Z21/22 Reformation Teil 2 Leseprobe der ersten 80 Seiten

pischka

Die Reformation ging nach Luther weiter - leider nicht unblutiger. Wie sieht Reformation heute aus, wo sind die aktuellen Herausforderungen. Warum verfolgen die vorigen Reformatoren immer die aktuellen?

D a s U m d e n k I m p u l s Z u k u n f t s G e s t a l t u n g s M a g a z i n

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f ü r Z u k u n f t

REFORMA

FIKTION 5.2

DIE WELT FRAGT

NICHT NACH KIRCHE

SIE SUCHT ECHTES

A u s g a b e # 2 1 / 2 2

Z für Zukunft

1

w w w . Z f ü r Z u k u n f t . d e


Leitthema

Foto: © DesktopPapers.co

Reformafiktion 5.1

Der zweite Teil einer Fiction, in der wir uns vorstellen, eine umfassende Reformation

wäre möglich. Aber als erstes, vergessen wir, was wir uns von Reformation vorgestellt

haben. Versetzen wir uns in das Jahr 2137.

Peter Ischka

Mit der

HDS-Bank stieß

Lary Bracks eine

Kettenreaktion

an und schuf

einen Kollateral-

Gewinn von

unschätzbarem

Wert

Sie erinnern sich noch, was am 31.

Oktober 2117 Tagesthema war?

Nein, nicht das 600-Jahr-Jubiläum

der Reformation, das hat kein Aufsehen

erregt. Ich meine die Eröffnung

der HDS-Bank, der Bank mit dem absurden

Geschäftsmodell: Wer die Geschäftsbedingungen

akzeptiert, bekommt alle seine Schulden erstattet

und erhält einen monatlichen Prosperitätssatz bis

zum Lebensende. Das hat eine umfassende Reformation

ausgelöst, es hat unser Land tiefgreifend

verändert. Was die Entmachtung von „Schuld“

ausrichten kann – wir hätten es uns nicht träumen

lassen.

Alles ausgelöst durch Larry Bracks; der Billiardär

investierte sein gesamtes Vermögen in diese

Idee. Was er mit Worten nicht auszudrücken vermochte,

fasste er ins HDS-Modell: Habit, Debit,

Save!

Als global vernetzter und äußerst korrupter

Geschäftsmann hatte er zuvor unzählige Menschenleben

auf dem Gewissen; dann war er zur

falschen Zeit am falschen Ort und wurde Opfer

eines Terroranschlags. Dem Tode nahe, stand ihm

die Frage vor Augen: „Was ist ein Menschenleben

eigentlich wert?“ Das hatte ihn noch nie gekümmert,

aber nun wurde er diesen Gedanken nicht

mehr los. Rob, ein schrulliger Außenseiter und

Sohn eines guten Geschäftspartners, brachte ihn

auf die Spur, wie er die volle Vergebung seiner

unvorstellbaren Gräueltaten erlangen konnte.

Bracks ist kein Mann großer Worte, aber er ver-

6

Z für Zukunft


Leitthema

steht etwas von Geld – und die Sprache des Geldes

versteht doch jeder. So beschloss Bracks,

seinen Zeitgenossen mithilfe der HDS-Bank zu

zeigen, was Vergebung bewirkt und wie sich ein

Leben ohne Schuld anfühlt.

War es Zufall, dass am Tag der Eröffnung, am

31. Oktober 2117, auch das Reformationsjubiläum

begangen wurde? Oder wollte Bracks damit

ein Zeichen setzen? Ursprünglich ging es bei

der Reformation sechs Jahrhunderte zuvor doch

um die Wiederentdeckung der bedingungslosen

Entschuldung, der Rechtfertigung aus Glauben:

Schuldvergebung ohne religiöses Wenn und Aber.

Doch hat die lutherische Institution sich von ihrer

Herkunft und ihrem Erbe so weit entfernt – durch

linksliberale Ideologie und atheistisch-humanistische

Denkmuster –, dass eine Beziehung zum historischen

Ereignis jetzt nur noch von höchst spezialisierten

Fachkräften erahnt werden kann.

Die HDS-Erfolgsstory im Großen …

Nach dem ersten Jahr hatte die HDS-Bank 2,49

Millionen Kunden; 236 Milliarden Euro Schulden

wurden ausgeglichen. Nach dem zweiten Jahr

verzeichnete man bereits 19,64 Millionen Kunden,

die Schuldentilgung erreichte über 22,5 Billionen

Euro (1 Billion = 1000 Milliarden, eine Eins

mit zwölf Nullen). Der Passus in den Geschäftsbedingungen,

dass Kunden den eigenen Schuldnern

ebenfalls die Schulden erlassen müssen, stieß

eine Kettenreaktion an und schuf einen Kollateral-Gewinn

von unschätzbarem Wert – monetär,

psychisch, sozial, metaphysisch.

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2137. Die

Mitgliederzahl der Luther-Institution ist in den

letzten beiden Jahrzehnten weiter gesunken,

unter die 2-Prozent-Marke; parallel dazu sind

über 40 Prozent der Bevölkerung direkt oder

indirekt durch die HDS-Bank entschuldet. Was

Luther einst wiederentdeckte, seine Nachfolgeinstitution

aber schon lange nicht mehr vermitteln

kann, realisiert nun eine Bank. Deren Kunden

haben nicht nur ihre finanziellen Probleme in

den Griff bekommen; sie bemerken auch Veränderung

in ihren Beziehungen und in den eigenen

Emotionen: Ihre Ängste haben sich verloren, sie

sehen die Welt nun mit ganz anderen Augen, und

Misstrauen und Neid lösen sich mehr und mehr

auf. Das Prinzip „Vergebung“ findet universale

Anwendung und zeitigt ungeahnte Vorteile: Es

gibt immer weniger Grund, sich krankzusorgen;

der Gesundheitszustand der HDS-Kunden hat

sich enorm verbessert und die Krankheitsindustrie

musste gravierende Einschnitte hinnehmen.

… und im Kleinen

In Teil 1 der Reportage (»Z« 19/20,Titelgeschichte)

haben wir ein paar Schicksale kennengelernt:

Kuno Bretschneider wurden 127 000 Euro an

Schulden erstattet; seitdem erhält er monatlich

einen Prosperitätssatz von 5430 Euro. Seine

Geldsorgen waren ihm früher richtig unter die

Haut gegangen; die psychosomatische Erkrankung

hat er aber längst überwunden. Vielfach

ausgezahlt hat sich die Weiterbildung in kreativer

Kommunikation – inzwischen bekleidet er eine

leitende Position in einer namhaften Werbeagentur.

Aber auch in einem umfassenderen Sinn hat

sich für ihn die Welt der Kommunikation eröffnet:

Bretschneider hat festgestellt, dass man oft unter

ein und demselben Wort etwas völlig anderes verstehen

kann – das verspricht Missverständnisse

en gros! Diesem Phänomen ist Kuno an die Pelle

gerückt; sein „Wörterbuch der Missverständnisse“

ist Bestseller geworden. –

Manchmal denkt er zurück an die alten Zeiten

mit den Schulden und der Angst, und dann ist er

doppelt dankbar, dass er diese Last vom Hals hat.

Tagtäglich profitiert er von den Auswirkungen auf

die Kommunikation von Mensch zu Mensch.

Der einst hoch verschuldete, dem Bankrott

nahe Unternehmer Fries konnte sein Unternehmen

in eine fast mitbewerberfreie Nische führen

und hat kräftig expandiert. Von dem Passus in

den HDS-Geschäftsbedingungen, dass den eigenen

Schuldnern die Schulden zu erlassen sind,

profitierten vor allem die langjährigen Mitarbeiter;

die Folge: eine starke Identifikation mit der

Firma. Das Misstrauen hat einer vorbildlichen

Vertrauenskultur Platz gemacht, man kann sich

auf ein Wort wieder verlassen.

Was Luther

einst wiederentdeckte,

seine Nachfolgeinstitution

aber

schon lange

nicht mehr

vermitteln kann,

realisiert

inzwischen

eine Bank

Z für Zukunft

7


Leitthema

Foto: © Agentur PJI, Montage

Menschen umarmen sich,

Mauern gesellschaftlicher

Isulation werden

durchbrochen. Es entstehen

Beziehungen.

Plötzlich redet

man wieder miteinander

und

kommt in Beziehung.

Das Grundmuster

von

Kirche wäre wiederhergestellt

tisch getilgt wurden. Er skizziert die Geschäftsbedingungen

und erklärt, man müsse seine Schulden

eingestehen und den eigenen Schuldnern die

Schulden erlassen; seines Wissens gelte dieses

Angebot zwar bisher nur für Privatpersonen, aber

es könnte sich lohnen, mit dem Management der

HDS-Bank in Verhandlung zu treten.

Man diskutiert, wie das politisch korrekt kommuniziert

werden könne, die Schulden auf diese

Weise einzugestehen und damit öffentlich zu

machen. Wie steht die EKD dann da, mit all den

Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte? Das

käme ja einem Schuldgeständnis gleich!

Schließlich wählt man aus dem Finanzausschuss

eine dreiköpfige Delegation und

beschließt, mit einem Insolvenzantrag noch zu

warten, bis das Verhandlungsergebnis vorliegt.

Bracks spricht Klartext

Larry Bracks wurde unmittelbar über diesen

Antrag informiert – und ließ es sich nicht nehmen,

die Abordnung persönlich zu empfangen.

Er erklärt das HDS-Geschäftsmodell: „Entschuldet

aus Gnade“. Einer der Delegierten meint sich

zu erinnern: „Da war doch was“ – ja, richtig, diesen

alten Lehrsatz hat der konservative Flügel

immer wieder auf die Tagesordnung zu bringen

versucht. „Gerechtfertigt aus Glauben“ – das war

doch einfach nicht mehr zeitgemäß. Luther war

eben Kind seiner Zeit und hatte nicht das Wissen,

das die moderne Theologie inzwischen zu Tage

befördert hat.

Bracks hakt ein: HDS bediene keine theologischen

Theorien, sondern beseitige ganz konkrete

Geldschulden; zu philosophischen Träumereien,

konservativ hin oder her, gebe er sich nicht her –

„Wollen Sie nun die Schulden getilgt haben

oder nicht?“ Ja, das wollte man natürlich.

Blieb die Frage, wie die vier Punkte der

Geschäftsbedingen in diesem Fall anzuwenden

seien. Die EKD ist ja keine Privatperson, sondern

eine Körperschaft mit noch 1,1 Millionen

Mitgliedern.

Die HDS-Geschäftsbedingungen:

• Ich erlasse meinen Schuldnern alle Schulden zu

100 % und verzichte vollständig und endgültig

auf alle diese Forderungen.

• 25 % meines Prosperitätssatzes verwende ich

dafür, die Lebensbedingungen von Menschen in

meinem Umfeld zu verbessern.

• Ich wähle eine Erwerbstätigkeit und/oder ein

Ehrenamt, in dem ich mich meinen Fähigkeiten

und Begabungen entsprechend weiterentwickeln

kann.

• Ich treffe mich regelmäßig mit zwei bis drei Personen

meines Vertrauens zum Essen, um mich

über Fragen des Lebens und über Probleme

des Alltags auszutauschen, von den Erfahrungen

der anderen zu lernen und zu einer positiven

Motivation beizutragen.

Larry Bracks überlegt kurz und macht dann

einen interessanten Vorschlag: „Wir bleiben unserem

HDS-Konzept treu: Nur für Privatpersonen!

Also legen wir die Verschuldung auf die Mitglieder

um, macht Pi mal Daumen etwa 200 000 Euro pro

Kopf. Diesen Betrag bekommt der Einzelne von

der HDS-Bank ausbezahlt und spendet ihn der

EKD. Das geht aber nur, wenn jeder Einzelne in ein

Vertragsverhältnis mit HDS kommt und die weiteren

drei Punkte der Geschäftsbedingungen auf

privater Ebene erfüllt: Jedes Mitglied erhält einen

Prosperitätssatz und verwendet davon wie vorgesehen

25 Prozent dafür, die Lebensbedingungen

von Menschen in seinem Umfeld zu verbessern,

wählt ein Ehrenamt und trifft sich regelmäßig

mit zwei, drei Personen, um eine Beziehungs- und

Gesprächskultur zu entwickeln.“

12

Z für Zukunft


Die Delegation zog sich zur Beratung zurück:

Ist das machbar? Dazu braucht die EKD die Einwilligung

aller 1,1 Millionen Mitglieder. Ein komplexer

Prozess – wann hat man das letzte Mal mit

der Basis so direkt kommuniziert? Aber es könnte

klappen, lautet der Konsens nach heftiger Diskussion.

Denn das Angebot mit dem Prosperitätssatz

als monatlichem bedingungslosem Betrag für

jeden (einzige Bedingung ist die Verwendung der

25 Prozent), das könnte doch für alle ein Anreiz

sein, war man überzeugt. Damit könnten trotz der

zunehmenden Isolation von Einzelnen die Barrieren

überwunden und alle zu einem Ehrenamt und

diesen Treffen motiviert werden.

Mit diesen „Hausaufgaben“ wurde die Delegation

entlassen. Die lutherische Institution muss

nun einen Weg finden, die Einwilligung jedes einzelnen

Mitglieds zu bekommen.

Auf dem Rückflug ist Larry Bracks in Gedanken

versunken: Was wird wohl daraus werden?

Die Mitglieder werden es honorieren, dass die

EKD auf solche Weise ihren Bankrott erklärt, und

die Einwilligung erteilen. Wer zu seinem Versagen

steht, hat immer die besseren Karten. Gut,

und der Prosperitätssatz wird allen ein Anreiz

sein. Doch kaum auszumalen, was für eine unvorstellbare

Dynamik das auslösen wird: Plötzlich

werden alle im Ehrenamt aktiv, man redet wieder

miteinander und kommt in Beziehung. Bracks

schmunzelt: Das Grundmuster von Kirche wäre

auf diesem Weg wiederhergestellt.

Der Vorab-Test

Achtung: Das war eine fiktive Geschichte; bitte

nicht traurig sein, wenn Sie das noch nicht so

erleben! Sie könnten aber mit Freunden einzelne

Module testen; warten Sie nicht bis 2137, sondern

probieren Sie aus, ob die Fiktion vielleicht

schon heute Realität werden kann.

Leitthema

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Ja, das sagen viele. Aber was tun wir dafür, dass diese Wahrheit

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Z für Zukunft

13


Z-aktuell

Foto: © Fil Luther 2003

95 Humanismus-Antithesen

an die Tore liberaler Kirchen

Ignace Demaerel

Humanismus

bedeutet: Der

Mensch steht im

Mittelpunkt und

macht sich zu

Gott, zum Maß

aller Dinge

Luther ahnte nicht, dass seine Thesen

eine Revolution auslösen und die

geistliche Landschaft Europas völlig

verändern würden. Seine 95 Thesen

entsprangen seiner aufrichtigen

Empörung – oder sogar einem heiligen Zorn –

über falsches Handeln, das sich nicht mit der Bibel

begründen ließ und auch dem gesunden Menschenverstand

widersprach. Luther war ein Whistleblower

seiner Zeit und es grenzt an ein Wunder,

dass er das nicht mit dem Leben bezahlte.

Heute ist der atheistische Humanismus ein

tausendfach größeres Übel als seinerzeit das

Ablass-Unwesen. Das Heil, das Gott als Geschenk

anbietet, hat man damals aus Geldgier den Menschen

verkauft. Sie wurden zwar geschröpft, aber

hoffentlich dennoch gerettet.

Diese „95 Thesen“ nun, die sich mit der Ideologie

des Humanismus befassen, sind aus ähnlicher

Empörung heraus entstanden. Der Aufbruch

im Mittelalter gegen die Bevormundung und den

Machtmissbrauch seitens der Institution Kirche

führte in zwei Richtungen: einerseits hin zu Gott,

andererseits total von ihm weg.

Humanismus bedeutet: Der Mensch steht im

Mittelpunkt. Der Mensch macht sich zu Gott, zum

Maß aller Dinge. In der Befreiung von dem fal-

14

Z für Zukunft


Leitthema

schen Gottesbild, das eine machthungrige Kirche

vermittelt hatte, hat man es über die Jahrhunderte

nicht richtiggestellt, sondern Gott gleich

ganz aus dem Bild gerückt. Da Gott aber nun mal

unverrückbar ist, hat sich der Mensch selber ins

Abseits gestellt und sich damit dem Segen Gottes

entzogen, der doch die Quelle seiner Kraft ist.

Zur Zeit Luthers wurde den Gläubigen gegen

viel Geld das Heil verkauft (Ablass). Das war

Betrug und Diebstahl aus purer Geldgier. Wenigstens

wollten die Gläubigen damit noch vor Gott

besser dastehen.

Heute ist die Kirche in einem weit schlimmeren

Zustand als zur Zeit Luthers: Der Humanismus

hat das Denken durchdrungen und kaum einem

ist noch bewusst, dass er einer Beziehung zu Gottes

bedarf. Gott und Sünde wurden zuerst relativiert,

dann mussten sie der Beliebigkeit ganz weichen.

Die überhöhte Vernunft meint, sie könnte

Gott beibringen, wie er sich zu verstehen habe.

Der Vergleich von nützlicher Saat und Unkraut

in den Evangelien veranschaulicht die Situation

sehr gut: 1

„Dass Jesus als souveräner König die Herrschaft

hat, kann man vergleichen mit dem Bauern,

der den guten Samen der Reformation auf

seinen Acker säte. In der Nacht kam sein Feind

und säte heimlich den Humanismus als Unkraut

dazwischen.

Als die Saat aufging, kam auch das Unkraut

zum Vorschein. Was tun? ‚Sollen wir das Unkraut

ausreißen?‘ – ‚Nein‘, war die Antwort, ‚ihr würdet

mit dem Unkraut auch den Weizen ausreißen.

Wenn die Ernte kommt, sollen die Erntearbeiter

das humanistische Unkraut ausreißen und es verbrennen.

Dann soll die Frucht einer umfassenden

Reformation eingebracht werden!‘

Kurz darauf redete Jesus mit seinen Freunden

Klartext: ‚Der Mann, der den guten Samen

aussät, ist der Menschensohn. Der Acker ist die

Welt. Der gute Same sind die Menschen unter

der Herrschaft Gottes; das Unkraut sind die Menschen,

die dem Bösen folgen, und der Feind, der

das Unkraut gesät hat, ist der Teufel. (Einem

„vernünftigen“ Menschen wurde beigebracht, des

gebe keinen Teufel. Das ist für diesen das beste

Argument, in seinen bösen Aktivitäten ungestört

zu bleiben). Die Ernte ist das Finale dieser Welt.

Da wird alles aus meinem Reich entfernt werden,

was nicht nach Gottes Ordnung ist. Und dann

werden die aus Glauben Gerechtfertigten im

Reich ihres Vaters leuchten wie die Sonne.‘“

Wie viele Denkkonzepte nimmt man heute einfach

hin, ohne sie ernsthaft zu hinterfragen?! Von

den Medien werden sie gebetsmühlenartig wiederholt;

so entsteht der Eindruck, jeder sähe es

so. Doch bei näherer Betrachtung erweist sich

vieles als heiße Luft.

Verbannt man Gott aus dem Weltbild und macht

den Menschen zum Maß aller Dinge, sind Probleme

vorprogrammiert; wer erkennt schon, wie sehr der

Zeitgeist im Widerspruch steht zum gesunden

Menschenverstand und zur Würde des Menschen?

Deshalb sollen diese neuen 95 Thesen zum Humanismus

wie die Thesen Luthers eine Einladung sein

zu einer grundlegenden Debatte – und sie sind der

Rahmen für ein Buch mit gleichem Titel, das umfassend

auf Zusammenhänge und Folgen eingeht. 2

Dabei wollen wir differenzieren zwischen dem

Humanismus als Denkmuster, als Ideologie, und

seinen Vertretern, den Humanisten, unter denen

es ehrenwerte, vorbildliche Menschen gibt, die

viel Gutes bewirkt haben. Wir wollen die Konzepte

und Werte analysieren, die hinter dem

Humanismus stecken, und so dieses Denksystem

entlarven.

