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8 Was ist Zeit?

KAPITEL 1

Was ist Zeit?


Was ist Zeit? 9

eine einfache antwort lautet: „Zeit ist das, was von Uhren gemessen wird.“ Freilich greift diese

antwort zu kurz. Zum einen verfügen (soweit wir wissen) zwar nur Menschen über Uhren, aber

auch tiere haben vielleicht irgendwelche Vorstellungen von Zeit, unterscheiden etwa tag und

Nacht. Wenn also die Zeit keine rein menschliche Konstruktion ist, muss sie eine existenz

außerhalb von Uhren besitzen. aber stimmt das wirklich? Die Philosophen haben sich seit

Jahrhunderten auf höchst kontroverse Weise mit dem Wesen der Zeit auseinandergesetzt. einige

sind zu dem schluss gekommen, dass es so etwas wie Zeit gar nicht gibt, während andere

glauben, dass unsere Wahrnehmung der Zeit vom Wandel der Begleitumstände abhängt.


10 Was ist Zeit?

Oben: Die einfachste Form

einer Wasseruhr ist eine

schale mit einem Loch im

Boden. Das Wasser braucht

eine bestimmte Zeit, um

auszulaufen. Frühgriechische

Modelle wie das abgebildete

beruhten auf ägyptischen

Vorbildern.

Die griechischen Philosophen hatten sehr unterschiedliche auf fas sun gen

von der Zeit. Um 500 v. Chr. schrieb Heraklit: „Denen, die in dieselben

Flüsse hineinsteigen, strömen andere und wieder andere Wasserfluten

zu …“ oder anders gesagt: Man steigt nicht zweimal in

denselben Fluss.

Die antiken griechischen

PhilosoPhen

Platon, geboren um 428 v. Chr. in Athen und Gründer der Akademie, der ersten

„ Universität“ der westlichen Welt, glaubte, die Zeit sei zusammen mit dem Universum

erschaffen worden und in ihrer Existenz unabhängig. Würde alle Bewegung – für eine

Sekunde, eine Minute oder ein Jahrhundert – innehalten und nichts sich verändern

und danach alles weitergehen wie zuvor, bliebe dies wohl unbemerkt, aber die Zeit

wäre nicht stehen geblieben. Für Platon war die Zeit ein leerer Behälter, der mit Dingen

und Ereignissen angefüllt werden kann, durch den sie sich bewegen.

Ein Schüler Platons, Aristoteles, wurde später einer der berühmtesten Philosophen

aller Zeiten. Aristoteles, geboren 384 v. Chr., gehörte 20 Jahre lang Platons Akademie


an, unterrichtete dann den Sohn König Philipps II. von Makedonien, Alexander,

später „der Große“ genannt, und schrieb Bücher über fast alle damals bekannten

Wissensgebiete. 335 v. Chr. kehrte er nach

Was ist Zeit? 11

ist die Zeit absolut, ewig

und vom menschen unabhängig

… oder hängt sie

von uns ab?

Athen zurück und gründete seine eigene Schule,

das Lyzeum, an dem er 12 Jahre lang lehrte.

Im Gegensatz zu Platon ging Aristoteles

davon aus, dass Zeit etwas mit Bewegung und

Veränderung zu tun hat – sichtbares Zeugnis

waren die Sterne und die damals gebräuchlichen

Wasseruhren. Würde alle Bewegung

aufhören, müsste auch die Zeit innehalten. Für

Aristoteles existiert die Zeit nicht unabhängig von Ereignissen, sodass sie Veränderung

notwendig einschließt. Das ist eine Art von Reduktionismus: Alle Erörterungen

über die Zeit können auf Ereignisse und Geschehnisse zurückgeführt werden.

Zenons Paradoxa

Um 450 v. Chr., drei bis vier Generationen vor Aristoteles, hatte Parmenides die

Auffassung vertreten, dass Zeit und Bewegung nichts Wirkliches, sondern reine

Illusion seien. Einer seiner Schüler, Zenon von Elea, wollte diese Annahme durch

eine reductio ad absurdum beweisen und erfand zu Demonstrationszwecken Paradoxa,

deren berühmteste „Achilles und die Schildkröte“ sowie der „stehende Pfeil“ sind.

