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sinedi

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Die Leidensbiografie von Erna Kronshage

1922-1944

in Bildern . Dokumenten . Fakten .

laufend durchgesehene Updates seit 2015

116 Seiten

Erna Kronshage -

Fotoausschnitt von ca. 1938 -

mit Original-Signatur von 1943

Bearbeitetes Porträtfoto von Erna Kronshage

- sowie ihre Original-Signatur . ca. 1940/43


Wegzeichen

Wo noch Lügen liegen

wie unbegrabene Leichen

dort ist der Weg der Wahrheit

nicht leicht zu erkennen

und einige sträuben sich noch

oder finden ihn zu gefährlich

Die Wahrheit dringt vor

und schickt zugleich ihre Sucher

in die Geschichte zurück

und beginnt aufzuräumen

mit den Verleumdungen

und mit dem Totschweigen

der Toten

Vieles wird wehtun

manches verlegen machen

aber die Wahrheit ist

der Weg der Notwendigkeit

wenn das Reich der Freiheit nicht wieder

nur ein leeres Wort bleiben soll

und nur ein Gespött

für Feinde und für Enttäuschte

Erich Fried

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Lebensläufe haben ein langes Gedächtnis.

Persönliche Biographien ebenso wie die

gemeinsame Geschichte. Was sich an

Erfahrungen in ihnen aufbewahrt, kann im Laufe

der Zeit überlagert, vertuscht, verdrängt oder

totgeschwiegen, nicht aber ungeschehen gemacht

werden.

Erinnern ist mehr als bloßes zur Kenntnis nehmen.

Wer sich erinnert oder erinnert wird, dem werden

Ereignisse und Erfahrungen persönlicher und

kollektiver Vergangenheit ins Gedächtnis gerufen,

seien sie freudvoll oder schmerzlich.

Er-innern, so sagt es das Wort, geht uns innerlich

an, es betrifft uns. Manches Erinnern erfordert Mut

und Beharrlichkeit. Manches Erinnern ist eine

Pflicht, die uns der Wille zur Gerechtigkeit und

Wahrhaftigkeit gegenüber Schuld und Versagen

auferlegt. ...

„Das Denken an vergangene Angelegenheiten“,

schreibt Hannah Arendt, „bedeutet für menschliche

Wesen, sich in die Dimension der Tiefe zu

begeben, Wurzeln zu schlagen und so sich selbst

zu stabilisieren, so daß man nicht bei allem

Möglichen – dem Zeitgeist, der Geschichte oder

einfach der Versuchung – hinweggeschwemmt

wird“.

Dr. Hartmut Traub, Auszug aus dem Redemanuskript zur

Gedenkfeier für die Opfer der NS-"Euthanasie" am 27.01. 2017

im Deutschen Bundestag

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Kindheit & Schule

Klassenfoto – ca. 1930-32 – Erna 2 Reihe von oben links (weißer Pfeil)

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Erna wird 2 Wochen vor Weihnachten – am 12. Dezember 1922 – in Senne II (heute „Sennestadt“) geboren.

Sie ist das 11. und jüngste Kind – und wird sicherlich vornehmlich von den älteren Geschwistern als

Nesthäkchen „erzogen“ und betüddelt und verwöhnt.

Die Familie Kronshage lebt auf einem gepachteten Bauern-Hof, den sie auch mit vereinten Kräften

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bewirtschaftet – der Vater arbeitet noch halbtags als Betriebsschreiner in einer Fabrik.


Das Geburtshaus:

„Mühlenkamp“

Senne II – Nr. 6

um 1940

Die Verortung: Ernas Welt

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Einfahrt heute auf den Hof - "Mühlenkamp" im Hintergrund sichtbar

(s. Ausschnitt unten rechts)

Der

„Mühlenkamp“

heutzutage

heute: Verler Straße 76

33689 Bielefeld-Sennestadt

Das Haus – renoviert - heutzutage

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„Mühlenkamp“

Hof Westerwinter

Die kleine Welt der Erna Kronshage

in Senne II – mit dem „Mühlenkamp“ als

Lebensmittelpunkt… - auf heutigem Kartenund

Luftbildmaterial –

In der Nähe befindet sich der Bahnhof

„Kracks“/heute Bahn-Haltepunkt Sennestadt

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A 33

Erna Kronshages

kleine Welt:

Rotes Planquadrat:

entspricht dem „Globus“

– eine Seite zuvor …

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Typische Sennelandschaft bis in die 50er Jahre …

Dieses Postkartenmotiv zeigt die typische Landschaft in der "alten" Senne - landwirtschaftliche Nutzflächen sind

durchsetzt mit kleinen verstreuten Fichtenwäldchen, Heideplatten, Sanddünen, Sandkuhlen. Bis zum Bau

der Sennestadt in den frühen 60er Jahren war die Senne nur dünn besiedelt - zumeist mit vereinzelten kleinen

Höfen ... Ernas Wohnort Senne II war eine kleine an Sandstraßen gelegene Landgemeinde - südlich von Bielefeld

mit damals ca. 2.500 Einwohnern ...

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Senne II – OT Kracks – Ansichtskarte aus den 20er-/30er Jahren – die Kirche und der Gasthof Ramsbrock - unten rechts - als

Orts-“Zentrum“


Senne II – „Ausflugsort am Südhang des Teutoburger Waldes“ – mit dem ehemaligen Gasthof Ramsbrock - und der heute überfüllten Autobahn A 2 …

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Am Neujahrstag 1923 wird Erna in

der Kirche zu Senne II getauft

durch Pastor Jansen -

und am 21.03.1937 (Sonntag

Palmarum) wird Erna

Kronshage in der Kirche zu

Senne II von Pastor Holzapfel

konfirmiert.

Der Konfirmationsspruch lautete:

"Gott ist die Liebe; und wer in der

Liebe bleibt, der bleibt in Gott

und Gott in ihm." (1. Joh., 4,16).

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Die Großfamilie Kronshage – ca. 1930

Die Familie ca. Obere Reihe von links: Johanne (Hanna) *1913, Martha *1911, Frieda *1909, Emma *1906,

Lina *1903, Heinrich (Heini) *1905, Wilhelm (Willi) *1917, Ewald *1919

Untere Reihe von links: - ERNA *1922 (auch Bildausschnitt unten links), Anna *1902, Mama Anna

*1879, Papa Adolf *1876, Adolf *1899 15


„In den Kugeln“ - Dieses Bild des Malers Edgar Ende (1901-1965 - Vater des Schriftstellers Michael Ende)

entstand 1932 – und zeigt zum Vorabend des NS-Desasters symbolisch den gleichgeschalteten Windzug der

Industrie-Fabrikschlote – und kugelige Käfig-Globen um die Friedenstauben und um den Geist des Menschen …-

eine durch und durch schwüle hoffnungslose Atmosphäre …

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Ab 1933 ist Adolf Hitler Reichs-Kanzler in Deutschland.

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Das Pflanzen einer „Hitler-Eiche“ am „Verler Dreieck“ in Senne II – in

der Nähe des „Mühlenkamps“ (s. Karte) am 1. Mai 1933 - Erna ist zu dem Zeitpunkt

10,5 Jahre alt – und ist sicherlich mit dabei … Illustrierendes Bildmaterial


Erna besucht die

Gemeindeschule I

in Senne II

1929 - 1937

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Illustrierendes Bildmaterial aus der Zeit:

Ein Klassenraum von 1935 …

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Kopie Original-Schulentlassungs-Zeugnis für Erna Kronshage von 1937 – (Notenschnitt 1,78) 21


Arbeit als

Haustochter

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Erna Kronshage arbeitet nach der Schulzeit zu Hause als

„Haustochter im elterlichen Betrieb“

„Haustochter“ ist zu jener Zeit die offizielle

Berufsbezeichnung für eine junge Frau, die bis zu ihrer

Verheiratung die Hausarbeit durch Mittun erlernt - eine

zu der Zeit ganz übliche und verbreitete Anlerntätigkeit

in einem Fremdhaushalt oder eben auch im elterlichen

Betrieb.

Sie lebt dabei mit in der jeweiligen Familie – gegen

Taschengeld, Unterkunft, Verpflegung und Versicherung

– heute hieße das wohl: „Au-pair“, was aber meist auch

die Kinderbetreuung in einem zumeist fremden

aufnehmenden Haushalt mitbeinhalten würde ...