Das Muster ist

uralt, es wird uns

in einem der ersten

Texte der Bibel überliefert,

im Bericht

vom sogenannten

Sündenfall – und der

führt uns zum Urproblem

der Menschheit

schlechthin: „Sollte

Gott gesagt haben?“

Die Kirche

heute ist in einem

weit schlimmeren

Zustand als zur

Zeit Luthers:

Der Humanismus

hat das Denken

durchdrungen und

kaum einem ist

noch bewusst,

dass er einer

Beziehung zu

Gottes bedarf

Der Vergleich von

nützlicher Saat

und Unkraut in

den Evangelien

veranschaulicht die

Situation sehr gut: In

der Nacht kam der Feind

und säte heimlich den

Humanismus als Unkraut

dazwischen.

Foto: Wikipedia, Dalibri

Z für Zukunft

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Z-aktuell

„Freiheit führt

das Volk an“

Romantische historien

malerei. Im Gedenken

an die Französische

Revolution von 1830

Eugène Delacroix,

Louvre, Paris

Freiheit, das

schönsten Ideale

auf Erden.

Im Mund von

Demagogen wird

es schnell zur

billigen Phrase

der gesunde Menschenverstand erkennen, dass

etwas Übergeordnetes nötig ist: in der Familie,

beim Fußball, in der Wirtschaft, in Armee, Regierung,

Schule … Wie widersinnig, wenn ausgerechnet

in den wichtigsten Lebensbereichen jeder tun

und lassen kann, was er möchte! Es gleicht einem

Land, in dem jeder König ist – scheinbar „demokratisch”,

frei und angenehm, aber das Endergebnis

ist völlige Nivellierung und Anarchie.

These 49: Der Humanismus behauptet, er

strebe die Freiheit der Menschen an, und wehrt

sich gegen alle Bedrückung durch religiöse Systeme.

Aber jede Religion, Ideologie, politische

Bewegung, Revolution, Therapie, Sekte … behauptet

doch auch, Freiheit zu bringen! Jedes System

oder Regime bringt eine gewisse Form von Unterdrückung

mit sich, und der Humanismus ist da

keine Ausnahme. Freiheit ist eines der schönsten

Ideale auf Erden, aber schnell wird sie zur billigen

Phrase im Mund von Demagogen. Je nach Art der

„Freiheit” landet man dann eher in einer anderen,

meist ärgeren Form von Sklaverei.

These 50: „Toleranz” ist der höchste Wert des

Humanismus; aber Toleranz hat ihre Grenzen –

alles zu tolerieren (z. B. Pädophilie, Kindesmissbrauch,

Vergewaltigung …) geht unmöglich! In

der Realität jedoch wird der Begriff „Toleranz”

mit Absicht als Waffe gebraucht: Im Konflikt

beschuldigen sich beide Seiten der Intoleranz;

„Sieger” wird, wer lauter schreit.

These 53: Sind christliche Werte getrennt von

der Quelle der Inspiration (Gott), dann gleicht das

Schnittblumen in einer Vase: Eine Weile sehen sie

hübsch aus, aber sie verwelken. Christliche Prinzipien

von Gott zu trennen macht sie zu abstrakten

Regeln und Allgemeinplätzen, bringt aber

kein Leben hervor.

These 63: Der Humanismus wurde in einer

säkularen Gesellschaft zur neuen Staatsreligion:

Die Entwertung der Kirche als Autorität führte zu

einem Vakuum; das hat sich gefüllt mit einer radikalen

Selbstbestimmung. Über Definitionen, Rahmenbedingungen

und Bezugspunkte ist ein geistlicher

„Krieg” entbrannt; wer lauter schreit, der

drückt dem Anderen seine Weltsicht auf. Längst

hat der Humanismus neue Regeln und Rahmenbedingungen

festgelegt,unter dem Vorwand der

„Neutralität”.

These 64: Der Humanismus nennt ständig

Religionen als Ursache von Kriegen und Blutvergießen,

übersieht aber vorsätzlich die Tatsache,

dass die aus humanistischen Ideologien geborenen

atheistischen Diktaturen des letzten Jahrhunderts

unvorstellbar mehr Opfer gekostet haben

als alle Religionskriege zusammengenommen.

(Man denke nur an die Sowjetunion, das Dritte

Reich, China, Kambodscha, Nordkorea und zum

Vergleich an den Siegeszug des Islams im frühen

Mittelalter, den Kreuzzügen, dem Dreißigjährigen

Krieg, Al-Kaida und IS …)

These 65: Der Humanismus präsentiert sich

gerne humaner als das Christentum, aber an

seinen „Früchten” sehen wir das Gegenteil:

Erniedrigung des Menschen. Bei der Anwendung

seiner ethischen Einstellung, zum Beispiel

zu Abtreibung und Euthanasie, wird das Leben

des Menschen systematisch ab- und nicht aufgewertet.

These 67: Der Humanismus hat die Sicht auf

Sexualität radikal verändert; er brachte eine

sogenannte „Befreiung” von der „Unterdrücker”-

Ethik der christlichen Ehe. Heute wirkt diese

sexuelle Freiheit zerstörerischer, als die Tabus

von früher es je hätten sein können. Die Treue in

18

Z für Zukunft


Leitthema

der Ehe wird geopfert auf dem Altar des Individualismus;

Kinder haben in der totalen Selbstbestimmung

beider Eltern nicht wirklich Platz.

These 71: Humanistisches Denken hat die

christlichen Kirchen seit Jahrhunderten infiltriert.

Jede gute Absicht in den „modernen” Kirchen,

das Evangelium annehmbarer, niederschwelliger

zu machen – alles „Anstoßerregende” zu beseitigen

– war nur destruktiv: Die Folgen waren ein

Verlust an Glaubwürdigkeit und Anziehungskraft,

ein Mehr an Anpassung und die Verwässerung

des Glaubens. Kurz, das humanistische Denken

führt zu einer kraftlosen Christenheit, die sich

der Beliebigkeit preisgegeben hat.

These 75: Mit den Anfangsworten der Bergpredigt

„Selig sind die Armen im Geist” legte Jesus

dem Humanismus eine Bombe, somit auch unserem

oberflächlichen Selbstvertrauen und unserer

Selbstgefälligkeit. Von Natur aus ist doch jeder

mehr oder weniger humanistisch kontaminiert;

jeder, der dieser Ideologie entgegentreten will,

muss zunächst einigermaßen fertigwerden mit

seiner Ich-Bezogenheit und Selbstgerechtigkeit

sowie der seiner Kirche.

These 77: Wer behauptet, das Evangelium

„verbessern” zu wollen, erweist sich meist als

arrogant; das Ergebnis zeigt genau das Gegenteil.

Wer sich als Teil einer „humanistischen

Bewegung in der Christenheit” sieht, muss sich

entscheiden, um welchen Mittelpunkt er sich

dreht – welchem Gott er dient: dem Gott der Bibel

oder der Menschheit? Passen wir die Bibel an den

Zeitgeist an oder richten wir unser Denken an der

Gesinnung des Gottes der Bibel aus?

These 79: „Moderne” Bewegungen in Kirchen

als Ausdruck humanistischen Christentums laufen

der Welt nach und folgen den Trends, statt

prophetische Vorläufer zu sein. „Jesus verwandelte

Wasser in Wein; auch die moderne Theologie

wirkt ‚Wunder‘: Sie verwandelt Wein wieder

zu Wasser!” Verständlich, dass viele dieses verwässerte,

geschmacklose Christentum angewidert

ausgespuckt haben. Der dramatische Verfall

der Kirche in Europa zeigt, dass Gott nicht im

Mittelpunkt stand.

These 89: Die Finanz- oder Bankenkrise ist

ein gutes Gleichnis für die aktuelle ideologische

Krise: Wenn Derivate nicht mehr durch reale

Werte gedeckt sind, bricht das System zusammen.

Wie die Bankenkrise verursacht wurde durch

übermäßiges Investment mit geborgtem Geld und

durch Handel mit virtuellem Geld, so wird auch der

„Markt der Ideologien” erschüttert – der Humanismus

arbeitet nur mit „geborgten Werten”.

These 79: Die Ichbezogenheit sitzt tief und ist

nahezu unverwüstlich. Sie entspricht ganz unserer

Natur und ist schwierig zu überwinden. Nur

Gott kann uns befreien von dieser Tyrannei unseres

Ichs! Nur ein vollkommener, guter und heiliger

Gott ist der zentrale Bezugspunkt für Normen

und Werte, für Lebenssinn und -zweck. Nur

er kann ein unparteiischer Vermittler sein und

uns helfen, den Irrgarten des Lebens von oben

zu betrachten.

Ignace Demaerel, Denker, Schriftsteller, Theologe, Kolumnist;

Jahrgang 1961, lebt nahe Brüssel

1 Nach Matthäus-Evangelium 13,24–30.38–43.

2 Fördern Sie das Buchprojekt mit Ihrer Subskription:

www.agentur-pji.com/95thesen.

3 Matthäus-Evangelium 16,18–23.

Auch die

humanistische

Theologie wirkt

‚Wunder‘: Sie

verwandelt

Wein wieder

zu Wasser!

Humanismus:

In einer

säkularen

Gesellschaft

die neuen

Staatsreligion

Z für Zukunft

19


Z-aktuell

Foto: © Pixabay, MarleneBitzer

Das Filetstück der Reformation

Statt moralischer Berechnung – fröhlicher Austausch; durch Bekennen – Vergebung

erlangen: Ohne diese anhaltende Erfahrung macht sich Kirche überflüssig

Rainer Mayer

Was soll Buße?

Das bezeichtnet

eine notwendige

Richtungskorrektur,

eine

Umkehr: statt

gegen die Wand,

aufs Ziel zu

Selbstgerechtigkeit –

oder Umkehr zu Jesus Christus?

Die erste der 95 Thesen Martin Luthers vom 31.

Oktober 1517 lautet: „Da unser Herr und Meister

Jesus Christus spricht: Tut Buße!, will er, dass

das ganze Leben seiner Gläubigen eine stete und

unaufhörliche Buße sein soll.” Diese These ist wie

eine Überschrift mit Doppelpunkt; die folgenden

Thesen entfalten diese Grundaussage weiter. –

Was ist gemeint?

Wenn das ganze Leben eines Christen eine

stete und anhaltende Buße sein soll, dann brauchen

wir eine grundsätzliche innere Haltung

und neue Einstellung Gott gegenüber. Man kann

mit Gott nicht wie im Business aufrechnen und

gegenrechnen, nach dem Motto: „Du gibst mir

Vergebung, ich gebe dir ‚gute Werke‘.“ Vielmehr

ist alles, wirklich alles, reines Geschenk – also

Gnade –, sowohl die Vergebung selbst als auch

die daraus folgenden guten Taten.

Denn beim Zuspruch der Vergebung im Namen

von Jesus Christus wird nicht nur im juristischen

Sinne die Schuld vor Gott getilgt, sondern durch

die Kraft des Heiligen Geistes vollzieht sich eine

Veränderung des Menschen. Zwar wird ein Christ

lebenslang immer wieder von Verfehlungen übereilt

werden, doch geschieht durch anhaltende

Hingabe an Jesus Christus und die dabei empfangene

Vergebung stetig Veränderung; der Einzelne

merkt das selber oft weniger als seine Umgebung.

Das Leben bekommt eine andere Gesamtrichtung;

Liebe, Freude und Friede erfüllen die

Persönlichkeit. Der Mensch wird umgestaltet

durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Luthers fröhliche Wirtschaft

Beim Generalkonvent des Augustiner-Ordens im

April 1518 in Heidelberg sagte Luther in der letzten

seiner dortigen 28 Thesen: „Die Liebe des

Menschen entsteht an ihrem Gegenstand”, also

z. B. an einem anderen Menschen, einem Kunst-

20

Z für Zukunft


Leitthema

werk oder der Natur; „aber die Liebe Gottes findet

ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft

ihn sich.” Es handelt sich um Neuschöpfung! –

Schlicht und einfach heißt das: Im moralischen

Sinne vermag ein Mensch gewiss viel Gutes zu

tun, aber vor Gott kann er das nicht aufrechnen.

Denn auch die Kraft zum Guten ist ein Geschenk

Gottes! In seinem Lied von 1524 (EG 299,2) hat

Luther es so ausgedrückt:

„… es ist doch unser Tun umsonst,

auch in dem besten Leben.

Vor dir niemand sich rühmen kann,

des muss dich fürchten jedermann

und deiner Gnade leben.“

Hinzu kommt, dass das in unserer menschlichen

Sicht vermeintlich Gute auch auf Irrtum

beruhen kann und dann letztlich alles andere

als gut ist. Auch können die Folgen einer Tat in

all ihren Konsequenzen häufig nicht abgeschätzt

werden, so dass unser guter Wille manchmal

überhaupt nicht zum Guten beiträgt. Und umgekehrt

kann Gott auch auf krummen Linien gerade

schreiben. Menschliche Aktion kann ihn jedenfalls

nicht aus seiner Weltregierung ausschließen.

Dem Vorwurf, durch diese Sichtweise würde

es überflüssig, Gutes zu tun, hat Luther entschieden

widersprochen. 1520 veröffentlichte er

einen „Sermon von den guten Werken“, und im

Kleinen und Großen Katechismus stellte er die

Zehn Gebote an den Anfang der Erklärung des

Glaubens. Nein, Gutes zu tun ist weder überflüssig

noch belanglos. Frei wird der Mensch jedoch

erst, wenn er sich ganz und vorbehaltlos „mit

Haut und Haaren“ der Gnade und Barmherzigkeit

des himmlischen Vaters ausliefert. Es geht

schlicht darum, loszukommen von einer rechnenden

und berechnenden, ja letztlich fordernden

inneren Haltung Gott gegenüber.

Im zwölften Artikel seiner Schrift „Von der

Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) hat

Luther dafür das schöne Bild vom „fröhlichen

Tausch“ gebraucht: Das Wollen und Vollbringen

des gläubigen Menschen nennt er „Seele“; Jesus

Christus nennt er den „Bräutigam“. Beim glaubenden

Christen geschieht nun folgender Tausch:

Wie Braut und Bräutigam in der Ehe eins werden,

so geschieht es auch zwischen Christus und

der menschlichen Seele, „… so dass, was Christus

hat, das ist eigen der gläubigen Seele; was

die Seele hat, wird eigen Christi. So hat Christus

alle Güter und Seligkeit: die sind [nun] der Seele

eigen; so hat die Seele alle Untugend und Sünde

auf sich: die werden [nun] Christi eigen. Hier

erhebt sich nun der fröhliche Wechsel … Ist nun

das nicht eine fröhliche Wirtschaft, da der reiche,

edle, fromme Bräutigam Christus das arme,

verachtete, böse Hürlein [Seele] zur Ehe nimmt

und sie entledigt von allem Übel, zieret mit allen

Gütern? So ist’s nicht möglich, dass die Sünden

sie verdammen, denn sie liegen nun auf Christo

und sind in ihm verschlungen.“

Freiheit ist nicht Beliebigkeit

Erst durch solche innige Glaubensgemeinschaft

– einer Verschmelzung mit Jesus Christus, die von

allen Berechnungen absieht und ganz aus freudiger

Dankbarkeit lebt – erst dadurch entsteht die

Heilsgewissheit. Wohlgemerkt: Gewissheit, nicht

aber falsche Sicherheit und Gleichgültigkeit. Wer

von Dankbarkeit und Freude erfüllt ist, wird nicht

gleichgültig – im Gegenteil, er ist leidenschaftlich

und brennt!

Damit ist allen Missverständnissen abgesagt,

die die „Freiheit eines Christenmenschen“ mit

Gleichgültigkeit, ja Beliebigkeit verwechseln. –

Solchen Missbrauch gibt es freilich. Da wird dann

die Sünde gerechtfertigt statt des Sünders. Falsche

Sicherheit wird propagiert, statt zu echter

Reue und Umkehr aufzurufen. Bonhoeffer nannte

Verkündigung dieser Art „billige Gnade“; eine

derartige Entstellung der Rechtfertigungsbotschaft

verurteilte er aufs Schärfste.

Gnade ist kein abstraktes

Prinzip, sondern ein göttliches

Geschenk, das im Lebensvollzug

erfahren wird. Die Reformation

war keine Verbilligung christlicher

Lebenspraxis, sondern ist im

Gegenteil eine große Konzentrationsbewegung

weg vom Nebensächlichen

hin auf das Zentrum:

Nein, Gutestun

wir durch Gnade

nicht überflüssig.

Frei wird

der Mensch

jedoch nur,

wenn er sich

der Gnade und

Barmherzigkeit

Gottes ausliefert

Bonhoeffer sprach von

billiger Gnade, leisen Sie

dazu den Artikel „Billige

Gnade, Todfeind der Kirche“

Seite 38 Z#19/20

Z für Zukunft

21


Z-aktuell

Foto: © Gebetshaus Augsburg

Das Missions-Manifest

10 Thesen für ein „Comeback der Kirche”

Die

Katholischen

Kirche auf der

reformatorischen

Überholspur?

Das sind mutige Reformations-Thesen,

die da im Januar 2018 in Augsburg

an die MEHR-Tür genagelt

wurden. Gut, dass es keine 95 sind!

Diese 10 hat man schnell gelesen,

sie sind herausfordernd und gut nachvollziehbar

(natürlich müssten sie auch noch gelebt werden).

Damit gehen unsere katholischen Geschwister

deutlich auf Überholspur, wogegen die lutherische

Kirche in der Rückschau auf ihre Geschichte

zur 500-Jahr-Feier den Missionsgedanken so

ziemlich an den Nagel gehängt hat.

Die Idee zu dem Manifest entstand im Juni

2017 bei einem Treffen im Gebetshaus Augsburg.

Zu den Initiatoren zählen der katholische

Theologe Dr. Johannes Hartl, Leiter des

Gebetshauses Augsburg; P. Karl Wallner, Zisterzienser

und Direktor von Missio Österreich;

Bernhard Meuser, Mitverfasser des Youcat

(katholischer Jugendkatechismus); Martin Iten

aus der Schweiz; Paul Metzlaff, Jugendseelsorge

der Deutschen Bischofskonferenz; sowie Bene-

dikt Michal, JAKOB (Jugendarbeit der Österreichischen

Bischofskonferenz).

Hier nun die zehn Augsburger MEHR-Thesen

und anschließend mein Kommentar:

THESE 1 — Uns bewegt die Sehnsucht,

dass Menschen sich zu Jesus Christus

bekehren. Es ist nicht mehr genug, katholisch

sozialisiert zu sein. Die Kirche muss wieder wollen,

dass Menschen ihr Leben durch eine klare

Entscheidung Jesus Christus übergeben. Sie ist

ja weniger eine Institution oder Kulturform als

eine Gemeinschaft, mit Jesus in der Mitte. Wer

Jesus Christus als seinem persönlichen Herrn

nachfolgt, wird andere für eine leidenschaftliche

Nachfolge Jesu entzünden.

THESE 2 — Wir wollen, dass Mission zur

Priorität Nummer eins wird. Und zwar durch

eine Fokussierung der finanziellen und personellen

Ressourcen der Kirche auf die Evangelisierung.

„Die Kirche ist ihrem Wesen nach missiona-

24

Z für Zukunft


Leitthema

Zu These 4: Das ist wirklich eine große Herausforderung,

keinen Unterschied zu machen.

Ja, Gott will, dass alle Menschen gerettet werden

(1. Timotheus 2,4), und das ist schön. Will ich das

auch? Zumindest für die Menschen, die ich kenne

und zu denen ich Kontakt habe?

Zu These 5: Kraftvolles Gebet war immer der

Vorläufer wirksamer Erneuerung. Aber es ist

trügerisch zu meinen, viel Gebet und Fasten

bewirkte viel. Als ob wir Gott bestechen könnten.

Viele Gebete sind von vornherein wirkungslos;

das Modellgebet zeigt die Richtung: „Dein

Wille geschehe, dein Reich komme …” Das impliziert,

dass die Beter den Willen Gottes kennen

und autorisiert sind, des Königs Herrschaft auszubreiten.

Zu These 6: Der Respekt vor Christen außerhalb

der katholischen Kirche ist bemerkenswert,

und auch, dass sie als Vorbild für gelebte Mission

geschätzt werden. Aber die große Frage ist: Wie

geht Einheit? Unsere Antwort darauf ist weithin

noch zu sehr institutionell geprägt. Gemäß These

1 stelle ich fest: In dem Maß wie jemand eins ist

mit Jesus Christus als seinem persönlichen Herrn,

der kann auch eins sein mit jedem anderen, der in

ähnlichem Maß eins ist mit Jesus.

Zu These 7: Ja, wir müssen die Inhalte des

Glaubens neu entdecken. Die Betonung liegt auf

neu. Die Überlieferung der Kirche, das Verständnis,

wie es der Katechismus lehrt, ist aber nicht

„neu”, sondern überlagert von einer jahrhundertealten

Decke der Tradition (Überlieferung).

– Wer anderen Menschen den Glauben verkünden

will, dürfe nicht dilettieren. Was heißt das? Dilettieren,

das ist, wenn man etwas ohne Expertise

tut, ohne Fachkenntnis. „Wenn ihr nicht werdet

wie die Kinder …”! Das Geheimnis des Glaubens

bleibt oft unerklärbar, hat aber durch das Leben

umso größere Zeugniskraft.

Zu These 8: Mission solle nicht indoktrinieren:

diese These relativiert den subtile Indoktrinierungsanspruch

der vorigen. – Absolut richtig:

„Den Wahrheitsanspruch des christlichen

Glaubens vertreten wir ohne jede Aggression,

ohne Druck, im Respekt gegenüber Andersdenkenden.”

Wenn wir zur Freiheit freigemacht sind

(Galater 5,1), dann gilt das auch für die Art und

Weise, wie wir weitergeben, was wir glauben.

Zu These 9: „Demokratisierung” trifft es nicht

ganz; was praktisch überall not tut, ist die „Entklerikalisierung”

– das wäre die Lösung des Problems

der Christenheit spätestens seit Konstantin

im 4. Jahrhundert, als durch die Trennung „Hier

Klerus, da Laien” dem Kirchenvolk die Mündigkeit

abgesprochen und das „allgemeine Priestertum”

verwehrt wurde.

Zu These 10: Sich „von der Weltlichkeit der

Welt lösen und die Gedankengebäude des humanistischen

Mainstreams verlassen” – das klingt

gut. Aber wohin soll die Reise gehen? Religiosität

ist nur eine fromme Erscheinungsform der Weltlichkeit.

Wenn diese These sagen will, dass wir

uns erst einmal selber zum Evangelium bekehren

sollten, gut, aber doch möglichst zum richtigen:

Jesus sprach ausschließlich vom Evangelium des

Reiches Gottes, und dieses Reich liegt bis heute

im Widerstreit mit dem Reich dieser Welt. Wenn

wir sprechen: „Dein Reich komme!”, dann wünschen

wir doch einen Herrschaftswechsel, und

zwar ganz konkret. Da können wir, wie in These

7 verlangt, wirklich Neues entdecken: den Paradigmenwechsel

von einem „Ich-meiner-mir-mich-

Evangelium” zu dem Evangelium, in dem die

Königsherrschaft Jesu im Alltag „aktiviert” wird,

zur Geltung kommt.

Zusammenfassend ist zu betonen: Glaube

ist eine Herzenssache. Mit dem Herzen wird

geglaubt (Römer 10,10); und wovon das Herz voll

ist, davon geht der Mund über (Matthäus 12,34).

Ist das Herz voll, sollte Mission kein so großes

Problem sein.

Quelle der 10 Thesen: www.missionmanifest.online, Missio –

Päpstliche Missionswerke in Österreich

Das Buch „Missions Manifest” finden Sie auf: http://shop.agenturpji.com/mission-manifest.html

Es ist

wichtig zu

verstehen:

Das Missions

Manifest

richtet sich in

erster Linie an

katholische

Christen,

aber vieles gilt

für alle.

Prüfet alles und behaltet das

gute! Rät Paulus in

1 Thessalonicher 5,21

Nur weil einem 20 % nicht gut

erscheint, deshalb 80 % nicht

zu nehmen, wäre daher

extrem unklug, um nicht

saudumm zu sagen.

Das Buch zum Manifest hat 240

Seiten und lohnt sich zu lesen

Z für Zukunft

27


Z-aktuell

Foto: © Carlos Martínez

Als Pantomime bereist

Carlos Martínez seit mehr

als 35 Jahren mit seinen

Soloprogrammen die Welt.

Dank seiner universellen

Ausdruckssprache verfügt der

Spanier über eine besondere

Begabung, mit Menschen

jeder Herkunft schnell einen

Kontakt herzustellen. Seit

seinem 12. Lebensjahr

wohnt er in Barcelona.

Foto: © Carlos Martínez

Die Kirche der Zukunft

wird wieder lachen

Carlos Martínez auf der »SCHØN«-Konferenz im Gespräch mit Peter Ischka

Zu Beginn meiner Pantomime-Karriere,

in den achtziger Jahren, bekam

ich oft zu hören: „Pantomime hat

keine Zukunft“; man sagte mir, ich

solle mich etwas anderem widmen.

Ja, es war schwierig. Freunde klopften mir auf

die Schulter und sagten: „Das ist eine brotlose

Kunst.“ Als ich nach einigen Auftritten das erste

Geld verdiente, meinten sie, ich hätte eben Glück

gehabt, und bestanden darauf: Pantomime hat

keine Zukunft. Dieses Jahr feiere ich mein 36-

jähriges Bühnenjubiläum und stehe immer noch

international auf vielen Bühnen.

Das Geheimnis meines Erfolgs

Auch heute bekommen viele junge Menschen,

viele angehende Künstler solche Sätze zu hören.

Ja, ich habe einen Beruf gewählt, der in den

Augen vieler keine Zukunft zu haben scheint;

die beste Antwort darauf ist ein Blick auf meinen

Tourplan. Was war das Geheimnis? Ich möchte

jungen Künstlern helfen; darum habe ich meine

Karriere analysiert – also das Geheimnis ist: Du

brauchst ein Team um dich herum! Baue es auf

und fang mit dem Manager an.

Die Zukunft der Kirche? Da sehe ich durchaus

Parallelen. Mein Manager hat mich ganz am

Anfang gefragt: „Willst du berühmt werden – oder

28

Z für Zukunft


Z-aktuell

Salzig sein, was ist das?

Wenn wir im Spanischen sagen, dass jemand „salzig”

ist, meinen wir: Der hat Pep, ist sympathisch

und hat Humor. Das Salz, im richtigen Maß, gibt

der Suppe einen guten Geschmack. Sollte die

christliche Botschaft nicht auch eine würzige

Note haben? Ich sage nicht, dass wir sie verändern

müssten; sie soll ganzheitlich vermittelt

werden: vertikal und horizontal – wir dürfen nicht

ihre „menschliche” Seite aus den Augen verlieren:

Streuen wir doch ein wenig Humor drüber.

Ich weiß nicht, wie die Kirche der Zukunft sein

wird; meine Aufgabe ist es, ihren Leitern Hilfsmittel

anzubieten. Als Pantomime trainiere ich

mit Pastoren die Körpersprache. Das hilft ihnen,

jene kleinen Gesten hinzuzufügen, die die Wörter

brauchen, damit man die Botschaft hören und

sehen kann.

Mein Ziel ist nicht nur, dass sie besser predigen,

sondern dass sie ihren eigentlichen Platz in

der Kirche entdecken. Meiner Meinung nach ist

ihr Platz nicht nur auf der Kanzel, sondern ganz

nah bei den Leuten. Körpersprache ist nicht nur

am Altar wichtig, sondern im Kontakt mit dem

Einzelnen. Der Körperausdruck, die Präsenz sind

Teil der Botschaft.

Meine Arbeit tue ich nicht nur auf der Bühne,

sondern auch anschließend, wenn ich ungeschminkt

am Ausgang stehe und mit den Leuten

Kontakt aufnehme – ein Händedruck, ein Lächeln,

ein Autogramm …

Ein Traum wird wahr

Einmal hatte ich eine Aufführung in einem kleinen

Dorf mit nur 300 Einwohnern. Der Pastor wollte

jedes Jahr den Traum eines Einheimischen wahr

machen; in diesem Jahr hatte er eine Gruppe von

Teens gefragt: „Wer von euch hat einen Traum?”

Ein Junge sagte: „Mein Traum wäre, dass Carlos

Martínez hier bei uns auftritt.” Das Problem: Keiner

außer dem Jungen wusste, wer Carlos Martínez

war. Gut, dass es das Internet gibt, und zum

Glück fanden auch der Bürgermeister und einige

Geschäftsleute aus der Gegend diese Idee gut. Sie

Foto: © Carlos Martínez

entdeckten mich online, unterschrieben den Vertrag

mit meiner Agentur und ließen mich in der

Mehrzweckhalle auftreten. Am Ende der Vorstellung

bat ich den Jungen auf die Bühne und überreichte

ihm meine Handschuhe.

Sieben Jahre später traf ich ihn wieder. Er war

zum Mann geworden und schmiedete als Student

der Ingenieurwissenschaften an seiner Zukunft .

Ich fragte ihn nach der Aufführung damals, und

er strahlte. Die Handschuhe habe er immer noch,

zur Erinnerung daran, dass Träume wahr werden

können.

Wenn Pastoren und Künstler ein Team um sich

haben und Menschen, die sich um die Zukunft

kümmern, können sie sich besser der Gegenwart

widmen, dem Heute, dem Hier und Jetzt.

Das heißt: Sie erarbeiten nicht nur theologisch

korrekte Predigten oder erschaffen authentische

Kunstwerke, sondern sie streuen auch etwas Salz

darüber, diese Prise Humor, dank der die Kirche

sich mit einem Lächeln neu entdecken kann.

So in die Gegenwart zu investieren, das sorgt

für die besten Zukunftsaussichten.

www.carlosmartinez.de

1 Lukas 11,33.

Wenn ich mit

Pastoren Körpersprache

trainiere,

geht es nicht

darum, dass sie

besser predigen,

sondern dass sie

ihren eigentlichen

Platz in der Kirche

entdecken.

Z für Zukunft

31


Public Relation

Krankenversicherung

ab 0,85 pro Tag

Brückenbauer zwischen den Kulturen:

Internationale Krankenversicherung

Die Care Concept AG (CCAG) versichert Deutsche

im Ausland, Ausländer in Deutschland und Reisende

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Die Produkte erfüllen die Voraussetzungen

der nationalen Gesetzgeber, so sind sie beispielsweise

Schengenkonform. Die Prämien betragen

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Sprachschüler und Studenten Care College.

Schwerpunkt der Unternehmenstätigkeit ist

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übersetzt. Die Mitarbeiter sprechen 19

Sprachen.

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und Reaktionszeiten

Die christliche Prägung der CCAG:

- Beratung der Kunden u. Kooperationspartner unter

Nennung der Vor- und Nachteile der Produkte

- Tatsache, dass sich die CCAG der Entwicklung von

CSR-Projekten verpflichtet fühlt (Corporate Social

Responsibility), wie zum Beispiel der Mikrokrankenversicherungen

für die Ärmsten der Armen

- Kooperation der CCAG mit Entraide Missionaire

(EMS), einem an den Vatikan angegliederten

Versorgungswerk. Im Rahmen dieser Kooperation

können konfessionsübergreifend Christen

im Ausland eine sehr kostengünstige und unbefristete

Krankenversorgung erhalten.

Selbstverständlich stehen die Produkte der

CCAG Angehörigen aller kulturellen und religiösen

Gruppen zur Verfügung.

Weitere Informationen

- zur christlichen Prägung des Unternehmens finden

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über das Internet unter www.care-concept.de

- persönliche Beratung: Frank Brandenberg (Leiter

Vertrieb), f.brandenberg@care-concept.de

32

Z für Zukunft


Z-aktuell

Ende Juni 2018 fand im hessischen Kirchheim der erste „Christus Convent Deutschland“

(CCD) statt; 200 Leiter von von ca. 100 Kirchen, Bewegungen, Werken und

Gemeinschaften aus vielen Konfessionen kamen zusammen. Der CCD ist das bisher

breiteste Treffen christlicher Leiter in diesem Land und hat etwas wahrhaft Historisches:

Sein Ziel ist Einheit – aber nicht durch Übereinstimmung in allen Punkten, sondern

durch den Blick auf Christus, durch Liebe zueinander und die Bereitschaft zur

gemeinsamen Mission.

Peter Ischka

Von den drei CCD-Tagen gäbe es viele

Highlights zu berichten; ich konzentriere

mich hier auf drei Schlüssel-

Beiträge. Sollten diese „Ohren finden,

die auch in der Lage sind zu

hören“, hätten sie elementare Sprengkraft für

Kirche und Gesellschaft.

Johannes Hartl vermittelte, was in ihm brennt:

eine Ahnung von einer Kirche der Zukunft, etwas,

das in vielerlei Hinsicht anders sein werde, als

wir es bisher gewohnt seien – etwas Wunderbares.

Er ist überzeugt: Die Gestalt von Christentum

und Kirche muss sich auf entscheidende und tiefgreifende

Weise verändern und reformieren – und

das wird sie auch.

Aber was mag dieses Neue sein? Das fragte

Hartl sich und im Gebet Gott und stieß auf die

TV-Sendung „Sing meinen Song“; hier singen

bekannte Popstars einander ihre Lieder vor und

erzählen aus dem Leben – mit höchsten Einschaltquoten.

Erstaunlich: Fast in jeder Sendung ging

es irgendwie auch um Gott, und oft fiel das Wort

„spirituell“. Patrick Kelly zum Beispiel erzählte

ganz offen, wie er zum Glauben an Jesus Christus

gefunden hat. Bezeichnend die Frage an Kelly:

„Du bist Christ, aber trotzdem gut drauf!?“ – Welches

Bild hat man da wohl vom Christentum?,

stellte Johannes Hartl in den Raum.

In Kreativität und Kunst, hier: bei Musikern,

liegen Fragen nach dem Spirituellen und nach

Gott sehr nahe. In den Sendungen flossen auch

Tränen, offensichtlich gab es Raum für Nähe;

dabei habe man das Gefühl, dass hier niemand

verurteilt werde; es sei okay, Gefühle zu zeigen.

Viele Lieder handeln von Schmerz und Verlust,

Johannes Hartl ist deutscher

katholischer Theologe, Buchautor,

Referent, Liedermacher und

Gründer und Leiter eines

Gebetshauses in Augsburg

Z für Zukunft

33


Z-aktuell

Der Fokolare-

Bewegung ist

es gelungen,

Bischöfe

aus allen

Bischofskirchen

zu sammeln

Foto:: 2014 in Rom © SegVes

Christian Krause

ist evangelischer Theologe

und ehemaliger Landesbischof

der Evangelisch-Lutherischen

Landeskirche in Braunschweig

mit Sitz in Wolfenbüttel. Von

1997-2003 Präsident des

lutherischen Weltbundes

Die bunten Bischöfe

Bischof Christian Krause, Präsident des lutherischen

Weltbundes (von 1997-2003), hat zusammen

mit Kardinal Edward Idris Cassidy am 31.

Oktober 1999 in Augsburg die „Gemeinsame

Erklärung der Rechtfertigungslehre“ unterzeichnet.

Dahinter standen immerhin 30 Jahre Dialog,

in dem sich die Partner nichts geschenkt hatten.

Bischof Krause erzählte von seinen Begegnungen

mit Papst Johannes Paul II., die maßgeblich dazu

beitrugen, dass die massiven Widerstände auf

katholischer Seite gegen diese Erklärung überwunden

werden konnten; auf der evangelischen

Seite, so betonte er, waren es nur die Deutschen,

die dagegen aufmarschierten.

Damals entdeckte Krause die Fokolare-Bewegung

mit Chiara Lubich und ihren vielen Jugendlichen;

dieser Bewegung ist es gelungen, Bischöfe

aus allen Bischofskirchen zu sammeln. Bischof

Krause nennt sie die „bunten Bischöfe“. Sie sind

nicht nach Hierarchie ausgewählt, sondern nach

einem Gleichklang, diese Bischöfe der ost-orientalischen

Kirchen, der Ostkirchen, der Anglikaner,

der Katholiken und Lutheraner sowie der

Methodistenkirche. Bischof Krause ist einer von

etwa 50, die sich jedes Jahr an irgendeiner Stelle

treffen, von der sie meinen, dass das Zeugnis dort

wichtig sei. Sie geben keine Erklärung ab, sie sind

einfach da, zum Beispiel an der Seite der Kopten

in Kairo. Die „bunten Bischöfe“ kann man nicht

übersehen, wenn sie auf der Straße marschieren.

Letztes Jahr waren sie in Polen, um mit ihren

Geschwistern über Europa zu reden; vor einigen

Jahren waren sie in Istanbul und sie haben im

letzten Augenblick Damaskus besucht.

Diese Bischöfe verbindet eines: Jedes Mal, wenn

sie sich treffen, schließen sie einen Pakt gegenseitiger

Liebe. Ihr Gelübde sprechen sie jedes Jahr aufs

Neue: „Im Namen Jesu vereint versprechen wir

uns für das ganze Leben, dass wir vor allem und in

allem einander lieben wollen, wie Jesus uns geliebt

hat. Schenke uns, Vater, die Gnade, in deinem Geist

so miteinander eins zu werden, dass das Kreuz des

einen das Kreuz des anderen ist, die Freude des

einen die Freude des anderen, die Sehnsucht des

einen die Sehnsucht des anderen, damit alle eins

seien und die Welt staune.“ Sie unterzeichnen dieses

Gelübde feierlich und halten einen Gottesdienst

– zusammen mit vielen Menschen, und er endet in

einem Freudenfest.

Bischof Krause erinnert sich: „Früher dachte

ich: Und wenn einer dabei ist, den ich nicht leiden

kann? Das könnte ja vorkommen in so einer

großen Gruppe. Aber das ist nie so gewesen. Im

Gegenteil, wir sind zueinandergekommen und es

ist immer wieder eine große Freude, wenn wir

uns sehen, denn das gilt: Dein Kreuz ist mein

Kreuz, deine Freude ist meine Freude.“

Fazit dieser drei Schlüssel-Beiträge

Die Welt sehnt sich nicht nach Kirche, sehr wohl

aber nach dem Reich Gottes – und das nicht in

Worten, sondern in Kraft 5 . Was sich u. a. im Vierklang

von Spiritualität, „gut drauf sein“, Kreativität

und Empathie zeigt. Das Reich Gottes tritt in

Erscheinung nicht als billige Kopie der Welt, sondern

als radikales Gegenmodell.

Die Gestalt von Christentum und Kirche wird,

ja muss sich auf entscheidende und tiefgreifende

Weise verändern und reformieren. In vielerlei

Hinsicht wird sie anders sein, als wir es gewohnt

waren.

36

Z für Zukunft


Z-aktuell

Das Gewohnte, das wir bisher für Gewinn

erachtet haben, wird gelegentlich als Schaden

erkannt werden, um Christus zu gewinnen. Wenn

unsere Bildung, unser Titel, unsere Positionen,

unsere Prägungen, unsere Traditionen, unsere

Werte und Tugenden unsere Identität ausmachen

und nicht Christus, dann ist es, in der Radikalität

von Paulus ausdrückt, scheiße! Mit weniger als

dem, was Paulus in Philipper 3 schreibt, mit weniger

als einer radikalen Fokussierung auf Jesus

Christus, werden wir den Herausforderungen

unserer Zeit nichts Substanzielles entgegenhalten

können. Es gibt nur eines, was am Christentum

attraktiv ist, nur eines, was Kirche attraktiv

macht: Jesus Christus! Wer seine Identidät in

Christus hat, kann mir jemanden, der seine Identität

in Christus hat eins sein.

Nehmen wir uns, auf welcher Ebene auch immer,

an den „bunten Bischöfen“ ein Beispiel: „Wir wollen

vor allem und in allem einander lieben. Lasst

uns im Geist Gottes so miteinander eins werden,

dass das Kreuz des einen das Kreuz des anderen

ist, die Freude des einen die Freude des anderen,

die Sehnsucht des einen die Sehnsucht des anderen,

damit wir eins seien und die Welt staune.“

Die Welt wird auch deshalb staunen, weil sie

erlebt: Da kommt Reich Gottes und da geschieht

Gottes Wille. Es erfüllt sich, was wir immer schon

im Vaterunser gesprochen haben. So nebenbei

wird dann Spiritualität, „gut drauf sein“, Kreativität

und herzliche Empathie erlebt, wie es die

Welt nicht bieten kann. Das könnten die Konturen

einer Kirche der Zukunft sein.

1 Römer 8,19.

2 Philipper 3,7–8.

3 Philipper 3,5–6.

4 Galater 3,28 (freie Wiedergabe der Redaktion).

5 1 Korinther 4,20

„Einheit“, ein Thema, über das große Uneinigkeit herrscht.

Eines aber ist sicher: Es gibt jemanden, der tut alles, um sie zu

verhindern. Wo ihm das nicht gelingt, erzeugt er die schillernsten

Imitationen von Einheit.

In dem Buch kommen wir dem näher, was Jesus meinte, als er von

Einheit sprach. Worum hat er in Johannes 17 eigentlich gebetet?

– Erstaunlicher Weise nicht um Einheit. Er hat um drei andere

Dinge gebetet, damit dadurch Einheit überhaupt erst möglich

wird. Versäumen wir diese drei Dinge, bleibt Einheit weiterhin ein

Traum. Wir sollten auch dieses Gebet Jesu, als Prototyp wie das

Vaterunser verstehen.

In dem Buch finden sie eine Anleitung für ihr persönliches „Einheits-

Entwicklungs-Labor“ und ganz konkrete Hinweise, wo Einheit

anfängt und wie Einheit in ihrer Stadt aktiviert werden

kann. – Sie selbst spielen dabei eine Schlüsselrolle!

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Z für Zukunft

37


Z-aktuell

Fotos: © Afrikanerin:

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Araber: Pixabay, ArmyAmber

Südamerikaner:

wikipedia, Cacophony

Chinesin: Pixabay,

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Sind Sie auch Christ?

Entschuldigen sie diese indiskrete Frage. Der persönliche Glaube gehört inzwischen ja

zum Intimbereich. Wir wurden christlich sozialisiert und weil wir in eine christlich geprägt

Kultur hineingeboren wurden, zählen wir uns einfach dazu. Aber stimmt denn das?

Erkennen Sie

die Christen

aus Afrika, dem

Nahen Osten,

Südamerika und

China?

Früher war das noch deutlicher: Wessen

Glauben der Fürst, so auch das

Volk. Wer anders glaubte, sollte besser

das Land wechseln. Nach siegreichen

kriegerischen Auseinandersetzungen

wurden ganze Völker annektiert und

Zwangstaufen, christianisiert. Niemand hat sie

nach einer Überzeugung gefragt. Die meisten

wussten gar nicht worum es ging.

Das passiert bis heute, nur sicher etwas

freundlicher. Aber damals, als sie als Baby rituell

befeuchtet wurden, hat sie genauso keiner

gefragt, ob sie das wollen, wie damals im 17 Jh.

Bei Kirchenstatistiken gibt es die Rubrik „Austritte”

und dem gegenüber werden in einer Spalte

„Taufen” aufgeführt. Wenn die Zahl der Austritte

und der Taufen ausgeglichen sind, simuliert das

Zufriedenheit. Diese Art von Taufe kann so quasie

38

Z für Zukunft


Z-aktuell

als eine ungefragte Mitgliederrekrutierung, als

Neuzugänge verstanden werden.

Konkret: Köksal, der Teppichhändler

Bei einem Türkei-Aufenthalt freundete ich mich

mit einem Teppichhändler im Basar an. Er war

muslimisch sozialisiert – keiner würde von so

jemandem erwarten, dass er sich für einen Christen

hält. Über seine alten Teppiche kamen wir

dann auch auf das Christentum zu sprechen, ist

doch die antike Türkei dessen Wiege.

Eines Nachts hatte Köksal 1 einen Traum: Er

sah sich am Boden liegen, in Ketten gefesselt; vor

ihm eine Person, hell gekleidet, und ich stand an

der Seite. Mit der Hand wies der Mann in Weiß

auf den Teppichhändler und aus der Handinnenfläche

kam ein starker Lichtstrahl, der die Ketten

sprengte. Dann wies er auf mich: „Den Weg, den

er geht, den gehe!”

Als wir uns das nächste Mal trafen, wollte

Köksal unbedingt wissen, welchen Weg ich gehe;

der Traum bewegte ihn immer noch. Ich erklärte

ihm, dass ich Jesus nachfolge – er ist sozusagen

der Regierungschef in meinem Leben. „Wenn du

auch diesen Weg gehen möchtest, brauchst du so

etwas wie einen Wechsel der Staatsbürgerschaft:

Du musst den Herrschaftsbereich des Islams verlassen

und Staatsbürger im Reich Gottes werden;

dort regiert Jesus, den du im Traum gesehen

hast. Der übrigens alle Autorität im Himmel und

auf der Erde hat.” 2

Der Traum war für ihn so deutlich gewesen, ja,

unbedingt, diesen Weg wolle er gehen. So knieten

wir uns auf den schönen Teppichen nieder

und Köksal bat um Vergebung dafür, dass er bisher

unter anderer Herrschaft war, und für alles,

was aus dieser Abhängigkeit heraus schiefgelaufen

ist – und nahm die Erlösung, die Jesus am

Kreuz erwirkt hat, für sich in Anspruch. Er erbat

und erhielt Vergebung; er übergab Jesus die Herrschaft

über sein Leben und lud den Heiligen Geist

ein, ihm zu helfen, Jesus nachzufolgen. Anschließend,

um das freudige Ereignis zu feiern, nahmen

wir das Herrenmahl: „Nehmt das Brot, es steht

für meinen Leib, der für euch gegeben wurde,

sagte Jesus. Nehmt den Wein, er steht für das Blut

des Bundes, das für euch vergossen wurde. Damit

ihr so richtig mit mir im Bunde stehen könnt.” 3

Etwas später ließ Köksal sich im Meer taufen,

als Ausdruck seiner Entscheidung – durch komplettes

Untertauchen identifizierte er sich mit

dem Tod von Jesus: mitgestorben! Im Auftauchen

drückte er aus: Ich habe Anteil am Auferstehungsleben

von Jesus. 4 Nachdem Köksal aus dem Wasser

aufgetaucht war, zitierte er etwa fünfzehn Minuten

lang Bibelstellen, die er zuvor noch nie gelesen

oder gehört hatte – das war wie eine prophetische

Aussicht auf das, was er bald erleben sollte, und

das war alles andere als ein Spaziergang! Wenn ein

Muslim sich zu Jesus, dem Sohn Gottes, bekehrt,

hat das oft schlimme Folgen. Köksal kam nur ins

Gefängnis, aufgrund falscher Anschuldigungen.

(Das ist eine Geschichte für sich, zu lesen in dem

Buch „Auf der Suche nach Kraft”).

Ich erzähle diese Geschichte, weil sie so klar

zeigt, wie jemand Christ wird. In Köksals Fall verstehen

wir das. In unseren Breiten aber hält man

sich oft für einen Christen, ohne tatsächlich einer

zu sein, und aufgrund dieses Missverständnisses

wird die Einladung, Christ zu werden, häufig

ausgeschlagen: „Was wollen Sie, ich bin doch

Christ … ich bin ja Mitglied in der …” Schön und

gut, aber man hat nicht die „Staatsbürgerschaft”

gewechselt und ist somit nicht Bürger dieses Reiches,

in dem Jesus regiert.

Ein neuer Pass

Das Bild von einer neuen Staatsbürgerschaft

veranschaulicht den Sachverhalt recht gut. Ein

Flüchtling verlässt seine Heimat, weil er Diktatur

und Unterdrückung entfliehen will, und sucht

sich ein Land, das ihm Freiheit gewährt. Wenn er

die Einbürgerung bekommt, erhält er einen neuen

Pass. Alle Einträge im alten Pass, die ihn belasten

würden, sind nicht mehr vorhanden. Er

hat sozusagen eine neue Identität. 5

Der Vater im Himmel hat uns errettet

aus dem Machtbereich der Finsternis und

uns versetzt in das Reich seines geliebten

Sohnes, in dem wir die Erlösung haben,

nämlich die Vergebung der Sünden. 6

Von einem

Teppichhändler

in einem

türkischen Basar,

würde niemand

erwarten, dass

er sich für einen

Christen hält

Die ganze Geschichte über Köksal

lesen Sie in diesem Buch mit

herrlichen Panoramafotos.

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Z für Zukunft

39


Z-aktuell

Ian McCormack berichte

von seinen Erfahrungen

nach dem er gestorben war

Foto © Agentur PJI

Nach Kant

haben wir

uns in der

Aufklärung

von einer selbstverschuldeten

Bevormundung

befreit, einer

höheren

Ordnung

über uns

Buch und DVD

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Tappen im Dunkeln

Der westeuropäische Kulturkreis wurde in den

letzten Jahrhunderten von einem humanistischen

und zunehmend atheistischen Denkkonzept

geprägt: der Mensch sieht sich als das Maß aller

Dinge, als Gott. Nach Immanuel Kant haben wir

uns in der Aufklärung von einer selbstverschuldeten

Bevormundung befreit, einer höheren Ordnung

über uns, also Gott. Die „Vernunft” wurde

dabei zu neuen Religion erhöht.

Auch wenn eine Mehrheit behauptet: „Es gibt

keinen Gott”, hat das auf die Wirklichkeit seiner

Existenz keinen Einfluss. Einer meiner Professoren

sagte öfters: „Die Masse ist blöd!” Ich weiß nicht,

ob er recht hat, aber solche Denkkonzepte oder

Festlegungen hindern natürlich daran, Wirklichkeiten

zu erkennen, die unseren Horizont übersteigen.

Die Ursache liegt in eben in dieser Finsternis,

über die der Apostel Paulus an seine Freunde in

Kolossä schreibt: 5 „Sie tappen im Dunkeln …”

Erscheint es nicht anmaßend, aus einer niedrigen

Ordnung eine höhere erklären zu wollen?

Also: wenn Menschen Gott erklären wollen? Wäre

es nicht vernünftiger, die Erklärungen heranzuziehen,

die Gott über sich verfügbar gemacht hat?

Eine nüchterne Entscheidung

Durch die rituelle Befeuchtung eines Babys wird

man nur Mitglied einer kirchlichen Organisation,

aber nicht Bürger des Reiches Gottes.

Mit aller Bestimmtheit sagte Jesus zu einem

Theologen seiner Zeit: „Wenn jemand nicht von

Neuem (d. h. geistlich) geboren wird, kann er das

Reich Gottes nicht sehen – für ihn bleibt es finster.

Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass

er seinen einzigen, in dieser Art geborenen Sohn

gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren

geht, sondern ewiges Leben hat. Wer an den

Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem

Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen,

wegen der Abwesenheit Gottes in ihm.” 7

Christ zu werden, das bedarf der freiwilligen

Entscheidung, die „Staatsbürgerschaft” zu wechseln;

der Neubürger wechselt vom Reich der

Finsternis dieser Welt zum Reich der Liebe. Wer

bewusst sagt: „Gott, dein Reich komme in meinem

Leben! Dein Wille geschehe durch mich” 8 ,

der begibt sich aktiv unter den Einfluss des Königs

Jesus Christus. Und wer sich unter seine Regierung

stellt, wird Bürger seines Reiches. Ganz

logisch. Und er akzeptiert die dazugehörende Verfassung,

die in der Bibel zugrunde gelegt ist.

Das ist kein frommer Gefühlsdusel; hier ist

eine ganz nüchterne Entscheidung gefragt: Ich

komme vom Herrschaftsbereich des Fürsten dieser

Welt unter die Herrschaft von Jesus Christus.

– Treffe ich diese nüchterne Entscheidung nicht,

bleibe ich weiterhin unter dem Einfluss des bisherigen

Regimes, ob mir das bewusst ist oder nicht.

Sterbe ich unter dieser Herrschaft, bin ich auch

danach unter diesen Machtverhältnissen.

Die Drohung mit der Hölle: „Wenn du nicht

glaubst …” vor dem Hintergrund eines strafenden,

bösen Gottes erzeugt ein völlig verzerrtes,

falsches Bild. Nicht Gott straft, sondern jeder

bestraft sich selbst, wenn er zu blöd ist (oder zu

stolz), diesen jedem zugänglichen Herrschaftswechsel

zu vollziehen.

Konkret: Sunnyboy auf Mauritius

Der aufgeklärte Mensch sieht sich über diesen

Dingen stehend, das meint er zumindest. Himmel

und Hölle schickt er in die Märchenabteilung.

Mein Freund Ian starb bei einem Tauchunfall;

er wurde von fünf Nesseln eines der giftigsten

Lebewesen getroffen, der Würfelqualle. Nachdem

40

Z für Zukunft


Z-aktuell

er gestorben war, hatte er Einblick in Himmel und

Hölle nehmen können. Zuvor war er alles andere

als fromm gewesen; man kann also nicht sagen,

er hätte nur die Projektion seiner Wunschvorstellungen

wahrgenommen.

Auf dem Seziertisch des Krankenhauses kam

er ins Leben zurück; inzwischen hat er Abertausenden

davon berichtet.

Ian hatte das Leben genossen: Als Sunnyboy

ging er vor Mauritius surfen; die anderen großen

Themen seines Lebens waren „Sex, Drugs and

Rock’n’Roll”.

Er wusste, dass ein Schlag von der Würfelqualle

tödlich ist. In seinem Todeskampf erinnerte

er sich an die Worte seiner Mutter: „Wenn

du in Not bist, ruf zu Jesus.” Aber er hatte keine

Ahnung, was er da rufen sollte. Im Rettungswagen

erschienen ihm die Worte des Vaterunsers

vor seinen Augen: „Dein Reich komme … Dein

Wille geschehe … Vergib mir meine Schuld, wie

ich meinen Schuldnern vergebe …”

Der Weg ins Krankenhaus dauerte zu lange.

Die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun.

Er sah sich selbst dort liegen und entschwand

in bedrückende, absolute Dunkelheit. Ein Lichtstrahl

zog ihn heraus; er fand sich wieder vor

einer Person, die so hell war, dass er nichts

erkennen konnte; nur eine unbeschreibliche

Liebe überwältigte ihn, die von dieser Person ausging.

Er sah Landschaften, unglaublich schön.

„Ich habe das nicht verdient”, dachte er bei sich

und erhielt zur Antwort, sein Stoßgebet in letzter

Minute habe alles verändert: „Du hast damit

dieses Reich gewählt und du hast vergeben – und

deshalb wurde auch dir vergeben.” 9

Für seine Mutter war Ian der verlorene Sohn,

der die Sünde liebte, und dieser Schmerz sollte

von ihr genommen werden; Ian wollte, dass sie

erfährt, dass sich sein Leben gravierend geändert

hatte. So konnte er zurück in seinen Körper, aber

nicht nur, um es seiner Mutter zu sagen; Tausenden

und Abertausenden hat er seitdem bezeugt,

dass der Himmel Realität ist. Am nächsten Tag

verließ er das Krankenhaus, völlig wiederhergestellt.

10

Aber es geht dabei primär gar nicht darum,

dass wir einmal in den Himmel kommen. Nur

deshalb gläubig zu werden, wäre etwas zu kurz

gedacht, sogar ein wenig egoistisch. Das mag verwundern,

aber der Himmel ist nur eine logische

Folgeerscheinung.

Die Episode im Garten Eden

Und Gott sprach: „Lasst uns Menschen machen

nach unserm Bild, uns ähnlich! Sie sollen herrschen

über die verschiedenen Lebewesen und über die

ganze Erde. … Von jedem Baum des Gartens darfst

du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten

und Bösen nicht; denn an dem Tag, da du davon

isst, musst du sterben!” Da sagte die Schlange zur

Frau: „Keineswegs werdet ihr sterben! Sondern

Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure

Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie

Gott, erkennend Gutes und Böses.”

Sie aßen davon – da gingen beiden die Augen

auf. Sie erkannten, dass sie nackt waren; und sie

bedeckten sich mit Feigenblättern. 11

Was ist damals passiert? Parabel hin oder

her, hier geht es um ein elementares Prinzip.

Ursprünglich wurde dem Menschen die Erde

als Herrschaftsgebiet übergeben; davon handelt

diese Geschichte, doch Herrschaftsansprüche

sind nicht „in Stein gemeißelt”, Regierungsautorität

kann in andere Hände gelangen – durch Heirat,

durch Siege oder auch durch Betrug.

In der Anfangszeit war es für den Menschen völlig

normal gewesen, Gott

zu begegnen und mit ihm

ganz direkt einige Worte

zu wechseln. Es gab eine

unmittelbare Beziehung

(und diese Beziehung

war es, die damals starb).

„Sollte Gott gesagt

haben?“ Diese Frage

wird aus atheistischhumanistischer

Perspektive

auch heute jeden Tag

gestellt – damals nahm

sie ihren Anfang.

Sollte Gott

gesagt haben?

... Nein, wenn

ihr von dieser

Frucht esst,

werdet ihr nur

Humanisten,

sein wie Gott

Bild: Ausschnitt aus

„Adam und Eva im Garten

Eden“, Lucas Cranach d. Ä.:

Z für Zukunft

41


Muslime

träumen von

Jesus! Lesen Sie

in diesem Buch

tolle Berichte

davon

Z-aktuell

nämlich nur die Macht, die ihm dummerweise eingeräumt

wird von jenen Christen, die nur Mitläufer

einer Organisation sind und das Evangelium nicht

umfassend kennen. Aber wo immer ihm widerstanden

wird, entzieht ihm das seine Macht; das lässt

ihn zum Fußschemel werden.

Ein spannender Bericht von Pilgerreisen auf den Spuren des Apostels Paulus. Sie

werden zur Suche nach der Kraft des Glaubens und führen zu aufschlussreichen

historischen Plätzen der ersten Christen in „Kleinasien“, der heutigen Türkei.

Herrliche Panoramabilder begleiten den mitreißenden Text (80 Farb- und 34 s/w-Fotos).

Der Leser spürt etwas von der Leidenschaft der ersten Christenheit.

Geschichte und Gegenwart verschmelzen: Istanbul – Konstantinopel, das Tor zum

Orient. Über Ankara geht es zu den tausend Höhlenkirchen in Kappadokien. Auch die

Stätten der sieben apokalyptischen Gemeinden fehlen nicht.

An der türkischen Südküste, wo die erste Reise des Paulus ihren Ausgang nahm,

sollte Peter Ischka vieles selbst erleben, wovon in der Apostelgeschichte berichtet wird:

Er bekommt den „Auftrag“, einen jungen Christen, der auf Grund seiner Bekehrung

ins Gefängnis kam, daraus zu befreien. In diesem Buch lesen Sie, wie das Unmögliche

tatsächlich geschah. Daumennagelgroße Nierensteine verschwinden nach schlichtem

Gebet. Jesus begegnet Muslimen in Träumen und Visionen.

Sogar ein Esel wird von dieser Kraft übernatürlich berührt.

Dieses Buch liest sich wie die Fortsetzung der Apostelgeschichte

und macht Mut, längst in Vergessenheit geratenes

Glaubensgut wieder beim Wort zu nehmen.

Gebunden, 160 S., 32 Seiten Panorama-Fotos, 17 x 25 cm, Best.-Nr. 453.103.778

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Widerstand und bessere Karten

Widerstand – wie soll das gehen? Ganz einfach.

Sagen Sie jeden Tag: „Dein Reich komme. König

Jesus, regiere du in meinem Leben. In mir und

meinem Leben hat der Fürst dieser Welt keine

Regierungsgewalt mehr! Ich habe die Staatsbürgerschaft

gewechselt. Vater, dein Wille geschehe

in meinem Leben und nicht die bösen Pläne dieser

Welt.” – Und schon hat sich das Reich Gottes

um ein paar Zentimeter erweitert. Dort, wo Jesus

regieren kann, da ist Reich Gottes. Lesen Sie

regelmäßig in seiner Verfassung, in der Bibel.

Wie wäre es, wenn Sie die Staatsbürgerschaft

wechseln und Bürger des Reiches werden, dessen

Regent Liebe in Vollendung ist und außerdem alle

Macht und Autorität im Himmel und auf der Erde

hat? Mit Christus als persönlichem Regierungschef

sind sie Christ im eigentlichen Sinne und

haben dazu noch eindeutig die besseren Karten.

1 Name geändert.

2 Matthäus 28,18.

3 Lukas-Evangelium 22,19–20.

4 2. Timotheus 2,11; Kolosser 2,12.

5 2. Korinther 5,17.

6 Kolosser 1,13–14.

7 Johannes 3,3;16;36.

8 Matthäus 6,10.

9 Matthäus 6,14–15.

10 Ausführlich berichten davon das Buch „Ich war tot” und inzwischen

auch ein Kinofilm: „Die perfekte Welle” mit Scott Eastwoods

Sohn Clint in der Hauptrolle.

11 1. Mose 1,26; 2,17; 3,4–5; 3,7.

12 1. Korinther 15,45.

13 Johannes 12,31; 14,13.

14 Epheser 2,1–2.

15 Kolosser 1,12–14.

16 Apostelgeschichte 26,18.

17 Römer 3,22–24.

18 Kolosser 2,14–15.

19 Hebräer 2,8.

20 Hebräer 10,13.

21 Apostelgeschichte 3,21.

22 1. Johannes 5,4; 4,4.

23 Johannes 17,14–18.

24 Offenbarung 3,21.

25 1. Mose 1,26.

44

Z für Zukunft


Z-aktuell

Luther und die Neuzeit

Die evangelische Kirche ist heute durch eine Inflation des Kreuzes gekennzeichnet,

stellt Norbert Bolz leidenschaftlich fest.

Nur noch selten hört man etwas

über das Ärgernis und den Skandal

des Wortes von dem einen

Kreuz, wie es im Zentrum der Paulus-Briefe

steht. Dafür bekommt

man sonntags viel zu hören über die Kreuze dieser

Welt – Hunger, Flüchtlingselend, Klimakatastrophe

und so weiter, und dazu die Zusammenhalt-Parole

„Reden wir miteinander“.

Für Sören Kierkegaard war das schon vor 160

Jahren „Geschwätz“. Der Pfarrer kommt immer

häufiger als Gutmensch daher – in der Sprache

des Neuen Testaments: Pharisäer, und die Predigt

verkommt zu einem sentimentalen Moralismus.

„Nichts entvölkert unsere Kirchen so sehr, als

dass man es in ihrem Gottesdienst so viel mit den

persönlichen Ansichten ihrer Prediger zu tun hat“,

attestierte schon der Kirchenhistoriker Franz

Overbeck. Sentimentales Moralisieren – eine

Hauptquelle der protestantischen Heuchelei.

Die evangelische Kirche heute geht Konflikten

aus dem Weg, indem sie immer weniger behauptet.

Sie hat Angst vor den eigenen Dogmen und möchte

um keinen Preis als orthodox erscheinen. Aber nicht

orthodox sein zu wollen, das ist für einen Glauben

paradox. Kennt die evangelische Kirche überhaupt

noch den Unterschied zwischen Christentum und

einem diffusen Humanitarismus?, fragt Prof. Bolz.

Sie ersetzt den Skandal des Gekreuzigten zunehmend

durch einen neutralen Kult der Menschlichkeit.

Thomas Mann hat das schon vor hundert Jahren

„Verrat am Kreuz“ genannt.

Dieses Wohlfühlchristentum befriedigt ein tiefes

Bedürfnis nach Betäubung. Wenn Marx vom

„Opium des Volkes“ sprach und Nietzsche von

einem „opiatischen Christentum“, meinten sie

eigentlich: Nicht Religion an sich ist Opium, sondern

der moderne Mensch macht aus Religion ein

Opiat. Das Christentum als Droge, zur Beruhigung.

Jede Spur christlicher Erschütterung wird

sorgfältig vermieden. Man lässt sich zwar noch

von Jesus-Geschichten rühren, z. B. an Weihnachten;

aber vom Jüngsten Gericht will niemand

Kennt die

evangelische

Kirche überhaupt

noch den Unterschied

zwischen

Christentum und

einem diffusen

Humanitarismus?

Z für Zukunft

45


Z-aktuell

Das Individuum

wurde zu seinem

eigenen

Willkürgott.

Wer sich selbst

sucht, findet sich

– das ist seine

Strafe, die Hölle

Das Resultat der

Aufklärung war ja die

Entzauberung der Welt.

Die Erde ist nicht der

Mittelpunkt, der Mensch

ist auch nur ein Tier.

Bild: Wikipedia,

Camille Flammarion, 1888

Und damit beginnt die Religion der Einmaligkeit.

Ihre Varianten sind bekannt: Ich erlöse

mich selbst, kaufe mir in einer Religionsboutique

einen europäisch verschlankten Buddhismus.

Errege mich selbst durch Drogen. Fordere

mich selbst heraus, indem ich an einem Gummiseil

von der Brücke springe. Ich beschäftige mich

mit mir selbst, indem ich meine eigenen Leiden

und Beschädigungen studiere – am besten in einer

Selbsterfahrungsgruppe: die Suche nach dem Heil

im eigenen Selbst. Kultzentrum ist das „Selbst“

jedes Einzelnen. Man berauscht sich an sich

selbst – Selbstverwirklichungs-Opiate. Fénelon

spricht vom Götzendienst des Ich: „Wer sich selbst

sucht, findet sich – das ist seine Strafe, die Hölle.

Um aus dieser Sackgasse herauszufinden, braucht

der Mensch die Beziehung auf den ganz Anderen.

Er braucht die Öffnung zur Transzendenz.“

Entzauberung der Welt

Es gibt keine Persönlichkeit ohne Transzendenz,

weiß Norbert Bolz. Das ist dem aufgeklärten

Bewusstsein der Neuzeit besonders schwer zu

vermitteln, weil es sich mit dem Götzendienst

des Ich gepanzert hat gegen die eigenen wissenschaftlichen

Erkenntnisse.

Das Resultat der Aufklärung war ja die Entzauberung

der Welt; schmerzhaft wurde sie vor

allem als Entzauberung des Menschen in einer

Folge narzisstischer Kränkungen. Diese Kränkungen

seines Selbstwertgefühls beginnen mit

Kopernikus und gehen über Darwin und Freud

bis hin zu Alan Turing. Ihre Erkenntnisse sind für

den menschlichen Geist unerträgliche Zumutungen:

Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt,

der Mensch ist auch nur ein Tier, das Ich ist nicht

Herr im eigenen Haus, und

Intelligenz ist eine Dienstleistung

von Maschinen.

Aber auch schon Luther

bringt eine der großen narzisstischen

Kränkungen: Der Mensch

ist auch nicht der Mittelpunkt

der Schöpfung. Dass er die Welt

durch die christliche Wahrheit

kränkt, erhebt Luther geradezu

zum Programm: Er will ärgern! Luther zeigt sich

hier immer wieder als das extremste Gegenteil

eines Relativisten – er ist der Antipode des Skeptikers.

Kurt Flasch hat von Luthers Behauptungsstil,

ja Behauptungswut gesprochen.

Fatale Selbstsicherheit

Dass der Mensch im Mittelpunkt stehen will, ist

für Luther das entscheidende Problem. Von dieser

falschen Selbstsicherheit befreit uns nur die

Erkenntnis, dass wir Sünder sind. Denn wer von

Sünde weiß, der kommt an Gott nicht vorbei, und

er kennt seine Unzulänglichkeit.

In Glauben und Liebe zeige ich mich als

bedürftig: Ich stehe nicht im Mittelpunkt, ich bin

nicht souverän. Das Ich ist nicht mein Zentrum.

Ich habe Hilfe nötig. Genau das wird durch den

Begriff „Existenz“ zum Ausdruck gebracht: Das

Wesentliche kommt von außen. Existieren heißt

endlich sein, abhängig sein, angewiesen sein auf

Hilfe von außen. Gewissheit finden wir also nur

außerhalb von uns selbst. Das ist gemeint mit

„Öffnung zur Transzendenz“.

Allgemeine Verunsicherung

Wenn Norbert Bolz auf Luthers Behauptungswut

und seine Formel absoluter Gewissheit hinweist,

so ist das vor dem Hintergrund einer allgemeinen

Verunsicherung zu sehen; wenige Daten mögen

hier genügen: 1452 entsteht die Gutenberg-Bibel

nach der von Johannes Gutenberg entwickelten

Technik des Drucks mit beweglichen Lettern.

1492 entdeckt Christoph Kolumbus Amerika.

1509 entwickelt der Astronom Nikolaus Kopernikus

in seinem noch nicht für die Öffentlichkeit

bestimmten „Commentariolus“ (Kleiner Kommentar)

das neue heliozentrische Weltbild. Denn im

kopernikanischen Weltbild gibt es ja nicht mehr

das über der Erde aufgeschlagene Himmelszelt

– anders ausgedrückt: Der Himmel ist leergeräumt.

Jacob Taubes resümiert: „Auf der kopernikanischen

Erde kann die Erlösung allein das Werk

der Gnade sein, zu der der Mensch nicht das Mindeste

beizutragen hat.“

Zitiert aus und nach: Norbert Bolz, „Zurück zu Luther“. Wilhelm

Fink Verlag 2016, ISBN 978-3-7705-6086-8, Seite 101–108,

redaktionell bearbeitet.

48

Z für Zukunft


Z-aktuell

Norbert Bolz über sich:

Wie viele andere auch, wurde ich vom Zeitgeist der

1970er-Jahre geprägt und als Student der Geisteswissenschaften

war ich natürlich links. Die wenigen,

die das nicht waren, die blieben unter der

Wahrnehmungsschwelle. Das war damals weniger

von Ideologie geprägt; es war einfach Mode.

Als ich nach Berlin kam, traf ich an der Freien

Universität Berlin auf einige wichtige Personen;

einer davon war der Philosoph und Judaist Jakob

Taubes, mein späterer Chef. Was ich von ihnen

zu hören bekam, war einerseits faszinierend und

andererseits völlig neu; mit diesen Welten hatte

ich bis dahin überhaupt nichts zu tun gehabt.

Ich dachte vielmehr, Philosophie hieße „Adorno,

Frankfurter Schule und Kritische Theorie“, und

darüber hinaus brauche man nichts zu wissen.

Das Bekenntnis zur Kritischen Theorie implizierte

aber auch eine Menge Tabus; vieles durfte man

gar nicht lesen – u. a. Heidegger.

Faszinierend unverständlich

Es war mir unerklärlich, warum Taubes mich zu

seinem Assistenten gemacht hatte. Ich war nicht

einmal einer seiner Schüler gewesen, einfach aus

Ignoranz, weil ich dem allem nicht folgen konnte.

Alles war faszinierend, aber gleichzeitig unverständlich.

Für mich war das wie eine Inkubationszeit;

erst Jahre später ist herausgebrochen, was

damals in mir angelegt wurde.

Dass ich zu so einem Thema wie Luther

schreibe, brauchte eine längere Entwicklung.

Allerdings gab es schon einen Startschuss bei

meiner Habilitationsschrift „Auszug aus der entzauberten

Welt“. Wie der Untertitel verdeutlicht,

„Philosophischer Extremismus zwischen

den Weltkriegen“, war die intellektuelle Zeit zwischen

1919 und 1939 deshalb so aufregend, weil

es damals in der Einschätzung der Situation zwischen

den extrem linken und extrem rechten Denkern

kaum Unterschiede gab. Das war für mich

unglaublich – nach dem üblichen Verständnis war

die Welt ja in Gut und Böse eingeteilt: die Linken

waren die Guten und die Rechten die Bösen.

Mein Chef Taubes forderte mich auf: Hören Sie

doch auf mit der kindischen Angst vor der Reaktion

anderer, wenn Sie die „falschen“ Autoren studieren

– es ist doch lächerlich zu glauben, es gäbe

Autoren, die tabu seien. – Das war ein wichtiger

Impuls für mich: Lerne etwas von diesen „bösen

Buben“! In diesem Zusammenhang wurde ich

mit vielen Überlegungen konfrontiert, die mich

zunächst völlig aushebelten. Ich war damals wirklich

ein Adornit.

Bei meiner Habilitationsarbeit wollte ich mich

ganz mit Adorno beschäftigen. Taubes fragte,

warum ich dann nicht gleich Benjamin machen

würde, da stehe sowieso alles drin, was Adorno

gedacht habe, nur unendlich viel mehr. So kam

ich mit Walter Benjamin in Berührung – und das

brachte den Stein erst richtig ins Rollen: Themen

wie „Politische Theologie“ und Gnosis bekamen

Bedeutung.

Ich bin konservativ, was soll´s

Mein politisches Spektrum hat sich inzwischen

sehr verändert. Erst mit dem Alter, und das ist

bei mir noch nicht lange her, hatte ich den Mut

zu sagen: „Ich bin konservativ, was soll’s.“ Im universitären

Bereich, gerade in den Geisteswissenschaften

ist das eine Position, durch die man sich

von allem ausschließt.

„Hören Sie

doch auf mit

der kindischen

Angst vor der

Reaktion

anderer“

Z für Zukunft

49


Z-aktuell

Das humanitaristische

Gerede, der

evangelischen

Kirchevertreter,

war mir einfach

unerträglich

Die Lehre Luthers ist klar

und einfach. Man muss

einfach hinschaut,

was dasteht.

Foto: © Norbert Bolz

So bin ich in diese theologischen Reflexionen

immer tiefer vorgedrungen, war aber nicht

etwa gläubig – war ja aus der Kirche ausgetreten,

wie man das damals so gemacht hat. Dogmatische

Themen hatten mich nie gekümmert. Das

änderte sich aber, weil die Themengebiete des

Religiösen eine immer größere Rolle spielten.

„Politische Religion“ ist eine solche Dimension,

aber auch Dogmen – die christlichen Religionen

in der Spannung zu dem, was die Neuzeit zur

Neuzeit gemacht hat. Dazu ist Hans Blumenbergs

Buch „Die Legitimität der Neuzeit“ für mich eines

der großartigsten Bücher. Die Ablösung aus der

christlichen Tradition, die Selbstbehauptung des

neuzeitlichen Geistes gegen den Absolutismus

der Gottgläubigkeit Luthers – all das war für mich

von außerordentlicher Bedeutung.

Mein Buch: Zurück zu Luther“

Mein Buch ist, wenn man so will, das Komplementärbuch

zu dem von Blumenberg, nur nicht so seitenstark.

Das „neuzeitliche Selbstverständnis“

bei Blumenberg ist eine hervorragende Ergänzung

zu dem, was wir bei Luther als Glaubensüberzeugung

finden.

Was war nun der konkrete Anlass zu diesem

Buch „Zurück zu Luther“?

Ich bin wieder in die Kirche eingetreten, aus

einem ganz besonderen Grund – der in dem Buch

klar zum Ausdruck kommt, denn es hat ja auch

eine polemische Seite. Dieses humanitaristische

Gerede, das ich von Vertretern der evangelischen

Kirche zu hören bekam, war mir einfach unerträglich.

Ich hatte immer den Eindruck: „Das

kann doch nicht wahr sein – und es entspricht

auch nicht dem Geiste Luthers.“ Das war aber

zunächst nur ein Gefühl.

Dann tauschte ich mich mit einem Kollegen

und Freund darüber aus: „Was hältst du von meinem

Unbehagen, kann man das konkretisieren

und begründen?“ – „Ja, aber du musst Luther

gründlich lesen.“ Nun ist Luther-Latein sehr

schwer zu lesen und auch die unbearbeiteten

deutschen Texte sind nicht leicht genießbar. Aber

es gibt eine Übersetzung der wichtigsten Texte

von Luther, sie stammt von Aland; die habe ich

von A bis Z studiert. Dann war ich mir sicher, dass

ich so ein Buch schreiben könnte. Denn irgendwie

hat alles zusammengepasst! Bei einem komplexen

Autor ist es ja normalerweise so, dass es

verschiedene Fäden gibt, und die zerfasern sich

leicht – man versteht nicht alles, und dann weiß

man doch nicht so recht, wie man es auf den

Punkt bringen kann.

Als religiös Unmusikalischer

Aber hier war es für mich genau umgekehrt: Alles

hat von Anfang an zusammengepasst. Wenn das

für mich Laien, den religiös „Unmusikalischen“,

gilt, dann müsste das doch erst recht für die nachvollziehbar

sein, die einen Glauben haben (oder

zumindest per Taufe und Geburt dieser Kirche

angehören), aber jeden Sonntag unglücklich sind

über das, was sie in der Predigt zu hören bekommen.

– Das also war der Anlass für dieses Buch.

Darin habe ich versucht, zwei Dimensionen zu

vereinigen. Zum einen diese polemische Dimension

gegen den Istzustand der evangelischen

Kirche – ich habe versucht, nicht einfach nur zu

sagen: „Ich finde es schrecklich!“, sondern zu

begründen, warum das so ist. Und zum anderen

eine Art analytische, pädagogische Dimension:

Ich habe die Hauptlehrstücke von Luther herausgegriffen

und versuche, zu jeder dieser Lehrfragen

auf wenigen Seiten eine klare Antwort zu

geben – zum Beispiel: Was heißt Erbsünde? Was

heißt „gnädiger Gott“? Was ist die Zwei-Reiche-

Lehre? Es soll eindeutig werden, was mit diesen

Begriffen gemeint ist. Denn allgemein wird suggeriert,

das alles sei sehr zweifelhaft, sehr strittig

und mehrdeutig; das entspricht aber überhaupt

nicht meinem Eindruck.

Was Luther zu sagen hat, kann man ganz klar

wiedergeben. Es müsste keine großen Kontroversen

über Luther geben. Wenn man einfach hinschaut,

was dasteht – also seine Lehre ist klar und

einfach, und deshalb kann man sie auch einfach

und klar darstellen. Genau das wollte ich mit diesem

Buch zum Ausdruck bringen.

Aus einem Vortrag in der Bibliothek des Konservatismus, Berlin,

Februar 2017

50

Z für Zukunft


Z-aktuell

Foto: © Willow-Kongress

Willow-Kongress –

und die Kirche der Zukunft?

Auf dem Willow-Leiterkongress Anfang Februar in Dortmund habe ich eine außerordentliche

Erfahrung gemacht – sie kommt einer „Erleuchtung“ nahe, einer erschreckenden

allerdings: Trotz hohem Vernetzungsgrad so isoliert, dass die Rechte nicht

bemerkt was bei der Linken gerade geschieht?

Gigantisch: 12 000 Teilnehmer, starker

Lobpreis, super Bühne mit

allen technischen Effekten. Willow

steht für Exzellenz. „Willow Creek

Deutschland“ hat eine über 20-

jährige Geschichte; unzählige erfolgreiche Projekte

in den evangelischen Kirchen in Deutschland

gehen auf Willow-Kongresse und -Impulse

zurück. Ihren Ursprung hat die Organisation in

der „Willow Creek Community Church“ in South

Barrington (Chicago); mit 24 000 Gottesdienstbesuchern

ist das eine der größten Gemeinden

der USA. Weltweit zählen sich über 10 000

Gemeinden zum Willow-Netzwerk; Willow-Leiterkongresse

finden in 128 Ländern statt. Durch dieses

Netzwerk wurden viele Tausende mit Jesus

bekannt, und jedes Mal wurde im Himmel dafür

ein Fest gefeiert!

Foto: © Willow-Kongress

Das große Thema des Kongresses in Dortmund

war die Kirche der Zukunft; darüber sprach im

Besonderen der katholische Theologe und Generalvikariatsrat

Dr. Christian Hennecke. Auf seine

hervorragenden Impulse komme ich später zurück;

zuerst meine „erschreckende Erleuchtung“:

Hybels: nur noch 248 Arbeitstage

Bill Hybels, Gründer der „Willow Creek Community

Church“, hat nach 15 460 Arbeitstagen nur

Hybels neue

Idee hatte

Cunningham

vor 43 Jahren

– kann das

Zukunft

sein?

Z für Zukunft

51


Z-aktuell

Heather Larson und

Steve Carter treten in die

Fußstapfen von Bill Hybels

Foto: © Bildzitat aus Willow-

Magazin 4/17

Bill Hybels

hat eine neue

Idee, Loren

Cunningham hat

sie veröffentlicht

– aber schon vor

43 Jahren

Loren Cunningham, Gründer

von Jugend mit einer Mission

Foto: © YWAM

noch 248 vor sich, dann übergibt er an seine

Nachfolger. Sechs Jahre hat man sich darüber

Gedanken gemacht, wer das sein könnte. Ein

säkularer Berater analysierte messerscharf: „Was

macht Bill eigentlich? Er leitet und er lehrt, und

dafür braucht er 85 Stunden in der Woche.“ Der

Berater wollte wissen, wer denn so einen Job

haben möchte. Die Lösung: Sie suchten bei Willow

den besten Leiter und den besten Lehrer –

und wurden fündig. In Zukunft werden also zwei

Personen Bill Hybels ersetzen: Heather Larson

(42) wird leiten und Steve Carter (38) lehren.

Bill Hybels hat eine neue Idee

Was wird Bill Hybels nun tun? Mehr segeln als bisher,

aber er erzählte auch von einer ganz neuen

Idee: Die Missstände der Gesellschaft hingen

zusammen mit dem Zustand des Menschenherzens;

in seiner neuen Vision sieht er die Kirche in

der Gesellschaft umgeben von der Geschäftswelt,

der Politik, dem Bildungswesen, dem Gesundheitswesen

und Unterhaltungsbusiness. Die Geschäftsleute

in den Gemeinden sollten ein Segen sein für

die Geschäftswelt – und überhaupt: jeder für den

Gesellschaftsbereich, in dem er tätig ist.

Was ist daran erschreckend, fragen Sie?

Loren Cunningham, der Gründer von „Jugend

mit einer Mission“, hat das schon 1975 von Gott

gehört; er sprach von sieben Bereichen, in die wir

als Missionare hineinwirken. Noch am selben Tag,

an dem Cunningham diese Vision hatte, erhielt er

von Bill Bright (Campus für Christus) einen Anruf

der hatte dieselbe Vision! Damit nicht genug:

Drei Wochen später sah Lorens Frau Darlene im

Fernsehen einen Vortrag von dem Theologen und

Philosophen Dr. Francis Schäffer („Wie können

wir denn leben?“), und auch er sprach über diese

sieben Bereiche. Heute sind diese Gedanken als

das „7-Berge-Prinzip“ in verschiedenen Bewegungen

im Gespräch; in den letzten zehn Jahren sind

etliche Bücher dazu erschienen. (Wer bemerkt,

was mich hier so erschreckt?)

Am Stand von Gott24.TV konnte ich die »Z«

präsentieren; dabei kam ich mit einigen der Top-

Leitern ins Gespräch. Wir kennen uns seit Jahren,

sie haben das »Z«-Magazin in ihrer Post. Auf

meine Frage, ob sie in die letzte Ausgabe, die zum

Thema Reformation, schon mal hineinschauen

konnten, antworteten alle mit großem Aufstöhnen:

„Wie stellst du dir das vor, bei den Türmen

Papier, die sich auf meinem Schreibtisch stapelt!“

Das kann ich natürlich gut nachvollziehen.

Top-Leiter – sicher auch mit 85 Wochenstunden

… Könnte das der Grund sein, warum Bill

Hybels bisher nichts von dem Sieben-Bereiche-

Prinzip gehört hat, über das Loren Cunningham

seit 43 Jahren spricht (und nach ihm sicher weitere

fünfzig namhafte Leiter)? Hätte Bill Hybels

diese „neue“ Vision schon vor 15 oder 20 Jahren

gehabt, könnten heute bereits Hunderttausende

die Früchte davon genießen.

Trotz hohem Vernetzungsgrad isoliert?

Ist es nicht ein teuflischer Raub, dass wir trotz

großer Netzwerke in unseren Denominationen

oft isolierter sind, als wir denken? Wir treffen uns

mit gleichgesinnten Top-Leitern, klopfen uns auf

die Schultern und bestärken einander in dem uns

bereits Bekannten. Wie soll da etwas Neues entstehen?

Kann das die Zukunft sein?

Doch wie kann diese Mauer durchbrochen

werden? Wie kann eine vielleicht bedeutende

Vision eines nicht so namhaften Leiters die Festung

der 85-Stunden-Berge durchdringen?

Zwei sind besser als einer,

dem Handbuch entsprechen würden fünf

Noch älter als die Vision der sieben Gesellschaftsbereiche

von Loren Cunningham ist die Strategie

des Top-5-Leiterteams, das schon der alte Fuchs

Paulus den Ephesern erklärte: „Wenn ihr so etwas

wie Willow ordentlich leiten wollt, dann braucht ihr

exzellente Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten

und Lehrer.“ Einer, ein Einziger ist nur Gott,

52

Z für Zukunft


Z-aktuell

alle anderen brauchen einander. Also Bill Hybels ist

gegenüber vielen anderen dem eigentlichen Konzept

jedenfalls einen Schritt nähergekommen: Man

hat für seine Nachfolge ein Zweierteam gewählt.

Zwei sind besser als einer, aber das sind immer

noch nicht fünf. Und eins habe ich bei Willow noch

nie gehört: dass hier von Propheten die Rede ist.

Dabei zählen die Propheten doch zur Grundlage

der Gemeinde, auf die aufgebaut werden sollte!

Die Kirche der Zukunft?

Nun die Impulse von Dr. Hennecke: Bei dem dichten

Programm war er für mich das Glanzlicht zum

Thema „Kirche der Zukunft“.

Der Katholik zitiert Bonhoeffer: „Das Wort Gottes

so aussprechen, dass sich dadurch die Welt verändert

und erneuert.“ Das wäre dann prophetisch!

Unser größtes Hindernis sei, wenn wir uns weiter

um uns selbst kreisen. Wir brauchen Umkehr

und eine neue Geburt. Das könne schmerzhaft

sein. Wenn man meine, man habe ja genügend

Finanzen und Macht – das verzögere nur alles.

Nicht nach hinten schauen! „Siehe, ich wirke

Neues! Jetzt sprosst es auf. Erkennt ihr es nicht?“

(Jesaja 43,19). Sollten wir das Neue nicht mitbekommen,

Gott mache es trotzdem.

Wie Hennecke sich die Kirche der Zukunft vorstellt?

So: Gott wird sie auf den Kopf stellen.

Nur Christus macht Kirche zur Kirche. Christus

in unserer Mitte – das ist entscheidend.

Die Kirche der Zukunft sei mit Sicherheit katholisch,

weil sie die umfassende Weite habe. Und sie

sei jedenfalls evangelisch, weil sie nur vom Evangelium

herkommen könne. Sie ist unbedingt

orthodox, weil sich daraus viele Traditionen neu

erschlössen; und sie sei natürlich pfingstlich, denn

was sollten wir ohne den Geist Gottes anfangen!

Dr. Hennecke zitiert Lothar Zenetti, den katholischen

Theologen, Priester und Schriftsteller:

„Frag 100 Katholiken: Was ist das Wichtigste

an der Kirche? Und sie werden dir sagen: Die

Messe. Frag 100 Katholiken: Was ist das Wichtigste

an der Messe? Und sie werden dir sagen:

Die Wandlung. Sag 100 Katholiken: Das Wichtigste

an der Kirche ist die Wandlung. Und sie

werden sich empört abwenden.“ Sie wollen, das

alles so bleibte, wie es ist.

Foto: © Wikipedia, Sandstein

Ja, das sei die Frage: Ob wir Wandlung wollen.

Wandlung, Veränderung habe nämlich mit Sterben

und Auferstehen zu tun. Es dürfe also ruhig

etwas sterben. Ein wesentlicher Teil des Wandels

sei deshalb nicht kirchliche Intensivmedizin, sondern

Hospizarbeit. Im Glauben wüssten wir, dass

dann etwas Neues entstehe. Wandel: vom Machen

und Herrschen zum Dienen und Ermöglichen.

Die Zukunft der Kirche hängt mit dem

Reich Gottes zusammen

Die Kirche, die kommt, diese Kirche ist das Volk Gottes,

in dem alle gleich würdig sind, in dem die Gaben

und Talente hervorgerufen werden. Damit Christus

herrschen darf und sein Wort das Sagen hat.

Sie ist die Blumentopf-Kirche: Die Leiter bilden

den Boden des Blumentopfs und tun alles, damit

die Blumen herrlich in die Welt hinaussprießen.

Wie wäre es, wenn sich Top-Leiter mit vier anderen

zusammentun würden und gemeinsam den

Boden von solchen Blumentöpfen bildeten? Dann

hätten sie wieder Zeit, auf den Herrn zu warten, um

zu hören, was der Geist heute der Gemeinde sagt.

Wie kann diese vernetzte Isolation

durchbrochen werden?

Die Kirche der

Zukunft: Gott

wird sie auf den

Kopf stellen

Dr. Christian Hennecke,

katholische Theologe

und Generalvikariatsrat,

Hildesheim

Foto: © Willow-Kongress

Z für Zukunft

53


Z-aktuell

Hyper-Grace

die noch billigere Gnade

Michael L. Brown schreibt in seinem Buch „Gnade ohne Ende?“ über die Problematik

der modernen Gnaden-Bewegung.

Michael L. Brown, Autor,

Professor und Leiter der

Coalition of Conscience,

North Carolina, USA.

Foto: © Wikipedia

Es stellt sich die Frage, auf welcher

Seite man vom Pferd fallen möchte:

auf der Seite der religiösen Gesetzlichkeit

oder auf der Seite einer selbstfokussierten

Hyper-Gnade. Dabei wäre

es viel komfortabler, fest im Sattel zu sitzen.

Die zerstörerische Wirkung von Gesetzlichkeit

haben wir gesehen – die Frucht einer von außen

auferlegten Religion, von Regeln ohne Beziehung,

von Gesetzen ohne Liebe. Brown hat die

befreiende Auswirkung der Gnade selbst massiv

erlebt. Er kann sich nicht vorstellen, auch nur

eine Minute lang ohne diese Gnade Gottes leben

zu wollen, auch beabsichtigt er auf keinen Fall,

Gottes Gnade zu schmälern oder sie für selbstverständlich

zu halten.

Aber Gnade kann leider auch missverstanden

werden; sie ist nicht nur die unverdiente Gunst

Gottes, die auch als „Reichtum Gottes auf Christi

Kosten“ erklärt wird (englisch: „God’s Riches At

Christ’s Expense“). Gnade ist auch seine beständige

Bevollmächtigung, seine kontinuierliche

Arbeit an uns, die wir gerettet sind. Brown zitiert

A. M. Hunter: „Gnade ist vor allem die geschenkte

vergebende Liebe Gottes in Christus für Sünder

und ihre Wirkung im Leben von Christen.“

In den letzten Jahren ist die Botschaft von

der Gnade, mit schwerwiegenden Verzerrungen

und Irrtümern vermischt, als neue Offenbarung

oder gar als „Gnadenrevolution“ auf den Markt

gekommen. Brown kennt viele Berichte von positiven

Lebensveränderungen dank dieser Bewegung,

sieht aber auch viel Negatives durch diesen

54

Z für Zukunft


Z-aktuell

Pastor Ryan Rufus betont: „Aber sogar nach

dem ‚wenn wir sündigen‘ fangen Sie nicht an,

Gott um Vergebung zu bitten. Versuchen Sie

nicht, diese Sünde zu bekennen. Wandeln Sie weiter

im Bund der Gnade. Verkünden Sie weiter Ihre

absolute Vergebung.“

Es ist wahr, dass zu dem Zeitpunkt, als Jesus

für die Menschheit starb, unsere Sünden noch

„zukünftig“ waren, wir waren ja noch nicht

einmal geboren. Insofern Ja: Jesus starb und

bezahlte für unsere „zukünftigen“ Sünden. Aber

hatten wir damals bereits Sündenvergebung?

– Absolut nicht! Erst mit dem Schritt der Bekehrung

sei das, was zuvor potenziell vorhanden

war, für den einzelnen Christen aktiviert worden,

betont Michael L. Brown.

Einmal errettet, immer erettet?

Da Hyper-Grace-Lehrer glauben, einmal errettete

Christen bräuchten Gott ihre Sünden nicht zu

bekennen noch ihn um Vergebung zu bitten.

Der Apostel Johannes klärt diesen Irrtum in

seinem ersten Brief eindeutig auf: „Wenn wir

unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht,

dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt

von jeder Ungerechtigkeit.“ 2

Aber Ryan Rufus sieht das anders: „Als ein von

Neuem geborener Gläubiger des neuen Bundes

hinzugehen und um Vergebung zu bitten, nachdem

man gesündigt hat, ist eine Sünde. Es ist die

Sünde des Unglaubens. Sie glauben nicht an das

vollendete Werk des Kreuzes.“

Ob er da nicht etwas total missversteht?

Kostenfreie Autowäschen garantiert

David Ravenhill gebraucht ein anschauliches Bild

für diesen Sachverhalt: „Stellen Sie sich ein Autohaus

vor, das jedem Autokäufer kostenfreie Autowäschen

garantiert, solange er das Auto besitzt.

Der Verkäufer versichert Ihnen, alle zukünftigen

Autowäschen, die Sie jemals brauchen, sind

mit dem Autokauf vollständig bezahlt. Einige

Tage später fahren Sie durch schlammige Schlaglöcher

einer Landstraße, der Wagen ist von oben

bis unten vollgespritzt. Aber kein Problem, Sie

können Ihre kostenfreie Autowäsche ja nützen.

Aber einer Ihre Freunde teilt Ihnen mit, dass Sie

nicht mehr dorthin zu fahren bräuchten, die erste

Autowäsche wäre absolut ausreichend gewesen.

Jede Überlegung, eine weitere Autowäsche zu brauchen,

sei nicht nur falsch, sondern eine Lüge. 3

In der Tat: Alles, was wir brauchen, ist vom

Sohn Gottes bezahlt worden und steht uns zur

Verfügung. Gelegentlich müssen wir trotzdem

noch zur Waschstation, aber dafür müssen wir

nichts bezahlen und wir brauchen dabei auch

kein schlechtes Gewissen zu haben. Während wir

mit Jesus durch die Welt laufen, empfangen wir

Vergebung, Reinigung, Führung und Versorgung,

so wie wir es brauchen – sei es Tag für Tag oder

von einem Augenblick zum nächsten.

Jesus sagt: „Ich überführe und züchtige alle,

die ich liebe. Sei nun eifrig und tu Buße! 4 Überführung

und Züchtigung ist doch nichts Schlechtes,

es ist ein Zeichen für Gottes Liebe zu uns, ein

Ausdruck seiner Gegenwart und Güte.

„Aber“, wendet vielleicht jemand ein, „der Heilige

Geist möchte nicht, dass ich mich schlecht

fühle. Er will nur, dass ich mich gut fühle!“ Hier

wird Michael L. Brown sehr direkt: „Dies ist eine

sehr unreife Haltung. Es ist eine unglaublich

oberflächliche Einstellung gegenüber dem Leben

ganz allgemein.“

Wohfühl-Christen sind so mit sich selber

beschäftigt. Werden sie jemals in der Lage sein,

dieser Welt etwas zu geben?

Auszug aus Michael L. Brown, „Gnade ohne Ende? -

Die moderne Gnaden-Bewegung“, Glaubenszentrum e.V.,

ISBN 978-3-9816146-7-1,

http://shop.agentur-pji.com/gnade-ohne-ende.html

1 Matthäus 6,12.14–15.

2 1. Johannes 1,9.

3 David und Nancy Ravenhill, „Rooting Out Fuzzy Theology

Behind the Hyper-Grace Message”, CharismaNews.com, 13.

April 2013, http://www.charismanews.com/opinion/39015-

rooting -out-fuzzy-theology-behind-the-hyper-grace-message

(aufgerufen am 3. September 2013).

4 Offenbarung 3,19.

„Der Heilige Geist

möchte nicht, dass

ich mich schlecht

fühle.“

„Dies ist wohl

eine sehr

unreife Haltung.

Wohfühl-Christen

sind zu sehr

mit sich selber

beschäftigt

John Crowders

Foto: © LinkedIn

Ryan Rufus

Foto: © www.newnatureministries.org

David Ravenhill

Foto: © www.davidravenhill.com

Z für Zukunft

57


Z-aktuell

Hinrichtung

von Wiedertäufern

Stick von Jan Luyken

(1649 - 1712)

Der rote Faden, Teil zwei

Der erste Teil fand seinen Abschluss mit dem Tod von Hans Denck 1 ; nach jahrelanger

Verfolgung starb er 1527 geschwächt im Haus eines Freundes in Basel, wahrscheinlich

noch keine dreißig Jahre alt.

Hans Denck war sehr

einflussreich unter den

Wiedertäufern. Er fragte:

Was fehlt der Lehre Luthers?

Kindertaufe oder Glaubenstaufe? Diese

Frage trennt bis heute; jahrhundertelang

war die Taufe, so wie im Neuen

Testament von ihr berichtet wird,

verboten und wurde mit dem Tode

bestraft. Heute kann man nur seinen Job verlieren,

falls man z. B. in einem kirchlichen beschäftigt

wäre.

Der Schweizer Reformator Johannes Zwingli

forderte die Todesstrafe gar für diejenigen, die in

Lehrfragen von seiner Ansicht abwichen. In früheren

Jahren hatte er enge Verbindung zu Wiedertäufern,

befasste sich ernsthaft mit der Tauffrage

– und stellte fest, dass für die Kindertaufe sich in

der Schrift kein Beleg finde. Aber die zivile Gewalt

sorgte rigoros für die Durchsetzung auch kirchlicher

Beschlüsse, daher änderte er seine Haltung.

Hans Denck, 1500–1527

Gehen wir für den zweiten Teil unseres „Roten

Fadens” einen Schritt zurück und beginnen wir

mit dem Bayern Hans Denck 1 (1500–1527; auch

Johannes oder Johann Denk oder Dengk). In Basel

hatte er promoviert; dort war er mit Erasmus

in Berührung gekommen und mit anderen klugen

Köpfen, die sich alle mit den verordneten

Denkmustern ihrer Zeit nicht abfinden wollten.

Dann wurde Denck nach Nürnberg berufen, dort

sollte er an einer namhaften Schule unterrichten.

Nürnberg, eine Hochburg der Reformation – mit

hohen Erwartungen macht Denck sich auf den

Weg, sicher herrschen hier Sittlichkeit und Aufrichtigkeit.

Aber Denck wird bitter enttäuscht, er

findet das genaue Gegenteil. Wie kann das sein?

Da muss etwas nicht ausgewogen sein an Luthers

Lehre: richtig, die Betonung der Rechtfertigung

58

Z für Zukunft


Z-aktuell

aus Glauben, ohne Werke! Ja, Luther hat viele

Missstände behoben, die sich in der römischen

Kirche etabliert haben. Aber die Folge des christlichen

Glaubens muss doch – ein mündiger Gehorsam

sein!? Das fehlt Denck: Die Lehre aus Wittenberg

mache nur „sicher und sorglos“. Denn eine

Lehre, die sich gegen „fleischliche Begierden“

wendet, hört man auch im „neuen Glauben“ nicht

gern. Man möchte als Christ angesehen werden;

reicht es denn nicht, dass Gott uns für gerecht

hält? – So durften sich sogar die Schlimmsten,

gerade auch unter dem Klerus, zu den Heiligen

zählen. Wer zur Buße von dem sündigen Wandel

aufforderte, der konnte sein Bündel schnüren und

woanders ein neues Publikum suchen; und das

war noch eine milde Konsequenz.

Hans Denck prangerte das an. Über ein öffentliches

Streitgespräch wird berichtet, „dass Denck

sich so tüchtig zeigte, dass man es für zwecklos

ansah, mündlich mit ihm zu streiten“. Man forderte

von ihm, sieben Hauptpunkte schriftlich

niederzulegen, denen wollte man entgegnen;

aber auch dazu war man nicht fähig. Das Ergebnis:

Denck wurde aufgefordert, Nürnberg noch

vor Nacht zu verlassen. Die Begründung: Er habe

unchristliche Irrlehre eingeführt und gewagt, sie

zu verteidigen, und er sei unbelehrbar. Seine Antworten

seien so unehrlich und listig, dass ein Versuch,

ihnen zu begegnen, zwecklos sei.

Denck sprach über die Verderbtheit des Menschen

und dessen Verlangen nach Leben und

Seligkeit. Diese könne man ja durch Glauben

erlangen, hielt man ihm entgegen; aber für Denck

war Glauben mehr als die bloße Zustimmung

zu dem, was man gehört oder gelesen hat. Er

stellte fest, die Schrift könne man nicht durch

bloß „äußerliches Lesen“ verstehen, sondern

nur, wenn der Heilige Geist sie dem Herzen und

Gewissen eröffne.

Ein Dokument lutherischer Geistlicher zu

Dencks Vertreibung besagte, er meine es gut,

seine Worte seien mit solch christlichem Verständnis

geschrieben, dass seine Gedanken und

Ansichten wohl gestattet werden könnten; doch

aus Rücksicht auf die Einheit der lutherischen

Kirche sei es nötig, anders zu handeln.

In Augsburg fand Denck Aufnahme und Arbeit;

dort begann er, jene Bürger zu sammeln, die inmitten

des allgemeinen Sittenverfalls ihren christlichen

Glauben im Alltag leben wollten. Unter

denen, die es ernst meinten mit dem Glauben

und Leben, waren viele „glaubensgetauft“, hatten

sich also aus eigenem Entschluss taufen lassen.

Ein Besuch Dr. Balthasar Hubmayrs (1485–1528,

starb als Täufer den Märtyrertod) 2 brachte Denck

zu dem Entschluss, sich ihnen anzuschließen und

sich ebenfalls taufen zu lassen.

Ein Schreiber jener Zeit hielt fest: „Es war ein

schönes Ideal, das den reinen Geistern unter den

Wiedertäufern vorschwebte. Mit Verlangen schauten

sie auf die herrliche Zeit, da die ersten Apostel

von Stadt zu Stadt zogen und die ersten Christengemeinden

gründeten, wo alle im Geist der Liebe

als Glieder eines Leibes zusammenkamen.“

Sektierertum

Sekte bedeutet „Begrenzung“, „Abgrenzung“:

Man begreift eine Aussage, einen Teil der Heiligen

Schrift, das Herz antwortet darauf und nimmt

es an. Die erkannte Wahrheit wird betont, erklärt,

verteidigt, ihre Kraft und Schönheit begeistert ihre

Anhänger. Eine andere Seite dieser Wahrheit, eine

weitere Sicht, die auch zur Schrift gehört, scheint

die Wahrheit, die man als so kraftvoll empfindet,

aber zu schwächen oder ihr gar zu widersprechen;

so werden in eifersüchtiger Besorgnis um die vertretene

Lehre die ausgleichenden Aspekte abgewertet,

wegerklärt oder bestritten.

So gründen sich Sekten auf einen Teil einer

Wahrheit des Wortes Gottes, das aber begrenzt und

ist unausgeglichen, weil sie nicht das ganze Spektrum

sehen. Ihren Anhängern wird damit nicht nur

eine Reihe von Zusagen der Bibel vorenthalten, sie

werden auch von der Gemeinschaft mit anderen

Gläubigen abgetrennt.

Wen wollte man da des Sektierertums bezichtigen

in dieser von Lehrfragen so bewegten Zeit,

und wen nicht?

Menno Simons 3 , 1496–1561

„Siebzehn Jahre lang habe ich der Lehre von

Münster 4 widerstanden und dagegen gekämpft

in Wort und Schrift. Jene, die wie die Leute

Dr. Balthasar Hubmayr

brachte Hans Denck dazu,

sich taufen zu lassen

Sekten gründen

sich auf einen Teil

einer Wahrheit des

Wortes Gottes, das

begrenzt und ist

unausgeglichen,

man sieht nicht das

ganze Spektrum.

Ihren Anhängern

wird damit nicht

nur einiges vorenthalten,

sie trennen

sich auch von

anderen ab

Z für Zukunft

59


Z-aktuell

Paris während der

Bartholomäusnacht.

Die Häuser der Hugenotten

waren gekennzeichnet,

Männer, Frauen und Kinder

wurden gnadenlos erschlagen.

Zeitgenössisches Gemälde von

François Dubois

Jeanne d‘Albret

Papst Pius V

König Heinrich IV

werden. Die Königin-Mutter von Medici, Jeanne III.

von Navarra, besser bekannt als Jeanne d‘Albret

(1528–1572), 9 schrieb an Papst Pius V: „Die Zahl

derer, die sich von der römischen Kirche getrennt

haben, ist so groß, dass sie nicht länger durch die

Strenge des Gesetzes oder durch Waffengewalt

unterdrückt werden können. Sie sind durch die

adeligen Beamten, die sich der Partei angeschlossen

haben, so stark geworden, sie halten so fest

zusammen, dass sie in allen Teilen des Königreichs

mehr und mehr gefürchtet werden.“

Der Papst, der später heiliggesprochen wurde,

war jedoch dagegen, die Evangeliumsleute gewähren

zu lassen, und beide Parteien machten sich

bereit für militärische Auseinandersetzungen.

1572: Die Bartholomäusnacht

1562 wurde eine große Versammlung unbewaffneter

Gottesdienstbesucher in einer Scheune

umzingelt; die wehrlosen Opfer wurden abgeschlachtet.

Ein Bürgerkrieg war die Folge, er verwüstete

große Teile Frankreichs.

1572 kam es zur Hochzeit von Heinrich von

Béarn, König von Navarra (1533–1610 10 ), inzwischen

Führer der hugenottenischen Sache, und

Margarete 11 (1553–1615), Tochter der Katharina

von Medici. Für die Hugenotten sah es aus, als

bringe das Frieden, daher versammelte sich eine

große Zahl von ihnen in Paris, um den Feierlichkeiten

beizuwohnen.

Eine Woche nach der Hochzeit in Notre-Dame,

in der Nacht zum Tag des heiligen Bartholomäus,

überraschten katholische Truppen die Nichtsahnenden;

es kam zu einem Blutbad. Zuvor waren die

Häuser der Hugenotten gekennzeich- net worden,

Männer, Frauen und Kinder wurden

gnadenlos erschlagen. In ganz Frankreich kam es

zu ähnlich grauenhaften Handlungen. Die Zusammenkünfte

der Hugenotten wurden verboten und

man entzog ihnen ihre Kinder, um sie im Kloster

katholisch zu erziehen.

1594 bestieg Heinrich von Navarra als Heinrich

IV. den Thron Frankreichs. Er war kein religiöser

Mensch und sah die Hugenotten eher als politische

Partei. Als protestantischer Herrscher in

einem katholischen Land hatte er es nicht leicht.

Um seinen Thron zu sichern, wurde er katholisch,

nutzte aber seine Stellung, um Gesetze zugunsten

der Hugenotten zu erlassen. 1598 wurde durch

das Edikt von Nantes den Hugenotten die Freiheit

des Gewissens und des Gottesdienstes zuerkannt.

Zwölf Jahre danach wurde der König ermordet,

die Hugenotten kamen wieder in Bedrängnis.

1685 wurde das Edikt von Nantes aufgehoben.

Alle Prediger mussten innerhalb von 14 Tagen das

Land verlassen, 800 Versammlungsstätten wurden

zerstört. Wer sich nicht „bekehren“ wollte: Männer

kamen lebenslang auf Galeeren, Frauen ins Gefängnis.

Heimlich, auf verbotenen Pfaden, versuchten

viele mit ihren kleinen Kindern, den Alten und

Kranken das Land zu verlassen – ein Exodus der

Besten des französischen Volkes. Für die Länder,

die die Flüchtlinge aufnahmen – die Schweiz, Preußen,

Holland, England, Nordamerika und andere –

waren sie eine Bereicherung, diese tüchtigen, ehrlichen

Menschen; neben ihrer Gottesfurcht brachten

sie auch ihre Fähigkeiten in Handwerk und Handel

mit und engagierten sich in der Politik.

1620: Aufbruch in eine neue Welt

Meinungsverschiedenheiten unter den nicht

katholischen Christen waren gang und gäbe: Die

einen vertraten die Glaubenstaufe, andere sahen

gute Gründe, die Kindertaufe beizubehalten. Die

einen waren der Ansicht, der Staat habe kein Recht,

sich in religiöse Angelegenheiten einzumischen

oder irgendeine Richtung zu begünstigen; andere

hielten es für seine Pflicht, eine gewisse Aufsicht

und Kontrolle über die Kirche auszuüben. Und nicht

wenige, die selber protestierten gegen die Zwangsmaßnahmen,

unter denen sie litten, verweigerten

diese Freiheit denen, die ihren Glauben anders lebten

und anders dachten als sie.

62

Z für Zukunft


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64

Z für Zukunft


Z-aktuell

Der Gedanke, in der „Neuen Welt“ jenseits des

Atlantiks Gewissens- und Glaubensfreiheit zu finden,

bewegte viele Christen, naturgemäß besonders

die, die genug hatten von den Entbehrungen

der Flucht.

Eines der ersten Schiffe mit den Verfolgten,

das sich nach Westen aufmachte, war 1620 die

Speedwell 12 . Am Delfter Hafen wurde den Scheidenden

die Worte des englischen Puritaners John

Robinson (1575–1625) 13 auf den Weg mitgegeben:

„Wenn Gott euch irgendetwas durch ein

anderes seiner Werkzeuge offenbart, seid bereit,

es so willig anzunehmen, wie ihr die Wahrheiten

hier angenommen habt. Denn ich bin überzeugt,

dass der Herr noch weitere Wahrheiten hat, die

aus seinem heiligen Wort geschöpft werden

können. Ich kann den Zustand der reformierten

Kirche nicht genug beklagen, die zum Stillstand

gekommen ist und heute nicht weiter geht als

ihre Reformatoren. Die Lutheraner können nicht

dazu gebracht werden, über das hinauszugehen,

was Luther sah; was auch immer unser Gott Calvin

offenbart haben mag: sie werden lieber sterben

als es annehmen; und die Calvinisten stecken

da fest, wo sie von dem großen Gottesmann gelassen

worden sind, der doch auch nicht alles gesehen

hat. Das ist eine beklagenswerte Not, denn

obwohl sie zu ihrer Zeit brennende Lichter waren,

drangen sie doch nicht in den ganzen Ratschluss

Gottes ein. Denn es ist nicht möglich, dass die

christliche Welt, die erst vor Kurzem aus so tiefer

antichristlicher Finsternis herausgekommen ist,

die volle Erkenntnis auf einmal erfasste.“

Zur Speedwell gesellte sich die Mayflower

(„Maiblume“), die eine Gruppe aus England hinüber

in die „neue Welt“ brachte. Beide Schiffe stachen

in See; ein Leck an der Speedwell zwang sie

jedoch zur Umkehr nach Plymouth. Dort drängten

sich alle auf der kleinen Mayflower zusammen. Ein

furchtbarer Sturm zwang auch sie fast zur Umkehr,

aber entschlossen setzen die Pioniere die Reise fort,

kämpften sich durch und nach neun schrecklichen

Wochen landeten 102 Personen in der Plymouth-Bai

in Neuengland. Hier gründeten sie einen Staat, der

nie das Gepräge des Charakters der Männer und

Frauen verlieren sollte, die ihn in Gottesfurcht und

Freiheitsliebe ins Leben riefen.

John Wesley, 1703–1791 14

Johns Mutter Susanna war eine würdige Ehefrau

ihres Mannes, eines anglikanischen Geistlichen;

wenn dieser abwesend war – und das war er oft

– hielt die Mutter von 19 Kindern (neun starben

sehr früh) selber die Familienandacht, da wurde

in der Schrift gelesen und darüber gesprochen.

Auch andere baten darum, teilnehmen zu dürfen;

bisweilen versammelten sich über hundert

Personen. Man beschwerte sich bei ihrem Mann,

sie maße sich einen Platz an, der ihr als Frau

nicht zustehe; sie entgegnete: „Ich bin Frau, aber

genauso bin ich Herrin einer großen Familie. Und

in deiner Abwesenheit kann ich doch nichts anderes

tun, als auf jede Seele zu achten, die du meiner

Obhut unterstellt hast.”

Susannas Söhne Charles und John wurden

wie ihr Vater anglikanische Geistliche, aber auch

nach ihrer Ordinierung konnten sie noch keinen

eigenen Glauben bezeugen. Auf einer Reise nach

Amerika lernten sie „mährische Brüder“ 15 kennen

(Herrnhuter). Ihre Demut, ihr Friede und ihr Mut

machten auf John Wesley großen Eindruck.

Die Reise war für ihn ein Fehlschlag: „Ich ging

nach Amerika, um die Indianer zu bekehren. Aber

ach! wer bekehrt mich?“ 1738, wieder zurück in

England, traf er abermals Herrnhuter, und mehrere

tiefgründige Gespräche mit Peter Böhler

öffneten ihm die Tür zum Glauben. Auf die zweifelnde

Frage, ob er das Predigen aufgeben sollte,

antwortet Böhler: „Nein, predige den Glauben,

bis du ihn hast; danach wirst du, weil du ihn hast,

den Glauben predigen.“

So verkündigte John Wesley in vielen

Londo- ner Kirchen eifrig das „freie (unver-

Mayflower & Speedwell im Hafen

von Dartmouth, Gemälde von

Leslie Wilcox

Der Gedanke,

in der „Neuen

Welt“ Gewissensund

Glaubensfreiheit

zu finden,

bewegte viele

Christen

John Robinson im Gebet auf der

Speedwell

Z für Zukunft

65


Z-aktuell

Als Wesley die Kanzel der

Pfarrkirchen verboten war,

begann er im Freien

zu predigen

Bild: © Wellcome Collection

Peter Böhler

Nikolaus Ludwig

Graf von Zinzendorf

George Whitefield

dient geschenkte und unverdienbare) Heil durch

den Glauben an das Blut Christi“; und in einer nach

der anderen wurde ihm mitgeteilt, das sei seine

letzte Predigt hier gewesen.

Daraufhin besuchte er Herrnhut und begegnete

dort auch Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf,

das war ihm eine große Hilfe.

Wieder in England, traf er in Bristol seinen

alten Freund George Whitefield (1714–1770);

dem erging es ähnlich wie John: Der Klerus war

so aufgebracht, dass auch ihm der Zugang zu fast

allen Kanzeln verwehrt wurde. Freunde rieten

ihm, er könne ja den Kumpels in den Kohlegruben

predigen, um die kümmere sich keiner. Was

Whitefield denn auch tat: „Da mir die Kanzeln

verschlossen waren und die armen Kohlearbeiter

aus Mangel an Erkenntnis umzukommen drohten,

ging ich zu ihnen und predigte auf einem Berg

vor über zweihundert Arbeitern. Das Eis war

gebrochen und ich hatte wieder Boden gewonnen.“

Bei seiner nächsten Predigt kamen zehntausend!

Whitefields Predigt ging ihnen durchs

Herz – die Tränen hinterließen weiße Spuren auf

ihren schwarzen Wangen.

Whitefield bat John Wesley, ihm zu helfen. Wesley

war der Ansicht gewesen, Seelen retten könne man

nur in einer Kirche; nun predigte er zum ersten Mal

im Freien: „Ich sprach von einer kleinen Anhöhe

nahe der Stadt vor ungefähr 3000 Menschen.“

Nun war das Evangelium aus den grauen Kirchenmauern

herausgekommen, und es eroberte das

Land: Nicht nur die Ärmsten in den Elendsvierteln

bekehrten sich, auch der Adel wurde erreicht. Es

mangelte an Geistlichen, aber nicht lange, und der

Theologe Wesley erkannte, dass der Heilige

Geist zahlreiche Laien befähigte, das Evangelium

mit Kraft zu verkündigen – auch ohne Ausbildung

waren sie mächtige Zeugen Jesu. Anfangs gab es

bei den Zusammenkünften seltsame Erscheinungen:

Zuhörer stürzten mit Zuckungen zu Boden und

schrien vor Reue oder Furcht.

Wesley, Whitefield und andere waren ständig

auf Reisen, durchzogen England und Wales. Eine

große Erweckung erfasste das Land und ergriff

auch Irland, Schottland und sogar Neuengland in

Amerika.

Lehr- und Meinungsverschiedenheiten

Es verwundert nicht, dass es auch Meinungsverschiedenheiten

gab über die „neuen”, bis dahin

vernachlässigten Wahrheiten. Bei Lehrstreitigkeiten

steht nicht immer Wahrheit gegen Irrtum; so

hat die auch Lehre von der Rechtfertigung allein

aus Glauben, ohne Werke, ein Gegenüber: die der

Notwendigkeit guter Werke als Folge und Beweis

des Glaubens. In der Tat hat jede große Lehre

der Heiligen Schrift ein Gegenstück; erst beide

zusammen lassen das Ganze sehen.

Einige betonten mehr die eine Seite, andere

wieder eine andere Seite; und jeder neigte dazu,

seiner Ansicht mehr Nachdruck zu verleihen und

in der anderen eine Gefahr zu wittern. Die Größe

und Vielseitigkeit von Gottes Offenbarung führt

oft dazu, dass sie nur zu einem Teil und unterschiedlich

begriffen wird.

So war es auch bei Wesley und den Herrnhutern

– nach und nach kam es über verschiedene

Punkte zu unterschiedlichen Ansichten. Ihre Herkunft

und ihre Geschichte verlieh den Herrnhutern

Züge, die Wesley abgehoben und weltfremd

vorkamen; seine Persönlichkeit war pragmatisch,

praktisch, zupackend.

Schon früh unterschieden sich auch Wesley und

Whitefield in Lehrfragen; die calvinistische Sicht

Whitefields sagte Wesley gar nicht zu. Ihre Beziehung

litt aber nicht darunter, und beider Verkündigung

der Rechtfertigung aus Glauben war gleich

wirksam: Sowohl bei Wesley als auch bei Whitefield

bekehrten sich die Sünder in Scharen.

Auch die Predigtstile der beiden unterschieden

sich sehr, und doch zeigten sie die gleiche Wirkung.

Whitefield predigte leidenschaftlich, gera-

66

Z für Zukunft


Z-aktuell

dezu dramatisch – Wesley war klar und logisch,

seine Predigten enthielten vor allem Auslegung,

und doch fesselten sie auch die rohesten Zuhörer.

Und heute?

Ist Kirche, sind Versammlungen nach dem Vorbild

des Neuen Testaments heute noch möglich?

Die Antwort darauf – also ob Kirche heute der

Lehre und dem Vorbild des Neuen Testaments

gerecht werden kann –, hängt sehr davon ab, aus

welchem Blickwinkel man es betrachtet; gelingt

es, die traditionellen Vorgaben zu integrieren, zu

modifizieren, oder müssen wir sie eliminieren?

1. Das „Vorbild“ dürfte den Ritualkirchen nicht

allzu erstrebenswert erscheinen; meint man dort

doch, über die Jahrhunderte habe man etwas

Besseres erreicht als das, was anfangs praktiziert

wurde; die Schrift wurde durch Überlieferung

„erweitert“ oder gar verdrängt.

2. Der Rationalismus betrachtet es ebenfalls als

Rückschritt, wenn man auf die originalen Muster

zurückgreift. Für ihn ist die Schrift nicht

bindende Autorität.

3. Reformatoren bestehender Kirchen – Luther,

Spener und andere – versuchten, einen Kompromiss

zu erwirken; in manchem blieben sie

hinter dem zurück, was sie erkannt hatten.

4. Einige, wie die Mystiker, gaben auf und strebten

nur noch nach einer Art Isolations-Heiligung

und der engen Verbindung zu Gott.

„Äußerlichkeiten“ wie Taufe und Abendmahl

wurden vernachlässigt; man lehnt die verbindliche

Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ab

und spricht vom „Zerfall der Kirche“.

5. Evangelistische Bewegungen hielten diese Fragen

nicht für so wichtig; sie befassten sich vorwiegend

mit der Bekehrung von Sündern und

wie man sie anschließend organisieren kann.

6. Zu allen Zeiten hat es aber auch solche gegeben,

die die Frage nach dem „Zurück zum Original“

mit Ja beantwortet haben: Katharer, Novatianer,

Paulizianer, Bogomilen, Albigenser, Waldenser,

Wiedertäufer und unzählige andere (ausführlich

dazu siehe „Der rote Faden“ Teil 1, »Z« 19/20,

ab S. 48). Sie waren eins in dem Bestreben, im

Neuen Testament zu forschen und dem Vorbild

der neutestamentlichen Gemeinde zu folgen.

Rezension mit Auszügen aus „2000 Jahre Gemeinde Jesu –

Schmach und Segen christlicher Pilgerschaft“. Eine spannende

Kirchengeschichte besonderer Art von E.H. Broadbent, CV Dillenburg

2016 (redaktionell bearbeitet).

http://shop.agentur-pji.com/2000-jahre-gemeinde-jesu-3.html

1 Hans Denck (auch Johann(es) Den(c)k, authentische Namensform

Dengk

2 Balthasar Hubmaier (auch Huebmör, Hubmör, Hubmair, Hubmayr,

Hubmeier; Friedberger, um 1485–1528) war eine führende

Täuferpersönlichkeit der Reformationszeit, was ihn das

Leben kostete.

3 Menno Simons, 1496–1561, niederländisch-friesischer Theologe.

Simons war einer der führenden

4 Das „Täuferreich von Münster” in den 1530er-Jahren in Münster

(Westfalen) um den Prediger Bernd Rothmann war eine sich

zunehmend radikalisierende Bewegung hin zu einem das Ende

der Welt erwartenden Regime. Die Stadt wurde von katholischen

Truppen eingekesselt und ausgehungert; das „Täuferreich”

griff zu offener Gewalt. Auch in Lehrfragen und in der

Sittlichkeit kam es zu groben Verirrungen.

5 Caspar von Schwenkfeld (1490–1561), auch Kaspar

Schwen(c)kfeld von Ossig, war Theologe, Reformator und Verfasser

christlicher Bücher.

6 Jacques Lefèvre d’Étaples (auch Jacobus Faber Stapulensis

(1450/1455–1536) war französischer Theologe und Humanist.

Sein Name verbindet sich vor allem mit „La Sainte Bible en français”

(1523–30), der ersten vollständigen französischen Bibelübersetzung.

7 Gérard Roussel (lateinisch: Girardus Ruffus, um 1500–1550)

war ein französischer Humanist und religiöser Reformer und ein

ergebener Schüler von Jacques Lefèvre d’Étaples.

8 Johannes Calvin (re-galliziert Jean Calvin, eigentlich Jehan Cauvin;

1509–1564) war ein Reformator französischer Abstammung,

Begründer des Calvinismus. Er gilt als Vertreter einer

kerygmatischen Theologie (Verkündigungstheologie).

9 Jeanne III. von Navarra, besser bekannt als Jeanne d’Albret

(1528–1572), war von 1555 bis 1572 Gräfin von Rodez und

Königin von Navarra.

10 Heinrich IV. von Navarra (französisch Henri IV, 1553–1610) war

seit 1572 als Heinrich III. König von Navarra und von 1589 bis

zu seiner Ermordung 1610 als Heinrich IV. König von Frankreich.

In seiner gascognischen Heimat nannte man ihn in der

Landessprache „unser guter König Heinrich”.

11 Margarete von Valois (155 –1615), auch bekannt unter dem

Namen la Reine Margot, war Königin von Frankreich und

Navarra sowie Herzogin von Valois.

12 Die Speedwell (gebaut 1577) war ein 60-Tonnen-Segelschiff,

das gemeinsam mit der Mayflower „Pilgerväter” nach Nordamerika

bringen sollte in ein Gebiet im heutigen Virginia; wegen

technischer Probleme musste sie nahe England zwei Mal die

Reise abbrechen.

13 John Robinson (1575–1625) war ein englischer Theologe (Puritaner).

14 John Wesley war ein englischer Erweckungsprediger, der auch

in Nordamerika tätig war, und einer der Begründer der methodistischen

Bewegung.

15 Die „Herrnhuter”, auch „Mährische Brüder”, gehen zurück

auf Glaubensflüchtlinge aus dem heutigen Tschechien. Nikolaus

Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760) nahm sie auf,

das war der Anfang von Herrnhut, 100 km östlich von Dresden.

Aus der „Herrnhuter Brüdergemeine” gingen seit 1732 außerordentlich

viele Missionare in alle Welt.

In Streitigkeiten

steht nicht immer

Wahrheit gegen

Irrtum: Die Rechtfertigung

allein aus

Glauben, ohne Werke.

Die guten Werke als

notwendigen Folge

des Glaubens.

Jede große Lehre der

Heiligen Schrift hat

einen scheinbaren

Gegensatz.

Erst beide

zusammen lassen

das Ganze sehen.

„2000 Jahre Gemeinde Jesu

– Schmach und Segen christlicher

Pilgerschaft“. E.H. Broadbent,

CV Dillenburg 2016

http://shop.agentur-pji.com/

2000-jahre-gemeinde-jesu-

3.html

Z für Zukunft

67


Z-aktuell

Foto: © Agentur PJI UG

Aphrodisias, ganz in der

Nähe von Laodizäa, war

im ersten Jahrhundert eine

christliche Metropole. Die

Christen prägten damals

die Gesellschaft

Bröckelnde Fundamente

von den ersten Jahrhunderten an – Was hatten die ersten Christen,

das heute offensichtlich abhandengekommen ist?

Peter Ischka

Foto: © Wikipedia/Gustave Doré

Ephesos:

Zauberbücher

werden

verbrannt

Spannend, die Erfolgsgeschichte der frühen

Christenheit: „Die nun an das Wort

glaubten, ließen sich daraufhin durch

Untertauchen taufen; an jenem Tag

waren es etwa dreitausend. Sie blieben

in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft,

im Brechen des Brotes und im Gebet. Es kam aber

über jeden Ehrfurcht vor Gott, und es geschahen

viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.“ 1

Am Ende des ersten Jahrhunderts war die damals

bekannte Welt vom Christentum durchdrungen –

ohne Internet, Radio oder Fernsehen; der Einfluss

der Christen in der Gesellschaft war unübersehbar.

Denken wir an den Aufstand der Silberschmiede in

Ephesos: Die Abwendung von der Götzenverehrung

hatte eine ganze Branche erschüttert.

Welche Rolle spielt die Christenheit im Westen

heute? Was hatten die ersten Christen, das heute

offensichtlich abhandengekommen ist?

Keine Frage, wir sind Kinder unserer Zeit. Wir

haben aus vielen Quellen getrunken und schon

mit der Muttermilch wurde uns reichlich Zeitgeist

verabreicht. Wir betrachten daher alles

durch eine humanistisch gefärbte Brille, ohne uns

dessen wirklich bewusst zu sein.

Was Jesus Christus in seinem Werk am Kreuz,

in seiner Auferstehung und der Ausgießung des

Heiligen Geistes vollbracht hat, wurde nicht erst

vom Denkkonzept der Aufklärung überschattet

(„Der Mensch ist das Maß aller Dinge“); die

Rezeption jener Vorgänge wurde bereits im ersten

Jahrhundert von philosophischen und heidnischen

Strömungen durchzogen, was einer näheren

Betrachtung wert ist.

Was ist eigentlich „Kirche“?

Wenn man zur Kirche geht, denkt man an ein

bestimmtes Gebäude. Die ersten Christen hatten

das anders verstanden; für sie war „Kirche“

68

Z für Zukunft


Z-aktuell

Machtgewinn und Befreiungsstreben

Gegen Ende des vierten Jahrhunderts verkehrten

die Bischöfe mit den Oberen der weltlichen Herrschaft

und gewannen Einfluss in der Politik.

Diese zunehmende Machtdominanz wurde

später, Ende des 16. Jahrhunderts, zum Auslöser

für die Aufklärung, die ursprünglich für

die Emanzipation des Denkens und Handelns

von Kirche und Christentum eintrat, aber wie

ein überzogener Pendelschwung in die sogenannte

„Befreiung“ des Menschen von der

Religion überhaupt führen sollte.

Die fatale Zweiteilung in Geistliche und Laien ist

bis heute in den Köpfen der Gläubigen tief verankert.

Diese Fehlentwicklung hat bisher noch jeden

Reformversuch überstanden; und sie hat auch nicht

haltgemacht vor den sogenannten „Freikirchen“.

„Solus pastorus“?

So wird bis heute der Kirchenbesucher zum

passiven Konsumenten degradiert, denn dass

jedes Gemeindemitglied im Gottesdienst einen

Beitrag leistet, ist nach wie vor kaum möglich.

„Wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder

etwas zu geben.“ 12

Natürlich stellt sich die Frage: Wie kommt

man von „solus pastorus“ wieder zu dem Konzept,

bei dem Christus selbst das Haupt eines vielgliedrigen

Leibes sein darf?

Geköpft?

Die ersten Christen wurden von der Welt als

etwas ganz Besonderes wahrgenommen: „Seht,

wie sie einander lieben!“ Dieses Markenzeichen

wiederzugewinnen, könnte der Schlüssel

für unsere Zeit werden.

In einem bis heute überlieferten Brief aus dem

1. Jahrhundert nach Christus an die ekklesia in

Ephesos heißt es: „Aber ich habe gegen dich, dass

du deine erste Liebe verlassen hast. Tue Buße;

wenn nicht, so werde ich deinen Leuchter von seiner

Stelle wegrücken. [Es könnte finster werden!]

Wer aber überwindet, dem gebe ich vom Baum des

Lebens zu essen, der im Paradiese Gottes steht.“ 13

Die Vermischung mit heidnisch-philosophischen

Elementen hat diesen „Leib“ der an Christus

Foto: © Wikipedia

Gläubigen von seinem Haupt Christus weitgehend

abgetrennt – „geköpft“. Man kann sich vorstellen,

dass ein Leib so nicht besonders lebensfähig ist.

In die Pötte kommen

An dem einen Tag wurden damals dreitausend

neue Gläubige „hinzugetan“. In den Großkirchen

erfreuen sich heute nur die Austrittszahlen steigender

Tendenz.

Wenn wir die Entwicklung unserer Gesellschaft

aufmerksam beobachten, erkennen wir: Nur eine

ekklesia, wie Jesus sie vorgesehen hat – die etwas

öffnen oder schließen kann –, wird in den aktuellen

Strömungen Auswirkung haben. „Werdet nicht

gleichförmig der Welt“, empfiehlt Paulus. 15

Zitate und Informationen stammen aus „Heidnisches Christentum?

Über die Hintergründe mancher unserer vermeintlich biblischen

Gemeindetraditionen“ von Frank Viola und George Barna,

GloryWorld Medien 2010, erhältlich bei

http://shop.agentur-pji.com/heidnisches-christentum.html

(ab 19,- Bestellwert kostenloser Versand).

1 Apostelgeschichte 2,41–43.

2 Matthäus 16,18–19.

3 Apostelgeschichte 20,20; Römer 16,3.5; 1. Korinther 16,19.

4 1. Korinther 12,21–34.

5 1. Korinther 14,26; Hebräer 10,24–25.

6 1. Korinther 12–14.

7 Apostelgeschichte 8,1; 13,1; 18,22; Römer 16,1; 1. Thessalonicher

1,1.

8 Matthäus 23,8–12.

9 Matthäus 20,25–28; Lukas 22,25–26.

10 In Epheser 4,11.

11 1. Samuel 8,19.

12 1. Korinther 14,26.

13 Offenbarung 2,7.

14 Matthäus 6,10.

15 Römer 12,2.

Foto: © Wikipedia/Erell

Kaiser Konstantin (Mitte)

trieb den Kirchenbau

voran. Wer das Geld

gibt, hat die Macht

Kirchenmitglieder

zum Zuschauen

verurteilt

Z für Zukunft

71


Z-aktuell

Der

Antichrist

kommt immer

als Engel

des Lichts.

Lächelt, redet

vom Frieden

und weiß,

wie er die

Massen für

sich gewinnt

Luther und der Antichrist

Hat die Sicht des Reformators noch Gegenwartswert? – Die Frage nach dem Antichristen

hat Martin Luther sehr beschäftigt.

Der Theologe Dr. M. H. Jung erinnert

daran, 1 dass Luther schon in seiner

Schrift an den Adel (1520) den Verdacht

äußerte, der Papst in Rom sei

das in Offenbarung 13 geschilderte

„Tier aus dem Meer“ und der „Antichrist“ und

zerstöre die Kirche von innen her.

Dann setzte Luther sich mit dem Anspruch des

Papstes auseinander, das Oberhaupt aller Christen

zu sein, und lehnte diesen sowie die Annahme

seiner Unfehlbarkeit ab. Das kulminiert in seiner

grundlegenden und abschließenden Schrift von

1545, wo er das Papsttum schon im Titel als „vom

Teufel gestiftet” bezeichnet und keineswegs von

Jesus oder Petrus begründet. 2

Martin Luther: „Sehr leicht ist zu beweisen,

dass der Papst nicht der Oberste und das Haupt

der Christenheit ist oder der Herr der Welt, über

Kaiser, Konzile und alles … Er weiß wohl und es

ist so klar wie die liebe Sonne, dass der römische

Bischof nicht mehr als ein Bischof gewesen ist und

noch sein sollte … Hieronymus darf frei heraus

zu sagen wagen, alle Bischöfe seien gleich, allesamt

seien sie Erben des Apostolischen Stuhls.

… Gregor der Große … hat mit vielen Schriften

das Papsttum verdammt … Sicher ist, dass der

Papst und sein Stand eine reine Erdichtung und

Erfindung von Menschen ist … Ebenso weiß man

auch sicher, dass über ihn kein Buchstabe göttlichen

Worts in der Heiligen Schrift gefunden

wird. Er hat sich vielmehr aus Überheblichkeit,

Vermessenheit und Frevel in diese Höhe gesetzt.

Danach hat er sich mit Gottes Wort geschmückt

… dadurch … sich zum Abgott gemacht … Gott

fragt in seinem Reich nicht nach Großen, Hohen,

Mächtigen, vielen, Weisen, Edlen usw., sondern …

Lukas 1,48 ff ‚Er sieht den Niedrigen an‘. … Aber

im Papsttum und im Kirchenrecht geht es darum,

dass er allein ja der Größte, Oberste, Mächtigste

sei, dem niemand gleich sei, den niemand verurteilen

oder richten dürfe. Sondern jedermann solle

untertan sein und sich richten lassen … Das heißt

auf Römisch und Päpstlich: Herr aller Herren,

König aller Könige, auch über alle Christen, das

ist: über Gott, Christus und den Heiligen Geist,

der in den Christen wohnt und lebt, wie Johannes

15,4 und 14,17.23 sagt. Diesen angeblichen Herrn

aller Herren nennt Paulus … den Antichrist, der

sich gegen und über Gott setzt und erhebt. Denn

die Christenheit hat kein Haupt, kann auch kein

72

Z für Zukunft


Z-aktuell

tels des Oberen führen und leiten lassen muss, als

sei er ein toter Körper, der sich wohin auch immer

bringen und auf welche Weise auch immer behandeln

lässt, oder wie der Stab eines alten Mannes,

der dient, wo und wozu auch immer ihn der benutzen

will, der ihn in der Hand hält.” 21 Im Deutschen

entstand daraus das Wort „

Verblüffend ist auch die Anpassung der Jesuiten

an außerhalb ihres Ordens Stehende, um z. B. in

Briefen gewünschte Ziele zu erreichen. 22 Ihre erste

Regel ist: 23 „Nachdem wir alles Urteil abgelegt

haben, müssen wir … in allem der wahren Braut

Christi unseres Herrn zu gehorchen, die unsere

heilige Mutter, die Hierarchische Kirche ist … Die

sechste: Reliquien von Heiligen loben, wobei man

jene verehrt und zu diesen betet; dabei … Ablässe …

in den Kirchen loben.” Das ist ein schwerer Verstoß

gegen Gottes Gebot in 2. Mose 20,3 ff: „Du sollst

keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir

kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen …:

Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!”

Die Durchführung der genannten Reformen ist

bei dieser Sachlage von Papst Franziskus nicht zu

erwarten.

Luther – Was würde er

zur eigenen Kirche sagen?

Ab der zweiten Hälfte des 16. Jh. standen Jesuiten

als „Sturmtruppe der Gegenreformation“ an der

Spitze des Gegenangriffs gegen die Protestanten. 24

Theologin Margot Käßmann jedoch, Botschafterin

des Rates der EKD für das Reformationsgedenkjahr

2017, sagte dem italienischen Internetportal

„Vatican Insider“ in einem Interview, 25 es sei für sie

kein Problem, dass Papst Franziskus dem Jesuitenorden

angehöre, der seinerzeit als Antwort auf die

Reformation entstand. Entscheidend sei, „dass er

ein Papst ist, der nah an den Menschen ist”.

Eigentlich sollte sie wissen, dass „Nahesein am

Volk” samt der Fähigkeit, Volksmassen für sich zu

begeistern, in der Geschichte auch äußerst negativen

Persönlichkeiten eigen war und daher kein Kriterium

für eine geistliche Beurteilung ist. Wichtig

wäre das Erreichen klarer Stellungnahmen zu den

jesuitischen Wurzeln und Zielen des Papstes.

Aber Frau Käßmann sagt ja auch in der „Bild

am Sonntag“: „Bei Sexualität geht es um Verlässlichkeit,

Vertrauen, Verantwortung, ganz gleich ob

heterosexuell oder homosexuell.“ Offenbar nimmt

sie Bibelstellen wie Römer 1,16–28 nicht ernst.

Da hat mancher katholische Theologe wesentlich

mehr Tiefe, sowohl in Fragen der Sexualethik

als auch bei der Beurteilung des Gegenübers von

Reformation und Gegenreformation.

Luther jedenfalls, so ist zu vermuten, würde

auch bei Frau Käßmann ein Wirken des „Antichristen“

erkennen. Wie wertvoll war doch gerade

ihm der Römerbrief! Seine Sicht passt eben nicht

mehr in unsere Zeit. Oder brauchen wir ihn

gerade unserer Zeit wegen mehr denn je?

1 Jung, Dr. Martin H., Amt der VELKD (Hrsg.): Luther lesen – Die Zentralen

Texte. „In Rom regiert der Antichrist!” (Göttingen: Vandenhoeck

& Ruprecht, 2016), S. 185–191.

2 Luther, Martin: Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet.

Guth, Karl-Maria: Vollst. Neuausgabe (Berlin: Contumax und Norderstedt:

BoD, 2015), 96 Seiten.

3 Luther, Martin: Kritische Gesamtausgabe. Schriften. Bd. 54 (Weimar

1883–1993), S. 195–299.

4 Vom Konflikt zur Gemeinschaft – Gemeinsames lutherisch-katholisches

Reformationsgedenken im Jahr 2017 (Leipzig: Evang. Verlagsanstalt

und Paderborn: Bonifatius, 2013), S. 33, 92, 12, 16, 79, 9.

5 http://www.wasistwas.de/archiv-geschichte-details/martin-lutherund-der-reformationstag.html;

Stand 29.09.2016.

6 Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche.

„Lumen gentium” (LThK2, Erg.bd. I, 137–347.348–359).

7 Elberfelder Studienbibel mit Sprachschlüssel – NT. 5357 „Christos”

(Wuppertal: Brockhaus, 2000), S. 1038.

8 Lukas 4,16–21

9 1. Timotheus 2,9

10 Kolosser 1,18

11 Coenen, Lothar; Beyreuther, Erich; Bietenhard, Hans: Theologisches

Begriffslexikon zum NT. „Presbyter” (Brockhaus, 1. Sonderausg. 1993),

S. 1003–1004, 1007.

12 Apostelgeschichte 17,11

13 Elberfelder Studienbibel mit Sprachschlüssel – NT, 500 „Antichristos”,

S. 717.

14 Matthäus 23,9

15 Jung, Dr. Martin H., Amt der VELKD (Hrsg.): Luther lesen – Die Zentralen

Texte. „Luther fordert Reformen – ‚An den deutschen Adel!‘

(1520)”, S. 33–44.

16 Pesch, Otto Hermann: „Luther und der Papst” – Artikel in „Christ in

der Gegenwart”, 68. