MEDIAkompakt_MK_24

mediapublishing07

DIE ZEITUNG DES STUDIENGANGS MEDIAPUBLISHING

DER HOCHSCHULE DER MEDIEN STUTTGART AUSGABE 02/2018 05. 07. 2018

media

kompakt

NEXT

WAS PASSIERT NACH DER HAFT? INSIGHTS, S.8

DAS SAGEN DIE STERNE FÜR DICH FUTURE, S.20

ACHTUNG, FERTIG, LIEBE! SOCIETY, S.39


2

EDITORIAL

mediakompakt

Liebe Leserinnen,

liebe Leser,

Der Nächste bitte! Was kommt als nächstes? Welche Herausforderung

steht bevor? Wie geht es weiter im Leben? Oder ganz kurz: „NEXT“. So ist

die aktuelle Ausgabe der MEDIAkompakt betitelt, die Nummer 24. Sie wird

von den Studierenden des Studiengangs Mediapublishing der Hochschule

der Medien verantwortet wird. Von der Konzeption über die inhaltliche

Ausgestaltung bis zum Layout, der Produktion und der wirtschaftlichen

Umsetzung. Ganz schön beachtlich, was auf 40 Seiten vorgelegt wird.

Beispiele gefällig? Ein Ehepaar, das seit 55 Jahren verheiratet (und verliebt

wie am ersten Tag) ist, verrät im Interview, was ihr Geheimnis des Glücks

ist. Wie sieht die nahe Zukunft der Mobilität aus? Mit Autos, Car-Sharing

oder ganz anderen Konzepten? Auch dazu gibt es Antworten. Und wie

könnte die digitale Bildung von morgen oder übermorgen aussehen? Dazu

findet sich in dieser Ausgabe von MEDIAkompakt eine Analyse. Das

Thema „Bauen in Zukunft“ wird beleuchtet, ebenso wie die Frage nach den

Zukunftsängsten, die viele Menschen umtreibt. Jede Menge Lesestoff, aber

überzeugen Sie sich davon am besten selbst.

Ganz wichtig an dieser Stelle ist ein dickes Dankeschön an die

Anzeigenpartner der MEDIAkompakt. Denn ohne ihre Unterstützung

würde es diese Zeitung nicht geben.

Viel Spaß beim Lesen!

Reimund Abel

INSIGHTS

3 Das Eis in deiner Hand

Fear Of Missing Out

4 That‘s amore!

Ein Leben lang mit einem Menschen

6 Wer wohnt da neben dir?

WG-Mitbewohner im Studium

7 Zeit ist Geld

Die Geschichte muss immer weitergehen

8 Nach der Haft

Ein Mörder erzählt aus seinem Leben

10 Weniger arbeiten, mehr erleben!

Diese Buchtipps helfen, um auszubrechen!

12 Völlig ausgebrannt

Frührente wegen Burnout?

13 Der Nächste, bitte!

Wie sich ein Therapeut während der Sitzung fühlt

FUTURE

14 Nächstes Zuhause: Weltraum

Terraforming als Plan B für die Erde?

16 Was macht mobil?

Mobilität für den modernen Menschen

18 In Zukunft autonom

Teilautonom ist erst der Anfang

20 Your next summer!

Tipps für den ultimativen Sommer in Stuttgart

22 Was kommt da auf uns zu?

Die Folgen des Insektensterbens

24 21st Century Skills in Schulen

Die Digitalisierung im Bildungssystem

25 Fressen oder gefressen werden

Zahllose Versuchungen im Supermarkt

26 Vom Ast zum Palast

Die nachhaltige Architektur der Zukunft

28 Next Level: Medizin

Operationen in virtueller Realität

29 Die Motivation am Weltuntergang

Dystopische Zukunft vor Realität?

Chefredaktion MEDIAkompakt

SOCIETY

IMPRESSUM

MEDIAkompakt

Zeitung des Studiengangs Mediapublishing

Hochschule der Medien Stuttgart

HERAUSGEBER

Prof. Christof Seeger; Reimund Abel

Studiengang Mediapublishing

Postanschrift: Nobelstraße 10

70569 Stuttgart

REDAKTION

Reimund Abel

E-Mail: abel@hdm-stuttgart.de

PROJEKTLEITUNG

Jessica D‘Arnese, Laura Holzinger, Laura Cüppers

ANZEIGENVERKAUF

Michelle Jehle, Saskia Heller, Theresa von Zepelin,

Lisa Schuler, Isabell Wieland, Claudia Seibert,

Lisa Hartel,Felix Melzer, Alisa Annese

PRODUKTION

Samuel Trautmann, Lisa Maier, Caroline Komynarski,

Marina Mack, Gabriela Müller, Anzhelika Golenkrin,

Lilia Koch

BILDREDAKTION

Vanessa Santos, Sandra Eberwein

MEDIANIGHT-TEAM

Lena Armbruster, Rosa Abu Dabash, Fabian Öhrle,

Lucca Reder, Luisa Flaig, Anja Gehring, Leonie Tiebel

DRUCK

Z-Druck Zentrale Zeitungsgesellschaft GmbH & Co. KG

Böblinger Straße 70

71065 Sindelfingen

ERSCHEINUNGSWEISE

Einmal im Semester zur Medianight

30 Generation Zukunftsangst!

Bist du bereit?

31 Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Beziehungen im Wandel der Zeit

32 Regional, gesund und voll im Trend

Gründe, nach regionalen Waren zu greifen

34 Zero Waste in Stuttgart

Maßnahmen gegen die Vermüllung der Meere

35 Von Apple-Jüngern und Sneaker-Sammlern

Über den Markenfetisch

36 Stilles Örtchen, oder doch nicht?

Die Entscheidung vor der Tür

37 Entscheide! Dich! Jetzt!

Tipps gegen die Unentschlossenheit

38 Digitalisierung trifft Kirche

Welche Zuflucht bietet die Religion?

39 Liebe los!

Nächstenliebe in der Praxis


2/2018

INSIGHTS

3

Das Eis in

deiner Hand

FOMO, Fear Of Missing Out: Ein Phänomen, das

immer mehr Menschen erfasst. Nur nichts verpassen,

ja keinen Trend verschlafen. Immer auf dem Sprung

sein. Aber brauchen wir das wirklich? Eine Analyse.

VON ALISA ANNESE

Das Handy klingelt. Flo fragt, ob du Lust

auf einen Grillabend hast. Noch

spontan zum Supermarkt und dann ab

zum Grundstück. Coole Leute, schönes

Wetter, gute Musik und angenehme

Stimmung. Dir geht es gut, du hast eine tolle Zeit.

Solange, bis das Smartphone brummt. Ein paar

Leute aus deiner alten Klasse haben auf Facebook

und Insta ein Bild gepostet: feiernde Meute auf

dem Felix Jaehn-Konzert. Du wirst unruhig, kein

Bock mehr auf Grillen. Wieso bist du nicht auch

auf einem coolen Event? Dieses ständige Gefühl,

etwas zu verpassen, und das moderne Phänomen

dahinter, hat mittlerweile einen Namen: FOMO,

Fear Of Missing Out. Doch was genau ist FOMO

eigentlich? Und wie sehr hat es sich auch in dein

Leben geschlichen?

„Wir wollen die

ganze Welt haben

und dabei nichts

verpassen.“

Wie kann es sein, dass durch Social Media

deine Laune von top auf flop geht, fragt man sich.

Dan Ariely, ein amerikanisch-israelischer Psy -

chologe, erklärt es so: Wir messen unser Glück

nicht nur daran, wie es für uns gerade ist.

Vielmehr hängen wir dem nach, wie es hätte sein

können. What if? Das heißt, wenn wir nicht

wüssten, dass Bekannte gerade auf einem coolen

Konzert sind, würden wir einfach den Grillabend

ge nießen. Oder auch mal einen Tag allein auf der

Couch mit Ben & Jerry‘s.

Aber durch die Bilder, die wir unreflektiert Tag

für Tag konsumieren, meinen wir zu wissen, dass

es etwas Besseres für uns gibt. In unserer

Vorstellung sehen wir unsere Welt auf einer

höheren Ebene, eine spaßigere, perfektere Welt.

Der Kontrast zwischen der Welt in unserer Vor -

stellung und der harten Realität macht uns sehr

unzufrieden und unglücklich, manchmal gerade -

zu depressiv. Und zwar selbst dann, wenn unser

Leben eigentlich wirklich toll ist.

Unsere Generation tanzt zu einer ganz eigenen

Melodie. Wir arrangieren unser Essen, um ein Bild

für Social Media zu machen. Und posten Bilder,

die uns makellos an Traumstränden oder auf Par -

tys zeigen. „Wir teilen alles“, heißt es. Doch in

Wirklichkeit ist Social Media kein Abbild der

Realität. In Wirklichkeit ist es die Illusion eines

scheinbar perfekten Lebens. Oder würdest du das

un vorteilhafte Bild von dir mit Doppelkinn pos -

ten? Oder deine Probleme und Schwächen öffent -

lich breit zu treten?

Auch vor Beziehungen macht das Phänomen

FOMO keinen Halt. Wir streben nach dem

Perfekten. Wir schauen uns Hollywood-Streifen

an. Und strahlende Paare auf Facebook und Insta.

Und fragen uns mit Blick auf unsere Beziehung:

Gibt es vielleicht etwas Besseres? Etwas, das uns

mehr erfüllen oder glücklicher machen würde

und unsere Bedürfnisse erfüllt?

Vielmehr geht es darum, die eigene kleine per -

fekte Welt zu entdecken. Glücklich darüber zu

sein, einen liebenswerten Menschen an seiner Sei -

te zu haben. Fähig zu sein, das wirklich zu sehen,

zu genießen und wertzuschätzen. Das macht zu -

frieden und „satt“.

Wie in diesem Beispiel. Ein Vater geht mit

seinen Kindern in die Stadt, will ihnen ein Eis

ausgeben. Erdbeere, Vanille und Schokolade!

Freudestrahlend nehmen die Kleinen das Eis ent -

gegen. Dann sehen sie die Süßigkeiten, die es

sonst noch im Laden gibt. Plötzlich sind sie unzu -

frieden. Jeder will noch was Süßes. Da verrät

ihnen der Vater sein Geheimnis vom glücklichen

Leben. „Ihr habt jetzt ein Eis in euren Händen. Ge -

nießt es, seid glücklich, dass ihr eins habt. Wieso

schaut ihr nach dem, was ihr nicht habt? Die

anderen Süßigkeiten habt ihr jetzt nicht. Wenn

ihr euch nicht auf das einlasst, was ihr in eu ren

Händen haltet, sondern nur nach dem anderen

schaut, wird euer Eis wegschmelzen und ihr wer -

det keinen Genuss mehr daran haben können.

Also habt Freude an eurem süßen, köstlichen Eis.

Schmeckt es und genießt es.“

Foto: Unsplash


4 INSIGHTS

mediakompakt

Fotos: Privat

That’s amore!

Ein Leben lang mit einem Menschen zusammen sein? Für viele unvorstellbar. Irene

und Gino Carboni aus Leonberg sind seit 55 Jahren verheiratet und verliebt wie am

ersten Tag. Was ist das Rezept einer glücklichen Ehe? Ein Gespräch.

VON JESSICA D’ARNESE

mediakompakt: Was ist das Rezept für da s Eheglück?

Gino Carboni: Auf jeden Fall ist Geduld eine wich -

tige Zutat.

Irene Carboni: Genau, Geduld gemischt mit Ver -

ständnis und Vertrauen. Und natürlich Liebe!

mediakompakt: Wer hat das Sagen in der Ehe und

wie äußert sich das?

Irene: Es war eigentlich immer ausgeglichen. Jetzt

im höheren Alter bestimme ich ein biss chen mehr

als er. Das zeigt sich dadurch, dass ich alle

Angelegenheiten und Termine organisiere.

Gino: Gleich geblieben ist, dass wir mit den

wichtigen Entscheidu ngen immer beide einver -

standen sein müssen.

mediakompakt: Was schätzen Sie besonders an dem

anderen und was nicht?

Irene: Gino ist ein großartiger Hausmann, er hilft

immer. Von seiner Mutter hat er als kleiner Junge

viel über Haushalt und Küche gelernt. Seine

Ungeduld ist etwas, das mich manchmal nervt.

Gino: An Irene gefällt mir alles, wir haben uns

einfach aneinander gewöhnt.

mediakompakt: Wie sieht das gemeinsame Leben

aus?

Irene: Wir führen auch heute noch ein sehr

erfülltes und aktives Leben. Wir nutzen den Tag

und gehen viel spazieren, machen Ausflüge,


2/2018 INSIGHTS

5

kochen zusammen, verbringen Zeit mit der Fami -

lie und hören täglich Musik.

mediakompakt: Können Sie jeweils von einer posi -

tiven Erinnerung aus Ihrer Ehe erzählen?

Irene: Ich erinnere mich besonders an die Gebur -

ten unserer beiden Töchter und an die Zeit, in der

sie aufwuchsen.

Gino: Das waren auch für mich sehr schöne Zeiten

voller Freude.

mediakompakt: War es Liebe auf den ersten Blick?

Gino: Als ich sie das erste Mal sah, war ich 23 Jahre

alt und mit einem Freund im Park in Freudenstadt

spazieren. Ich fragte sie direkt nach dem Weg, was

nur ein Vorwand war. Mit ihrem blonden Haar

und den strahlend blauen Augen hat sie mir sofort

gefallen.

Irene: Damals war ich 19 Jahre alt und dachte:

Wow, ein hübscher Kerl. Wir verabredeten uns

dann zum Tanzen, wo wir uns richtig kennen -

lernten.

„Er war mein

erster und mein

einziger Mann.“

mediakompakt: Gab es Hürden, die zu überwinden

waren, um zusammen sein zu können?

Gino: Ich kam 1959 als italienischer Gastarbeiter

nach Deutschland. Im norditalienischen Verona

waren wir einer deutschen Stadt zugeteilt worden.

Dass ich nach Freudenstadt kam, wo ich später

Irene traf, war purer Zufall. Ich arbeitete als

Bauarbeiter und schickte Geld nach Hause. Die

Verträge waren befristet, so war es nie sicher,

wann ich zurückgehen würde. Als es soweit war,

schrieben Irene und ich uns Briefe. Anschließend

arbeitete ich wieder in Deutschland, wo ich

irgendwann endgültig bleiben durfte. Für uns galt

es aber ganz andere Hürden zu überwinden.

Meine Mutter hatte eine andere Frau für mich

ausgewählt: eine italienische Bäuerin aus meiner

Heimat. Irene war deutsch und für meine Mutter

eine Fremde.

Irene: Meine deutsche Familie, vor allem meine

Mutter, hatte etwas gegen unsere Verbindung, da

Gino ein Italiener ist. Ich durfte ihn zwar

mitbringen, aber nur bei Dunkelheit, damit es

niemand mitbekam. Damals hatte man in

Deutschland Italienern gegenüber eine starke

Abneigung, geprägt durch den Krieg. Es gab auch

Probleme, weil Gino katholisch und ich

evangelisch bin. Heiraten unter diesen Um -

ständen war früher nicht so leicht. Viele wollten

uns umstimmen.

mediakompakt: Waren Sie jeweils der erste und

einzige Partner für den anderen?

Irene: Er war mein erster und mein einziger Mann.

Gino: Ich hatte vor der Irene keine feste Partnerin.

In Italien hatte ich als kleiner Junge eine

Freundin, das war nichts Ernstes.

mediakompakt: Wie lief der Heiratsantrag ab?

Irene: Als er mir sagte, dass er mich heiraten

möchte, saßen wir auf einer Bank im schönen

Schwarzwald mit Blick auf den Bärensee. Ich habe

sofort Ja gesagt. Zu dem Zeitpunkt kannten wir

uns knapp drei Jahre, ich fand es gut früh zu

heiraten.

mediakompakt: Was waren Ihre Erwartungen an die

gemeinsame Ehe?

Gino: Wir haben gar nicht nachgedacht, wir waren

einfach verliebt. Gewusst haben wir, dass wir auf

jeden Fall Kinder haben möchten.

Irene: Genau. Uns war klar, dass wir bis zur Geburt

des ersten Kindes beide arbeiten müssen, um alles

anzuschaffen. Angefangen bei der Wasch -

maschine.

„Kein Mensch ist

perfekt.“

mediakompakt: Wann wurde geheiratet?

Irene: Am 4. Oktober 1962 in einer Kirche in Ita -

lien, zudem noch standesamtlich. Gefeiert haben

wir bei Ginos Mutter mit leckerem Lamm und

einer mehrstöckigen Torte. Später spielte Ginos

Onkel Ziehharmonika.

mediakompakt: Immer mehr Paare lassen sich

scheiden, was denken Sie darüber?

Gino: Die frühe Trennung vieler Paare spiegelt

Egoismus wider.

Irene: Früher hat man weniger schnell aufgegeben.

Der Anspruch der Menschen ist gestiegen. Ein

hoher Lebensstandard kostet Geld, was dazu

führt, dass Mann und Frau viel arbeiten gehen

müssen. Der Zeitmangel und der Stress wirken

sich negativ auf die Ehe aus. Zudem finde ich,

junge Menschen sollten sich vor Augen führen,

dass kein Mensch perfekt ist. Dann würden sie

vielleicht mehr Kompromisse eingehen. Ob man

heiraten möchte oder nicht, muss jeder für sich

entscheiden. Ein Leben ohne Ehe wäre für uns

nichts gewesen, viel zu langweilig (lacht).

mediakompakt: Haben sich die Erwartungen an die

Ehe erfüllt?

Gino: Ja, sicher!

Irene: Ja, unbedingt. Wir sind sehr glücklich, dass

alles so gelaufen ist.

Irene und Gino

Carboni lieben

sich heute noch

genauso wie

früher.


6 INSIGHTS

mediakompakt

Wer wohnt da neben dir?

Viele haben in ihrem Studium ihre WG-Erfahrungen gesammelt. Sei es im

Wohnheim, einer Verbindung oder einer privaten WG. Ein Psychogramm

von Mitbewohnern, die jeder schon mal erlebt hat.

VON LUISA FLAIG

Der Schnorrer

Jeder kennt ihn, und wiklich

jeder verabscheut ihn. Er ist der

Schnorrer. Er bedient sich an

anderer Mitbewohner Eigentum

nur all zu gerne. Sei es das

Waschmittel, ein Regenschirm

oder die Lebensmittel. Er liegt

immer auf der Lauer, immer will

er von etwas profitieren. Er

wartet nur darauf, bis er wieder

et was ergattern kann. Er geht

allen, wirklich allen, tierisch auf die Nerven und

ist in jeder WG gefürchtet. Oder, noch schlimmer,

er wird gar gehasst. Aber du findest ihn leider

überall.

Das Muttersöhnchen

Er hat die Wäsche noch nie

selbst gemacht, da er jedes

Wochenende nach Hause zu

seiner Mama fährt. Es heißt, er

wisse nicht einmal, wo die

WG-Waschmaschine steht.

Wenn er nicht mit Mama tele -

foniert, im Fitness-Studio oder

an der Uni ist, nimmt er ab und

zu an gemeinschaftlichen Akti -

vi täten teil. Seine Koch kennt -

nisse beschränken sich maximal auf Maultaschen

aus der Packung. Soll er mal putzen, scheitert er

schon bei dem Versuch, den Staubsaugerbeutel zu

tauschen.

Der Ordnungsfreak

Ordnung ist das halbe Leben!

Das ist das Motto dieses

Mitbewohners, dessen Puls so -

fort in die Höhe schnellt, wenn

die Spülmaschine falsch ein -

geräumt wurde oder er ein Haar

im Abfluss der Dusche erkennt.

