ Nach<br />

e<strong>in</strong>er Atempause, die fast selbstvorwurfsvoll vorkam, fuhr sie fort. „Wie schon Hes<strong>in</strong>dian sagte, die<br />

Baronie steht kurz vor der Revolte … und das könnte den Funken entzünden.“ Dann sank sie<br />

besorgt ihr Haupt.<br />

„Funke?“ me<strong>in</strong>te der Gernatsborner Schwager fast scherzhaft selbstironisch. „Da brennt schon e<strong>in</strong><br />

Laubfeuer! Fast e<strong>in</strong> Wunder, dass ich heil hier her gekommen b<strong>in</strong>, bei den ganzen Räuberbanden<br />

und Aufständischen die hier ihr Unwesen treiben. Die Landwehr von Senkenthal hielt mich für<br />

e<strong>in</strong>en Hochstapler und verweigerte mir durch das Dorf zu reiten. Pffahh.“ Er schüttelte den Kopf,<br />

fast wusste er gar nicht wo er fortfahren solle. „In Efferd<strong>in</strong>g gestern hat sich die Bauernschaft,<br />

während wir traviagefällig dort übernachtet und gelagert hatten, offen gegen uns aufgelehnt, gegen<br />

den Adel. Mit ihren Sensen und Äxten stürmten sie zu unserem Lager und sangen Lieder von<br />

Bauernbefreiung und gegen die praiosgewollte Ordnung – Hochverrat! Hätte das Gewitter gestern<br />

abends nicht e<strong>in</strong>gesetzt und die Gemüter beruhigt, es hätte e<strong>in</strong> Blutbad gegeben wenn ich me<strong>in</strong>en<br />

Gardisten den Angriffsbefehl geben hätte müssen um die Ruhe wieder zu sichern“<br />

Der Magier und Syrenia blickten entsetzt. „So weit ist es schon gekommen..“ sagte sie mit leiser<br />

Stimme.<br />

„Aber damit nicht genug!“ fuhr der Edelmann fort. „Es wurde mir gewahr, dass die Freisassen,<br />

Fahnenflüchtige, Räuberbanden und Milizen der Region e<strong>in</strong>en Bund planen um die Adelsherrschaft<br />

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hier zu stürzen.“ Währenddessen holte er den Zettel mit der bosparanischen Fünf heraus und hielt<br />

sie den beiden h<strong>in</strong>. „Der Bund der Fünf soll er genannt werden, der Rabe und der Fuchs die da<br />

abgebildet am Galgen hängen symbolisieren zweifelsfrei die beiden Barone von <strong>Friedwang</strong>.“<br />

Die Baron<strong>in</strong> von Oberfriedwang nahm den Zettel an sich, tastete ihn mit ihren zarten F<strong>in</strong>gern ab. Ihr<br />

atmete schwer, e<strong>in</strong>e Träne kullerte herab. Was sollte sie nun tun, ihr Gatte <strong>in</strong> unheiligem Schlaf<br />

gefangen und vor den Toren des Wasserschlosses schienen sich schon die Aufständischen mit<br />

Fackeln und Mistgabeln zu sammeln. Kurz wünschte sie sich doch auf Burg Mers<strong>in</strong>gen bei ihrem<br />

Vater geblieben zu se<strong>in</strong>.<br />

Auch wenn Storko noch lange ncht fertig erzählt hatte hielt er kurz Inne und gab se<strong>in</strong>er Schwäger<strong>in</strong><br />

e<strong>in</strong>en Moment während er sie musterte. Kaum hatte sie sich während der letzten zwei Jahre<br />

verändert. Noch immer war sie von schöner, weiblich-schlanker Gestalt, ihr Haar lang gewachsen<br />

und fe<strong>in</strong> gebürstet, Lippen und F<strong>in</strong>gernägel mit dunkelroter Farbe verziert und <strong>in</strong> edle Gewänder<br />

gehüllt wie es e<strong>in</strong>er Mers<strong>in</strong>ger Edeldame und Baronsgatt<strong>in</strong> angemessen war.<br />

Er räusperte sich. „Doch es kommt noch schlimmer“ wurde merklich ruhiger und blickte dabei auf<br />

den Hofmagier. Ich konnte herausf<strong>in</strong>den, dass das Übel von Widersacher der Zwölfen herrührt. Bei<br />

Efferd<strong>in</strong>g auf e<strong>in</strong>er Insel <strong>in</strong> der Orckensauffe haben sie e<strong>in</strong> Unheiligtum der Tiefen Tochter<br />

e<strong>in</strong>gerichtet und auf den Diener des Launischen e<strong>in</strong> Attentat verübt. Der Aufstand gestern ist auch<br />

ihnen zuzurechnen. Doch die Fäden des Komplotts sp<strong>in</strong>nt e<strong>in</strong>e Diener<strong>in</strong> des Gottes ohne Namen.<br />

Sie will die Lande <strong>in</strong>s Chaos stürzen.“<br />

Für die junge Baron<strong>in</strong> war das alles fast zu viel. Sie stützte sich währenddesen an der Lehne e<strong>in</strong>es<br />

Stuhles ab und beugte sich nach vorne.<br />

Hes<strong>in</strong>dian riss die Augen auf und flüsterte argwöhnisch „Dämonische Umtriebe also. Es gab ja<br />

immer schon Geschichten über das Gewässer bei Efferd<strong>in</strong>g, doch man hielt sie nur für Aberglaube<br />

oder die Alten Kulte. Hmm. Seid ihr sicher, dass diese beiden Kräfte zusammen arbeiten.<br />

Ungewöhnlich.“ Storko nickte und antwortete „Sche<strong>in</strong>bar bedient sich das Rattenk<strong>in</strong>d der Schergen<br />

der Tiefen Tochter.“ Er wollte nicht die Details se<strong>in</strong>es Ausfluges auf die Insel im See erzählen. Der<br />

Magier rieb sich den Kopf während er nachdachte.<br />

Mit sche<strong>in</strong>bar neuem Mut fuhr Syrenia auf. Ihre Augen glänzen, ob der Tränen. Mehr <strong>in</strong><br />

Verzweiflung als <strong>in</strong> Wagemut sprach sie <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er gehobenen befehlenden Lautstärke. „Wir müssen<br />

Alrik rufen, die Ste<strong>in</strong>bockgardisten, die Landwehr ausheben, die Nachbarbaronien rufen!“<br />

„Ruhig Blut werte Schwäger<strong>in</strong>“ versuchte Storko die Schwester se<strong>in</strong>er Gemahl<strong>in</strong> zu beruhigen und<br />

nahm ihre leicht zittrige Hand <strong>in</strong> die se<strong>in</strong>en. „Wenn wir nun großes Aufsehen erregen, dann könnten<br />

die Widersacher davon Verdacht schöpfen. Denn unser Vorteil ist, dass wir ihren Plan wissen. Die<br />

vere<strong>in</strong>ten Bosjäckel, so werden die doch <strong>in</strong> <strong>Friedwang</strong> genannt, wollen erst den Zug der<br />

Schatzgarde angreifen wenn wir mit vollen Wägen mitsamt der barönlichen Abgaben wieder die<br />

Heimreise antreten. Mit dem Gold versprechen sie sich die Macht hier an sich zu reißen. Und genau<br />

das werden wir ihnen liefern, e<strong>in</strong>en H<strong>in</strong>terhalt, denn im Wagen wird nicht Gold und Silber<br />

transportiert werden, sondern es werden sich eure Gardisten dar<strong>in</strong> verschanzen. Und dann konnte<br />

ich noch die Bäuer<strong>in</strong> Tekla Nordwyn und ihre Storchenbrüder auf unsere Seite ziehen, wofür ich<br />

ihnen im Voraus <strong>in</strong> eurem Namen e<strong>in</strong>ige Sonderrechte versprochen habe“ - fügte er noch h<strong>in</strong>zu.<br />

Syrenia nickte. „Das war übrigens e<strong>in</strong> Plan me<strong>in</strong>er geliebten Glyrana, formidabel nicht wahr.“<br />

Ja Glyrana, sie war ja noch immer nicht auf dem Wasserschloss angekommen. Wer weiß wie lange<br />

sie der schwere Baum aufgehalten haben mag. „Syrenia, du musst sofort e<strong>in</strong> paar euerer Gardisten<br />

den Weg Richtung Efferd<strong>in</strong>g schicken lassen, sodass sie den Rest me<strong>in</strong>er Schatzgarde und den<br />

Wagen mit Glyrana und den kle<strong>in</strong>en Gisborn Hal sicher hier her geleiten. Me<strong>in</strong> Bannerträger wird<br />

mitgehen.“<br />

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Die Oberfiredwanger Baron<strong>in</strong> nickte stumm und nahm e<strong>in</strong> Tüchle<strong>in</strong> aus ihrem Kleid heraus um sich<br />

die Tränen zu wischen und sich zu schnäuzen. Dann betätigte sie e<strong>in</strong>e Schnur , worauf <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em<br />

Vorraum e<strong>in</strong>e Glocke erklang um e<strong>in</strong>en Diener zu rufen.<br />

Der Magier war mittlerweile <strong>in</strong> Selbstgespräche verwickelt und erst jetzt hörte der Gernatsborner<br />

wieder se<strong>in</strong> Gemurmel. „E<strong>in</strong> dunkles Wunder, ja, das geflügelte Geschöpf ist möglicherweise e<strong>in</strong>e<br />

Kreatur des Dreizehnten. Deshalb hat me<strong>in</strong>e Magie bei Bisch nicht gewirkt...“<br />

Als Storko ihn ansprach wurde er jäh aus se<strong>in</strong>en Gedanken gerissen. „Adeptus, ich weiß nicht recht<br />

wie das <strong>in</strong>s Bild passt, doch <strong>in</strong> der gestrigen Nacht während des Tumults <strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g landete<br />

jemand vom Dach des Gasthauses e<strong>in</strong> gezielten Schuss auf e<strong>in</strong>en der Diener der Widersacher<strong>in</strong> des<br />

Launischen sodass ich jenen stellen konnte. Ich dachte der glückliche Schütze wäre e<strong>in</strong>er me<strong>in</strong>er<br />

Gardisten gewesen und ich wollte ihn belobigen, doch man versicherte mir, dass es ke<strong>in</strong>e me<strong>in</strong>er<br />

Frauen und Männer war, und … dass sie e<strong>in</strong>e geflügelte Gestalt am Dach gesehen haben. Ich hielt<br />

das für e<strong>in</strong> Hirngesp<strong>in</strong>st, aber nachdem was sich hier zugetragen hat...“<br />

„... aber warum sollte diese Kreatur euch gestern geholfen und vorgestern Bishdarielon gebissen<br />

haben“ kommentierte der gelehrte Mann. „Wenn wir nur dieses Amulett und den Dolch hätten, dann<br />

könnte ich bessere Rückschlüsse ziehen. Wir haben ja schon nach den Gegenständen im<br />

Schlossteich gesucht, aber vergebens.“<br />

„Nun ja, ich könnte...“ Storko hielt <strong>in</strong>ne. Er hatte kurz an den Schlossteich und die Stille und Ruhe<br />

unter der Oberfläche gedacht, waren doch die Strahlen der Praiosscheibe die sich am Nachmittag<br />

gezeigt hatte ermüdend gewesen. Vor dem Schloss schwammen die Seerosen gemächlich im<br />

Wasser, das Schilf wuchs prächtig und ke<strong>in</strong>e weltlichen Gefahren waren dort zu erwarten. Die<br />

Fische würden ihm ausweichen, ne<strong>in</strong> achten, er wäre der König im Teich.<br />

„Was könnten wir, habt ihr e<strong>in</strong>e Idee, Storko?“ fragte Hes<strong>in</strong>dian nach. „Nun, zeigt mir erst e<strong>in</strong>mal<br />

aus welchem Fenster dieser Mottenmann oder was es auch immer war geflogen ist und wo se<strong>in</strong>e<br />

Utensilien <strong>in</strong> den Teich gestürzt s<strong>in</strong>d.“ Irgendwie begann der Gernatsborner zu schwitzen. „Ist es<br />

nicht heiß hier im Raum, ihr solltet nicht so stark e<strong>in</strong>heizen. Da trocknet man ja fast aus.“<br />

Während Syrenia e<strong>in</strong>em Diener die Anordnung gab der Schatzgarde und ihrer Schwester entgegen<br />

zu kommen g<strong>in</strong>g Storko und Hes<strong>in</strong>dian zum Raum wo sich der Kapf zugetragen hatte um ihn <strong>in</strong><br />

Augensche<strong>in</strong> zu nehmen.<br />

Voltan erblickte am abendlichen Horizont endlich e<strong>in</strong> paar Höfe oder Häuser. Seit e<strong>in</strong>er Meile schon<br />

hatten sie den Wald zum Süden h<strong>in</strong> h<strong>in</strong>ter sich gelassen und marschierten auf dem Karrenweg durch<br />

Feld- und Heidelandschaften, im Norden türmten sich weiterh<strong>in</strong> die Vorberge der Sichel auf. „E<strong>in</strong>e<br />

Schlammpiste e<strong>in</strong>es Karrenwegs“ murmelte der Veteran und dachte an den mühevollen Tag. Hatte<br />

doch schon der versperrte Baum ihnen e<strong>in</strong> paar Stunden gekostet blieb auch noch der Wagen <strong>in</strong><br />

e<strong>in</strong>em schlammigen Schlagloch stecken. „Wollen wir's hoffen, dass diese Bauern uns freundlicher<br />

Aufnehmen als <strong>in</strong> dem Drecksdorf von heute Früh“ kommentierte er se<strong>in</strong>er Lanze die h<strong>in</strong>ter ihm<br />

marschierte. E<strong>in</strong> ausdrucksloses und müdes Knurren und Murmeln gaben die Soldaten zum<br />

Ausdruck. Zugern hätte der Korporal diesen Unfreien gestern Abend die Gurgel aufgeschlitzt, wenn<br />

man es nur befohlen hätte. Während er zurück auf die anderen marschierenden Gardisten und den<br />

holpernden Wagen blickte trabte der Weibel weiter nach vorne an ihm vorbei um sich selbst e<strong>in</strong><br />

besseres Bild des herannahenden Ortes machen können, die Ansammlung mehrerer versprengter<br />

Höfe umrahmt von Feldern müsste Prähnskaten oder so ähnlich se<strong>in</strong>.<br />

Bogumil verbeugte sich so gut und tief wie er nur konnte und versuchte dies auch se<strong>in</strong>er Familie<br />

mit hastigen Bewegungen anzuordnen. In Reih und Glied standen sie <strong>in</strong> der Wirtsstube „Zur<br />

Travialampe“ um die Herrschaft Willkommen zu heißen, oder eher Damenschaft.<br />

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Xebbert, der Leibwächter, schaute sich, die Wirtsfamilie nichtbeachtend, <strong>in</strong> der Stube um, denn es<br />

könnten sich doch überall Aufständische und Räuber versteckt halten wie freundlich man<br />

vordergründig aus sei.<br />

Glyrana betrat gefolgt von ihrer jungen Zofe, die den kle<strong>in</strong>en Sprössl<strong>in</strong>g des Hauses Gernatsborn-<br />

Mers<strong>in</strong>gen <strong>in</strong> den Händen trug, müde den warmen Raum. In e<strong>in</strong>er Ecke prasselte e<strong>in</strong> Feuer über<br />

dem e<strong>in</strong> Kessel h<strong>in</strong>g. Sie musterte den stattlichen Wirten, se<strong>in</strong>e Frau und die beiden Töchter die nur<br />

wenige Götterläufe jünger als sie selbst waren.<br />

„Der gütigen Mutter zum Gruße“ sprach sie milde und trat weiter e<strong>in</strong>.<br />

Der Wirt versuchte sich noch e<strong>in</strong>mal tiefer zu verbeugen und grüßte se<strong>in</strong>e Gäste „Den beiden<br />

göttlichen Geschwistern Pera<strong>in</strong>e und Travia entsprechend sollt ihr, euer Wohlgeboren, unser<br />

ehrenwerter Gast se<strong>in</strong>.“ Schnell rückte er der jungen Edeldame, die für jedermann zweifelsfrei <strong>in</strong><br />

bester Hoffnung war bald e<strong>in</strong> K<strong>in</strong>d zu erwarten, höflich e<strong>in</strong>en Stuhl bereit.<br />

Nachdem auch die Zofe Alw<strong>in</strong>e mit Gisborn am Arm sich h<strong>in</strong>gesetzt hatte schloss Xebbert die Tür.<br />

Von draussen waren Stimmen und Lärm zu hören, doch an diesem Abend waren es nicht renitente<br />

Bauern sondern die eigenen Gardisten die Wagen und Pferde versorgten und sich für das Nachtlager<br />

im Hof des Gasthofes vorbereiteten.<br />

„Was darf ich euer Wohlgeboren aufwarten, e<strong>in</strong> Gläschen We<strong>in</strong> und e<strong>in</strong> Brathuhn …“ er zögerte.<br />

„Äh, ihr müsst wissen hätten wir von eurem Besuch, der Schwester der Baron<strong>in</strong>, schon vorher<br />

gewusst, dann ...“<br />

„Es wird schon reichen“ unterbrach ihn Glyrana während sie gelassen ihre ledernen Handschuhe<br />

auszog und dann über ihr dunkles Haar strich. „Nach dem was uns <strong>in</strong> diesem Efferd<strong>in</strong>g zugestoßen<br />

ist wird jede noch so kle<strong>in</strong>e Gastfreundschaft e<strong>in</strong> wahrer Genuss se<strong>in</strong>. Ja, und macht me<strong>in</strong>em Sohn<br />

e<strong>in</strong>en guten Brei“.<br />

Der gutmütige Wirt blickte auf das dickliche Kle<strong>in</strong>k<strong>in</strong>d, das gerade mit e<strong>in</strong>er M<strong>in</strong>imalversion e<strong>in</strong>es<br />

Holzschwertes quietschlebendig auf e<strong>in</strong>e Orkenpuppe e<strong>in</strong>schlug. „Jawohl, jawohl“.<br />

Ohne große Worte zu wechseln verbeugte sich der Wirt nochmals und machte sich zusammen mit<br />

der Familie auf das Essen zuzubereiten. Man hörte noch das letzte Gackern e<strong>in</strong>es Huhnes aus der<br />

Küche bis e<strong>in</strong> gezielter Messerstich ihm den Hals abtrennte.<br />

„Euer Wohlgeboren“ wandte sich der Leibwächter an die schwangere Mers<strong>in</strong>ger<strong>in</strong>. „Der<br />

Hauptmann mit der ersten Lanze soll hier heute nicht vorbeigekommen se<strong>in</strong>, so hat man es uns<br />

vorher gesagt. Er mag schon <strong>in</strong> die Burg eures Schwager vorgeritten se<strong>in</strong>.“<br />

„Sofern ihnen nicht e<strong>in</strong>e Räuberübermacht im Wald aufgelauert ist“ bemerkte Glyrana besorgt.<br />

„Sollten wir nicht doch e<strong>in</strong>e Lanze nach ihm Ausschau halten lassen?“<br />

„Die Befehle des Hauptmanns an den Weibel waren deutlich, es gilt euch und die Garde so schnell<br />

wie möglich nach Suunkdal <strong>in</strong> Sicherheit zu br<strong>in</strong>gen. Wenn das Wetter hält, werden wir gewiss dort<br />

morgen ankommen“. „Und sofern ke<strong>in</strong>e Aufständischen uns auflauern.“ konterte sie noch lapidar.<br />

„Den Kopf musst du treffen“ gab Xebbert dem kle<strong>in</strong>en Gernatsborner Spross noch e<strong>in</strong>en guten Rat,<br />

„dann ist der Ork erst tot.“ Alw<strong>in</strong>e lächelte mehr gezwungen.<br />

Nach wenigen M<strong>in</strong>uten kam Bogumil aus dem Keller mit e<strong>in</strong>er We<strong>in</strong>flasche zurück und präsentierte<br />

sie vor sich h<strong>in</strong>. Der Rotwe<strong>in</strong> mag schon lange im Untergeschoß des Wirtshauses gelegen haben,<br />

denn an den schlechter abgewischten Seiten waren unverkennbar die Staubschichten zu sehen. „E<strong>in</strong><br />

1020er, der beste Tropfen des Hauses“ bemerkte er und goss ihn <strong>in</strong> frisch polierte Kelche e<strong>in</strong>. „Euer<br />

Wohlgeboren, ihr erwähntet die mangelnde Travialiebe <strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g. Tja, ke<strong>in</strong> Wunder, dieser Ort<br />

ist schon seit langem als 'götterlos' verschrieen.“ Er schüttelte den Kopf. „Hier, die Travialampe<br />

h<strong>in</strong>gegen … habt ihr die Lampe am E<strong>in</strong>gang gesehen, sie wurde im Friedenskaiser-Yulag-Tempel<br />

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zu Rommilys geweiht.“ Stolz bäumte er sich vor dem Tisch und der Herrschaft auf. „Selbst den<br />

dunklen Schergen gelang es nicht sich dem heiligen Sche<strong>in</strong> zu widersetzen.“<br />

Der guten Menschenkenntnis der Mers<strong>in</strong>ger<strong>in</strong> verdankend - die Jugendjahre als Betreuer<strong>in</strong> im<br />

Kloster der Heiligen Noiona hatten sie e<strong>in</strong> gewisses E<strong>in</strong>fühlungsvermögen gelehrt – erkannte sie am<br />

Wirten e<strong>in</strong>e leichte Unsicherheit. Irgendetwas an se<strong>in</strong>er Geschichte war ihm selbst etwas<br />

unangenehm, oder er wollte absichtlich Geschehenes <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er eigenen Vorstellung verbessern.<br />

Doch das sollte sie jetzt nicht weiter kümmern.<br />

Sie nippte vorsichtig am We<strong>in</strong>glas, der gereifte Rotwe<strong>in</strong> war stark und vollmundig, mit leichten<br />

Noten von roten Beeren, und dazu noch fe<strong>in</strong>strukturiert und elegant – ke<strong>in</strong> schlechter Tropfen. Ob<br />

des We<strong>in</strong>es und der Wärme des Raumes deckten sich ihre Wangen mit leichtem Rot. Sie nickte.<br />

„Euer We<strong>in</strong> ist uns genehm.“<br />

„Wir hätten auch noch unser Ha<strong>in</strong>bräu, e<strong>in</strong> gutes Dunkelbier, ich braue es selbst … falls …<br />

„ bemerkte Bogumil noch. „Schenkt mir e<strong>in</strong>en Humpen eures Hopfensaftes e<strong>in</strong>“ ordnete Xebbert<br />

der Gardist dem Wirten etwas dreist an während er die Tür aufmachte um zu lauschen, denn von<br />

draußen schien man Rufe zu hören.<br />

„Sagt Wirt“ wandte sich die schwangere Edeldame an ihrem Gastgeber, wer ist denn der Herr von<br />

diesem Ort, <strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g hörte man, dass die Junker<strong>in</strong> schon seit vielen Götterläufen sich nicht mehr<br />

um ihr Lehen geschert habe?“.<br />

„Nun, we<strong>in</strong>e Wenigkeit ist nur der Vorsteher von Prähnskaten“ - me<strong>in</strong>te er stolz - „unsere<br />

Schutzherr<strong>in</strong> ist ihre Wohlgeboren Mirella von Mees-Mers<strong>in</strong>gen zum Edlengut Lucranns End die<br />

Rausche flussabwärts.“<br />

Glyrana nickte schweigsam. Mees-Mers<strong>in</strong>gen, weiter verzweigte Verwandte, erst beim letzten<br />

Familientreffen des Hauses Mers<strong>in</strong>gen hatte sie doch die Mutter von Mirella, Sag<strong>in</strong>ta Jamilha von<br />

Mees-Mers<strong>in</strong>gen getroffen, diese habe aber soweit sie wusste ihr Lehen irgendwo bei Perricum.<br />

„Euer Wohlgeboren!“ sprach der Leibwächter die Mers<strong>in</strong>ger<strong>in</strong> von der wieder geschlossenen Tür<br />

an. „Reiter s<strong>in</strong>d angekommen, es s<strong>in</strong>d barönliche Hahnengardisten, samt unserem Bannerträger. Der<br />

Hauptmann soll schon bei bester Gesundheit <strong>in</strong> der Burg euerer Familie e<strong>in</strong>getroffen se<strong>in</strong>!“. Sie<br />

atmete auf. Endlich e<strong>in</strong>e gute Nachricht.<br />

Die Nacht war klar und Mada schien mit halber Pracht auf den Schlossteich herab. E<strong>in</strong>e Totenstille<br />

lag <strong>in</strong> der kalten Herbstluft, nur hie und da zog e<strong>in</strong> sanftes Lüftchen durch das Schilf am Ufer und<br />

ließ die Halme rascheln. Doch <strong>in</strong> der e<strong>in</strong>en dunklen Ecke nah der Schlossmauer stand e<strong>in</strong>e Gestalt.<br />

Storko blickte h<strong>in</strong>auf. Ja, genau hier mussten die Gegenstände des fliegenden Wesens <strong>in</strong> das<br />

Gewässer gefallen se<strong>in</strong>. Noch wusste er nicht ob er das was er zu tun vor hatte wirklich tun sollte.<br />

H<strong>in</strong>ter ihm hatte er schon e<strong>in</strong>e trockene Decke sowie frisches Gewand zurecht gelegt. Mit beiden<br />

Händen hielt er die Fischmaske vor sich. Sollte er wiederum die Maske überstülpen und <strong>in</strong> die<br />

kühle ruhige dunkle Tiefe e<strong>in</strong>tauchen. Er dachte an die schöne Lula, nur um schnell wieder se<strong>in</strong>e<br />

Gedanken an se<strong>in</strong>e geliebte Glyrana umzuschwenken. Noch war sie und die Schatzgarde nicht beim<br />

Schloss angekommen, hoffentlich waren sie gut am Weg weitergekommen und nun bei e<strong>in</strong>em<br />

sicheren Nachtlager. Sie war <strong>in</strong> den besten Händen, Weibel Wehrheimer und Xebbert se<strong>in</strong><br />

Leibwächter würden gewiss um ihre Sicherheit sorgen wie er es selbst auch nicht besser konnte.<br />

Er sah tief <strong>in</strong> die Glubschaugen der Maske, ne<strong>in</strong>, es war fast so als blicken die Augen ihn an und<br />

würden ihm zuflüstern: „Setz mich auf und wir können durch die Wellen gleiten wie e<strong>in</strong> Aal im<br />

Wasser!“. Er zitterte. Noch e<strong>in</strong>mal <strong>in</strong> die Tiefen tauchen, nur e<strong>in</strong> letztes Mal, dachte er, dann musste<br />

er sich ihr unbed<strong>in</strong>gt entledigen. Dieses abscheuliche D<strong>in</strong>g übte e<strong>in</strong>e Macht auf ihn aus, das wusste<br />

er, und umso langer und öfter er sie trug je stärker wurde sie. Sollten sie aber den Dolch und das<br />

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Amulett des Angreifers haben, so konnte man sicherlich Rückschlüsse ziehen um wen oder was es<br />

sich hierbei handelt.<br />

Er trat noch e<strong>in</strong> paar Schritte auf das Ufer zu um sich abermals <strong>in</strong> e<strong>in</strong>en Fischmann zu verwandeln<br />

und nach den D<strong>in</strong>gen zu tauchen.<br />

Als die ersten Blasen <strong>in</strong> Storkos Gesichtsfeld h<strong>in</strong>e<strong>in</strong> blubberten und das kühle Nass <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e Lungen<br />

strömte, fühlte er sich sofort ruhiger. Wie e<strong>in</strong> Rauschkrautsüchtiger, der endlich se<strong>in</strong>e Dosis erhalten<br />

hatte. Der See war scheußlich kalt. Auch wenn er die Unbill gerade noch ertrug, war ihm bei<br />

weitem nicht so wohlig zumute, wie er es sich eigentlich erhofft hatte. Vermutlich auch deswegen,<br />

weil der Teich (oder große Wassergraben) nur e<strong>in</strong>e bessere Pfütze war, im Vergleich zur<br />

majestätischen Orkensauffe. Am Rand hüfthoch, <strong>in</strong> der Mitte ke<strong>in</strong>e zweie<strong>in</strong>halb Schritt tief. Wie<br />

schmutzige Schlieren war Schilf im Halbdunkel zu erahnen, und das Gewirr der Seerosen, aus dem<br />

er sich gerade bäuchl<strong>in</strong>gs herauswand.<br />

Se<strong>in</strong>e Gier nach „Wasserodem“ hatte ihn vorschnell <strong>in</strong> den Teich getrieben, ke<strong>in</strong> Zweifel...trotz des<br />

hellen Mondlichts war es unter Wasser brackig und f<strong>in</strong>ster, gerade e<strong>in</strong> bräunlichgrünlicher Farbton<br />

war zu erahnen. Vermutlich wäre es <strong>in</strong> dieser Brühe auch bei Tag schwierig gewesen, auch nur die<br />

Hand vor Augen zu sehen. Storko war sich nicht mal sicher, ob er überhaupt unter dem richtigen<br />

Fenster gründelte.<br />

Mit der Kühle breitete sich Beklemmung <strong>in</strong> ihm aus. Se<strong>in</strong> Atem g<strong>in</strong>g schwer, das Wasser schmeckte<br />

faulig, modrig. Er suchte die Tiefe, tastete jäh über den Boden. Schlamm. Dunkle Wolken quollen,<br />

wirbelten hoch, wie schwarze T<strong>in</strong>te, nahmen ihm endgültig die Sicht. Und dennoch schienen gerade<br />

jetzt, <strong>in</strong> völliger F<strong>in</strong>sternis, Schemen aufzutauchen. Verzerrte Gesichter, ne<strong>in</strong>, klagende,<br />

hasserfüllte, anklagende Fratzen. Waren nicht hier, genau hier im Jahr des Feuers die Bewohner des<br />

Karrerhofs abgeschlachtet worden? Sicherlich hatten die Warunker e<strong>in</strong>ige der Leichen <strong>in</strong> den Teich<br />

geworfen. Wenn ihre blutig geschlagenen Opfer zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon tot gewesen<br />

waren…<br />

Abgehackte Stimmen raunten <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Kopf. Komm zu uuunns…bleib bei uuunsss….für immer.<br />

Gefolgt von gehässigem Gelächter. Oder war das nur das Glucksen und Brodeln der Wasserblasen?<br />

Kalte, glitschige F<strong>in</strong>ger tasteten nach ihm, zogen und zerrten an se<strong>in</strong>en Be<strong>in</strong>en. Wasserpflanzen,<br />

versuchte er se<strong>in</strong>e Nerven zu beruhigen. Du kannst nicht ertr<strong>in</strong>ken. Er stieß mit dem Fuß gegen e<strong>in</strong><br />

rundliches, löchriges Etwas. E<strong>in</strong> Totenschädel? In jäher Panik stieß er nach oben. Dann war der<br />

Angreifer auch schon über ihm, e<strong>in</strong> riesiges geflügeltes Etwas. Hart biss er ihn <strong>in</strong> den Hals. Storko<br />

schlug pflatschend um sich, merkte, das er hier oben wieder mal ke<strong>in</strong>e Luft bekam. Harte<br />

Flügelschläge und spitze Hiebe trafen se<strong>in</strong>en Rücken. E<strong>in</strong>e Art heiseres Schnattern. In Panik<br />

schwamm er zum Ufer, spürte festes Land unter den Füßen. Prasselnd brach er durch das Schilf. Die<br />

Atemnot pe<strong>in</strong>igte ihn, als hätte man ihm Orazal-Kleber <strong>in</strong> Mund und Nase gegossen. Mit beiden<br />

Händen (an der e<strong>in</strong>en klebte Blut von der Halswunde, merkte er) zog und zerrte er an der<br />

Molchmaske, riss sie sich ab – er hatte das Gefühl, das noch das halbe Gesicht an den Saugnäpfen<br />

klebte. Entkräftet sank er zu Boden, würgte Wasser hervor und sog die frische Nachtluft e<strong>in</strong>, schloss<br />

für e<strong>in</strong>en Moment die Augen. Dann fiel ihm der Angreifer wieder e<strong>in</strong>.<br />

Als er nach oben, <strong>in</strong>s Mondlicht blickte, sah er bereits <strong>in</strong> zwei Hellebardenkl<strong>in</strong>gen. Die wiederum<br />

barönlichen Gardisten gehörten, wie die Waffenröcke mit dem roten Senkenthaler Hahn<br />

verkündeten. E<strong>in</strong> überderisches, bläuliches Licht schwebte von der Seite heran. E<strong>in</strong>en Augenblick<br />

lang plagte ihn der närrische Gedanke, die Schlossbewohner könnten mit den Geistern des Teichs<br />

unter e<strong>in</strong>er Decke stecken. Er tastete nach se<strong>in</strong>em Hals. Die Wunde schien nicht sehr tief zu se<strong>in</strong> –<br />

aber das war sie bei Bishdarielon auch nicht.<br />

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Er rappelte sich auf, spuckte st<strong>in</strong>kige Brühe – und fühlte e<strong>in</strong>e Stahlspitze nun geradewegs unter dem<br />

K<strong>in</strong>n. Während sich e<strong>in</strong>e schwere Schneide auf se<strong>in</strong> Knie legte, bereit, jeden Fluchtversuch mit<br />

e<strong>in</strong>em kräftigen Hieb zu unterb<strong>in</strong>den. „Ke<strong>in</strong>e falsche Bewegung, Fledermann!“ raunzte e<strong>in</strong>e<br />

bäurische Stimme. „Schluss mit dem Geflatter. Oder wir stutzen dir endgültig die Flügel!“<br />

„Ich hab genau gesehen, wie der Unhold <strong>in</strong> den Teich gefallen ist“ antwortete e<strong>in</strong>e Frauenstimme<br />

(seltsam, die dazugehörige Gardist<strong>in</strong> sah überhaupt nicht weiblich aus). „Der wollte wiederkommen<br />

und se<strong>in</strong>en Dolch suchen. Schau dir mal die Visage an…brrr…abscheulich…und wie das Untier<br />

sabbert…“ „Lasst gut se<strong>in</strong>.“ Das rötlichblaue „Feenlicht“ schwebte näher. In se<strong>in</strong>em Sche<strong>in</strong> tauchte<br />

nun das weißhaarige Gesicht des Hofmagiers auf. Hes<strong>in</strong>dian Silpho ya Phaitos, über dessen rechter<br />

Hand e<strong>in</strong>e Lichtkugel schwebte.<br />

„Me<strong>in</strong> lieber Schwan.“ Der Edle von Orweiler lächelte, halb spöttisch, halb unergründlich.<br />

Beiläufig drückte er die Hellebarden mit se<strong>in</strong>em Zauberstab beiseite. „Ich muss schon sagen,<br />

Gernatsborn, Euer Kampf mit Swantje war überaus bee<strong>in</strong>druckend. So heißt die Schwanendame<br />

doch, oder?“<br />

Die Gardisten blickten perplex.<br />

„Svenja“, sagte die Frau dann e<strong>in</strong>silbig.<br />

„Svenja. Dann eben Svenja.“<br />

„Das da war nicht Svenja, sondern ihr Gemahl Praioderich“ fühlte sich der Gardist bemüßigt zu<br />

sagen. „Svenja ist die Kle<strong>in</strong>ere.“<br />

„Jaja. Wie auch immer. Nun tretet schon zurück, ihr seht doch, dass das da unser werter Junker von<br />

Gernatsborn ist“, sagte Hes<strong>in</strong>dian etwas barscher. „Und nicht die Fledermaus.“ Der Magier bot<br />

Storko den Zauberstab und zog ihn daran hoch. „E<strong>in</strong> bisschen kalt für e<strong>in</strong> Bad im Schlossteich,<br />

f<strong>in</strong>det Ihr nicht? Oder wolltet Ihr euch e<strong>in</strong>en Schwan fangen - und braten?“ Se<strong>in</strong> Blick fiel auf die<br />

Molchmaske, um die sich Storkos verkrampfte L<strong>in</strong>ke geschlossen hatte.<br />

Der Junker bibberte und zitterte, er fühlte sich erbärmlich. Dazu spuckte er auch noch jede Menge<br />

brackiges Wasser aus. Sicherlich bot er e<strong>in</strong>en Anblick ähnlich wie e<strong>in</strong>e Wasserleiche.<br />

Der Magier bohrte den Stab <strong>in</strong> die Luft, so schien es und nahm, leicht angewidert, aber auch<br />

<strong>in</strong>teressiert, die schleimige Gesichtsbedeckung an sich. Wog das blut- und schlammtropfende D<strong>in</strong>g<br />

<strong>in</strong> der Hand. „Das habt Ihr von den Paktierern, nicht wahr?“ sagte er leise, mit e<strong>in</strong>em Anflug von<br />

Misstrauen.<br />

Storko würgte noch e<strong>in</strong>mal kräftig Schleim aus. Auch aus der Nase tropfte es, wie aus e<strong>in</strong>em<br />

dunklen Brunnen, ob er wollte oder nicht. So schlimm war es das letzte Mal nicht gewesen. Er<br />

fühlte sich selbst widerwärtig, er, der blutig, verdreckt und schmierig wie e<strong>in</strong> neugeborener<br />

Krakonier im Gras hockte. Wie e<strong>in</strong> Selemit, der bei irgendwelchen oronischen Spielen erwischt<br />

worden war. Storko nickte und flüsterte mit triefenden Lippen. „Man kann damit… unter Wasser<br />

atmen.“ E<strong>in</strong> Glucksen entrang sich se<strong>in</strong>er schwammigen Kehle. „G´lumm…G´lumm….“ Wieder<br />

pflatschte e<strong>in</strong> schwarzer Batzen aus se<strong>in</strong>em Mund zu Boden, geradewegs aus der Lunge. Immerh<strong>in</strong>,<br />

nun g<strong>in</strong>g es ihm besser.<br />

Der Zauberer warf die Maske angeekelt <strong>in</strong> das Gras, zog e<strong>in</strong> Taschentuch hervor und reichte es dem<br />

Junker. „E<strong>in</strong> Artefakt der Tiefen Tochter also.“ Prüfend glitt se<strong>in</strong> Blick über den Edelmann. Das<br />

Ergebnis schien dem Magus selbst nicht ganz klar zu se<strong>in</strong>. „Nicht bewegen“, sagte er dann.<br />