Adolf Hitler sagt zur Frauenrolle in NS-Deutschland 1934 u.a.:

„Wir empfinden es nicht als richtig, wenn das Weib in die

Welt des Mannes, in sein Hauptgebiet eindringt, sondern wir

empfinden es als natürlich, wenn diese beiden Welten

geschieden bleiben. (…) Was der Mann einsetzt an

Heldenmut auf dem Schlachtfeld, setzt die Frau ein in ewig

geduldiger Hingabe, in ewig geduldigem Leiden und

Ertragen. Jedes Kind, das sie zur Welt bringt, ist eine

Schlacht, die sie besteht für Sein oder Nichtsein ihres

Volkes.“

Illustrierendes Propaganda-Bildmaterial

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Erna als Brautführerin bei der Hochzeit einer ihrer Schwestern – ca. 1938…

Erna und ein kleiner Neffe um 1940 …

Erna Kronshage wächst zur erwachsenen Frau heran …

24


25

Holzschuhe – Holzschken – sind das alltägliche Arbeitsschuhwerk von kleinauf auf dem Land


Der Bahnhof „Kracks“– wie er im Volksmund

bis heute heißt (Bahn-Haltepunkt „Sennestadt“

– inzwischen wurde das alte Bahnhofsgebäude

abgerissen) – aus Sicht der Kronshageschen

Ländereien –

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Auf dem „Mühlenkamp“ werden die Fahrräder der Berufspendler von morgens bis abends bewacht, die mit der

Eisenbahn vom Bahnhof „Kracks“ zur alltäglichen Arbeit ins Umland fahren … 27


Illustrierendes Bildmaterial – Filmstill ZDF

… so ungefähr sah die Schreinerwerkstatt aus, die „Papa“ Adolf in einem Schuppen auf dem Hofgelände eingerichtet hatte

28


Grammophon &

Volksempfänger – dazu

noch die Tageszeitung

und ein paar Illustrierten –

das sind die

„Unterhaltungsmedien“

jener Zeit …

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Illustrierendes Bildmaterial


Die Kronshagen-Kinder waren normale „Teenager“ ihrer Zeit:

Ernas Bruder Willi spielt Akkordeon vor der Deelentür – und

Bruder Ewald wirkt fast wie ein „James-Dean“-Verschnitt – Erna

„schmückt“ sich mit dem Militär-Käppi eines ihrer Brüder …

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Dann – im Krieg dient der „Mühlenkamp“ nach Maßgabe der

NS-Verordnungen der „Sicherung der Ernährung des

Deutschen Volkes“ – weshalb Erna Kronshage als

„Haustochter“ nicht an anderen NS-/BDM-Dienstverpflichtungen

für Jugendliche teilnehmen muss – aber so auch

zur Mitarbeit „dienstverpflichtet“(!) ist …

Die Brüder sind inzwischen

Soldaten, und die älteren

Schwestern haben

geheiratet, sind aus dem

Haus, und leben inzwischen

in eigenen Familien. Erna ist

auf sich allein gestellt – mit

ihren um die 40 Jahre älteren

Eltern.


Erna rangiert mit dem Handwagen um eine Eiche auf dem Hof: links an der

Bank sehen wir die „geparkten“ Fahrräder der Pendler - vom Bahnhof

„Kracks“ nach Brackwede, Bielefeld oder Paderborn…


Mit dem Handwagen ging es zum

"Streusel"holen: als Einstreu-Material im

Viehstall nahm man damals neben Stroh

auch Moos und Tannennadeln mit altem

Laub vermischt, das direkt aus Wald und

Flur der Umgegend aufgeharkt und

eingesammelt wurde.

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Illustrierendes Bildmaterial – Filmstill ZDF

… und zum „Feierabend“ gab es noch Näharbeiten zu erledigen.

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Das Bomben-Trauma

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Illustrierendes Bildmaterial

Wie aus heiterem Himmel: Am 2.Juni 1940 bombardiert ein einzelner

englischer Flieger den Gutshof Westerwinter auf der gegenüberliegenden Straßenseite –

nur 80 bis 100 Meter vom Konshageschen „Mühlenkamp“ entfernt …

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Dieses Original-Foto

zeigt das Ausmaß

der Bombardierung …

… eine junge Nachbarin Ernas kommt dabei ums Leben –

ein junger Mann dort wird schwer verletzt –

die Hofgebäude liegen in Trümmern…

Dieses nachträglich colorierte Original-

Foto zeigt das Ausmaß der

Bombardierung des Nachbarhofes ...

... eine junge Nachbarin kommt dabei

ums Leben -

ein junger Mann dort wird schwer verletzt

-

37

die Hofgebäude liegen in Trümmern ...


Ein nächtliches Inferno –

wie aus „heiterem Himmel“ –

38

Zuvor hatte es keinen Bombenabwurf

in Ostwestfalen-Lippe gegeben …


Die Bombentrichter befinden

sich in nur ca. 80 – 120 m

Entfernung vom

„Mühlenkamp“:

Weiß umkreist:der “Mühlenkamp“ – gelblich

gekennzeichnet im Vordergrund: einer der Bombentrichter …

bearbeitetes Original-Foto

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Ernas Bomben-Trauma - wie aus „heiterem Himmel“:

Weiß umkreist: der „Mühlenkamp“ – die roten Punkte markieren die Bombeneinschläge

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Ich will nicht mehr – ich kann nicht mehr …

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Bei Erna kommt es 1942 sporadisch zu Unpünktlichkeiten und

„Widersetzlichkeiten“ / zu Auflehnungen und Arbeitsverweigerungen

gegenüber den Eltern

Erna will nicht mehr allein zu Hause wohnen und arbeiten – sie fühlt sich schlapp und schwach

und überfordert – sie benötigt dringend eine „Auszeit“.

Erna befindet sich in einer Art „Torschluss-Panik“, ihr Leben zu verpassen und sieht für sich

keine Entwicklung.

Sie sehnt sich nach „intelligenteren Menschen“ und nach angemessenen Sozialkontakten, die

ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechen …

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Damals wendet sich Ernas Mutter aufgrund der Bummeleien an die NS-

Gemeindefürsorgerin, kurz „Braune Schwester“ genannt wegen der

braunen Tracht der NS-Schwesternschaft, die als „weibliche Elitetruppe der

NSDAP“ vor Ort die jeweiligen Situationen in den Gemeinden mit ihren

Kenntnissen in Erb- und Rassenpflege mit beurteilen sollen, um

„Verhaltensabnormitäten“ weiterzumelden…

Und diese dienstbeflissene „Braune Schwester“ sieht in den

eigenmächtigen Dienstverweigerungen und Bummeleien Ernas tatsächlich

echte „Verhaltensabnormitäten“, denn die Landwirtschaft hat ja jetzt im

Krieg der „Sicherung der Ernährung des deutschen Volkes“ zu dienen, und

nur Ernas unverbrüchliche Dienstverpflichtung dort im Elternhaus

rechtfertigen schließlich ihre Freistellung von anderen NS-

Pflichtveranstaltungen wie BDM-Einsatz und Arbeitsdienst…

Erna Kronshage wird deshalb zu einer Amtsärztlichen Untersuchung

einbestellt (vergleichbar heutzutage in etwa mit der Überprüfung der

Dienst- oder Arbeitsfähigkeit durch den Betriebs- oder Amtsarzt bei

andauernden Unregelmäßigkeiten am Arbeitsplatz …), bei der sie dann

sogar selbst darum bittet, vorübergehend (!) in die Provinzialheilanstalt

Gütersloh aufgenommen zu werden, um wieder „fit“ zu werden.

Dazu ist sie von ihrer Schwester Frieda angestachelt worden, die dort 3

Jahre zuvor nach einer Streitigkeit an ihrem Arbeitsplatz mit

anschließendem Erregungszustand in nur 4 Wochen quasi ambulant

erfolgreich wiederhergestellt wurde, ohne irgendwelche bleibenden

psychiatrischen Diagnosen mit „erbgesundheitlichen“ Konsequenzen.

Erna erwartet sich nun eine ebensolche rasche Hilfe, um die Eltern nicht

weiter zu enttäuschen und ihrem Dienst wieder nachkommen zu können


Illustrierendes Bildmaterial:

Eine NS-Schwester

Dieser zunächst verwirrend und naiv anmutende Aufnahmewunsch Ernas

in die von ihr wahrscheinlich wörtlich so verstandene „Heil-Anstalt“ ist also

jenen guten Erfahrungen der Schwester Frieda dort geschuldet …

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Heutige Erklärungsversuche zu

den Ursachen der plötzlichen

„Widersetzlichkeiten“

und Arbeitsverweigerungen

Erna‘s:

• Da ist die fortschreitende „Vereinsamung“ des vormals „betüddelten“ jüngsten Kindes als das „Nesthäkchen“ einer 13-

köpfigen Ursprungsfamilie, die durch den Kriegseinsätze der Brüder und dem Wegzug der älteren Geschwister aus dem

Elternhaus in eigene Familien nach und nach zu einer 3-köpfigen Kleinstfamilie geschrumpft ist – mit einem großen Alters- und

Generationsunterschied: Erna Kronshage ist noch unter 20 Jahre – ihre Eltern schon 66 und 63 Jahre alt …).

• Das „moralische Dilemma“: Erna Kronshage ist hin- und hergerissen zwischen dem Genießen der Nestwärme des „Hotels

Mama“ einerseits – und den altersgerechten Aufbruchs-, Loslösungs- und Selbstständigkeitsbestrebungen andererseits …

• Das erlebte Trauma des Krieges: der Bombenangriff „aus heiterem Himmel“ auf den Nachbarhof – mit der Tötung einer

Nachbarin und den schweren Verletzungen eines jungen Mannes dort – und der fast vollständigen Vernichtung des

Nachbarhofes insgesamt … - die Wirrnisse des Krieges überhaupt – die Ängste um ihre Brüder, die teilweise an der Front

stehen – der Luftschutzalarm und die Bombenangriffe ab 1941 auf eine nahegelegene Fabrik …

• Zusammenfassung möglicher Ursachen aus heutiger Sicht:

• körperlich überfordert / intellektuell unterfordert

• „arbeitsunfähig“ - braucht eine „Auszeit“

• „Nullbock“-Phase (Pubertät – Adoleszenz)

• Burn-Out-Syndrom (körperliche Überlastung)

• Depressive Verstimmung (keine Zukunftsperspektive – keine gleichaltrige Freundesclicke – Vereinsamung)

• Posttraumatische Belastungsstörung (Bombenangriff auf Nachbarhof)

• Angstsyndrom (Kriegsangst – Sorge um die Brüder an der Front)

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Erna will diesen für sie vermeintlichen Anstalts-

Aufenthalt zur „Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft“

schließlich sogar gegen den Willen der Eltern

unbedingt durchsetzen, die ja noch das Sorgerecht

haben.

Und so macht sie wahrscheinlich auf Anraten der

„Braunen Schwester“ mit einem gewagten „Trick“

„Nägel mit Köpfen“…

Denn um das zu erreichen, schwatzt sie ihrem

Vater die Einweisungs-Papiere zum Amts-Arzt ab –

und übergibt sie einem Streifen-Beamten der

Polizei, der mit seinem Einsatz-Fahrzeug zufällig in

der Nähe parkt.

So kann sie die Zustimmung der Eltern unterlaufen,

denn nun bringt sie in Begleitung der inzwischen

alarmierten „Braunen Schwester“ die Polizei in einer

Spontan-Aktion unter dem Stichwort: „Gefahr im

Verzug!“ - letztendlich als „Sich-selbst-und-die

Allgemeinheit-gefährdende-Person“ in die Heil-

Anstalt nach Gütersloh.

Auch wenn man zunächst verblüfft ist über diese

„Selbsteinweisung“ – aber Erna versucht damit

erstmals und deshalb völlig ungeübt aktiv ihr

Schicksal & ihre Zukunft selbstständig in die Hand

zu nehmen – und setzt sich zum ersten Mal gegen

den Willen der Eltern durch …

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Am 24.10.1942 trifft Erna Kronshage in der Provinzial-Heilanstalt

Gütersloh ein

- hier ein paar zeitgenössische Ansichts-Postkarten zur Illustrierung des sicherlich damit einhergehenden „Kulturschocks“ zwischen

einer solchen „Heil-Fabrik“ im Geiste der NS-Psychiatrie und – zum Vergleich – das ländlich-ruhige Ambiente des elterlichen

„Mühlenkamp“-Hofes …

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Provinzial-Heilanstalt Gütersloh

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Ein echter „Kulturschock“: z.B. der Vergleich ihrer

Schlafkammer unterm „Dach-Juchhe“ zu Hause

mit dem Bettensaal in Gütersloh, der permanent nach

einer Mischung aus Schweiß, Ausdünstungen und

Sagrotan riecht …

… und dann noch die kahlen und nur steril wirkenden

Klinikfluren, auf denen die Stimmen der Mitpatienten

widerhallen …

Symbolbilder

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Diagnose: „Schizophrenie“

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Ernas Erstdiagnose: Schizophrenie …

In Gütersloh angekommen wird überraschend „Schizophrenie“ diagnostiziert, auch aufgrund der Bummeleien und der ungeübt flapsig

wirkenden Abwehrhaltung im Aufnahmegespräch – aber auch der ominöse 4-wöchige Aufenthalt der Schwester Frieda 1939 in der

Heilanstalt erhält jetzt von den NS-Psychiatern vor Ort einen neuen Stellenwert in der Familienanamnese per Sippentafel zugesprochen –

alle äußeren möglichen re-aktiven oder alters- und entwicklungsgemäßen Auslöse-Mechanismen für Ernas Verhaltensstörungen werden

dagegen „wissenschaftlich“ ignoriert …

Schizophrenie ist eine nach damaligem Verständnis seelisch bedingte Erbkrankheit, die sich von innen schleichend oder plötzlich und

ohne äußere Anlässe entwickeln kann.

Bei der Schizophrenie kommt es nach heutigem Verständnis zu einem

• Verlust der inneren Wahrnehmung für das, was

• Wirklichkeit oder

• Traum oder

• Phantasie ist und

• diese verschiedenen Zeitebenen und Wirklichkeiten fließen ineinander und vermischen sich ..

Die Möglichkeiten und Kanäle, sich selbst wahrzunehmen, auf Andere und auf die Umwelt zuzugehen - für Andere da zu sein oder

Sympathien zu entwickeln, sich zu begeistern ... –

... sind in einer Schizophrenie plötzlich und unwiederbringlich wie in viele kleine Schnipsel und Scherben ohne einen direkten äußeren

Anlass geradezu auseinandergefallen und zersplittert ...

Und Schizophrenie unterscheidet sich damals ausdrücklich von all den vorübergehenden manchmal eigenartig wirkenden Zuständen, die

„psycho-somatisch“, reflexartig ohne eigenes Zutun, als Schutz-Re-Aktionen körperlich ausgelöst werden, wenn sich für die Seele äußere

Ereignisse als bedrohlich oder einschneidend darstellen ...


Die Erblehre (Eugenik) war die „wissenschaftliche“ Grundlage zur Ergründung der Erbkrankheiten – und wurde in damals

zeitgemäßen Schautafeln in der Schule gelehrt – und bildete die Grundlagen-Theorie für die Ausbildung in Gesundheits-, Sozialund

medizinischen Helferberufen.

51


Durch einschlägige Schaubilder sollte die Vererbungslehre der Bevölkerung nahegebracht werden …

52


Die Diagnose „Schizophrenie“

wird damals „hilfsweise“ mit der hoch

im Kurs stehenden Eugenik / Erblehre

und einer deshalb erhobenen

familienbezogenen Ahnen- und

Sippentafel – oft nur mit geringsten

oder in der Generationenfolge weit

zurückliegenden

„Normabweichungen/Auffälligkeiten“

geradezu "errechnet" … – und so als

„wissenschaftlich erwiesene“

Auslösemöglichkeit begründet ...

Besonders der 4-wöchige Aufenthalt

der leiblichen Schwester Frieda in

Gütersloh drei Jahre zuvor wird Erna

jetzt bei der Diagnosestellung zum

„Verhängnis“: der damals an Friedas

Arbeitsplatz ausgelöste

„vorübergehende Erregungszustand“

wird jetzt in der Ahnentafel im

Nachhinein zu einem

„psychopathischen Erregungszustand

´- (Schizophrenie)“ umgedeutet …

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Ernas Schwester Frieda wurde nach 4 Wochen

Aufenthalt (25.02-25.03.1939) aus der Anstalt als

geheilt entlassen: In Friedas Krankengeschichte

sind auf einem Laufzettel folgende Kriterien

ausdrücklich unterstrichen:

• Entlassung aussichtsvoll

• nicht fortpflanzungsgefährlich

• fortpflanzungsfähig

= also keine Erbkrankheit !!!

Handschriftlichen wurde noch hinzugefügt – aber nicht ausgefüllt:

• Krankheitsform:

• Aussicht auf Genesung:

• Anzeige an Amtsarzt:

• Wiedervorlage not. zum 4.4.39 –

(doch da ist Frieda aus der Heilanstalt schon wieder entlassen) –

Die verwirrenden Begriffsfindungen der NS-Ärzte

im Nachhinein für diesen „vorübergehenden

Erregungszustand“ bei der leiblichen Schwester

Frieda 1939 wurden dann in Ernas Unterlagen

umgedeutet in:

• „wegen Geisteskrankheit in Anstaltsbehandlung

• „Psychopathischer Erregungszustand

(Schizophrenie)“

• „vorübergehende psychische Störungen, die als

schizoider psychopathischer Erregungszustand

gedeutet wurde“

Aber es gibt definitiv bei Frieda keine

Anhaltspunkte für eine Erkrankung an

Schizophrenie … 54


Die Schizophrenie-Therapie im Zuge

der „Aktiveren Krankenbehandlung“

(1929 vom damaligen Gütersloher

Anstaltsdirektor Dr. Simon entwickelt)

besteht in Gütersloh um 1940 aus:

• „Cardiazol-Schocks“ zur künstlichen

Auslösung epileptischer Krampf-

Anfälle (die späterhin als Elektro-

Schocks bekannt werden) - und die

• „Arbeitstherapie“ (z.B. Gartenarbeit

in der „Kolonne“,

Kartoffelschälküche usw.)

Erna wird bei der „Arbeits-Therapie“ zum

Kartoffel-Schälen und zur Arbeits-Kolonne in

die Gärtnerei abkommandiert – aber das

kennt sie ja genauso schon von Zuhause.

Therapien:

Cardiazol-Schocks

Arbeitstherapie

55


Zum inneren Spannungsabbau bei Menschen mit

Schizophrenie werden künstlich epileptische

Krampf-Anfälle ausgelöst.

Das geschieht damals in Gütersloh mit dem Mittel

„Cardiazol“, das in die Arm-Beuge gespritzt wird.

Zum Schutz vor Zungen-Bissen im Krampf wird

eine Beiß-Rolle aus Verbandsmull zwischen die

Zähne gepfropft.

Zunächst stellen sich starke Angst-Gefühle ein –

und dann bricht der Anfall los mit Zuckungen und

Verkrampfungen, in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

Hinterher fühlt sich Erna völlig matt und verwirrt und

kann sich kaum mehr an irgend etwas erinnern.

Nach einigen Anfalls-Serien stellt sich eine

panische Angst vor weiteren Schocks ein.

„Cardiazol-Schocks“ dienen deshalb im

Anstaltsalltag eher einer Bestrafung bei

irgendwelchen konstruierten disziplinarischen

Verfehlungen als der „inneren seelischen

Entspannung“ …

56


Eine Cardiazoldosis-Verabreichung zur Anfallsauslösung - hier nachgestellt mit illustrierenden und

veranschaulichenden Szenenfotos aus einem Film …

Das Cardiazol wird in einer bestimmten Dosis verabreicht

Einspritzen des Cardiazols in die Armbeugen-Vene

Fixierung

Durchleben der einsetzenden Anfallsphase als 57

sogenannte „Aura“ mit oftmals inneren Horrorbildern …


1

Das Gefühl der traumatisch erlebten "Aura" geht

über

2

in einen epileptischen Krampfanfall mit allmählich

einsetzendem tiefen Bewusstseinsverlust …

Ablaufphasen

beim epileptischen

Krampfanfall

3

Eine „Beißrolle“, wird verabreicht, um

Zungenverletzungen im Krampfanfall zu verhindern

5

Mit wechselhaften Verkrampfungen aller Gliedmaßen –

auch der Zehen

4

Dann folgen stakkatoähnliche Muskelversteifungen mit

Streck- und Rüttelphasen

6

In der sogenannten Aufwachphase müssen Patienten oft

fixiert werden zum Schutz vor Fremd- und Selbstverletzungen

aufgrund unwillkürlicher Handlungen im noch verwirrten

Zustand


59


Die Folgen und Nebenwirkungen

der Cardialzol-Schock-“Therapie“

Der „Erfinder“ Ladislaus von Meduna schlägt vor,

»regelmäßig 30 Anfälle in dreitägigem Abstand

auszulösen« — eine äußerste körperliche und

psychische Belastung. ...

Intravenöse Injektionen von Cardiazol bekämpfen eine

Qual mit einer anderen Qual, die von den Patienten als

Todes- oder Weltuntergangserlebnis erlitten werden.

»Vernichtungsgefühle stellen sich ein«, konstatiert die

Fachliteratur trocken. Oft genug werfen Cardiazol-Stöße

die Patienten vollends aus der Bahn, die das Spritzen

»wie einen elektrischen Schlag verspüren«. Andere

erleben »Photismen« in Gestalt von Lichtblitzen und

Rotsehen, oder »Schmerzen bis in das äußerste Ende

des Körpers«.

Dr. Ernst Adolf Schmorl schreibt 1938 in der

»Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und ihre

Grenzgebiete« über »Einwirkung der Cardiazol-

Krampfbehandlung auf das klinische Bild von

Psychosen« am Beispiel von 130 Fällen: Bei fast allen

stellt er eine »deutliche Enthemmung« bis hin zu einer

»sprachlichen Entfesselung« fest. Die Beschäftigung

gehe leichter von der Hand. Eine »gewisse Grazie der

Bewegung« will er bemerkt haben, allerdings auch

»Faxensyndrome« mit hochgradiger Verworrenheit.

Schmorl will auf Zähmung hinaus, das Krampfgift sei

geeignet »ruhig zu stellen«, er empfiehlt dazu immer

wieder einzelne »Cardiazolschläge«. Insbesondere

dieser Effekt macht aus Sicht der Doktoren das

Martyrium vertretbar.

• „Man werfe einen sich abweichend verhaltenen Menschen

vom Dach eines Hochhauses und lasse ihn bis zum

letztmöglichen Eingriffspunkt das Sterbenserlebnis

durchleiden und spanne erst kurz vor dem Aufprall ein

Sprungtuch. Man preise diese Methode als Therapie an,

die - wen wunderts eigentlich - eine Erlebnisqualität

besitzt, die Menschen, zumindest auf Zeit, verändert.“ (s.

dazu auch die ärztlichen Eintragungen in den Dokumenten zum

teilweise spontan „läppischen und verwirrten Verhalten“ von Erna

Kronshage).

• Mit derartigen "finalen" chemisch ausgelösten

Erlebnismodellen verändert sich gewiss die biochemische

Verstoffwechselung im Gehirn, also die

Botenstoffübertragungen in den Neurotransmittern, die

natürlich dann - positiv oder negativ -

Verhaltensäußerungen beeinflussen können.

• Der Disziplinierungsaspekt der meisten dieser Therapien,

insbesondere der schmerzhaften und gefährlichen

Zwangs-Schocktherapien, geht aus psychiatrischen

Selbstzeugnissen hervor. 1988 sagte der Direktor der

psychiatrischen Klinik Waldhaus in Chur, Benedikt

Fontana, rückblickend über renitente Insassen seiner

Institution:

• „Wenn sie bockten, mussten wir sie

schocken.“

Quelle: Jürgen Schreiber: Ein Maler aus Deutschland - Gerhard Richter - Das Drama

einer Familie, Berliner Taschenbuchg Verlag, 2007, S. 95-96 60


Eine notwendige Anmerkung zur NS-Psychiatrie

Wer die Psychiatrie und die Behandlung der geistig und körperlich Kranken

im Nationalsozialismus in etwa nachvollziehen will, muss das Menschen- und

Gesellschaftsbild mit berücksichtigen, das sich in den 30er-Jahren „wissenschaftlich

fundiert“ auch international durchsetzte. Die Eugenik – die Rassen-/Erblehre – war nicht

nur eine deutsche „Erfindung“, sondern bestimmte das damalige, fast möchte man

sagen, „globale“ Psychiatrie-Wissen …

In Deutschland war es der Mythos der „Volksgemeinschaft” und eine rassistische

Idealisierung des sogenannten „Ariertums“, sowie das Streben nach einem „gesunden

Volkskörper”, der sich vermeintlich nur durch Ausschluss und Exklusion tatsächlich

realisieren lässt.

Dieser ideologischen Programmatik folgend, wurden „Kranke”, sogenannte

„Asoziale”, Menschen anderer „Rassen“ oder mit Behinderungen oder „abweichendem

Verhalten“ selektiert, menschenverachtend behandelt und schließlich zahlreich liquidiert

und ermordet.

Ärzte, Pfleger, Behördenmitarbeiter, Denunzianten, sowie zahlreiche Helfer und

Helfershelfer trugen das System dieser „Tötung unwerten Lebens” mit …

Erna Kronshage wusste zum Zeitpunkt ihres Einweisungswunsches nach Gütersloh von

diesen Verstrickungen zwischen Krieg, Zeitgeist, Eugenik und NS-Ideologie und den

tödlichen Konsequenzen der Krankenmorde anscheinend wenig oder gar nichts, oder tat

das als Gerüchtebildung ab – oder verdrängte das, um sich in ihrem Streben nach

61

Selbstständigkeit gegenüber der Eltern endlich durchzusetzen …


Alte

Psychiatrie-

Zwangsjacke

62


„Unfruchtbarmachung“

63


Das Gesetz zur

Verhütung erbkranken

Nachwuchses

wurde bereits kurz nach der NS-

Machtergreifung am 14. Juli 1933 als erstes

Rassegesetz in einer langen Reihe von

Unterdrückungsmaßnahmen verabschiedet

und trat im Januar 1934 in Kraft.

Die Idee des Gesetzes war durch und durch

rassistisch: "Ziel der dem deutschen Volk

artgemäßen Erb- und Rassenpflege ist: eine

ausreichende Zahl Erbgesunder, für das

deutsche Volk rassisch wertvoller,

kinderreicher Familien zu allen Zeiten. Der

Zuchtgedanke ist Kerngehalt des

Rassengedankens. Die künftigen

Rechtswahrer müssen sich über das

Zuchtziel des deutschen Volkes klar sein."

so der Kommentar von Gütt, Rüdin, Ruttke in:

Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses

vom 14. Juli 1933, München 1934

64


1934 erlassen die

Nazis das „Gesetz zur

Verhütung erbkranken

Nachwuchses“.

Man nimmt damals

an, dass die Kinder,

Enkel oder Urenkel

dieser „erbkranken“

Menschen ebenfalls

seelisch krank oder

behindert sein

können. Das hat sich

allerdings inzwischen

wissenschaftlich als

nicht haltbar

herausgestellt.

Der damalige

Anstaltsleiter von

Gütersloh, Dr. Werner

Hartwich, hat somit

gemäß diesem Gesetz

für Erna Kronshage

einen Antrag auf

„Unfruchtbarmachung“

gestellt.

65


Adolf Kronshage mit seiner Lieblingskuh

Da Erna noch nicht

volljährig ist (damals

mit 21 Jahren), hat

Ernas Vater noch das

allumfassende

Sorgerecht.

Er wehrt sich gegen

den Antrag auf

Unfruchtbarmachung

seiner Tochter und legt

mehrfach vehement

Widerspruch ein.

Gleichzeitig bittet er

immer wieder darum,

Erna aus der

Gütersloher Anstalt zu

entlassen, da er meint,

Erna würde sich in

ihrem Zuhause am

schnellsten erholen.

Deshalb entwickelt sich

ein umfangreicher

Briefverkehr zwischen

der Anstalt, den „Erbgesundheitsgerichten“

und Ernas Vater.

Er kämpft trotz

angeschlagener

Gesundheit vehement

für seine Tochter – und

erzwingt mit seinen

Einsprüchen, dass sich

zumindest mit dem

Antrag zwei Erbgerichts-Instanzen

nacheinander befassen

müssen …

66


Am 29. März 1943 sitzen in der Heil-Anstalt

Gütersloh ein Amtsgerichtsrat und zwei

Medizinal-Oberärzte am Tisch. Sie bilden

das Bielefelder „Erbgesundheits-Gericht“

und sie beschließen dort im 20-Minuten-

Takt über die „Unfruchtbarmachungen“ von

insgesamt 11 Patienten. Erna Kronshage

wird dort als dritter „Fall“ von 8.40 bis 9.00

Uhr „vorgeführt“: Ohne Anwalt oder

Beistand wird über diese endgültige

Maßnahme entschieden …

Erna lacht bei der Anhörung vor lauter

Aufregung und unsicherer Verlegenheit

zwischendurch einmal auf. Auf die Frage

der Herren, warum sie denn lache,

antwortet sie schlagfertig mit dem eigentlich

tiefgründigen Satz :

„Mein Lachen ist Weinen“ …

Im Sitzungs-Protokoll dazu steht dann: „In

der mündlichen Verhandlung

machte Erna Kronshage einen

gespannten Eindruck und lachte

ohne Grund auf. Sie äußerte, ihr

Lachen sei Weinen“...

Und dieses Verhalten wird jetzt natürlich

schnurstracks pathologisch gedeutet um

die von Ernas Vater angezweifelte

„Schizophrenie“-Erkrankung noch einmal zu

bekräftigen und zu unterstreichen.

Doch die 20-jährige Erna lacht ja, um nicht

loszuheulen, weil sie sich ihrer Tränen vor

diesen Männern schämen würde – denen

sie da bei einem solch heiklen Thema allein

ausgeliefert ist…

67


Beschluss ErbGesGericht Bielefeld (1. Instanz)

68


Beschluss ErbGesOberGericht Hamm (2. Instanz)

69


Die „erblichen Belastungen“, die zu Erna Kronshages Diagnose „Schizophrenie“ und damit

zur „Unfruchtbarmachung“ durch Zwangssterilisation führen…

Schizophrenie ist als ein „endogenes“ Geschehen definiert – also plötzlich oder schleichend von innen auftretend – und eben nicht „exogen“

– als Reaktion auf „äußere Ereignisse“ … - und folglich – so die damalige Meinung – muss dafür auch ein hoher genetisch bedingter

Auslösemechanismus im „Erbgut“ vorhanden sein …

Hierzu machte die Provinzialheilanstalt Gütersloh an das Erbgesundheitsgericht Bielefeld im Fall Erna Kronshage folgende Angaben:

• 1. aus dem ärztl. Gutachten zur Unfruchtbarmachung:

Die bei der „älteren Schwester“ Frieda benannte „Geisteskrankheit“ wird im weiteren Verlauf der Erbgesundheitsakte sehr unterschiedlich

beschrieben:

• 2. Eintragung aus der „Sippentafel“: (der Diagnosezusatz „Schizophrenie“ bei der Schwester Frieda erfolgte erst bei Antragstellung für

Erna Kronshage...)

• 3. aus dem Beschluss zur Unfruchtbarmachung in 2. Instanz beim „Erbgesundheitsobergericht“ Hamm wird aus Friedas

„Schizophrenie“ dann wieder ein „schizoider psychopathischer Erregungszustand“ – der in 4 Wochen erfolgreich behandelt

wurde …:

70


Zwangssterilisation

71


Die Einsprüche des Vaters helfen nichts:

Das Erbgesundheits-Obergericht in Hamm beschließt

endgültig, dass Erna am 4. August 1943 im

Krankenhaus in Gütersloh von einem Dr. Stüwe

operiert und damit „unfruchtbar“ gemacht wird.

Im „Ärztlichen Bericht“ steht dann lapidar: „Die

Wunde heilte in 7 Tagen ohne Nebenerscheinungen“


Die Arbeitskopie der kompletten

Original-Erbgesundheitsgerichts-Akte

zur Zwangssterilisation siehst du

>>hier

72


Deportation

73


Der Bomben-Krieg und der Front-Einsatz fordern immer mehr Tote und Schwer-Verletzte.

Die Krankenhäuser und Lazarette sind deshalb überfüllt – und man sucht ab 1943 dringend

Bettenkapazitäten, um die vielen Verletzten angemessen zu versorgen. 74


Prof. Dr. Karl Brandt, Begleitarzt

Adolf Hitlers

Überfülltes Ersatz-Lazarett in einer Turnhalle

Prof. Dr. Karl Brandt,

Leibarzt Adolf Hitlers und

Reichsbeauftragter für das

Gesundheitswesen

75


Der Vater Adolf Kronshage hat ja zwischenzeitlich auch wiederholt gefordert, Erna aus der Anstalt nach

Hause zu entlassen, und nach der Zwangssterilisation hätte das ja auch formal erfolgen können: Doch

inzwischen gab es Anweisungen dazu aus dem Reichsinnenministerium - Zitat: „Polizeilich eingewiesene“

Insassen seien nun nicht mehr nach Hause zu entlassen, weil diese „geistig anbrüchigen Personen

in Luftschutzräumen … sehr leicht zu Unzuträglichkeiten führen können…“. Deshalb sei die

„Entlassung zu verweigern“…

Damit sitzt Erna Kronshage unentrinnbar in der Falle …

Denn gleichzeitig sollen im Zuge der sogenannten "Aktion Brandt" in den Psychiatrie-Anstalten Betten

freigemacht werden für die inzwischen akut benötigte Versorgung und Pflege von Bombenopfern und

Kriegsverwundeten - also für den allgemeinen Krankenhaus- und Lazarettbedarf.

Die Richt- und Maßgabezahlen erhielten die einzelnen Pflege-Anstalten dazu direkt zentral aus Berlin, vom

Planungs-Stab unter dem 1943 durch Hitler zum Leiter des gesamten medizinischen Vorrats- und

Versorgungswesens und Koordinators der medizinischen Forschung ernannten Leibarzt Dr. Karl Brandt.

Dort wurde festgelegt, wo und wieviel Kapazitäten entsprechend umzuwidmen seien - und nach welchen

Auswahl-Kriterien dies zu geschehen habe - s. dazu den „Geheim“-Brief über die Zuordnung der Patienten in

jeweilige "Leistungsgruppen".

Neuere Forschungen dazu besagen, man habe vielleicht zumindest in Gütersloh gar nicht so sehr auf diese

Leistungsgruppen abgehoben oder auf "Verhalten" bzw. "Sanktionen" gegenüber einzelnen Patienten bei der

Zusammenstellung der Transportlisten – ausschlaggebend sei vielmehr ein Räumungsbedarf für geeignet

erscheinende Häusertrakts im Anstaltsgebiet gewesen.

Inwieweit dieser Deportations-Transport am 12.11.1943 mit den sorgeberechtigten Angehörigen

kommuniziert wurde, ist nicht bekannt... 76


Ein solches Schreiben erreichte auch Gütersloh

Deportation: Durchführungs-Anweisung nach Maßgabe durch die (Sonder-)Aktion Brandt:

Die Heil-Anstalten werden teil-evakuiert, um Plätze frei zubekommen zur Versorgung von zivilen und uniformierten Kriegsverletzten

durch die Bereitstellung und Umwandlung in Lazarett- und Krankenhaus-Betten: Und in diesem Verdrängungsprozess werden die

dafür infrage-kommenden psychiatrischen Patienten systematisch dezentral vor Ort benannt und mit der Deportation „zur Strecke

gebracht“ …


Illustrierende Bildmaterial:

Die“ Grauen Busse“ –

hier für die Fahrten von

Anstalt zum Bahnhof …

Alle Deportationstransporte werden von der GEKRAT (Tarnname: „GEmeinnützige KRAnkenTransportgesellschaft“) durchgeführt:

eine Berliner NS-Organisation, die diese Kutschiererei in den Tod trotz Krieg und Luftangriffen punktgenau koordiniert …


Erna Kronshage wird am 12.11.1943 mit 99 Mit-Patientinnen

deportiert. Es geht über Hannover und Berlin ins deutsch besetzte

Polen – in die 630 km entfernte Heil-Anstalt „Tiegenhof“ – nahe der

Stadt Gnesen. 79


Von nun an geht‘s endgültig bergab: Erna Kronshage ist beim Evakuierungstransport am

12.November 1943 nach Gnesen mit dabei: ca. 630 Kilometer Fahrtstrecke…

80


Der Mensch wird zum Stückgut:

Demonstrations-Fotomontage

Die möglichst nicht manipulativ zu entfernende Kennzeichnung der auf den Transporten

ruhiggestellten Deportations-Patienten erfolgt oft mit Leukoplast-Streifen zwischen den

Schulterblättern.

81


Foto: nach imagenes.4ever.eu

82


NS-“Euthanasie“

Vernichtung

83


Der Historiker Götz Aly

hat errechnet:

Ungefähr jeder achte

erwachsene Deutsche

sei direkt mit Jemandem

verwandt, der Opfer der

NS-Krankenmorde

wurde.

Und wenn man die

angeheirateten

Verwandten dazu zählt,

würde fast jeder in den

Familien jemanden

finden.

… jeder 8.

erwachsene

Deutsche …

In den meisten Familien

wurde darüber nicht

gesprochen.

Die Ermordeten sind

vergessen.

Quelle: SPIEGEL-Gespräch

vom 22.04.2013

84


85


NS-Euthanasie-

Phasen 1939 - 1945

Prof. Dr. Karl Brandt,

Chirurgischer Begleitarzt von Adolf Hitler,

SS-Gruppenführer und Generalleutnant der

Waffen-SS sowie Generalkommissar für das

Sanitäts- und Gesundheitswesen, ist von Hitler mit

der Durchführung und der Koordination der

Aktionen betraut worden …


Geistig und seelisch erkrankte Menschen sind für

die Nazis „unnütze Esser“, die nur Geld kosten –

aber nichts einbringen – die den „gesunden

Volkskörper“ beeinträchtigen.

Hitler macht schon ab 1939 „kurzen Prozess“ und gibt den

Befehl, diese Menschen zu töten. Ihr Tod sei ein „Gnaden-Tod.

Per Frage-Bogen werden die Menschen für diese Kranken-

Morde von Ärzten ausgewählt :

Dabei geht es um 3 Dinge:

• Wer ist der Kranke?

• Wie stark ist die Krankheit oder Behinderung?

• Kann und will er arbeiten?

1941 wird die erste zentral durchgeführte Mord-Phase nach

insgesamt über 70.000 Mord-Opfern (Aktion „T4“)

unterbrochen aufgrund von Interventionen durch vereinzelte

Kirchenleute und einer gewissen Unruhe durch Gerüchte in

der Bevölkerung.

Ab Ende 1942 setzen sich die „Euthanasie“-Morde weiter fort

– jetzt aber hinter vorgehaltener Hand: Jede Heil-Anstalt

bestimmt - mit Unterstützung der „T4“-Organisationen in

Berlin selbst - aus unterschiedlichsten Beweggründen - welche

Patienten als Todes-Kandidaten per Deportationszug in eine

Tötungs-Anstalt verlegt werden.

Es kommt dort zu Massen-Morden mit Schlaf-Mitteln und

Verhungern-Lassen. Es werden nur noch einfache

Wassersuppen gereicht, ohne Nährstoffe, und Trocken-Brot

mit Pell-Kartoffeln als Belag.

Auch aus der Heilanstalt Gütersloh werden mindestens 1.017

Patienten deportiert.

87


Proteste der Kirchen durch Eingaben, Briefe und Predigten –

durch Intervention der Kirchen werden die zentral gesteuerten „T4“-Krankenmorde 1941 zunächst einmal gestoppt – aber dann ab 1942/43 dezentral regional

organisiert und mit Hilfe der zentralen Seilschaften aus der Tiergartenstraße 4 hinter vorgehaltener Hand in großem Umfang und in verschiedenen Ablauf-Phasen

fortgesetzt …

Hier sind zwei Kirchen-Geistliche stellvertretend genannt für leider nur eine Handvoll von aufrichtigen Vertretern der beiden großen Konfessionen, die sich trotz der

Gefahr für Leib und Leben für den mit „Euthanasie“-Maßnahmen bedrohten Personenkreis selbstlos eingesetzt haben.

Pastor Paul-Gerhard Braune,

Anstaltsleiter in Lobetal der v.

Bodelschwinghschen Anstalten -

Sein Kampf gegen die

"Euthanasie" gilt als

bedeutender Akt

protestantischen Widerstandes

im Nationalsozialismus. Ihm

gelang es den Abtransport von

Bewohnern der Hoffnungstaler

Anstalten zu verhindern. Aus

den ihm bekannten Informationen über planmäßige

Verlegungen und massenhafte Todesmeldungen aus dem

gesamten Reichsgebiet formulierte er eine an Hitler

gerichtete „Denkschrift zur Lage der nichtarischen

Christen“, die in der Reichskanzlei abgegeben wurde.

Braune weigerte sich, Kranke der Hoffnungstaler

Anstalten auszuliefern. Auch rassisch und politisch

Verfolgte sowie Deserteure fanden dort Unterstützung.

Dieser Kampf gegen die „Euthanasie“ und gegen die

Vereinnahmung der Inneren Mission führte am 12. August

1940 zu seiner Inhaftierung durch die Gestapo. Für drei

Monate wurde er im Gestapo-Gefängnis in der Prinz-

Albrecht-Straße inhaftiert.

1943 setzte sich Braune für verhaftete homosexuelle

Bewohner der Hoffnungstaler Anstalten ein und schrieb,

erfolglos, Gnadengesuche für die zum Tode Verurteilten.

Bischof Graf von Galen, Münster –

predigte von der Kanzel, dass jetzt auch in

der Provinz Westfalen aus Heil- und

Pflegeanstalten Kranke abtransportiert

werden und die Angehörigen nach kurzer

Zeit die Mitteilung erhielten, der Kranke sei

verstorben und die Leiche bereits

eingeäschert. Er habe den „an Sicherheit

grenzende[n] Verdacht, dass man dabei

jener Lehre folgt, die behauptet,

„man dürfe sogenanntes lebensunwertes Leben‘ vernichten“. ...

„Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen

meinetwegen! Aber haben sie damit das Recht auf das Leben

verwirkt? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben,

solange wir produktiv sind, solange wir von den anderen als

produktiv anerkannt werden?“ Die Predigten wurden – zumeist

durch Abschreiben mit der Schreibmaschine – zunächst innerhalb

katholischer Kleingruppen in ganz Deutschland verbreitet,

erreichten aber sehr bald über Arbeitsstätten und Luftschutzkeller

eine breitere Öffentlichkeit. Insbesondere die vom Bischof

sprachlich lediglich im Konjunktiv als mögliche Konsequenz

dargestellte Tötung von Kriegsinvaliden wurde als

Tatsachenbehauptung aufgenommen und verschärfte die

Wirkung der Predigten beträchtlich.

Da die Machthaber zu der Einschätzung gelangten, dass eine

Geheimhaltung der Tötung von Kranken gescheitert war und die

„Euthanasie“ sich als in weiten Teilen der Bevölkerung nicht

konsensfähig erwies, wurde die Aktion T4 unterbrochen und erst

ein Jahr später aber in weniger auffälliger Form fortgesetzt.


aus dem Coverbild der DVD-Hülle zum Film „Tiegenhof“, 2011

89


Heil-Anstalt Tiegenhof bei Gnesen – im

besetzten Polen

(Der Name der Klinik vor und nach der Deutschen Besatzung: Dziekanka/Gniezno)

Luftaufnahme – links unten: Typischer Pavillon - rechts oben: Haupthaus auf einem

Buchcover zum 100. Geburtstag 1994

90


Über den Pavillon-Dächern von Tiegenhof

91


Über den Pavillon-Dächern von Tiegenhof – im Hintergrund die Silhouette von Gnesen

92


93

Sterbe-Zimmer, Gedenktafel für die „Euthanasie“-Opfer (1948),

Eingang Frauen-Pavillon


Block 13 in der Gauheilanstalt „Tiegenhof“ in Gnesen – Ausstattung zu einem polnischen Dokumentarfilm –

Foto: Muzeum Martyrologiczne w Żabikowie aus dem Film "Tiegenhof" –

94


Die Anstalt Tiegenhof/Gnesen als Ziel des Deportationstransports hat sich

unter dem Direktor Dr. Victor Ratka seit 1939 zu einer Tötungsanstalt

entwickelt:

• Von Ende 1939 bis Anfang 1945 – in gut 5,5 Jahren – sind in

„Tiegenhof/Dziekanka“ nach Veröffentlichungen der jetzigen

Klinikleitung fast 3.600 Menschen gezielt getötet worden - also ca. 700

Personen pro Jahr – das sind durchschnittlich fast 2 Tote pro Tag in einer

Einrichtung mit einer Belegungszahl ab ca. 1943 von etwas über 1.000

Patienten ... das entsprach einer durchschnittlichen Sterberate

von mindestens 70 % pro Jahr.

• „Normal" war gerade in „Dziekanka“ vor der NS-Zeit eine Sterberate von nur

1 bis 2 % pro Jahr.

• Von Ende 1939 bis 1941 wurden zunächst über 1.000 polnische Insassen in

Dziekanka ermordet – z.T. in umgebauten Kleinlastern als Gaswagen, in

denen die Auspuffgase auf die Ladefläche mit den „Fahrgästen“ umgeleitet

wurde … (SS-Sonderkommando Herbert Lange)

• Neueste Forschungen zu Dziekanka/Tiegenhof gehen von 5.000 und mehr

Krankenmorden aus …

95


Dr. Victor Ratka –

Anstaltsdirektor Tiegenhof T4-Gutachter

DR. VICTOR RATKA - auch VIKTOR bzw. WIKTOR

• geboren am 27.11.1895 Ober-Lazisk - + 05.04.1966 Heitersheim), als

Oberschlesier und Direktor einer polnischen "Heilanstalt" spät

anerkannter Volksdeutscher;

• von 1918-1921 Medizin-Studium an der Albert-Ludwigs-Universität in

Freiburg;

• Ärztliche Vorprüfungen 1918-1921 (Archiv: B 73/51);

• Promotionsurkunde vom 01.10.1922 (Archiv-Bestand der Uni Freiburg

unter D 11/83, D 29/27/1427);

• Ratka betrieb Studien im Rahmen der David Julius Wetterhan-

Stiftung*) von 1917-1922 (Archiv: B 1/619) ...

• *) ... dazu - aus Mitteilungen der Jüdischen Gemeinde der Stadt

Freiburg/Breisgau: Der im September 1914 hier verstorbene

Privatier David Julius Wetterhan aus Frankfurt a. M. hatte in seinem

Testament eine Stiftung von 168.000 Mark an der Freiburger Universität

zur Förderung naturgeschichtlicher und medizinischer Studien errichtet."

• 1928 wurde Ratka Oberarzt der Anstalt Lublinitz;

• Ab 1934 Direktor der Anstalt DZIEKANKA im Stadtgebiet

Gniezno/Gnesen (nach Okkupation 1939 "Tiegenhof" genannt), während

des Krieges reine Mordanstalt;

• Ratka wurde als in Oberschlesien geborener und als Direktor einer

zunächst polnischen Heilanstalt erst spät als "Volksdeutscher" anerkannt

(„eingedeutscht“) ...

• Aufnahme in die SA (siehe dazu die Ablichtungen der SA-Aufnahme-

Urkunden, die sich in der Personalakte Ratka in Dziekanka/Gniezno-PL

befinden...).

• Ab 01.09.1941 als Gutachter zeitweise zur T4-Zentrale abgeordnet,

Selektion von Patienten und KZ-Häftlingen ("Aktion 14f13" -

Selektionsarzt in KZs zur "Aussonderung" von "asozialen Häftlingen").

• 1943 Eintritt in die NSDAP;

• im Frühjahr 1945 rechtzeitiger Weggang aus Gniezno zunächst nach

Thüringen - dann Absetzen Richtung der Besatzungszonen westlicher

Besatzungsmächte - Entnazifizierungsverfahren in Kassel - dort lediglich

als "Mitläufer" eingestuft;

• bis zu seinem Tod am 05.04.1966 - mit 71 Jahren - Pensionär als

ehemaliger Direktor einer "deutschen Heilanstalt".

96


Nach Aussageprotokollen von Zeugen in der Nachkriegszeit kommt es in Tiegenhof auch zu gewaltsamen

Verabreichungen der todbringenden Medikamente durch das Pflegepersonal …

97


z.B. eine fettlose Gemüsesuppe

= ergeben die „Gelbe Suppe“ als

schleichendes Gift …

+ aufgelöste Schlafmittel

Die Massentötungen der Deportationspatienten aus dem „Reichsgebiet“ ab ca. Ende 1941 bis Anfang 1945 erfolgen zumeist nach

dem „Luminal-Schema“ von Prof. Dr. Hermann Paul Nitsche – das er zunächst an 60 Patienten „wissenschaftlich“ testet und dann

nach und nach verfeinert und entwickelt – und die er den NS-“Euthanasie“-Anstaltsdirektoren für die dezentralen/“wilden“ Aktionen –

nach der 1941 eingestellten ersten Tötungs-Aktion „T4“ mit Giftgas – ab August 1943 offeriert:

Das Luminal-Schema besteht aus einer sogenannten Hungerkost mit „Gelber Suppe“ = die Verabreichung fettloser Speise mit

aufgelösten Schlafmitteln (Barbiturate - z.B. Luminal) in nur leicht erhöhter Dosis = so dass der Tod erst nach Wochen oder Monaten

eintritt. Dieser Tod ist dann letztlich ein schleichendes Vergiftungs-Syndrom bei dem durch die Hungerkost geschwächten

Abwehrsystem - konkret sind so entstandene Infektionen wie Lungenentzündung oder Bronchitis die „offiziellen“ „natürlichen“

Todesursachen – oder eben eine „Vollkommene Erschöpfung des Körpers“ wie bei Erna Kronshage – ohne jede äußeren

Gewaltanwendungsspuren – kaum nachweisbar – ein fast „perfekter“ Mord …

98


Photo: Installation von Chiharu Shiota: "Trace of Memory" | Mattress Factory Museum 2013 | Source: World Architecture

99


Erna Kronshage wird am 20.02.1944 in Tiegenhof/Gnesen getötet.

Vom Tag der Deportation aus Gütersloh bis zu ihrer Ermordung dauert es genau 100 Tage …

Nebenstehend die Kopie der Original-Sterbeurkunde der deutschen Besatzungs-

Behörden in Gnesen im besetzten Polen vom 20.Februar 1944

100


Auf Antrag und zu Kosten der Familie

wird der Leichnam Erna Kronshages

nach Senne II rücküberführt.

Dazu wird der Sarg mit dem Leichnam

in ca. 8 Tagen in einem Pack-Waggon

der Reichs-Bahn über 600 km von

Gnesen bis auf das Gleis des

Heimatbahnhofs „Kracks“ rangiert –

direkt neben der Hofstatt

„Mühlenkamp“, in der Erna 21 Jahre

zuvor geboren wurde – auf das

Abstell-Gleis direkt neben der

Schreinerwerkstatt dort von Papa

Adolf.

Die Familie schleppt den Sarg mit

Leiche aus dem Waggon und öffnet

ihn in einer Nacht-und-Nebel-Aktion

- und vergewissert sich oberflächlich

und laienhaft, dass keine Spuren

mehr von Gewalt-Anwendung oder

Injektions-Einstiche an der Leiche

sichtbar sind.

101


In einer kleinen Zeremonie haben kriegsbedingt und den

„besonderen Umständen“ geschuldet nur wenige

Familienangehörige und die allernächsten Nachbarn

am offenen Sarg Abschied genommen – ehe der Sarg mit

den sterblichen Überresten zum jetzigen „Alten Friedhof“

zur Beisetzung transportiert wurde.

102

Symbolbild


Am 5.Marz 1944 wird der Sarg mit Erna‘s Leichnam auf dem heutigen

„Alten Friedhof“ in Senne II – heute Sennestadt – im damals neu

angelegten Familien-Grab beigesetzt. Diese Grabstätte existiert leider

nicht mehr.

Links: Die damalige Todesanzeige für Erna, in der das Geschehen

verklausuliert formuliert wird. 103


Obwohl die Todesursache am 20.02.1944 „offiziell“ mit „allgemeiner Erschöpfung“ auf der Todesurkunde angegeben

wird (in der Familie spricht man auch immer mal wieder von „Lungenentzündung“) – schreibt Pfarrer Holzapfel von der

Kirchengemeinde Senne II ins Sterbebuch am 05.03.1944: „Todesursache unbekannt. Sie starb in einer Anstalt für

Geisteskranke in Tiegenhof, Kr. Gnesen.“ – Das ist vielleicht der leise Protest des Gemeindepfarrers, der an einen

"natürlichen" Tod nicht glaubt ...

104


Schicksal des Deportations-Transportes vom 12.11.1943 aus der

Provinzialheilanstalt Gütersloh nach Tiegenhof/Gnesen

• 12.11.1943: 50 Männer - 50 Frauen - Deportationszielort: Gau-Heil- und Pflegeanstalt

Tiegenhof/Gnesen im Warthegau -

• 90 Patienten (42 Männer - 48 Frauen -[darunter Erna Kronshage] werden bis zum

Kriegsende in Tiegenhof getötet - 10 (5 Männer - 5 Frauen) versterben in der

Nachkriegszeit ...

• Die Sterberate des Deportationstransportes vom 12.11.1943 von Gütersloh nach Tiegenhof

beträgt bis zum Kriegsende 90 %

(Quelle: Bernd Walter: Psychiarie und Gesellschaft in der Moderne, 1996, Tabelle S. 945 - Ausschnitt)

105


Gedenken

106


• Die links abgebildete Grabstätte der Familie Kronshage auf dem Alten

Friedhof in BI-Sennestadt ist seit 2013 eingeebnet und völlig

verschwunden. Ebenso das Mahnmal im Hintergrund – wovon aber die

Inschriften an einem anderen Kreuz in der Nähe übernommen wurden:

Es ist insgesamt im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Sache

gewachsen – denn der Alte Friedhof wird vornehmlich in einen Grünzug

ohne individuelle Grabstellenmarkierung umgestaltet.

• 2021 hat der „Sennestadtverein“ eine Broschüre herausgegeben mit

Aufsätzen und Bildern von 32 Grabmalen, für die er die Patenschaft

übvernommen hat, und die auf dem „Alten Friedhof“ eine besondere

Aufmerksamkeit erhalten sollen, auch als Beispiel von „gelebter

Heimatgeschichte“.

• Auch auf die letzte Ruhestätte und auf das Schicksal von Erna

Kronshage wird in dieser Broschüre ganz besonders hingewiesen.

• Und weiterhin gibt es dort Überlegungen, darüberhinaus ein besonders

sichtbares Zeichen des Andenken an Erna Kronshage direkt auf der

letzten Ruhestätte zu installieren.

Links: Abbildung Seite 11 der Broschüre: „Ein Friedhof erzählt“, Sennestadtverein 2021 –

Oben: Blumen am eingeebneten Grab Erna Kronshages – Video-Still aus dem WDR-

Lokalzeit-TV-Beitrag zu Erna Kronshage 2014 ...


6.12.2012: Zur 90. Wiederkehr ihres Geburtstages wird zum Gedenken an Erna

Kronshage ein „Stolperstein“ gelegt

Der Künstler Gunter Demnig setzt für die Gewaltopfer des NS-

Regimes – jeweils in Nähe des letzten „freien Wohnortes“ –

einen sogenannten „Stolperstein“ zum Gedenken:

Hier: in Nähe des Wohnhauses „Mühlenkamp“ – am Fußgänger-

Überweg Richtung Bahnhof Kracks – an der Ampel-

/Schranken-Kreuzung Verler Straße | Sender Straße |

Krackser Straße – in 33689 Bielefeld-Sennestadt

Mühlenkamp

Gunter Demnig

beim Legen des

Stolpersteins

Stolperstein


Der Stolperstein zum Gedenken an Erna Kronshage

in der Nähe zum Wohnhaus „Mühlenkamp“

109


Leucht- und Namensband der Gedenk- und Erinnerungsstätte für 1.017 deportierte

„Euthanasie“-Opfer in der LWL-Klinikkirche Gütersloh – mitgenannt: Erna Kronshage…


Zentraler Gedenk und Informationsort für die

Opfer der Nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde

Tiergartenstraße 4 – in Berlin

111


Gedenkkultur: Virtueller Gedenkort

http://www.gedenkort-t4.eu/de/vergangenheit/kronshage-erna

112


Click here:

https://de.wikipedia.org/wiki/Erna_Kronshage

http://erna-4-teens.blogspot.de/

http://erna-kronshage-lite.blogspot.de/

http://erna-k-gedenkblog.blogspot.de/

Film „Tiegenhof“, 2011:

http://www.erna-k-gedenkblog.blogspot.de

113


Auf dieser schiefen Ebene gab es keinen Halt mehr …

Erna Kronshages 488-Tage-Leidensweg im Schnelldurchlauf:

• Frühjahr/Herbst 1942 – Verweigerungshaltung und Verhaltensauffälligkeiten:

• Einweisung „auf eigenen Wunsch“ in die Provinzialheilanstalt Gütersloh am

24.10.1942

• Die Schnell-Diagnose von 10/1942: „Schizophrenie“ =

• Antrag auf „Unfruchtbarmachung“ nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken

Nachwuchses“ durch die Heilanstalt Gütersloh beim Erbgesundheitsgericht = 2/1943;

• Der Vater als Vormund erhebt wiederholt massiv und vehement Einsprüche

• Beschluss in der 2. Instanz: Die Zwangssterilisation erfolgt in 8/1943

• Deportation aus „Luftschutzgründen“ bzw. wg. der Bereitstellung von Lazarettbetten

zur Versorgung Kriegsverletzter in der Heilanstalt Gütersloh nach Tiegenhof/Gnesen

(im besetzten Polen) in 11/1943 – einer seit 1939 aktiven NS-Tötungsanstalt im

Rahmen der verschiedenen “Euthanasie“-Wellen

• Ermordung durch Hungerkost und Barbituraten am 20.02.1944 in der „Heilanstalt“

Tiegenhof

114


die abdeckenden pflasterverbände

abreißen .

damit diese narben sichtbar werden .

die einstiche und die

verschorften schrunden wunden

mitten in dieses kurze leben geritzt

in einem lang nachrostenden

ächzenden donnerschlag

nach 488 tage andauernden

zittrigem grollen .

schwarzseufzend . ausröchelnd

in der sandig irdenen ruhe dann

. danach

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Autor und Gestaltung dieses Magazins: Edward Wieand –

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Bericht zu Erna Kronshage in einer Gütersloher Schule

Vortrag in der Albatros-Schule im Februar 2017 – eine Förderschule in Bielefeld-Senne

Gedenkfeier für die Opfer der NS-Euthanasie am Totensonntag 2016 an der Treise-Kapelle in der

LWL-Klinik Warstein – mit einem Vortrag zum Leidensweg von Erna Kronshage

Auf dem Hintergrund des "Euthanasie"- Opferporträts von Erna

Kronshage (1922- 1944) haben sich 8 junge Spieler*innen des

Jugendvolxtheaters Bethel 2018 mit den damaligen Ereignissen,

den eigenen Besonderheiten und den des Menschen 116 im

Allgemeinen auseinandergesetzt.

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