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■ Haarzell-Leukämie

(HZL; Hairy cell leukemia, HCL)

Michael Herold

4. Medizinische Klinik, HELIOS Klinikum Erfurt

Zusammenfassung

Die Haarzell-Leukämie ist eine sehr seltene Entität der indolenten

B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphome. Klinisch ist die

Erkrankung charakterisiert durch eine ausgeprägte Splenomegalie

und Panzytopenie bei fehlender Lymphadenopathie.

Bei asymptomatischen Patienten ist eine „watch

und wait“ Strategie gerechtfertigt. Cladribine (sc oder iv)

ist das Therapeutikum der Wahl; mit einer einmaligen Behandlung

kann bei der Mehrzahl der Patienten eine stabile

hämatologische Remission erreicht werden.

Definition/Morphologie/Genetik

Die Haarzell-Leukämie zählt entsprechend der WHO-Klassifikation

[1] zu den peripheren (reifzelligen) B-Zell-Neoplasien,

speziell zu den kleinzelligen Formen. Die so genannten

Haarzellen sind größer als normale reife B-Lymphozyten,

sie besitzen einen ovalären, z. T. gebuchteten,

oft exzentrisch gelagerten chromatindichten Kern und ein

weitläufiges grau-blaues Zytoplasma mit typischen “haarigen”

Ausläufern. Diese Zytoplasmaprojektionen sind jedoch

oft nur elektronenmikroskopisch gut zu erkennen.

Nachweisbar sind die Haarzellen im Blut, allerdings oft nur

in geringer Zahl, im Knochenmark und in der roten Pulpa

der Milz; Infiltrationen in Lymphknoten und Leber sind

eher selten, gelegentlich werden auch Hautinfiltrate beschrieben.

Die Diagnosesicherung einer Haarzell-Leukämie

erfolgt in aller Regel aus dem Knochenmarkbiopsat,

die histologische Untersuchung ist auf Grund der begleitenden

Retikulinfibrose erforderlich, beim Versuch der

Knochenmarkaspiration bleibt es meist bei einer punctio

sicca. Das typische histologische Bild im Knochenmark ist

gekennzeichnet durch eine eher locker imponierende

Haarzell-Infiltration, man spricht vom sog. “Spiegeleiphänomen”

(abundanter Zytoplasmasaum um einen kompakten

exzentrischen Kern), und die Retikulinfibrose. Ein

vollgepacktes Mark, wie es bei der B-CLL häufig anzutref-

Tabelle 1

Charakteristika von Haarzell-Leukämie und varianter HZL

Haarzell-Leukämie (HZL) Variante HZL (HZLv)

Peripheres Blutbild Panzytopenie Leukämie

Zytomorphologie Ovale bis bohnenförmige, Runde bis ovale Kerne,

ezentrische Kerne, breites deutliche Nukleolen,

Zytoplasma schmales Zytoplasma

Knochenmark- Markfibrose keine Fibrose

histologie (punktio sicca)

Zytochemie tartratresistente saure TRSP variable

Phosphatase stark positiv

Oberflächenantigene CD19+, CD20+, CD19+, CD20+,

CD103+, CD25+ CD103+, CD25+

JOURNAL 01/2009

fen ist, findet man bei der HZL nur selten. Enzymzytoche

misch sind die Haarzellen durch eine starke Positivität der

tartratresistenten sauren Phosphatase gekennzeichnet.

Das Antigenprofil der Zellen zeigt die typischen Marker

der B-Zell-Reihe wie CD19, CD20, CD22 und CD79a. Sie

sind negativ für CD5, CD10 und CD23. Stark positiv exprimiert

werden CD25 (IL-2-Rezeptor), FMC7 und vor allem

und typischerweise CD11c und CD103. Der letztgenannte

Oberflächenmarker CD103 (HZL-Marker) in Kombination

mit den anderen genannten B-Zell-Antigenen und der

charakteristischen Morphologie hat die höchste Aussagekraft.

Allerdings sind die spezifischsten Marker (CD103,

CD11c) nur an vitalem Gewebe und an Gefrierschnitten

nachweisbar, nicht am Paraffinschnitt. Bei der varianten

Form der HZL [2] sind die Zellen größer und die Kerne zeigen

einen deutlichen Nukleolus; der Oberflächenmarker

CD25 fehlt und CD103 wird unterschiedlich stark exprimiert.

Immunglobulin-Leicht- und Schwerketten-Gene sind bei

der HZL umgelagert, die IgH-Gene enthalten somatische

Mutationen, so dass von Post-Keimzentrums-B-Zellen als

Ausgangszelle auszugehen ist. Spezifische zytogenetische

Anomalien sind nicht beschrieben; etwa 50-75 % der HZL-

Fälle zeigen eine Zyklin-D1-Überexpression, diese ist jedoch

offenbar nicht mit einer t(11;14) oder einem BCL1

Rearrangement assoziiert.

Epidemiologie und klinisches Erscheinungsbild

Die Haarzell-Leukämie zählt zu den sehr seltenen B-Zell-

Neoplasien, die jährliche Neuerkrankungsrate liegt bei etwa

0,6-1,5/Mio. Einwohner, d.h. man kann in Deutschland

mit ca. 100 Neuerkrankungen pro Jahr rechnen. Das

mediane Erkrankungsalter liegt zwischen 55-60 Jahren

und es dominiert das männliche Geschlecht (5:1). Der Erkrankungsverlauf

ist meist indolent und oft werden die

Patienten durch Infektionen auffällig. In der Ära vor dem

therapeutischen Einsatz der Nukleosidanaloga wurde die

mediane Lebenserwartung mit etwa 4 Jahren angegeben.

Mit Nukleosidanaloga beträgt die 5-Jahres Überlebensrate

90-95 %. Der Verlauf kann im Einzelfall sehr variieren,

ein Teil der Patienten (~10 %) benötigt über 10 und mehr

Jahre keine Therapie.

Das klinische Bild ist typischerweise gekennzeichnet durch

eine Splenomegalie mit oder ohne Hepatomegalie und

das Fehlen einer Lymphadenopathie. Bei der varianten

Form der HZL finden sich häufiger auch Lymphknotenvergrößerungen,

meist sind diese dann im Abdomen lokalisiert.

Es können jedoch auch bei der typischen HZL im Erkrankungsverlauf

Lymphome auftreten. Das periphere

Blutbild zeigt eine Panzytopenie, mindestens eine Leukozytopenie.

Oft zirkulieren dabei nur wenige Haarzellen im

Blut, was die Diagnosestellung erschwert. Die HZL-Variante

ist dagegen in der Regel leukämisch mit hohen Zellzahlen

(> 10-20 Gpt/l) und zeigt auch keine Markfibrose.

Weitere Symptome und Manifestationen der HZL sind mit

der Panzytopenie assoziiert: eine Anämie mit ihrer klassischen

klinischen Symptomatik, eine hämorrhagische Diathese

als Folge der Thrombozytopenie und das Auftreten

von Infektionen, einschließlich opportunistischer Infektionen,

einerseits wegen der bestehenden Granulozytope-

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