Er nimmt den Putzplan sehr

genau. Und wenn du das auch

tust und immer pünktlich in die

WG-Kasse einzahlt, so wirst du

mit ihm keine Probleme bekommen. Der Messie

und der Ordnungsfreak sind wegen ihres komplett

unterschiedlichen Sauber keits empfin dens natür -

liche Feinde.

Die WG-Mama

Sie zeichnet sich durch das

Führen der Kasse oder das

Organisieren des Putzplans aus.

Und sie hat immer ein offenes

Ohr für den Herzschmerz oder

die Sorgen des Alltags ihrer Mit -

bewohner. Ihre Tür steht jeder -

zeit für einen Smalltalk offen.

Dadurch kennt sie die Ter min -

kalender aller anderen aus- wen -

dig. Eindeutig zu weit geht sie

allerdings, wenn sie dich fragt, wann du letzte

Nacht heimgekommen ist oder wann du mit dem

Lernen für die nächste Klausur anfängst.

Der Snob

Er ist kein typischer Student,

denn er lebt auf großem Fuß. Er

muss stinkreiche Eltern haben.

Sein Zimmer ist vollgepropft mit

technischen Gadgets, die zu -

sammen den Gegenwert eines

super teuren Sportwagens erge -

ben. Außerdem findet sich teu -

rer Likör bei ihm, den er sich

gelegentlich als Digestif nach ei -

nem aufwendig gekochten Din -

ner gönnt. Seine Vorliebe für Sterne-Gastronomie

lässt ihn die Aldi-Einkäufe seiner Mitbewohner

verschmähen.

Der Säufer

Es ist Montagabend, und alle

Mitbewohner erholen sich vom

Wochenende, doch er, der

Säufer, sitzt schon wieder mit

dem halben Studiengang in der

Küche und vernichtet ein Bier

nach dem anderen. Was ist wohl

seine neueste Er rungenschaft für

noch schnelleres und noch

effizienteres Trinken? Der Bier -

trichter. Er nimmt es mit dem

Studium nicht so genau, denn dafür hat er keinen

Kopf, da er viel zu oft zu verkatert ist, um Vor -

lesungen zu besuchen.

Das Phantom

Manche Mitbewohner haben

ihn noch nie gesehen und

wissen nicht, wie er aussieht. Er

ist immer unterwegs ist, hat

keine Zeit am WG-Leben teil -

zuhaben. Er wohnt faktisch nur

deshalb mit dir unter einem

Dach, weil er nicht im Auto

schlafen möchte. Wenn er sein

Zimmer nicht gerade an einen

komischen Untermieter abgege -

ben hat und die WG mit seiner Anwesenheit

beglückt, hat er viel zu erzählen. Bei dem

Phantom bleibt zu hoffen, dass er bald aus- und

ein besserer Mitbewohner einzieht.

Der Messie

Wenn du das Zimmer dieses

Mitbewohners je zu Gesicht

bekommen wirst, dann nur

bei gedämmten Licht und

mit der Ausrede: „So sieht es

nicht immer aus!” Eine

glatte Lüge, denn der Messie

findet immer irgendwelche

Ausreden, weshalb er nicht

putzen muss. Auch die Klei -

der des Messies können

ohne jede Schwierigkeiten Wochen oder sogar

meh r ere Monate auf dem Wäscheständer ver -

weilen, ohne dass sie abgehängt wird. Er hat

einfach Wichtigeres zu tun.

Der Öko-Freak

Nicht nur sein veganes Ess -

verhalten unterscheidet ihn

komplett von den anderen.

Sobald ein Kleidersammel-Flyer

ins Haus flattert, ist er der erste,

der seine alte Klamotten vor die

Tür stellt, denn man muss ja an

seine Nächsten denken. Und wir

leben sowieso alle im Überfluss.

Dein Facebook-Feed wird von

ihm mit PETA- und anderen

Aktivisten-Videos zum Thema Tierschutz und

Umwelt zugemüllt. Grausam! Willst du mit ihm

eine Diskussion über Politik führen, sei bloß

gewarnt!


2 /2018 INSIGHTS

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Zeit ist Geld

Die Geschichte muss immer weitergehen. Es scheint,

als würden Medienunternehmen nur ihre Zeit absitzen

und mit gut laufenden Reihen in Literatur, TV und Gaming

ihr Geld machen. Oder sind wir selbst daran schuld?

VON THERESA VON ZEPELIN

Zeit ist Geld.“ So sagt es ein deutsches

Sprich wort, und was Sprichwörter sagen,

soll be kanntlich ja seine Richtigkeit

haben. Genauso sehen das wohl auch

Medienunternehmen. Ein Phänomen ist

die Weiterführung gut laufender Reihen, sei es in

der Literatur, TV oder im Gaming. Übrigens ist das

keine Erfindung der Neuzeit. Das sieht man an

den endlosen Reihen von Asterix-Comics, Agatha

Christies unzähligen Krimis über Miss Marple und

Hercule Poirot. Oder an Doctor Who und seinen

seit den 60er Jahren andauernden Abenteuern.

Aber auch heute schrecken die Medien nicht

zurück, eine Reihe so lange fortzuführen, wie sie

beim Kunden gut ankommt. Großer Vorteil: Alle

Titel können gemeinsam vermarktet werden, das

spart Marketingkosten. Es hat sich fast schon zu

einem Sport entwickelt, die Kuh so lange zu

melken wie möglich. Anders gesagt: Dem Kon -

sumenten wird auch noch das letzte Geld aus der

Tasche gezogen.

Verlage klopfen sich vermutlich auf die

Schultern, da sie es schaffen, zum Beispiel die Kin -

der und Jugendlichen weiter und weiter zum

Lesen zu animieren. Dann wird aus einem gut

laufenden Titel ganz schnell eine Massenproduktion

von Titeln. Ganz oben in der Liste

sind Reihen wie „Gregs Tagebuch“ und „Liliane

Susewind“. Fernseh-Produzenten sind stolz auf

ihre große Fan-Base und verdienen nebenbei eine

beachtliche Summe mit Merchandise-Artikeln.

Das beste Beispiel sind Serien wie „Supernatural“,

hier sind es aktuell 13 Staffeln. Oder eben die

Sci-Fi-Serie „Doctor Who“, bei der allein die

moderne Neuproduktion elf Staffeln umfasst. Und

bei Spiele-Entwicklern sieht es ähnlich aus. Hier

wird nicht nur der jeweilige Folgetitel immer teu -

rer, sondern es werden jede Menge Zusatzinhalte

(DLC) im Spiel angeboten. Ein aktuelles Beispiel

dafür ist Ubisoft. Mit seinem brandneuen Spiel

„Assas sins Creed: Origins“ verdoppelte das fran -

zösische Unternehmen seine Erstverkaufszahlen

im Vergleich zum Vorgänger. Nebenher nimmt

Ubi soft mit Zusatzinhalten mehr ein als mit dem

Verkauf des Spiels.

Damit ist aber noch lange nicht Schluss.

Heutzutage werden die Medien crossmedial

vermarktet. Das bedeutet, zum neuen Spiel

kommt ein Buch heraus, zum Buch wird eine App

auf den Markt gebracht, und so weiter. So entsteht

ein Selbstläufer, wie es Harry Potter, der

bekannteste Zauberer der Literatur, zeigt. Ein und

derselbe Inhalt wird einfach wieder und wieder

und wieder vermarktet. Sei es als illustrierte

Ausgabe oder als Jubiläumsausgabe mit dem

neuem Cover.

Der neueste Clou von Warner Brothers,

Inhaber der Vermarktungs- und Filmrechte, ist

eine App aus eigenem Hause. Sie lässt den Spieler

in die Zaubererwelt eintauchen. Die App selbst ist

wird kostenlos angeboten, durch halbdurch -

sichtige Mikrotransaktionen, wie zum Beispiel

den Kauf von Energie, wird dem Spieler das Geld

auf magische Weise entzogen.

Das Schlimmste: Die Zielgruppe sind nicht

Erwachsene, sondern Kinder und Jugendliche, die

bereit sind, ihr ganzes Taschengeld dafür

auszugeben. Wie war das noch mit der Zeit und

dem Geld? „Zeit ist Geld.“ Geld, das von den

Taschen der Käufer in die der Unternehmen fließt,

während sie sich nur Zeit nehmen müssen.

Eigentlich gar nicht so dumm, denn trotz allem

sind sie alle Wirtschafts unternehmen, die am

Ende des Tages Plus machen müssen. Wir Kunden

beschweren uns bei jedem neu erschienenen Teil,

dass es die bösen Medienkraken nur auf unsere

Kohle abgesehen haben, kaufen dann jedoch

fleißig weiter.

Die große Frage dabei: Hat das noch etwas mit

Qualität zu tun? Oder lassen wir uns gerne einfach

immer wieder in dieselben Welten entführen, egal

um welchen Preis? Persönlich darf ich mir da

selbst an die eigene Nase fassen, wenn ich die

endlos langen Buchreihen in meinem Regal so

anschaue.

Doch inzwischen merke ich, dass ich immer

häufiger meine Augen verdrehe, wenn hinten auf

dem Buchrücken mal wieder „Die grandiose

Fortsetzung der Bestseller-Reihe“ steht. Vielleicht

sollte jeder von uns sich dieses Dilemma bewusst

machen und vermehrt zu Einzeltiteln greifen,

statt immer mehr Fortsetzungen zu verlangen.

Denn Veränderung fängt im Kleinen an.

Fortsetzungen und lange Reihen werden trotzdem

auch weiterhin große Erfolge feiern, aber geben

wir auch den Einzeltiteln mal wieder eine Chance,

groß raus zu kommen.

Foto: Trendreport


8

INSIGHTS

mediakompakt

Nach

der Haft

Henry-Oliver Jakobs aus

Hamburg erzählt im Interview

von seiner Vergangenheit als

Mörder, aus seinem Leben in

Gefangenschaft und warum er

heute Jugendlichen hilft, nicht

auf die schiefe Bahn zu geraten.

VON LISA HARTEL

Foto: Michael Rauhe


2/2018 INSIGHTS

9

mediakompakt: Herr Jakobs, sie saßen fast zwei

Jahrzehnte in Haft. Warum?

Jakobs: Mit 25 Jahren wurde ich wegen Mord,

versuchtem Mord, Raub und Vertuschung einer

Straftat zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe

verurteilt. Mitte der Neunziger habe ich auf zwei

Menschen geschossen, eines der Opfer verstarb.

Ich saß elf Jahre im Hochsicherheitsbereich im

berüchtigten Hamburger Gefängnis „Santa Fu“.

Darauf folgte die Sozialtherapie, Untersuchungs -

haft und drei Jahre im offenen Vollzug. Seit 2014

bin ich auf Bewährung frei.

mediakompakt: Das andere Opfer hat schwer ver -

letzt überlebt. Sind sie sich nach der Tat jemals

begegnet?

Jakobs: Nein.

mediakompakt: In welchem Verhältnis standen sie

zu den Opfern?

Jakobs: Ich kannte meine beiden Opfer seit Jahren,

und dies geschäftlich wie auch ein wenig privat.

mediakompakt: Wie würden sie ihr 25-jähriges Ich

beschreiben?

Jakobs: Ich komme aus einer Familie, die auf St.

Pauli einige Geschäfte betrieb. Unsere Familie war

sehr leistungsorientiert, die Geschäfte standen

immer im Vordergrund. Wenn ich jetzt sage, ich

war ein Straßenkind, hört sich das seltsam an. Ich

hatte immer genug Essen und Kleidung. Was es

nicht gab, war familiäre Wärme.

Ich habe mit sieben Jahren angefangen, Dieb -

stähle zu begehen. Heute kann ich sagen, dass ich

das Strafgesetzbuch bis auf Sexual straftaten und

Menschenhandel durchlaufen habe. Bis zu meiner

Verurteilung habe ich leider nie negative Konse -

quenzen für mein Handeln er fahren.

mediakompakt: Geben sie ihrem Umfeld deshalb

eine Mitschuld, weil sie nie erwischt oder gestoppt

wurden?

Jakobs: Nein. Auf gar keinen Fall. Die Schuld bei

anderen zu suchen, halte ich für sehr fragwürdig.

Ich wusste, es hat mich gereizt. Durch die Gewalt

habe ich mein Selbstbewusstsein aufgebaut. Das

war meine persönliche Entscheidung.

mediakompakt: Wann sind sie zum ersten Mal mit

Schusswaffen in Berührung gekommen?

Jakobs: Mit 18, glaube ich.

Jakobs: Sehr monoton. Man steht morgens auf, es

gibt kein Wecken. Das ist ein Irrglaube, denn es ist

nur eine Lebendkontrolle. Etwa fünfmal so viele

Menschen wie draußen nehmen sich im Knast das

Leben. Dann gibt es Frühstück. Das Essen allge -

mein ist eine Katastrophe. Ein Insasse ist zudem

verpflichtet, während der Haft zu arbeiten.

mediakompakt: War es ihnen wichtig, sich weiter -

zubilden?

Jakobs: Ich habe eine Ausbildung als Maler und

Lackierer gemacht und gehörte zu den elf besten

in Hamburg. Nicht nur im Vergleich mit anderen

Gefangenen, sondern in ganz Hamburg. Danach

habe ich viele Jahre im Gefängnis gearbeitet. So

habe ich versucht, den Kopf etwas anzustrengen.

Anfangs war ich aber sehr aggressiv. Damals habe

ich die Schuld für meine Haft bei anderen gesucht.

mediakompakt: Wie darf ich mir ihre Zelle vor -

stellen?

Jakobs: Der Knast war nie mein Zuhause. Ich wur -

de gegen meinen Willen festgehalten. Aber natür -

lich habe ich versucht, mich wohnlicher einzu -

richten. Ich hatte Gardinen vor dem Fenster,

damit man die Gitter nicht sieht, eigene Bett -

wäsche und einen Fernseher. Alles, was ich mir

durch meinen geringen Verdienst eben leisten

konnte.

mediakompakt: Und persönliche Dinge wie Fotos?

Hingen welche an den Wänden?

Jakobs: In den ersten Jahren ja. Damals war ich

noch verheiratet. Ich habe zwar über all die Jahre

immer Besuch bekommen, aber irgendwann

nahm ich die Fotos ab.

mediakompakt: Gibt es Freundschaften im Ge -

fängnis?

Jakobs: Zum Ende der Haft ja. Aber generell eher

nicht.

mediakompakt: Was war das schlimmste Erlebnis

hinter Gittern?

Jakobs: Während der Haft sind einige Angehörige

verstorben, mein Großvater und mein Vater zum

Beispiel. Vom Tod meines Großvaters habe ich

abends aus dem Fernseher erfahren. Das hat mich

sehr schockiert. Und als mein Vater starb, war es

ähnlich. Die Wärter haben nichts von seinem Tod

erzählt. Sie wussten nicht, wie ich reagiere.

und durch meine langjährige ehrenamtliche Tä -

tigkeit einen neuen Bekanntenkreis aufgebaut.

Dazu gehören heute Polizisten oder auch Sozial -

pädagogen.

mediakompakt: Haben sie noch engeren Kontakt zu

Ihrer Familie?

Jakobs: Sporadisch. Ich führe mein eigenes Leben.

mediakompakt: Ist es schwer, im Gefängnis Gefühle

zuzulassen?

Jakobs: Ein komplexes Thema. Bei mir gab es

dieses Gefühl der emotionalen Abgestorbenheit

nicht erst in der Haft, sondern auch zuvor. Damit

kämpfe ich bis heute.

mediakompakt: Heute helfen sie Jugendlichen,

nicht auf die schiefe Bahn zu geraten. Was moti -

viert sie dazu?

Jakobs: Meine Arbeit ist für mich inzwischen zur

Berufung geworden. Ich mag den Ausdruck Wie -

der gutmachung nicht. Aber ich möchte mich der

Aufklärung widmen. Jugendliche sehen oft das

schnelle Geld, aber langfristig gesehen ist Krimi -

nalität ein Minus geschäft. Es kann nicht funk -

tionieren, endet im günstigsten Fall mit dem

Knast, bei vielen mit dem Tod. Das bewegt die

Jugendlichen. Ich versuche zu erklären, wen man

bei einer Straftat alles zum Opfer macht. Auch die

eigene Familie. Und dass Kriminalität sehr einsam

macht.

mediakompakt: Sind es bereits straffällig gewordene

Jugendliche? Oder arbeiten sie präventiv?

Jakobs: Beides. Im Projekt „Sozialförderndes

Boxen“ arbeiten wir mit tendenziell gefährdeten

Jugendlichen. Im Präventionsunterricht sprechen

wir aber alle Jugendlichen an, weil es wichtig ist,

im jungen Alter aufzuklären.

mediakompakt: Was ist das wichtigste das sie den

Jugendlichen mit auf den Weg geben?

Jakobs: Kriminalität lohnt sich nie. Es zerstört

alles.

mediakompakt: Was wünschen sie sich für ihre Zu -

kunft?

Jakobs: Dass das, was ich jetzt mache, so weiter -

gehen kann. Das ist nicht so einfach, weil der Staat

sich raushält. Wir sind ein gemein nütziger Verein,

der nur über Spenden getragen wird.

mediakompakt: War ihnen beim Schusswechsel

klar, dass sie ihr Opfer töten werden?

Jakobs: Ja. Gewalt ist eine Spirale. Ich habe mit 13

oder 14 Jahren angefangen, körperliche Gewalt

ohne Waffen auszuüben, mit 15 dann mit Mes -

sern und das hat einfach immer zuge nom men.

Machen sie Sport?

mediakompakt: Es könnte mehr sein, aber ja.

Jakobs: Ich vergleiche Gewalt immer mit Sport.

Man fängt klein an und steigert sich immer mehr.

Und irgendwann verliert man das Em pa thie -

vermögen und das Schmerzgefühl.

mediakompakt: Wenn Sie zurückblicken, wie sah

ihr Alltag im Gefängnis aus?

mediakompakt: Hatten sie Angst vor der Freiheit?

Jakobs: Nein. Ich lebe sehr strukturiert und ver -

gleiche das immer mit Hardware und Software.

Erstmal wollte ich mich um die Hardware, also

eine Wohnung und Arbeit kümmern. Später

kamen emotionalere Dinge hinzu. Wie etwa eine

neue Partnerin zu finden.

mediakompakt: Beschreiben sie mir den Tag der

Entlassung? Ist das eine romantische Vorstellung,

dass draußen Menschen auf einen warten?

Jakobs: Meistens ist man da sehr einsam. Auch

deshalb liegt die Rückfallquote bei Erwachsenen

sehr hoch. Das liegt an vielen Faktoren, man

findet schwer einen Arbeitsplatz, eine Wohnung

oder neue Freunde. Ich habe Hamburg verlassen

mediakompakt: Beschreiben sie sich in wenigen

Worten.

Jakobs: Verantwortungsvoll. Ehrlich. Die Welt, in

der ich mich bewege, möchte ich etwas besser

machen. Aber das Wort Gutmensch passt nicht zu

mir.

mediakompakt: Was ist das Beste, was ihnen je pas -

siert ist?

Jakobs: Meine Freundin. Und dass ich diese Arbeit

habe. Die Jugendlichen sind für mich wie meine

Spiegelbilder von damals. Sie profitieren von mir.

Und ich lerne von ihnen.

mediakompakt: Vielen Dank für Ihre Zeit und das

offene Gespräch.


10

INSIGHTS

mediakompakt

Weniger arbeiten, mehr erleben!

Was kommt als NEXT: Studium abschließen! Job finden? Oft ist das der

Einstieg ins Hamsterrad – gefangen in einem Nine-to-five-Arbeitsalltag.