Storko runzelte irritiert die Augenbrauen. Dann sah er, was der Magus me<strong>in</strong>te. Die Maske bewegte<br />

sich auf se<strong>in</strong>e blutverschmierte l<strong>in</strong>ke Hand zu, die groteske Parodie e<strong>in</strong>er Flunder. Ne<strong>in</strong>, eigentlich<br />

er<strong>in</strong>nerte sie ihn mehr an e<strong>in</strong>en Seestern, der langsam, aber beständig über den Meeresboden kroch,<br />

auf irgende<strong>in</strong> Stück Aas zu (merkwürdig, woher wusste er überhaupt, wie diese Kreatur lebte, die er<br />

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mal im getrockneten Zustand gesehen hatte?). Die Augen der „Maske“ glotzten ihn an, so tot und<br />

leer wie zuvor, aber mit der Stellung stimmte irgendetwas nicht …Ke<strong>in</strong> Zweifel…das D<strong>in</strong>g bewegte<br />

sich, glitt, rutschte unmerklich auf se<strong>in</strong>en Saugnäpfen vorwärts…und witterte Blut. Se<strong>in</strong> Blut.<br />

Storko schrie auf – noch bevor der gewaltige Flammenstrahl aus dem Kristall des Zauberstabs<br />

schoss, ke<strong>in</strong>en Schritt von ihm entfernt auf die Erde traf. Der Gluthauch des Feuers fegte über ihn<br />

h<strong>in</strong>weg, während die „Dämonenflunder“ verbrannte, <strong>in</strong> fettem, grünlichem Rauch. Es stank zum<br />

Alveranserbarmen, nach verrottendem Fisch und Seetang - oder Schlimmeren. Wenige Herzschläge<br />

später verbrannte nur noch e<strong>in</strong>e schwärzliche Masse zwischen verkohlten Grashalmen. Storko<br />

robbte weg, die Gardist<strong>in</strong> erbrach sich <strong>in</strong>s Schilf, auch ihr Gefährte sah nicht gerade gesund aus.<br />

Der Nachtw<strong>in</strong>d verwehte die ekligen Schwaden zum Glück schnell.<br />

„Vermutlich sogar e<strong>in</strong> Daimonid“, sagte der Hofmagier, äußerlich ruhig (er schien Schlimmeres<br />

gewohnt zu se<strong>in</strong>). „Ihr solltet so etwas nicht an euer Gesicht lassen. Am besten überhaupt nicht <strong>in</strong><br />

eure Nähe.“<br />

„Ich…Gütige Götter….Ich wollte….“<br />

„Gewiss…nach dem Dolch und dem Amulett tauchen.“ Der Magier sah h<strong>in</strong>aus auf den See, wo nun<br />

auch das Schwanenpärchen hastig davon schwamm – denn die Wolke aus üblem Geruch wehte<br />

geradewegs auf sie zu. Hes<strong>in</strong>dian räusperte sich elegant (oder auch arrogant?) den Gestank aus der<br />

Nase. „Ich habe es selbst versucht. Mit e<strong>in</strong>em IN SEE UND FLUSS, AUF MEERESGRUND…Der<br />

Schwan hat mich ebenfalls attackiert. Praioderich …der Name passt…nebst se<strong>in</strong>er resoluten<br />

Gemahl<strong>in</strong>…Ihr hattet noch Glück…“ Er g<strong>in</strong>g <strong>in</strong> die Hocke, tauchte se<strong>in</strong>e Hand <strong>in</strong>s Wasser, blies<br />

sacht darüber. „Jetzt wäre die Gelegenheit wohl günstiger.“<br />

Mit kräftigen Schwimmstößen glitt Storko durch das Wasser. E<strong>in</strong>e merkwürdige Zufriedenheit, fast<br />

schon Glücksgefühl durchströmte ihn, was nicht nur an dem sanften „Feenlicht“ um ihn herum lag.<br />

Er vermochte Wasser zu atmen wie mit der Maske, nur schien es dabei nicht mehr auf widerwärtige<br />

Weise <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e Lungen e<strong>in</strong>zudr<strong>in</strong>gen. Sondern sich schon <strong>in</strong> Mund und Nase <strong>in</strong> Luft zu verwandeln.<br />

Die er dann auch wieder mit sanften Prickeln ausatmen konnte. Irgendwie g<strong>in</strong>g das alles leichter<br />

vonstatten als <strong>in</strong> der Orkensauffe.<br />

Neben ihm schwebte der Magier, der mit se<strong>in</strong>en aufgeplusterten Robe und dem hochtreibenden<br />

Greisenhaar wahrlich bee<strong>in</strong>druckend wirkte. Das Licht über se<strong>in</strong>er Rechten leuchtete den trüben<br />

Teich <strong>in</strong> mehreren Schritt Umkreis gleichmäßig aus – vermutlich heller, als es bei Tageslicht<br />

möglich gewesen wäre. E<strong>in</strong>e kle<strong>in</strong>e, wenn auch kalte Unterwassersonne.<br />

Storko bl<strong>in</strong>zelte, er fühlte sich frei und unbeschwert. Der Zwischenfall mit der dämonisch belebten<br />

Molchmaske war zwar noch nicht vergessen, aber wenigstens der Schreck wieder aus se<strong>in</strong>en<br />

Gliedern verschwunden. Er liebte Efferd und se<strong>in</strong> Element, schwor sich, ihm bei nächster<br />

Gelegenheit e<strong>in</strong> Opfer darzubr<strong>in</strong>gen. Re<strong>in</strong>igung…das hier war auch e<strong>in</strong>e Art Seelenre<strong>in</strong>igung.<br />

Nur schade, dass es am Teichgrund kaum etwas zu sehen gab, außer e<strong>in</strong> paar verbrannten<br />

Holzbalken und klobige Ste<strong>in</strong>e, die wohl noch vom Vorgängerbau stammten. Was andererseits die<br />

Suche etwas erleichterte. Im H<strong>in</strong>tergrund wogte das Schilf. Karpfen wurden von dem Licht<br />

angelockt, öffneten und schlossen verblüfft ihre dicklippigen Mäuler. Hes<strong>in</strong>dian stieß ihn von der<br />

Seite an. Unter e<strong>in</strong>em der aufgeregt flösselnden Fische ragte etwas metallisch Glänzendes aus dem<br />

Boden, fast schien es, als wolle das Tier den Fund anzeigen. Zum<strong>in</strong>dest wedelte es mit der<br />

Schwanzflosse, wie e<strong>in</strong> Hund. Sie schwammen näher, die Karpfen flohen. Es war tatsächlich e<strong>in</strong><br />

Dolch mit markantem Griff und schlanker Kl<strong>in</strong>ge, der hier krumm im Schlamm steckte, als wäre er<br />

geradewegs vom Himmel gefallen (was er ja auch war). Der Magier zog die Waffe heraus, schob sie<br />

<strong>in</strong> se<strong>in</strong>en Gürtel.<br />

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Storko spähte um sich. E<strong>in</strong> altes Rad ragte vor ihm aus dem Schlamm, wie auch immer das hierher<br />

geraten war. Daneben e<strong>in</strong> löchriger Holzeimer, dessen Form von rostigen Eisenbändern mehr<br />

angedeutet als noch zusammengehalten wurde. Er glitt darüber: Und sah auch schon etwas Silbriges<br />

bl<strong>in</strong>ken: Das kle<strong>in</strong>e Amulett mit (zerrissenem) Lederband war geradewegs <strong>in</strong> den Eimer gefallen -<br />

der allerd<strong>in</strong>gs ohneh<strong>in</strong> ke<strong>in</strong>en Boden mehr hatte, wie er beim Anheben merkte. Hes<strong>in</strong>dian deutete<br />

nach oben…<br />

Das Feuer im Rittersaal prasselte, während sich Storko <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em warmen Sche<strong>in</strong> trocknete. Typisch<br />

Syrenia: Auch wenn es lange nach Mitternacht war, hatte sie die Dienerschaft noch e<strong>in</strong>mal<br />

hochgescheucht, um anzuheizen. Der Junker beugte sich über se<strong>in</strong>en dampfenden Jägertee, der mit<br />

Schnaps mehr als gut gewürzt war, und schlürfte vorsichtig e<strong>in</strong>ige Schluck.<br />

Dann schob er die Fundstücke <strong>in</strong> die Mitte des Tischs, obwohl sie beide bereits ausgiebig<br />

begutachtet worden waren. E<strong>in</strong> versilbertes Amulett von Dukatengröße, das e<strong>in</strong>en Fuchskopf zeigte.<br />

Außerdem e<strong>in</strong> Stilett, dessen Knauf e<strong>in</strong>en Ste<strong>in</strong>bock-Kopf zierte. Dort, wo die Parierstange <strong>in</strong> die<br />

Kl<strong>in</strong>ge überg<strong>in</strong>g, waren verschnörkselte Buchstaben zu sehen. Der Magus nahm die Waffe an sich.<br />

„GvF“ wiederholte Hes<strong>in</strong>dian, der, mit wirrem, nassem Haar und den Kopf halb unter e<strong>in</strong>em<br />

Le<strong>in</strong>entuch verborgen, wie e<strong>in</strong> tulamidischer Derwisch aussah. Auch er schlürfte e<strong>in</strong>en Tee, goss<br />

sich immer wieder etwas vom Schratwaldener Schratenschlag nach.<br />

„Was sagt uns das?“ wollte Syrenia wissen, die trotz der vorgerückten Stunde hellwach wirkte.<br />

„Dieser Dolch hat e<strong>in</strong>mal me<strong>in</strong>em Herrn gehört. Gernot von <strong>Friedwang</strong>-Glimmerdieck“, sagte der<br />

Magier tonlos.<br />

„Ihr wollt damit nicht sagen, dass er…“ fragte die Mers<strong>in</strong>gen und klang dabei fast so spitz wie es<br />

die Kl<strong>in</strong>ge <strong>in</strong> Orweilers Händen war.<br />

„Gernot ist tot“ sagte Hes<strong>in</strong>dian bestimmt und zog das Tuch von se<strong>in</strong>em Kopf. So wie er da saß, <strong>in</strong><br />

dem rot gepolsterten Stuhl, das Stilett vorsichtig wiegend, konnte man me<strong>in</strong>en, er hätte den Baron<br />

eigenhändig mit dieser Waffe über das Nirgendmeer befördert. Mit dumpfen Poltern legte er den<br />

Stahl auf den Tisch, schob ihn weg wie e<strong>in</strong>e unschöne, aufwühlende Er<strong>in</strong>nerung. Er schüttete sich<br />

etwas Branntwe<strong>in</strong> <strong>in</strong> e<strong>in</strong>en Tonbecher, schlürfte daran. Se<strong>in</strong> Gesicht war krebsrot, die Augen bereits<br />

leicht glasig.<br />

„E<strong>in</strong> Stilett des <strong>Verräter</strong>s – und das Amulett e<strong>in</strong>es Phexjüngers“, resümierte Storko. „Was sagt uns<br />

das?“ wiederholte er etwas lahm und unterdrückte e<strong>in</strong> Gähnen. Er fühlte sich todmüde. Das hier<br />

würde die zweite Nacht <strong>in</strong> Folge werden, <strong>in</strong> der er ke<strong>in</strong>en Schlaf fand. Se<strong>in</strong> Gesicht war<br />

zerschrammt, als wäre er gerade von den Zorganpocken genesen.<br />

Syrenia musterte die kle<strong>in</strong>e Runde aus dunklen, klugen Augen. Sie ist aufgeweckt, dachte der<br />

Junker. Im Worts<strong>in</strong>n. H<strong>in</strong>ter der hohen Aristokraten- Stirn schienen gerade unzählige Abakuskugeln<br />

h<strong>in</strong> und her geschoben zu werden.<br />

„Was sagt uns das, ja.“ Sie legte den F<strong>in</strong>ger zwischen die Augenbrauen, beendete solcherart den<br />

Denkprozess.<br />

„Sagt man nicht, die Fledermaus wäre e<strong>in</strong> phexgefälliges Tier?“ fragte sie und legte die Hand auf<br />

die Amulettscheibe: „Kaum weniger phexgefällig… als es der Fuchs ist?“ Sie hob das Artefakt<br />

hoch, das nicht kreisrund war, sondern e<strong>in</strong>en Dreiviertelmond darstellte. „Der Fuchs, der nachts<br />

dem Hahn <strong>in</strong> die Kehle beißt.“<br />

Hes<strong>in</strong>dian hielt ihrem forschenden Blick stand. Verdutzt hob er die Augenbrauen. „Ihr kl<strong>in</strong>gt, als<br />

hättet Ihr e<strong>in</strong>e…Vermutung, Eure Hochgeboren Syrenia?“ Die Zunge war bereits beschwert vom<br />

vielen Alkohol. „Vielleicht. Hat nicht Euer Baron e<strong>in</strong>ige der Waffen aus Gernots Sammlung<br />

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geerbt?“<br />

Mit e<strong>in</strong>em Mal wurde Storko aus dem Halbschlaf gerissen. Irgendwie schien sich die Situation am<br />

Tisch gerade zuzuspitzen. Er überlegte, ob er etwas sagen sollte- und was. Glyranas Schwester<br />

stand ihm näher, aber auch Hes<strong>in</strong>dian war ke<strong>in</strong> schlechter Kerl. Se<strong>in</strong> Zauber hatte geradezu den<br />

Schatten des Charyptoroth-Artefakts von ihm genommen. Er öffnete schon den Mund – und schloss<br />

ihn wieder, wie die Karpfen im Schlossteich. Irgendwie g<strong>in</strong>g gerade alles an ihm vorbei. Und über<br />

ihn h<strong>in</strong>weg.<br />

„Schloss Friedste<strong>in</strong> hat <strong>in</strong> den vergangenen Jahren viele Herren gesehen. E<strong>in</strong>ige von ihnen waren<br />

Schurken, Euer Schwager ist sicher ke<strong>in</strong>er.“ Der Edle von Orweiler atmete scharf aus und zuckte<br />

mit den Schultern. „Und das da….Es gibt viele Menschen, die so etwas als Glücksbr<strong>in</strong>ger tragen.<br />

Das wisst Ihr genau.“<br />

„Mag se<strong>in</strong>. Das, was Alrik so alles mit sich herumschleppt, an phexgefälligen Waffen und<br />

Artefakten, hat me<strong>in</strong>em Gemahl bislang jedenfalls wenig Glück gebracht.“<br />

„Ich fürchte, Ihr seid gerade bissiger als es me<strong>in</strong> Barönlicher Freund, Alrik Tsal<strong>in</strong>d von <strong>Friedwang</strong>,<br />

geme<strong>in</strong>h<strong>in</strong> ist“ antwortete Hes<strong>in</strong>dian mit eisigem Boltanspielerlächeln. Schweigen. Der Magier<br />

lehnte sich zurück, <strong>in</strong> Abwehrhaltung.<br />

„Wollt Ihr ernsthaft behaupten, Alrik habe sich vor zwei Nächten <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e Teernase verwandelt und<br />

solcherart versucht, Bishdarielon zu meucheln. Se<strong>in</strong>en eigenen Bruder?“ Hes<strong>in</strong>dian kratzte sich<br />

über den Handrücken. „In Fledermausgestalt? Ich bitte Euch…“<br />

„Schlussfolgerungen müssen gezogen werden, ob sie e<strong>in</strong>em nun behagen oder nicht. Er hätte<br />

zum<strong>in</strong>dest e<strong>in</strong> Motiv.“ Syrenia klang so freundlich, als unterhielten sich die beiden über das Wetter.<br />

Draußen hatte es wieder zu regnen begonnen. Schwere Tropfen schlugen gegen die Fensterläden.<br />

„So plump? Es wäre nicht das erste Mal, dass unsere geme<strong>in</strong>samen Fe<strong>in</strong>de versuchen, e<strong>in</strong>e falsche<br />

Fährte zu legen. Um uns gegene<strong>in</strong>ander aufzuhetzen. Ihr habt ja gehört, was Storko erzählt hat.<br />

Diener der Niederhöllen treiben an der Orkensauffe ihr Unwesen. Ihnen ist jede Schandtat zu zu<br />

trauen.“<br />

„Natürlich…und diese falsche Spur legt man, <strong>in</strong> dem man die H<strong>in</strong>weise bei e<strong>in</strong>em wilden<br />

Zweikampf <strong>in</strong> den Schlossteich fallen lässt…wo sie jeder sofort f<strong>in</strong>det…sehr überzeugend.“ Syrenia<br />

lächelte ironisch. „Die Spatzen pfeifen es doch von den Dächern, dass Alrik der eigentliche<br />

Strippenzieher h<strong>in</strong>ter dem Räuberunwesen <strong>in</strong> <strong>Friedwang</strong> ist. Ebenso wie h<strong>in</strong>ter den Alten Kulten.<br />

Teile und herrsche, das war schon immer se<strong>in</strong>e Devise. Dieser falsche Dukaten. Er kassiert<br />

stillschweigend se<strong>in</strong>en Anteil von der Beute und sorgt dafür, dass Bishdarielon als Baron nicht ernst<br />

genommen wird. Alrik, die Nebelgraue Em<strong>in</strong>enz im H<strong>in</strong>tergrund….Alrik der Listenreiche…“<br />

„Wie bitte? Er hält sich an die Rabsburger Übere<strong>in</strong>kunft ….“<br />

„Als ob dieser Streunerbaron sich jemals an Verträge gehalten hätte. Oder auch nur an Recht und<br />

Gesetz. E<strong>in</strong> Hochstapler aus der Gosse ist es, der Bishdarielon die Herrschaft gestohlen hat…nichts<br />

weiter. Erst gestohlen, dann abgeschwatzt. Um se<strong>in</strong>en Bastard Alboran auf den Thron zu br<strong>in</strong>gen,<br />

wäre er zu jedem Verbrechen bereit.“<br />

Der Magier wurde sichtlich unruhig. H<strong>in</strong>ter ihm rumpelte es im Kam<strong>in</strong>.<br />

„Ihr scherzt. Syrenia, ich bitte Euch. E<strong>in</strong> Scherz?!“<br />

„Sehe ich so aus, als wäre ich zu Scherzen aufgelegt?“<br />

„Das s<strong>in</strong>d doch alles Unterstellungen, nichts als haltlose Unterstellungen. Ich dachte, wir wären<br />

Freunde.“<br />

„Das dachte ich bis vorh<strong>in</strong> auch“. Syrenia hatte die ganze Zeit völlig ruhig gesprochen, die Stimme<br />

51


nur wenig gehoben.<br />

„Man muss Alrik zugute halten, dass er wenigstens Storko das Leben gerettet hat“ ätzte sie nun.<br />

„Droben <strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g. Offenbar ist das Brabaker Streunerle<strong>in</strong> noch nicht restlos korrumpiert…“<br />

„Nun mal langsam“. Die Stimme des weißhaarigen Magiers wurde so f<strong>in</strong>ster wie se<strong>in</strong>e Miene. Er<br />

sprang auf. „Ihr sprecht gerade so, als wäre bereits bewiesen…“<br />

„Wollt Ihr mich behexen? Ne<strong>in</strong>? Dann setzt Euch besser wieder.“<br />

Mit wutfunkelnden Augen sah der Edle se<strong>in</strong>e Gegenüber an. Langsam und nur mühsam beherrscht<br />

nahm er wieder Platz.<br />

„Überhaupt, Euer Auftauchen hier. Nur e<strong>in</strong>en Tag vor dem Fledermausmann…e<strong>in</strong> überaus<br />

merkwürdiger Zufall, wenn ich so darüber nachdenke. Was genau hat Euch noch e<strong>in</strong>mal auf unsere<br />

Burg verschlagen?“<br />

Hes<strong>in</strong>dian sprang erneut auf: „Ist das etwa Suunkdals Gastfreundschaft, <strong>in</strong> Travias Namen? Oder<br />

der Dank dafür, dass ich Euren Mann gepflegt habe? Ich sagte bereits, dass ich seltene Pilze und<br />

Kräuter…“<br />

„Ah, Pilze und Kräuter. Daraus mischt Ihr also Alrik das Gift, dass er für gewöhnlich auf se<strong>in</strong>e<br />

Kl<strong>in</strong>gen schmiert. Ich möchte nicht wissen, was Ihr Bisch noch alles verabreicht habt die letzten<br />

Tage…“<br />

„Das ist ungeheuerlich!“ brüllte Hes<strong>in</strong>dian los. „E<strong>in</strong>fach unglaublich! Das nehmt Ihr zurück!“ Er<br />

schlug auf den Tisch, der Schnapsbecher fiel um, ergoss se<strong>in</strong>en Inhalt auf die Holzbalken.<br />

Zwei Hahnengardisten stürmten here<strong>in</strong>, die Hand am Schwert. Der krähende rote Praiosgrüßer auf<br />

ihren Waffenröcken wirkte wie Hohn ob der beiden Streithähne im Saal. „Herr<strong>in</strong>? Gibt es e<strong>in</strong><br />

Problem?“<br />

Storko hatte verstört zugehört. Der Streit hatte sich <strong>in</strong> rasender Geschw<strong>in</strong>digkeit entwickelt. Wie e<strong>in</strong><br />

Feuer auf e<strong>in</strong>em Strohhaufen hoch loderte, <strong>in</strong> das e<strong>in</strong>e Kerze gefallen war.<br />

„Gemach“, versuchte er zu schlichten. „Wir sollten erstmal e<strong>in</strong>en kühlen Kopf bewahren. Und uns<br />

besser mit schwerwiegenden Anschuldigungen zurückhalten. Es mag vielleicht wage H<strong>in</strong>weise<br />

geben, aber sicherlich noch ke<strong>in</strong>e Beweise, dass…“<br />

„H<strong>in</strong>weise?“ Hes<strong>in</strong>dian starrte nun auf Storko. „Wer weiß, wie die überhaupt <strong>in</strong> den Teich<br />

gekommen s<strong>in</strong>d…“<br />

„Was soll das denn wieder…“<br />

„Vielleicht hat sie dort ja jemand mit besonders kühlem Kopf platziert“, giftete der Magus. „Mit<br />

niederhöllisch kalter Maskerade…“<br />

Der Junker vollführte e<strong>in</strong>e hilflose Geste. „Ich habe Euch wahrheitsgemäß erzählt, was geschehen<br />

ist“, sagte er dann. „Das ist doch Uns<strong>in</strong>n. Ich habe nichts zu verbergen.“<br />

„Natürlich. Deswegen schleicht Ihr Euch auch bei Nacht und Nebel <strong>in</strong> Richtung Burgteich. Mit<br />

e<strong>in</strong>em dämonischen Artefakt auf dem Gesicht…Von dem Ihr vorher re<strong>in</strong> gar nichts erzählt habt.“<br />

„Nun mal langsam. Was wollt Ihr damit sagen? Ich b<strong>in</strong> Hauptmann der Kaiserlichen Schatzgarde,<br />

vergesst das nicht…“<br />

„Hierhergekommen, um im Namen der Krone Recht und Ordnung <strong>in</strong> dieser Baronie<br />

wiederherzustellen“, pflichtete Syrenia ihm bei. „Was sicherlich e<strong>in</strong>igen zwielichtigen Gestalten<br />

hierzulande gegen den Strich geht…Wer wirft hier gerade mit haltlosen Unterstellungen und<br />

Verleumdungen um sich, me<strong>in</strong> werter Herr Schlangenzunge?“<br />

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Der Blick des Magiers sprach von stiller Trübsal, aber auch hell loderndem Zorn. „Ich denke, das<br />

reicht jetzt…Das, das… dieses beleidigende Geschwätz muss ich mir nicht länger mit anhören…“<br />

„Wir s<strong>in</strong>d alle etwas gereizt und übermüdet“, sagte Storko (der sich, schlaftrunken und taumelnd,<br />

tatsächlich bereits wie <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Alptraum fühlte. Wie solle er unter diesen Bed<strong>in</strong>gungen se<strong>in</strong>en<br />

Auftrag ausführen?). „Hört zu. Wir sollten besser noch mal über alles schlafen und lieber morgen<br />

weiterreden…Müde Menschen machen Fehler und…Überhaupt, da war vielleicht etwas viel<br />

Schnaps <strong>in</strong> De<strong>in</strong>em Jagertee, Syrenia.“ Storko lächelte breit, als wäre ihm damit der alles rettende,<br />

erlösende Scherz e<strong>in</strong>gefallen.<br />

„Da gibt es nichts mehr zu besprechen“ Hes<strong>in</strong>dian griff nach Stab und Mantel, schritt zur Tür.<br />

„Wollt Ihr auch noch behaupten, ich wäre betrunken? Gewiss nicht. Und müde b<strong>in</strong> ich nur dieses<br />

Schurkenspiels hier. Ich werde Baron Alrik Bericht erstatten von dem, was vorgefallen ist. Dieser<br />

durchsichtige Versuch, Se<strong>in</strong>e Hochgeboren zu verleumden, muss und wird Konsequenzen haben.<br />

Verlasst Euch drauf, bei der Allweisen Herr<strong>in</strong>. Man sattle unverzüglich me<strong>in</strong> Pferd.“<br />

Die Gardisten versuchten sich vor dem Zauberer aufzubauen, sahen aber höchst beunruhigt aus.<br />

Hilfesuchend blickten sie zu Syrenia. „Herr<strong>in</strong>?“<br />

„Der Hofmagier steht unter Arrest“, kommandierte sie. „E<strong>in</strong> Mordanschlag auf den Baron von<br />

Oberfriedwang wurde verübt. Möglicherweise, ne<strong>in</strong>, ziemlich wahrsche<strong>in</strong>lich sogar mit<br />

schwarzmagischen Mitteln. Offenbar wurde dazu e<strong>in</strong> Dämon beschworen, Praios steh uns bei. Also.<br />

Wenn Alrik etwas zur Aufklärung des Falls beizutragen hat, wird er schon hierher kommen<br />

müssen.“<br />

Hes<strong>in</strong>dian von Orweiler lachte auf. Es klang belustigt, aber auch drohend. Fassungslos deutete er<br />

auf Syrenia, im Takt des wippenden Zeigef<strong>in</strong>gers rang er um Worte, schüttelte dann aber den Kopf.<br />

Scharrend wurden die Schwerter gezogen. Aber die Wachen zauderten noch.<br />

„Herr Magier, Euren Zauberstab“, sagte e<strong>in</strong>er der Gardisten verlegen. Se<strong>in</strong>e fordernd ausgestreckte<br />

Hand zitterte.<br />

„Seid froh, dass ich ke<strong>in</strong>e Schwachköpfe töte, nur weil sie Schwachköpfe s<strong>in</strong>d“, zischte es ungnädig<br />

zurück. Hes<strong>in</strong>dian verschränkte die Arme mitsamt Kristallstab vor der Brust, murmelte etwas und<br />

nickte wie zur Bestätigung des soeben Gesagten. Mit e<strong>in</strong>em Flirren löste er sich im Halbdunkel des<br />

Rittersaals auf.<br />

Storko erwachte. Draußen waren laute Geräusche zu hören. Sicherlich, e<strong>in</strong>e se<strong>in</strong>er Mägde die mit<br />

e<strong>in</strong>er anderen schimpfte. Er öffnete die Augen, doch irgendetwas kam ihm seltsam vor. Der Himmel<br />

des Bettes sah gar nicht wie se<strong>in</strong>es <strong>in</strong> Gernatsborn aus, und warum lag Glyrana nicht neben ihm.<br />

Langsam kamen ihm die Er<strong>in</strong>nerungen zurück, und Kopfschmerzen. Während er sich im Bett<br />

aufrichtete tastete er die Hauptwunden an se<strong>in</strong>em Kopf ab. Sie waren schon etwas rau verkrustet,<br />

doch musste er zweifelsohne e<strong>in</strong>en verwegenen Ansche<strong>in</strong> machen. Noch immer war das Geschrei<br />

von draußen zu hören, standen schon die Rebellen und Aufständischen vor den Toren der Burg.<br />

Langsam tastete er sich durch das Zimmer, denn nur durch die Ritzen der Fensterläden drangen<br />

wenige Lichtstrahle.<br />

Das Öffnen der Läden und Fenster offenbarte e<strong>in</strong>en nicht weniger düsteren Morgen. In der Nacht<br />

hatte es geregnet, so weit er sich er<strong>in</strong>nern konnte, nun war e<strong>in</strong> feuchter dichter Nebel aufgezogen.<br />

Der Tagesanbruch dieses ersten Travias konnte noch nicht lange her se<strong>in</strong>.<br />

Jetzt konnte er auch den Ursprung der Laute oder besser gesagt des Geschnatters durch die feuchte<br />

Luft erahnen. Von dem Fenster se<strong>in</strong>es Gästezimmers hatte man Blick auf den Schlossteich, dieser<br />

verfluchte Schwan musste sich dort unten wieder grade aufregen oder jemanden von se<strong>in</strong>em Revier<br />

53


verjagen.<br />

Tief holte er Luft und freute sich nie mehr wieder verfluchtes Wasser e<strong>in</strong>atmen zu müssen,<br />

Hes<strong>in</strong>dian hatte ihn mit e<strong>in</strong>em Schlag von dem Niederhöllischen Artefakt erlöst. Obwohl er schon<br />

die zweite Nacht nicht viel geschlafen hatte fühlte er sich doch ausgeruht und erleichtert. Oh ja, der<br />

Magier war ja gestern erbost abgereist. Das war ganz und gar nicht klug von Syrenia gewesen ihn<br />

zu verärgern. Ihre Schlüsse die sie zog basierten re<strong>in</strong> auf Indizien, aber eigentlich umso mehr auf<br />

ihrer Frustration. Wieder bestätigte er sich selbst <strong>in</strong>nerlich die „richtigere“ der beiden Schwestern<br />

geheiratet zu haben. Nicht nur, dass der Magier wohl der e<strong>in</strong>zige hier war der den Zustand von<br />

Bisch sachkund<strong>in</strong>g überwachen konnte, ne<strong>in</strong> jede Schwäche die der Adel <strong>in</strong> <strong>Friedwang</strong> zeigen<br />

könnte, jeder Zwist würde von den Aufständischen ausgenutzt werden. Es schien als würde<br />

<strong>Friedwang</strong> kurz vor dem Chaos stehen und es lag an ihm und den se<strong>in</strong>en dieses zu verh<strong>in</strong>dern.<br />

Er musste den Plan aufrecht halten und samt der Schatzgarde nach Burg Friedste<strong>in</strong> weiter reisen.<br />

Vielleicht konnte man mit Baron Alrik reden und sich im Namen von Syrenia entschuldigen, er war<br />

doch e<strong>in</strong> Mann mit dem man sich e<strong>in</strong>igen konnte, und er wusste gewiss auch um der<br />

aufrührerischen Lage <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en Landen. Dass Alrik der heimliche Geflügelte war? Ne<strong>in</strong> das passte<br />

irgendwie nicht, warum sollte er ihn <strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g gerettet aber davor se<strong>in</strong>en Bruder <strong>in</strong> den Schlaf<br />

gebissen haben. Wenn er e<strong>in</strong>e Intrige ausheckte, dann bestimmt nicht e<strong>in</strong>e solch banale.<br />

Mittlerweile war er angezogen, <strong>in</strong> sauberes und frisches Gewand gehüllt und gerüstet, nun wieder<br />

e<strong>in</strong>em Hauptmann würdig. Als erstes galt es zur restlichen Schatzgarde und se<strong>in</strong>er Gemahl<strong>in</strong><br />

aufzustoßen, denn sche<strong>in</strong>bar waren weder se<strong>in</strong>e noch die ausgeschickten Hahnengardisten wieder<br />

zurück gekehrt.<br />

„Du willst mich also auch noch verlassen…“ Vorwurfsvoll sah Syrenia den Junker an, der <strong>in</strong> vollem<br />

Harnisch die Freitreppe h<strong>in</strong>abklirrte. Sie sieht reifer und fraulicher aus als Glyrana dachte der<br />

Gernatsborner, als er die marboblasse Schönheit mit dem ebenschwarzen, glatten Haar betrachtete:<br />

Im blausamtenen Surcot e<strong>in</strong>er Burgherr<strong>in</strong>, den Kopf durch e<strong>in</strong> weißes Gebende e<strong>in</strong>gerahmt: e<strong>in</strong><br />

Tuch, dass nach traviagefälliger Landessitte so straff um das K<strong>in</strong>n geschlungen war, dass die<br />

Baron<strong>in</strong> Mühe hatte, deutlich zu sprechen… Der Stirnreif darüber entsprach schon eher dem<br />

Geschmack e<strong>in</strong>er jungen Frau, e<strong>in</strong> perlenbesetztes Schapel aus Brokat.<br />

„Ich kehre ja wieder“, sagte Storko und rückte se<strong>in</strong> Schwert an der Seite zu Recht.<br />

„Ich muss nur nach Glyrana und der Schatzgarde sehen. Ihre Ankunft ist längst überfällig…“ Er<br />

blickte zur Burgschmiede, wo das Feuer loderte und se<strong>in</strong> Streitross gerade e<strong>in</strong> neues Hufeisen<br />

angepasst bekam. Es roch nach verbranntem Horn. Die Schmied<strong>in</strong> schlug gerade die letzten Nägel<br />

e<strong>in</strong>, dennoch war der Junker ungeduldig.<br />

Die Baron<strong>in</strong> von Oberfriedwang wirkte nicht allzu besorgt - außer um sich selbst. Sie ist ziemlich<br />

ichbezogen und herrisch, dachte Storko, da war se<strong>in</strong>e Gemahl<strong>in</strong> doch etwas sanftmütiger,<br />

anschmiegsamer.<br />

„Willst du etwa all de<strong>in</strong>e Leute mitnehmen?“ fragte sie übelgelaunt, mit Blick auf se<strong>in</strong>e Mannen<br />

und Frauen, die verschlafen im Nebel des Burghofs antraten, neben e<strong>in</strong>em Misthaufen (auf dem e<strong>in</strong><br />

echter Hahn thronte). Hühner stolzierten gackernd umher.<br />

„Was, wenn mich Alrik gerade jetzt angreift…!??“ Bei diesen Worten riss die Mers<strong>in</strong>gen ihre<br />

Augen entsetzt auf, als spräche sie von den Horden des Bethaniers. „Wie soll ich mich dann gegen<br />

se<strong>in</strong>e Söldner und Totschläger verteidigen? Ohne Bischs Schwertarm an me<strong>in</strong>er Seite…mit e<strong>in</strong>er<br />

Handvoll Wachen…? Gütige Herr<strong>in</strong> Travia…“<br />

„Diese Burg ist wehrhaft, zur Not können wir dir bald Entsatz leisten“. Storko wunderte sich, wie<br />

ernsthaft er diese Worte ausgesprochen hatte. Also zwang er sich e<strong>in</strong> schalkhaftes Lächeln auf die<br />

54


Lippen. „De<strong>in</strong>e streitlustigen Schwäne werden dich beschützen…die ersetzen e<strong>in</strong> ganzes Heer und<br />

s<strong>in</strong>d noch dazu schwimmfähig. E<strong>in</strong> richtiges kle<strong>in</strong>es Geschwader.“ Syrenia schmunzelte nicht mal.<br />

Die Anklage <strong>in</strong> ihren dunklen Augen lautete e<strong>in</strong>deutig auf „Verrat“.<br />

„Nun komm schon, Schwäger<strong>in</strong>, noch ist ja nicht mal h<strong>in</strong>länglich bewiesen, dass…“<br />

„Du glaubst mir also auch nicht!“ zischte es heftig zurück. Storko runzelte die Stirn. Was für e<strong>in</strong>e<br />

Unlogik! Sollte das heißen, sie warf Hes<strong>in</strong>dian lediglich vor, er würde ihr nicht glauben? Gestern<br />

hatte es noch geheißen, der weißhaarige Magus stecke mit dem Fledermausmann unter e<strong>in</strong>er<br />

Decke… Irgendwie ärgerte er sich über das heillose Zerwürfnis. Eigentlich mochte er Alriks<br />

Hofmagier – und mit der Molchmaske hatte er ihm wirklich e<strong>in</strong>e ungeheure Last von Schultern,<br />

besser gesagt, vom zerschrammten Gesicht genommen.<br />

Was sollte das alles? Syrenia konnte unbeherrscht se<strong>in</strong>, o ja, auch verletzend. Aber wenn sie etwas<br />

sagte, hatte das meist schon Hand und Fuß. Das hier war e<strong>in</strong>fach nur k<strong>in</strong>disches Gefühlschaos.<br />

Er nahm die Baron<strong>in</strong> etwas beiseite, <strong>in</strong> e<strong>in</strong>en Laubengang. „Was ist los mit dir, Syri?“ fragte er<br />

leise, aber verärgert - e<strong>in</strong>er eigenen, plötzlichen Gefühlsaufwallung folgend. „Gestern Nacht,<br />

musste das denn so ablaufen? Ich me<strong>in</strong>e, g<strong>in</strong>g das nicht etwas zu weit? Diese Vorwürfe… Hes<strong>in</strong>dian<br />

ist nicht irgende<strong>in</strong> Meuchelmördermagier…und Alrik würde zum<strong>in</strong>dest nicht so plump vorgehen…“<br />

Storko ließ wieder los, blickte sich verlegen um. Es war immerh<strong>in</strong> die Tochter Gisborns, mit der er<br />

hier sprach, ihm von Rang und Abkunft höher gestellt. Der befürchtete Zornausbruch blieb aus.<br />

Stattdessen rieb sich die Baron<strong>in</strong> versonnen über den Bauch – e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es, rundes Schmerbäuchle<strong>in</strong>,<br />

zum<strong>in</strong>dest sah es so aus.<br />

Syrenia starrte ihn durchdr<strong>in</strong>gend an, mit e<strong>in</strong>em merkwürdig entrückten Blick. „Ich will nicht, dass<br />

sie ihm auch noch etwas antun“, flüsterte sie. Der Junker starrte sie entgeistert an.<br />

„Verstehst du?“ hauchte Syrenia und blickte <strong>in</strong> den Nebel. Storko wurde schw<strong>in</strong>delig. O ja, er<br />

begriff die Bedeutung dieser Worte schnell, er kannte diese Situation nur zu gut. Immerh<strong>in</strong> wurde er<br />

demnächst zum zweiten Mal Vater. Kompliziert, das machte das alles nur wieder mal fürchterlich<br />

kompliziert.<br />

„Du auch?“ entfuhr es ihm. Dann stotterte er: „Das wurde ja höchste Zeit, äh, ich<br />

me<strong>in</strong>e….Herzlichen Glückwunsch.“<br />

„Jaja.“<br />

„Seit wann weißt du es?“<br />

„Nicht sehr lange.“ Syrenias Augen spähten umher, aber das Ges<strong>in</strong>de ebenso wie die Bewaffneten<br />

auf dem Burghof waren mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, gürteten Schwerter oder<br />

schleppten Wassereimer. „Es darf niemand wissen…das heißt, ich vermute, Er hat es längst<br />

erfahren…se<strong>in</strong>e Spitzel s<strong>in</strong>d überall, auch hier…“<br />