Unten: ausschnitt aus Raffaels

Gemälde Die Schule

von Athen (1510). in der

Bildmitte Platon (links), der

nach oben auf das ewige

weist, neben ihm aristoteles,

der die erfahrbare Welt im

Blick hat.


12 Was ist Zeit?

Oben: Der griechische

Philosoph Zenon von elea

interessierte sich für die

Beziehung zwischen Zeit und

Raum. in einem seiner berühmten

Paradoxa beweist

er, dass eine schildkröte,

wenn man ihr einen Vorsprung

gewährt, auch von

einem geübten Läufer nicht

eingeholt werden kann.

ist Die Zeit etWas absolutes?

Zenon stellte sich vor, dass Achilles, einer der

Helden des Trojanischen Kriegs und als schneller

Läufer bekannt, im Wettlauf gegen eine Schildkröte

antreten will. Er gibt der Schildkröte ein paar Meter

Vorsprung, sodass sie vom Punkt T1 aus startet.

Beide laufen im selben Augenblick los. Die

gewöhnliche Erfahrung würde nun davon

ausgehen, dass Achilles die Schildkröte sehr

schnell überholt und das Wettrennen gewinnt.

Zenon argumentiert jedoch völlig anders: Achilles benötige eine

gewisse Zeit (vielleicht eine Sekunde), um nach T1 zu gelangen, von

wo aus die Schildkröte startete. Die ist mittlerweile schon etwas weiter,

bei T2. Achilles braucht wieder etwas Zeit, um nach T2 zu gelangen,

unterdessen ist die Schildkröte bereits bei T3 usw. Wie schnell

Achilles auch läuft, kann er doch die Schildkröte nicht einholen.

Noch verwirrender ist das Paradox des in der Luft stehenden

Pfeils. Zenon meinte, ein fliegender Pfeil müsse zu jedem Zeitpunkt

eine bestimmte Position im Raum einnehmen. Wenn

er sich bewegt, so entweder dorthin, wo er ist, oder

dorthin, wo er nicht ist. Aber er kann sich nicht

dorthin bewegen, wo er zu diesem bestimmten

Zeitpunkt nicht ist, und er kann sich auch nicht

dorthin bewegen, wo er bereits ist. Mithin steht der Pfeil still, ist unbeweglich. Das

Problem beschäftigte auch Aristoteles. In seiner Physik stellte er es so dar: „Wenn

alles, sofern es einen gleichen Raum ausfüllt, in Ruhe ist, und alles in Bewegung

Befindliche in jedem Augenblick einen solchen Raum ausfüllt, ist der fliegende

Pfeil unbewegt.“

Wenn sich der Pfeil während eines Zeitabschnitts bewegte, wäre der Zeitabschnitt

teilbar. Aristoteles kam zu dem Schluss, dass die Zeit nicht aus einer Abfolge

unteilbarer Augenblicke – jeder von ihnen ein „Jetzt“ – besteht, sondern selbst

Bewegung ist und gleichmäßig fließt wie ein Strom oder ein Pfeil in der Luft.

Ist die Zeit absolut, äußerlich und von uns und der Welt insgesamt

unabhängig? Oder gibt es sie nur, insofern es Ereignisse

und Geschehnisse gibt? Stimmt Platons Gedanke, dass niemand

es bemerken würde, wenn alle Bewegung 100 Jahre

lang innehielte? Ein ähnlich gelagertes Problem, das uns bei

der Formulierung von Fragen über die Zeit behilflich sein kann,

betrifft die Mathematik. Ist auch sie absolut? Existierte sie bereits

im Universum, um später von den Mathematikern entdeckt

zu werden? Oder ist sie eine Erfindung der Mathematiker?

Jetzt?

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind die

konstituierenden Elemente der Zeit. Die Vergangenheit

ist Geschichte, die Gegenwart ist jetzt; die Zukunft

kommt erst noch. „Jetzt“ wird häufig auch „die

sich bewegende Gegenwart“ genannt – sie verbindet

Vergangenheit und Zukunft, ist ständige Begleiterin

unseres Lebens und des Universums. Aber was ist

dieses Jetzt? Eine unendlich dünne Scheibe der Zeit

– ihre kleinste vorstellbare Einheit? Besteht die Zeit

aus einer unendlichen Abfolge dieser Jetzte?

Aristoteles hielt diese Theorie für falsch. Bei

jedem gegebenen Jetzt-Zeitpunkt muss das vorherge-


gangene Jetzt verschwunden sein. Doch kann es nicht während seiner eigenen Dauer

verschwunden sein, denn währenddessen war es Jetzt. Ebenso kann es nicht in einem

darauffolgenden Jetzt verschwunden sei, denn die Jetztpunkte sind sequenziell,

nicht koexistenziell. Mithin scheint es keine Abfolge von Jetztpunkten zu geben.

Ferner sind einige Abschnitte der Zeit bereits vergangen, während andere erst noch

kommen. Doch ist keiner von ihnen ein Jetzt, denn das Jetzt selbst ist kein Zeitabschnitt,

sondern nur die Trennung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Aufgrund

dessen behaupten einige, dass die Zeit nicht existiert, da weder Vergangenheit noch

Zukunft existieren, und wenn es auch kein Jetzt gibt, was bleibt dann von der Zeit?

Der Kirchenvater Augustinus erkannte das Problem ebenfalls: „Fassen wir irgendetwas

an der Zeit auf, das nicht in noch die kleinsten Teile von Augenblicken

zerteilt werden kann, so ist einzig dies ,Gegenwart‘ zu nennen. Doch fliegt dies so

schnell aus der Zukunft in die Vergangenheit hinüber, dass es sich zu keiner Dauer

ausdehnt. Denn dehnt es sich aus, wird es in Vergangenheit und Zukunft zerteilt:

die Gegenwart aber hat keinen Zeitraum.“ Aber das war beileibe nicht das Einzige,

was Augustinus über die Zeit mitzuteilen wusste.

Oben: Mit dem Pfeil­Paradox

wollte Zenon zeigen, dass

ein sich bewegendes Objekt

in Wirklichkeit stillsteht. Für

Zenon war Zeit eine abfolge

von Momenten, in deren

jedem der Pfeil in Ruhestellung

ist.


aurelius augustinus wurde 354 in tagaste (im heutigen algerien)

geboren. Mit 32 Jahren stürzte er in eine schwere seelische Krise

und trat zum Christentum über. 395 wurde er zum Bischof von

Hippo Regius (heute annaba) ernannt.

Augustinus von Hippo

Im 11. Buch seiner Bekenntnisse (geschrieben 397/98) denkt Augustinus über das

Wesen der Zeit nach. Das geschieht in Form eines langen Gebets, in dessen Verlauf

er Fragen stellt und für ihre Beantwortung Gott um Beistand bittet. Hier einige

Auszüge:

„Was also ist die Zeit? Fragt mich niemand danach, so weiß ich es; will ich es dem

Fragenden aber erklären, so weiß ich es nicht. Dennoch sage ich voller Vertrauen,

dass ich dieses weiß: Wenn nichts verginge, gäbe es keine vergangene Zeit, und wenn

nichts käme, gäbe es keine zukünftige Zeit, und wenn nichts wäre, gäbe es keine

gegenwärtige Zeit. Doch wie sind diese zwei Zeiten, Vergangenheit und Zukunft,

beschaffen, wenn die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist?“

Augustinus erörtert auch die mit den Vorstellungen von Vergangenheit und

Zukunft verbundenen Paradoxa:

„Wenn es Zukünftiges und Vergangenes gibt, will ich wissen, wo sie [diese Zeiten]

sind. Vermag ich dies noch nicht, so weiß ich doch, dass sie, wo immer sie sein mögen,

dort nicht als Zukünftiges oder Vergangenes sind, sondern als Gegenwärtiges.

Denn sind sie dort als Zukünftiges, so sind sie eben noch nicht dort, und sind sie

dort als Vergangenes, sind sie nicht mehr dort. Wo und was auch immer sie sind,

sie sind nur als Gegenwärtiges. Zwar werden vergangene Dinge als wahr berichtet,

doch gehen aus dem Gedächtnis nicht die Dinge selbst hervor, die vergangen sind,

sondern Worte, gebildet aus Vorstellungen, welche die Dinge bei ihrem Durchgang

durch die Sinne im Geist wie Spuren hinterlassen haben. Denn meine Kindheit ist

nicht mehr, sondern liegt in der vergangenen Zeit, die auch nicht mehr ist; aber ihr

Bild, das ich im Erzählen heraufhole, schaue ich in der gegenwärtigen Zeit, da es in

meinem Gedächtnis ist. Ob es nun auch einen ähnlichen Grund bei der Vorhersage

von Zukünftigem gibt dergestalt, dass von Dingen, die noch nicht sind, bereits

Bilder existieren, das, mein Gott, nicht zu wissen bekenne ich. Doch weiß ich, dass

wir häufig unsere zukünftigen Handlungen vorausbedenken und dass dieses Vorausbedenken

gegenwärtig ist, nicht aber die vorausbedachte Handlung, die noch

in der Zukunft liegt. Erst wenn wir sie in Angriff nehmen und das Vorausbedachte

in die Tat umzusetzen beginnen, ist die Handlung nicht mehr zukünftig, sondern

gegenwärtig.“


„Ich sehe die Morgenröte, ich kündige das Aufgehen der Sonne an. Was ich sehe,

ist gegenwärtig; was ich ankündige, ist zukünftig: nicht jedoch die Sonne, die ja ist,

sondern ihr Aufgang, der noch nicht ist. Doch könnte ich auch ihn nicht ankündigen,

wenn ich ihn selbst mir nicht im Geiste vorstellte so wie jetzt, da ich von ihm

spreche. Aber die Morgenröte, die ich am Himmel sehe, ist nicht der Sonnenaufgang,

sondern sie geht ihm nur voraus, und auch das Bild in meinem Geist ist nicht

dieser Aufgang, vielmehr sind beide, Röte und Bild, gegenwärtig, damit ich den Aufgang

als Zukünftiges ankündigen kann. Das Zukünftige ist also noch nicht, und weil

noch nicht, eben gar nicht, und weil gar nicht, deshalb auch nicht zu sehen. Aber es

kann aus dem Gegenwärtigen, das ist und gesehen wird, vorhergesagt werden.“

„Klar und deutlich ist aber nun dies: Es gibt weder

Zukünftiges noch Vergangenes, und so kann

man nicht im eigentlichen Sinn von drei

Zeiten – Vergangenheit, Gegenwart

und Zukunft – sprechen, sondern muss

eher sagen, dass es die Gegenwart des

Vergangenen, die Gegenwart des

Gegenwärtigen und die Gegenwart

des Zukünftigen gibt. Diese nämlich

sind in der Seele, und an anderem

Ort sehe ich sie nicht. So wäre

die Gegenwart des Vergangenen

das Gedächtnis, die Gegenwart des

Gegenwärtigen die Anschauung,

die Gegenwart des Zukünftigen die

Erwartung.“

„Von einem gelehrten Mann

habe ich gehört, die Zeiten seien

die Bewegung des Mondes, der

Sonne und der Sterne, aber ich

habe ihm nicht zugestimmt. Denn

warum sollten dann nicht die Bewegungen

aller Körper die Zeiten

sein? Gesetzt, alle Himmelslichter

stünden still und nur noch eine

Töpferscheibe drehte sich, gäbe es

dann keine Zeit mehr, ihre Drehungen

zu messen?“

Rechts: Das Gemälde von Botticelli

(um 1480) zeigt augustinus.


16 Was ist Zeit?

Unten: sir isaac Newton

erkannte, dass Bewegung relativ

ist – ein Mensch bewegt sich

in einer Geschwindigkeit relativ

zum erdboden, und die erde bewegt

sich in ihrer Umlaufbahn

relativ zur sonne. aber er ging

davon aus, dass es eine absolute

Zeit und einen absoluten

Raum gibt, die den Maßstab für

jegliche Bewegung bilden.

einer der ersten, der wissenschaftlich über die Zeit nachdachte, war isaac

Newton. er erkannte, dass er für seine Gleichungen die Zeit als eine Variable

brauchte. Newton, geboren am Weihnachtstag 1642 (nach dem

julianischen Kalender; nach dem gregorianischen am 4. Januar 1643),

studierte in Cambridge, wo er durch die arbeiten von William Charleton

beeinflusst wurde.

neWton, leibniZ unD kant

Seine grundlegenden Ideen hatte Newton 1665 und 1666,

als die Universität in Cambridge wegen der Pest geschlossen

war und er sich in seinem Haus in Lincolnshire (Ostengland)

aufhielt. Er löste in dieser Zeit mehrere mathematische Probleme,

untersuchte die von Prismen und Regenbögen erzeugten

Spektralfarben und beschäftigte sich mit dem Problem der

Schwerkraft. 1687 veröffentlichte er sein (lateinisch verfasstes)

Hauptwerk, die Philosophiae Naturalis Principia Mathematica

(Mathematische Prinzpien der Naturphilosophie), eines der

gewichtigsten wissenschaftlichen Werke aller Zeiten.