Du willst die Tage bis zur Rente nicht zählen müssen und dein Leben

erleben? Dann helfen diese Buchtipps, um auszubrechen!

VON LENA-MARIE ARMBRUSTER UND ROSA ABU DABASH

DEFINIEREN, ELIMINIEREN,

TANGO TANZEN!

Eines der bekanntesten Bücher, wenn es um das Thema „Ausbrechen aus dem Alltag“ geht, ist der

Spiegel-Bestseller „Die 4-Stunden-Woche“von Timothy Ferris. Neben seinen vielseitigen Hobbys,

wie zum Beispiel Tango tanzen, Schauspielen in China oder Hongkong, Motorradrennen fahren,

Fremdsprachen erlernen oder einfach nur die Welt bereisen, schafft es der Neue Reiche (wie er die

Zielgruppe und sich selbst bezeichnet) sein eigenes Unternehmen mit nur vierArbeitsstunden in

der Woche erfolgreich zu managen. Wie das gehen soll? Angefangen mit seiner eigenen

persönlichen Geschichte, führt Ferris den Leser Schritt für Schritt durch seine Anleitung zum

einem besseren Leben. Mit Hilfe von vier Schritten, die er Definition, Eliminieren, Automation

und Liberation nennt, soll jeder Mensch in der Lage sein, sein Einkommen um hundert Prozent zu

steigern, seine Arbeitszeit zu halbieren oder zumindest seine Urlaubszeit zu verdoppeln. Der Leser

erfährt dabei nicht nur Ferris per sönlichen Weg dahin, sondern gewinnt

Einblicke über andere Menschen, die tatsächlich einen Ausweg aus ihrem

persönlichen Hamsterrad gefunden haben. Mit viel Humor und gnadenloser

Ehrlichkeit hält uns der Autor den eigenen Spiegel vor die Nase und

konfrontiert uns mit unseren schlimmsten Schweinehunden. Auch wenn es

nicht für jeden möglich ist, die Schritte eins zu eins umzusetzen, bieten die

vielen Tipps und Tricks eine gute Grundlage, um gewisse Situationen in

seinem Leben zu überdenken und vielleicht sogar neu anzupacken.

Timothy Ferris. Die 4-Stunden-Woche. Ullstein Verlag. 352 Seiten. 11,00 EUR

Mit Genehmigung der Ullstein Buchverlage

Foto: Unsplash


2/2018 INSIGHTS

11

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STEP BY STEP: RATGEBER ZUM ORTSUNABHÄNGIGEN PROFI!

Ortsunabhängiges Arbeiten fordert volle Verantwortung für dein Leben. Aber was gehört alles

dazu? Neben praktischen wie auch bürokratischen Hürden, Versicherungen und Steuern, erklärt

Sebastian Kühn in seinem Schritt-für-Schritt-Ratgeber, auf was besonders

geachtet werden muss. Dabei hilft er Unsicherheiten über Bord zu werfen

und gibt Tipps zum richtigen Nischenprodukt. Kapitel für Kapitel

beantwortet nicht nur er selbst, sondern auch andere digitale Nomaden,

Fragen, wie die eigene Berufung gefunden wird und wie man die eigenen

Leidenschaft zu einem Job macht. Anhand seiner eigenen Geschichte

eines digitalen Nomaden, möchte er seinen Lesern verdeutlichen, dass

jeder den Weg zum ortsunabhängigen Arbeiten einschlagen und

verwirklichen kann.

Sebastian Kühn. Das Handbuch für digitale Nomaden: Selbstbestimmt leben –

ortsunabhängig arbeiten. Redline Verlag. 320 Seiten. 19,99 EUR

SETZE DEM MONTAGSBLUES EIN ENDE!

Wer nach Motivation und Inspiration sucht, um Beruf und Privatleben in Einklang zu bringen,

liegt mit „I love Mondays” genau richtig. Wie der Titel schon andeutet, kann ein Montag genauso

beliebt sein wie ein Freitag, solange du einem Beruf nachgehst, der dich erfüllt und zusätzliche

Freizeit erlaubt. Die Kombination aus Ratgeber zu Business-Fragen und der Auseinandersetzung

mit den inneren Konflikten, helfen dem Leser zu neuen Denkanstößen und Ideen. Besonders

schön zu lesen ist das Kapitel von Mischa Miltenberger über die eigenen

Ängste, und wie du diese in Griff bekommst. Abgesehen von seiner

eigenen Geschichte, widmet der Unternehmer, Blogger und Autor Tim

Chimoy 16 weiteren Querdenkern ein ganzes Kapitel in seinem Buch.

Dabei werden bewusst 16 unterschiedliche Lebenswege beschrieben, um

so auf die unterschiedlichen Ziele und Vorstellungen des Lesers

einzugehen. Wie es auch der Autor schon verspricht: Nach diesem Buch

wirst du den Montag lieben!

Tim Chimoy/Mischa Miltenberger. I love Mondays. Arbeit, Die Du Liebst

Und Freiheit, Die Du Lebst. CreateSpace Independent Publishing Platform.

156 Seiten. 8,99 EUR

QUERDENKEN ERLAUBT!

Dieses Buch richtet sich an alle, die Ihre Lebenszeit nicht gegen einen 5-zu-2-Deal (5 Tage arbeiten

– 2 Tage frei) eintauschen wollen. Das Hamsterrad bleibt immer das gleiche: Wir gehen arbeiten,

um Geld zu verdienen, kaufen Sachen, welche wir nicht brauchen, beschweren uns über Job und

die gekauften Dinge, gehen wieder arbeiten. Und wofür? Gehalt? Rente? Arbeits losen -

sicherung?Für Tim Chimoy ist die soziale Absicherung allerdings kein Argument mehr, denn es sei

viel wichtiger, Freiheit zu genießen und Erlebnisse sollten eine höhere Priorität als Besitz haben.

Chimoy begleitet den Leser durch das Buch und konfrontiertihn mit

Fragen. Dadurch soll der Leser zum Nachdenken animiert werden und für

sich selbst erörtern, wo er sich selbst in der Zukunft sieht. Dabei steht im

klaren Fokus: Ein Job ist nicht nur dafür da, um Geld zu verdienen. Es geht

vielmehr darum, Leidenschaft und Spaß miteinander zu verknüpfen, denn

es sei ein Irrtum, dass allein harte Arbeit die richtige ist.

Tim Chimoy. Handbuch für ortsunabhängiges Arbeiten – Kündige deinen Job

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12

INSIGHTS

mediakompakt

Foto: Pixabay

Völlig ausgebrannt

Ständiger Termindruck, immer mehr Überstunden, zu wenig Sicherheit. Die Zahl der

Menschen in Deutschland, die wegen psychischer Probleme in Frührente gehen,

hat sich in den vergangen 20 Jahren verdreifacht. Einer der Gründe dafür: Burnout.

VON ANJA GEHRING

Burnout ist ein bisschen so wie

Radioaktivität – man sieht es nicht,

man riecht es nicht, man schmeckt es

nicht. Und wenn man es fühlt, ist es

meistens zu spät“, sagt Holger Kracke

(48). Kracke beschäftigt sich seit acht Jahren mit

der Krankheit, ist seit kurzem Bundesvorsitzender

des Vereins für Burnout-Prävention und Pro -

phylaxe. Der Verein ist der Überzeugung, dass

viele Fälle mit der richtigen Vorbeugung

verhindert werden könnten. „Als ich mich mehr

mit dem Thema Burnout beschäftigt habe, fiel mir

auf, wie wenig wir darüber wissen. Wie selten wir

zuordnen können, warum es uns so geht, wie es

uns geht.“

Dieses Nicht-Zuordnen-Können hat bei Jürgen

Schiller* am 1. Februar vor vier Jahren zum

Zusammenbruch geführt. Heute weiß er, dass er

zu vor fast sechs Monate lang an Burn out-

Symptomen wie Angstzuständen und Schwindel -

anfällen gelitten hat, bevor er nach einer Panik -

attacke ins Krankenhaus kam.

„Ich habe die Symptome falsch gedeutet,

dachte, das geht wieder vorbei. An psychische

Probleme habe ich nicht gedacht.“ Der heute

52-Jährige kommt mit Verdacht auf Herzinfarkt

ins Krankenhaus. Dort heißt es, er sei völlig ge -

sund. Doch sein Hausarzt stellt einen Tag nach

dem Zusammenbruch die Diagnose Burnout. „Im

ersten halben Jahr danach erlitt ich täglich zwei

bis drei Panikattacken. Es bildet sich eine Angst

vor der Angst. Wenn man alleine oder in un -

gewohnter Umgebung ist, reichen kleinste An -

zeichen, wie leichte Atemprobleme, um eine

Attacke auszulösen.“

Die Bundesanstalt für Ar beits schutz und

Arbeitsmedizin definiert Stress so: „Ein als

unangenehm empfundener Zustand, der von der

Person als bedrohlich, kritisch, wichtig und

unausweichlich empfunden wird. Er entsteht

besonders dann, wenn die Person einschätzt, dass

sie ihre Aufgaben nicht bewältigen kann“.

Eine Definition von Burnout könne laut

Holger Kracke ganz ähnlich aussehen: „Alle

Menschen, die an Burnout leiden, werden im

Laufe der Krankheit im Grunde genommen diese

zwei Sätze sagen: ,Ich kann nicht‘ und ,Ich schaffe

es nicht‘.“

Vor seiner Krankheit arbeitete Jürgen Schiller

täglich zwischen zehn und zwölf Stunden als Ab -

teilungsleiter in einer Bank, war im Gemeinderat,

Vorstandsmitglied und Finanzwart eines Fuß -

ballvereins. „Heute weiß ich, dass ich notorisch

überlastet war, selbst kleine Erholungspausen

fehlten.“ Der Stress führte zu einer ständigen

Cortisol-Ausschüttung, also der Produktion eines

Stress-Hormons, das zur Energiegewinnung bei -

trägt. Der Körper kam nicht zur Ruhe. Nach der

FAKTEN

Diagnose begann sofort die Behandlung. Durch

Gespräche mit Psychologen lernt Jürgen Schiller,

wie wichtig es ist, auf seinen Körper zu achten und

sich Ruhepausen zu gönnen. Zwischenzeitlich

arbeitet er wieder. Statt zwölf Stunden am Tag aber

nur noch acht, und auch nicht mehr als Ab -

teilungsleiter. Seine Arbeit im Gemeinderat hat er

aufgegeben, er achtet auf seine Grenzen. „Ich

kann die Zeichen meines Körpers, wie Schwindel,

jetzt schnell deuten und darauf reagieren“, sagt er.

Wie kann man Burnout vorbeugen? Holger

Krackes prägnante Antwort darauf: Mit Genuss -

momenten. Auch Jürgen Schiller gibt solchen

Genussmomenten mittlerweile einen Platz in

seinem Leben. Er und seine Frau haben zuhause

eine Sauna gebaut, er fährt Rad, macht Ent -

spannungsübungen. Und er macht auch einfach

mal nichts. Heute fühlt sich der Fußball-Fan

wieder gesund. Aber er weiß, dass er weiter auf sich

achten muss: „Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis

ich wiederhergestellt war. Mein Körper war lahm -

gelegt.“

*Name geändert

Jeder Zweite in Deutschland sieht bei sich selbst ein Burnout-Risiko, 23 Prozent beobachten

an sich wiederauftretende Symptome. Diese können sein: Anhaltende Müdigkeit,

Schlafstörungen und Erschöpfung, nachlassende Leistungsfähigkeit, Rückzug. Bei

Erkennung dieser Symptome ist ein Arztbesuch unbedingt notwendig. Burnout ist eine

psychische Krankheit, die professionelle Hilfe erfordert. Unter www.hilfe-bei-burnout.

de sind Therapeuten aus ganz Deutschland aufgelistet.


2/2018 INSIGHTS

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Der Nächste,

bitte!

Foto: Pixabay

„Wie geht es Ihnen damit? Wie fühlen Sie sich dabei?“ Typische Fragen, die man

im Kopf hat, wenn man an Psychotherapie denkt. Im Schnitt hat ein Therapeut

30 Patienten pro Woche. Wie fühlt sich eigentlich der Therapeut während der

Sitzungen und wie empfindet er den Patientenwechsel?

VON CAROLINE KOMYNARSKI

Stellen wir uns folgende Situation vor: Ein

Wartezimmer voll mit Menschen, die auf

ihre Behandlung warten. Ein Name wird

aufgerufen, endlich ist man dran. Doch

was passiert eigentlich während der

Wartezeit im Behandlungsraum? Wie empfindet

der Behandelnde den immer wiederkehrenden

Wechsel von einem zum anderen Patienten?

Wie gehen Psychotherapeuten mit dem Kom -

men und Gehen ihrer Patienten um. Gerade sie

müssen mit traumatischen Erlebnissen oder psy -

chi schen Erkrankungen umgehen und dennoch

eine professionelle Distanz wahren können. Ein

ständiger Patientenwechsel kann hilfreich sein, so

wird der Fokus immer wieder auf den sich im

Raum befindlichen Patienten gelegt.

Therapeuten sind auch nur Menschen

„Bei besonders schlimmen Geschichten

kommt es vor, dass ich dies in die Sitzung des

nächs ten Patienten mitnehme und mich stärker

auf den aktuellen Patienten konzentrieren muss“,

sagt Janina, Psychotherapeutin in Ausbildung.

Mit neuen Patienten beschäftigt sie sich innerlich

länger. „Während der ersten Sitzungen schwingt

Unsicherheit mit. Dabei stelle ich mir die Frage,

wie ich helfen kann und wo Parallelen zu anderen

Patienten oder gar zum meinem Leben zu finden

sind“, sagt sie. Fänden sich Gemeinsamkeiten zu

ihrem Leben, fällt es schwerer sachlich zu bleiben,

sie denke dann viel über den Fall nach. Manchen

Therapeuten kommt der Patientenwechsel ge -

legen. Zum einen hilft der Anschlusstermin dem

Therapeuten einen Schnitt zu machen und sich

abgrenzen zu können, zum anderen ist es

manchmal notwendig Patienten zu begrenzen. Zu

viel Aufarbeitung an einem Termin ist nicht

sinnvoll.

Der Weg der psychisch erkrankten Person wird

vom Therapeuten intensiv begleitet. Patienten

gewähren nirgendwo einem anderen Menschen

so intime Einblicke in die Gefühlswelt. Dabei

entsteht eine besondere Bindung und Nähe – auch

für den Therapeuten. Janina hat ein ehrliches

Interesse daran, dass der Patient gesund wird.

Jedoch muss sie zugleich die Distanz wahren.

Manche Patienten wird sie nie vergessen und

immer im Gedächtnis behalten. Wegen einer

besonderen Bindung, einer spannenden Biografie

oder einer interessanten Ausprägung einer

Störung. Beeindruckt ist Janina von Patienten,

denen man anmerkt, dass sie an sich arbeiten, von

de nen, die es schaffen, ihre Erkrankung zu

überwin den oder reflektiert mit ihr zu leben. Der

Erfolg eines Patienten hinterlässt bei ihr den

größten Eindruck. Zeitgleich macht es sie

glücklich zu wissen, dass sie helfen konnte.

Dennoch fällt auch ihr nach einer erfolgreichen

Therapie der Ab schied gelegentlich schwer. „Nach

der Therapie hoffe ich immer, dass meine

Patienten ihren Weg durchs Leben alleine

meistern.“

Zwei Ratschläge für den weiteren Lebensweg

Am Ende der Therapie gibt Janina ihren

Patienten stets diesen Ratschlag mit auf dem Weg:

„Seien Sie achtsam mit sich”. Achtsamkeit spielt

eine große Rolle. So können laut der Therapeutin

Frühwarnzeichen und kleine Veränderungen

schnel ler erkannt werden. Der Patient spüre eher,

wenn es wieder in die falsche Richtung geht, es

könne rechtzeitig gegengesteuert werden.

„Erinnern Sie sich an die positive Psychologie,

die ich mit Ihnen erarbeitet habe”, so der zweite

Ratschlag. Wichtig ist, dass der Patient sich einen

positiven Ausgleich im Alltag schafft. Doch ihre

Arbeit endet nie, denn im Wartezimmer ne benan

benötigt schon der nächste Patient ihre Hilfe.


14

FUTURE

mediakompakt

Nächstes Zuhause:

Weltraum

Foto: Pixabay

Asteroiden, die haarscharf an

der Erde vorbei rasen,

Atomwaffen, oder eine

mögliche neue Eiszeit – nur

drei mög liche Bedrohungen

für die Erde. Doch was ist der

Plan B? Ein Ansatz ist

Terraforming.

VON MARINA MACK

Entweder wir verlassen die Erde oder wir

werden sterben.“ Das sagt der US-

Physiker Michio Kaku. Stellt sich die

Frage, was unser neues Zuhause sein

wird. Die Erde ist der einzige Planet im

Sonnensystem, auf dem Menschen leben können.

Andere Planeten sind zu kalt oder zu heiß und

haben keine geeignete Atmosphäre. Mit dem

sogenannten „Terraforming“ könnte man einen

für uns lebensfeindlichen Planeten bewohnbar

machen. Dazu müssten Temperatur, Atmosphäre

und Oberfläche umgestaltet und erdähnlich

gemacht werden.

Wenn man sich vorstellt, wie zum Beispiel der

Mars langsam zur Erde wird und wir dorthin

umziehen, fühlt man sich wie in einem Science-

Fiction- Film. Tatsächlich entwickelte sich das

Konzept des Terraformings aus Zukunftsroman

und der Wissenschaft. Der Autor Jack Williamson

prägte 1942 diesen Begriff als Erster in einem

Science-Fiction Roman.

Auf der Erde betreiben wir, seit es die Land -

wirtschaft gibt, Terraforming. Beispielsweise, in -

dem wir den Regenwald abholzen oder Flächen

bewässern. Auch wenn uns die Veränderungen an

der Erdoberfläche und die Klimaerwärmung in

den vergangenen 5000 Jahren enorm erscheinen,

wurde kein drastisches Terraforming betrieben.

Außerdem können wir nicht mal mit Sicherheit

sagen, ob die Veränderungen des Klimas und der

Atmosphäre durch menschliches Handeln oder

natürliche Ursachen wie Sonnenwinde zurück -

zuführen sind.

Einen anderen Planeten dagegen so zu

verändern, dass wir darauf wie auf der Erde leben

können, ist die Vision von Befürwortern des

Terra formings. Als mögliche Kandidaten gelten

Mars, Venus, Mond und Merkur, wobei der Mars

der absolute Top-Kandidat ist. Dies liegt auch

daran, dass er der Erde in vielen Dingen ähnelt.

Die Tages länge und Achsenneigung kommen

denen der Erde sehr nah. Die Masse der

Marsatmosphäre ist gering im Gegensatz zur

Venus mit einer 10.000- mal größeren Masse. Die

Mondatmosphä re hat sogar eine Masse von nur

13 Tonnen, also ein Vakuum. Beim Mond -

terraforming müsste die Atmosphäre somit neu

erschaffen werden, da eine Umwandlung kaum

möglich wäre. Das und die geringe Schwerkraft

machen den Mond zu einem ungeeigneten Kan -

didaten für Terraforming.

Mit der Schwerkraft auf dem Mars könnten wir

ganz gut leben. Die Temperatur ist ein weiterer

wichtiger Faktor. Die Durchschnittstemperatur


2/2018 FUTURE

15

auf dem Roten Planeten erscheint uns mit minus

56 Grad Celsius eiskalt. Es wäre aber machbar, die

Temperatur um 50 bis 60 Grad zu erhöhen. Venus

und Merkur dagegen sind von den Temperaturen

eher problematisch.

Für die Venus wurde als erster Planet ein

Terraformingkonzept entwickelt. Als der Planeto -

loge Carl Sagan im Jahre 1961 seinen Plan

vorstellte, ging er von einer Venus aus, auf der

eine Temperatur von 60 Grad herrschen. Später

stellte sich heraus: Die Venus ist höllisch heiß mit

einer Temperatur von 465 Grad. Dennoch halten

Fans von Carl Sagan am Terra forming dieses

Planeten fest. Ebenso ungeeignet ist der Merkur

mit seinen drastisch schwankenden Tempera -

turen zwischen minus 180 Grad und plus 430

Grad. Was außerdem für den Mars als perfekten

Kandidaten spricht, ist, dass gefrorenes Wasser

und Kohlendioxid vorhanden ist – perfekt für den

Aufbau einer Atmosphäre. Weitere zu berück -

sichtigende Faktoren sind ein Magnetfeld, die

Solareinstrahlung, der Luftdruck und die Be -

schaffenheit der Oberfläche. Wenn man den Mars

also in eine zweite Erde verwandeln möchte, muss

eine irdische Atmosphäre mit dem richtigen

Druck erschaffen werden. Zusätzlich gilt es, einen

Wasserkreislauf mit Meeren, Seen und Flüssen,

Regen und Grundwasser zu erschaffen. Wir

brauchen zudem eine schützende Ozonschicht,

der Mars müsste deutlich wärmer werden.

Zur Umsetzung gibt es viele zum Teil auch

nicht umsetzbare Konzepte. Eine Möglichkeit

wäre, mit genetisch manipulierten Mikroorga -

nismen Algenteppiche und Moose auf dem Mars

wachsen zu lassen, die mit ihrem Stoffwechsel das

Klima verändern. Man könnte den Planeten mit

Asteroiden aus dem All bombardieren und

dadurch das Eis schmelzen und die Temperatur

erhöhen. Weitere Ideen sind, die Pole mit dem

Kohlendioxideis zum Schmelzen zu bringen,

mithilfe von Treibhausgasen die Atmosphäre zu

verändern oder riesige Spiegel in der Umlaufbahn

zu platzieren, um die

Oberfläche damit auf -

zuheizen.

Egal, welcher Plan

betrachtet wird, dazu

müssen Unmengen an

Equipment und außer -

dem tausende Arbeits -

kräfte auf den Mars

trans portiert werden. „Wir betreiben Trans port

ins All mit völlig ungeeigneten, weil viel zu teuren

Methoden“, sagt der Geologe Michael Boden von

der Deutschen Raumfahrtgesellschaft. Man

bedenke auch die Auswirkung auf die Umwelt

durch unzählige Raketenstarts. Wenn wir Raketen

mit Hilfe elektromagnetischer Be schleunigung in

Richtung Mars schicken könnten, wäre das

möglich. Zudem gibt Michael Boden dies zu

bedenken: „Es sind riesige Materialflüsse und

Ener gie ströme in Gang zu setzen, was nicht

Milliarden, sondern Billionen Dollar und einige

Jahrhunderte an Zeit kosten würde.“ Und wie

lange bleibt so eine neue Atmosphäre denn

überhaupt stabil? Zuletzt sollte aus ethischer Sicht

überlegt werden: Was ist, wenn auf dem Mars

bereits Leben existiert?

Was ist,

wenn auf dem Mars

Leben existiert?

Es sind jedoch sinnvolle Alternativen zum

Terraforming vorstellbar. Eine davon ist das

sogenannte „World House Concept“: ein zwei bis

drei Kilometer hohes, erweiterbares Konstrukt auf

dem Mars, das luftdicht ist und ein licht -

durchlässiges Dach besitzt. Der finanzielle und

technische Aufwand wäre im Gegensatz zum

Terraforming deutlich geringer. Noch sinnvoller

könnten gigantische,

rotierende Zylinder im

All sein. Es wäre mög -

lich, dass dort Hun -

dert tausende Men -

schen ein neues

Zu hause finden. Sie

hätten im Weltall ihr

eigenes Wetter, eine

eigene Landwirtschaft, Natur und einen nor -

malen Tagesrhythmus. Durch die Rotation

entstünde sogar das Gefühl der Schwerkraft. Auch

hier könnte man im Laufe der Zeit anbauen. „Das

ist besser als jedes Terraforming“, sagt Michael

Boden. Doch sollten wir tatsächlich die Erde

verlassen und uns eine neue Heimat auf bauen?

Enthusiasten wie der Tesla-Chef Elon Musk und

der Amazon-Eigner Chef Jeff Bezos (beide

Multimilliardäre) träumen davon, fast alle

Menschen ins All zu holen und die Erde in eine

Parklandschaft zu verwandeln. Davon hält

Michael Boden nichts. Er sagt: „Die Erde muss auf

gar keinen Fall abgeschrieben werden. Sicher wäre

es für die Ökosphäre besser, es gäbe nur zwei bis

drei Milliarden Menschen, aber auch mit den

sieben Milliarden kommen wir schon klar.“

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16

FUTURE

mediakompakt

Was macht mobil?

Foto: Pixabay


2/2018 LIFESTYLE

17

Mobilität ist für den

modernen Menschen ein

sehr wichtiges Thema.

Aber wie bewegen wir uns

in Zukunft von A nach B?

Ein Blick in die Glaskugel?

VON FABIAN ÖHRLE

Die Automobilindustrie steckt momen -

tan in einer tiefen Krise, der Diesel -

skandal warf ein schlechtes Licht auf

einen Großteil der konventionellen

Hersteller und ließ diese weltweit an

Vertrauen einbüßen. Umso lauter werden nun die

Stimmen, die einen Umschwung in der Mobilität

fordern.

Vor allem in großen Städten gibt es immer

mehr alternative Verkehrskonzepte wie bei -

spielsweise Car2Go, das es nun in mittlerweile 26

Innenstädten gibt und von über drei Millionen

Usern genutzt wird. Das Prinzip ist ganz einfach:

Per App loggt sich der Nutzer in die eigene Car -

2Go-Karte ein und sieht, wo Fahrzeuge stehen und

ob ein Fahrzeug frei ist. Dieses kann er nun durch

einen Touch reservieren und anschließend per

App aufschließen und losfahren.

Für viele Leute in den Städten ist dies eine

willkommene Alternative zum eigenen Auto, aber

auch zu Taxi, Bus und Straßenbahn, da aufgrund

der mangelnden Parkplätze und extrem teurer

Park häuser das Autofahren keinen Spaß mehr

macht und eher als lästiges Übel empfunden wird.

In den nächsten Jahren wird es hier zu einer

Differenzierung kommen, das sagen uns die

Experten. Wobei das Auto sicher lich als be -

liebtestes Beförderungsmittel weiterhin erhalten

bleiben wird. Die Veränderungen werden jedoch

in der Art der Automobile, ihrer Be schaffenheit

sowie deren Nutzung weiter zu nehmen. Vor allem

in den Städten gibt es im Bereich der Elektro -

mobilität noch riesige Ent wick lungspotentiale,

zudem werden die Sha ring-Angebote weiterhin

zunehmen.

Der größte Unterschied zur heutigen Fort -

bewegungskultur besteht hierbei laut Dr. Ulrich

Schiefer, Geschäftsführer des Klein serien -

herstellers At track, vor allem in der multi modalen

Nutzung von Fahrzeugen, das heißt, dass es in den

urbanen Zen tren nicht mehr nötig ist, unbedingt

ein ei genes Kfz zu besitzen oder mit einem

eigenen Wagen zu fahren, um mobil zu sein. Die

Zukunfts vision ist demnach, dass sich die

verschiedenen Mobilitätskonzepte mit unter -

schiedlichen Fort bewegungsmitteln ergän zen. So

soll es möglich werden, dass man mit dem Flug -

zeug am Flughafen ankommt, von dort aus weiter

mit einem Car sharing-Anbieter in die In nen stadt

fährt und sich dann mit einem gemieteten E-Bike

oder E-Scooter auf den letzten Teil des Weges

macht.

Dabei fällt jedoch auf, dass die angebotenen

Sha ring-Konzepte in den urbanen Zentren vor

allem auf die elektrisch angetriebenen Fahr zeug -

ver sionen setzen, da hier keine großen Distanzen

zurückgelegt werden müssen.

Auch die Anzahl der privat genutzten

Elektro-Autos wird in den nächsten Jahren zu -

nehmen, da Pendler sel ten mehr als 100 km

zurücklegen müssen und hier für die heutige Tech -

nik der elektronisch angetriebenen Fahrzeuge

schon längst ausreicht. Weiterhin bietet die

Anschaffung eines Elektro autos viele Vorteile ge -

genüber einem konven tionell angetriebenen Kfz,

so gibt es beispielsweise in vielen Innenstädten

zentrumsnahe Parkplätze, die kostenlos und nur

für Elektroautos aus ge wie sen sind.

Vor allem kleine Fahrzeuge werden hier

gefragt sein, da die Parkplatz-Situation in den

meisten großen Städten in aller Regel mangelhaft

ist und deshalb die großen Automobile, die zurzeit

so gern gekauft werden, wenig Sinn machen. Auch

Staat und Her steller reagieren auf den Trend und

bieten für die meist eher kleineren Elektro -

fahrzeuge verschiedene Kaufprä mien an.

Für alle diejenigen, die sich jedoch kein

eigenes Elektroauto leisten können oder wollen,

wird es die oben erwähnten Sharing-Angebote ge -

ben, die in nächster Zeit noch weiter ausgebaut

wer den. Wichtig dabei werden die niedrige

Schwelle zur Nutzung der Fahrzeuge und deren

Ver fügbarkeit sein. Vorstellbar wäre beispielsweise

eine App, über die sich die komplette Fahrt planen

lässt und so einen bestmöglichen Komfort für den

Nutzer bietet.

Foto: Pexels


18

FUTURE

mediakompakt

Foto: Pexels

In Zukunft autonom

Das assistierte oder das teilautomatisierte Fahren wird inzwischen sehr geschätzt

und gerne angewendet. Egal, ob Totwinkelwarner oder automatisches Einparken –

viele Helferlein im Auto erleichtern unser Leben. Doch das ist erst der Anfang!

VON LILIA KOCH

Die Automobilbranche schläft nicht, sie

bietet Fahrern im mer mehr Funk -

tionen und Komfort. In der Zukunft

wird die Technologie so fortge -

schritten sein, dass wir uns voll -

kommen automatisiert bewegen können – ins

Fahr zeug einsteigen, ein Ziel nennen!

Und los geht’s. Das Auto fährt die gesamte

Strecke allein, sucht sogar einen Parkplatz und

parkt dann sogar noch selbstständig ein. Wäh -

rend dessen muss der Fahrer oder die Fahrerin

nicht auf die Straße achten und kann nebenher

arbeiten oder Videos anschauen. Das autonome

Fahren soll nicht nur Zeit schenken, sondern auch

den Verkehr sicherer machen.Denn: Die meisten

Un fälle verursacht der Mensch.

Wir werden die komplette Kontrolle und

Entscheidungsfreiheit schon bald an Maschinen

ab geben. Heute entscheiden wir, wann wir brem -

sen oder abbiegen. „Wenn wir vom auto ma -

tisierten Fahren sprechen, sprechen wir von

einem intelligenten System, das die Funktionen

eines menschlichen Gehirns über nehmen wird“,

„Wir werden

die Kontrolle an

Maschinen abgeben.“

erklärt Cornelia Brodersen, Produktmanagerin für

automatisiertes Fahren bei Bosch. Es erfasse sicher

die Umgebung, verortet sich selbst und inter -

pretiere, plane und entscheide aufgrund dieser

Informationen, wie und wo wohin es sich be -

wegen wird. Das autonome Fahren unterteilt sich

in fünf Level (siehe Infobox). „Wir sind aktuell in

der Übergangsphase von Level zwei zu Level drei.

Der Fahrer hat noch die volle Verantwortung für

das Fahrzeug, Seitentätigkeiten sind erlaubt in Le -

vel drei, jedoch muss der Fahrer bereit dazu sein,

jederzeit zu übernehmen“, klärt Cornelia Bro -

dersen auf.

Wann Level fünf erreicht wird, sei nicht sicher,

denn in Deutschland gibt es für das komplett

autonome Fahren keine Gesetzgebung. Die Ber -

liner Charité zum Beispiel und die Berliner Ver -

kehrsgesellschaft testen zurzeit Roboterbusse, die

Patienten und Besucher ohne Fahrer ans Ziel brin -

gen. Mit maximal zwölf km/h fahren vier Mini -

busse täglich auf dem Campus und erproben die

Technik. „Zurzeit werden Sonderprojekte

genehmigt, bei denen Fahrzeuge ab Level vier in


2/2018 FUTURE

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sogenannten restricted areas fahren dürfen“, er -

läu tert die Produktmanagerin.

Aktuell arbeitet Bosch, einer der größten

Autozulieferer der Welt, gemeinsam mit Daimler

an dem Projekt „urban automated taxis“. In Zu -

kunft ist es möglich, ein autonom fahrendes Taxi

mit einer App zu rufen und sich zum gewünschten

Ziel transportieren zu lassen. Car- Sharing auf ei -

nem ganz neuen Niveau, bei dem Menschen die

Zeit im Fahrzeug sinnvoll nutzen können und kei -

nen Führerschein benötigen.

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Praktikum

Online-

Marketing

„Wir arbeiten an

urban automated

taxis.“

Die Technik und Infrastruktur der Städte soll

so ausgereift sein, dass wir keine Taxi- und Bus -

fahrer mehr brauchen werden, sagen Experten

voraus. „Bis es so weit ist, dauert es noch, auto -

nome Taxis werden wir nicht sofort flächen -

deckend in allen Städten haben. Solange es den

Mischverkehr geben wird, werden sowohl Taxials

auch Busfahrer benötigt.“

Die Zukunft verspricht einen spannenden

Fortschritt in der Mobilität. Das Auto wird ein Ort,

in dem wir während der Fahrt vieles tun können,

von denen wir heute noch träumen. Ob ein

Nickerchen im Stau oder surfen im Internet: Alles

ist möglich.

DIE 5 LEVEL DES

AUTONOMEN

FAHRENS

Level 1 – Assistiertes Fahren

Bestimmte Assistenzsysteme wie

der Totwinkel-Warner unterstützen

den Fahrer.

Level 2 – Teilautomatisiertes Fahren

Das Auto kann einzelne Aufgaben

übernehmen, beispielsweise

im Stau beschleunigen.

Level 3 – Hochautomatisiertes Fahren

Insbesondere auf Autobahnen kann

das Fahrzeug die komplette Steuerung

übernehmen. Der Fahrer muss während

der gesamten Zeit aufmerksam sein.

Level 4 – Vollautomatisiertes Fahren

Alle Funktionen werden vom Fahrzeug

übernommen. Der Fahrer muss jedoch

in der Lage sein, in brenzligen Situationen

zu übernehmen.

Du möchtest Deinen

ersten Schritt in die

spannende Welt des

Online-Marketings machen?

Dann mach ihn mit uns!

Deine Aufgaben:

- Unterstützung und Mitentwicklung von

Marketing-Aktionen

- Mitwirkung bei Analyse, Optimierung und

Reporting von Direktmarketing-Kampagnen

- Mitentwicklung und Umsetzung von E-Mailings,

Landingpages und Banner

Dein Profil:

- Student/in im Bereich Medienwissenschaften, Kommunikation

oder vergleichbarem Studiengang mit Schwerpunkt Marketing

- Erste praktische Erfahrungen im Marketing, idealerweise

Online-Marketing

- Eigeninitative, Teamgeist und Kommunikationsstärke

- Organisationstalent und strukturierte Arbeitsweise

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Unser Angebot:

- Dauer: 3 bis 6 Monate

- Anschließende Werkstudententätigkeit bzw.

Bachelor- oder Masterarbeit möglich

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Level 5 – Fahrerlose Autos

Es wird kein Fahrer mehr gebraucht.


20

FUTURE

mediakompakt

Your next summer!

Du willst wissen, wie dein Sommer 2018 wird? Lass dir von unseren Profiwahrsagerinnen die Zukunft

voraussagen, entdecke alte Serien neu und hol dir Freizeit-Tipps für den ultimativen Sommer in Stuttgart.

Von Laura Cüppers und Leonie Tiebel

Noch keine Pläne für den sommer?

Die heißesten, wenn auch nicht geheimsten, fünf Stuttgart-tipps gibt‘s hier:

1. Eugensplatz. Besonders im Sommer lohnt sich der Aufstieg

über die Eugenstaffel zum beliebten Eugensplatz. Oben angekommen,

hat man nicht nur eine wundervolle Aussicht über die

Dächer Stuttgarts, sondern auch die Möglichkeit, sich ein leckeres,

hausgemachtes Eis aus dem Eis-Bistro Pinguin schmecken

zu lassen. Egal ob mit Freunden oder alleine mit Buch – hier bietet

sich die perfekte Gelegenheit, einen sommerlichen Abend

ausklingen zu lassen.

2. Mineralbad. Wenn das Wetter dann mal so überhaupt

nicht mitspielt, entspann doch mal so richtig in einem der

drei Mineralbäder in Stuttgart. Wusstest du, dass Stuttgart

das höchste Mineralwasservorkommen in ganz Westeuropa

hat? Doch das Wasser ist nicht nur mineralhaltig

sondern manchmal auch kohlensäurehaltig, also quasi der

natürlichste Whirlpool der Welt direkt vor deiner Tür!

3. Besenwanderung. Funktioniert sowohl bei Nieselregen, als auch bei 40 Grad im Schatten. Eine

Wanderung durch die Weinreben Stuttgarts mit Erfrischungen in den Besenwirtschaften, die auf dem

Weg liegen. Gutes Essen und guter Wein. Was will man mehr?

4. Open-Air-Kino. Es hat ja durchaus seinen Reiz, sich im

Hochsommer ins kühle Kino zu verziehen. Wer aber sehr auf

Sonne und Frischluft steht und dabei nicht auf den Kino-Gang

verzichten mag, der ist im August und September gut beim

Open-Air-Kino vor dem Mercedes-Benz Museum aufgehoben.

Vor imposanter Kulisse und unter freiem Himmel werden sowohl

aktuelle Filme als auch Klassiker gezeigt.

5. Stuttgarter Stadtstrand. Was die Ostsee kann,

kann Stuttgart schon lange! Zwar haben wir hier nur den

Neckar, und der Stadtstrand begrenzt sich auf wenige Quadratmeter

– von der S-Bahn Haltestelle in Bad Canstatt ist

man jedoch man in wenigen Gehminutn bei Liegestühlen, Sand

und kühlen Getränken. Zudem gibt es dort auch echt gute

Burger. Vorsicht, Öffnungszeiten beachten!

Warum immer Netflix schauen und neue Serien suchten? Geh doch mal #backtotheroots

und geh die Semesterferien oldschool an. Welche mtv shows suchen wir?

LÖSUNG: PIMP MY RIDE / DATE MY MOM / CATFISH / FRIENDZONE

Freund +

+ Fisch


2/2018 FUTURE

21

Krebs. Back to Muddi! Zeit für einen

kleinen Tapetenwechsel. Die Semesterferien

sind für dich die perfekte Gelegenheit,

raus aus der Party-WG und rein ins heimelige

Elternhaus zu kommen. Endlich wieder

Käsekuchen, Gute-Nacht-Küsschen und alte

NSYNC-Poster an den Wänden. Wenn du da

nicht vom Uni-Stress abschalten kannst, ist

dir auch nicht mehr zu helfen.