„Er?“<br />

„Alrik…“ Nun packte Syrenia Storko an der gepanzerten Schulter. „Verstehst du nun? Er hätte e<strong>in</strong><br />

Motiv. Tabula Rasa machen…sozusagen. Außerdem wollte sich Bishdarielon mit ihm treffen…Über<br />

alles reden…Ich war dagegen…aber ich glaube, er hat das Treffen schon geplant…Me<strong>in</strong> Gemahl<br />

spricht nicht über alles mit mir…“ E<strong>in</strong>en Moment lang sah sie ihren Schwager merkwürdig an. E<strong>in</strong><br />

stiller Zweifel lag <strong>in</strong> ihrem Blick, oder auch nur die Er<strong>in</strong>nerung daran, dass sie selbst e<strong>in</strong>mal e<strong>in</strong><br />

Auge auf Storko geworfen hatte. Und mehr als das. Wäre er vielleicht doch der Richtige gewesen,<br />

schienen ihre Gesichtszüge fragen zu wollen. Der Junker fragte sich umgekehrt das gleiche.<br />

Storko beeilte sich, sich aus diesem Gefühl – sich überhaupt aus alten Gefühlen – loszureißen.<br />

„Und du glaubst, das Treffen fand <strong>in</strong> dieser Nacht statt? Mit Alrik im Fledermauskostüm?“<br />

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Syrenia seufzte, legte die Faust an die Unterlippe. Im Burgstall wieherte e<strong>in</strong> Pferd, schlugen dumpf<br />

Hufe gegen Holz. Es klang angstvoll.<br />

„Ich weiß es nicht…ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, was ich überhaupt noch glauben soll. Oder<br />

wem. Aber ich weiß e<strong>in</strong>es sicher, nämlich dass er…oder sie…die wahre Erb<strong>in</strong> oder der Erbe<br />

<strong>Friedwang</strong>s se<strong>in</strong> wird.“ Sie strich sche<strong>in</strong>bar die Falten ihres Gewands glatt. Über dem „Bäuchle<strong>in</strong>“<br />

krümmten sich für e<strong>in</strong>en Moment die F<strong>in</strong>ger.<br />

„In me<strong>in</strong>em K<strong>in</strong>d fließt das Blut der Häuser Streitzig und der Mers<strong>in</strong>gen…“ Syrenias Augen<br />

leuchteten voller Stolz. „Wie auch des rechtmäßigen Barons der Familie <strong>Friedwang</strong>“, fügte sie<br />

gnädig h<strong>in</strong>zu. „Jedenfalls ist es ke<strong>in</strong> Bastard zweifelhafter Herkunft. Wie dieser Albo. Und es ist<br />

auch ke<strong>in</strong>e Frucht von Hexenwerk und Gallyser Intrigen…Wie Serwas Rotznase. Dieses<br />

Bärenhäuterk<strong>in</strong>d Tsal<strong>in</strong>de. Da könnte man genauso gut e<strong>in</strong> dressiertes Äffchen auf den<br />

Ste<strong>in</strong>bockthron setzen. Ihr Zwölfe steht uns bei gegen die schwarzen Künste ihrer Mutter.“ Syri<br />

schlug das Sonnenzeichen. Erneut e<strong>in</strong> Wiehern im Stall, die Baron<strong>in</strong> beachtete es kaum. Nur Storko<br />

wurde unruhig. „Als Hes<strong>in</strong>dian hier aufgetaucht ist, hatte ich sofort das Gefühl, da wäre was im<br />

Busch und er hätte den Thronräuber womöglich schon im Schlepptau. Er könnte den Dieb auf<br />

magische Weise E<strong>in</strong>tritt verschafft haben. Vielleicht gerieten die Brüder dann im Rittersaal <strong>in</strong><br />

Streit…ich weiß es nicht, ich war an diesem Tag im Dorf und b<strong>in</strong> spät zurück gekehrt…Aber so wie<br />

es jetzt aussieht, ist Alrik e<strong>in</strong>deutig der Hauptverdächtige….“<br />

E<strong>in</strong> schriller Schrei aus den Stallungen lenkte beide ab. Gefolgt von e<strong>in</strong>em lauten<br />

„Himmelalveranihrgutengötter…steht uns bei….WAS IST DENN DAS? O MEIN HERRE<br />

PRAIOS!!!!“ E<strong>in</strong>e Frauenstimme. Nun waren es mehrere Pferde, die schnaubten, stampften und<br />

wieherten.<br />

Syrenia wollte loslaufen, aber ihr Schwager hielt sie ab. Se<strong>in</strong>e Soldaten wichen zurück, taten so, als<br />

wollten sie die beiden Adeligen schützen. Der Hauptmann stieß sie beiseite, drängte sich durch ihre<br />

Reihe. Die Hand am Schwertgriff schepperte Storko zum weit geöffneten Stalltor. Auch wenn er das<br />

Gefühl hatte, es könne ihn nichts mehr wirklich überraschen, ahnte er, dass das hier…besonders<br />

werden würde. Zum<strong>in</strong>dest stellten sich se<strong>in</strong>e Nackenhaare jetzt schon auf.<br />

Er eilte <strong>in</strong> den Stall, die Warunker und Elenv<strong>in</strong>er hier tänzelten unruhig herum, <strong>in</strong>sofern ihre engen<br />

Boxen dies zuließen. Es roch scharf nach Pferdepisse und –Schweiß, außerdem nach Heu und<br />

Stroh. E<strong>in</strong>e junge, blondbezopfte Stallmagd stand im Mittelgang, die Mistgabel verstört erhoben,<br />

und kehrte ihm halb dem Rücken zu. Ke<strong>in</strong> Zweifel, sie hatte geschrien. E<strong>in</strong> flehender Blick. Das<br />

Mädchen war totenbleich, obwohl sie für ihr Alter durchaus kräftig gebaut, hartgesotten und<br />

wehrhaft wirkte.<br />

E<strong>in</strong> dumpfes, trommelndes, ne<strong>in</strong>, eher klatschendes Geräusch vom Boden her, begleitet von<br />

panischem Fiepen lenkte Storkos Aufmerksamkeit <strong>in</strong> Richtung des gestampften Lehmbodens. Dort<br />

zappelte, kreischte e<strong>in</strong> braungräuliches Knäuel – Ratten, die wie e<strong>in</strong> Art Rad im Kreis herum auf<br />

dem Boden lagen. Kle<strong>in</strong>e Hausratten. Ihre Füße zuckten, ihre verdrehten Körper schlugen im<br />

chaotischen Takt auf den Lehm. Die Schwänze, sie schienen <strong>in</strong> der Mitte verwachsen, ne<strong>in</strong>,<br />

zusammengeknotet zu se<strong>in</strong>, verschlungen und verworren wie e<strong>in</strong> Wollknäuel. E<strong>in</strong> ekler,<br />

grauenhafter Anblick. Zumal die Bewegungen der acht, neun Tiere schwächer wurde, ihre Laute<br />

immer kläglicher, jammervoller. Die Ratten starben e<strong>in</strong>e nach der anderen, sie wirkten<br />

verschrumpelt und ausgetrocknet. Wie lebendig mumifiziert. E<strong>in</strong> Geruch nach Fäulnis, Verwesung<br />

und Pestilenz lag <strong>in</strong> der Luft. E<strong>in</strong>e Ahnung von Wahns<strong>in</strong>n pochte zwischen Storkos Schläfen. Die<br />

Rösser drehten weißlich ihre Augen heraus, blähten ihre Nüstern, schienen das Unheil förmlich<br />

wittern zu können. „Rattenkönig“ – irgendwoher wusste er, dass man e<strong>in</strong> solches Knäuel so nannte.<br />

Storko schlug das Praioszeichen. Gut, dass er Syrenia diesen scheußlichen Anblick erspart hatte –<br />

ihr und dem ungeborenen K<strong>in</strong>d. Das Ganze hier war geradezu der Inbegriff e<strong>in</strong>es schlechten<br />

56


Omens. Und dennoch galt das Grauen der Magd nicht den verendeten Ratten. Zitternd deutete sie<br />

auf die Tür zur Scheune, die halb offen stand. Dah<strong>in</strong>ter F<strong>in</strong>sternis, als sei e<strong>in</strong> Tor <strong>in</strong> die<br />

Niederhöllen geöffnet worden.<br />

„Da…dorth<strong>in</strong>… ist er verschwunden…! Ich…ich habe alles gesehen…Die Ratten haben ihn<br />

umtanzt…und ihre Schwänze verschlungen….und er hat dann <strong>in</strong> der Mitte gehockt und sie<br />

irgendwie ausgesaugt …Oh Ihr Götter, Heilige Zwölfe, steht mir bei, was für e<strong>in</strong> Scheusal, was für<br />

e<strong>in</strong> abscheuliches Ungeheuer….“<br />

Storko zog mit scharrendem Geräusch blank und fühlte sich, denn schweren, aber gut<br />

ausgewogenen Stahl <strong>in</strong> der Hand sofort wohler. „Wer denn?“ fragte er heiser.<br />

„Der Mottenmann?“<br />

„Ne<strong>in</strong>.“ Die Stallmagd schüttelte den Kopf, klappernd fiel ihre Mistgabel zu Boden,<br />

„Der Rattenkönig!“ seufzte das Mädchen und sank theatralisch <strong>in</strong> Ohnmacht.<br />

„Soso…“ Storko wunderte sich, wie ruhig er klang. Der Junker schritt über die Reglose h<strong>in</strong>weg und<br />

trat die Tür <strong>in</strong> das Nebengebäude vollends auf. „ Erst Fischmenschen, dann der Mottenmann, nun<br />

also e<strong>in</strong> Rattenkönig. Jetzt reicht´s mir aber mit dieser verrückten Menagerie!“ knurrte er, um sich<br />

Mut zu machen - merkte aber, wie se<strong>in</strong>e Knie zitterten.<br />

Die Scheune war fast überall, wo er h<strong>in</strong>blickte, stockdunkel, nur durch e<strong>in</strong>ige Ritzen drang mattes<br />

Tageslicht. Heuhaufen und Strohballen türmten sich auf, von e<strong>in</strong>em Heuboden h<strong>in</strong>gen weitere<br />

Halme herab, mehr konnte er nicht sehen. Da draußen s<strong>in</strong>d genügend Soldaten, dachte er, du solltest<br />

Verstärkung rufen. Kaum hatte er es gedacht, eilte auch schon Bosper herbei, se<strong>in</strong> getreuer<br />

Bannerträger.<br />

„Und der Rest?“<br />

„Fürchtet die Pestilenz…“<br />

„Und du…fürchtest du sie nicht?“ Storko starrte <strong>in</strong> die F<strong>in</strong>sternis. Dann merkte er, dass Bosper<br />

verschwunden war. Se<strong>in</strong> Herz schlug ihm bis zum stählernen Rand se<strong>in</strong>er Brünne. Irgendetwas<br />

lauerte <strong>in</strong> der Schwärze, er konnte es fast mit Händen greifen. Der Rattenkönig, wisperte e<strong>in</strong>e<br />

Stimme <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Kopf, Nachhall der Worte der Magd.<br />

Zwei Dämonenaugen glühten <strong>in</strong> der Schwärze, <strong>in</strong> Bodennähe, aber sicherlich e<strong>in</strong>en halben Schritt<br />

hoch. Was immer dort kauerte, stank nach Massengrab und Siechenhaus…aber irgendwie auch nach<br />

Noionitenspital.<br />

„Bosper?“<br />

Ke<strong>in</strong>e Antwort. Storko traute sich nicht umzudrehen. Irgendetwas war da, da vorne <strong>in</strong> der<br />

Dunkelheit. Hatte er es <strong>in</strong> die Enge getrieben? Oder saß umgekehrt gerade er <strong>in</strong> der Falle?<br />

„Bosper???“ Das klang fast schon flehend.<br />

Die rotleuchtenden Raubtieraugen…sie bohrten sich <strong>in</strong> die se<strong>in</strong>igen…lauernd…kalt…mitleidlos…<br />

Bosper eilte herbei, mit e<strong>in</strong>er Stalllampe. „Hier, Herr, ich dachte…“<br />

„Die brennt ja nicht…“<br />

„Gleich, Herr Hauptmann, ich…“<br />

Bosper stellte die Laterne auf den Boden, kramte umständlich Feuerste<strong>in</strong>, Stahl und Zunder hervor.<br />

Er g<strong>in</strong>g <strong>in</strong> die Knie, schlug Funken. Nach e<strong>in</strong>er schieren Ewigkeit glimmte und rauchte der<br />

Schwamm, flammte das Kerzenlicht auf.<br />

Bosper starrte dem Scheusal geradewegs <strong>in</strong> die glühenden Augen: E<strong>in</strong>er riesigen, fast bibergroßen<br />

57


Ratte, abgrundtief hässlich, mit struppigem, glitschigem Fell. E<strong>in</strong>e Art Geschwür oder Knubbel<br />

verunzierte ihren viel zu großen Schädel: Es sah aus wie e<strong>in</strong>e groteske Krone. E<strong>in</strong> wurmartiger,<br />

fetter, nackter Schwanz r<strong>in</strong>gelte sich wie e<strong>in</strong>e Schlange durch das Stroh.<br />

Das Untier öffnete se<strong>in</strong> Maul, entblößte gelbliche spitze Zähne, dickflüssigen Speichel und e<strong>in</strong>e<br />

purpurfarbene Zunge.<br />

Im nächsten Augenblick hatte sie sich schon <strong>in</strong> Bospers Arm verbissen – aber nur die Stahlschienen<br />

getroffen. Schreiend schlug sie der Bannerträger gegen e<strong>in</strong>en hölzernen Stützpfeiler, wie e<strong>in</strong>en<br />

riesigen fauchenden, geifernden Sack. Die Laterne fiel um, verlosch aber zum Glück nicht. Der<br />

Gardist prallte gegen die Leiter zum Heuboden, diese fiel polternd um, auf die Monsterratte und riss<br />

sie ab. Aber auch die Stahlschiene flog verbogen davon. Bosper griff sich mit schmerzverzerrtem<br />

Gesicht an den Arm, wo nun doch dunkles Blut hervor suppte. Storko, der sich nicht getraut hatte,<br />

mit dem Schwert auf die Ratte e<strong>in</strong>zuschlagen – um nicht se<strong>in</strong>en Getreuen zu treffen – trat näher.<br />

Das Vieh zog sich wieder <strong>in</strong> die F<strong>in</strong>sternis zurück. Der Bannerträger stöhnte – e<strong>in</strong> Laut, der immer<br />

dumpfer und tierhafter wurde.<br />

„Alles <strong>in</strong> Ordnung…“<br />

„Hauptmann…geht weg…ich…“<br />

„Was ist los? Der Biss sche<strong>in</strong>t tief gegangen zu se<strong>in</strong>…Lass mal sehen…“<br />

„Ne<strong>in</strong>, es ist nur e<strong>in</strong> Kratzer…aber…“ Bosper knurrte.<br />

„Verschw<strong>in</strong>de!“ Es klang, als habe er mit zwei Stimmen gesprochen.<br />

„Was zum Namenlosen…“ Storko sprang zurück, versuchte, sowohl die Ecke, wo er den<br />

Rattenkönig vermutete, als auch den Bannerträger im Auge zu behalten. Dessen Gesicht war<br />

eigentümlich verzerrt – und irgendwie gealtert. Die Augen waren verdreht, Schaum trat ihm aus<br />

dem Mund. E<strong>in</strong>e Art von Altersflecken hatten se<strong>in</strong> Gesicht gesprenkelt.<br />

„ER ist der Herr der Welt ja“, gurgelte Bosper und kicherte verzückt. „Auch Du musst dich vor ihm<br />

verneigen! ER, der liegt, wird sich erheben und uns se<strong>in</strong> Antlitz zeigen! Beuge dich vor ihm,<br />

Storko!“<br />

„Du bist von S<strong>in</strong>nen!“<br />

Ohne jede Vorwarnung brüllte Bosper los. Dann wieder e<strong>in</strong> raubtierhaftes, rasselndes, tiefes<br />

Knurren. Gefolgt von e<strong>in</strong>em wahnwitzigen Selbstgespräch, das Storko nicht recht verstand. Dann<br />

wieder e<strong>in</strong> blödiger, bösartig glotzender Blick <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e Richtung.<br />

„Ich werde sie aufschlitzen, und IHM de<strong>in</strong>en schleimigen Bastard zum Opfer br<strong>in</strong>gen. Oh ja, das<br />

werde ich. METZE! HURE! SIE IST EINE HUREEE! Du weißt es, ja, du weißt es…GLYRANA!<br />

ICH HASSE SIE! ICH HASSE SIE! HASS! HASS! HASS!“<br />

Bosper griff mit Schaum vor dem Mund an, jetzt eher e<strong>in</strong> Zombie als e<strong>in</strong> lebender Mensch. Storko<br />

parierte, wich dem zweiten Schlag aus, der raschelnd Stroh zerteilte.<br />

„Bosper, reiß dich zusammen!“<br />

Ne<strong>in</strong>, es war zwecklos. Klirrend wehrte er e<strong>in</strong>en unbeherrschten Hieb nach dem nächsten ab,<br />

Funken sprühten. Es war dennoch e<strong>in</strong> ungleicher Kampf. Er wollte se<strong>in</strong>en getreuen Bannerträger<br />

nicht ernsthaft verwunden, der offenkundig besessen war. Dennoch, ewig würde das Spiel nicht<br />

weitergehen. Irgendwann würde er e<strong>in</strong>en Treffer kassieren.<br />

Im nächsten Moment prallte etwas von h<strong>in</strong>ten gegen se<strong>in</strong> rechtes Be<strong>in</strong>, riss ihn um. Storko schrie<br />

auf…Die Riesenratte…Im nächsten Moment lag er auch schon auf dem Boden. Er tastete nach<br />

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se<strong>in</strong>em Stiefel, aber die Zähne hatten nur das Leder aufgerissen. Bosper ragte über ihn auf, wie e<strong>in</strong><br />

Rachedämon, die Hände um den Schwertgriff, die Kl<strong>in</strong>ge zum Keilstoß erhoben. Der Hauptmann<br />

rollte zur Seite. Heu stob hoch. Der nächste Hieb g<strong>in</strong>g <strong>in</strong> den Lehmboden. Sogar der Rattenkönig<br />

nahm wieder Reißaus.<br />

Verdammter Harnisch…Storko versuchte aufzustehen, aber die schwere Rüstung h<strong>in</strong>derte ihn daran.<br />

Er parierte im Liegen über Kopf, tastete nach e<strong>in</strong>em Stützpfeiler, stand steif auf. Der nächste Schlag<br />

traf – Klong – den stählernen Brustpanzer. Das Schwert flog Storko aus der Hand, er kippte wieder<br />

um. Bosper hackte nach se<strong>in</strong>em Hals, aber derart ungeschickt, dass die Waffe im Balken<br />

steckenblieb. Strohstaub wirbelte umher, ebenso wie e<strong>in</strong>zelne Halme.<br />

E<strong>in</strong> Rauschen über Storkos verschwitztem Gesicht. E<strong>in</strong> riesiger schwarzer Schatten schwebte vom<br />

Heuboden herab, wie e<strong>in</strong> Alveraniar des Todes. Riesige Fledermausflügel hatten sich gespreizt, die<br />

übergroßen Ohren waren im flackernden Licht der Laterne gut zu sehen. Fast lautlos landete der<br />

„Mottenmann“ h<strong>in</strong>ter dem Berserker, zwei kräftige Arme packten Bosper, stießen ihn mit der Stirn<br />

voran gegen den Balken. Blut sprudelte fast sofort hervor und blendete ihn, aber der Gardist stand<br />

noch immer aufrecht. Mit wütendem Brüllen drehte er se<strong>in</strong> Schwert aus dem Holz, schlug auf den<br />

Neuankömml<strong>in</strong>g e<strong>in</strong>. Im nächsten Moment hatte er e<strong>in</strong>en der Fledermausflügel entzwei geschlagen.<br />

Der nächste Hieb traf den Kopf des Flattermanns – es klang (und blitzte) metallisch. Storko hatte<br />

ke<strong>in</strong>e Zeit, Erstaunen zu empf<strong>in</strong>den. Er sprang auf, tastete nach se<strong>in</strong>er eigenen Waffe, hieb dem<br />

rasenden Bosper von h<strong>in</strong>ten den Schwertknauf auf den Schädel. Das saß. Diesmal brach der<br />

Bannerträger regungslos zusammen.<br />

E<strong>in</strong> wütendes Fauchen von h<strong>in</strong>ten. Die Ratte…hechelnd und blutrünstig wuselte sie auf ihn zu, flog<br />

die letzten Schritte mehr, als das sie rannte, sprang e<strong>in</strong>deutig <strong>in</strong> Richtung se<strong>in</strong>er Kehle. Storko<br />

wusste <strong>in</strong>st<strong>in</strong>ktiv, dass er das Schwert nicht mehr rechtzeitig zwischen sich und das Monstrum<br />

br<strong>in</strong>gen würde.<br />

E<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>er silberner Stern schwirrte von schräg l<strong>in</strong>ks h<strong>in</strong>ten über se<strong>in</strong>e Schulter und bohrte sich,<br />

knapp unter der dämonischen Krone, <strong>in</strong> den Schädel der Angreifer<strong>in</strong>. Ihr Schrei kündete von Zorn<br />

und Schmerz. Heftig wie e<strong>in</strong> Katapultgeschoss prallte sie gegen Storkos Platte, h<strong>in</strong>terließ e<strong>in</strong>e<br />

tüchtige Delle, die ihm den Atem raubte. Keuchend prallte er gegen die Wand, sah, wie das Vieh auf<br />

dem Boden lag, zuckte und purpurnes Blut vergoss.<br />

Der „Fledermausmann“ trat näher, se<strong>in</strong>e l<strong>in</strong>ke Schw<strong>in</strong>ge h<strong>in</strong>g ihm halbiert und abgeknickt von der<br />

Schulter. In se<strong>in</strong>en behandschuhten Händen ruhte nun e<strong>in</strong> Rapier. Die spitze Schneide glitt h<strong>in</strong>ab,<br />

geradewegs <strong>in</strong> den feisten, prallen Unterleib des Untiers. E<strong>in</strong> <strong>in</strong>fernalisches Quieken, das an e<strong>in</strong><br />

geschlachtetes Dämonenschwe<strong>in</strong> er<strong>in</strong>nerte, dann war Ruhe. Kle<strong>in</strong>e purpurne Flüsse strömten aus<br />

der Bauchwunde der Ratte, die ihr Un-Leben zitternd beende.<br />

„Ist die Katze aus dem Haus, feiern die Ratten e<strong>in</strong> Fest!“ brummte es h<strong>in</strong>ter der Maske. Es war e<strong>in</strong><br />

silberner Visier-Helm <strong>in</strong> Form e<strong>in</strong>es Fuchskopfes, den der Fremde trug. Ansonsten war er <strong>in</strong><br />

dunkles Fell und Leder gekleidet. „Ziemlich viel Ungeziefer hier auf der Burg…“<br />

Die „Ohren“ des Fuchses waren auffallend groß und spitz: im Halbdunkel und zusammen mit den<br />

Flügeln sah der Mann tatsächlich wie e<strong>in</strong>e aufrecht gehende Fledermaus aus. Se<strong>in</strong> Mantel war mit<br />

e<strong>in</strong>er Art Korsettstangen zu regelrechten Drachenschw<strong>in</strong>gen versteift, bestand aber e<strong>in</strong>deutig aus<br />

schwarzem Stoff. Nun sah der Hauptmann auch die Leder-Schl<strong>in</strong>gen an den obersten Stangen:<br />

wenn man mit beiden Händen danach griff, hatte man e<strong>in</strong>en veritablen Flugmantel.<br />

Der Neuankömml<strong>in</strong>g öffnete das Visier: Nicht mehr überraschend, kam das verschmitzte, schwarz<br />

gelockte, von e<strong>in</strong>er samtenen Augenklappe geschmückte Gesicht Alriks zum Vorsche<strong>in</strong>. Er<br />

entledigte sich se<strong>in</strong>es exzentrischen Mantels, legte den Helm ab und schob das Rapier zurück <strong>in</strong> die<br />

Scheide.<br />

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Dann brachte er es tatsächlich fertig, völlig ungerührt e<strong>in</strong>en Tabaksbeutel und e<strong>in</strong>e Pfeife<br />

hervorzukramen, diese zu stopfen und an der Stalllaterne zu entzünden. „Auf den Schreck“, sagte<br />

er, es klang entschuldigend.“ Dann hängte er die Laterne an e<strong>in</strong>en Nagel.<br />

„Der Baron von Niederfriedwang, also doch.“ Storko beugte sich nieder, sah nach dem<br />

bes<strong>in</strong>nungslosen Bosper. Das Schwert hielt er noch immer kampfbereit. Insbesondere ließ er den<br />

Freiherren nicht aus den Augen.<br />

„Ist er…besessen…?“<br />

Alrik paffte gemütlich, als wäre nichts geschehen – und als stünde er nicht gerade <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Scheune<br />

voller trockenem Heu und Stroh. Vermutlich war es ihm völlig egal, ob die Residenz se<strong>in</strong>es Bruders<br />

bis auf die Grundmauern abbrannte oder nicht.<br />

„So ähnlich“, me<strong>in</strong>te der <strong>Friedwang</strong>er gemütlich und steckte se<strong>in</strong>en Wurfstern wieder weg. „Was<br />

weiß ich? Die gekrönte Ratte war e<strong>in</strong> Seelensammler…. E<strong>in</strong>e H<strong>in</strong>terlassenschaft von Merwan dem<br />

Schrecklichen…Verfluchte Tiere…Üblicherweise stehlen diese Daimoniden Menschen im<br />

Augenblick des Todes die Seele…aber von ihnen gebissen zu werden ist sicherlich auch ke<strong>in</strong>e<br />

Freude. Schlecht für die Seele. Aber ich denke, der Wahns<strong>in</strong>n de<strong>in</strong>es Freundes ist jetzt<br />

vergangen…“ Der Streunerbaron lehnte sich entspannt gegen den Balken. „Schade, dass er me<strong>in</strong>en<br />

Fledermausmantel zerstört hat. Es gibt nichts besseres, wenn man mal von e<strong>in</strong>er Mauer spr<strong>in</strong>gen<br />

oder kurz vom Dach <strong>in</strong> e<strong>in</strong>en Schlossteich gleiten muss. Dachte ich zum<strong>in</strong>dest. Gerade <strong>in</strong> me<strong>in</strong>em<br />

Alter verstaucht man sich schnell mal e<strong>in</strong>en Fuß…oder man rutscht aus und fällt e<strong>in</strong> paar Schritt <strong>in</strong><br />

die Tiefe…der Mantel bremst den Sturz wenigstens…und ziemlich lautlos ist das Ganze auch…“<br />

„Und der Helm…?“<br />

„Das ist e<strong>in</strong>e andere Geschichte…“<br />

„Was ist mit de<strong>in</strong>em Bruder geschehen?“<br />

„Irgendjemand muss diese Ratte auf ihn gehetzt haben….“<br />

„Sie war es also, die ihn gebissen hat.“<br />

„Natürlich. Bisch hat mir vor e<strong>in</strong> paar Tagen e<strong>in</strong>en Boten geschickt und mich um e<strong>in</strong> diskretes<br />

Treffen gebeten. E<strong>in</strong>e offene Aussprache….Die kann er sofort haben, dachte ich mir und habe<br />

beschlossen, ihm e<strong>in</strong>en nächtlichen Besuch im Schloss abzustatten.“<br />

„Wie bist du da re<strong>in</strong> gekommen? Geflogen?“<br />

„Ich bitte dich, der Behelfsteg und der Baugerüst auf der Südseite s<strong>in</strong>d fast schon e<strong>in</strong>e Beleidigung<br />

für die Berufsehre e<strong>in</strong>es jeden Fassadenkletterers.“ Alrik räusperte sich. „Ich kam gerade noch<br />

rechtzeitig, um zu sehen, wie diese Dämonenratte an me<strong>in</strong>em Bruder herumzuknabbern beg<strong>in</strong>nt.<br />

Das heißt, eigentlich ist sie sofort auf mich los. Ich zücke me<strong>in</strong> Stilett, plötzlich geht die Tür auf,<br />

das Mistvieh verzieht sich <strong>in</strong> den Kam<strong>in</strong>. Vielleicht weil sie me<strong>in</strong> geweihtes Phexamulett gesehen<br />

hat. Here<strong>in</strong> kommt dieser Zausel von Kammerdiener….Für ihn wars wohl der Schreck se<strong>in</strong>es<br />

Lebens, andererseits, er hat mir dann ganz schön e<strong>in</strong>geheizt. Ich spr<strong>in</strong>ge aus dem Fenster und<br />

schaffe es sogar noch, irgendwie im nächsten Baum zu landen…wie so e<strong>in</strong> Flughund…na, wohl<br />

besser Fliegender Fuchs…Me<strong>in</strong> Messerchen hab ich dabei leider verloren…ebenso wie me<strong>in</strong>en<br />

Glücksbr<strong>in</strong>ger…“<br />

„Du kannst dir beides bei Syrenia abholen“, me<strong>in</strong>te Storko. „Du hast sie ziemlich erschreckt…Sie<br />

glaubt jetzt, es wäre e<strong>in</strong> Attentat von dir gewesen…deswegen gab es gestern ziemlichen Streit mit<br />

Hes<strong>in</strong>dian…“<br />

„Wie, me<strong>in</strong> Hofmagier ist auch da?“<br />

„Ne<strong>in</strong>, er ist empört abgereist. Noch <strong>in</strong> der Nacht. Er hat mit dem Ganzen also nichts zu tun?“<br />

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„Nun, nicht, das ich wüsste. Ich b<strong>in</strong> froh, wenn ich ihn auf Burg Friedste<strong>in</strong> ab und an auch mal zu<br />

Gesicht bekomme…“ Alrik sah e<strong>in</strong>igen Rauchkr<strong>in</strong>geln h<strong>in</strong>terher, die zum Dach der Scheune<br />

stiegen. „Naja, was soll ich sagen, nach dem Morgengrauen habe ich dann die Spuren der Ratte<br />

entdeckt, ziemlich deutliche Spuren. Vergilbtes Gras, Blätter, die sogar noch welker waren als im<br />

Herbst üblich, nach Schwefel st<strong>in</strong>kende Kötel. Und riesige Pfotenabdrücke…Der Marsch der<br />

Tausend Oger wäre schwieriger zu verfolgen gewesen. E<strong>in</strong> K<strong>in</strong>derspiel, selbst für e<strong>in</strong>en<br />

Stadtmenschen wie mich. Die Fährte führte nach Westen. An der Orkensauffe war sie dann<br />

allerd<strong>in</strong>gs verschwunden. Das heißt, sie schien geradewegs aus dem Wasser zu kommen. Offenbar<br />

e<strong>in</strong>e echte Wasserratte. Und <strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g war dann schon wieder Tohuwabohu angesagt…ich konnte<br />

mich gerade noch vor dem revoltierenden Mob aufs Dach des Alten Hechts retten… euch aufs Dach<br />

steigen, sozusagen….“<br />

„Dann hast du mir also diesen Molch da vom Hals geschafft….Vielen Dank….“<br />

„War mir e<strong>in</strong> Vergnügen. Dafür habe ich mir dann e<strong>in</strong> paar Ste<strong>in</strong>würfe e<strong>in</strong>gehandelt…ich b<strong>in</strong> dann<br />

unsanft im See gelandet…E<strong>in</strong> wahrer Hechtsprung… hat mich e<strong>in</strong>ige Stunden gekostet, im Wald<br />

am Lagerfeuer, bis ich wieder e<strong>in</strong>igermaßen trocken war. Dann g<strong>in</strong>g es wieder mit dem Pferd nach<br />

Suunkdal…Immerh<strong>in</strong> hat es mich dann doch <strong>in</strong>teressiert, wie es me<strong>in</strong>em Bruder so geht. Naja, und<br />

hier b<strong>in</strong> ich wieder…“<br />

„Ziemliches Chaos <strong>in</strong> eurer Baronie, hm?“ Zufrieden registrierte Storko e<strong>in</strong> Stöhnen von Bosper. Er<br />

gab ihm e<strong>in</strong>e leichte Ohrfeige. Erneut e<strong>in</strong> Ächzen, gefolgt von e<strong>in</strong>em Zuckern der Augenlider. Der<br />

Bannerträger schien sich langsam wieder zu erholen.<br />

„Kann man wohl sagen. E<strong>in</strong> Fall für Superior<strong>in</strong> Nania…“<br />

„Wer ist das denn?“<br />

„E<strong>in</strong>e legendäre Äbtiss<strong>in</strong> des Traviaklosters Alweranskuppen. War bekannt dafür,<br />

Familienstreitigkeiten zu schlichten…“ Der Baron gr<strong>in</strong>ste schief. „Na komm, so schlimm ist es bei<br />

uns auch wieder nicht. Mit so e<strong>in</strong>em friedlichen, aufstrebenden Hort der Zivilisation wie<br />

Gernatsborn ist <strong>Friedwang</strong> natürlich nicht zu vergleichen, aber es geht e<strong>in</strong>deutig aufwärts. Ich<br />

me<strong>in</strong>e, gestern Abend b<strong>in</strong> ich sogar an e<strong>in</strong>em Trupp Fronarbeiter vorbeigekommen, der e<strong>in</strong><br />

Schlagloch auf der Rauschebrücke repariert hat…Auf Befehl Bishdarielons…noch am gleichen Tag<br />

erledigt…Bei uns im Süden undenkbar. Und ich dachte immer, me<strong>in</strong> Bruderherz wäre e<strong>in</strong> Versager,<br />

der sich <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em geliebten Golgaritenorden vor dem Leben versteckt. E<strong>in</strong>e ewige Schlafmütze.“<br />

„Ist er auch…“ Storko kratzte sich am K<strong>in</strong>n. „E<strong>in</strong>e Schlafmütze, me<strong>in</strong>e ich…“<br />

„E<strong>in</strong> hartes Urteil. Aber wenn du es sagst, wird es schon stimmen.“<br />

„Das me<strong>in</strong>e ich nicht. Er liegt schon seit über zwei Tagen im Tiefschlaf…“<br />

„Wie? Bei mir war er noch munter…“<br />

„Nun, der Rattenbiss hat offenbar e<strong>in</strong>e Art Schlafkrankheit bei ihm ausgelöst. Das heißt…er kann<br />

eigentlich ke<strong>in</strong>en Befehl gegeben haben, die Brücke zu reparieren…jedenfalls nicht am gleichen<br />

Tag…und schon gar nicht persönlich.“<br />

„Hier euer Wohlgeboren“ Weibel Wehrheimer reichte der hochschwangeren Mers<strong>in</strong>ger Edlen die<br />

Hand um den E<strong>in</strong>stig <strong>in</strong> den Wagen zu erleichtern, nachdem sie sich beim Wirt für die herzliche<br />

Gastfreundschaft bedankt hatte. Die ganze Familie war zum Abschied vor das Haus getreten.<br />

Glyrana nickte ihnen dankend zu während sie e<strong>in</strong>stig.<br />

Im Inneren des Wagens waren, neben dem herrschaftlichen Gepäck und viel weiterem Platz für die<br />

Abgaben, zwei Sitzreihen angebracht. Die Sitze waren mit Pölstern leidlich ausgestattet, was jedoch<br />

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die holprige Fahrt nur m<strong>in</strong>der bequemer machte. Die Schwangere nahm auf ihrer Seite Platz und<br />

steckte ihre Hände unter den Mantel den sie über ihrem Kleid trug, denn im Inneren des Gefährts<br />

war es am Morgen nicht weniger kalt. Die junge Zofe saß an der gegenüber liegenden Sitzreihe und<br />

legte den kle<strong>in</strong>en schlafenden Gisborn gerade <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e mit decken ausgepolsterte Korbwiege.<br />

„Was denkst du Alw<strong>in</strong>e, dieser Wirt verschweigt etwas“ begann die Mers<strong>in</strong>ger<strong>in</strong> das Gespräch. „In<br />

höchsten Tönen hat er se<strong>in</strong>e „Travialampe“ gelobt, und selbst Warunker Söldner sollen dem Licht<br />

gewichen se<strong>in</strong>. Ich konnte se<strong>in</strong> Gesicht lesen, er übertreibt maßlos … wie die meisten es tun wenn<br />

schlimme D<strong>in</strong>ge passiert s<strong>in</strong>d. Eben genau um zu vergessen.“<br />

„Wenn ihr me<strong>in</strong>t“ antwortete Alw<strong>in</strong>e nur knapp so wie üblich. „Er war aber sehr<br />

gastfreundschaftlich. Prähnkaten kann man durchaus mit e<strong>in</strong>em positiven E<strong>in</strong>trag <strong>in</strong> e<strong>in</strong> Tagebuch<br />

würdigen. Im Gegensatz zu...“<br />

Die dunkelhaarige Edle nickte. „... im Gegensatz zu Efferd<strong>in</strong>g wolltest du sagen.“ Sie holte e<strong>in</strong>mal<br />

Luft. „In den Briefen hat me<strong>in</strong>e Schwester ja fast angegeben, dass sie nun Baron<strong>in</strong> sei. Na da b<strong>in</strong><br />

ich lieber Junker<strong>in</strong> e<strong>in</strong>es Guts, anstelle e<strong>in</strong>er Baronie ohne echte Herrschaft. Hier <strong>in</strong> <strong>Friedwang</strong><br />

herrscht ja fast das Volk, und der Pöbel. Räuber, Banden, Freischärler!“ Sie schüttelte den Kopf. In<br />

Schlotz konnte Storko die Fe<strong>in</strong>de der Ordnung mitsamt Getreuer besiegen oder vertreiben. Nun ja,<br />

vielleicht endet die barönliche Herrschaft von Firedwang ja genau bei den Mauern des Schlosses<br />

Suunkdal?“ Sie schmunzelte fast schadenfroh.<br />

Auf dem Platz vor der „Travialampe“ herrschte an jenem frühen Vormittag reges Treiben. Die<br />

letzten Soldaten packten die Rucksäcke auf ihre Schultern oder die Zelte auf die Packpferde.<br />

Korporäle kommandierten herum und die Lanzen der Schatzgarde nahmen auf dem Kommando des<br />

Weibels die Marschordnung e<strong>in</strong>. Auch die barönlichen Hahnengardisten waren schon auf ihre<br />

Rösser gestiegen.<br />

Gerade als der Weibel das Kommando zum Aufbruch geben wollte, sah er vom Rücken des Pferdes<br />

aus e<strong>in</strong>e Gestalt am Weg durch den Nebel laufen. E<strong>in</strong> Junge kam auf sie zu, er schien aufgebracht<br />

zu se<strong>in</strong>.<br />

„Die Rauschebrücke“ rief er. „Die Rauschebrücke ist e<strong>in</strong>gestürzt, und der Wagen me<strong>in</strong>es Vaters...!“<br />

Bogumil Bosperhagen drängte sich nach vorne. „Das ist der junge Quittste<strong>in</strong>. Sie wollten mit dem<br />

Wagen voller Ernte nach Markt <strong>Friedwang</strong>, zum Fest der e<strong>in</strong>gebrachten Früchte.“<br />

Hauptmann Stichelstroh konnte se<strong>in</strong>en Augen kaum trauen als er über dem Busch hervorlukte. Es<br />

war so gut geplant gewesen, zusammen mit Lump Eschwids Gaunern den Überfall durchführen.<br />

Der Bund der Fünf, Schwachs<strong>in</strong>n, wer wollte denn mit den anderen teilen. Und dann auch noch das<br />

schlechte Wetter, <strong>in</strong> Nacht und Nebel konnten sie die Ste<strong>in</strong>e aus den Brückenpfeiler schlagen, so<br />

dass das erste Furhrwerk, das über die Rausche käme, mit ihr <strong>in</strong> den nasses Untergrund stürzen<br />

würde.<br />

„Das sieht aber nicht wie die Kutsche e<strong>in</strong>er Edeldame aus?“ kommentierte der schlecht rasierte<br />

Mann mit ledernem Schlapphut. Me<strong>in</strong>e Goldgreifen s<strong>in</strong>d nicht hier her gekommen und Kohlköpfe<br />

e<strong>in</strong>zusammeln.“ Auch wenn er wusste, dass die meisten sich dafür nicht zu schade wären.<br />

„Ruhe Lump, ich muss nachdenken“ sprach der Räuberhauptmann während er etwas besorgt se<strong>in</strong>en<br />

Lederhelm abnahm und sich am fahlen Kopf kratzte. Die anderen Männer und Frauen die h<strong>in</strong>ter<br />

ihnen sich im Nebel h<strong>in</strong>ter Büschen und leichtem Gehölz verschanzt hatten wurden sichtlich<br />

ungeduldig. Es waren allesamt Räuber, Marodeure und Fahnenflüchtige, mit genauso<br />

unterschiedlichster Lebensgeschichte wie Waffen und Ausrüstung.<br />

62


„Du hast mir gar nichts zu befehlen Stichelstroh.“ Höhnisch spuckte er dunklen speichelgetränkten<br />

Kautabak <strong>in</strong>s feuchte Gras aus.<br />

„Vergiss nicht wer die meisten Leute hier stellt, und wer die besseren Waffen hat. Und, bei Phex,<br />

woher soll ich denn wissen, dass gerade heute Früh irgend e<strong>in</strong> dummer Bauer mit se<strong>in</strong>er Ernte am<br />

Karren den Weg entlang kommt. Brendan hat gesagt, dass das Edelweib samt Kutsche voller Beute<br />

gleich am Morgen über die Rausche kommt.“ Stichelstroh hatte als Korporal <strong>in</strong> der Armee schon<br />

Schlimmeres überstanden. Er setzte wieder se<strong>in</strong>en Helm auf und stand auf um die Brücke genauer<br />

aus der Ferne zu mustern. Durch den Nebel konnte man ihn ohneh<strong>in</strong> nicht richtig erkennen.<br />

Fahl sah man durch die Luftfeuchtigkeit noch die Überreste, die restlichen Teiler der Brücke waren<br />

samt Wagen, Gäuler und Bauern <strong>in</strong> die kalte nasse Rausche gestürzt. Immer wieder hörte man das<br />

Wiehern der Zugpferde aus dem Bachgraben, was jedoch meistens vom Rauschen des Gewässers<br />

übertönt wurde.<br />

„Ich will bezahlt werden, und me<strong>in</strong>e Goldgreifen auch. Wir hätten auch um Markt <strong>Friedwang</strong> e<strong>in</strong><br />

paar Bauern aufbr<strong>in</strong>gen können, denn jetzt ist ja das Fest der Ernte. Anstelle dessen sitzen wir hier<br />

im nassen Gras und frieren uns den Arsch an.“ Etwas drohend setzte Lump Eschw<strong>in</strong>d se<strong>in</strong>e Rechte<br />

Hand auf den Griff se<strong>in</strong>es Säbels.<br />

Von der L<strong>in</strong>ken hörten sie plötzlich e<strong>in</strong> Flüstern und Sprechen ihrer Mannen die sich hier breit im<br />

Nebel für e<strong>in</strong>en Angriff aufgefächert hatten. „Da kommt wer von Westen. E<strong>in</strong> Reiter und etwa e<strong>in</strong><br />

Dutzend zu Fuß, ne<strong>in</strong> zwei Reiter.“<br />

Der grobschlächtige Söldner, der sich e<strong>in</strong> Hauptmann nannte, g<strong>in</strong>g wieder <strong>in</strong> Deckung. „Was seht<br />

ihr, warf er mit gedämpfter Stimme se<strong>in</strong>en Leuten weiter L<strong>in</strong>ks zu.“<br />

„Es s<strong>in</strong>d Soldaten. E<strong>in</strong> Reiter hat e<strong>in</strong>e Standarte, und der erste ist wohl e<strong>in</strong> Edelmann. Der Nebel ist<br />

zu dicht um mehr zu erkennen.“ Erklärte Brendan, der als guter Kundschafter galt.<br />

„Entweder ist das e<strong>in</strong>er der Baronsbrüder oder dieser Schatzhauptmann“ kommentierte der<br />

schmierige Streuner Eschw<strong>in</strong>d.<br />

Stichelstroh wusste, dass se<strong>in</strong>e Leute und die anderen Lumpen e<strong>in</strong>en Angriff und Beute erwarteten.<br />

Wer das auch immer war, sie waren <strong>in</strong> der Überzahl und auch <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er besseren taktischen Position.<br />

Egal ob Baron oder anderer Edelmann, wenn sie ihn e<strong>in</strong>mal habhaft werden könnten dann wäre e<strong>in</strong><br />

saftiges Lösegeld mit dr<strong>in</strong>. Wenn sie gar den Baron hätten, dann wäre die Herrschaft jener<br />

gebrochen. Er hatte schon e<strong>in</strong>mal geträumt der Baron von <strong>Friedwang</strong> zu se<strong>in</strong>, und wie er wusste<br />

wäre er damit nicht der erste Söldner der <strong>in</strong> der Wildermark e<strong>in</strong> Herrscher geworden wäre.<br />

„Wir greifen an.“ sagte er fast befehlend dem Anführer der Goldgreifen. „Die holen wir uns, und<br />

den Edlen gleich mit. Wer das auch ist e<strong>in</strong> sattes Lösegeld kann schon dr<strong>in</strong> se<strong>in</strong>.“<br />

Eschw<strong>in</strong>d schaute verzwickt und une<strong>in</strong>s. Nach e<strong>in</strong>em kurzen Moment und ohne e<strong>in</strong>e Antwort se<strong>in</strong>es<br />

kurzzeitigen Verbündeten abzuwarten stand der Hauptmann auf und befahl mit e<strong>in</strong>em lauten<br />

„Angriff! Wer mir den Reiter lebend br<strong>in</strong>gt kriegt fünf Silberl<strong>in</strong>ge!“<br />

Storko ritt als Hauptmann an der Spitze se<strong>in</strong>er Lanze. Dah<strong>in</strong>ter der Bannerträger und dann<br />

marschierten die Gardisten <strong>in</strong> der Reihe h<strong>in</strong>ter her. Ob des Nebels der sich an diesem Vormittag<br />

noch immer nicht gelöst hatte war kaum etwas außer der Karrenstraße zu erkennen, doch die<br />

Brücke über die Rausche konnte nicht mehr fern se<strong>in</strong>, denn man hörte das Gewässer schon.<br />

Unverhofft drangen Laute von Rechterhand kommend durch die feucht-kalte Luft. E<strong>in</strong>en<br />

Augenblick später schnitten sich e<strong>in</strong> halbes Dutzend brennender Pfeile ungezielt durch den Nebel.<br />

Sie wurden angegriffen! Er drehte sich um. E<strong>in</strong>er se<strong>in</strong>er Gardisten schien am Be<strong>in</strong> von e<strong>in</strong>em Pfeil<br />

zufällig getroffen zu se<strong>in</strong>.<br />

63


Er wägte e<strong>in</strong>en Moment lang ab. Sie wussten weder mit wem noch mit viel vielen Fe<strong>in</strong>den sie es zu<br />

tun hatten. Es galt sich taktischen Boden zu verschaffen, denn hier an der offenen Straße an der<br />

kargen Heide lagen sie gerade auf dem Präsentierteller. „Zur Brücke! Wir ziehen uns zurück!<br />

Schnell!“<br />

Der Hauptmann der Schatzgarde gab se<strong>in</strong>em Pferd die Sporen und ritt im Galopp Richtung Rausche<br />

voran. Bosper, der berittene Bannerträger der Schatzgarde, folgte, doch fiel nach h<strong>in</strong>ten da er<br />

merklich geschwächt von der morgendlichen Attacke war.<br />

Zum Glück waren am Weg ke<strong>in</strong>e H<strong>in</strong>dernisse zu erwarten, denn bei der Galoppgeschw<strong>in</strong>digkeit<br />

hätte im Nebel es schwer auszuweichen. Storko hörte Rufe und den Laufschritt der Gardisten h<strong>in</strong>ter<br />

ihm, Kampfeslärm war ke<strong>in</strong>er zu vernehmen, nur hie und da zischten e<strong>in</strong> paar verirrte Brandpfeile<br />

durch die Luft.<br />

Doch was offenbarte sich vor ihm. Dort wo er die ste<strong>in</strong>erne Überführung erwartete waren nur noch<br />

e<strong>in</strong>gebrochene Überreste zu erkennen. Vom Bachgraben waren vere<strong>in</strong>zelt Rufe und Wiehern zu<br />

vernehmen.<br />

Kurz überlegte er se<strong>in</strong> Ross zum Stoppen zu zw<strong>in</strong>gen, doch es war zu spät, die e<strong>in</strong>zige Möglichkeit<br />

war an der Seite der ehemaligen Brücke auszuweichen. Se<strong>in</strong> Reitpferd wieherte als er die Zügel <strong>in</strong><br />

dir Richtung zog.<br />

Nur wenige F<strong>in</strong>ger an der Ste<strong>in</strong>mauer zog Storko vorbei, se<strong>in</strong> Pferd erkannte nun auch, dass ke<strong>in</strong><br />

Weg über den Bach führte. Mit e<strong>in</strong>em Satz versuchte es darüber zu spr<strong>in</strong>gen. Der vordere Teil des<br />

Tieres landete am anderen Ufer <strong>in</strong> der sumpfig erdigen Böschung, H<strong>in</strong>terbe<strong>in</strong>e und Bauch schlugen<br />

an den Ste<strong>in</strong>en im Gewässer auf. Das Tier wieherte schmerzerfüllt.<br />

Storko konnte sich während des waghalsigen Manövers noch am Ross festkrallen, doch nach dem<br />

Aufschlag fiel er halbl<strong>in</strong>ks <strong>in</strong> den aufgewühlten Schlamm der Rausche, se<strong>in</strong> Kopf wurde von<br />

dreckigen Wasser umspült. Fast glaubte er wieder im Wasser atmen zu müssen, er holte nach Luft<br />

und reckte se<strong>in</strong>en Kopf.<br />

Er versuchte sich aufzurappeln, was ihm aufgrund se<strong>in</strong>er Platte sichtlich schwer fiel. Er triefte vor<br />

Wasser und ihm war kalt, jedoch war er aber zum Glück bis auf e<strong>in</strong> paar Schrammen unverletzt<br />

geblieben. Se<strong>in</strong> Pferd rappelte sich auf und verschwand an h<strong>in</strong>kend im Nebel. Er blickte sich um.<br />

Die Rausche war hier etwa vier bis fünf Schritt breit, die sumpfigen Böschungen leicht abschüssig<br />

und das Flussbett ste<strong>in</strong>ig aber schien an manchen Stellen nicht allzu tief zu se<strong>in</strong>. E<strong>in</strong> vorsichtiger<br />

Reiter könnte gewiss h<strong>in</strong>durch waten. Etwa zehn Schritt flussabwärts sah er die e<strong>in</strong>gestürzte<br />

Ste<strong>in</strong>brücke. Ste<strong>in</strong>brocken und hölzerne Wagenteile wechselten sich ab, darunter schienen gerade<br />

Pferde ihre letzten Atemzüge zu machen. Auch menschliches Stöhnen war unter den Trümmen<br />

vere<strong>in</strong>zelt zu vernehmen. Die e<strong>in</strong>gebrochene Brücke versperrte dem Wasser langsam den Weg<br />

talwärts, sodass es sich hier immer mehr staute. E<strong>in</strong> vere<strong>in</strong>zelter Brandpfeil schlug neben ihm im<br />

schlammigen Ufer e<strong>in</strong>.<br />

Da sah er auch schon den berittenen Bannerträger im Galopp durch den Nebel auftauchen. Der<br />

ohneh<strong>in</strong> schon verletzte Bosper hatte weniger Glück, se<strong>in</strong> Pferd strauchelte und stürze <strong>in</strong> die<br />

ste<strong>in</strong>ernen Trümmer, der Gardist zusammen mit der Standarte e<strong>in</strong>en halben Schritt davon entfernt <strong>in</strong><br />

der angestauten Rausche.<br />

Langsam begann es Nieseln. Schnurgerade flogen e<strong>in</strong>zelnen Regentropfen von oben herab. Es war<br />

w<strong>in</strong>dstill.<br />

Der Hauptmann der Schatzgarde watete durch das tiefer werdende Wasser <strong>in</strong> Richtung<br />

Brückenreste. Mühevoll versuchte er nicht an den glitschigen Ste<strong>in</strong>en auszurutschen.<br />

Bosper war mit dem Kopf nach vorne aufgekommen und lag reglos im Bach. Blut strömte von<br />

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e<strong>in</strong>em se<strong>in</strong>er Be<strong>in</strong>e und mischte sich <strong>in</strong> aufgeschäumte Wasser. Storko sog se<strong>in</strong>en Korporal sofort<br />

hoch um ihn zu stützen. Der Gardist holte mit e<strong>in</strong>em e<strong>in</strong>em Atemzug tief Luft und hustete darauf<br />

h<strong>in</strong>. Die nassen Haare kleben mit Blut vermischt an se<strong>in</strong>er Stirn, die e<strong>in</strong>e Platzwunde zeigte. Vom<br />

Hauptmann gestützt und sichtlich geschwächt humpelten sie zum Ufer.<br />

Wieder flog e<strong>in</strong> ungelenkter Brandpfeil über den Bach, e<strong>in</strong> zweiter folgte und schlug irgendwo bei<br />

den Wagen- und Brückenresten e<strong>in</strong>.<br />

Mit schmerzerfülltem Gesicht humpelte der gestützte Bosper durch das Nass. Wo war den die<br />

Standarte der Schatzgarde abgeblieben, Storko sah sich um, irgendwo musste es ja liegen. Denn erst<br />

dann galt e<strong>in</strong>e Kompanie als besiegt wenn auch das Feldzeichen <strong>in</strong> die Hände der Fe<strong>in</strong>de geriet.<br />

Dann sah er die Lanze mit dem Stoff <strong>in</strong> den Farben blau und weiß, deren Kraft schon durch den<br />

Dreck getrübt war.<br />

Nachdem der erprobte Stabshauptmann den Verwundeten an der Böschung <strong>in</strong> Sicherheit abgelegt<br />

hatte watete er wieder durch das sich anstauende Wasser um nach der Standarte zu greifen. Von der<br />

e<strong>in</strong>gestürzten Stelle breitete sich langsam Rauch aus, ansche<strong>in</strong>end hatte sich trotz Nieseln und<br />

Feuchtigkeit aufgrund e<strong>in</strong>es Feuerpfeils e<strong>in</strong> Teil der Wagenlagerung entzündet.<br />

Fast so stark durchnässt wie nach dem Tauchgang <strong>in</strong> der Orckensauffe kehrte Storko wieder ans<br />

Ufer zurück und rammte die Standarte <strong>in</strong>s feuchte Erdreich. Hier sollen sie ihre Verteidigungsl<strong>in</strong>ie<br />

aufbauen, am Bachhang der an manchen Stellen steil oder durch Vegetation geschützt war ließ es<br />

sich gut verteidigen. Er zog se<strong>in</strong> Schwert blank und blickte aus der geschützten Hangstellung<br />

Richtung Osten. Wieder schoss e<strong>in</strong> Brandpfeil durch den Nebel und verfehlte das Banner nur knapp.<br />

Im Dunst konnte man auch noch weitere ungezielte Geschosse erkennen.<br />

Schemen tauchten nach und nach im Nebel auf. Fast glaubte Storko grässliche Kreaturen<br />

wahrzunehmen, Ratten <strong>in</strong> Menschengestalt. „Verflucht noch e<strong>in</strong>mal ...“ murmelte er und schloss die<br />

Augen um nochmals h<strong>in</strong> zu sehen. Das was er vorh<strong>in</strong> als Dämonenhörner ausmachte waren die<br />

Spieße von Hellebarden und die vier Be<strong>in</strong>e die Füße von zwei se<strong>in</strong>er Gardisten, dah<strong>in</strong>ter noch e<strong>in</strong>er<br />

der e<strong>in</strong>en weiteren stützte.<br />

Der Hauptmann schwenkte mit se<strong>in</strong>em Schwert ohne jedoch e<strong>in</strong> Kommando von sich zu geben,<br />

denn im Nebel würden die Fe<strong>in</strong>de genau so wenig ihre Stellung ausmachen können wie er die<br />

ihrige.<br />

E<strong>in</strong> schwerer Geruch von Verbrannten mischte sich durch die feuchte Luft und Flammen stiegen<br />

unter den Holztrümmern bei der Brücke hervor. Wer immer der arme Fuhrmann auch war, er musste<br />

bei se<strong>in</strong>er vollen Wagenladung auch Öl transportiert haben.<br />

Die vordersten Soldaten schienen ihren Offizier oder die Standarte zu erkennen und liefen <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e<br />

Richtung, vere<strong>in</strong>zelte Pfeile schossen ihnen nach.<br />

Storko zählte. E<strong>in</strong>s, zwei, …, vier, hier kam noch e<strong>in</strong> fünfter durch die feuchte Suppe. Die ersten<br />

waren nur noch zehn Schritt entfernt. Dann noch e<strong>in</strong>er, ne<strong>in</strong> gleich e<strong>in</strong> halbes Dutzend Gestalten<br />

tauchten <strong>in</strong>s Gesichtsfeld.<br />

Keuchend kollerten am schlammigen Erdreich die ersten beiden Soldaten den Hang h<strong>in</strong>ab und<br />

g<strong>in</strong>gen <strong>in</strong> Deckung. „Meldung!“ befahl der Offizier nur knapp während er noch die Umgebung<br />

beobachtete.<br />

„Die schießen mit Brandpfeilen auf uns...“ E<strong>in</strong> Husten unterbrach se<strong>in</strong>en Satz.<br />

„Das weiß ich auch, Rekrut. Wie viele und aus welcher Richtung?“<br />

„Sie kamen e<strong>in</strong>fach aus dem Nebel aus dieser Richtung.“ Die zweite Soldat<strong>in</strong> zeigte gen Norden.<br />

„Es können e<strong>in</strong>e Handvoll se<strong>in</strong>, oder auch mehrere Dutzend. Sie haben uns verfolgt, aber können<br />

nicht gut auf uns zielen. … den Elgar … hat's erwischt glaub ich.“<br />

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E<strong>in</strong> weiterer Gardist sprang die Böschung h<strong>in</strong>unter.<br />

„In Deckung!“ Drei Preile schossen über dem Bach h<strong>in</strong>weg.<br />

Nun konnte man die Angreifer schon fast erkennen. Etwa e<strong>in</strong> Dutzend Fe<strong>in</strong>de stürmten <strong>in</strong> ihre<br />

Richtung, teilweise hatten Schwerter oder Säbel, andere eher Äxte. Manche waren als<br />

Bogenschützen auszumachen, doch hier an der Böschung war die Stellung der Schatzgarde<br />

weitgehend vor ihnen sicher, sofern sie <strong>in</strong> Deckung g<strong>in</strong>gen.<br />

Von den ihrigen eilten nur noch der Korporal der ersten Lanze samt e<strong>in</strong>em humpelten verletzten<br />

Gardisten <strong>in</strong> Richtung ihrer Stellung, gefolgt von mehreren Fe<strong>in</strong>den die stark an Boden gewannen.<br />

Der e<strong>in</strong>e Rekrut stand aus der Deckung auf um ihnen zu Hilfe zu laufen.<br />

„Halt, Rekrut!“ Storko packte ihn an der Schulter und riss ihn fast zu Boden. „Willst du unsere<br />

Position verraten und dich als Ziel der Pfeile darbieten.“<br />

Nur noch wenige Schritt wären es für den Korporal und den gestützten Verletzten bis zum Hang des<br />

Baches gewesen, doch dann traf e<strong>in</strong> Pfeil <strong>in</strong> den Rücken des Unteroffiziers. Schmerzerfüllt schienen<br />

die Knie der Last nachzugeben und e<strong>in</strong>zus<strong>in</strong>ken.<br />

„Macht euch Bereit, Männer und Frauen“ sagte Storko zu se<strong>in</strong>en drei derzeit e<strong>in</strong>satzbereiten<br />

Gardisten, denn der Bannerträger lag mit schwerem Atem das Schwert mit festem Griff haltend am<br />

Rücken des feuchten Bodens. Se<strong>in</strong> Be<strong>in</strong> war blutüberströmt.<br />

„Wenn der Fe<strong>in</strong>d hier die Böschung h<strong>in</strong>unter lauft, werden wir ihm e<strong>in</strong>en scharfen Empfang<br />

bereiten, Hellebarden vor!“<br />

In letzter Sekunde stürzen die beiden verwundeten Gardisten der Schatzgarde den Hang herab, denn<br />

h<strong>in</strong>ter ihnen folgten fast <strong>in</strong> Schlagreichweite die Häscher mit lautem Gebrüll.<br />

Die laute Stimme wurde abrupt zu e<strong>in</strong>em Glucksen abgewürgt als e<strong>in</strong>e Hellebardenspitze sich<br />

unerwartet <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e Gurgel stieß, e<strong>in</strong>e zweite bohrte sich <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en Unterleib. Der Söldner g<strong>in</strong>g <strong>in</strong><br />

die Knie. E<strong>in</strong>e weitere Gestalt hüpfte ihm nach. E<strong>in</strong> Hellebardenhieb auf den Kopf ließ sie<br />

straucheln und am Boden aufschlagen. Storko stieß ihr das Schwert <strong>in</strong> den Rücken, an e<strong>in</strong>er Stelle<br />

wo das malträtierte Kettenhemd nur noch wenig Schutz bot.<br />

Weitere Fe<strong>in</strong>de stürmten nach. E<strong>in</strong> grobschlächtiger Mann mit Kurbul und e<strong>in</strong>er<br />

zweihändigenHolzfälleraxt schlug wild auf Storko e<strong>in</strong>, worauf dieser etwas unbeholfen auswich.<br />

E<strong>in</strong> Zischen g<strong>in</strong>g durch die Luft. Wieder e<strong>in</strong> Brandpfeil? Der Axtträger fiel vor ihm zusammen, <strong>in</strong><br />

se<strong>in</strong>er Brust steckte e<strong>in</strong> Bolzen. Der Hauptmann drehte sich um sodass er ans andere Ufer sehen<br />

konnte. Von dort aus strömten gut e<strong>in</strong> Dutzend Bewaffneter heran, die anderen Lanzen der<br />

Schatzgarde, und die zweite Lanze die Armbrüste führte hatte Stellung bezogen um ihnen<br />

Schützendeckung zu geben.<br />

„Angriff!“ befahl der Offizier und reckte se<strong>in</strong>e Kl<strong>in</strong>ge <strong>in</strong> Richtung des Fe<strong>in</strong>des.<br />

Glyrana öffnete die Tür des Wagens und sah sich um. Sie hatten am Karrenweg wenige Hundert<br />

Schritt vom Gasthof haltgemacht. Neben der Straße sah man e<strong>in</strong> paar abgeerntete Apfelbäume und<br />

sonst nur Äcker im Nebel. Von der Straße weiter wo die Brücke se<strong>in</strong> solle waren hallende sich<br />

verschluckende Rufe zu vernehmen und e<strong>in</strong> Geruch von Verbranntem lag <strong>in</strong> der Luft. Ansonsten<br />

war es ruhig, wie an e<strong>in</strong>em Boronsanger.<br />

„Ke<strong>in</strong> Grund zur Sorge, euer Wohlgeboren“ versuchte Xebbert sie zu beruhigen und g<strong>in</strong>g <strong>in</strong><br />

Richtung der Wagentür um sie wieder zu schließen. Se<strong>in</strong> gezogenes Bastardschwert schien aber<br />

ke<strong>in</strong>eswegs von Sicherheit zu zeugen. „Schließt besser wieder die Tür und begibt euch h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>.“<br />

Misstrauisch musterte er die Umgebung.<br />

66


Ohne Worte kam die Mers<strong>in</strong>gens dem Leibwächter nach und setzte sich merklich beunruhigt an<br />

ihren ausgepolsterten Sitzplatz. Sie wusste, dass hier etwas nicht stimmte.<br />

„Halt, wer ist da!?“ rief der zweite anwesende Gardist der als Fuhrmann diente <strong>in</strong> den Nebel h<strong>in</strong>aus,<br />

war da nicht e<strong>in</strong>e Gestalt zu erkennen. Xebbert schloss sofort die Tür des Wagens und eilte um ihn<br />

herum.<br />

„Geld oder Leben!“ keifte es da schon. E<strong>in</strong> zerlumpter Kerl mit speckigem Filzhut stürzte sich auf<br />

ihn, e<strong>in</strong> schartiger Säbel prallte gegen das Bastardschwert. Xebbert wich zurück, se<strong>in</strong> Schwert<br />

fauchte durch den Nebel, hielt den Angreifer auf Abstand. Weitere Gestalten huschten zwischen den<br />

Schemen der Bäume und Büsche heran. Jähes Geschrei und Waffengeklirr erfüllte das helle Grau.<br />

E<strong>in</strong> Pfeil schwirrte wie e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>er schwarzer Vogel an ihm vorbei, e<strong>in</strong> weiteres Geschoss krachte <strong>in</strong><br />

die Kutsche. „Räuuuber!“ brüllte e<strong>in</strong>er der Gardisten h<strong>in</strong>ter ihm überflüssigerweise.“Alaaarm!“<br />

Xebbert merkte schnell, dass er es mit e<strong>in</strong>em schwachen Gegner zu tun hatte, im Worts<strong>in</strong>n. E<strong>in</strong><br />

kurzes Abtasten mit dem Stahl, dann fand er auch schon die Lücke <strong>in</strong> dessen Verteidigung. Mit<br />

blutspritzender Halswunde brach der Angreifer zusammen. E<strong>in</strong> blondbezopftes Weibstück, mit<br />

speckigem, genieteten Lederwams und rostiger Beckenhaube, kündigte sich von halbl<strong>in</strong>ks an:<br />

Alle<strong>in</strong> durch ihren gobl<strong>in</strong>esken Gestank. Für e<strong>in</strong>en Moment verharrte sie <strong>in</strong> der Attacke, die<br />

Stachelkeule halb erhoben. Sie wirkte verdutzt – und begann zu vibrieren. Das plötzliche Zittern<br />

und Dröhnen des Bodens beunruhigte auch Xebbert. Es war nur leicht, kaum spürbar – aber man<br />

hätte überhaupt nichts spüren dürfen. Im nächsten Augenblick schälte sich vor ihm e<strong>in</strong> gewaltiger<br />

Schatten aus dem Nebeldunst. Xebbert schrie auf, hob se<strong>in</strong>e Kl<strong>in</strong>ge: e<strong>in</strong> fellbehängter<br />

Belagerungsturm, so schien es, rollte geradewegs aus dem Acker auf ihn zu. Die gewaltige<br />

Zugbrücke entpuppte sich rasch als Axt, die <strong>in</strong> den muskelbepackten Armen e<strong>in</strong>es Trolls ruhte. Als<br />

wolle er beiläufig e<strong>in</strong> Bäumchen fällen, hackte er die gewaltige Kl<strong>in</strong>ge <strong>in</strong> den Oberschenkel der<br />

Strauchdieb<strong>in</strong>. Oder besser gesagt, hackte ihn glatt durch. Die beiden schienen ke<strong>in</strong>e Verbündete zu<br />

se<strong>in</strong>. Was von der Frau noch übrig war, sackte <strong>in</strong> sich zusammen, roten Lebenssaft verspritzend wie<br />

den Inhalt e<strong>in</strong>es aufgeschlitzten We<strong>in</strong>schlauchs. E<strong>in</strong> dreckverklumpter Riesenstiefel trat ihren<br />

zuckenden Leib e<strong>in</strong>fach beiseite.<br />

E<strong>in</strong> Knochen…Xebbert hatte <strong>in</strong> diesem Moment e<strong>in</strong> Stück Knochen der Räuber<strong>in</strong> gesehen.<br />

Erdbatzen schlugen gegen se<strong>in</strong>en Harnisch.<br />

Der Schatzgardist war tapfer. Se<strong>in</strong> Verstand brüllte ihn an, e<strong>in</strong>fach davonzulaufen, aber das ließ se<strong>in</strong><br />

Ehrgefühl nicht zu. Er würde bis zuletzt um das Leben se<strong>in</strong>er Herr<strong>in</strong> kämpfen.<br />

Das Fell se<strong>in</strong>es Gegners war nun blutgetränkt. Der Troll, e<strong>in</strong> nicht übermanns – sondern<br />

doppelmannshoher Riese, holte erneut mit se<strong>in</strong>er zyklopischen Waffe aus. Der Stahl war<br />

rotgesprenkelt. Völlig unbeabsichtigt traf der Axtstiel den Leibwächter an der Schläfe – und fegte<br />

ihn zu Boden. Benommen, scheppernd rollte er über den Weg, wusste bald nicht mehr den echten<br />

Nebel von dem <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Kopf zu unterscheiden. Brüllen und Schreie. E<strong>in</strong> zweiter Gigant stapfte<br />

aus den Feldern auf die Soldaten zu, fegte hier und dort e<strong>in</strong>e Gestalt mit Keulenhieben zu Boden.<br />

Die Räuber flohen <strong>in</strong> wilder Panik. War das die Möglichkeit? Dort rumorte e<strong>in</strong> dritter Troll heran.<br />

Gütige Herr<strong>in</strong> Rondra: E<strong>in</strong> beiläufiger Fußtritt „se<strong>in</strong>es“ Schrats beförderte ihn endgültig vom<br />

Karrenweg, e<strong>in</strong>ige Schritt durch die Luft, <strong>in</strong> e<strong>in</strong>en schlammigen Wassergraben h<strong>in</strong>e<strong>in</strong> – und <strong>in</strong><br />

gnädige Dunkelheit.<br />

Mit Urgewalt brach die Riesenfaust durch das stoffverhängte Fenster der Kutsche. Glyrana schrie<br />

auf. Die dunkelbraunpelzige Faust, die fast schon e<strong>in</strong> bisschen drollig wirkte, grapschte nach ihr die<br />

F<strong>in</strong>ger tasteten über das Gesicht. Muffig-süßlicher Honiggeruch lag <strong>in</strong> der Luft, unangenehm süß,<br />

wie e<strong>in</strong> Übermaß an Weihrauch. Ne<strong>in</strong>, die Hand hier war nicht drollig, sondern gehörte e<strong>in</strong>em -<br />

Troll. Glyranas Herz drohte ob der Erkenntnis alle<strong>in</strong> stillzustehen. Ihr Gegner war riesig. Se<strong>in</strong>e<br />

67


Klauen schlossen sich um ihre Haare. Die junge Adelige schrie, zog reflexartig ihren Langdolch und<br />

hieb ihn <strong>in</strong> die Pranke, die leicht ihren Kopf hätte umschließen (und zerdrücken?) können. E<strong>in</strong> erst<br />

grollender, dann orgelnder Schmerzensschrei. Die Hand zuckte zurück, Blut spritzte, die rötlich<br />

verfärbte Kl<strong>in</strong>ge polterte dumpf auf den Kutschenboden.<br />

Geistesgegenwärtig umklammerte die junge Mers<strong>in</strong>gen den kle<strong>in</strong>en Gisborn Hal, der im Halbschlaf<br />

wimmerte, sprang mit ihm durch die gegenüberliegende Tür h<strong>in</strong>aus. Ke<strong>in</strong>en Herzschlag zu früh.<br />

Der tobende Angreifer warf die Kutsche e<strong>in</strong>fach um, die krachend auf die Seite kippte. Ratschend<br />

zerriss ihr e<strong>in</strong>geklemmter Umhang. Zwei Gardisten sprangen herbei, sie zu beschützen – und<br />

mussten sich den fürchterlichen Hieben e<strong>in</strong>es zweiten Ungetüms erwehren. Mit wehendem Bart und<br />

e<strong>in</strong>er grob geschnitzten, kaum entr<strong>in</strong>deten Keule schlug der Troll auf die Männer e<strong>in</strong>. Glyrana<br />

schrie erneut auf, auch Gisborn we<strong>in</strong>te nun jämmerlich. E<strong>in</strong> Keulenhieb streifte ihre Stirn: e<strong>in</strong><br />

Volltreffer hätte sie zertrümmert, so sackte sie nur hilflos zu Boden. Versuchte verzweifelt, den<br />

kle<strong>in</strong>en Gisborn mit ihrem eigenen Körper zu schützen. Dann befiel sie die Angst, dem<br />

ungeborenen K<strong>in</strong>dle<strong>in</strong> <strong>in</strong> ihrem Leib könnte etwas geschehen. Tsa hilf… Inst<strong>in</strong>ktiv legte sich ihr<br />

e<strong>in</strong>er Arm um ihren Bauch. Es half nichts: Gisborn glitt ihr aus den Händen, so verschreckt, dass er<br />

nicht e<strong>in</strong>mal mehr zu kreischen wagte. Im nächsten Moment wurde sie von e<strong>in</strong>em Trollarm am<br />

Schlawittchen gepackt und nach oben gerissen, e<strong>in</strong>e zappelnde Last an e<strong>in</strong>er Art Kran. Dann blickte<br />

sie auch schon <strong>in</strong> die tierhaft dunklen Augen, auf die übergroße Knollnasse und das struppige Haar,<br />

die fliehende Stirn und das ledrige, fellgeschmückte Gesicht des Hünen. Der fletschte zufrieden<br />

se<strong>in</strong>e Hauer, hachte ihr süßlichen Geruch <strong>in</strong>s Gesicht. Wie <strong>in</strong> der Geschichte von diesem<br />

Riesenaffen auf e<strong>in</strong>er Insel im Südmeer, dachte sie noch, und: Irgendetwas stimmt mit se<strong>in</strong>en Augen<br />

nicht. Sie wirken so – abwesend. „Mamaaaa…“ hörte sie Gisborn noch rufen, e<strong>in</strong> e<strong>in</strong>ziges<br />

verzweifeltes, k<strong>in</strong>dliches Wehklagen. „MAMAAAA!!!!“<br />

Dann schnippte der Unhold ihr e<strong>in</strong>fach se<strong>in</strong>e Riesenf<strong>in</strong>ger gegen das K<strong>in</strong>n, vorsichtig, be<strong>in</strong>ahe zart.<br />

Sie trafen sie dennoch hart und brutal wie geschwungene Knüppel. Das dunkle Braun der Trollhaare<br />

vor ihr färbte sich endgültig <strong>in</strong> e<strong>in</strong> abgrundtiefes Schwarz.<br />

Nur langsam stieg ihr Geist wieder aus endloser F<strong>in</strong>sternis empor. Ihr Schlaf – sie hatte sicherlich<br />

nur geschlafen, <strong>in</strong> ihrem Himmelbett, auf Gut Gernatsborn, und würde jeden Moment wieder dar<strong>in</strong><br />

erwachen – war nicht völlig traumlos gewesen. E<strong>in</strong> seltsames Traumgesp<strong>in</strong>st war das gewesen. Auf<br />

e<strong>in</strong>em riesigen Höhlenbären war sie durch e<strong>in</strong>en nebligen Herbstwald geritten. E<strong>in</strong> eigenartig<br />

riechender Bär, der seltsamerweise nicht etwa vierbe<strong>in</strong>ig, sondern auf zwei Be<strong>in</strong>en vorangestürmt<br />

war, wippend, schaukelnd, während sie ihm hilflos und kopfüber den Buckel h<strong>in</strong>unter h<strong>in</strong>g,<br />

lediglich von e<strong>in</strong>er Pranke an den Be<strong>in</strong>en gehalten. Das knisternde Brechen von Zweigen und<br />

feuchte Tannenwedel, die über ihren Kopf strichen, daran konnte sie sich noch er<strong>in</strong>nern. An<br />

gewaltige Füße, die durch graubraunen Sumpf patschten. Und Nebel, Nebel, Nebel…<br />

Erneut verschwommene Bilder. Der Traum g<strong>in</strong>g offenbar weiter. Er wurde obszön, fast schon<br />

oronisch. Sie lag tatsächlich <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Bett, aber nicht <strong>in</strong> ihrem eigenen. E<strong>in</strong> grobgezimmertes<br />

Kastenbett, mit Stroh gefüllt, darüber e<strong>in</strong>e Decke. Glyrana vermochte sich nicht zu bewegen: Ihre<br />

Hände und Füße waren an die Pfosten gebunden, allerd<strong>in</strong>gs eher sanft mit Tüchern. Und: Sie war so<br />

nackt, wie Tsa sie erschaffen hatte. Die Be<strong>in</strong>e hatte sie weit gespreizt, sie lag da wie e<strong>in</strong>e e<strong>in</strong>zige<br />

E<strong>in</strong>ladung zur belkelelischen Schändung. E<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>er gemauerter Herd <strong>in</strong> der Ecke verströmte<br />

notdürftig Wärme. Dachbalken und Holzsch<strong>in</strong>deln über ihrem Kopf. E<strong>in</strong>e Blockhütte. Sie lag hier<br />

<strong>in</strong> e<strong>in</strong>er halb abgedunkelten Blockhütte.<br />

„Ihr seid wach?“ fragte e<strong>in</strong>e Stimme. E<strong>in</strong>e Frauenstimme. Eigentlich hätte sie dieser Umstand<br />

beruhigen müssen - schon e<strong>in</strong>mal ke<strong>in</strong> Vergewaltiger. Doch die Worte krochen kälter und grausamer<br />

über die Lippen der Unbekannten, als es beim abscheulichsten Verbrecher hätte der Fall se<strong>in</strong><br />

können. Wie e<strong>in</strong> gesprochener Eishauch. „Gut“, sagte die Stimme. Es hörte sich an wie: „Böse.“<br />

Sehr….böse.<br />

68


Glyrana schloss die Augen, versuchte das klopfende Dröhnen <strong>in</strong> ihrem Schädel zu ignorieren, und<br />

<strong>in</strong> ihr Innerstes zu horchen. Dem Ungeborenen g<strong>in</strong>g es gut, das konnte sie spüren. Den Umständen<br />

entsprechend. Die Erkenntnis, dass dies hier doch ke<strong>in</strong> Traum war, breitete sich <strong>in</strong> ihr aus - wie e<strong>in</strong><br />

Schwall eiskaltes Wasser aus e<strong>in</strong>em umgestossenen Eimer. E<strong>in</strong>e Fliege summte im Raum herum,<br />

setzte sich auf ihren Hals. Zuckend gelang es ihr, sie zu vertreiben. Ihr Blick wurde klarer, fiel auf<br />

die Gestalt im schmucklosen Kapuzenmhang, deren Gesicht von e<strong>in</strong>er Stoffmaske verdeckt war.<br />

E<strong>in</strong>e purpurne Larve. Die Maskierte saß vor ihr <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Lehnstuhl, manikürte sich die Nägel mit<br />

e<strong>in</strong>em grausam gezackten Messer, und musterte ihr Opfer. Glyrana.<br />

Die Mers<strong>in</strong>gen ruckte hoch, konnte sich aber wirklich kaum bewegen. Erst jetzt merkte sie, dass<br />

man ihr e<strong>in</strong> nasses Tuch auf die Stirn gelegt hatte. Die Hand…irgendetwas stimmte mit der Hand<br />

der Maskierten nicht. E<strong>in</strong> F<strong>in</strong>ger fehlte. Er war glatt abgeschnitten worden. Der Stummel ragte<br />

höhnisch <strong>in</strong> die Höhe.<br />

„Yas<strong>in</strong>the“ stöhnte Glyrana geistesabwesend. „Ihr müsst Yas<strong>in</strong>the se<strong>in</strong>.“ Die Augen der Jungfer<br />

ruckten umher, fanden aber ke<strong>in</strong> geöffnetes Fenster. Die Orkensauffe? War das hier diese verfluchte<br />

Insel auf der Orkensauffe? Panik ergriff ihren Körper. Sie war <strong>in</strong> die Hände des Fe<strong>in</strong>des geraten.<br />

Des schlimmsten Fe<strong>in</strong>des, den man sich vorstellen konnte. Wenn man ihn sich als<br />

Zwölfgöttergläubiger überhaupt vorzustellen vermocht…<br />

„In der Tat.“ Die Diener<strong>in</strong> des Namenlosen atmete scharf aus. Die Dolchspitze wies auf die<br />

Gefangene. E<strong>in</strong>e Waffe aus schwarzem, geflammten Stahl. „Woher wisst Ihr das?“<br />

Glyrana biss sich auf die Unterlippe. Die Neunf<strong>in</strong>grige brauchte nicht zu wissen, dass ihr Gemahl<br />

die Knechte der Niederhöllen belauscht hatte. Umso leichter würde es ihrem tapferen Gemahl<br />

fallen, sie zu befreien.<br />

„Euer Ruf eilt Euch eben voraus“, sagte sie und versuchte sarkastisch zu kl<strong>in</strong>gen.<br />

Erst jetzt sah sie die verschlungenen Zeichen, die ihr auf den nackten Bauch gemalt worden waren.<br />

Zeichen <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er grausamen, unbekannten Sprache. Mit e<strong>in</strong>em Gebet an alle Zwölfe zwang die<br />

Jungfer ihre Panik nieder.<br />

„Was wollt Ihr von mir?“ Sie wusste es längst, aber es gelang ihr, bange Ahnungslosigkeit <strong>in</strong> ihre<br />

Worte zu legen. „Wie b<strong>in</strong> ich hierhergekommen?“ flüsterte sie, ganz e<strong>in</strong>geschüchtertes<br />

Entführungsopfer. Sonderlich schwer fiel ihr diese Rolle nicht. Auch wenn es mehr die Angst um<br />

ihr K<strong>in</strong>d war, die sie heimsuchte.<br />

Die Maske starrte sie schweigend an, leblos wie e<strong>in</strong>e cyclopäische Statue. „Me<strong>in</strong> Ruf, soso“, zischte<br />

es schließlich durch den Mundschlitz. Schwer zu sagen, ob sie den Köder geschluckt hatte.<br />

„Es ist nur e<strong>in</strong>e Beule“, me<strong>in</strong>te Yas<strong>in</strong>the unvermittelt und stand auf. „Verzeiht die Grobheit me<strong>in</strong>er<br />

Diener. Die Gelegenheit erschien ihnen wohl als günstig, an der Belen-Horas-Brücke. “<br />

„Ihr haltet Trolle <strong>in</strong> Euren Diensten?“<br />

Die Rätt<strong>in</strong> g<strong>in</strong>g zu e<strong>in</strong>em Schrank.<br />

„Sagen wir, Ihre Vorliebe für Süßes wurde Ihnen zum Verhängnis, ja.“ Sie öffnete die Schranktür,<br />

holte e<strong>in</strong>e kle<strong>in</strong>e Tonflasche heraus.<br />

„Wie geht es Euch, fühlt Ihr Euch wohl?“<br />

„E<strong>in</strong>e etwas merkwürdige Frage aus Eurem Munde, f<strong>in</strong>det Ihr nicht?“<br />

„Nun, bis zur Niederkunft dauert es nicht mehr lange…“ Sie musterte ihren Leib, wie e<strong>in</strong> Bauer, der<br />

fast erntereifes Korn begutachtete. „Glaubt mir, ich kenne mich damit aus.“ E<strong>in</strong> plaudernder<br />

Dämon, dachte Glyrana. Sie hört sich an, wie e<strong>in</strong> plaudernder Dämon. Noch etwas anderes fiel ihr<br />

auf. Der leicht tobrische Akzent ihrer Pe<strong>in</strong>iger<strong>in</strong>. Ysilien? Ja, ziemlich sicher kam sie aus der<br />

69


Gegend des e<strong>in</strong>stigen Ysilia. Heute Yol-Ghurmak.<br />

Die Kultist<strong>in</strong> bohrte ihre Kl<strong>in</strong>ge <strong>in</strong> den Korken der Flasche. „Woher, sagtet Ihr, wisst Ihr noch<br />

e<strong>in</strong>mal, wie ich heiße?“<br />

Glyrana schwieg.<br />

„Du willst de<strong>in</strong> K<strong>in</strong>d doch gesund zur Welt br<strong>in</strong>gen?“ Der rüde Ton und das jähe „Du“ trafen<br />

Glyrana wie e<strong>in</strong> Peitschenhieb. „Oder?“ Yas<strong>in</strong>the riss den Propfen heraus, stellte die Flasche auf<br />

e<strong>in</strong>en Tisch (wo auch Glyranas Gewänder lagen, wie sie jetzt merkte).<br />

„Also halte mich nicht zum Narren, Mers<strong>in</strong>ger Metzweib. Ich lege für gewöhnlich Wert auf<br />

Diskretion. Woher weißt du also, wer ich b<strong>in</strong>? Nicht, dass es für dich noch irgende<strong>in</strong>e Bedeutung<br />

hätte, aber…“ Der Dolch sauste auf Glyranas gewölbten Bauch herab. Glyrana schrie auf. Der<br />

Korken…Für e<strong>in</strong>en Moment hätte sie be<strong>in</strong>ahe den Korken vergessen. Die Kl<strong>in</strong>ge bohrte sich <strong>in</strong> den<br />

Verschluss statt <strong>in</strong> ihren Bauch. Die freie, verstümmelte Hand tastete nach ihrem Unterleib. Die<br />

Adelige hielt den Atem an. Kalt, es fühlt sich so entsetzlich kalt an.<br />

„Ich kann dafür sorgen, dass du nur e<strong>in</strong>en Ste<strong>in</strong> gebären wirst. Hast du mich verstanden? ER kann<br />

dafür sorgen…“<br />

Die Jungfer nickte, und die Hand zog sich zurück.<br />

„Man kennt Euch eben <strong>in</strong> der Wildermark“, log sie hastig, legte etwas Schmeichlerisches h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>.<br />

„So? Was erzählt man sich denn so? Über Yas<strong>in</strong>the Dengste<strong>in</strong>?“<br />

„Dass Ihr aus Ysilien stammt“, schoss sie aufs Geradewohl den e<strong>in</strong>zigen Pfeil ab, den sie zur<br />

Verteidigung hatte. Zum<strong>in</strong>dest hoffte sie, dass die Herkunft der Rätt<strong>in</strong> bei dem von Storko<br />

belauschten Gespräch nicht vorgekommen war.<br />

„Aus Ysilien.“ Die Wiederholung der Worte hätte genauso gut höhnische Leugnung wie<br />

Bestätigung se<strong>in</strong> können.<br />

„Me<strong>in</strong> K<strong>in</strong>d? Was habt Ihr mit ihm vor?“<br />

Glyrana blickte ihr Gegenüber aus weit aufgerissenen Kulleraugen an. „Ihr seid doch auch e<strong>in</strong>e<br />

Frau. Warum tut Ihr mir das an?“ Die Jungfer verstummte, wollte nicht zu we<strong>in</strong>erlich kl<strong>in</strong>gen.<br />

„Me<strong>in</strong> Vater wird Euch dafür bestrafen“ fügte sie dann noch drohend h<strong>in</strong>zu. „Was wollt Ihr von<br />

uns?“<br />

E<strong>in</strong> angedeutetes Lachen.<br />

„Du denkst, ich möchte dich und de<strong>in</strong> Balg… opfern? Weit gefehlt.“ Yas<strong>in</strong>the zog den Korken von<br />

der Spitze ab. Und stieß zu… Die Kl<strong>in</strong>ge bohrte sich <strong>in</strong> e<strong>in</strong>en der Bettpfosten. Glyrana schrie vor<br />

Schreck auf. E<strong>in</strong> pervalisches Hohnlachen antwortete ihr.<br />

Die F<strong>in</strong>ger strichen ihr durch das schweißnasse Haar. Yas<strong>in</strong>the legte die nasse Kompresse beiseite.<br />

„Ne<strong>in</strong>, sei unbesorgt, ich werde dir nichts antun. Du bist doch selber noch e<strong>in</strong> halbes K<strong>in</strong>d. Und<br />

nichts weiter als e<strong>in</strong>e Zuchtkuh für de<strong>in</strong>en brünstigen Stier namens Storko. Aber du hast noch viel<br />

zu lernen. Wisse, dass es dir gerade nicht viel anders ergeht, als IHM. Dem Gott der Götter.“<br />

Yas<strong>in</strong>thes Stimme bekam etwas Schwärmerisches, Verzücktes. „Nur dass ER schon seit Äonen <strong>in</strong><br />

Fesseln liegt. Der Erste der Dreizehn, der von Rebellen um se<strong>in</strong>e Herrschaft betrogen wurde. Die<br />

heuchlerischen Wesen, die ihr geme<strong>in</strong>h<strong>in</strong> die zwölf Götter nennt. …“<br />

„Lüge, nichts als Lüge…Boron wird dich bestrafen!“<br />

„Ganz recht, de<strong>in</strong> armseliger Glaube ist nichts als Lüge. Aber das wirst du selbst noch bemerken“.<br />

Yas<strong>in</strong>the griff nach e<strong>in</strong>em Z<strong>in</strong>nbecherchen auf dem Tisch. Honiggeruch strömte <strong>in</strong> Glyranas Nase.<br />

70


E<strong>in</strong> penetranter Duft, den sie schon kannte…<br />

„Ihr seid den Lügen Alverans doch schon völlig verfallen. Ihr saugt sie regelrecht e<strong>in</strong>. Und nennt es<br />

dann Moral. Anstand. Das Gute. Gut und Böse – damit machen sie euch betrunken. Wir, die wir die<br />

höhere Wahrheit verteidigen“ – e<strong>in</strong> s<strong>in</strong>istres Lächeln war h<strong>in</strong>ter dem Luftschlitz zu erahnen - „nun,<br />

wir müssen uns auf unsere Weise wehren.“<br />

Sie hob den Becher und ließ e<strong>in</strong>e goldfarbene, purpurn leuchtende Flüssigkeit h<strong>in</strong>e<strong>in</strong> r<strong>in</strong>nen. „Wenn<br />

Du schon soviel von mir gehört hast, dann weißt Du auch, dass man mich die `Alchimist<strong>in</strong>´ nennt.<br />

Seit Jahren forsche ich an Tränkle<strong>in</strong>, die den Geist von Verstockten und Verirrten wie dir für die<br />

Wahrheit öffnen. Sie empfänglich werden lassen für die Botschaft des Güldenen Gottes. Ihre<br />

kümmerlichen Seelchen auf die nahende Wiederkunft und Herrlichkeit des Wahren Herren der Welt<br />

vorbereiten. Ich will dir nur helfen, Glyrana.“<br />

„Niemals werde ich zu de<strong>in</strong>em abscheulichen Götzen beten, wenn du das erhoffst.“<br />

„Sei unbesorgt. Die Wirkung des Dunklen Trosts wird schon <strong>in</strong> e<strong>in</strong>igen Tagen wieder nachlassen“,<br />

kicherte die Geweihte. „Bei dir… Aber du bist nicht alle<strong>in</strong> <strong>in</strong> de<strong>in</strong>em Körper. Eigentlich wollte ich<br />

de<strong>in</strong> Gör erst nach der Geburt gefügig machen, aber…Warum nicht schon jetzt se<strong>in</strong>e Seele<br />

berühren? Du würdest vermutlich sagen: sie vergiften. Um so leichter wird es mir fallen, Atesh<br />

´Seruhn <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en Leib zu bannen…Als e<strong>in</strong>en dauerhaften Wirtskörper für den Zweigehörnten. Mit<br />

de<strong>in</strong>em Blut wird es schon jetzt Se<strong>in</strong>en Trost <strong>in</strong> sich aufnehmen. Und bereit se<strong>in</strong> für ungeheure<br />

Macht und Herrschaft <strong>in</strong> Se<strong>in</strong>em Namen. E<strong>in</strong>en Namen, den man IHM genommen hat…“<br />

„Neeee<strong>in</strong>!“<br />

„Natürlich. Verne<strong>in</strong>ung, das ist das e<strong>in</strong>zige, was ihr kennt. Was erlauben euch eure Götter<br />

eigentlich? Ihr dürft das nicht, ihr dürft jenes nicht. Es ist e<strong>in</strong>e Ehre, die ich dir, ne<strong>in</strong>, euch beiden<br />

erweise. Du wirst natürlich so klug se<strong>in</strong>, niemandem von der Besessenheit de<strong>in</strong>es K<strong>in</strong>des zu<br />

erzählen. Dafür sorge ich schon, sei unbesorgt… Das Haus Mers<strong>in</strong>gen.… Es könnte e<strong>in</strong> überaus<br />

wertvoller Verbündeter werden…Puppenspieler, die selbst an unsichtbaren Fäden tanzen….“<br />

„Das werde ich niemals zulassen…“<br />

„Ach ne<strong>in</strong>? Willst du de<strong>in</strong> eigen Fleisch und Blut etwa erdrosseln, sobald sich der Dämon <strong>in</strong> ihm<br />

e<strong>in</strong>genistet hat? Diesen K<strong>in</strong>dsmord werden ich und Atesh´Seruhn zu verh<strong>in</strong>dern wissen. Du wärst<br />

nicht die erste Mutter, die e<strong>in</strong>e Geburt nicht überlebt…“ Sie trat neben ihr Bett, hob ihren Kopf.<br />

„Ich will nicht! Ihr guten Götter, steht mir bei!“ Verzweifelt versuchte sie ihr Gesicht wegzudrehen.<br />

Yas<strong>in</strong>thes F<strong>in</strong>ger bohrten sich <strong>in</strong> die Wangen der Jungfer, erbarmungslos drückte sie deren Lippen<br />

ause<strong>in</strong>ander, zwang den Inhalt des Bechers h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>, schloss den Mund wieder. „Schluck!“<br />

Der Dunkle Trost schmeckte süß, verführerisch süß – wie e<strong>in</strong> Heilmittel für alle Krankheiten auf<br />

dieser Welt. Im nächsten Moment verzog Glyrana das Gesicht. Die Süße hatte sich <strong>in</strong> jähe Bitternis<br />

verwandelt.<br />

„Tr<strong>in</strong>k mehr davon! Dann lässt es rasch nach…“<br />

Glyrana brauchte bei den nächsten Schlucken kaum noch Zwang. Der abscheuliche Nachgeschmack<br />

verschwand tatsächlich. Ihre Kehle war völlig ausgedörrt, merkte sie nun: Der Trunk war e<strong>in</strong><br />

e<strong>in</strong>ziges Labsal, ließ Stärke und Wohlgefühl <strong>in</strong> ihren Körper zurückkehren. E<strong>in</strong> wahrer Nektar. Sie<br />

jubelte <strong>in</strong>nerlich. Wie hatte sie nur e<strong>in</strong>e solche Göttergabe zurückweisen können? Ihr Kopf war mit<br />

e<strong>in</strong>em Mal völlig frei von Schmerz und Druck, ihr Geist gere<strong>in</strong>igt. So schien es zum<strong>in</strong>dest. Sie<br />

merkte, wie Yas<strong>in</strong>the ihre Fesseln löste, fühlte sich angenehm beschw<strong>in</strong>gt. Leicht benebelt, aber<br />

beschw<strong>in</strong>gt…und frei. Sie konnte gerade noch ihre Handgelenke reiben, da warf die Kultist<strong>in</strong> ihr<br />

auch schon die Gewänder zu.<br />

„Zieh dir etwas an…“<br />

71


E<strong>in</strong>e göttliche Offenbarung hätte nicht vernünftiger und e<strong>in</strong>leuchtender kl<strong>in</strong>gen können. Natürlich.<br />

Mechanisch, mit gerunzelter Stirn auf ihre Aufgabe konzentriert, führte sie den Befehl aus.<br />

Schlüpfte am Schluss auch noch, ob der Anstrengung schnaufend, <strong>in</strong> ihre Reiseschuhe. Sie musterte<br />

die Frau mit dem lustigen purpurroten Gesicht. Lächelte wie beschwippst. Yad<strong>in</strong>gsbums war also<br />

e<strong>in</strong>e Anhänger<strong>in</strong> des Götzen „Dessen-Namen-man-nicht-nennt.“ Alle<strong>in</strong> bei dem Gedanken musste<br />

sie breit gr<strong>in</strong>sen. So was Albernes. Als könnte e<strong>in</strong> Göttername e<strong>in</strong> unanständiges Wort se<strong>in</strong>. Statt<br />

e<strong>in</strong>es schönen Wortes wie „Praios“ e<strong>in</strong>es, e<strong>in</strong>es…wie…“pupsen“ etwa.<br />

Glyrana kicherte k<strong>in</strong>disch. Mit e<strong>in</strong>em Mal war jede Furcht verschwunden. Sie starrte ihre Befreier<strong>in</strong><br />

an, h<strong>in</strong>g geradezu an ihren unsichtbaren Lippen. Voller Hoffnung, dass sie ihr sagen würde, was sie<br />

tun sollte. Und was es mit dieser geheimnisvollen, unbekannten Wesenheit ohne Namen auf sich<br />

hatte…<br />

„Ich sehe, der Trost wirkt schon.“<br />

Glyrana nickte begeistert – sie musste die Wohltäter<strong>in</strong> unbed<strong>in</strong>gt an ihrem Hochgefühl teilhaben<br />

lassen. Sie versuchte zum<strong>in</strong>dest e<strong>in</strong> Nicken. Leider kam nur e<strong>in</strong> schwerfälliges Wackeln des Kopfes<br />

dabei heraus. „Erzähl mir mehr…vom Na…Na…Namenlosen“, lallte sie überglücklich. Speichel<br />

tropfte ihr aus dem Mundw<strong>in</strong>kel, umständlich wischte sie ihn weg.<br />

„Jetzt noch nicht. E<strong>in</strong>stweilen genügt es, wenn du weißt, dass das, was andere für Ketten halten<br />

mögen, <strong>in</strong> Wahrheit die Fäden s<strong>in</strong>d, mit denen der Verheißene die Geschicke der Welt lenkt. Hast du<br />

das verstanden? So wie ich Euch nun nach Belieben lenken kann…Euer Wohlgeboren.“ Glyrana<br />

nickte wieder mit debilem Schmunzeln. Sie hob erst die l<strong>in</strong>ke, dann die rechte Hand, wie e<strong>in</strong>e<br />

Marionette. Was für e<strong>in</strong> überaus vergnügliches Spiel.<br />

„H<strong>in</strong>ter dir im Bettpfosten steckt e<strong>in</strong> Dolch. Nimm ihn!“<br />

Sie nahm ihn an sich.<br />

„Steh jetzt auf…“<br />

Sie stand auf.<br />

„Schneide dir damit <strong>in</strong> die l<strong>in</strong>ke Hand! Ne<strong>in</strong>, die andere Seite…“<br />

Sie schnitt sich <strong>in</strong> den l<strong>in</strong>ken Handteller – „Tiefer!“. Glyrana gehorchte erneut, und spürte nur die<br />

klaffende Spalte im Fleisch, aber kaum Schmerz. Wenn, dann als heimliche Wonne. Trost, ja, das<br />

Wort passte: Sie fühlte sich aufs beste getröstet.<br />

Blut tropfte jetzt warm und metallisch riechend aus ihrer Handfläche.<br />

„Geh nach draußen, du machst hier alles schmutzig.“ Das klang barsch. Betrübt torkelte sie zur Tür.<br />

Der Anblick vor der Hütte ließ ihren Kummer sofort vergessen. Ihre Freunde, die Trolle…sie<br />

er<strong>in</strong>nerte sich. Es waren sogar drei. Sie standen draußen, auf e<strong>in</strong>er Lichtung im Wald, und rührten <strong>in</strong><br />

e<strong>in</strong>em riesigen Kessel, dessen Inhalt auf e<strong>in</strong>em stattlichen Lagerfeuer köchelte. Sie waren völlig <strong>in</strong><br />

ihren Kochkünsten vertieft und beachteten Glyrana nicht. E<strong>in</strong> süßlicher Geruch stieg mit dem<br />

Dampf aus dem mächtigen Kessel auf. H<strong>in</strong> und wieder streute e<strong>in</strong>er der Riesen Kräuter, Pilze und<br />

irgendwelche Pülverchen h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>. Nur kurz verzog sie angewidert das Gesicht, als quiekend e<strong>in</strong>e<br />

Ratte im kochenden Saft versank.<br />

„Du kannst de<strong>in</strong>en Anteil zum Gel<strong>in</strong>gen des Werks beitragen“ kommandierte es h<strong>in</strong>ter ihr. Die<br />

Stimme klang nah, und zugleich fern. Außerdem irgendwie hallend.<br />

„Lass etwas von de<strong>in</strong>em Blut h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>fallen. Genau dreizehn Tropfen…“<br />

Im nächsten Moment, sie wusste nicht wie, stand sie auch schon am Kesselrand, spürte die Hitze,<br />

sah die honigfarbene Flüssigkeit dar<strong>in</strong> köcheln und Blasen schlagen, hörte sie blubbern. Dampf<br />

72


legte sich auf ihr Gesicht. Wie Felstürme ragten l<strong>in</strong>ks, rechts und vor ihr die Trolle auf. Sie fürchtete<br />

sich nicht, fühlte sich e<strong>in</strong>s mit dieser seltsamen Geme<strong>in</strong>schaft. Es war wieder wie e<strong>in</strong> fasz<strong>in</strong>ierender,<br />

merkwürdiger Traum. Sie hob ihre Hand über das Gebräu, zählte wie <strong>in</strong> Trance mit, wie die roten<br />

Tropfen h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>fielen, h<strong>in</strong>e<strong>in</strong> <strong>in</strong> den bernste<strong>in</strong>farbenen Saft. „E<strong>in</strong>s, zwei, drei….“ Das Spiel gefiel<br />

ihr. „Sieben, acht, neun….“ Etwas wie Enttäuschung machte sich <strong>in</strong> ihr breit, als der dreizehnte<br />

Tropfen gefallen war.<br />

„Gut, Glyrana“ lobte das Purpurgesicht (wie hieß sie noch gleich? Man konnte <strong>in</strong> all diesen<br />

Dämpfen e<strong>in</strong>fach nicht klar denken). „Du hast dem Vielgesichtigen und Verheißenen gerade de<strong>in</strong><br />

erstes Opfer dargebracht. Das ist der richtige Weg. Krallerratsch, gib ihr noch e<strong>in</strong>en tüchtigen<br />

Schluck….“ Im nächsten bewussten Herzschlag schlürfte Glyrana ihn auch schon von der Kelle, die<br />

ihr der behaarte Riese an den Mund hielt. Der Trank war kochendheiß, aber sie spürte die<br />

Schmerzen nicht. Im Gegenteil, sie fühlte sich stark und euphorisch, jeder Herausforderung<br />

gewachsen.<br />

„Ich nehme an, du bist bereit, e<strong>in</strong>e getreue Magd des Herrscher der Herrscher zu werden?“<br />

„Gewiss“ nuschelte sie zwischen ihren verbrannten Lippen h<strong>in</strong>durch. Sie spürte Brandblasen <strong>in</strong><br />

ihrem Mund.<br />

„Ausgezeichnet. Ich fürchte nur, de<strong>in</strong>e Bereitschaft wird nicht allzu lange anhalten. Ich brauche<br />

e<strong>in</strong>en Beweis für de<strong>in</strong>e Liebe IHM gegenüber. Den Dolch…Ich habe gesehen, du hast ihn <strong>in</strong> de<strong>in</strong>en<br />

Gürtel gesteckt?“<br />

Glyrana tastete nach dem Griff und nickte.<br />

„Versteck ihn. Krallerratsch und Truwatsch, ihr werdet uns nun zur Orkensauffe tragen. Und e<strong>in</strong>e<br />

gut sichtbare Spur h<strong>in</strong>terlassen. Bozak, du bewachst hier den Kessel aber nicht davon naschen, ist<br />

das klar? Nun, Glyrana, ich nehme an, Storko wird versuchen, dich auf der Insel zu befreien. Als<br />

Zeichen der Ergebenheit wirst du ihm den Dolch <strong>in</strong> den Leib stoßen. Mitten <strong>in</strong>s Herz…“<br />

Glyrana verzog bekümmert das Gesicht. Storko? Ihren eigenen Gemahl erdolchen? Warum das? Er<br />

war eigentlich immer nett zu ihr gewesen. Naja, meistens jedenfalls.<br />

Die Purpurmaske schien Gedanken lesen zu können.<br />

„Weil du ihn jetzt nicht mehr brauchst. Und das K<strong>in</strong>d dann ganz alle<strong>in</strong> dir gehören wird. Dir und<br />

dem Güldenen Herrscher. Ebenso wie Gisborn Hal. Als Mers<strong>in</strong>gen hast du ohneh<strong>in</strong> e<strong>in</strong>e bessere<br />

Partie verdient als diesen Krautjunker. Außerdem würde Storko sich dem Dämon <strong>in</strong> den Weg<br />

stellen, du verstehst? Er würde es auch nicht akzeptieren, dass ich euch <strong>in</strong> Gernatsborn <strong>in</strong> den<br />

nächsten Jahren besuchen werde. Um dich und Gisborn im wahren Glauben zu unterweisen.<br />

Außerdem, vergiss nicht, der ganze Gutshof und das Lehen werden dir gehören, dir alle<strong>in</strong>…ja, und<br />

die Schatzgarde wird dann wohl dir gehorchen. Du wirst e<strong>in</strong>e Kriegsherr<strong>in</strong> se<strong>in</strong>, e<strong>in</strong>e reiche,<br />

berühmte und mächtige Herrscher<strong>in</strong> <strong>in</strong> der Wildermark.“<br />

Glyrana nickte erneut. Das klang wieder mal alles völlig vernünftig und e<strong>in</strong>leuchtend. „Jedenfalls<br />

gibt es für dich danach ke<strong>in</strong> Zurück mehr <strong>in</strong> de<strong>in</strong> altes Leben“, hörte sie noch, bevor sich um sie<br />

herum der Fluss von Sat<strong>in</strong>avs Element erneut verwirbelte.<br />

Sie saß auf dem Rücken e<strong>in</strong>es der Trolle, ritt jauchzend durch den Wald wie e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es Mädchen<br />

auf den Schultern ihres Vaters. Mit e<strong>in</strong>er Hand vermochte er ihre beiden Be<strong>in</strong>chen festzuhalten. Vor<br />

ihr eilte Yas<strong>in</strong>the (ja, das war ihr Name) durch den Wald, ebenfalls als Trollreiter<strong>in</strong>. Unglaublich:<br />

Sie dirigierte den mächtigen Unhold alle<strong>in</strong> durch Schenkeldruck, wie er da als Naturgewalt durch<br />

den Tannicht stapfte. Yas<strong>in</strong>the. Sie war so ungeheuer stark und wissend, wie e<strong>in</strong>e große Schwester.<br />

Hündische Ergebenheit breitete sich <strong>in</strong> Glyra aus. Sie würde jetzt alles für ihre Beschützer<strong>in</strong> und<br />

deren, ne<strong>in</strong>, ihren geme<strong>in</strong>samen Herren tun…<br />

73


Ihr Arm bebte ob der <strong>in</strong>neren Anstrengung, nur mit Mühe konnte sie die Kl<strong>in</strong>ge mit beiden Händen<br />

halten. Das Blut pochte <strong>in</strong> ihren Ohren. Sie schmeckte Blut an ihren Lippen. Ihr eigenes?<br />

Alda ließ das Kurzschwert fallen und g<strong>in</strong>g <strong>in</strong> den kalten Schlamm zu Boden <strong>in</strong> die Knie. Vor dem<br />

jungen Flötenmädel lag ihr erster erstreckter Fe<strong>in</strong>d. Erst jetzt erblickte sie e<strong>in</strong>e Frau unter den<br />

Lumpen, e<strong>in</strong> paar Jahre älter als sie selbst, e<strong>in</strong>e junge Frau, fast nicht zu erkennen unter dem Dreck<br />

der an ihren Haaren und Kleidern klebte. E<strong>in</strong>e blutende Wunde klaffte an der Seite der Gegner<strong>in</strong>,<br />

doch atmete sie noch, erkennbar an der warmen Luft die mit jedem leichten Atmen sich <strong>in</strong> die Kälte<br />

der Umgebung ergoss.<br />

Mit e<strong>in</strong>em zähen Glucksen beendete die Räuber<strong>in</strong> ihre Leiden, oder besser gesagt, sie wurde<br />

beendet. Korporal Voltan stach ihr gezielt mit dem Spieß se<strong>in</strong>er Hellebarde <strong>in</strong> die Brust. Schief<br />

lächelte er das junge Flötenmädel mit se<strong>in</strong>en schlechten Zähnen an, warf ihr e<strong>in</strong> paar Worte zu und<br />

wandte sich wieder weg.<br />

Erst jetzt kamen ihr wieder alle S<strong>in</strong>ne zu. Es roch nach Blut, Dreck und Rauch. Sie sah Kameraden<br />

und besiegte Fe<strong>in</strong>de, dann verschlang der Nebel die Umgebung. E<strong>in</strong> paar Ortsansässige liefen an ihr<br />

vorbei. Laute Stimmen drangen an ihr Ohr, sie hatten gewonnen, so schien es jedenfalls. Aus dem<br />

Dunst klang das Trommeln ihres Kameraden Gero, es war das Kommando zum Sammeln.<br />

Der Hauptmann der Schatzgarde schaute zu wie <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e Truppe langsam wieder Ordnung e<strong>in</strong>kam.<br />

„Lauter, sonst hört dich ke<strong>in</strong>er hier durch das Chaos!“ befahl er dem Trommelburschen. Der Fe<strong>in</strong>d<br />

war besiegt, oder zum<strong>in</strong>dest wurde er zerstreut. Der Nebel war auch ihnen zum Verhängnis<br />

geworden.<br />

Etwas abseits der Rausche hatte er e<strong>in</strong>en Sammelpunkt e<strong>in</strong>gerichtet. E<strong>in</strong> halbes dutzend Verletzte<br />

lagen herum, von m<strong>in</strong>destens e<strong>in</strong>em gefallenen Soldaten wusste er.<br />

„Das waren sicher die Streuner von Lump Eschw<strong>in</strong>d, euer Wohlgeboren“ sprach Storko e<strong>in</strong>er der<br />

Suunkdaler Hahnengardisten an. Er hatte sie am gestrigen Tage nach Ankunft auf der Burg<br />

Suunkdal zum Geleit se<strong>in</strong>er Truppen schicken lassen. Auch sie hatten sich am Kampfe an der<br />

Rausche beteiligt.<br />

„Streuner, nun für e<strong>in</strong>fache Streuner waren sie schon bemerkenswert gut ausgerüstet. E<strong>in</strong> Fe<strong>in</strong>d den<br />

ich erschlagen habe hatte gar Schwert und Rüstung und kämpfte wie e<strong>in</strong> Söldner, wohl eher e<strong>in</strong><br />

Fahnenflüchtiger.“<br />

„Dann die Storchenbrüder vielleicht...“ me<strong>in</strong>te e<strong>in</strong> zweiter Hahnengardist.<br />

„Ne<strong>in</strong>, ne<strong>in</strong>“ schüttelte der Gernatsborner den Kopf. Mittlerweile hatte er schon e<strong>in</strong>e bessere<br />

Übersicht über die Lage der Bosjäckel <strong>in</strong> <strong>Friedwang</strong> als die ortsansässigen Gardisten. „Die<br />

Storchenbrüder stehen auf unserer Seite. Aber bei der Vielfalt eurer Aufständischen verliert man den<br />

Überblick„ merkte er lakonisch an.<br />

„Herr Hauptmann“ wandte sich der Weibel an Storko. „Ich melde drei schwer verletzte, vier leicht<br />

verletzte, e<strong>in</strong>en toten und e<strong>in</strong>en vermissten Gardisten“ Der Hauptmann nickte. „Der Fe<strong>in</strong>d ist<br />

zerschlagen und hat sich <strong>in</strong> die Wälder zurück gezogen, wir haben vier gefangene und mehr als<br />

nochmals so viele tote Fe<strong>in</strong>de. Das Feuer an der Rauschebrücke wird von den Leuten auf<br />

Prähnskaten gelöscht, für die Bauern am Wagen kam jede Hilfe zu spät. Der Schulze sagte, dass die<br />

Brücke immer gut <strong>in</strong>takt gewesen sei.“<br />

„Die Räuber haben die Brücke über den Fluss manipuliert und sich noch als barönlicher Bautrupp<br />

davor ausgegeben, dreist!“ Der Hauptmann schüttelte den Kopf. „Es war e<strong>in</strong> geplanter Angriff auf<br />

die Schatzgarde und auf unseren Wagen. Sie dachten wohl wir hätten ihn voller Schätze.“ Storko<br />

74


schmunzelte. „Ja fast sollten wir uns bei dem armen Bauern bedanken, dass er vor uns <strong>in</strong> die Falle<br />

g<strong>in</strong>g. Wo ist der Wagen überhaupt, wo ist me<strong>in</strong>e Gemahl<strong>in</strong>?“<br />

„Als wir Kampfeslärm hörten und die zerstörte Brücke sahen ließ ich den Wagen mit Teilen der<br />

dritten Lanze auf halben Wege zurückgelassen, um sicher zu gehen.“<br />

„Ist me<strong>in</strong>e Gemahl<strong>in</strong> und me<strong>in</strong> Sohn wohlauf?“<br />

„Wir wurden im Wirtshaus gut bewirtet, guter Apfelmost, die Prähnskater Leute sche<strong>in</strong>en brave<br />

Untertanen der Baronie zu se<strong>in</strong>. Sie selbst blicken auch mit Argwohn auf die Efferd<strong>in</strong>ger.“<br />

„Ich me<strong>in</strong>e, wo s<strong>in</strong>d sie jetzt?“<br />

E<strong>in</strong> K<strong>in</strong>derwe<strong>in</strong>en erklang aus dem kalten Dunst von Westen her. „MAMAAAA!!!! WÄÄÄ!!!“ Die<br />

Schemen e<strong>in</strong>er schwankenden Person waren zu erkennen. In ihrem Arm hielt sie e<strong>in</strong> Bündel, ne<strong>in</strong> es<br />

war e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es K<strong>in</strong>d.<br />

E<strong>in</strong>e entkräftet aussehende Alw<strong>in</strong>e, die Zofe Glyranas, wankte herbei. „Hilfe!“ war das<br />

K<strong>in</strong>derschreien von Gisborn Hal übertönend zu vernehmen. Sofort lief Storko gefolgt vom Weibel<br />

und weiteren Soldaten <strong>in</strong> ihre Richtung.<br />

Die junge Zofe fiel entkräftet <strong>in</strong> die Arme ihres Herrn. E<strong>in</strong>e Platzwunde mit teils e<strong>in</strong>getrocknetem<br />

Blut zeigte ihr Kopf, ihre Kleidung war dreckig als hätte sie sich im schlammigen Acker gewühlt.<br />

Der kle<strong>in</strong>e Gisborn schrie, schien aber auf den ersten Blick nicht verletzt zu se<strong>in</strong>. „WÄÄÄÄ!!!!“<br />

„Was ist geschehen, wo ist Glyrana!“ sagte der besorgte Ehemann hastig.<br />

„Riesen!“ sagte sie erschreckt.<br />

„Was, haben euch auch die Räuber aufgelauert?“ warf der Weibel e<strong>in</strong>.<br />

„Ne<strong>in</strong>, es waren Riesen, oder Trollmänner“ versuchte Alw<strong>in</strong>e zu erklären.<br />

„Die Brückentrolle?“ kommentierte e<strong>in</strong> Hahnengardist der sie mitangehört hatte. „Man sagt, dass es<br />

Trolle hier gibt die von manch e<strong>in</strong>em Reisenden Zoll <strong>in</strong>form von Süßem verlangen, aber<br />

Überfälle?“<br />

„Das Mädchen phantasiert vielleicht, sie hat sich am Kopf gestoßen“ bemerkte der Weibel nun<br />

auch.<br />

„Ne<strong>in</strong>, ne<strong>in</strong>, es waren drei Trolle mit Fäusten wie e<strong>in</strong> Amboss. Sie haben uns angegriffen, den<br />

Wagen umgestoßen und ihre Wohlgeboren verschleppt!“<br />

„Was!“ Storko konnte es kaum fassen. Er fuhr mit beiden Händen zum Kopf und war außer sich.<br />

„Sie haben sie gezielt geraubt, ich wurde aus dem Wagen geschleudert und mir schwanden dann die<br />

S<strong>in</strong>ne. Als ich aufwachte hörte ich Gisborn Hal schreiben und habe ihn vom Acker daneben<br />

aufgelesen.“<br />

„Das passt gar nicht zu den Trollen.“ Me<strong>in</strong>te e<strong>in</strong>er der Suunkdaler Soldaten.<br />

Storko begann obwohl die Kälte ihn frieren sollte zu schwitzen. „Was auch immer, ich weiß wer der<br />

Grund ist, ich b<strong>in</strong> mir ziemlich sicher. Es war diese Yas<strong>in</strong>the!“<br />

„Wer?“ verdutzt blickten die umstehenden herum.<br />

„E<strong>in</strong> namenloses Weib! Ich habe gehört wie sie ihre f<strong>in</strong>steren Pläne geschmiedet hat. Sie ist mit den<br />

Niederhöllen im Bunde, auf der Insel <strong>in</strong> der Orkensauffe. Von dort hat sie auch die Fäden des<br />

Aufstandes geschmiedet. Sofort! Wir werden sofort aufbrechen und die Insel stürmen!“ Er g<strong>in</strong>g<br />

nervös h<strong>in</strong> und her versuchte aber Krampfhaft e<strong>in</strong>en kühlen Kopf zu bewahren. „Ihr<br />

Hahnengardisten br<strong>in</strong>gt die Verletzten, Gefangenen und <strong>in</strong>sbesondere me<strong>in</strong>en Sohn sicher auf eure<br />

Burg. Verstanden!“ Sie nickten. „Dort ist er im Moment am besten aufgehoben, bei se<strong>in</strong>er Tante.<br />

75


Wir werden aufbrechen! Verstanden Wehrheimer!? Und schickt e<strong>in</strong>en Boten zum Hof der Nordwyn.<br />

Wenn ihnen ihr Wort lieb ist so sollen sie so schnell wie möglich nach Efferd<strong>in</strong>g kommen. Die Zeit<br />

des Kampfes gegen das Übel ist früher gekommen als erwartet.“<br />

„Jawohl, Herr Hauptmann!“ „Jawohl, euer Wohlgeboren!“ Die anderen verstanden zwar nicht<br />

genau die Zusammenhänge doch taten wie angeordnet.<br />

Die Oberfläche der Orkensauffe war glatt wie e<strong>in</strong> Spiegel, ke<strong>in</strong> Lüftchen zog durch die frierende<br />

Nacht. Noch immer war es neblig und man sah selbst mit e<strong>in</strong>er Fackel nicht weiter als zehn Schritt,<br />

doch die gedungenen Fischer würden den Weg wohl f<strong>in</strong>den. Ke<strong>in</strong> guter Zeitpunkt um e<strong>in</strong>e Insel<br />

e<strong>in</strong>zunehmen, dachte er sich, doch der Nebel hatte sich ja schon im letzten Kampfe auch für den<br />

Fe<strong>in</strong>d als nachteilig heraus gestellt. Doch es galt auch ke<strong>in</strong>e Zeit zu verlieren. Es lag auf der Hand,<br />

die Trolle mussten Glyrana hier her gebracht haben. Storko dachte an die schöne Lula, würde die<br />

Namenlose Seele von Yas<strong>in</strong>the das selbe Schicksal auch für se<strong>in</strong>e Gemahl<strong>in</strong> ausgedacht haben –<br />

oder gar Schlimmeres. Selbstzweifel erfüllte ihn. Wäre er gestern nur bei ihr geblieben und nicht zu<br />

Tekla Nordwyn und ihren Storchenbrüdern gegangen.<br />

Nun, wenigstens hatte die Großbäuer<strong>in</strong> ihr Wort gehalten und war vor e<strong>in</strong>er Stunde <strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g<br />

angekommen. Drei ihrer verbündelten Freibauern hatte sie mitgebracht, dazu Töcher und Söhne,<br />

Knechte und Mägde, allesamt e<strong>in</strong> gutes dutzend Bewaffneter. Fast wie Edelleute waren sie zu<br />

Pferde her geritten und hatten ihr Fußvolk mitgebracht. Zwar Bauern, aber erstaunlich bewaffnet.<br />

Erwartete Storko vielleicht Sturmsensen, Dolche und Arbeitsbeile, so sah man Speere, Streitäxte<br />

und -kolben. Manch e<strong>in</strong> Bauer führte gar e<strong>in</strong>e kurze Kl<strong>in</strong>ge und war gerüstet <strong>in</strong> Kurbul, Gambeson<br />

oder Kette. Doch war ihm das Recht, jede Hilfe gegen e<strong>in</strong>en niederhöllischen Fe<strong>in</strong>d war<br />

willkommen.<br />

Storko sah h<strong>in</strong>ab auf e<strong>in</strong>en sitzenden Fischer neben ihm der das Ruder hielt. Se<strong>in</strong> Blick war<br />

unsicher, ja vielleicht angsterfüllt. Als die Schatzgarde vor zwei Stunden <strong>in</strong> Efferd<strong>in</strong>g ankam schien<br />

der Ort fast wie ausgestorben, ja verlassen zu se<strong>in</strong>. Der Nebel hatte auch alle ihre Gemüter beruhigt,<br />

die Bewohner hatten sich <strong>in</strong> ihre Häuser zurück gezogen, fast so als würden sie schlechte Omen<br />

ahnen. Die Fischer hatten sich zuerst geweigert sie auf die Insel im See zu rudern, aber es gab ke<strong>in</strong>e<br />

andere Möglichkeit als so dort h<strong>in</strong> zu gelangen und sie zu stürmen. Auch wenn er gar nicht wusste<br />

wie man von der Oberfläche <strong>in</strong> die Grotten e<strong>in</strong>steigen konnte, sie würden das Unheiligtum schon<br />

f<strong>in</strong>den, sie mussten es – lieber würde er all se<strong>in</strong>e Gardisten opfern als se<strong>in</strong>e Glyrana und das K<strong>in</strong>d <strong>in</strong><br />

ihr <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er solchen Gefahr zu wissen.<br />

„Alle s<strong>in</strong>d Bereit“ meldete der Weibel. „Gut, dann legen wir los. Gib das Zeichen“ antwortete<br />

Storko.<br />

Hagen Wehrheimer schwenkte die Sturmlaterne <strong>in</strong> beide Richtungen. Zwei Gardisten stießen das<br />

Boot vom Ufer weg und sprangen h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>. Dann wieder Stille. Nur die rhythmischen Schläge der<br />

Ruderer waren zu hören.<br />

Die <strong>in</strong>sgesamt drei Fischerboote glitten durch Nacht und Nebel. Schwitzend, keuchend saß Storkos<br />

kle<strong>in</strong>e Streitmacht an den Riemen. Oder dazwischen an den Ruderbänken…Abgelegte Waffen<br />

klirrten, wann immer die Boote <strong>in</strong>s Schaukeln gerieten. Die Segel der beiden E<strong>in</strong>master, über ihren<br />

geduckten Köpfen waren gerefft. Dazu kam noch e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es Ruderboot, <strong>in</strong> denen das Dutzend der<br />

Milizionäre saß. Es war beunruhigend still. Nur das Quietschen der Dollen, das leise Poltern von<br />

Holz, das Knarren der Taue und Glucksen des Wassers durchdrang die nasskalte Nacht. Wie Rauch<br />

e<strong>in</strong>es riesigen Lagerfeuers wehten Nebelschwaden heran, hüllten sie feucht prickelnd e<strong>in</strong>, zogen<br />

weiter, enthüllten wieder für e<strong>in</strong>en Moment das dunkle Türkis des Sees, wie er da im Mondsche<strong>in</strong><br />

dalag.<br />

76


Storko saß am Steven (der zu e<strong>in</strong>em Pferdekopf geformt war) und spähte h<strong>in</strong>aus – aber auch h<strong>in</strong>ab –<br />

<strong>in</strong>s Unergründliche. Er hätte sich e<strong>in</strong>bilden können, die Orkensauffe zu kennen. Erst vor kurzem<br />

waren er und der See sich ziemlich nahe gekommen, vermutlich näher, als es bei jedem Efferd<strong>in</strong>ger<br />

Fischer je der Fall gewesen war. Zum<strong>in</strong>dest bei denen, die überlebt hatten. Aber eigentlich kam der<br />

See ihm immer noch fremdartig vor. Fremdartig und verhängnisvoll. Über Wasser vielleicht sogar<br />

mehr als <strong>in</strong> dem feuchten, schwabbeligen Schlund unter ihren Füßen. Zumal er nun um die Macht<br />

der Erbarmungslosen Ersäufer<strong>in</strong> wusste. Die genau dort lauerte, wo sie gerade h<strong>in</strong>ruderten.<br />

Patsch…patsch…patsch…Helle Schaumblasen rannen von den Riemenblättern <strong>in</strong> die Wellen.<br />

Vermutlich waren sie viel zu laut unterwegs.<br />

Sie hielten e<strong>in</strong>en nördlichen Kurs, zum<strong>in</strong>dest hatten die Boote, nachdem sie von Efferd<strong>in</strong>g<br />

aufgebrochen waren, e<strong>in</strong>en L<strong>in</strong>ksdrall. Storko überlegte. Der E<strong>in</strong>gang zum Unheiligtum war auf der<br />

Nordwestseite, aber dort schien „Fischermann“ auch besonders felsig und unzugänglich zu se<strong>in</strong>.<br />

Dunkel konnte er sich an e<strong>in</strong>en völlig zu gewucherten Steilhang er<strong>in</strong>nern. Der Hauptmann polterte<br />

zwischen den Sitzreihen h<strong>in</strong>durch nach h<strong>in</strong>ten, dort wo e<strong>in</strong> alter Fischer an der Ruderp<strong>in</strong>ne saß, das<br />

Gesicht von W<strong>in</strong>d und Wetter gegerbt. Se<strong>in</strong> grauer Schnurbart h<strong>in</strong>g ihm die Mundw<strong>in</strong>kel h<strong>in</strong>ab, als<br />

wolle er so den Namen se<strong>in</strong>es Bootes verdeutlichen: Seeotter. Storko räusperte sich das Feuchte aus<br />

der Lunge.<br />

„Sag er, Fischer – wo wäre für uns die beste Stelle, um an Land zu gehen?“ Der Graubart sah ihn<br />

aus blauen Augen an und kratzte sich ausgiebig unter se<strong>in</strong>er Kapuze. Die kehlige schwarzsichler<br />

Mundart war schwer zu verstehen, aber erzählte wohl etwas von e<strong>in</strong>em breiten Strand geradeaus.<br />

Der Alte schien <strong>in</strong> Plauderlaune zu geraten. Er erzählte von felsigen Untiefen, e<strong>in</strong>em Dickicht aus<br />

Schilfbruch und angeschwemmten Bäumen rund um die Insel – und mehreren Hütten, die von den<br />

Dörflern während des „Exils“ errichtet worden seien. Die sogenannte Burg. Die Insel war wohl<br />

ziemlich unzugänglich, normalerweise lebten dort nur e<strong>in</strong> paar verwilderte Ziegen und<br />

Hausschwe<strong>in</strong>e. Und eben jetzt die Wasserdrachen-Bande.<br />

„Wie ist se<strong>in</strong> Name?“<br />

„Romek.“<br />

„Gut, Romek. Hoffen wir mal auf das Überraschungsmoment.“<br />

Verdammt, was soll das schon wieder? Im Nachbarboot brannte noch immer e<strong>in</strong>e Sturmlaterne, wie<br />

zum Spott auf das soeben Gesagte. Storko blaffte den leichts<strong>in</strong>nigen Schatzgardisten an, gab heftig<br />

Zeichen. Das Licht erlosch, nach quälenden langen Momenten. Irgendwo <strong>in</strong> der Nähe platschte es<br />

heftig. E<strong>in</strong> großer Fisch?<br />

Der Nebeldunst wurde hier draußen immer mehr ause<strong>in</strong>ander geweht, am Himmel waren nun sogar<br />

e<strong>in</strong>zelne, bl<strong>in</strong>kende Sterne zu sehen. Die Gipfel der höchsten Berge um ihnen herum waren bereits<br />

weiß: e<strong>in</strong> merkwürdiger Kontrast zu dem kalt glänzenden, leicht gekräuselten Wasser, durch das sie<br />

gerade glitten. Die Unruhe <strong>in</strong> ihm wurde mit jedem Riemenschlag stärker: Ob sie noch rechtzeitig<br />

e<strong>in</strong>treffen würden, um se<strong>in</strong>e Gemahl<strong>in</strong> zu retten? Ihm fiel e<strong>in</strong>, dass heute Tag der Heimkehr war.<br />

Der Beg<strong>in</strong>n des Mondes Travia: Die Schutzherr<strong>in</strong> von Familie und Ehe. Womöglich, ne<strong>in</strong>, ganz<br />

sicher e<strong>in</strong> gutes Zeichen. Doch der Kle<strong>in</strong>mut <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Herzen hatte sich dar<strong>in</strong> fest genagt, wollte<br />

nicht so schnell weichen.<br />

Irgendetwas flatterte über den Nachthimmel, zog als unruhiger Schatten durchs Mondlicht. Storko<br />

zuckte zusammen. E<strong>in</strong>e Fledermaus? E<strong>in</strong> heller, klagender Schrei zerriss die Stille:<br />

„Kiiiaaaa….Kiiiiaaaa….Kiiiaaaa.“ Schweigen. Dann, nach e<strong>in</strong>igen Augenblicken wiederholte der<br />

Ruf sich wieder. „Kiaaaa….Kiaaaa….Kiiiaaaa…!“ Schließlich endgültig Stille. „A Stormfalk“,<br />

brummte Romek gleichmütig. Storko zwirbelte sich nervös den Schnurbart. Waren sie gerade<br />

entdeckt worden? Uns<strong>in</strong>n…Er begann sich schon vor irgendwelchen aufgescheuchten Wildtieren zu<br />

fürchten. Sturmfalken hüteten eben eifersüchtig ihr Revier, das hatte er e<strong>in</strong>mal von e<strong>in</strong>er Falkner<strong>in</strong><br />

77


gehört. Auch bei Nacht? Ach, was sollte es. Er konnte es ohneh<strong>in</strong> nicht mehr ändern.<br />

E<strong>in</strong> Schemen über den nebligen Wassern lenkte ihn ab. Da vorne ragte die Insel auf: E<strong>in</strong> zerfranster,<br />

langgestreckter Schatten, der ihn sofort an e<strong>in</strong> halbgesunkenes Schiffswrack er<strong>in</strong>nerte. Tatsächlich<br />

gab es e<strong>in</strong>e Art Achtertrutz, gen Efferd, wo steile Felsen aufragten. In der Mitte flachte das Eiland -<br />

das e<strong>in</strong>e halbe Meile Schritt lang se<strong>in</strong> mochte - h<strong>in</strong>gegen ab. Die Silhouette des Waldes konnte man<br />

sich mit etwas Phantasie als die Mannschaft vorstellen, die sich an die Rel<strong>in</strong>ge drängte, um die<br />

Neuankömml<strong>in</strong>ge zu begutachten. Seeleute…oder Piraten…Gen Osten ragte e<strong>in</strong> „Bug“ aus<br />

Schwemmland <strong>in</strong> den offenen See h<strong>in</strong>aus, umr<strong>in</strong>gt von Gürteln aus Schilf, dicht bewachsen mit<br />

Büschen und Weiden.<br />

Dieser Anblick war ihm eigentümlich fremd und neu. Natürlich, er hatte sich der Insel von der<br />

anderen, felsigeren Seite her genähert. Von Nordwesten her. Im Licht von Mond und Sternen<br />

änderte sich die Form der Insel rasch, so schien es, es offenbarten sich immer mehr E<strong>in</strong>zelheiten.<br />

Das östliche Ende kam ihm nun immer mehr wie e<strong>in</strong> grün geschuppter Fischschwanz vor, das<br />

Westende wie der graue Kopf e<strong>in</strong>es übergroßen Schwimmers. Die drei spitzigen Neben<strong>in</strong>seln davor<br />

sahen aus wie aus dem Wasser ragende Klauen. Ne<strong>in</strong> - wie e<strong>in</strong> Dreizack. Die ganze Insel gemahnte<br />

nun mehr an e<strong>in</strong>en halb im Wasser liegenden Riesen. Oder an… Storko stockte für e<strong>in</strong>en Moment<br />

der Atem. Ob der Name „Fischermanns Freund“ am Ende den Unergründlichen selbst me<strong>in</strong>te? Der<br />

geradewegs <strong>in</strong> Richtung des nach ihm benannten Dorfs blickte, sei es nun drohend, mahnend oder<br />

beschützend. Von ihnen aber se<strong>in</strong> Angesicht gerade abwendete.<br />

„Da Effardsmund“, sagte Romek <strong>in</strong> die Stille h<strong>in</strong>e<strong>in</strong> (es klang irgendwie feierlich). Mit<br />

Fremdenführermiene deutete er auf das im nebligen Wasser ruhende Felsenhaupt. „De Grodd…Do<br />

drööm. Uffda annarä Saidn fum Alden Kopp.“<br />

Storko stutzte, grübelte. Effardsmund? Alder Kopp? Ja, natürlich. Offenbar lag er mit se<strong>in</strong>er<br />

Vermutung richtig: Für die Dörfler war die Insel e<strong>in</strong> Abbild des Wassergottes selbst – und die Höhle<br />

auf der Nordseite der Mund des Launischen. In dem sich nun, ausgerechnet, se<strong>in</strong>e erzdämonische<br />

Todfe<strong>in</strong>d<strong>in</strong> breit gemacht hatte. Wie Zahnfäule, e<strong>in</strong> Geschwür oder übler Mundgeruch? Ne<strong>in</strong>…Wie<br />

Schlimmeres…Ob der Junker wollte oder nicht, ihm drängte sich das ekle Bild e<strong>in</strong>es Aals <strong>in</strong> den<br />

S<strong>in</strong>n, der sich <strong>in</strong> der Mundhöhle e<strong>in</strong>es Ertrunkenen r<strong>in</strong>gelte. Oder e<strong>in</strong>e Wasserratte? Übelkeit<br />

breitete sich <strong>in</strong> ihm aus.<br />

„Do könd ma ooch land<strong>in</strong>g, mid do glöna Boud“ schlug Romek vor. Offenbar ahnte er nichts von<br />

dem Unheiligtum <strong>in</strong> der Grotte. Vermutlich war das besser so. Storko beschloss, nichts von der<br />

Entweihung zu erzählen, schon alle<strong>in</strong>, um die vielen „Unwissenden“ <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Truppe nicht<br />

kopfscheu werden zu lassen. Die wären jetzt, am Abend des „Tags der Heimkehr“, sicherlich auch<br />

lieber bei ihren Familien gewesen.<br />

„Besser, wir spalten unsere Kräfte nicht auf“, sagte der ganz erfahrener Seekrieger.<br />

„Wo ist der Strand?“.<br />

Romeks Arm schwenkte herum, aber das war be<strong>in</strong>ahe überflüssig. Der ganze flache Teil der Insel<br />

war mit undurchdr<strong>in</strong>glichem Schilf umhegt, dazu kam e<strong>in</strong> regelrechter Verhau aus<br />

angeschwemmten Bäumen und Ästen. Nur <strong>in</strong> der Mitte erstreckte sich e<strong>in</strong> e<strong>in</strong>ladender, schmaler<br />

Kiesstrand. Dort lagen bereits zwei Boote sowie e<strong>in</strong> großes Holzfällerfloß, alle halb an Land<br />

gezogen. Dah<strong>in</strong>ter, im dichten Mischwald, glühte e<strong>in</strong> Licht, e<strong>in</strong> arangefarbener Widersche<strong>in</strong> <strong>in</strong> den<br />

Baumwipfeln: Das Lagerfeuer, dass er zu Beg<strong>in</strong>n se<strong>in</strong>es Abenteuers gesehen hatte? Die Szenerie<br />

wirkte fast schon e<strong>in</strong>ladend.<br />

Sie steuerten jetzt geradewegs den Strand an, waren vielleicht noch 60, 70 Schritt entfernt. E<strong>in</strong>er der<br />

Schatzgardisten, der vorne zwischen den Ruderern kauerte, schrie entsetzt auf – Storko sah auch<br />

bald, warum. Schatten, gewaltige Schatten bewegten sich die Uferböschung h<strong>in</strong>unter. Zwei zottelige<br />

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Riesen stapften im Mondlicht aus dem Wald.<br />

„Das s<strong>in</strong>d wieder die Trolle“ keuchte der Mann und schlug das Rondraschwert. Die baumhohen<br />

Ungeheuer schritten auf e<strong>in</strong>en großen Ste<strong>in</strong>haufen zu, der aufgeschichtet am Strand lag – und<br />

bewaffneten sich, der e<strong>in</strong>e mit e<strong>in</strong>em menschenkopfgroßen Brocken, der andere mit e<strong>in</strong>er<br />

Ste<strong>in</strong>platte. Brüllend hoben die Schrate ihre Fracht über den Kopf. Im nächsten Augenblick flatterte<br />

auch schon das erste Geschoss heran – und pflatschte e<strong>in</strong> Dutzend Schritt querab von der Seeotter<br />

<strong>in</strong>s Wasser. Dennoch war die Wucht des Aufschlags groß genug, um Storko noch e<strong>in</strong>ige Tropfen<br />

Wasser <strong>in</strong>s Gesicht spritzen zu lassen.<br />

Inst<strong>in</strong>ktiv duckte er sich, als die Schieferplatte herantaumelte. Sie g<strong>in</strong>g viel zu kurz, und wühlte<br />

kaum das Wasser auf. Dennoch war der Hauptmann der Schatzgarde (und nicht nur er) bee<strong>in</strong>druckt.<br />

Die Große Havarie – die ganze Szene er<strong>in</strong>nerte ihn gerade verflucht an den Untergang der Flotte<br />

Eslams V. vor den Zyklopen<strong>in</strong>seln. Als die E<strong>in</strong>augen die kaiserlichen Schiffe mit e<strong>in</strong>em Ste<strong>in</strong>hagel<br />

e<strong>in</strong>gedeckt hatten. Die Größe der Werfer und Geschosse war damals sicher ähnlich gewesen. Nur<br />

dass die versenkten Schiffe noch weitaus robuster und massiver gewesen waren als se<strong>in</strong> ärmliches<br />

„Geschwader“. Storko spürte e<strong>in</strong> Pochen an den Schläfen. Se<strong>in</strong>e Leute ruderten kaltblütig weiter.<br />

Was sollte er befehlen? Er war letztlich selbst als Abgänger der Kaiserlichen Akademie e<strong>in</strong>deutig<br />

e<strong>in</strong> Mann des Landkriegs.<br />

Die nächste Wassersäule wuchs bereits zwischen den beiden E<strong>in</strong>mastern empor. „Schießt“ befahl<br />

der Junker. Zwei, drei Armbrustbolzen schwirrten als Antwort zurück. E<strong>in</strong>er der Trolle taumelte<br />

kurz unter e<strong>in</strong>em Schulter-Treffer. Der Riese heulte auf, eher verärgert als schmerzhaft. Es folgte<br />

e<strong>in</strong> regelrechtes Dauerfeuer, als wären es Äpfel oder Birne, nicht regelrechte Katapultgeschosse, die<br />

nun auf sie herabprasselten – über mehr als fünfzig Schritt Entfernung h<strong>in</strong>weg. Auf dem<br />

Nachbarboot fegte es mit Urgewalt <strong>in</strong> die hölzerne Schw<strong>in</strong>ge der Riemen. E<strong>in</strong>en brach es glatt<br />

entzwei, e<strong>in</strong> Gardist sank, von der e<strong>in</strong>en Hälfte unterm K<strong>in</strong>n getroffen, zusammen…<br />

Erneut das leise, aber bedrohliche Zischen. Die E<strong>in</strong>schläge kamen näher. Karakk! Auf se<strong>in</strong>em<br />

Flaggschiff riss es die Rahe mitsamt Segel vom Mast, das ganze Geraffel fiel polternd auf zwei<br />

Ruderer. Schreie voller Schrecken, aber auch Schmerz. Die Schieferplatte war diesmal vom Troll<br />

aus der Hüfte geworfen worden, ähnlich wie e<strong>in</strong> maraskanischer Diskus. Romek begann ob des<br />

Zerstörungswerks zu jammern.<br />

„Rückzug!“ bellte Storko. „Zurück <strong>in</strong> den Nebel. Nicht wenden, <strong>in</strong> Rondras Namen – rückwärts<br />

rudern.“<br />

Dies brauchte man den Ruderern nicht zweimal sagen. Als ob der Namenlose h<strong>in</strong>ter ihnen her wäre<br />

– und vielleicht war er das auch, ob des blanken Hasses im Wutgeschrei der Trolle – legten sie sich<br />

<strong>in</strong> die Riemen. In ihrer Aufregung f<strong>in</strong>gen sie mehr als e<strong>in</strong>en „Krebs“, verf<strong>in</strong>gen sich mit den<br />

Riemenblättern im Wasser, verhakten sich. Das Boot begann bedenklich zu wackeln, bekam<br />

Schlagseite. Se<strong>in</strong>e Soldaten warfen die störende Querstange der Rahe <strong>in</strong>s Wasser. Bald kam wieder<br />

Takt <strong>in</strong> den Ruderschlag. Wieder schwirrte e<strong>in</strong> kegelförmiges Stück Fels heran, klatschte neben dem<br />

Steven <strong>in</strong> den See und traf noch unter Wasser polternd die Planken. Zum Glück hielt das Holz diese<br />

Belastung aus – aber vielleicht war es auch der verwundete Troll gewesen, der hier etwas kraftloser<br />

als zuvor geworfen hatte. Wieder das nervenaufreibende „Paaatsch!“ E<strong>in</strong>er se<strong>in</strong>en Mannen wollte<br />

schon <strong>in</strong> Panik über Bord spr<strong>in</strong>gen, Storko packte ihn am Umhang und beförderte ihn wieder auf<br />

se<strong>in</strong>en Platz. „Hier geblieben!“ Wilde Schreie drangen an se<strong>in</strong> Ohr, mal von Trollen, mal von<br />

Menschen.<br />

„Ruhig, ruhig verdammt!“ Niemand hörte auf ihn. „Pullt, verdammt noch mal!“ Erneut wirbelte<br />

etwas auf ihn zu. Er duckte sich, reflexhaft, als stünde er wieder vor dem Fl<strong>in</strong>ken Ferdoker, der<br />

hölzernen Drehpuppe, durch die er damals <strong>in</strong> Wehrheim so viel Prügel bezogen hatte. Und nicht nur<br />

er. Er spürte regelrecht, wie e<strong>in</strong> scharfer Luftzug se<strong>in</strong>e Haare aufwirbelte. Der schrittgroße Ste<strong>in</strong><br />

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prallte grausam niedrig gegen den Mast, von dort ab, schlug e<strong>in</strong> Stück Rel<strong>in</strong>g entzwei und glitt<br />

aufklatschend <strong>in</strong>s Wasser. Se<strong>in</strong>e sonst so tapferen Kämpfer blökten vor Furcht wie die Schafe. Was<br />

Wunder, sie waren ebenfalls wackere Fußsoldaten, ke<strong>in</strong>e Seeleute. In ihren Rüstungen würden sie<br />

nach e<strong>in</strong>em Volltreffer untergehen wie e<strong>in</strong> Ste<strong>in</strong>. E<strong>in</strong>er hatte se<strong>in</strong>en Riemen aus der Dolle gleiten<br />

lassen, das feucht glänzende Holz trieb nun seitlich davon.<br />

Nach e<strong>in</strong>igen bangen Herzschlägen hüllte sie wieder gnädiger Nebel e<strong>in</strong>. Irgendwo klatschte noch<br />

wütend e<strong>in</strong> Wasserschwall zurück auf die Seeoberfläche, dann herrschte Ruhe. Zum<strong>in</strong>dest aus<br />

Richtung Strand. Der leichte Wellengang, der von diesem Bombardement ausgelöst worden war,<br />

schwächte sich ab.<br />

„Und nun?“ Diese Frage stellte der verstörte Gernatsborner eher sich selbst. Storko tastete nach<br />

dem Mast, der angerissen zu se<strong>in</strong> schien. Mit zitternden Knien stützte er sich dagegen. Das hier<br />

versprach e<strong>in</strong>e lange Nacht zu werden…Vielleicht die längste se<strong>in</strong>es Lebens. Er tastete nach se<strong>in</strong>em<br />

H<strong>in</strong>terkopf. Ke<strong>in</strong> Blut…natürlich nicht. Hätte ihn dieses Wurfgeschoss getroffen, wäre von se<strong>in</strong>em<br />

darpatischen Dickschädel nur noch Matsch übrig geblieben.<br />

Hagen Wehrheimer beugte sich über e<strong>in</strong>en jammernden Fischer, dem das Holz geradewegs auf die<br />

Schulter gefallen war, und sie wohl gebrochen hatte. E<strong>in</strong>er Gardist<strong>in</strong> war die Hand gequetscht<br />

worden, die Schwerthand ausgerechnet. Kaum unterdrücktes Wehklagen, Husten und Stöhnen<br />

erfüllte den grauen Dunst. Sie hatten noch Glück gehabt, aber der Anblick und die Geräuschkulisse<br />

kündeten von e<strong>in</strong>er Niederlage. E<strong>in</strong>en buchstäblich schmerzlichen Rückzug.<br />

„Ruhe. Ruhe, hab ich gesagt. Seid ihr Schatzgardisten oder feige Memmen? Es waren nur zwei<br />

Trolle. Zwei…“ Ja, dachte er. Aber getrollt haben wir uns. Weibel Wüst hätte so was „Feigheit vor<br />

dem Fe<strong>in</strong>d“ genannt. „Wir werden Fischermann´s Freund erobern, bei den heiligen Zwölfen.“ Der<br />

Hauptmann versuchte markig zu kl<strong>in</strong>gen, obwohl se<strong>in</strong>e eigenen Knie zitterten. „S<strong>in</strong>d sie zu stark,<br />

s<strong>in</strong>d wir zu schwach, verflucht noch mal.“<br />

Storko merkte nun, dass er von den anderen beiden Booten nichts mehr sah und hörte. Waren sie<br />

versenkt worden? Aber dann müsste man sie doch schreien hören? Oder? Dieser verdammte See…<br />

Der Nebel wurde immer dichter, man sah kaum noch die Hand vor Augen. Der Junker schob sich<br />

den Faustrücken <strong>in</strong> den Mund und kaute daran. Obwohl es nasskalt war wie <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em W<strong>in</strong>tergrab,<br />

war ihm gerade siedendheiß zu Mute. Glyrana. Se<strong>in</strong> ungeborenes K<strong>in</strong>d. Sie wurden vielleicht schon<br />

geschlachtet. Se<strong>in</strong>e Leute riefen <strong>in</strong>s grauweiße Nichts heraus, matte, verzerrte Rufe antworteten<br />

ihnen. Immerh<strong>in</strong>…Aber man sah immer noch nichts. Orksche Orkensauffe! In ihrer Tiefe hatte er<br />

sich nicht so sehr gefürchtet wie <strong>in</strong> dieser Waschküche hier.<br />

E<strong>in</strong> Schatten kam längsseits. Das Ungeheuer vom Nassloch (wie man den tiefsten Teil des<br />

Gewässers nannte)? Ne<strong>in</strong>, es war das kle<strong>in</strong>ere Ruderboot mit den Freischärlern, Efferd sei Dank.<br />

Der Dunst zog gemächlich weiter, enthüllte, <strong>in</strong> e<strong>in</strong>en Pfeilschuss Entfernung, den zweiten<br />

E<strong>in</strong>master. Der hatte mächtig Schlagseite, die Besatzung schöpfte verzweifelt mit Eimern und<br />

Helmen Wasser aus dem Rumpf. E<strong>in</strong> Mann am Bug formte die Hände vor den Lippen zum Trichter<br />

und rief herüber.<br />

„Wir haben e<strong>in</strong> hübsches Leck zwischen den Planken“. Das war Korporal Voltan, der Stimme nach<br />

zu urteilen.<br />

„Trolltreffer?“<br />

„Ne<strong>in</strong>. Vermutlich e<strong>in</strong> Baum oder Unterwasserfelsen. Ke<strong>in</strong>e Verletzten…E<strong>in</strong> Wunder, dass niemand<br />

über Bord gegangen ist!“<br />

„Kommt ihr zurecht?“<br />

„Ke<strong>in</strong>e Ahnung. Noch schwimmen wir.“<br />

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Ke<strong>in</strong> Plan überlebt Fe<strong>in</strong>dkontakt. Helme Haffax, wie Recht du hattest, als du noch ke<strong>in</strong> <strong>Verräter</strong><br />

warst. Hatte er selbst e<strong>in</strong>en Plan? Irgendwie wusste Storko nur, dass ihm gerade die Zeit davonlief.<br />

„Gut…oder schlecht, je nachdem. Wehrheimer, ihr bleibt hier, helft, wo ihr könnt und nehmt<br />

notfalls die Leute an Bord, falls das Boot zu s<strong>in</strong>ken droht.“<br />

Der Weibel blickte verdrießlich auf den wenigen Platz, die sie hatten. „Und Ihr?“<br />

„Ich steige <strong>in</strong>s Ruderboot zu den Bauern und fahre geradewegs <strong>in</strong> die Höhle…“ Oder <strong>in</strong> die<br />

Niederhöllen, dachte er.<br />

„Aber das…Ihr kennt diese Leute doch kaum, und…“<br />

„Ke<strong>in</strong>e Widerrede. Gefahr <strong>in</strong> Verzug.“ Storko überlegte nur kurz, ob er diesen Fischer Romek als<br />

Lotsen mitnehmen sollte. Aber der war völlig fertig mit der Welt, versteckte sich mehr neben der<br />

P<strong>in</strong>ne, als dass er se<strong>in</strong> Boot noch lenkte. Das Insanctuarium würde se<strong>in</strong>en Verstand geradewegs<br />

nach Selem schicken.<br />

„Sobald wir e<strong>in</strong>en, äh, Brückenkopf auf der Insel gebildet haben, schicke ich euch das Ruderboot<br />

und wir br<strong>in</strong>gen die Gardisten truppweise an Land.“ Storko musste zugeben, dass das, was er sagte,<br />

auch <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en Ohren großartig klang. Richtig feldherrlich. Nur glaubte er <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Innersten selbst<br />

nicht, dass es so e<strong>in</strong>fach werden würde.<br />

Tekla Nordwyn reichte ihm galant den Arm, als er ungelenk <strong>in</strong>s schaukelnde Ruderboot stieg – und<br />

gr<strong>in</strong>ste frech. „Ihr wisst ja. Ke<strong>in</strong> Plan überlebt…“<br />

„Jaja, ich kenne diese Weisheiten besser als Ihr“ fauchte Storko und nahm am Bug Platz. „Danke.<br />

Vorwärts, wir müssen uns beeilen…“<br />

Das Boot jagte pfeilschnell durch die Nacht, auf die Insel zu, die nun wieder vor ihnen aufragte wie<br />

e<strong>in</strong>e jähe Drohung. Immerh<strong>in</strong>, sie waren von der Strömung Richtung Felsen getrieben worden, da<br />

wo er h<strong>in</strong>wollte. Und weg von den Wurfgeschossen der Trolle.<br />

Seltsamerweise hatte er irgendwie das Gefühl, sich hier auszukennen – vor allem zu wissen, wie der<br />

„Alde Kopp“ unter Wasser aussah. Über Wasser tatsächlich wie e<strong>in</strong> bärtiges, halb zur Seite<br />

gedrehtes Haupt.<br />

„Zwei Mann mit Schilden nach vorn“ kommandierte er. Offenbar überzeugend genug. Im nächsten<br />

Moment nahmen die beiden Storchenbrüder neben ihm Platz.<br />

„Wenn wir <strong>in</strong> die Höhle e<strong>in</strong>fahren, nehmt ihr die Schilde hoch“, ordnete er an. „Wäre doch gelacht,<br />

wenn wir denen nicht e<strong>in</strong>heizen!“<br />

Da vorne war auch schon das grünblaue Leuchten zu erahnen. Aus der Spalte <strong>in</strong> der Klippe, gegen<br />

die rastlose Wellen schmatzten.<br />

„Da vorne ist es. Vorsichtig bei den Ste<strong>in</strong>en…“ Tatsächlich ragten hier überall kle<strong>in</strong>ere, glitschige<br />

Felsen empor.<br />

Tekla verzog das Gesicht – was nicht an Storkos Worten lag. Sondern an e<strong>in</strong>em fauligen, tranigen<br />

Geruch, der an ihrer aller Nasen drang. Von unten…<br />

Storko starrte h<strong>in</strong>ab <strong>in</strong> das unre<strong>in</strong>e Türkisblau. E<strong>in</strong>e dunkle Wolke breitete sich dar<strong>in</strong> aus, die<br />

geradewegs aus der Höhle zu kommen schien. Wie aus e<strong>in</strong>er Kloake…Auch wenn das Wasser mehr<br />

nach verwesendem Fisch, Schwefel und faulen Eiern stank. E<strong>in</strong>e ölig schillernde, Flüssigkeit hüllte<br />

den Bootsrumpf e<strong>in</strong>: Brandöl?<br />

Im nächsten Moment begann das Wasser um sie herum zu blubbern und Blasen zu schlagen, als<br />

würde es kochen. Aber ke<strong>in</strong>e Hitze war zu spüren. Die Storchenbrüder begannen verwirrt zu<br />

fluchen, e<strong>in</strong>ige auch zu beten.<br />

81


Das Boot begann ohne jede Vorwarnung zu s<strong>in</strong>ken, als wäre es aus Eisen geschmiedet. Sackte<br />

e<strong>in</strong>fach nach unten, fast schon im freien Fall. Der Auftrieb, irgendetwas macht das Zeug mit dem<br />

efferdgefälligen Auftrieb, dachte Storko noch. Dann wurde er auch schon nach unten gezogen, <strong>in</strong><br />

e<strong>in</strong>en Schwall von Myriaden sprudelnder Bläschen und Blasen h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>. Die mit rasanter<br />

Geschw<strong>in</strong>digkeit nach oben stiegen, während er hilflos nach unten glitt, ohne jeden Halt <strong>in</strong> diesem<br />

übermächtigen, furcht e<strong>in</strong>flössenden Wirbel. Es war, als würde unter ihm e<strong>in</strong> gigantisches<br />

Sumpfungeheuer ausatmen. Oder als wäre er <strong>in</strong> e<strong>in</strong>en bizarren Schwarm w<strong>in</strong>ziger Wassergeister<br />

geraten. Im nächsten Moment prallte er auch schon auf Grund, ne<strong>in</strong>, trat auf das Boot. Das Getose<br />

und Gurgeln um ihn herum beruhigte sich, wurde wieder zu Efferds Element. Zuckend, strampelnd<br />

traten l<strong>in</strong>ks und rechts von ihm Storchenbrüder ihre Reise zu ihm an: <strong>in</strong> die Tiefe.<br />

Storko spürte neben stärker werdender Panik e<strong>in</strong> Gefühl, dass er nur zu gut kannte: Das Bedürfnis,<br />

e<strong>in</strong>zuatmen. Nur, dass das <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e Lungen strömende, eiskalte Seewasser ihn diesmal töten würde.<br />

Er stieß sich vom Boden ab, versuchte mit verzweifelten Bewegungen wieder nach oben zu<br />

gelangen. Er stieß tatsächlich mit dem Kopf durch die Wasseroberfläche, atmete gierig e<strong>in</strong>…und<br />

schrie, als ihn von unten etwas am Fuß packte. Erneut wurde er gewaltsam nach unten gerissen.<br />

Storko schlug um sich, trat, strampelte – und sah e<strong>in</strong>en Herzschlag lang <strong>in</strong> e<strong>in</strong> maskenhaftes<br />

Fischgesicht. E<strong>in</strong>er der Molche…E<strong>in</strong> zweiter Fischmensch packte se<strong>in</strong>en Arm. Ertränken, die<br />

Paktierer wollten ihn…Luft, er brauchte…Das konnte doch nicht…Glyrana!!!!<br />

Ohne jeden klaren Gedanken versuchte er sich aus dem mörderischen Griff der Angreifer<br />

freizuw<strong>in</strong>den, irgendwie nach oben zu gelangen. Storko fühlte den Schmerz noch, als er mit dem<br />

Kopf heftig gegen e<strong>in</strong>en der Felsen stieß – aber er tat ihm schon nicht mehr weh…. Mit e<strong>in</strong>em Mal<br />

wurde er ruhig, zu ruhig, wie er sich selber e<strong>in</strong>gestand. Die Stimmung war be<strong>in</strong>ahe friedlich. Nur<br />

schade, dass er se<strong>in</strong>e geliebte Glyra niemals wiedersehen würde. Glyrana…Glyrana…<br />

Glyranaaaa hallte es <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em schw<strong>in</strong>denden Bewusstse<strong>in</strong> nach.<br />

E<strong>in</strong> Riss…e<strong>in</strong> schmaler, haarfe<strong>in</strong>er, kaum wahrnehmbarer Riss durch die Welt…oder im Gefüge der<br />

Sphären? Man musste den Dolch nur e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong> wenig drehen, <strong>in</strong>s rotflackernde Licht des Feuers,<br />

dann ließ er sich auf der Kl<strong>in</strong>ge erahnen. Spüren. E<strong>in</strong> purpurnes Wabern, e<strong>in</strong>e Art von überderischer<br />

Befleckung…oder grausam gezackte Wunde? Yas<strong>in</strong>the lächelte verzückt. Der Flammendolch aus<br />

dunkel glänzendem Metall war bis auf die Form und e<strong>in</strong> paar Ornamente auf der Parierstange<br />

schmucklos. Sah nicht unbed<strong>in</strong>gt so aus, wie sich Kle<strong>in</strong>-Alrik e<strong>in</strong>e Ritualwaffe vorstellte. Der<br />

F<strong>in</strong>ger der Geweihten glitt versonnen über den Stahl, schauderte wohlig. Kalt…er fühlte sich eiskalt<br />

an…als hätte sie die ewige Nachtseite berührt. Wie es wohl wäre, wenn sie dem Atesh´Seruhn<br />

selbst etwas von ihrem Blut…Die Priester<strong>in</strong> stutzte. Was hatte sie hier für romantische<br />

Anwandlungen? Sie musste sich auf ihre Aufgabe konzentrieren…Ihren Plan.<br />

Die „Burg“, so wurde die kle<strong>in</strong>e Ansiedlung <strong>in</strong> der Mitte der Insel genannt. Mehrere schilfgedeckte<br />

Ste<strong>in</strong>hütten, die sich im Viereck um e<strong>in</strong>e größere Halle gruppierten. Gen Süden, dort wo am ehesten<br />

mit e<strong>in</strong>em Angriff zu rechnen war, stießen die Hüttchen ane<strong>in</strong>ander, ihre Fenster waren nach außen,<br />

zum Strand h<strong>in</strong>, regelrechte Schießscharten. Der Pfad zum Hafen endete an e<strong>in</strong>er hölzernen Pforte.<br />

Gen Norden wurde die Feste durch e<strong>in</strong>e Palisade geschützt. E<strong>in</strong> recht annehmbares Zuhause, dass<br />

ihnen freundlicherweise von den Efferd<strong>in</strong>gern h<strong>in</strong>terlassen worden war, nebst e<strong>in</strong>igen halbwilden<br />

Schwe<strong>in</strong>en, Hühnern und Ziegen.<br />

Vor der Halle selbst brannte e<strong>in</strong> mächtiges Lagerfeuer. Die Wasserdrachen, wie sich die Bande<br />

nannte (e<strong>in</strong> Haufen von Seepiraten, Schmugglern, Kairanschneidern, Bosjäckel, wie immer man das<br />

Pack nennen wollte), übertrieben es gerne e<strong>in</strong>mal, wenn sie aufschürten. Nicht nur, dass sie die<br />

knappen Vorräte an Brennholz verschwendeten, die der Wald für sie bereithielt. Das Feuer war<br />

sicherlich meilenweit zu sehen. Mit ger<strong>in</strong>gschätzigem Lächeln musterte sie die See-Räuber, wie sie<br />

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am offenen Feuer die Buddel kreisen ließen, und sich volllaufen ließen. Mit hämischen Lachen<br />

stopften sie <strong>in</strong> Papierrollen <strong>in</strong> die frisch geleerten Flaschen: Mit dem Zeichen des Bundes der Fünf.<br />

Offenbar war ihnen ihre Liebl<strong>in</strong>gsbeschäftigung noch immer nicht zu k<strong>in</strong>disch geworden: Diese als<br />

Flaschenpost <strong>in</strong> den See zu werfen…Die Banditen hielten ihre Waffen allzeit bereit: Säbel,<br />

Schwerter, Dolche, Äxte. Hier und dort trug e<strong>in</strong>er e<strong>in</strong>en speckigen Kurbul oder e<strong>in</strong>en zerschlissenen<br />

Gambeson. Darüber e<strong>in</strong>en Federhut, Kapuzenmantel, selten auch mal e<strong>in</strong>en zerbeulten Helm.<br />

Abschaum, wie man ihn <strong>in</strong> diesen Tagen überall <strong>in</strong> der Wildermark f<strong>in</strong>den konnte.<br />

Der Tag der Heimkehr. Die Halsabschneider hier hatten sich offenbar e<strong>in</strong>en letzten Rest an<br />

darpatischem Brauchtum bewahrt, wenn sie am Abend des ersten Travia ihren Verstand mit<br />

Schnaps, Bier und We<strong>in</strong> ertränkten. Natürlich nicht aus Frömmigkeit, sondern schierer Gewohnheit.<br />

Nun, heimkehren würden sie schon bald, für immer…Die Frage war nur, ob die Zwölfgöttliche<br />

Verdammnis oder schon die Niederhöllen die wahre Heimstatt ihrer verkommen Seelen waren…<br />

„Ihr macht es euren Fe<strong>in</strong>den leicht“, sagte sie ungnädig und überreichte den Dolch wieder ihrer<br />

Sklav<strong>in</strong>, die blöde lächelnd am Feuer stand. Und mit dankbarem Nicken die Waffe an sich nahm.<br />

E<strong>in</strong> paar der Piraten glotzten, ebenfalls wenig hes<strong>in</strong>degefällig, <strong>in</strong> Glyranas Richtung. Natürlich, sie<br />

lauerten auf e<strong>in</strong>e Gelegenheit, sie zu schänden. Aber der dicke Bauch der Schwangeren, und mehr<br />

noch Yas<strong>in</strong>thes Gegenwart, schien sie abzuschrecken. E<strong>in</strong>e Frau <strong>in</strong> purpurner Robe, das Gesicht<br />

h<strong>in</strong>ter e<strong>in</strong>er Maske verborgen, war selbst <strong>in</strong> diesem Teil Darpatiens ke<strong>in</strong> alltäglicher Anblick. „Noch<br />

e<strong>in</strong>e Stunde, dann ist auch noch der letzte heillos betrunken“ Yas<strong>in</strong>the zog den Ärmel über ihre<br />

verstümmelte Hand.<br />

„Lasst sie sich Mut ansaufen“, gluckste es zur Antwort. „E<strong>in</strong>e andere Kampfmoral haben sie nicht.<br />

Außer zu überleben, natürlich…“<br />

Branko schien das Unheil zu wittern. Buchstäblich. Der Glatzkopf starrte immer wieder <strong>in</strong> Richtung<br />

des nebligen Waldes. Die Barteln an se<strong>in</strong>em schwammigen K<strong>in</strong>n r<strong>in</strong>gelten sich sogar etwas, als er<br />

mit platter Nase zu schnuppern begann. „Es war ke<strong>in</strong>e gute Idee, das Mers<strong>in</strong>ger Metzweib hierher<br />

zu br<strong>in</strong>gen“, schimpfte er, zum wiederholten Mal. „Vor allem war es ke<strong>in</strong>e gute Idee, die<br />

Schatzgarde entkommen zu lassen…Die Dörfler hätten sie massakriert, und jetzt…Storkos<br />

Bluthunde werden schon bald hier auftauchen, verlass dich darauf…feuchte Krakonierscheiße, wir<br />

s<strong>in</strong>d gerade mal e<strong>in</strong> Dutzend, und die rücken hier <strong>in</strong> Bannerstärke an…Verdammt, Kunbert,<br />

übertreib es nicht.“ Das galt e<strong>in</strong>em bärtigen Zecher, der verzückt lächelnd an dem Paktierer<br />

vorübertorkelte, e<strong>in</strong>en Humpen Bier <strong>in</strong> der Hand.<br />

Die Neunf<strong>in</strong>grige lächelte s<strong>in</strong>ister. Ja, sauft nur, ihr Narren, dachte sie. Egal, ob es nun die Furcht<br />

vor der Schatzgarde, vor mir oder der Tiefen Tochter unten <strong>in</strong> ihrer Grotte ist. Oder e<strong>in</strong>fach nur<br />

Heimweh und Angst um das Seelenheil. Ihr sollt verrecken.<br />

Aus der Ferne hörte sie e<strong>in</strong>en vertrauten Ruf, durch das Lärmen der Räuber h<strong>in</strong>durch. Wenig später<br />

flatterte er auch schon heran: Meuchel, ihr Falke. Die Diener<strong>in</strong> des Dreizehnten bot ihm ihren Arm.<br />

Yas<strong>in</strong>the verzog kurz die Miene, als sich schmerzhaft se<strong>in</strong>e Krallen <strong>in</strong> ihr Fleisch schlugen, durch<br />

den Stoff der purpurnen Robe h<strong>in</strong>durch. Se<strong>in</strong>e Federn waren gesträubt, <strong>in</strong> den schwarzen Augen<br />

blitzte der Zorn. Der Falke schrie, zweimal laut, e<strong>in</strong>mal eher leise. Yas<strong>in</strong>the wusste sofort, wie die<br />

Botschaft des Raubvogels lautete.<br />

„Sie kommen“, sagte sie halbleise, mit e<strong>in</strong>em Anflug von Triumph. „Drei Boote, zwei große und e<strong>in</strong><br />

kle<strong>in</strong>es.“<br />

„Orksch!“ Branko ballte die Faust und öffnete die Hand wieder. Erst jetzt fiel Yas<strong>in</strong>the auf, dass<br />

zwischen den F<strong>in</strong>gern bereits Schwimmhäute wuchsen. Überhaupt wirkte die Haut irgendwie…<br />

glitschig.<br />

Voll stiller Verachtung musterte sie den Kultisten. Er roch zart nach verfaultem Fisch. Auch wenn es<br />

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weniger Brankos schuppige Haut, sondern mehr die Seele war, die hier verrottete. Hoffentlich<br />

verbrennen sie dich schon bald auf e<strong>in</strong>em großen Scheiterhaufen, dachte sie.<br />

„Euer Posten im Baumhaus schläft offenbar wieder“, zischte sie. „Oder hat sich mit Rauschkraut<br />

zugedröhnt, was ich bei diesem verrückten Tobrier eher vermute. Seid froh, dass wenigstens me<strong>in</strong><br />

Falke Wache hält.“<br />

„Euer Tier…sche<strong>in</strong>t mir überaus gelehrig zu se<strong>in</strong>“ zischelte Jadvige zwischen ihren fischigen<br />

Lippen h<strong>in</strong>durch. Angewidert blickte die stämmige blonde Kultist<strong>in</strong> <strong>in</strong>s Feuer, schien<br />

gleichermaßen se<strong>in</strong>e Nähe, das Licht und die Wärme zu begehren wie zu fürchten. Sie merkte nicht<br />

e<strong>in</strong>mal mehr, wie Flüssigkeit aus ihrem Ohr sickerte, dem Menschenohr. Als fe<strong>in</strong>er Faden rann ihr<br />

das Wasser den dicken Hals herab – obwohl sie schon seit Tagen nicht mehr getaucht hatte. „Was ist<br />

das für Hexerei?“ Bei diesen Worten quoll ihr das ekle Nass auch noch feucht und schwarz aus dem<br />

Mund, tropfte <strong>in</strong> langen Fäden zu Boden.<br />

„Der Falke war e<strong>in</strong> Geschenk“ antwortete die Rätt<strong>in</strong> angewidert. Und zwar von Merwan dem<br />

Schrecklichen selbst, fügte sie <strong>in</strong> Gedanken h<strong>in</strong>zu. Ebenso wie der Dolch…<br />

„Drei Boote!?? Das heißt, die ganze Schatzgarde ist hierher unterwegs?!“ Branko raufte sich die<br />

nicht mehr vorhandenen Haare. „Heda…ihr…habt Ihr gehört…Verdammt noch mal, hört endlich<br />

her. Sie kommen! Zu den Waffen…“ Die Banditen blickten zunehmend verstört. Wer noch<br />

unbewaffnet war, lief <strong>in</strong> Richtung der Hütten.<br />

„Was soll schon geschehen. Me<strong>in</strong>e Trolle halten am Strand Wacht“, sagte Yas<strong>in</strong>the gleichmütig, und<br />

hielt ihre Hände <strong>in</strong> Richtung des Feuers, um sie zu wärmen.<br />

„Durch das Schilf werden Storkos Leute nicht kommen…Diese Insel ist bekanntlich jedermanns<br />

Freund, der auf ihr Zuflucht sucht.“<br />

„Und die Grotte? In Globomong<strong>in</strong>g wissen manche um diesen geheimen Zugang zur Insel…“<br />

„Ihr habt dort doch noch e<strong>in</strong>ige Krüge Charyptowasser stehen, oder etwa nicht?“<br />

„Den Drachenodem? Verdammt, das Zeug war mehr als teuer…“<br />

„Aber se<strong>in</strong>en Preis <strong>in</strong> Kairan wert…“ Jadvige kratzte sich am Flossenohr. „Man braucht verdammt<br />

viel von der Brühe, wenn man so e<strong>in</strong>en Kahn versenken will. Und die Wirkung des Drachenodem<br />

lässt schnell nach…“ Wieder sabberte sie dunkles Wasser. Auch aus der Fischnase drang etwas von<br />

der Brühe.<br />

„Dann solltet ihr beide euch schleunigst <strong>in</strong> eure Molchgewänder bemühen, und dafür sorgen, dass<br />

es schnell wirkt. Indem ihr es genau unter ihren Booten platziert. Aber geratet bloß wieder nicht<br />

selbst <strong>in</strong> den Drachenodem, wie beim letzten Mal…“ Yas<strong>in</strong>the trat e<strong>in</strong>en brennenden Ast zurück <strong>in</strong>s<br />

Feuer. Die beiden Paktierer wichen aufgeregt glucksend vor dem Hitzeschwall zurück, hoben ihre<br />

Flossenhände. Armselige Kreaturen…Vermutlich hielten sie ihr jämmerliches Sklavendase<strong>in</strong><br />

wirklich für Macht. Noch e<strong>in</strong> halbes Jahr, und ihnen würde nichts Menschliches mehr anhaften.<br />

„Habt ihr gehört? Schickt sie zu den Fischen. Euren schuppigen kle<strong>in</strong>en Freunden. Mit e<strong>in</strong>er<br />

Ausnahme. Ich möchte wetten, dass Storko im ersten Boot sitzt, das die Höhle ansteuert…Br<strong>in</strong>gt<br />

ihn her…“<br />

„Und du?“<br />

Yas<strong>in</strong>the kraulte dem Falken das Gefieder. „Ich denke, ich werde Verstärkung herbeischaffen! Am<br />

alten Ritualplatz…“<br />

Mit Wohlgefallen sah sie das Grauen <strong>in</strong> den rundlichen Fischaugen der Paktierer. Gemischt mit<br />

e<strong>in</strong>er höchst götterungefälligen Hoffnung. Sie ahnten, was Yas<strong>in</strong>thes Worte bedeuteten, wagten aber<br />

nicht, genauer nachzufragen. „Gebt mir drei eurer Leute mit, und die Gefangenen… “<br />

84


„Die Gefangenen? Verdammt, gönnst du uns denn ke<strong>in</strong>en e<strong>in</strong>zigen Duckern mehr? Auf den<br />

Sklavenmärkten der Heptarchen…“<br />

„Das hier ist die Wildermark, nicht Yol´Ghurmak. Wenn ihr Pech habt, seid Ihr <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Stunde<br />

selbst e<strong>in</strong>gekerkert…oder erschlagen…“<br />

„Gut, gut…Ingalf, Hitta, Burgol…Ihr schafft das Pack zum Druidenste<strong>in</strong>. Aber lasst euch nicht<br />

selbst opfern, haha…“<br />

Yas<strong>in</strong>the und ihre Schergen g<strong>in</strong>gen h<strong>in</strong>über zu dem hölzernen Käfig, der <strong>in</strong> der Burg allgeme<strong>in</strong> der<br />

„Sklavenkotter“ genannt wurde. Auch wenn er ursprünglich e<strong>in</strong>fach e<strong>in</strong>mal e<strong>in</strong> Stall gewesen war.<br />

Fünf Gestalten kauerten oder lagen dort <strong>in</strong> den Ecken und an den Stäben, mit e<strong>in</strong>er Ausnahme: E<strong>in</strong>e<br />

blasse, vornehme, nicht mehr ganz junge Frau, <strong>in</strong> schlichter, erdfarbener Tunika. Mit stolz<br />

erhobenem, länglichem Haupt stand sie aufrecht, <strong>in</strong>soweit der Käfig dies zuließ. Die Haare waren<br />

blank geschoren worden und wuchsen erst seit kurzem wieder, zu grauschwarzen Stoppeln. Der<br />

Hals war wundgescheuert, vermutlich von e<strong>in</strong>em eisernen Band, die l<strong>in</strong>ke Wange verunzierte e<strong>in</strong>e<br />

ältere, rot entzündete Narbe.<br />

Die Krieger<strong>in</strong> – die geübte, zähe Kämpfer<strong>in</strong> war trotz der ärmlichen Gewandung noch zu erahnen –<br />

wirkte ausgemergelt, aber die großen, braunen Augen waren hellwach, die Arme und Be<strong>in</strong>e<br />

muskulös. Yas<strong>in</strong>the wusste nicht allzu viel von dieser Frau, nur dass sie aus irgende<strong>in</strong>em Bergwerk<br />

<strong>in</strong> Transysilien geflohen se<strong>in</strong> sollte. Irgendwo <strong>in</strong> den Wäldern der Sichel musste sie Gobl<strong>in</strong>s <strong>in</strong> die<br />

Klauen gefallen se<strong>in</strong>. Für e<strong>in</strong> paar Flaschen Branntwe<strong>in</strong> und metallene Pfeilspitzen hatten sie die<br />

Wasserdachen, die sich von den Rotpelzen mit Wildbret versorgen ließen, gekauft. Jadvige hatte<br />

darauf bestanden – eigentlich nur, weil die Gefangene e<strong>in</strong>e Namensvetter<strong>in</strong> von ihr war, was sie<br />

ungeme<strong>in</strong> erheiternd fand. Nicht, dass sie die entlaufene Sklav<strong>in</strong> deswegen menschlicher behandelt<br />

hätte…<br />

Drei der Käfigbewohner, zwei Männer und e<strong>in</strong>e Frau kamen aus Zaberg, hatten aber partout nicht<br />

sagen wollen, was sie <strong>in</strong> der Nähe der Orkensauffe verloren hatten. Vermutlich Wilderer…Die<br />

fünfte Gefangene war e<strong>in</strong>e splitternackte junge Frau mit wallenden grünlichblonden Haaren. Sie<br />

war bildschön, schien aber schwer krank zu se<strong>in</strong> und regte sich kaum. Die Krieger<strong>in</strong> hatte ihren<br />

Leib gnädig mit dem eigenen Umhang bedeckt. Niemand im Käfig ahnte, dass sie ihren spärlichen<br />

Platz mit e<strong>in</strong>er leibhaftigen Nixe teilten: Die Schöne Lula <strong>in</strong> Menschengestalt…<br />

Die Seepiraten hatten sie, voller Zorn ob des verschwundenen Boots, erst gründlich „abhängen<br />

lassen“ und dann hierhergebracht. So lange, bis sie berichten würde, wer den Diebstahl begangen<br />

hatte. E<strong>in</strong>e be<strong>in</strong>ahe überflüssige Folter, Yas<strong>in</strong>the ahnte mittlerweile, wer der E<strong>in</strong>dr<strong>in</strong>gl<strong>in</strong>g gewesen<br />

war…Gelegentlich wurde die Fischfrau noch mit e<strong>in</strong>em Eimer Wasser übergossen – sonst wäre sie<br />

sicherlich bereits gestorben…Nun, draufgehen würde sie sowieso…Yas<strong>in</strong>the hegte Zweifel, ob die<br />

entkräftete Seejungfer noch e<strong>in</strong> besondere Opfergabe für den Atesh´Seruhn darstellen würde.<br />

„Was ist?“ Die Frau, die ebenfalls Jadvige hieß, blickte sie herausfordernd durch das Gitter an. „Ist<br />

euer Fest bereits beendet, ihr Frevler?“<br />

„Für uns schon. Für euch fängt es gerade erst an!“ kicherte Yas<strong>in</strong>the unter ihrer Maske. „Was darf<br />

ich euch zur Feier des Tages der Heimkehr kredenzen? Bier? Met? Schnaps? Die Nacht wird<br />

kalt…“<br />

„Selbst wenn du nicht mit dem Namenlosen im Bunde wärst, Scheusal“ sagte die Frau, müde, aber<br />

bestimmt. „Ich tr<strong>in</strong>ke nichts, was die S<strong>in</strong>ne verwirrt…“<br />

„Aber Ihr habt doch sicherlich Hunger?“ Yas<strong>in</strong>the klang lauernd.<br />

Die e<strong>in</strong>gefallenen Wangen der Frau schrien „Ja“, aber ihre Lippen waren zu stolz, auch nur laut zu<br />

85


verne<strong>in</strong>en. Die Zaberger h<strong>in</strong>ter ihr wurden sichtlich unruhig – auch bei ihnen war die letzte Zeit<br />

Schmalalrik Küchenmeister gewesen…<br />

„Glyrana, geh doch bitte <strong>in</strong> me<strong>in</strong>e Hütte und hol das Brot…du weißt schon welches. Und den<br />

Wasserschlauch…“<br />

Ihre Diener<strong>in</strong> verneigte sich, glücklich, e<strong>in</strong>en Befehl ihrer Gebieter<strong>in</strong> ausführen zu dürfen, und<br />

verschwand.<br />

Jadviges Blick war e<strong>in</strong>deutig. Wie kann man soweit s<strong>in</strong>ken, schien er sagen zu wollen. Die drei<br />

Wasserdrachen grienten sich verstohlen an. Sie wussten, dass hier die Henkersmahlzeit serviert<br />

werden sollte.<br />

„E<strong>in</strong>e Adelige“ sagte die Geweihte süffisant und schritt vor dem Käfig auf und ab. Nur kurz blickte<br />

sie hoch, als sie <strong>in</strong> der Ferne die Trolle brüllen hörte.<br />

„Glyrana von Mers<strong>in</strong>gen. Älteren Hauses. Sie hat jetzt zu e<strong>in</strong>em neuen Gott gefunden. Den e<strong>in</strong>zig<br />

Wahren. Den Ältesten aller Götter.“<br />

Auch Jadvige hörte die Kampfschreie der Trolle, was sie sichtlich irritierte. Sie versuchte sich auf<br />

das Gespräch zu konzentrieren.<br />

„E<strong>in</strong>e Adelige soll die <strong>Verräter</strong><strong>in</strong> se<strong>in</strong>? Dieses gehorsame Hündchen? Auch noch aus dem edlen<br />

Hause Mers<strong>in</strong>gen? Dass ich nicht lache. Ich b<strong>in</strong> Ritter<strong>in</strong> und Burgvögt<strong>in</strong>. Jadvige von<br />

Kressenbrück. Mich wirst du nicht soweit br<strong>in</strong>gen, dass ich dir aus der Hand fresse,<br />

Götzendiener<strong>in</strong>…Überhaupt, wo hast du den edlen Falken da gestohlen?“<br />

Yas<strong>in</strong>the stutzte für e<strong>in</strong>en Augenblick. Noch e<strong>in</strong>e hochnäsige Aristokrat<strong>in</strong>…so so… Dennoch war<br />

ihr die Unsicherheit <strong>in</strong> Jadviges Stimme nicht entgangen. Diese Frau hatte Furcht, auch wenn sie<br />

sich selber nicht e<strong>in</strong>gestehen wollte. Auf halbem Weg <strong>in</strong> die Freiheit war sie <strong>in</strong> die Hände e<strong>in</strong>er<br />

Diener<strong>in</strong> des Dreizehnten geraten. Vom Regen <strong>in</strong> die Traufe…sozusagen…oder <strong>in</strong> die<br />

Orkensauffe…<br />

„Oh, e<strong>in</strong>e Burgvögt<strong>in</strong>. Wahrlich e<strong>in</strong>e bee<strong>in</strong>druckende Festung, <strong>in</strong> der Ihr da sitzt, Euer<br />

Wohlgeboren. Mit wahrhaft unbezw<strong>in</strong>gbaren Mauern.“ Höhnisch rüttelte Yas<strong>in</strong>the mit der freien<br />

Hand am Gitterstab und sah zufrieden, wie die Kressenbrück zurückwich. „E<strong>in</strong>e Ritter<strong>in</strong> noch<br />

dazu…von der traurigen Gestalt, wie mir sche<strong>in</strong>t. Und welch prachtvolle Leibgarde Ihr um Euch<br />

geschart habt…Da braucht Euch ja vor nichts bange zu se<strong>in</strong>.“<br />

„Wir werden schon bald frei se<strong>in</strong>“ Jadvige versuchte Zuversicht <strong>in</strong> ihre Stimme zu legen. „Dann<br />

werdet ihr eurer gerechten Strafe nicht entgehen?“<br />

„Wegen dem Geschrei da am Strand? Das s<strong>in</strong>d me<strong>in</strong>e Trolle, die gerade eure Retter versenken.“<br />

Yas<strong>in</strong>the blickte sich ungeduldig um. Wo ihre zombiehafte Diener<strong>in</strong> nur blieb. „Wenn ihr darauf<br />

hofft, solltet ihr euch besser auf e<strong>in</strong>e längere Fastenzeit e<strong>in</strong>stellen.“<br />

„Esst nichts von ihr, es wird euch vergiften. Wenn nicht eure Körper, dann eure Seelen…“<br />

„So spricht jemand, der se<strong>in</strong> halbes Leben mit Überfluss und Prasserei verbracht hat…Nun, <strong>in</strong><br />

letzter Zeit nicht mehr, wenn man euch so anschaut…“<br />

Glyrana eilte herbei.<br />

„Werte Jungfer, wärt Ihr so gütig, als Mundschenk<strong>in</strong> der edlen Rittfrau von Käsebeck…“<br />

„Von Kressenbrück!“<br />

„Kressenbrück zu fungieren. Nachdem sie von mir ke<strong>in</strong>e Geschenke annehmen möchte. Du solltest<br />

außerdem vorkosten, Glyrana…Sie sche<strong>in</strong>t uns nicht zu vertrauen.“<br />

86


Die Mers<strong>in</strong>gen tat, wie ihr geheißen wurde, stopfte sich apathisch e<strong>in</strong> Stück Brot <strong>in</strong> den Mund,<br />

kaute darauf herum. Ihr Zustand veränderte sich nicht. Wie gefangene Tiere drängten die Zaberger<br />

näher, grapschten nach den Brotlaiben und dem Wasserschlauch. Immerh<strong>in</strong>, die Bauern teilten<br />

geschwisterlich, auch wenn ihre Tischmanieren zu wünschen übrig ließen. Nur die Adelige stand<br />

sche<strong>in</strong>bar unbeteiligt da, dass Gesicht voller Misstrauen.<br />

B<strong>in</strong>nen kürzester Zeit begann die Droge <strong>in</strong> dem Brot und dem Wasser zu wirken. Die Zaberger<br />

verwandelten sich endgültig <strong>in</strong> dumpf starrende, teilnahmslose Tiere.<br />

„Ihr seid also lieber Herr<strong>in</strong> Eurer S<strong>in</strong>ne? Wie überaus schade, denn ich hätte euch gerne e<strong>in</strong> paar<br />

unerträgliche Schmerzen erspart. Wusstet Ihr, dass me<strong>in</strong> Falke gerne E<strong>in</strong>geweide frisst? Und zwar<br />

möglichst frisch? Holt sie heraus…alle Fünf! Nehmt feste Stricke mit und Fackeln.“<br />

Yas<strong>in</strong>the ließ den Falken steigen. Dann g<strong>in</strong>g sie zum Lagerfeuer, entzündete zwei Fackeln, e<strong>in</strong>e für<br />

sich und e<strong>in</strong>e für ihre Gehilf<strong>in</strong>. Die Wachen trieben die Gefangenen aus der Burg, auf den schmalen<br />

Pfad Richtung Strand, der Greifvogel flog voraus <strong>in</strong> die F<strong>in</strong>sternis. Die Zaberger und Glyrana<br />

tappten willenlos durch die Nacht, die zarte Nixe ruhte <strong>in</strong> Burgols kräftigen Armen, Jadvige wand<br />

sich im Griff der beiden anderen Seepiraten. Nach wenigen Schritten zweigte e<strong>in</strong> weiterer Pfad ab,<br />

der <strong>in</strong> Richtung Felsen führte. Das Gelände wurde steiler, felsiger.<br />

Wunderbar, dachte die Frau h<strong>in</strong>ter der Maske. Ihr Plan verlief gerade zu ihrer vollsten<br />

Zufriedenheit. Unruhige Schatten wanderten im Sche<strong>in</strong> der Fackel durch ihr Blickfeld. Ästen<br />

griffen wie Klauen nach ihr, knorrige Stämme verzerrten sich zu Fratzen. Sie glaubte bereits, die<br />

Präsenz des Atesh´Seruhn zu spüren. Natürlich befand der Zweigehörnte sich nicht wirklich <strong>in</strong> dem<br />

Dolch. Merwan hatte es ihr ja erklärt. Der Dolch war nur e<strong>in</strong> Spalt, e<strong>in</strong>e w<strong>in</strong>zige Ritze – <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er<br />

Tür, die nur von <strong>in</strong>nen geöffnet werden konnte. Auf Dere und Feste. Dazu musste Blut fließen, sehr<br />

viel Blut. Unschuldiges Blut. Durch frevlerische Taten. Yas<strong>in</strong>the schauerte – gerade weil sie sich <strong>in</strong><br />

solchen D<strong>in</strong>gen nur zu gut auskannte. Als erstes würde sie Travia e<strong>in</strong>e Lektion erteilen. Das ach so<br />

gutmütige Mütterchen Travia. Indem sie Glyrana ihren eigenen Gemahl schlachten ließ. Eher noch<br />

zum Spaß. Yas<strong>in</strong>the verzog die Lippen. E<strong>in</strong>en Moment lang sah sie das Schafsgesicht ihrer eigenen<br />

Mutter vor sich. Mutter…seit ihrer Flucht aus dem Dorf hatte sie das tobrische Bauernweib nicht<br />

mehr gesehen. Nora Dengste<strong>in</strong>…Nora Engstirn wäre der bessere Name gewesen…das gleiche<br />

Schafsgemüt wie ihr tölpelhafter Vater, F<strong>in</strong>bar. Schmutzige, dreckige, frömmelnde Bauern, ohne<br />

jedes Verständnis für den…besonderen Ehrgeiz ihrer Tochter. Damals noch namenlosen Ehrgeiz.<br />

Heute der Ehrgeiz des Namenlosen.<br />

Oh ja, wie hatte sie alle gehasst, die Bewohner des ganzen erbärmlichen Kaffs. Ysilier. Die meisten<br />

waren ihren eigenen Schafen ähnlicher gewesen als Menschen. Hoffentlich haben euch die Oger<br />

alle aufgefressen, dachte sie. Und <strong>in</strong> Eurem Pera<strong>in</strong>etempel, der für euch der unverrückbare<br />

Mittelpunkt der Welt war, beten sie jetzt zu den Erzdämonen. Damals, ja, auf der wilden,<br />

chaotischen Flucht durch die Trollpforte, da war sie noch e<strong>in</strong> verstörtes, kle<strong>in</strong>es, verheultes<br />

Bauernmädchen gewesen. Hilflos und schwach. Bis sich Welferich ihrer angenommen hatte…E<strong>in</strong><br />

Geweihter auf Wanderschaft…E<strong>in</strong> Wissender. Er hatte sie wahre Stärke gelehrt. Und Macht. Das<br />

man auf dieser Welt entweder zu den Schafen zählte…oder aber zu den Wölfen.<br />

Sie zählte sich e<strong>in</strong>deutig zu den Wölfen. Spätestens seit ihrer eigenen Weihe. Für e<strong>in</strong>e Umkehr war<br />

es ohneh<strong>in</strong> zu spät. Damals wie heute. Yas<strong>in</strong>the schluckte für e<strong>in</strong>en Moment, irritiert ob des<br />

Gedankens…Kle<strong>in</strong>er F<strong>in</strong>ger, ganze Hand. Und die Seele noch dazu. Beklemmung bereitete sich <strong>in</strong><br />

ihr aus. Vater. Mutter…Ulf, der kle<strong>in</strong>e Bruder. Ne<strong>in</strong>, ne<strong>in</strong>, sie hatte diese Vergangenheit endgültig<br />

h<strong>in</strong>ter sich gelassen. Nach so vielen Jahren der Stärke. Und des Wissens. Ihre Familie war ohneh<strong>in</strong><br />

tot, was half es, die Vergangenheit zu betrauern?<br />

Der Plan, also der Plan…Als erstes würde sie Storko die Kehle durchschneiden lassen, durch die<br />

zarte, weiche Hand der eigenen Gatt<strong>in</strong>. Welch herrliches Verbrechen, sich dieses verwöhnte, adelige<br />

87


Gör wenigstens e<strong>in</strong>mal im Leben die F<strong>in</strong>ger schmutzig machen zu lassen. Ja, sie hatte es gar nicht<br />

mehr nötig, selbst Blut zu vergießen. Dann würde Glyrana die restlichen Opfertiere niedermetzeln<br />

wie die Schafe, zu feierlichem Gesang <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Verbotenen Sprache…und zum Schluss würde die<br />

Herr<strong>in</strong> des Rituals die willenlose Mörder<strong>in</strong> auf den Altar legen und ihr den eigenen Bauch<br />

aufschlitzen.<br />

Dieser Teil war etwas heikel. Das Balg musste aber nur so lange leben, bis sie die Nabelschnur<br />

durchschnitten hatte. Mit dem verfluchten Dolch. Dann würde Atesh´Seruhn durch den Bauchnabel<br />

<strong>in</strong> den kle<strong>in</strong>en Körper schlüpfen und ihn am Leben erhalten. Solange, bis die Schatzgarde endlich<br />

die Insel stürmen würde. Der grausame Tod des Junkers von Gernatsborn und se<strong>in</strong>er Gemahl<strong>in</strong>: E<strong>in</strong><br />

schwerer Schlag für das Haus Mers<strong>in</strong>gen. Und doch wird es noch e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es K<strong>in</strong>d geben, das durch<br />

die Gnade der Götter das fürchterliche Gemetzel überlebt hat. Ne<strong>in</strong>, durch die Gnade nur E<strong>in</strong>es<br />

Gottes. Sicherlich werden die Gardisten es geradewegs <strong>in</strong> die Rabenmark br<strong>in</strong>gen, und Großvater<br />

Gisborn sich rührend um das Kle<strong>in</strong>e kümmern…E<strong>in</strong> Erbe, e<strong>in</strong> echter Trost <strong>in</strong> all se<strong>in</strong>em Kummer<br />

und Schmerz, se<strong>in</strong>er unermesslichen Trauer. Das K<strong>in</strong>d des Namenlosen wird <strong>in</strong> der Obhut des<br />

Burgherrn heranwachsen und gedeihen, wie e<strong>in</strong>e fette Made <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em langsam verrottenden<br />

Kadaver. E<strong>in</strong>es Tages wird e<strong>in</strong>e purpurn schillernde Schmeißfliege schlüpfen – um die Seuche von<br />

Machtgier und Wahns<strong>in</strong>n <strong>in</strong> diese hochmütige Familie zu tragen. All die wunderbaren Mers<strong>in</strong>ger<br />

Meisterpläne werden dann <strong>in</strong> Wirklichkeit nur noch die Hampeleien von Marionetten se<strong>in</strong>.<br />

Gezappel an Se<strong>in</strong>en unsichtbaren Fäden…Er, der größte Puppenspieler von allen.<br />

Nun, und se<strong>in</strong>e getreue Diener<strong>in</strong>, das Werkzeug se<strong>in</strong>er unsterblichen Rache…Sie hatte ke<strong>in</strong>e<br />

Ahnung, ob e<strong>in</strong> Troll wirklich schwimmen konnte…aber sie kannte den See mittlerweile gut genug,<br />

um zu wissen, dass man auch auf e<strong>in</strong>er Trollleiche früher oder später ans Ufer gespült werden<br />

musste…Kaum jemand kannte ihr Gesicht, es würde e<strong>in</strong> Leichtes se<strong>in</strong>, aus dieser Baronie zu<br />

verschw<strong>in</strong>den. Yas<strong>in</strong>the lächelte, <strong>in</strong> freudiger Erwartung.<br />

Wenig später hatten sie die kle<strong>in</strong>e Lichtung im Schatten der Felsen erreicht. Der Ritualplatz, wie sie<br />

ihn genannt hatte…Dort drüben begann auch schon der Gang h<strong>in</strong>unter zur Grotte. E<strong>in</strong><br />

tischähnlicher Ste<strong>in</strong> lag, mit Moos bedeckt, <strong>in</strong> der Mitte des Platzes. Die Geweihte hätte nicht sagen<br />

können, ob es sich hierbei wirklich um e<strong>in</strong>e alte Kultstätte handelte, wie geraunt wurde. Nur, dass<br />

jetzt ke<strong>in</strong>e fremden Macht, ke<strong>in</strong> fremdes Karma an diesem Ort mehr wirkte. Dies war auch der<br />

Grund, warum sie das Ritual nicht im Unheiligtum der Tiefen Tochter stattf<strong>in</strong>den ließ, sondern<br />

darüber. Die Präsenz e<strong>in</strong>er Erzdämon<strong>in</strong> hätte sich störend auswirken können. Sie steckten die<br />

Fackeln zu e<strong>in</strong>em Kreis, der blutrotes, unruhiges Licht spendete.<br />

„B<strong>in</strong>det sie an die Bäume dort!“ befahl sie barsch. „Glyrana nicht. Hast du de<strong>in</strong>en Dolch dabei?“<br />

Die junge Mers<strong>in</strong>gen nickte teilnahmslos, zog die Waffe aus ihrem Gürtel.<br />

„Sehr gut! Dir wird die Ehre zuteil, diese zweibe<strong>in</strong>igen Tiere da zu schlachten…“<br />

E<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>er Kummer trat auf das ansonsten ausdruckslose Gesicht der Jungfer.„Aber…das darf man<br />

nicht. Es s<strong>in</strong>d doch Menschen…“ E<strong>in</strong>en Moment lang leistete etwas <strong>in</strong> Glyrana Widerstand: e<strong>in</strong><br />

Rest von Gewissen. Verwirrt sah sie auf den Dolch. Ihre Handwunde hatte wieder zu nässen<br />

begonnen, färbte den Griff rot.<br />

„Ich sagte ja, zweibe<strong>in</strong>ige Tiere…Tu, was getan werden muss. Zu Ehren dessen, der liegt und sich<br />

erheben wird.“ Mit e<strong>in</strong>em Wutschrei stieß Jadvige ihren Bewacher beiseite, schlug die völlig<br />

überrumpelte Hitta mit e<strong>in</strong>em kräftigen Fausthieb nieder. Dann stürzte sie sich auf Glyrana, entriss<br />

ihr den Dolch. Fast schien es, als würde die Jungfer <strong>in</strong> ihr freiwillig aushändigen.<br />

Yas<strong>in</strong>the war ehrlich erstaunt. Die Ritter<strong>in</strong> hätte fliehen können, aber offenbar hatte sie sich <strong>in</strong> den<br />

Kopf gesetzt, auch die übrigen Gefangenen zu befreien. Und vorher sie zu töten. Was für e<strong>in</strong>e<br />

erstaunliche Selbstüberschätzung! Geradezu Größenwahn…Mit erhobener Kl<strong>in</strong>ge stürzte sich die<br />

Rondrianer<strong>in</strong> auf die Priester<strong>in</strong> des Namenlosen.<br />

88


„Meuchel, greif!“<br />

Kiaaaaa….Im nächsten Augenblick stieß der Falke auf die Rittfrau h<strong>in</strong>ab, schlug se<strong>in</strong>e Krallen <strong>in</strong><br />

ihren Nacken. Schreiend brach Jadvige zusammen, stieß verzweifelt mit dem Dolch zu. E<strong>in</strong> paar<br />

Federn stäubten hoch, der Falke flatterte verwirrt zu Boden. Die drei Wachen stürzten sich auf die<br />

Adelige und ließen sie den Überraschungsangriff mit derben Schlägen und Tritten büßen. Wenig<br />

später war die Frau, mit blutig geschlagenen Lippen und Schrammen auf der Stirn, an den Baum<br />

gefesselt. Im gleichen Moment kamen Branco und Jadvige „die Erste“ herbei, aus der Tiefe der<br />

Felsen. Sie zerrten e<strong>in</strong> klatschnasses Bündel mit sich: Den Junker von Gernatsborn, der tatsächlich<br />

aussah, als wäre er gerade aus dem gleichnamigen Fluss gezogen worden. Sie selbst trugen<br />

glitschige, schwarzledrige Fischgewänder. „Storko, du hier?“ hauchte Glyrana, bewegte sich aber<br />

nicht. Stattdessen sah sie unsicher zu Yas<strong>in</strong>the, schien sich gerade an irgendetwas zu er<strong>in</strong>nern.<br />

„Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe“, zischte die Rätt<strong>in</strong>. „Was ist mit dem Junkerle<strong>in</strong>? Ihr solltet<br />

ihn gefangen nehmen, nicht ersäufen…“<br />

„Sei unbesorgt, er hat sich nur e<strong>in</strong> wenig den Kopf angestoßen“, kicherte Branko. Wie zur<br />

Bestätigung drang e<strong>in</strong> mattes Stöhnen aus Storkos Mund. Er hustete, spuckte Wasser. E<strong>in</strong>e rote<br />

Brühe lief ihm aus den Haaren.<br />

„Hauptsache, er lebt lange genug, um den E<strong>in</strong>en und E<strong>in</strong>zigen mit dem Geschenk se<strong>in</strong>er Seele zu<br />

erfreuen. B<strong>in</strong>det den Steuere<strong>in</strong>treiber ebenfalls gut fest!“ Die Kultisten zerrten den<br />

Halbohnmächtigen zu e<strong>in</strong>er Buche.<br />

„Nun werdet Ihr mir Tribut zahlen, Hauptmann Storko. Macht se<strong>in</strong>en Hals frei, ich möchte e<strong>in</strong>en<br />

sauberen Schnitt haben.“ Der klagende Ruf des Falken lenkte Yas<strong>in</strong>the ab. Besorgt nahm sie<br />

Meuchel auf den Arm. An ihren F<strong>in</strong>gern klebte Blut. Sie tastete nach der Wunde. Dem Namenlosen<br />

sei Dank, es war nur e<strong>in</strong>e leichte Stichverletzung, unter dem l<strong>in</strong>ken Flügel. Eher e<strong>in</strong> Kratzer. Sie zog<br />

e<strong>in</strong>e zerschnittene Feder heraus, warf sie zu Boden. Die Geweihte setzte das Tier auf e<strong>in</strong>en<br />

abgebrochenen Ast, beruhigte es mit kühlen Worten. Dann g<strong>in</strong>gen ihre Gedanken wieder zu dem<br />

bevorstehenden Ritual. Die Dengste<strong>in</strong> nahm den blutigen Dolch an sich. Zwei w<strong>in</strong>zige D<strong>in</strong>ge waren<br />

<strong>in</strong> diesem Moment ihrer Aufmerksamkeit entgangen. Zum e<strong>in</strong>en, dass der purpurne Glanz von der<br />

Waffe verschwunden war…Zum anderen, dass das unheilige Leuchten stattdessen <strong>in</strong> den großen,<br />

schwarzen Augen des Falken flackerte.<br />

„Packt euch, ich habe zu tun!“ blaffte Yas<strong>in</strong>the die „Wasserdrachen“ an. „Nun zu dir, Glyrana. Ich<br />

weiß, dass du de<strong>in</strong>en Gemahl immer noch liebst. Geradezu abgöttisch…Du darfst ihn also noch e<strong>in</strong><br />

letztes Mal küssen, bevor du ihm die Kehle durchschneidest. Für unseren geme<strong>in</strong>samen Abgott.“ Ob<br />

sie wollte oder nicht, Yas<strong>in</strong>the musste lachen, während sie den Dolch mit beiden Händen<br />

überreichte. E<strong>in</strong> keckerndes, irrs<strong>in</strong>niges Gelächter, das lange auf der Lichtung widerhallte.<br />

Der Kopf des Falken ruckte hoch, blickte <strong>in</strong> Richtung se<strong>in</strong>er verme<strong>in</strong>tlichen Herr<strong>in</strong>. Voller<br />

Zufriedenheit, denn die purpurn glimmenden Pupillen hatten gerade wieder Beute erspäht.<br />

„Aber…“ murmelte die Jungfer.<br />

„Tue es!“<br />

Die junge Mers<strong>in</strong>gen drückte ihrem Gemahl e<strong>in</strong>en zarten Kuss auf die feuchten Lippen. Diese<br />

erwiderten seufzend die Liebkosung. E<strong>in</strong> Runzeln trat auf Glyranas hohe Stirn, e<strong>in</strong> versonnenes,<br />

überaus verzücktes Lächeln auf den Mund des Gefangenen.<br />

Yas<strong>in</strong>thes eisige Stimme weckte sie aus ihrer Geistesabwesenheit. „Und jetzt schlachte ihn.<br />

Schlachte das verdammte Schwe<strong>in</strong>, das der Junker <strong>in</strong> Wahrheit ist!“<br />

Die geflammte Schneide glitt zu Storkos Halsschlagader.<br />

Plötzlich öffnete Storko die Augen. Jähes Wiedererkennen und grenzenlose Freude spiegelten sich<br />

89


<strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Gesicht.<br />

„Glyrana…Me<strong>in</strong>e geliebte Gemahl<strong>in</strong>! Glyrana! Du lebst!? Und bist gekommen, um mich zu<br />

befreien?“ Verwirrt sah er zu dem Dolch an se<strong>in</strong>em Hals. „Glyrana?“<br />

E<strong>in</strong> wütender Schrei. „Beim wahren Namen des All-E<strong>in</strong>en! Töte ihn!“<br />

Die Jungfer zögerte. Sie begann zu zittern, schrie auf, ließ die Kl<strong>in</strong>ge fallen. Stattdessen hielt sie<br />

sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den gewölbten Bauch – und brach stöhnend zusammen. „Nicht<br />

jetzt“, wimmerte sie. „Nicht jetzt.“<br />

Nicht weniger erstaunt blickte Yas<strong>in</strong>the auf ihre willenlose Diener<strong>in</strong>. Wolle ihr die<br />

verabscheuungswürdige Tsa e<strong>in</strong>en Streich spielen und das K<strong>in</strong>d gebären lassen bevor der Dämon<br />

e<strong>in</strong>fahren kann. „Ne<strong>in</strong>!“ schrie sie Glyrana an „tue es! Jetzt!“<br />

Die Mers<strong>in</strong>ger Jungfer verzog gequält das Gesicht. Verkrampft hielt sie ihren Bauch. E<strong>in</strong> Schwall<br />

Wasser ergoss sich ihrer Lenden und Be<strong>in</strong>e herab. „Das Tsawasser ...“ murmelte sie <strong>in</strong> Schmerzen.<br />

Es war nicht ihr erstes K<strong>in</strong>d, sie wusste es würde nicht mehr lange dauern.<br />

Flügel und Kopf des Falken räkelten sich unnatürlich und sträubend. Das Tier gab dissonante Laute<br />

von sich und begann se<strong>in</strong>e Schw<strong>in</strong>gen zum Flug auszubreiten.<br />

„Meuchel...?“ etwas erstaunt blickte die Namenlosen-Geweihte auf ihr teures Geschenk. Der Vogel<br />

setzte es daran davon zu fliegen. Ne<strong>in</strong>, er hob se<strong>in</strong>e Schw<strong>in</strong>gen <strong>in</strong> die Lüfte und versuchte auf se<strong>in</strong>e<br />

Herr<strong>in</strong> h<strong>in</strong> zu fliegen, mit den Greifenklauen <strong>in</strong> ihre Richtung ausgestreckt. Wieder gab er<br />

widernatürliche Laute von sich.<br />

Das war der Moment. Das Scheusal war abgelenkt. Tekla gab den Angriffsbefehl „Los!“<br />

Die beiden Wasserköpfe hatten sich so sehr um den Hauptmann der Schatzgarde gekümmert, dass<br />

sie nicht gemerkt hatten wie sich noch andere Kämpfer des s<strong>in</strong>kenden Ruderboots ans Ufer retten<br />

konnten. Zum<strong>in</strong>dest Tekla Nordwyn und drei anderen der Bauernwehr gelang es den Kultisten zu<br />

folgen und sich am Felsenausgang zu verschanzen. Sie hoffte <strong>in</strong>brünstig, dass auch die anderen<br />

Mistreiter nicht das nasse Grab gefunden uns sich ans Schilfufer gerettet hatten.<br />

Die Anführer<strong>in</strong> der Wehrbauernschaft war entsetzt. Sie hatten die Efferd<strong>in</strong>ger immer für sonderbar<br />

und wenig göttergefällig gehalten. Aber das was sie vor sich sah überstieg ihre schlimmsten<br />

Erwartungen. Und fast wäre man mit diesen Höllenbrüdern e<strong>in</strong>en 'Bund der Fünf' e<strong>in</strong>gegangen.<br />

E<strong>in</strong> Beil flog durch die Luft, mehr an e<strong>in</strong>e Holzfäller- als an e<strong>in</strong>e Wurfaxt er<strong>in</strong>nernd. Die Schneide<br />

des wuchtigen Geschosses traf Jadvige, die Kultist<strong>in</strong>, am l<strong>in</strong>ken Oberschenkel. Mit e<strong>in</strong>em Gurgeln<br />

brach sie <strong>in</strong> die Knie zusammen. Dunkle ölig-zähle Flüssigkeit drang aus ihrer Wunde, aus Mund<br />

und Nase heraus. E<strong>in</strong> Gestank von faulem Fisch breitete sich aus.<br />

Die nass gewordenen Storchenbrüder stürmten tapfer gegen die Inselpiraten und Kultisten los. Tekla<br />

kämpfte mit Kurzschwert, der zweite fettere Bauer mit e<strong>in</strong>er Axt, aber e<strong>in</strong> Knecht war gar nur noch<br />

mit langem Dolche gerüstet.<br />

„Meuchel!? Was machst du? Ne<strong>in</strong>! Ahh..“ krächzte Yas<strong>in</strong>the. Der Vogel, halb auf se<strong>in</strong>er Herr<strong>in</strong> halb<br />

<strong>in</strong> der Luft, kratzte mit den Krallen <strong>in</strong> se<strong>in</strong> Opfer h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>. Der Stoff ihres Mantels war schon ob der<br />

vielen kle<strong>in</strong>en Wunden von Blut durchzogen. Während sie mit e<strong>in</strong>em Arm ihren Kopf schützte<br />

versuchte sie verzweifelt nach etwas am Gürtel zu greifen.<br />

Storko lag noch immer verwundet, nass und mit bohrenden Kopfschmerzen am Boden. Langsam<br />

wurden se<strong>in</strong>e S<strong>in</strong>ne klarer. Kampf, um ihn herum wurde gekämpft. „Glyrana“ hauchte er „wo bist<br />

du?“. Dann vernahm er auch schon die Schreie der nächsten Wehe.<br />

Von weiten hörte man als würden große Ste<strong>in</strong>e <strong>in</strong> den See plätschern. Die Trolle waren wieder<br />

daran sich als Zyklopen zu verd<strong>in</strong>gen.<br />

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Tekla war gar ke<strong>in</strong>e schlechte Kämpfer<strong>in</strong>, für e<strong>in</strong>e Bäuer<strong>in</strong> zum<strong>in</strong>dest. Gerade hatte sie e<strong>in</strong>en der<br />

Strandpiraten mit e<strong>in</strong>em kräftigen Hieb des Schwertes zur Tiefen Tochter gesandt. „B<strong>in</strong>d mich los!“<br />

sagte die ausgemergelte und sichtlich verletzte Frau die neben ihr angebunden war. Trotz ihres<br />

armseligen Aussehens deutete die befehlende Forschheit <strong>in</strong> ihrer Stimme auf e<strong>in</strong>e andere Herkunft<br />

h<strong>in</strong>. „Ich b<strong>in</strong> Ritter<strong>in</strong> Jadvige von Kressenbrück, ...“ e<strong>in</strong> Husten unterbrach ihren Satz. E<strong>in</strong>e Ritter<strong>in</strong><br />

von sonst wo her, hatte Tekla noch nie gehört. Doch sie hatte ke<strong>in</strong>e Zeit und jeder Waffenarm war<br />

willkommen. Von der Böschung sah man schon e<strong>in</strong> paar alarmierte Räuber, <strong>in</strong> sichtlich<br />

schwankender Manier, hochstürmen. Die Großbäuer<strong>in</strong> durchschnitt die Fesseln der unbekannten<br />

Ritter<strong>in</strong> und reichte ihr wortlos die Waffe des bezwungenen Fe<strong>in</strong>des.<br />

Jadvige konnte endlich wieder Eisen zwischen ihren Händen fühlen. Nach so vielen Jahren wieder<br />

e<strong>in</strong> Schwert <strong>in</strong> der Hand. Zwar war es e<strong>in</strong>e kurze und breite Kl<strong>in</strong>ge, eher e<strong>in</strong>em Söldner gehörig und<br />

nicht mit e<strong>in</strong>em ritterlichem Langschwert zu vergleichen, doch kurze Momente hielt die Ritter<strong>in</strong><br />

andächtig mit e<strong>in</strong>em Stoßgebet an die Leu<strong>in</strong> <strong>in</strong>ne bevor sie sich auf die ankommenden Fe<strong>in</strong>de<br />

vorbereitete.<br />

Bedrängt von ihrem Greifvogel war die Diener des Gottes ohne Namen schon rückl<strong>in</strong>gs zu Boden<br />

gegangen. Die Krallen hatten nicht nur Arme und Brust, sondern auch durch ihre Gesichtsmaske<br />

geschnitten. Endlich war sie mit der rechten Hand an die Pfeife <strong>in</strong> ihrem Gürtelbeuten gekommen.<br />

So gut es g<strong>in</strong>g blies sie h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>. Ke<strong>in</strong> Ton kam heraus, zum<strong>in</strong>dest nicht hörbar für die Umstehenden.<br />

„Platsch, platsch, platsch“ im (für erfahrene Ruderer viel zu) schnellen Takt steuerte das<br />

Alveranskommando der kle<strong>in</strong>en Flottille der Schatzgarde auf den Strand zu. Etwa 70 Schritt, 60<br />

Schritt noch. Das beschädigte Boot fiel zurück. Nachdem Hagen Wehrheimer, der Weibel, die<br />

Schreie und Rufe von der felsigen Seite der Insel gehört hatte entschied er sich für den Angriff und<br />

ließ aus der Nebelbank rudern. Geradewegs auf den Fe<strong>in</strong>d zu: Sieg oder Niederlage, Alles oder<br />

Nichts. Was waren die Optionen, immerh<strong>in</strong> war er ke<strong>in</strong> Mann des Seekriegs. Er ließ e<strong>in</strong>e Variante<br />

e<strong>in</strong>es Lied anstimmen das er schon als Rekrut <strong>in</strong> der Schlacht gegen die Orks gesungen hatte, so<br />

blieben die Gardisten zum<strong>in</strong>dest im Takt und ihre Gedanken von Golgari fern. Das<br />

Überraschungsmoment war ohneh<strong>in</strong> verflogen, er konnte es nur mit Wagemut wettmachen.<br />

„So schlagt das Ruder und stimmt mit e<strong>in</strong>: Wir werden die siegenden Krieger se<strong>in</strong>! So schlagt das<br />

Ruder und stimmt mit e<strong>in</strong>: Wir werden die siegenden Krieger se<strong>in</strong>!„<br />

Der Weibel: „Duckt Euch vor der Trolle schwerer Waffen,“ Die Gardisten: „sie können nicht gut<br />

zielen.“ Der Weibel: „Seid fl<strong>in</strong>k, geschickt und schnell wie die Alfen,“ Die Gardisten: „so könnt ihr<br />

den Sieg fast erfühlen.“<br />

Der Weibel: „Und dann bestücken wir die Katapulte,“ Die Gardisten: „mit Pech-, Feuer-, und<br />

Säurekübeln.“ Der Weibel: „Die Schlacht, sie wird zum unserem Kulte,“ Die Gardisten: „wir<br />

werden den Trollen den Sieg verübeln.„<br />

Der Weibel: Doch seid gewiss: Es s<strong>in</strong>d nicht viele, Die Gardisten: garstige, dunkle Krieger. Der<br />

Weibel: Durch Taktik wird der Krieg uns zum Spiele: Die Gardisten: Wir machen sie erdgleich<br />

nieder.<br />

„So schlagt das Ruder und stimmt mit e<strong>in</strong>: Wir werden die siegenden Krieger se<strong>in</strong>! So schlagt das<br />

Ruder und stimmt mit e<strong>in</strong>: Wir werden die siegenden Krieger se<strong>in</strong>!„<br />

Da schlug auch schon der erste Brocken nur e<strong>in</strong>en Schritt neben ihnen e<strong>in</strong> „Platsch!!!“ Die Trolle<br />

am Strand waren wieder zu sehen. Zum<strong>in</strong>dest wussten sie was auf sie zu kam.<br />

„Feuer!“ befahl der Weibel den Schützen die sich am Bug des Bootes Bereit gemacht hatten und die<br />

Trolle anvisierten. E<strong>in</strong> halbes Dutzend Bolzen flog durch die Nacht den Riesenhaften entgegen.<br />

Manch e<strong>in</strong>er traf e<strong>in</strong>en Troll am Oberkörper, die aber wenig bee<strong>in</strong>druckt davon waren und<br />

unermüdlich weitere Ste<strong>in</strong>e nach ihnen warfen. „Schneller Rudern, oder wollt ihr, dass euch Golgari<br />

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noch e<strong>in</strong>holen soll!“ kommandierte er weiter.<br />

Noch etwa 40 Schritt, sie durchbrachen mit den Booten schon e<strong>in</strong>en Schilfgürtel, Äste und Stämme<br />

brachen am Wasser an die Bootwände die gefährlich zu knacken begannen. E<strong>in</strong> Troll der genau vor<br />

ihnen stand, jetzt nur noch 30 Schritt, hob e<strong>in</strong>en gewaltigen Ste<strong>in</strong> hoch und holte aus. Selbst e<strong>in</strong><br />

schlechter Ste<strong>in</strong>werfer sollte sie nun genau am Bug treffen können. „Feuer, Feuer!“ rief der Weibel,<br />

doch die Armbruster waren mit dem Laden noch nicht fertig. Hagen Wehrheimer schlug das<br />

Rondraschwert und machte die Augen zu als der Troll den Brock nach vorne schleuderte. Dann<br />

schicke er auch noch e<strong>in</strong> Stoßgebet an Phex. Die anderen Gardisten ruderten unermüdlich weiter,<br />

sie wollten wohl gar nicht e<strong>in</strong>en Blick auf das werfen das vor ihnen lag.<br />

Der Unteroffizier wartete das Unvermeidliche ab, doch es passierte nichts, ke<strong>in</strong> Ste<strong>in</strong> zermalmte das<br />

Boot. Nur die Schläge und das Keuchen der Ruderer waren zu hören. Er öffnete wieder die Augen<br />

uns sah, dass der Troll den Ste<strong>in</strong> e<strong>in</strong>fach beiseite geworfen hatte und sich mit dem zweiten <strong>in</strong><br />

Richtung felsigen Teil der Insel <strong>in</strong> schnellen Schritten aufmachte.<br />

Das war ihre Chance. Was oder wer auch immer die Riesenhaften vom Strand weg gerufen hatte,<br />

hatte ihnen die Landung ermöglicht. Man sah nun schon besser die Boote die an den Kiesstrand<br />

geschleppt waren, sogar den Wald und die Hütten, sowie e<strong>in</strong> Lagerfeuer. E<strong>in</strong> paar Schemen von<br />

Gestalten taumelten aufgeregt weiter h<strong>in</strong>ten umher, sie schienen sich <strong>in</strong> Richtung der felsigen Seite<br />

der Insel zu bewegen. Vielleicht hatten der Hauptmann und die Bauern doch die Insel von jener<br />

Seite durch die Grotte erfolgreich erstürmen können.<br />

„Schneller, schneller!“ trieb Wehrheimer die Ruderer an bevor er wieder mit besseren Aussichten<br />

das Kampflied anstimmte.<br />

„So schlagt das Ruder und stimmt mit e<strong>in</strong>: Wir werden die siegenden Krieger se<strong>in</strong>! So schlagt das<br />

Ruder und stimmt mit e<strong>in</strong>: Wir werden die sieg … RUMPS!!!„<br />

Das Boot pralle auf irgend etwas und blieb mit e<strong>in</strong>em kräftigen Rucken stehen, sodass es e<strong>in</strong>en<br />

Gardisten gar von Bord warf. Von e<strong>in</strong>em Leck am Bug drang Wasser h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>. Jedoch war das Wasser<br />

hier nicht mehr so tief. Sie waren nur noch 10 Schritt vom Strand entfernt, ob sie an Grund<br />

gelaufen, e<strong>in</strong>en Felsen oder Baum gerammt hatten konnte man nicht sagen.<br />

„Angriff! Durch das Wasser an den Strand!“ befahl der Weibel mit erhobener Waffe. Die vormals<br />

rudernden Gardisten griffen nah ihren Hellebarden. Wehrheimer sprang <strong>in</strong> das kalte Nass. Es war<br />

hier für ihn nahezu brusttief, am Grund fühlte es sich schlammig an, überall Wasserpflanzen und<br />

herumtreibendes Geäst. „Los! Zu den Booten an den Strand <strong>in</strong> Deckung!“ E<strong>in</strong> Blick „nach Achtern“<br />

offenbarte, dass auch das zweite Boot bald hier landen würde.<br />

Das Dutzend Gardisten watete so schnell wie möglich <strong>in</strong> Richtung der deckenden Boote. Ke<strong>in</strong><br />

Fe<strong>in</strong>d war am Strand zu erkennen, sie hatten wohl ihre Hoffnungen auf die Trolle gelegt. Das<br />

Wasser wurde langsam seichter. „Zischhh!“ E<strong>in</strong> Pfeil durchschnitt die Luft und bohrte sich <strong>in</strong> den<br />

Kürass e<strong>in</strong>es Rekruten der mit glucksenden Geräuschen <strong>in</strong>ter Wasser zusammen brach. „Los, los!“<br />

wieder dasselbe Kommando des Weibels. Dann auch wieder „Zischhh“, der Pfeil verschwand<br />

jedoch unter Wasser.<br />

Das Wasser war nun schon so seicht, dass man e<strong>in</strong>en plätschernden Laufschritt an den Tag legen<br />

konnte. E<strong>in</strong> Pfeil traf e<strong>in</strong>en Gardisten <strong>in</strong> den Oberschenkel, doch der Unteroffizier konnte, als<br />

erfahrener Landkrieger, die Quelle der Pfeile als wahrsche<strong>in</strong>lich e<strong>in</strong>en e<strong>in</strong>zelnen Schützen irgendwo<br />

bei den Bäumen am Strand ausmachen: e<strong>in</strong> Hecken- oder Baumschütze.<br />

Endlich Deckung. Die Soldaten drängten sich gebückt an die Bordwand der Boote die die See-<br />

Räuber hier h<strong>in</strong>auf gezogen hatten. E<strong>in</strong> Pfeil schlug an den Planken e<strong>in</strong>. Hagen überlegte kurz. Der<br />

Ste<strong>in</strong>haufen der Trolle weiter vorne war e<strong>in</strong>e perfekt gemachte Deckung für die Schützen. „Ihr drei<br />

gebt Feuerschütz während ihr zum Ste<strong>in</strong>haufen <strong>in</strong> Deckung läuft. Verstanden!?“ Die Lanze vor ihm<br />

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die mit geladenen Armbrüsten ausgestattet war nickte. „Dann los!“<br />

Die drei Schützen feuerten grob <strong>in</strong> die Richtung aus der die Pfeile kamen, während die anderen zu<br />

den Ste<strong>in</strong>en weiter den Strand h<strong>in</strong>auf liefen. Wieder schoss e<strong>in</strong> Pfeil ihnen zu, schlug aber nur am<br />

Kiesel auf. Besonders gut zielen schien der Heckenschütze nicht zu können, zumal war es von der<br />

Wasserseite auch dunkel.<br />

Durch dieses Manöver konnte der Weibel nun besser ausmachen woher die Pfeile kamen und blicke<br />

vorsichtig <strong>in</strong> das Halbdunkel der Bäume. Ha, da war ja was. E<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es Feuer, ne<strong>in</strong> e<strong>in</strong> Glimmern<br />

war kurz zu sehen. Der Amateur e<strong>in</strong>es Räubers hatte wohl e<strong>in</strong>e Pfeile im Mund. Wehrheimer gab<br />

e<strong>in</strong> Zeichen an se<strong>in</strong>e Schützen weiter vorne und deutete auf den Baum an dem der Wipfelschütze<br />

hocken musste. Wieder e<strong>in</strong> Glimmern im Dunkeln. „Feuer!“ Die neu geladenen Armbrüste<br />

entließen ihre Bolzenfracht und flogen auf den Baum zu. E<strong>in</strong> dumpfes Krächzen war zu vernehmen<br />

und dann e<strong>in</strong> Geräusch als ob e<strong>in</strong> schwerer Sack h<strong>in</strong>unter fällt.<br />

„Der Stand ist unser“ rief der Veteran. „Angriff auf die Hütten!!“ Vom Feuerplatz kamen auch<br />

schon e<strong>in</strong> halbes Dutzend wankende aber bewaffnete Gesellen <strong>in</strong> Richtung Strand gelaufen.<br />

Das zweite, beschädigte, Boot hatte mehr Glück, rammte ke<strong>in</strong>en Felsen – was es auch kaum heil<br />

überstanden hätte – und lief knarrend im seichten Wasser am Kiesstrand auf. Korporal Voltan<br />

befehligte se<strong>in</strong>e Lanze mit Angriffsgeschrei den Strand h<strong>in</strong>auf se<strong>in</strong>en Kameraden zu Hilfe.<br />

Von all dem Kampfe um ihr herum bemerkte Glyrana nicht viel. Mit breit ausgestreckten Be<strong>in</strong>en<br />

saß sie am kalten und nassen Boden und blickte auf ihren gewölbten Bauch als e<strong>in</strong> bunter<br />

Schmetterl<strong>in</strong>g um ihren Kopf vorbei schwirrte. E<strong>in</strong> Schmetterl<strong>in</strong>g <strong>in</strong> solch e<strong>in</strong> er kalten Nacht,<br />

dachte sie. Ja e<strong>in</strong> Tsafalter. Dann wurden ihre S<strong>in</strong>ne langsam wieder klarer. Wie aus e<strong>in</strong>em<br />

Albtraum war sie erwacht, nur schemenhaft konnte sie sich an die letzten Stunden er<strong>in</strong>nern. Storko?<br />

Da war doch Storko da vorne angebunden! Gerade wollte sie sich aufrappeln als die nächste Wehe<br />

sie <strong>in</strong>s Stöhnen brachte.<br />

Das müssen die Trolle gehört haben dachte Yas<strong>in</strong>the und bemerkte, dass sie an der Stirn stark<br />

blutete. Sie hatte auch gar nicht bemerkt, dass ihre Maske schon zerfetzt am Boden neben ihr lag.<br />

Die Riesenhaften werden der Sache e<strong>in</strong> Garaus machen und allesamt opfern, alle hier auf der Insel!<br />

Aber Meuchel?<br />

Wieder holte der Raubvogel zum Sturmangriff auf se<strong>in</strong>e Herr<strong>in</strong> aus. Kurz fühlte sie sich als damals,<br />

als sie e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es Mädchen war, sich nachts im Wald verirrt hatte und e<strong>in</strong> Kauz über sie flog: sie<br />

hatte solche Angst gehabt als ihr Vater sie fand. Nun konnte sie auch <strong>in</strong> die glänzenden Augen ihres<br />

Vogels blicken und erkannte den selben Sche<strong>in</strong> der im Opferdolche zuvor war. Sie erkannte, dass<br />

der Dämon <strong>in</strong> ihn gefahren war als die hagere Ritter<strong>in</strong> ihn verletzt hatte. Wenig Blut hatte auch<br />

gereicht um den Dämon e<strong>in</strong>fahren zu lassen. „NEIN!“ schrie sie laut auf „MEIN PLAN!“. Sie hob<br />

nicht e<strong>in</strong>mal schützend den Arm als wolle sie ob ihres Versagens, dass der überderische Diener ihres<br />

Herr<strong>in</strong> sie entreißen und zerstückeln solle. Doch soweit kam es nicht.<br />

„Bei der Leu<strong>in</strong>, stirb du Wehr-Falke“. Jadvige, die Ritter<strong>in</strong>, hob zu e<strong>in</strong>em Wuchtschlag aus um das<br />

Vieh aus ihrer Rage <strong>in</strong> die Niederhöllen zu werfen und e<strong>in</strong> kräftiger Schnitt durchschlug den Vogel<br />

und warf ihn neben se<strong>in</strong>e Herr<strong>in</strong> an den Boden. E<strong>in</strong>ige – selbst für e<strong>in</strong>en sterbenden Vogel<br />

unnatürliche - Zuckungen durchdrangen den dämonisch beseelten Körper. Die Ritter<strong>in</strong> von<br />

Kressenbrück schlug e<strong>in</strong> Praiosrad als ihr zunehmend fröstelte. Doch ihr Blick g<strong>in</strong>g zur Rechten als<br />

sie erkannte wie zwei stämmige Trolle zu diesem „Opferplatz“ h<strong>in</strong>auf marschierten: In ihre<br />

Richtung!<br />

„Tötet sie!“ befahl Yas<strong>in</strong>the ihren ankommenden „Dienern“. Zitternd ob des Verlusts lag sie mit<br />

dem Rücken am Boden doch hatte gerade wieder die Kapuze über ihren Kopf gezogen. Jadvige war<br />

bewusst, dass sie ke<strong>in</strong>e guten Chancen gegen diese Untiere hatte, doch mit e<strong>in</strong>em Rondra-gebet an<br />

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ihren Lippen stellte sie sich auch diesen mit zittrigen Knien gegenüber. Nur der Leu<strong>in</strong> hatte sie es zu<br />

verdanken gehabt, dass sie die letzten Jahre überlebt hatte. Wenn es nun ihr letzter Kampf sei, dann<br />

solle es so se<strong>in</strong>: mit der Kl<strong>in</strong>ge <strong>in</strong> der Hand sterben und an die Tafel Rondras e<strong>in</strong>ziehen.<br />

Die Trolle wendeten sich zuerst der schwachen Ritter<strong>in</strong> zu, wie geheißen. Doch dann durchbrach<br />

e<strong>in</strong> Schreien e<strong>in</strong>es Neugeborenen den umgebenden Kampfeslärm und lenkte ihre Aufmerksamkeit<br />

<strong>in</strong> Richtung Glyranas. Wie verändert stapften die beiden Riesenhaften wie ausgetauscht vorsichtig<br />

an das Neugeborene heran. Fast so als wollen sie das K<strong>in</strong>d schützen. Um die Mers<strong>in</strong>ger<strong>in</strong> und das<br />

K<strong>in</strong>d, e<strong>in</strong> Mädchen, flogen e<strong>in</strong> halbes Dutzend Schmetterl<strong>in</strong>ge. Das Fackellicht schillerte fast<br />

regenbogenartig <strong>in</strong> ihrer Umgebung.<br />

Die unterlegene Yas<strong>in</strong>the war allem Gefolge entledigt und <strong>in</strong> der Gunst ihres Gottes gefallen. Die<br />

Ritter<strong>in</strong> vor ihr wandte sich wieder um. „Und nun zu dir du Gezücht der F<strong>in</strong>sternis. Ergieb dich,<br />

dann wird Praios vielleicht Gnade walten lasen und de<strong>in</strong>e Seele im re<strong>in</strong>igenden Feuer re<strong>in</strong> waschen<br />

können.“<br />

„Soweit wird es nicht kommen!“ bäumte sie noch e<strong>in</strong>mal auf. Mit letzter karmaler Kraft erhob sie<br />

den Arm gegen ihre verme<strong>in</strong>tliche Bezw<strong>in</strong>ger<strong>in</strong>. „Oh Dreizehnter, der dessen Namen man nicht<br />

nennt! Sende die Kälte der Niederhöllen auf dieses schwache Weib auf dass sie de<strong>in</strong>e Macht zu<br />

spüren bekommt!“<br />

E<strong>in</strong> Kältehauch wie vom Rand der Niederhöllen ausgesandt traf die Ritter<strong>in</strong>. Ihr Schwert wurde<br />

unerträglich kalt, sodass sie es fallen lassen musste. Kurz zitterte sie am Ganzen Körper und g<strong>in</strong>g <strong>in</strong><br />

die Knie bevor sie ganz das Bewusstse<strong>in</strong> verlor und sich Namenlose Kälte <strong>in</strong> ihrem Ganzen Leib<br />

ausbreitete.<br />

Die dunkle Priester<strong>in</strong> rappelte sich schwach und keuchend auf. Von der Seite des Opferplatzes hier<br />

überblicke sie noch kurz im fahlen Fackelsche<strong>in</strong> das Werk ihres Fehlschlags: Die Mers<strong>in</strong>ger Jungfer<br />

und selbst die Trolle durch Tsas Güte aus ihrer Herrschaft befreit, die faulen „Wasserdrachen“<br />

unterlegen. Diesmal hatte sie versagt. Diesmal, aber der Älteste der Äonen hatte Zeit und ihre<br />

Rache würde kommen.<br />

Tekla Nordwyn sah noch wie e<strong>in</strong>e Gestalt h<strong>in</strong>ter den Felsen verschwand, gefolgt von e<strong>in</strong>em<br />

Plätschern <strong>in</strong> der Orkensauffe.<br />

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