In den Principia legte Newton für die nächsten 300 Jahre

die Gesetze der Bewegung und die Grundlagen der Physik

fest. Dazu gehörte auch ein festumrissener Begriff der

Zeit, deren Definition er im Scholium (einer Art Einleitung,

die Definitionen enthält) wie folgt formulierte:

„Die absolute, wahre und mathematische Zeit,

an sich selbst und ihrem eigenen Wesen nach, fließt

gleichmäßig ohne Beziehung auf irgendetwas Äußeres

und wird mit anderem Namen auch als Dauer

bezeichnet. Dagegen ist die relative, erscheinende und

gewöhnliche Zeit als etwas sinnlich Wahrnehmbares und

Äußeres ein (genaues oder ungenaues) Maß der Dauer

mittels Bewegung; ein Maß, das gewöhnlich anstelle

der wahren Zeit benutzt wird, wie etwa

eine Stunde, ein Tag, ein Monat, ein Jahr.“

Rechts: Mit der theorie der Gravitation

konnte Newton nicht nur die Bewegungen

des Mondes und der Planeten,

sondern auch das Verhalten fallender

Objekte auf der erde erklären.


Die Farben Des regenbogens

1666 erwarb Newton auf einem Jahrmarkt ein Prisma. Ihn

faszinierten die durch den Einfall von Sonnenstrahlen hervorgerufenen

Farben. Um mehr über ihre Entstehung herauszufinden,

machte er eine Reihe von Experimenten, wobei

er entdeckte, dass das Sonnenlicht aus einer Mischung aller

Farben des Regenbogens besteht. Das Prisma trennt sie

lediglich. In einem Brief an die Royal Society erläuterte er

seine Erkenntnisse und beschrieb zudem den Entwurf eines

Spiegelteleskops, mit dessen Hilfe Astronomen Sterne und

Planeten ohne störende Farbränder beobachten könnten.

Durch die scharfe Trennung zwischen absoluter (oder „mathematischer“)

und relativer (oder „gewöhnlicher“) Zeit macht Newton die

Erstere, absolut gleichförmig verlaufende, zu einem grundlegenden

Bestandteil des Universums:

„Die absolute Zeit wird in der Astronomie von der relativen durch

die Angleichung oder Berichtigung der

erscheinenden Zeit unterschieden. Die

natürlichen Tage nämlich sind einander

in Wahrheit ungleich, auch wenn sie für

gewöhnlich als gleich angesehen und als

Maßstab für die Zeitmessung verwendet

werden. Die Astronomen korrigieren diese

Ungleichheit, um die Bewegung der Himmelskörper

durch ein genaueres Zeitmaß

bestimmen zu können. Es mag wohl sein,

dass es so etwas wie eine völlig gleichförmige

Bewegung, durch welche die Zeit genau

gemessen werden kann, nicht gibt. Jegliche

Bewegung kann beschleunigt oder verlangsamt

werden, aber das Fließen der absoluten

Zeit unterliegt keinem Wandel.“

Gottfried Wilhelm Leibniz, ein Zeitgenosse

Newtons, entwickelte unabhängig von

dem englischen Gelehrten die Infinitesimalrechnung.

(Trotzdem beschuldigte

Newton ihn des Plagiats.) Für Leibniz war

Gott ein rational denkendes und handelndes

Wesen, das nichts ohne zureichenden Grund

tat. So musste es für ihn auch einen Grund

geben, das Universum in einem bestimmten

Augenblick zu erschaffen.

Was ist Zeit? 17

Obwohl Newton die Gesetze

der Bewegung und der

S

C

H

W

E

R

KRaft

entdeckte, hegte er eine

heimliche Leidenschaft

für die alchemie und war

sehr religiös.


18 Was ist Zeit?

ZEIt

ist, was geschieht,

wenn sonst nichts

geschieht.

Richard Feynman

Wenn aber, wie in Newtons absoluter Zeit, jeder Augenblick mit jedem

anderen absolut identisch war, hätte Gott keinen Grund für die

Erschaffung des Universums zu einem bestimmten Zeitpunkt gehabt.

Also musste, schloss Leibniz, Newton hier im Unrecht sein.

Für Leibniz war das Universum ein sinnvoller Zusammenhang

von Dingen und Prozessen, von faden- oder besser noch: raupenähnlichen

Verknüpfungen, bei denen jedes Segment in der Zeit

mit dem vorherigen und dem nachfolgenden Segment verbunden

ist. Ein Ding in seiner Existenz ist somit ein wirkliches raum-zeitliches

Objekt. Ebenso ging Leibniz, wie Aristoteles, davon aus, dass

es ohne Ereignisse und Veränderungen keine Zeit gäbe, wohingegen

Newton in Übereinstimmung mit Platon annahm, dass die (absolute) Zeit

von allen äußeren Dingen und Geschehnissen unabhängig sei. 1715/16 führte

Leibniz mit dem Engländer Samuel Clarke, einem engen Freund und Schüler

Newtons, einen umfangreichen Briefwechsel zum Thema „Zeit“. Clarke (sicher beeinflusst

von Newton) behauptete, Raum und Zeit hätten wirkliche und festgelegte

Existenz. Versetzt man, sagte Clarke, einen Eimer voll Wasser in Drehbewegung,

so steigt das Wasser an den Seiten empor, was nur geschehen kann, wenn der

Eimer sich innerhalb eines festgelegten Bezugsrahmens dreht. Würde sich

das gesamte Universum mit dem Eimer drehen, könnte das Wasser nicht

steigen. Leibniz war damit gar nicht einverstanden. Ein leerer Raum

sei, so meinte er, eine Substanz ohne Eigenschaften.

Immanuel Kant geht in seinem Hauptwerk, der Kritik der reinen

Vernunft, davon aus, dass Raum und Zeit grundlegende Bedingungen

für unsere Sinneserfahrungen sind. Raum und Zeit

sind keine Substanzen, sondern Bestandteile eines systematischen

Bezugsrahmens, ohne den ein Verstehen von Welt

nicht möglich ist.

eine eWige Frage

Am Ende des 17. Jahrhunderts tauchte das Problem, das schon

in der griechischen Antike eine Rolle gespielt hatte, erneut auf:

Ist die Zeit absolut und unabhängig oder ist sie von uns abhängig?

Platon und Newton vs. Aristoteles und Leibniz.

Links: immanuel Kant führte ein sehr geregeltes Leben. sein

täglicher spaziergang fand zu einer festgelegten Zeit statt, sodass

die Bürger von Königsberg ihre Uhren danach stellen konnten.

Gegenüber: Dreht sich der aus dem Brunnen hochgezogene

eimer, steigt das Wasser seitlich zum Rand empor. Für samuel

Clarke steigt es, weil der eimer sich innerhalb eines

festgelegten Bezugsrahmens dreht.


20 Was ist Zeit?

Oben: Dem Physiker Lee

smolin zufolge deutet das

Verhalten der Gravitation auf

der Quantenebene darauf

hin, dass die Zeit real ist

und keine abstrakte Konstruktion.

Mitte: Unser Gedächtnis

ist keine stoppuhr. Ohne

instrumente können wir die

Dauer von Zeitabschnitten

nur schätzen.

Die toPologie Der Zeit

in The Unreality of Time von 1908 (dt. Die Unrealität der Zeit) behauptet

der englische Philosoph J. M. e. Mctaggart, es gebe realiter keine

Zeit, sondern lediglich zwei arten von zeitlichen Bezugssystemen, die

er „a­Reihe“ und „B­Reihe“ nennt. Die a­Reihe bezeichnet direkte

zeitliche anordnungen, die B­Reihe dagegen abstrakte

Beziehungen des „früher“ und „später“.

ist Die Zeit real?

Zeit, so sagt McTaggart, kann es nicht geben ohne die A-

Reihe, weil Zeit Veränderung benötigt. Dagegen verändern

sich die Anordnungen in der B-Reihe nicht. Allerdings ist

die A-Reihe in sich widersprüchlich, weil jeder zeitliche Terminus

die Eigenschaften jedes anderen Terminus besitzen muss:

„morgen“ wird zu einem Abschnitt von „übernächste Woche“

und war einmal Bestandteil von „letzten Monat“. Aber keine Zeit kann zugleich

Vergangenheit und Zukunft sein, mithin ist die A-Reihe selbstwidersprüchlich, und

eben deshalb ist die Zeit nicht real.

In einem 2010 erschienenen Zeitschriftenartikel trat der theoretische Physiker Lee

Smolin für die Realität der Zeit ein. Sie sei nicht, wie viele Denker, von den

antiken Griechen bis zu heutigen Quantenkosmologen, behaupteten,

eine Illusion, ein „Kunstgebilde unserer Psychologie“. Auch

liege sie nicht in irgendeinem zeitlosen Reich der Wahrheit,

ohne alle Verbindung zu dem von uns wahrgenommenen

Fluss der Ereignisse. Smolin meint, dass

zukünftige Fortschritte in der Erforschung der

Quantengravitation bestätigen werden, dass

unser vierdimensionales Raum-Zeit-Univer-

Die Zeitachse eines Objekts ist der Weg seines Durchgangs durch die

Zeit, aber ist diese Achse einfach eine gerade Linie, oder weist sie Verzweigungen

auf, sodass sich unterschiedliche Zukünfte ergeben? Oder

kann sie eine Schleife bilden und zum gleichen Zeitpunkt irgendwann

in der Zukunft zurückkehren (was eine Art Zeitreise wäre)? Oder ist die

Linie unterbrochen, sodass kürzere oder längere Abschnitte fehlen?

Aristoteles meinte, die Zeit könne keinen Anfang haben, da der erste

Augenblick so etwas wie Vergangenheit und Zukunft als Augenblicke

bereits voraussetze und daher nicht der erste Augenblick sein könne.


sum nur dann sinnvoll ist, wenn wir

von der Realität der Zeit ausgehen.

Smolin sagt: „Ich gehe davon

aus, dass, im Gegensatz zur Auffassung

der antiken metaphysischen

Tradition, die Zeit nicht nur real,

sondern wahrscheinlich der einzige

Aspekt der von uns direkt

erfahrenen Realität ist, der grundlegend

und nicht aus irgendetwas

anderem entsprungen ist.“

Die Psychologie der Zeit

Die Wahrnehmung von Zeit ist

etwas Seltsames. Die Welt um

uns nehmen wir mit unseren Sinnen

wahr, aber für die Zeit haben

wir kein eigenes Sinnesorgan. Doch auch ohne dass wir die Zeit sehen oder hören,

schmecken oder fühlen, können wir mittels unserer Gedankengänge spüren, wie sie

vergeht. Wir sehen, wie der Schwimmer ins Wasser eintaucht, aber wie er vom Brett

sprang, wissen wir nur durch unser Gedächtnis; das Zeitintervall selbst können wir

nicht direkt beobachten. Das macht die Sache schwierig: Wie können wir erklären,

was Zeit ist, wenn wir nicht in der Lage sind, sie wahrzunehmen?

1978 führte der deutsche Psychologe Ernst Pöppel Experimente zu verschiedenen

„elementaren Zeiterfahrungen“ durch, wie z. B. Dauer,

Ungleichzeitigkeit, Ordnung, Vergangenheit und Gegenwart,

Veränderung. Dauer scheint etwas Einfaches zu sein –

wie lange braucht ein Feuerwerk vom Beginn bis

Was ist Zeit? 21

Oben: es gibt eine ganze

Reihe sehr unterschiedlicher

„Zeit­experimente“. es

scheint leicht zu sein, die

Dauer relativ kurzer Zeit­

abschnitte zu schätzen.

so können wir z. B. unge­

fähr angeben, wie lange

ein Feuerwerk braucht,

um abzubrennen.

Wenn das gehirn

innerhalb kurzer Zeit unterschiedliche

Ereignisse registriert,

konstruiert es vielleicht eine

Geschichte, um die Ereignisse

zu ordnen, aber die Geschichte

muss nicht den tatsächlichen

Ereignissen entsprechen.

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