Löwe. Du bist der Grillprofi des Jahrtausends,

das stinkende Hassobjekt der Nachbarn

vom Balkon über dir. Jetzt ist es an der

Zeit, dir eine Schürze mit coolem Aufdruck

zu gönnen (#StarWurst. Vorsichtig sein du

musst. Die Wurst eine dunkle Seite schon

hat) und die Nachbarn mit neuen Rezepten

zu besänftigen. Dein Sommermotto: Ich

muss Fett verbrennen, schmeiß den Grill an!

Jungfrau. An Badeseen lauern sie, an Flüssen

und im Park. Eigentlich überall. Schon

mal was von Anatidaephobie gehört? Google

mal! Wenn du nicht aufpasst, könntest auch

du bald ein Betroffener werden. Setz dich

also frühzeitig mit dieser Angst auseinander

und geh diesen Sommer nur in Begleitung an

den See – ach, was rede ich! Aus dem Haus!

Aus dem Bett! Hörst du es watscheln?

Waage. Die Sonne brutzelt vor sich hin,

der Kessel kocht zum Überlaufen und ein

Steppenläufer hoppelt einsam durchs Bild.

Langeweile pur! Alle Freunde sind verreist.

Selbst der Schachspieler auf dem Schloßplatz

hat keinen Bock mehr auf dich. Wie

du dieser düsteren Zukunft jetzt noch

entkommen kannst? Schau doch mal in den

Veranstaltungstipps vorbei, dann wird dein

Sommer noch legen… wait for it.

Skorpion. Nur pumpen, pumpen, pumpen?

Deine Freunde haben bereits jede

Ausrede ausgespielt, um nicht mit dir ins Gym

zu müssen, doch du bist der unaufhaltsame

Gym Knopf. Halt doch mal die Luft an und

geh Kompromisse ein! Deine Freunde wollen

alle viel lieber entspannt im Freibad liegen.

Falls du doch nicht auf’s Training verzichten

kannst, schnapp dir deinen Proteinshake,

den Volleyball und beache doch einfach dort.

Schütze. Raus aus dem Keller! Zeit für

den Computerflüsterer, sein Domizil zu

verlassen. Auch wenn der Keller Videospiele,

Bier und angenehme Kühle verspricht –

draußen spielt die Musik. Wenn du der Sonne

und den Menschen da draußen eine Chance

gibst, hast du diesen Sommer die exklusive

Chance, dich vom bleichen Schlossgespenst

mit Zocker-Augen in Mr. Baywatch höchstpersönlich

zu verwandeln. Versprochen!

Steinbock. Dein Sommer fällt ins Wasser

– es regnet (ja, nur für dein Sternzeichen).

Hör auf, Trübsal zu blasen und mach das

Beste draus! Hol dir fancy Regenstiefel,

pack den knallgelben Regenmantel und das

passende Quietscheentchen aus und spring in

Pfützen. Kauf dir eine fleischfressende

Pflanze, nenn sie Helga und gieß sie mit

Regenwasser (#Pflanzentipp: Sie verträgt

kein Leitungswasser). Sieh es positiv, Stichwort

wettshirtdayallday und esse das nächste

Mal gefälligst deinen Teller auf!

Wassermann. What is love? Auf einer 90er

Party in der Saturday Night findest du es

heraus. Du bist zwar blue (da ba dee da ba

daa), aber Ladies and Gentleman, it’s die

Liebe fürs Leben! Schwing die Hüften, denn

Rythm is a Dancer. Dann heißt es für euch

ganz schnell „Let’s talk about Sex“, aber

ihr wollt es that way. Und if you wannabe

der Partner fürs Leben, dann hüpft ihr bald

gemeinsam hier und dort und überall ins

Abenteuerland der Liebe.

Fische. Dein Sommer besteht aus Acai-

Bowls, Chiasamen und eventuell einer

Ginverkostung, alles was den modernen

Hipster so ausmacht. Du willst anders sein,

achtest auf deinen Körper und dein persönliches

Umfeld, denn wer mit dir befreundet

ist, muss #healthyandhappy sein. Wenn du

deiner Umwelt wirklich mal was Gutes tun

willst, hör auf, dein Essen zu fotografieren,

pack deinen Fjällräven und dein Mate und

helf bei verschiedenen sozialen Einrichtungen

in Stuttgart.

Widder. Deine Sommer-Headline: Semesterferien

2018 oder die längste Netflix-und-

Chill-Party meines Lebens. Der Strand-Body

hat dieses Jahr nicht wirklich geklappt? Das

Badehöschen sitzt noch nicht? Kein Problem,

setz diesen Sommer einfach mal aus. Wozu

gibt es dunkle Zimmer, Eimer voll Eis und laufend

neue (oder alte) Serien?

Stier. Holy Guacamoly – dein Sommer wird

grün! Anfang August wirst du auf einmal

von einer Welle der Camping-Lust gepackt.

Schnapp‘ dir Sack, Pack, Partner und Flaschenöffner

und raus in die Natur mit dir!

Und immer dran denken: Bären haben mehr

Angst vor dir, als du vor ihnen.

Zwillinge. Wasser marsch! Egal ob Meer,

See oder Pfütze nach dem Sommergewitter

– Du bist der King of Water, die Königin der

Feuchtgebiete. Bei Austrocknungsgefahr

flüchtest du sogar unter die Rasensprinkleranlage

im Stadtpark. Komm doch mal wieder

an den Strand der Tatsachen und schalte einen

Gang zurück, sonst rutschst du noch aus!


22

FUTURE

mediakompakt

Was kommt da auf uns zu?

Foto: Pixabay

Mit dem Summen und

Brummen könnte es bald ein

Ende haben. Es gibt immer

weniger Insekten bei uns,

das gefährdet unser

Ökosystem. Welche Folgen

hat das, was können

wir dagegen tun?

VON GABRIELA MÜLLER

Es ist stiller geworden auf den Wiesen und

Feldern, in Gärten und Parks. Die

Insektenwelt steckt in Schwierigkeiten.

An einigen Standorten gibt es manche

Arten nicht mehr, oder es kommen im -

mer weniger vor. Laut Ergebnissen, die der Ento -

mologische Verein Krefeld über 27 Jahre ge -

sammelt hat, ist die Biomasse der Flug insekten in

Deutschland um 75 Prozent zurückgegangen. Die

Studie sorgte nicht nur wegen der erschreckenden

Zahl für Aufsehen, sondern auch, weil sie eine der

wenigen Langzeitstudien über Insekten ist. Denn

der Bestand der Tiere ist witterungsabhängig und

kann somit oft von Jahr zu Jahr unterschiedlich

sein.

Mit Hilfe der Bevölkerung will der Natur -

schutzbund (NABU) eine Datengrundlage gene -

rieren und ruft 2018 erstmals bundesweit auf, sich

an der Aktion „Insektensommer“ zu beteiligen.

Ermutigt durch die jährlichen Vogelzählungen,

mit denen man gute Erfahrungen gemacht hat,

sollen in zwei Aktionszeiträumen im Juni und

August Insekten registriert werden. Falschbe -

stimmungen können, so die Erfahrung, durch die

große Masse an Daten ausgeglichen werden.

Außerdem soll mit der Aktion erreicht werden,

dass das Thema in der Bevölkerung mehr ver -

ankert wird und dass Menschen bereit sind, sich

damit auseinanderzusetzen. „Denn nur was man

sieht und kennt, hält man auch für schützens -

wert“, sagt Dr. Stefan Kress, Vorstandsmitglied des

NABU Stuttgart und zuständig für das Thema

Insekten.

Woran liegt das Insektensterben?

Als ein Grund des Verschwindens gilt die

Zerschneidung der Lebensräume durch Straßen

und Wohnbebauung. Auf den begrenzten Flächen

kommt es zu genetischer Verarmung. Zudem hat

sich die landwirtschaftliche Struktur verändert.

Wiesen werden intensiver bewirtschaftet, ge -

düngt und häufiger gemäht. Felder werden immer

größer, somit gibt es weniger Ackerränder mit

Blühstreifen und Hecken. Neben dem einseitigen

Nahrungsangebot durch Monokulturen, leiden

die Insekten unter dem Einsatz von Pestiziden.

Eine weitere Bedrohung sind veränderte Boden -

verhältnisse durch die Überfrachtung mit Stick -

stoff von Abgasen und Düngemitteln. Magere,

nährstoffarme Standorte, wo nur spezielle Pflan -

zen überleben können, bieten eine hohe Arten -

vielfalt. Viele Insekten sind daran angepasst. Diese

Pflanzen werden verdrängt, da der Stickstoff das

Wachstum von Pflanzen begünstigt, die auf

nährstoffreichen Fettwiesen wachsen.

Foto: Stefan Kress

Wildbienen erkunden eine Nist- und Überwinterungshilfe.

Um Insekten zu unterstützen kann man solche

Insektenhotels im Garten aufstellen. Nach der Eiablage

werden die hohlen Röhrchen verschlossen.


2/2018 FUTURE

23

Wie kann man Insekten helfen?

Wer Insekten unterstützen möchte, kann

einheimische Blumen, Sträucher oder Bäume

anpflanzen und ihnen so eine Nahrungsquelle

schaffen. Dabei ist zu beachten, dass nicht alle

insektenfreundlichen Samenmischungen trotz

der Beschriftung die geeigneten Pflanzen ent -

halten. Hier lohnt es sich, auf den einschlägigen

Fachhandel zurückzugreifen.

Wichtig ist, den Insekten mehr Lebensräume

zu bieten. Insektenhotels dienen als Nist- und

Überwinterungshilfe. Die meisten Wildbienen

nisten jedoch im Boden. Eine kleine karge Stelle

im Garten mit trockenem Erdboden eignet sich

dafür gut. Tote Pflanzenstängel und totes Holz

sollte man einfach einmal liegen lassen. Sie

werden als Baumaterial genutzt. An Brennnesseln

entwickeln sich einige Schmetterlingsraupen. Auf

den Einsatz von Pestiziden sollte man verzichten

und beim Mähen kann man „Mahd-Inseln“

stehen lassen, einen Teil also nicht mähen. Schon

zehn Prozent der Fläche reichen aus, damit In -

sekten die restliche Fläche allmählich wieder -

besiedeln können. Auch beim Einkaufen kann

man Gutes tun und zum Beispiel auf Saft von

Streuobstwiesen, Bio-Produkte und regionale und

saisonale Lebensmittel achten.

Was passiert, wenn die Insekten fehlen?

Fakt ist, wir brauchen Insekten. Sie sind

unverzichtbar für das Ökosystem. Fachleute

sprechen von den sogenannten „Ökosystem-

Dienstleistungen“, die Insekten erbringen. Als

Zersetzer von organischen Stoffen sorgen sie

beispielsweise für Bodenfruchtbarkeit. Vor allem

meint man damit aber die Bestäubungsleistung.

Vier von fünf aller Pflanzen in Deutschland sind

auf Insekten angewiesen. Aktionen von Super -

märkten, die ihre insektenabhängigen Produkte

aussortieren, zeigen dies eindrücklich. Die Regale

sind dann komplett leergeräumt oder nur lücken -

haft bestückt. Es fehlen Obst- und Gemüsesorten,

Küchenkräuter, Öle, Kaffee, Tiefkühlkost, Säfte

und Pflegeprodukte.

Insektenbestäubung führt nachweisbar zu

größeren, aromatischeren Früchten und Ertrags -

steigerung. Doch nicht nur für den Menschen hat

der Insektenrückgang Konsequenzen. Wenn es

weniger Insekten gibt, fällt gleichzeitig die

Nahrungsquelle für bestimmte Tiere, wie Vögel

weg, die dadurch ebenfalls seltener werden.

Ökosysteme sind flexibel und können Störungen

verkraften. Wenn ein System zu stark in eine

Richtung verändert wird und einen bestimmten

Punkt erreicht, bricht es zusammen. In der

Wissenschaft spricht man von „tipping points“

(Kipppunkte). Der alte Zustand ist dann nicht

wiederherzustellen, egal, was man tut. „Wir

wissen einfach nicht, ob diese Kipppunkte bei den

Insekten jetzt schon erreicht sind“, sagt

NABU-Experte Kress. Die Hoffnung habe er noch

nicht aufgegeben, denn Insekten hätten ein

extremes Vermehrungspotential. Solange die

Arten nicht komplett ausgestorben sind, stehen

die Chancen gut, dass sich der Bestand wieder

erholt. Vorausgesetzt, man bietet ihnen dafür

auch den nötigen Platz.

NABU-AKTION „INSEKTENSOMMER“

Die zweite Insekten-Zähl-Aktion dieses Jahres findet im Zeitraum vom 3. bis 12. August statt.

Hierfür soll man sich einen Beobachtungsplatz suchen und im Umkreis von höchstens zehn

Metern eine Stunde lang Insekten zählen. Am besten eignet sich dafür ein sonniger, windstiller

Tag. Grundsätzlich soll man jedes entdeckte Insekt melden. Bei 33.000 verschiedenen Arten in

Deutschland ist das aber nicht immer einfach, selbst für Experten. Deshalb hat der NABU

Kernarten definiert, auf die man besonders Acht geben kann. Im August sind das unter anderem

die Blaue Holzbiene, der Siebenpunkt-Marienkäfer und der Schwalbenschwanz, einer der

schönsten heimischen Schmetterlinge. Weitere Informationen unter:

https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/insektensommer/index.html

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24

FUTURE

mediakompakt

21st Century Skills in Schulen

Foto: Pixabay

Die Digitalisierung betrifft auch das deutsche Bildungssystem und stellt

Schulen und Lehrer vor Herausforderungen. Wie gehen unterschiedliche

Schulen damit um? Drei Standpunkte dazu.

VON SAMUEL TRAUTMANN

Wir sind fortschrittlicher als andere

Schulen, da wir überhaupt Tablets

haben“, sagt Dr. Harald Hochwald,

Lehrer für Physik und Sport am

Schickhardt-Gymnasium Stuttgart.

Dort kommen die Schüler ab der 5. Klasse im Fach

Medienbildung mit digitalen Medien in Berüh -

rung. Dass es in jedem Klassenzimmer einen

Rechner mit interaktiver Tafel, Internetzugang

und Dokumentenkamera gibt, sei laut Hochwald

kein Standard an Schulen. Das Gymnasium hat

be reits viele Tablet-Projekte durchgeführt. Für die

Zu kunft ist geplant, die interaktive Tafel durch

Tab lets für die Lehrer zu ersetzen. Hochwald hält

es für möglich, dass man „auf die Tablet-Variante

umsteigt“, anstatt alte Geräte zu ersetzen, da diese

„viel geschmeidiger funktioniert“.

Doch er ist nicht der Meinung, dass Schüler

nur mit Tablets arbeiten sollten. Es sei wichtig, für

jede Aufgabe ein geeignetes Medium zu verwen -

den, da der Lerneffekt sonst verloren ginge. Die

Schüler sollten also sowohl den Umgang mit

analogen als auch digitalen Medien erlernen.

Hochwald denkt nicht, „dass Bleistift und Papier

verdrängt werden.“ Durch die Mischung käme ein

zeitgemäßes Arbeiten zustande. Er kritisiert das

Bildungswesen insofern, „dass es ein sehr sta -

tischer, langsamer Apparat und die IT-Branche

sehr schnelllebig ist“.

Prof. Dr. Edwin Hübner, seit 2015 Professor für

Medienpädagogik an der Freien Hochschule

Stuttgart und Experte für das System der

Waldorfschulen, sieht die Problematik von einem

anderen Standpunkt. Wenn man Schüler

ausschließlich mit digitalen Medien lernen lasse,

habe das zur Folge, „dass wir die Kinder medien -

kompetent machen wollen, sie aber in

Wirklichkeit medieninkompetent bezüglich der

alten Medien machen“.

Wie bei allen anderen Schulen werde auch an

Waldorfschulen das Ziel verfolgt, „dass am Ende

ein Schüler rauskommt, der kompetent, sprich

me dien mündig ist“. Hübner ist es wichtig, dass

ein Schüler „Medien gezielt nutzen kann“ und

„souverän ist zwischen den verschiedenen Me -

dien.“ Durch zu intensive Nutzung, beispielsweise

eines Tablets, könnten die Kinder lebensunfähig

und medienunmündig gemacht werden, warnt

Hübner. Sie könnten von einzelnen Geräten

abhängig werden. „Ich muss mich selbst beherr -

schen können, wenn ich etwas anderes be -

herrschen will“, sagt er, „und fähig sein, mal zwei

Tage ohne auszukommen“. Hübner hofft, dass

man „die Geräte gezielt einsetzt, wo es Sinn

macht“, dabei aber das Buch und die Handschrift

nicht vernachlässigt.

Dieter Umlauf, Pädagoge und Medien fach -

berater am Schulamt Fulda, hat sich um fassend

mit der Thematik beschäftigt. „Ich bin seit 1988

Lehrer und stelle fest, dass wir Lehrpläne leider

nicht neu denken, sondern nur neu schreiben, das

ist ein ganz großes Problem.“ In Ländern wie

Südkorea dagegen hätten digitale Medien eine

„große Selbstverständlichkeit“ und würden – im

Gegensatz zu Deutschland – nicht tabuisiert.

Umlauf sagt, wir geben „den Kindern nicht die

Möglichkeit, schon im Vorschulalter oder in der

Grundschule damit einzusteigen.“ Sie würden

nicht auf das Lernen mit digitalen Medien

vorbereitet.

Bei der Frage, ob digitale oder analoge Medien

genutzt werden sollten, gehe es nicht um ein

entweder oder, sondern um ein sowohl als auch.

Die Schüler sollen nach seiner Aussage lernen, für

die Probleme des 21. Jahrhunderts Lösungen zu

finden. „Ich kann die Probleme von morgen nicht

mit Mitteln von heute lösen.“ Die Verwaltungen

von Schulen und Schulämtern müssten sich den

modernen Medien öffnen.

Seine Erfahrung: Es gebe zu viele Verbote, die

einen sinnvollen Einsatz digitaler Medien aus -

schließen. „Solange wir da nicht wie andere

europäische Länder progressiv nach vorne gehen,

wird es aufgrund der föderalen Struktur der

Bundesrepublik Deutschland nicht möglich sein,

bundesweit Strukturen auszubauen, die digitalem

Ler nen förderlich sind.“


2/2018 FUTURE

25

Fressen oder gefressen werden

Dutzend Neonröhren erhellen den großen Raum. Enge lange Gänge, verflochten wie im

Labyrinth. Am Rand unzählige Pappschachteln, aufgereiht in Regalen. Links und rechts in den

Schachteln gilt es zahllosen Versuchungen zu widerstehen. Vor allem die roten Schilder mit den

durchgestrichenen Preisen locken noch mehr als die auf weißem Grund.

VON FELIX MELZER

Der Boden, gekachelt mit unauffälligen

gelben Fliesen. Das Surren der

Kühlschränke, das Rollen von Eisen

auf Fliesen durchbricht die Stille. Noch

steht nicht alles in den Regalen, es ist ja

erst kurz nach Ladenöffnung. Ein Mann mit

schwarzen Haaren, blauem T-Shirt und Jeans

räumt die auf einer Palette liegende Ware in die

Regale ein. Trotzdem sind auch schon einige

Kunden da. Manche schieben für ihren Wochen -

einkauf einen Wagen vor sich her und bleiben an

jedem Regal stehen. Andere kaufen sich nur

Bedarf für den Arbeitstag: Brote, Käse, Salami,

Cola. Noch ist die Luft frisch. Kein Geruch nach

Bier von kaputten Flaschen. Es ist erst 8 Uhr. Noch

ist nicht viel los im Supermarkt an der Rosen -

steinstraße in Stuttgart.

Zur gleichen Zeit am anderen Ende der Stadt.

Zwischen Lieferwagen, Gabelstaplern und Lastern

erhebt sich vor den Toren der Stadt ein

Sammelsurium aus Obst, Gemüse, Blumen und

Fleisch. Händler bieten ihre Ware an, Kunden

laden ein. Mitten auf dem Großmarkt hat sich ein

Un ternehmen niedergelassen: Lieferladen.de. Jo -

hannes Kunkel, seit vier Jahren Geschäftsführer

von Lieferladen, beginnt seinen Arbeitstag wie

immer. Erst werden die Liefer-Routen für den Tag

geplant, im Laufe des Vormittags wird die Ware

abgeholt oder angeliefert. Bestellt werden kann

am Vortag bis 24 Uhr, geliefert wird am Folgetag.

Immer mehr Menschen kaufen Lebensmittel

im Internet. Laut einer Studie von Dialego bestel -

len viele Nahrungsmittel online, da es bestimmte

Produkte in ihrer Nähe nicht gibt. Das trifft

demnach auf drei Viertel der Befragten zu. Der

Wunsch nach Produkten, die nicht jeder Super -

markt hat, wird immer größer. Kunden legen

immer mehr Wert auf bio und lokal. Kunkel sagt,

dass „der Trend zu regionalen Produkten in

Zukunft wachsen wird“. Das beschreibt auch den

Er folg von Supermärkten wie dem Lieferladen.

Wie könnte also der Supermarkt von morgen

aussehen? Der Arbeitstag von Leon (Name geän -

dert) beginnt um 13 Uhr. Nachdem die Pakete in

Kisten verpackt wurden, belädt er den Kühlraum

des Sprinters. Leon ist Fahrer bei Lieferladen.de.

„Eine Tour geht bis Abends. Viele Kunden sind

Unternehmen, die wollen nur Milch und Obst.“

Der Rest seien Privatpersonen. Besserverdienende,

oder Leute, die sich den Aufwand für den Einkauf

sparen möchten. Johannes Kunkel ergänzt, dass

sich das Angebot an alle richtet, „die Wert auf

frische und regionale Lebensmittel legen“. Der

Kundenstamm ist breit gemischt. Es gibt die

klassische Familie mit zwei Kindern, die sich be -

wusst für Bioware entscheiden, ebenso wie das

Ren tnerehepaar, das froh ist, nicht selber ein kau -

fen gehen zu müssen.

Der Gang zum Supermarkt ist längst nicht

mehr nur für den Großeinkauf gedacht. Das Leben

ist spontaner, eingekauft wird nebenher. Davon

pro fitiert der E-Commerce. Kunkel geht davon

aus, in der Zukunft werde ein Teil des Umsatzes im

Lebensmittelhandel vom stationären zum On -

line handel verschoben. Der stationäre Handel

wird aber weiter seine Berechtigung haben. Dafür

spricht, dass nur im Supermarkt die Ware per -

sönlich angeschaut werden kann. So sieht es auch

das Institut LINK in einer Umfrage. Allerdings

werde sich die Dichte an stationären Händlern

verringern, heißt es in der Studie. „Discounter

und spezialisierte Händler werden von den Verän -

derungen weniger betroffen sein“, erläutert

Kunkel.

Es ist Abend geworden. 20.30 Uhr: Leon ist

von seiner Tour zurück. Auf dem Großmarkt ist

nichts mehr los. Vereinzelte LKW-Fahrer sind

noch da, die hier die Nacht verbringen. Leon stellt

den Lieferwagen ab. Eine halbe Stunde später

steht in der Rosensteinstraße der letzte Kunde an

der Kasse, kurz vor Ladenschluss. Es ist Leon, er

kauft sich ein Abendessen. Der überdachte

Parkplatz nebenan ist fast leer. Bis auf ein Auto.

Leon steigt ein. Dann ist der Parkplatz leer.

Foto: Pexels


26

FUTURE

mediakompakt

Vom Ast

zum Palast

Wie sieht die nachhaltige

Architektur der Zukunft aus?

Die Ausstellung „Baubionik –

Biologie beflügelt Architektur“

im Naturkundemuseum

Stuttgart widmete sich mit

neuen Forschungsansätzen

aus dem Programm

„Transregio 141“ diesem

Thema.

VON ROSALIE SCHNEEGAß

Wer bei umweltschädlicher Wirt -

schaft zuerst an Verkehr und Auto -

industrie denkt, wird überrascht

sein: Es ist die Bau branche, die

mehr Schmutz, Ener gie und

endliche Rohstoffe verbraucht als alle anderen

Industrien der Welt. 40 Prozent des Energie -

verbrauchs und 40 Prozent der Müll pro duktion

macht das weltweit aus. Gleichzeitig ist es

unmöglich – im Gegenteil zu Plastikmüll oder

importierten Nahrungsmitteln – auf Woh nen zu

verzichten. Angesichts des Klimawandels und der

Ressourcenknappheit ist es eine der größten

Herausforderungen von Wissenschaft und Ar -

chitektur, hier neue Lösungen zu finden. Wie

schaffen wir es, mehr Menschen auf weniger

Fläche unterzubringen? Wie lassen sich Häuser

aus lokal verfügbaren, nachwachenden Roh -

stoffen ohne Müll herstellen? Wie können wir

künftig wohnen, ohne für Heizung, Licht zu viel

Ressourcen zu verbrauchen und Schadstoffe zu

emittieren?

Die Baubionik ist da ein vielversprechender

Ansatz. Denn all diese Anforderungen erfüllt die

Natur bereits. Alle pflanzlichen Strukturen nutzen

Sonnenenergie. Ihre Konstruktionen gehören zu

einem natürlichen Kreislauf, in dem sie entstehen

und abgebaut werden. Zudem sind Pflanzen in der

Lage, sich bei Schäden selbst zu reparieren und

mechanischen Beanspruchungen anzupassen.

Für einen Sonderforschungsbereich der

Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der

Ende 2014 eingerichtet wurde, arbeiteten Archi -

tekten, Biologen und Ingenieure aus Stuttgart,

Tübingen und Freiburg an naturinspirierten

Foto: Kovalenko

neuen Konzepten für die Architektur. Die

Ergebnisse des Projekts mit der Bezeichnung

„Transregio 141“ waren im Naturkundemuseum

Stuttgart ausgestellt.

Die einzelnen Projekte widmeten sich ganz

verschiedenen Fragestellungen. Dabei geht es um

be wegliche und verformbare Elemente, neues

Foto: Strelitzia, Reginae, Lienhard, Baumann


2/2018 FUTURE

27

Design und moderne, abbaubare Materialien. So

wird zum Beispiel erforscht, welche Rolle tech -

nische Textilien in der Architektur der Zukunft

spielen könnten. Professor Götz T. Gresser, Leiter

des Deutschen Instituts für Textil- und

Faserforschung dazu: „Technische Textilien

haben eine ausgesprochen hohe Inno -

vationskraft. Sie sind leicht und flexibel und las -

sen sich deshalb im Faserverbund für Leicht -

baukonstruktionen in der Architektur

her vorragend einsetzen.“

Ein weiterer Ansatz, der in der Ausstellung zu

besichtigen war, beschäftigt sich mit verzweigten

Stahlstützen, die pflanzlichen Verzweigungen

sehr ähnlich sind. Stahlstützen sind in der Her -

stellung meist teuer und energieaufwendig,

Pflanzen dagegen bringen ähnlich stabile,

komplexere Verzweigungen durch natürliches

Wachstum hervor. Dabei halten sie mühelos

Wind und Regen stand und sind hochindividuell.

Kei ne Verzweigung gleicht vollständig der an -

deren. Von den Astkonstrukten unserer

heimischen Bäume bis zum Säulenkaktus: Die

Baubioniker suchen möglichst viele pflanzliche

Vorbilder, erstellten danach 3-D- Com -

putermodelle von ihnen und testen diese mit tels

Simulationen auf mechanische Belas tungen.

Verzweigungen mit symmetrischen Aufbau von

drei oder vier gleichwertigen Ästen, die man zum

Beispiel beim japanischen Pa pierbusch findet,

dienten als Vorbilder für echte Konstruktionen.

So sind Ergebnisse der Baubionik zum Beispiel in

Stuttgart am Flughafen zu sehen.

Ein Gebäude muss viele Anforderungen

erfüllen: Es soll stabil sein, eine angenehme

Innen atmosphäre haben, Leitungen für Strom,

Gas, Wasser, Heizung und Daten besitzen.

Architekten haben seit langem die Fun -

Foto: Kovalenko

ktionsweisen von Tieren und Pflanzen im Auge,

um sich Anregungen aus der Natur für ihre

Konzepte zu holen. Der Sonderforschungsbereich

„Transregio 141“ hat viel dafür getan, dass Häuser

in Zukunft nachhaltiger gestaltet werden.

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Der gesetzliche Schutz

ist unzureichend!

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28

FUTURE

mediakompakt

Foto: Pexels

Next Level: Medizin

Medizinstudenten üben eine OP – der Patient leidet am grauen Star. Die getrübte Linse

wird vom Auge abgelöst und durch eine neue ersetzt. Ein kurzer Moment reicht, um das Auge

des Patienten schwer zu verletzen. Nicht aber hier, es wird in der virtuellen Realität geprobt.

VON MICHELLE JEHLE

Was bisher vor allem in der Gam -

ing-Industrie angewandt wird, hält

Einzug in die Medizin. Patienten

mit schweren Ver brennungen

können dank der VR-Tech nologie

auf Schmerzmittel während der Ver bandswechsel

verzichten. Mittels einer speziellen Brille und

eines Headsets werden die Pa tien ten in die

Snow-World versetzt, eine an der Universität

Washington entwickelte Win terlandschaft.

Der Patient bewegt sich dabei durch eine

Schnee landschaft, inklusive Pinguinen und

Schnee ballschlacht. Die Ablenkung soll Schmer -

zen lindern – und das um bis zu 50 Prozent. Ähn -

liche Ergebnisse werden sonst durch Morphium

erreicht. Positive Nebeneffekte der Be handlung:

Es wird keine Abhängigkeit erzeugt und die

Wahrscheinlichkeit einer Depression bei Lang -

zeitpatienten verringert.

Auch in der Behandlung von Suchtproblemen

oder Phobien findet VR Anwendung. So berichtet

die Barmer Krankenkasse von Patienten, die ihrem

Suchtmittel ausgesetzt werden und lernen, diesem

zu widerstehen. Eine Vorbereitung auf die Zeit

nach der Therapie. Arachnophobiker werden mit

virtuellen Spinnen konfrontiert, um ihre Angst zu

überwinden. Die Therapie ist besser zu kon -

trollieren, leichter umzusetzen und kosten -

günstiger als die traditionelle Form.

Neben dem Einsatz als „alternative Heil -

methode“ wird VR auch als Lehrmittel eingesetzt.

Studenten können lebensrettende Maßnahmen

ohne Gefahr üben. Sei es bei einer Operation am

Gehirn oder im Umgang mit Traumapatienten.

Vir tuelle Realität ermöglicht schnelleres und

sicheres Lernen, bereits gewonnenes Wissen kann

auf die Probe gestellt werden. Eine Prozedur, die

bei Flugzeug-Piloten gang und gäbe ist. In Zukunft

soll es möglich sein, Behandlungsmethoden am

vir tuellen Patienten zu erforschen.

Kritik wird aber geäußert, alles kann die neue

Technologie laut der Wissensseite der „Welt“

nicht erzeugen. In der Handhabung mit der VR

erleben die Studierenden nicht, wie sich die

Netzhaut anfühlt, die mit der Pinzette berührt

wird. Die Übung kann theoretisch im T-Shirt

durchgeführt werden – und doch sitzen die Stu -

dierenden dort im Kittel, um ihr Gehirn aus -

zutricksen. Dass dieser Trick auch tatsächlich

funktioniert, bestä tigen viele der Operierenden.

Sie sagen, sie hätten etwas gespürt und nach dem

Eingriff die Pinzette am Kittel abgewischt. Eine

echte, trockene und un benutzte Pinzette.

Die virtuelle Realität kann die Studierenden

nicht auf den Moment vorbereiten, in dem sie

einem Patienten eine schlechte Nachricht

überbringen müssen. Oder der Familie berichten

müssen, dass die Mutter die schwere Operation

leider nicht über standen hat. Sie kann Menschen,

die eine Hand oder ein Bein verloren haben, die

Glied maßen nicht zurückgeben. Und sie kann Be -

troffene nicht von deren Depression heilen.

Dennoch bietet die virtuelle Realität viele

Möglichkeiten, den Menschen zu helfen und The -

rapien zu unterstützen. Sie kann die Grundlage für

die Erforschung neuer Behandlun gen sein und

den Studierenden die Scheu vor den Umgang mit

dem menschlichen Körper nehmen.

Noch wird der Einsatz der Virtual Reality in der

Medizin von vielen Experten eher belächelt als be -

fürwortet. Es ist nicht mehr als ein Nice-to-have,

das aus der Gaming-Welt in die Wissenschaft

schwappt. Es liegt an uns, sich auf die Tech nologie

einzulassen. Und bereit zu sein für das nächste

Level der Medizin.


2/2018 FUTURE

29

Die Motivation

am Weltuntergang

Alles was den Weltuntergang

zelebriert, wird verschlungen.

Wenn der Mensch die

dystopische Zukunft der

Realität vorzieht, muss mit

uns etwas im Argen liegen.

VON LISA SCHULER

Donald Trump fördert das Lesen! Ja, das

mag erstaunen. Schließlich ist der

US-Präsident hauptsächlich für seine

auf 240 Zeichen limitierten Aussagen

bekannt, die sich stilistisch durch die

Verwendung vieler Adjektive und kurzer Sätze

auszeichnen. Wirklich traurig. Denn mit seiner

Vereidigung zum mächtigsten Politiker der Welt

katapultierte er einen fast ebenso alten Roman an

die Spitze der Bestsellerlisten. George Orwells

„1984“ musste sogar nachgedruckt werden, um

das Verlangen der Massen zu stillen.

Ein Unternehmer wird Präsident und weckt

ein Bedürfnis nach Weltuntergangsliteratur?

Interessant. Hieß es nicht „Make America Great

Again“? Was wird es sein? Die amerikanische

Uto pie oder Orwells düstere Zukunft mit Dikta -

tor, Überwachungsstaat und Wahrheits mini -

sterium, das die Geschichte umschreibt und

propagiert. Es dürfte eine Frage der Perspektive

sein. Alternative Fakten? Vielleicht. Fakt ist, dass

die Faszination von Utopie und Dystopie sogar

noch älter ist als der Mann im Weißen Haus.

Es war einmal die Utopie. Oder, um es

genauer zu sagen: eher keinmal. Denn die Utopie

besticht dadurch, nicht zu sein. „Nicht-Ort“

heißt sie auf Griechisch, etwas das nirgends ist.

Und doch stellt sie die ideale Gesell schaft dar. Ein

Versprechen der Voll kommen heit. Aber ein

unerreichbares.

Die Utopie ist das vom Menschen geplante

Paradies, ganz ohne göttlichen Bestimmer. Wenn

das Wolkenschloss untergeht, die Utopie

scheitert, nennt man es Dystopie. Sie ist das ver -

lorene Paradies. Als „schlechter Ort“ übersetzt, ist

sie realer und versteckt sich in zahlreichen

Gewändern: apokalyptisch, post-apokalyptisch.

Oder: weder noch.

Wichtig ist, dass sie die Negation der Utopie ist.

Die Manipulation des Individuums durch die Ge -

sellschaft. Perfektion zu Lasten der Freiheit. Dieser

Albtraum wird stetig auf neue Weise in ver -

schiedenen Medien erzählt.

Ein wiederkommendes Wiegenlied. Als wolle

der Mensch sich selbst mit der dunkelsten Zukunft

quälen. Der Mensch als Masochist? Wohl eher als

Realist, denn in jeder Dystopie steckt ein Körnchen

der Gegenwart.

Foto: Pixabay

Eine Not, die es zu beseitigen gilt. Ein Ideal, das

angestrebt wird. Eine Technologie, die das Leben

erleichtern soll. Es ist ein absolutes Armutszeugnis

der menschlichen Geschichte, dass einfacher an

Dys topien zu glauben ist als an Utopien. Und

wenn die Vergangenheit von fanatischen Idealis -

ten und machtergreifenden Tyrannen ge prägt ist

und in der Gegenwart uns ihre Nach folger

terrorisieren.

Hoch lebe die Dystopie!


30

SOCIETY

mediakompakt

Generation

Zukunftsangst!

Das nächste Kapitel steht an:

die Zeit unseres Lebens. Du bist

nicht bereit? Jederzeit kann es

losgehen. Doch irgendetwas

fehlt noch. Wo sind all unsere

Pläne geblieben?

VON LAURA HOLZINGER

Foto: Pexels

Achttausendsechshundertfünfzig. So vie -

le Ergebnisse erhalte ich, wenn ich den

Begriff „Zukunftsangst“ google. Ein

Definitionsvorschlag: „Zukunftsangst

bezieht sich auf all die Dinge, die

möglicherweise noch kommen können und mit

denen wir eventuell in der näheren oder auch

ferneren Zukunft zu tun bekommen. Zukunft s -

angst lähmt, belastet und beschäftigt aber schon

heute und im Hier und Jetzt.“

Ich kenne das Gefühl. Mich überkommt es

jedes Mal, wenn mir diese eine, verdammte Frage

gestellt wird: „Weißt du schon was du nach dem

Studium machst?“ Für einen kurzen Moment bin

ich dann wie „gelähmt, belastet und beschäftigt“

(Danke, Google!). Aber wie darauf antworten?

Man will nicht wie ein orientierungsloser Student

rüberkommen.

Jetzt zu sagen, man weiß es noch nicht, weil es

einfach so ist, wäre zu unverschämt ehrlich. Und

auch wenn wir eigentlich wissen, dass es okay ist,

nicht jeden weiteren Schritt akribisch geplant zu

haben, wollen wir doch den Eindruck vermitteln,

die Planung der Zukunft sei in vollem Gange.

Meine Antwort auf die immer gleiche Frage, eine

Aneinanderreihung von nichtssagenden Floskeln,

habe ich längst per fektioniert. Wenn mein Gegen -

über alle Signale richtig deutet, fragt er nicht

weiter nach.

Willkommen im Club der Twentysomethings.

Willkommen in der Quarter-Life-Crisis. In der

Generation Zukunftsangst. Unsere Ängste, unsere

Probleme sind sehr persönlich. Nach einer kurzen

Recherche stelle ich fest, es geht vielen so. Die

meisten Betroffenen haben ihr Studium beendet.

Grund zur Freude? Nicht wirklich. Das Problem:

Wir sehen die Zukunft vor lauter Möglichkeiten

nicht mehr. Die Angst, man könnte vielleicht die

falsche Entscheidung treffen und dadurch eine

wei tere unattraktive Lücke im Lebenslauf ris -

kieren, lähmt, belastet und beschäftigt eine

gesamte Generation. Auch wenn es für Außen ste -

hende „nicht so schlimm“ ist, besteht die Gefahr,

in dieser Phase stecken zu bleiben.

Unser Umfeld ist allerdings nicht so ganz

unschuldig daran. Alle um uns herum versuchen

uns permanent einzutrichtern, wie schwer es sei,

einen guten Job zu finden. Wir sollten froh sein,

wenn uns nach dem Studium überhaupt jemand

nimmt. Alles sei viel zu gefragt, viel zu teuer. Eine

wahre Gehirnwäsche , der wir uns eigentlich

schon seit dem Abitur unterziehen.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass all

diese Ängste Quatsch sind. Wir sollten einfach

loslegen. Womit? Völlig egal! Wenn ich mich

nach meinem Studium zur Kosmetikerin um -

schulen lassen, nochmal studieren oder ein

Startup gründen will, dann kann ich das ver -

dammt nochmal tun. In zehn Jahren werden wir

uns garantiert alle wünschen, heute, hier und jetzt

nicht solange gezögert zu haben. Wir sind quali -

fiziert und mehr als bereit, weil wir endlich etwas

bewegen und gebraucht werden wollen.

Also: Los geht‘s

FÜNF TIPPS

è

è

è

è

è

Darüber reden. Du wirst sehen, wie

vielen es genauso geht wie dir. Das

erleichtert ungemein!

Triff dich mit einem Kumpel, der

mit 35 immer noch studiert.

Schreibe Leute mit interessanten

Jobs auf Xing oder LinkedIn ein -

fach mal an, und lass dir von ihnen

erzählen, was sie machen.

Vor allem: Lass dir nichts erzählen.

Schon gar nicht von Leuten, die

ihr Leben lang denselben Beruf

ausüben und auch noch total

unzufrieden damit sind!

Denk‘ daran, dass du irgendwann

mal auf diese Phase (ja, es ist nur

eine Phase) zurückschauen und

dich darüber schlapplachen wirst,

wie unbegründet deine Sorgen

doch waren.


2/2018 SOCIETY

31

Drum prüfe,

wer sich ewig bindet

Wer auf die Liebe seines Lebens trifft, muss nicht zwangsläufig vor den Altar treten – das

moderne Märchen sieht, wenn überhaupt, auch andere Beziehungsmodelle vor.

Über die Beziehung im Wandel der Zeit.

VON VANESSA SANTOS

Beziehung ist eines der meist disku -

tierten Themen in den Medien. Wer

der Flut an Artikeln Glauben schenkt,

kommt zum Schluss, dass sie kein

Leben lang halten. Es wird auf

Scheidungsquoten und eine sinkende Anzahl an

Eheschließungen verwiesen. Beziehungen werden

kürzer und vor allem komplizierter. Oft wird von

einer Befristung gesprochen, als würden Paare

bereits bei Beginn auf ein Ende hinarbeiten.

Es könnte der Anschein entstehen, dass heute

weniger Paare vor den Altar treten. Statistisch

betrachtet hat die Anzahl an Eheschließungen

jedoch zugenommen und die Scheidungsquote

liegt nur noch bei 39,56 Prozent. Die Bereitschaft

zu heiraten ist also vorhanden, allerdings hat

innerhalb der vergangenen Jahre eine Neu -

interpretation der Beziehung stattgefunden – eine

gute Partnerschaft muss nicht mehr zwangsläufig

in einer Ehe enden.

Auch die Rollenverteilung ist nicht mehr so

festgesetzt. Wer die Ehe im Wandel der Zeit

betrachtet, stellt fest, dass sie früher einer

Zweckgemeinschaft

gleichkam, bei der

vor allem die finan -

zielle Ab sicherung

und der Fort be -

stand der Familie

im Mit telpunkt

standen.

Wie Marion Stel ter, freiberufliche Psychologin

und Paar thera peutin in Stuttgart, sagt, ist die

heutige Vor stellung der Ehe eher romantisch

geprägt. Es wird nicht erwartet, dass die Frau

zuhause bleibt, um sich um Mann und Kinder zu

kümmern. Frauen haben die gleichen Rechte wie

Männer, streben nach privater und beruflicher

Selbstverwirk lichung und haben ganz andere

Möglich keiten als etwa vor 50 Jahren.

Neben der Ehe haben sich neue Familien und

ganz neue Beziehungsformen entwickelt:

Ein-Eltern-Familien, auch nicht eheliche Lebens -

gemeinschaften und Partnerschaften, bei denen es

keine gemeinsame Wohnung gibt oder Fern -

beziehung geführt werden.

Daneben wird – besonders in Großstädten –

das Single-Dasein zur Norm. Während sich

klassische Beziehungsmodelle auf zwei Partner

beschränken, sind bei einer offenen Beziehung

auch Seitensprünge erlaubt. Viele Menschen

wollen nicht in einer Partnerschaft leben und

geben sich mit zwanglosen One-Night-Stands

zufrieden. Mag man jemanden, aber ohne Ver -

pflich tungen einzugehen, entscheiden sich

manche für eine lockere Affäre, bei dem der Sex im

Vordergrund steht.

Wer es noch komplizierter haben möchte,

bezeichnet sich als Mingle – zwei Menschen, die

zwar eine körperliche Beziehung führen und als

Freunde viel Zeit miteinander verbringen, aber

nicht wirklich zusammen sind. Niemand will auf

etwas verzichten, jeder hat die Angst etwas zu

verpassen. Dabei suchen viele das perfekte

Gegenüber. Das Gefühl, der Partner sei

nicht genug, macht sich schon

bei der kleinsten Unstimmigkeit breit. Aber wäre

es vor 50 Jahren nicht auch so gewesen, wenn die

Möglichkeit bestan den hätte? In einer Welt, die

darauf aus gelegt war, dass eine Frau nur Ehefrau

und Mutter blieb, gab es wenig Spielraum, auszu -

brechen. Eine Trennung war aus finanziellen

Gründen häufig unmöglich, dagegen sind heute

meist beide Partner finanziell unabhängig. Es

muss nicht immer zur Trennung kommen, sagt

die Paar therapeutin. Es gebe Paare, die um ihr

Glück kämpfen: „Oft bleibt in einer Beziehung die

Romantik auf der Strecke, Ver änderungen im

Leben führen dazu, dass man denkt, nicht mehr

zusammenzupassen“, sagt sie. Stress, eine unter -

schiedliche Lebensgestaltung und wenig Zeit

füreinander – das seien alles Gründe für den

Wunsch einer Trennung. „Das eigentliche Pro -

blem liegt darin, dass eine Therapie oft als letzte

Rettung gesehen wird. Dabei ist es weitaus

schwieriger einzulenken, wenn bereits so viel

kaputt gegangen ist.“

Marion Stelter,

freiberufliche Psychologin in Stuttgart:

https://www.beziehungsmuster.de/

Foto: Pexels


32 SOCIETY

mediakompakt

Foto: Pexels

Regional, gesund und

voll im Trend

Der Einkauf von Lebensmitteln heute ist so einfach: Im Supermarkt können wir einkaufen,

was wir wollen. Zusätzlich können wir online bestellen und uns die Lebensmittel nach

Hause liefern lassen. Wir sind bestens versorgt. Warum sollten wir Zeit und Mühe in

Kauf nehmen, regionale Produkte auf den Teller zu bekommen? Eine Spurensuche.

VON ISABELL WIELAND

Für immer mehr Kunden sind regionale

Lebensmittel das neue Bio. Wer wissen

möchte, was in seinem Essen ist und wie

viele Kilometer es zurückgelegt hat, kann

nicht nur auf Wochenmärkten, sondern

auch in Stuttgarts Hofläden Waren regionaler

Bauern kaufen. Den Trend haben die Gründer

von „StadtLandEi“ erkannt und zusammen mit

dem Stuttgarter Start-Up „smark“ die Kessel-Kiste

am Hauptbahnhof ins Leben gerufen. Seit Juli

2017 können an einem automatisierten Holz-

Pavillon in der Haupthalle rund um die Uhr

regionale Produkte eingekauft werden: Eier,

Maultaschen, Spätzle, Linsen und vieles mehr.

Fernab von Biosiegeln beurteilen die Gründer

Thomas Baur & Adnan Ribic anhand von Kriterien

wie Tierhaltung, Herkunft, Nachhaltigkeit oder

dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, welche

Pro dukte sie anbieten. Das schöne daran: Man

kann sich direkt am Automaten über Herkunft, Er -

zeuger und Nährwerte informieren.

Im Februar 2018 wurde der zweite Standort in

Stuttgart eröffnet. Im Westen findet sich das

Kessel-Lädle direkt gegenüber der U-Bahn Halte -

stelle Schwab-/Bebelstraße mit über 150 Lebens -

mitteln aus der Region. Eine Neuheit dabei ist der

Verkauf von frischen Waren wie Obst und

Gemüse. Auch das Kessel-Lädle hat sozusagen

rund um die Uhr geöffnet. Neben den Waren ist

auch der Aufbau der Kessel-Kiste und des Kessel-

Lädles regional. Zusammen mit der Kreativ- und

Upcycling-Schmiede Kesselholz-Design wurden

die Holzfassaden umgesetzt. Das Holz stammt aus

alten Gebäuden aus Stuttgart und Umgebung.

Doch Hofläden lassen sich nicht nur in der

Stadt finden, viele Landwirte veräußern direkt auf

dem eigenen Hof ihre Produkte. Der Einkauf im

Hofladen kann so zum Erlebnis für Groß und

Klein werden. So lässt sich alles darüber erfahren,


2/2018 SOCIETY

33

Foto: Smark

wie Tiere gehalten, ob und welche

Pflanzenschutzmittel benutzt werden und wie

Landwirtschaft funktioniert. Wer mal ein Ei pro -

bieren möchte, dass am gleichen Tag gelegt

wurde, sollte bei einem der Hofläden vorbei -

schauen.

Doch es gibt es viele andere Möglichkeiten,

Gemüse in Stuttgart und der Region selbst

anzubauen. Denn Naturbegeisterte können

frisches Gemüse auf den Teller zaubern, ohne

gleich aufs Land ziehen zu müssen. Das Team von

„meine ernte“ beispielsweise vermietet kleine

Gärten und garantiert eine Ernte während der

gesamten Saison.

Und so funktioniert es: Die Miet-Gärten

werden im Frühjahr vom Landwirt mit mehr als

20 Gemüsesorten besät. Ab Saisonstart können

die Mieter den eigenen Garten genießen und ler -

nen, welche Sorten wie und wann wachsen.

Gartengeräte und Wasser zum Gießen werden

gestellt. Frischer und gesünder geht es nicht!

Zusätzlich gibt es ein Beratungsangebot mit ei -

nem Gärtnerbrief per E-Mail, Sprechstunden mit

dem Landwirt und vieles mehr.

Wer sich nicht gleich die Pflege eines ganzen

Gartens zutraut, kann sich dem Trend „Urban

Gardening“ anschließen. Ziel ist, auf ungenutzten

Flächen frisches Grün anzubauen und eine

umwelt freundliche Versorgung mit Lebens -

mitteln zu garantieren. So entstehen immer mehr

Pro jekte, etwa auf leeren Parkplätzen. Der eigene

Bal kon kann aber auch in ein Obst-Paradies

verwandelt werden. Urban-Gardening-Anhänger

sind sehr kreativ: Beete werden in alten Auto -

reifen, ausgetragenen Schuhen oder auf -

geschnittenen Tetrapaks angelegt und besät.

Nicht nur frisch, sondern auch gesund sind diese

Lebensmittel, denn es werden im Normalfall

keine Pflanzenschutzmittel verwendet.

Für alle Interessierten gibt es auch eine Menge

an Communities mit Tipps und Tricks, wie man

Urban Gardening am besten macht.

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34

SOCIETY

mediakompakt

Foto: Saskia Heller

Zero Waste in Stuttgart

Ein Seepferdchen umschlingt ein Wattestäbchen. Seevögel verenden qualvoll

am Strand. Inseln aus Plastik treiben im Meer. Bilder, die sich ins Gedächtnis

brennen. Was kann jeder von uns tun, um die Vermüllung der Meere einzudämmen?

VON SASKIA HELLER

Jeder Deutsche produzierte im Jahr 2015

laut einer Studie des Kölner Instituts der

deutschen Wirtschaft 37 Kilogramm

Plastikmüll. Die Recyclingrate betrug le -

diglich 49 Prozent, der Rest wird zur

Energiegewinnung verbrannt. Kritiker bemängeln

schon lange die geschönten

Zahlen der Abfallwirtschaft.

So wird ein Großteil des

Plastikmülls von China auf -

gekauft, um daraus neue

Produkte herzustellen. Und

der Abfall wird nicht einmal

direkt in Deutschland

recycelt. Für dieses Jahr hat

China eine Reform des Ab -

fallkaufs angekündigt –

minderwertiger Müllsoll

nicht mehr von westlichen

Na tionen gekauft werden.

Al so: Die Abfallwirtschaft in

un serem Land muss sich was

einfallen lassen.

Umso wichtiger ist es,

dass jeder einzelne sich Gedanken um seinen Müll

macht. Zum Beispiel darüber, ob Bananen im

Supermarkt in einer Plastiktüte zur Kasse getragen

werden müs sen. Oder ob man den Irrsinn von

gepellten und wieder in Plastik verpackten Eiern

unterstützen möchte.

Eine ausgesprochen clevere Alternative zum

Verpackungswahnsinn bietet der Supermarkt

Schütt gut im Stuttgarter Westen. Dort macht man

es sich seit drei Jahren zur Aufgabe, Produkte

nach haltig, möglichst regional und biozertifiziert

und unverpackt anzubieten. Der Kunde bringt

dazu entweder sein eigenes

Ver packungsmaterial mit oder

er kann im Supermarkt

ökologisch verträgliche Stoff -

taschen und Behältnisse in

unterschiedlichen Größen er -

werben. Das rein vegetarische

Sortiment reicht von über -

wiegend saisonalem Obst und

Gemüse über Nudeln, Körner,

Joghurt, Eiern, Käse bis zu

Backwaren.

Auch ausgefallene Produkte

wie Blütenpollen für das Müsli,

Waldmeisterfruchtaufstrich

oder als Highlight ganz frisch

Foto: Saskia Heller gemahlenes Haselnussmus

finden die Kunden in dem 53

Quadratmeter großen Supermarkt. „Das Lieb -

lingsprodukt der Kunden sind die Shampoos. Da -

von wurden 5000 Stück in zwei Jahren verkauft“,

sagt Jens-Peter Wedlich, Inhaber und Gründer

von Schüttgut. Shampoos, die äußerlich eher

Seifen ähneln, werden einzeln in Papier verpackt

und verkauft. Auch andere Drogerieartikel wie

Bambuszahnbürsten und Waschmittel erfreuen

sich großer Beliebtheit.

Allerdings: Ein Einkauf im Schüttgut-Markt

will gut vorbereitet sein. So muss sich der Kunde

schon vorab Gedanken machen, welche Menge er

tat sächlich benötigt und wie er die Waren trans -

portieren will. Genau dadurch werde laut Wedlich

der Verschwendung entgegengesteuert. Das

Konzept komme gut an. Nicht nur Stuttgarter kau -

fen hier gern ein. „Wir haben ein riesiges

Einzugsgebiet. Die Kunden fahren aus Heilbronn,

Tübingen, Ludwigsburg zu uns, sogar aus

Altensteig waren neulich welche da.“

Doch was kann man nun tun, wenn die Fahrt

zum Zero-Waste-Supermarkt zu weit ist? Mit

selbstgenähten Stoffbeuteln, zum Beispiel aus al -

ten Gardinen, lassen sich zumindest die

Plastiktüten im Obst- und Gemüsebereich ein -

sparen. Bei Joghurt, Milch, Senf, Öl und Essig wäre

es vorstellbar, vollständig auf eine Plas -

tikverpackung zu verzichten und dafür lieber

Mehr weg-Gläser kaufen. Wurst, Käse und Brot

bes ser an der Theke kaufen, so sind auch kleine

Men gen möglich. Positiver Nebeneffekt: Es ent -

stehen weniger Reste. Mit ein wenig Überlegung

fallen jedem von uns sicher noch mehr Wege ein,

Müll zu vermeiden.

www.schuettgut-stuttgart.de


2/2018 SOCIETY

35

Von Apple-Jüngern und

Sneaker-Sammlern

Aufgeschlagene Zelte, Feldbetten und Schlafsäcke, junge Menschen sitzen in

Decken eingewickelt auf Campingstühlen – klingt nach einem lustigen

Camping-Ausflug. Nur die Location ist ungewöhnlich: mitten in der

Stadt wird tagelang kampiert. Doch warum?

VON LUCCA REDER

Stuttgart, 2015: Es sind Bilder, die man

sonst sieht, wenn ein Pop-Star in die

Stadt kommt, und man unbedingt

Tickets ergattern will. Jugendliche und

junge Erwachsene, sie haben teilweise

extra den Weg aus anderen Städten auf sich

genommen, kampieren vor dem Schuhgeschäft

„Foot Locker“ in der Stuttgarter Königstraße – be -

waffnet mit Zelten, Liegen, Campingstühlen und

Decken.

Und wofür? Für ein Paar „Yeezy Boost“.

Schuhe des Rappers Kanye West in Kooperation

mit Adidas. Doch nicht jeder bekommt die be -

Foto: Pexels

gehrten Treter. Es geht darum, ein VIP-Armband

zu ergattern, das am Release-Tag der Sneaker ge -

gen ein Paar der begehrten Treter eingetauscht

werden kann – die Armbänder werden nach dem

Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“

vergeben. Die Adidas „Yeezy Boost“ kosten circa

350 Euro. Die Kampierer selbst bezeichnen sich

gern als „Sammler“, teilweise verkaufen sie die

Schu he im Internet dann deutlich teurer an

Gleichgesinnte weiter.

Gehen wir der Sache noch etwas weiter auf

den Grund: Für einen ganz normalen Schuh

würde sicher niemand Schlange stehen. Wenn

der Name eines berühmten Künstlers oder das

Logo einer angesagten Marke drauf steht, wollen

es plötzlich ganz viele haben, um ein Status -

symbol zu besitzen. Oder, um Ein druck bei

Freunden und Verwandten zu schinden.

Ein weiteres Beispiel ist das Apple-Phänomen:

Seit Jahren schlagen die Fans des Herstellers miot

dem angebissenen Apfel im Logo ihre Lager vor

den Stores auf, wenn der Release eines neuen

iPhones ansteht. Bei Apple wurde dieses

Phänomen sozusagen geboren. Anhänger des an -

gebissenen Apfels kaufen jedes Jahr das aktuelle

Mo dell des Smartphones. Unabhängig davon, ob

das vorige noch funktioniert oder nicht.

Das ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. So

fängt die Markensucht bei Apple-Jüngern nicht

erst an, wenn ein neues iPhone herauskommt. Bei

den Apple-Messen, wenn die berühmten Keynotes

(früher von Steve Jobs persönlich), gehalten wer -

den, verharren die Apfel-Anbeter stundenlang vor

den Toren und warten auf Einlass. Und neben

Fan-Foren gibt es Stammtische oder teilweise so -

gar gemeinsame Sommerausfahrten. Klingt ver -

rückt? Ist aber die Wahrheit.

In einer WDR-Reportage war zu sehen, wie

Apple-Nutzer, die ihrem neuen iPhone amouröse

Gesten entgegenbrachten, in einen Magnet -

resonanztomographen (MRT) gesteckt wurden.

Abwechselnd wurden Produkte von Samsung und

Apple gezeigt. Während die Handys von Samsung

eher vernunftbetonte Hirnareale aktivierten,

regten die Apple-Geräte das Gehirn dort an, wo in

der Regel emotional assoziierte Gesichter, etwa die

von Freunden oder Verwandten, erkannt werden.

Die Nutzer entwickelten eine emotionale Be -

ziehung zu ihrem Smartphone. Die Beispiele

zeigen deutlich, wie groß die Markenorientierung,

beziehungsweise der -zwang in der heutigen – vor

allem jüngeren – Gesellschaft geworden ist. Be -

reits in Schulen wird von Mobbing-Fällen

berichtet, weil ein Klassen kamerad No- Name -

Klamotten trägt. Jeder ver nünftig den kende

Mensch sollte sich an den Kopf fassen.

Es lohnt ein kritischer Blick auf die

Werteverteilung in der Gesellschaft und deren

Vermittlung in der Erziehung der Jüngsten. Bei all

dem kommt die Frage auf, ob mit dem Kampieren

vor den Stores die höchste Stufe der Markensucht

erreicht ist oder ob in den nächsten Jahren ein

neuer, noch abgefahrener Trend aufkommt.

Wir sind auf jeden Fall gespannt!


36

SOCIETY

mediakompakt

Stilles

Örtchen,

oder doch

nicht?

Es könnte so einfach sein, auf

den Topf setzen und Wasser

marsch. Leider ist das nicht

immerder Fall, oft ist das WC

verschmutzt, oder es gibt

einfach kein Klopapier. Für

einige ist das größere Übel

nicht die Ausstattung,

sondern die Entscheidung vor

der Tür: Damen oder Herren?

VON ANZHELIKA GOLENKRIN

Foto: Pixabay

Stauwarnung: „Vorsicht vier Kilometer

stoppender Verkehr auf der Autobahn

81, zwischen Toiletten tür und Klo -

schüssel“. So fühlt sich oft der Gang zum

WC für uns Frauen an. Und wir alle

haben in so einem Moment schon neidisch zur

Seite geschaut. Wie eine gut ge ölte Maschine läuft

ein Mann rein und wieder raus, ohne auch nur

einen Hauch von einer Warteschlange.

Dabei ist die Lösung so nah, aber zugleich

doch so fern. Unisex-Toiletten! Diese würden

nicht nur Vorteile für die hetero sexuellen

Besucher haben, sondern auch helfen die LGBTI -

Community mehr zu integrieren.

„Wir alle in einer Toilette zusammen und

gemeinsam?“, denkt sich der Unwissende im

ersten Moment, und er malt sich das Schlimmste

in seiner Fantasie aus. Doch die Realität ist nicht

so dramatisch. Denn die Unisex-Toiletten

bestehen aus einzelnen sanitären Anlagen, in

denen die Intimität der Besucher bewahrt wird.

Mehr Sorgen vor sexuellen Überfällen als zuvor

muss man sich dadurch nicht machen.

Insbesondere für Transgender, Transsexuelle

und Intersexuelle wären Diskriminierungen und

Unwohlsein auf dem stillen Örtchen nicht mehr

an Tagesordnung. René Hornstein, Vorstands -

mitglied im Bundes verband Trans*, und jemand,

der sich ungerne für ein bestimmtes Ge schlecht

definieren lässt, kennt alle diese Szenarien, die

sich hinter den WC-Türen abspielen. Dabei

fühlen sich Transgender-Frauen, die als „Mann“

geboren worden sind nicht wohl eine Damen

Toilette zu besuchen, weil sich die anderen

Besucherinnen von ihr gestört fühlen und das

auch zur Kenntnis geben. Auch hinter der

anderen Tür sieht es nicht besser, denn dort bleibt

es nicht nur bei verbalen Ausei n a n dersetzungen,

sondern kann auch in starke Handgreiflichkeiten

ausarten.

Viele Universitäten und auch viele

Hochschulen deutschlandweit setzen sich seit

Jahren für die Einrichtung von Unisextoiletten

ein. Auch bei uns stand das Thema Unisex-

Toiletten zur Diskussion, wurde jedoch leider

nicht durch gesetzt. Die Möglichkeit dazu bestand

unter anderem für den großen Neubau der sogar

mit fast doppelt so vielen WCs ausgestattet als

rechtlich vorgesehen. Bei so viel Überschuss

wären es keine größeren Mühen, einige Toiletten

für uns alle anzu bieten.

Foto: a.g.

WAS BEDEUTEN

DIE BEGRIFFE

LGBTI:

Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual,

Transexuell/Transgender und Intersexual, es

dient als Übergriff für die, die sich nicht zu der

he terosexuellen Gemeinschaft zählen.

Transgender:

Das bezeichnet die Gruppe Menschen, die

sich nicht mit ihrem angeborenen Geschlecht

identifizieren wollen und dies auch nach

außen hin präsentieren.

Transsexualität/Transidentität:

Sie möchten komplett als das jeweils andere

Geschlecht akzeptiert werden und sie lassen

sich mithilfe von Operationen und der Ein -

nahme von Hormonen anpassen.

Intersexuelle:

Diese Menschen besitzen von Geburt an Ge -

schlechtsorgane oder Ausprägungen bei der

Pole. Sie sind dadurch schon biologisch nicht

auf ein Geschlecht festgelegt.


2/2018 SOCIETY

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Entscheide! Dich! Jetzt!

Da ist sie wieder. Die Entscheidung, die getroffen werden will. Groß und schwer

erscheint sie, könnte den Verlauf deines restlichen Lebens bestimmen. Du

grübelst seit Stunden, vielleicht sogar Tagen oder Wochen, kommst auf keinen

grünen Zweig. Was macht man in solchen Situationen? Wir geben Tipps.

VON SANDRA EBERWEIN

Wieso fällt es uns manchmal so

schwer, uns zu entscheiden? Für Fe -

lix Rebitschek liegt es auf der Hand:

„Manchmal sind es zu wenige,

meistens zu viele, und oft die

falschen Informationen. Es liegt vor allem daran,

dass die relevanten Informationen schlicht nicht

zugänglich sind.“ Rebitschek ist wissen schaft -

licher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für

Bildungsforschung in Berlin und beschäftigt sich

einge hend damit, wie Menschen mit Ent -

scheidungen und deren Risiken umgehen. Als

Leiter eines nationalen Forschungsprojekts will er

uns im Umgang mit Entscheidungen unter Un -

sicherheit stärken. Die gute Nachricht: Es gibt

Tricks, die einem das Entscheiden leichter ma -

chen können.

Erstens: Problem erkennen und Ziel setzen

Je besser du weißt, was du von deinem

Beschluss haben möchtest, um so besser kannst

du deine Entscheidungsmöglichkeiten abwägen.

Wichtig ist, „das Problem zu schärfen”, sagt

Rebitschek. Du musst dir eine neue WG suchen,

weißt aber nur, dass du in eine schöne und gute

WG ziehen möchtest? Dann stell dir die Frage:

Was bedeutet schön und gut für dich? Ange -

nehme Mitbewohner? Ein großes Zimmer? Eine

gute Lage? Sobald du die für dich wichtigen Fak -

toren kennst, kannst du sie untergliedern und

priorisieren. Ein angenehmer Mitbewohner muss

beispielsweise freundlich, ordentlich und pflicht -

bewusst sein. Ein besonders angenehmer Mit -

bewohner kocht vielleicht sogar dein Lieb -

lingsgericht für dich, wenn du einen besonders

schlechten Tag hattest.

Zweitens: Dich nicht verrückt machen

Wissen kann helfen, gut zu entscheiden. Aber

Wissen hat nicht nur Vorteile, wie Rebitschek

beschreibt: „Je mehr Informationen man ein -

bezieht, desto höher ist das Risiko, dass man

bestimmte Informationen berücksichtigt, die nur

zufällig mit der zu treffenden Entscheidung zu -

sammenhängen oder einfach zufällig nicht zu -

sammenzuhängen scheinen.”

Ein Beispiel: Du möchtest eine neue Kamera

kaufen. Nachdem du seit Wochen recherchiert,

Preise verglichen und Testberichte gelesen hast,

scheint die Entscheidung noch schwieriger als

zuvor. Zu viele Informationen können demnach

durchaus einen negativen Effekt auf die Ent -

scheidungsfähigkeit haben, da du einerseits den

Foto: Unsplash

Überblick verlierst und andererseits nicht mehr

weißt, welche Kriterien dir wichtig sind. Re -

bitschek dazu: „Robuste Entscheidungsfindung

ver lässt sich auf eine überschaubare Anzahl von

Schlüsselinformationen, und verzichtet daher

auch auf Informationen.“

Drittens: Auf dein Bauchgefühl hören

Rebitschek bricht eine Lanze fürs Bauchgefühl.

„Jeder Experte, Topmanager, Chefarzt wird Ihnen

das bestätigen, wenn Sie danach fragen.“ Aber was

ist unser Bauchgefühl, auch Intuition genannt,

eigentlich? Das Unterbewusstsein verarbeitet und

spei chert, was wir in der Vergangenheit gemacht

und entschieden haben und merkt sich, ob die

Ent scheidung einen guten oder schlechten

Ausgang hatte. Verknüpft mit der jetzigen

Situation ahnt es, wie ein ähnlicher Beschluss

ausgehen könnte. Natürlich macht es bei

manchen Entscheidungen wenig Sinn, aus -

schließlich aufs Bauchgefühl zu hören, aber „ge -

rade bei Problemstellungen, die nicht durch die

Analyse von belastbaren Zahlen zu lösen sind”,

liefert das Bauchgefühl „belegbar erfolgreiche

Lösungen“, sagt Rebitschek.

Viertens: Mit der Entscheidung glücklich sein

Vor allem wenn du im Stress bist und nicht

mehr weißt, wo dir der Kopf steht, fällt es dir

schwer, gut zu entscheiden. Rebitscheks Tipp:

Verzichte mit gutem Gewissen ganz absichtlich

auf Optimierung. Die Methode nennt sich satis -

ficing, ein Kunstwort aus satisfying und suffice.

Sie funktioniert so: Setze dir ein „wün -

schenswertes Aspirationslevel – wie viel sollte

mindestens bei rum kommen”. Danach wählst du

die erstbeste Möglichkeit, die das erfüllt. Laut

Studien sind Satisficer nicht nur opti mistischer,

sondern auch mit ihrem Leben zufriedener – im

Gegen satz zu Maximierern, die ständig nach der

optimalen Lösung suchen (die es so häufig gar

nicht gibt).

FAKTEN

• Du triffst täglich etwa 20.000

Entscheidungen

• Mehr als die Hälfte der Deutschen

entscheidet mehr mit de Verstand

als mit dem Kopf


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SOCIETY

mediakompakt

Digitalisierung trifft Kirche

Die digitale Transformation findet in vielen Bereichen des Lebens statt und beeinflusst uns

vielfach. Orte, um aus dem gewohnten Alltag zu entfliehen, werden daher

immer wichtiger. Welche Zuflucht bietet die Kirche?

VON CLAUDIA SEIBERT

Religion bringt Menschen zusammen

und stiftet Gemeinschaft. Gläubige

versammeln sich, um Messe zu feiern

oder einfach beisammen zu sein.

Solche persönlichen Begegnungen

können aber nicht online stattfinden, das ist dem

schnelllebigen Menschen jedoch zu unflexibel.

Da bei helfen Auszeiten, dem Stress zu ent -

kommen. Die Kirche bildet einen Gegensatz zum

hek tischen Alltag, der durch moderne Kom -

munikation und ständige Verfügbarkeit

anstrengend geworden ist.

Alles das sind Anzeichen einer großen,

umfassenden Transformation: der Digitalisierung.

Sie hat das Leben in nahezu allen Bereichen ver -

ändert, zum Teilauf den Kopf gestellt und doch

gibt es unberührt gebliebene Stellen. Die Kirche

stellte lang einen Gegenpol zur Modernen dar,

aber auch dort sind heute digitale Themen zu fin -

den. Ein Internetauftritt und die Präsenz in sozia -

len Netzwerken sind gang und gäbe. Viele

Stimmen sind bereits der Meinung, es finde eine

Art Medienreformation statt. Wie bei Martin Lut -

her vor 500 Jahren.

Die meisten Seelsorgeeinheiten haben mittler -

weile eine Webseite, auf der sie sich präsentieren,

etwa, um Termine oder Uhrzeiten für Gottes -

dienste mitzuteilen. Auch die Jugendarbeit nutzt

die sozialen Netzwerke. Über WhatsApp gibt es

einen Gruppenchat für die Fastenzeit über den

man Gedanken und Gebete miteinander teilen

kann. Selbst der Papst hat einen eigenen Account

auf Twitter und nimmt Stellung zu aktuellen

Themen.

Doch wie weit wird die Kirche in punkto Digi -

ta lisierung mitziehen? Geht sie über das bisherige

Maß hinaus? Öffnet sie sich sogar dem Gedanken

einer virtuellen Messe? Messen sind ja über

Fernsehen, Radio und Internet bereits live oder

per Aufzeichnung zu erleben. Der päpstliche

Segen an Ostern, der „Urbi et Orbi“ ist sogar auf

diese Weise empfänglich und gilt für alle, die ihn

über eines der Medien wahrnehmen. Momentan

gilt dies nur für diesen speziellen Fall, aber viel -

leicht kann künftig jeder Segen so empfangen

wer den.

Die Kirche hat den Wandel der Gesellschaft

verstanden. Allerdings haben viele religiöse

Themen noch immer eine starke Bedeutung. „Die

Frage nach dem Sinn des Lebens, der Bedarf nach

ge meinsam geteilten Werten, die Sehnsucht

innerer Ruhe und das Einüben von Ritualen sind

Zei chen das auch die jüngere Generation noch

durchaus religiös ist“, erläutert Fabian Melchien.

Er ist Gemeindereferent der Seelsorgeeinheit

Allerheiligen in Karlsruhe. Die Kirche wird die

Digitalisierung hoffentlich für sich einsetzen und

dennoch ihre Werte nicht verändern.

Das Internet kann helfen, verlorenen

Menschen einen Platz zu geben und sie auf das

Angebot der Hilfe und Gemeinschaft aufmerksam

zu machen. Die digitale Welt kann die Kirche er -

weitern und optimieren, sie muss nur auf die rich -

tige Art genutzt werden. Tobia Luck, ehren -

amtliche Dekanatsleiterin des BDKJ Karlsruhe,

bringt es auf den Punkt: „Die Kirche kann die

Foto: Unsplash

Digitalisierung nutzen, um in allen Lebenswelten

der Menschen präsent zu sein. Und vielleicht

kann man so Menschen erreichen, die nicht von

sich aus einen Gottesdienst besuchen würden.“

Die Digitalisierung findet also bei Christen An -

klang. Es hängt jedoch von jeder Gemeinde und

je dem Menschen selbst ab, inwieweit Digi -

talisierung genutzt wird. Die Kirche kann einen

ru higen Pol in der Hektik des Alltags und somit ei -

nen Zufluchtsort für alle darstellen – und dennoch

digital auf der Höhe der Zeit sein.


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Foto: eva / Pfisterer

Liebe los!

Nächstenliebe. Ein Wort, das im ersten Moment schnell erklärt ist. Es ist die

Liebe zum Nächsten. Hört sich einfach an, oder? Von wegen!

VON LISA MAIER

Die Tür der Bahn schließt sich langsam.

Eine junge Frau kommt angerannt. Du

drückst schnell den Knopf. Die Tür

springt wieder auf. Ein etwas außer

Atem gekeuchtes Dankeschön. Andere

Szene. Eine alte Nachbarin trägt zwei schwere

Einkaufstaschen ins Haus. Du packst mit an. Ein

dankbarer Blick.

Kennt nicht jeder von uns solche kleinen

Gesten im Alltag, die unseren Glauben an das Gu -

te im Menschen stärken? Ist das christliche Nächs -

tenliebe? „Aber sicher!“ denkst du vielleicht. „Na

klar!“ sagt mein Bauchgefühl. Doch christliche

Nächstenliebe ist weit mehr als solche kleinen

Gesten.

Der Begriff „Nächstenliebe“ stammt aus einem

der Kernsätze im Alten Testament der Bibel. Dort

heißt es: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie

dich selbst“ (Levitikus 19,18). Dieser Satz hat es in

sich. Zum einen ist hier die Rede von Liebe, zum

an deren von meinem Nächsten und obendrein

auch noch von einem selbst.

Die Liebe ist die Grundhaltung der Christen.

Gott hat seinen eigenen Sohn aus Liebe zu den

Men schen hingegeben. Ist das nicht der größte

Lie besbeweis, den es gibt? Diese hingebende Liebe

verträgt kein bloßes Lippenbekenntnis. Sie er -

greift Körper, Geist und Seele. Diese Liebe drängt

zur Tat.

Und wer dieser ominöse Nächste ist, findet

man im Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Es zeigt, wie drei Menschen mit dem Opfer eines

Raubüberfalls umgehen. Ein Priester und ein Levit

gehen achtlos an dem Überfallenen vorbei, ein

Samariter leistet Hilfe. Er bringt den Verletzten in

eine Herberge und sorgt für seine weitere Pflege.

Wer ist also der Nächste hier? Das Opfer. Wie

einfach! Lautet die Frage aber: Wer ist der Nächste

für den Mann, der von den Räubern überfallen

wurde? Dann ist die richtige Antwort:

Der Samariter, der Mitleid hatte und Hilfe

leistete. In der Bibel heißt es dazu von Jesus: „Geh

hin und mache es genauso.“ Was kann man aus

dem Gleichnis lernen? Das geben, was man hat

und kann. Und das ganz ohne Erwartungen.

Die Sozialarbeiterin und Diakonin Regina

Schrempf macht das jeden Tag. Sie arbeitet in der

Wär mestube in Stuttgart, einem Angebot der

Evan gelischen Gesellschaft Stuttgart (kurz: eva).

Im Leitbild der eva heißt es, dass Diakonie Aus -

drucksform des Glaubens an Jesus Christus in tä -

tiger Nächstenliebe sei. Wie erklärt Regina

Schrempf das? „Wir wollen die Würde eines jeden

Menschen achten und beachten, dass jeder ein

Geschöpf Gottes ist. Jeder ist geliebt und

gleichwertig“, sagt sie.

Das erleben die Menschen, die von Dienstag

bis Samstag hierherkommen. Es sind Menschen

oh ne Wohnung, ohne Arbeit, ohne jeden Be -

kanntenkreis, ohne Geld. Hartz-IV-Empfänger

oder arme Rentner. Sie finden bei der eva Zu -

wendung und Gehör. Sie können essen und trin -

ken, duschen und Wäsche waschen. Außer dem

gibt es Fernseher, Zeitungen und Gesell -

schaftsspiele. Zudem verschiedene Freizeit- und

Kul tur angebote, wie zum Beispiel ein wö chen -

tlicher Singkreis, Kinonachmittage oder monat -

lich „Gespräche am Abend“.

Auf die Frage, was Nächstenliebe für sie

persönlich bedeute, antwortet Regina Schrempf:

„Für mich ist Nächstenliebe selbstlos und ehrlich

und fordert nichts. Und es bedeutet, dass man für

je manden anderen da ist und dass man versucht

ihn so zu verstehen und anzunehmen, wie er wir -

klich ist.“ Nach dem Besuch steht für mich fest:

die Wärmestube ist nicht nur im Winter ein Ort,

der Wärme. Auch im Sommer ist es ein Ort, der ge -

füllt ist mit Wärme für den Nächsten.

Nächstenliebe ist auch ohne den Glauben an

Gott möglich. Für viele ist es jedoch leichter, in Je -

sus Christus ein konkretes Vorbild zu haben.

Und klar ist auch: Man muss einen Menschen

nicht mögen, um ihn lieben zu können. Es geht

nicht um positive Gefühle oder Romantik. Die

Nächstenliebe ist eine willentliche Entscheidung.

Sie zeigt sich in vielen Kleinigkeiten. An einem ge -

drückten Knopf in der Bahn zum Beispiel oder

einer schweren Einkaufstasche.

Der US-Bürgerrechtler Martin Luther King sag -

te einst: „Jeder muss sich entscheiden, ob er im

Licht der Nächstenliebe oder im Dunkel der Ei -

gensucht leben will.“

Wofür entscheidest du dich?


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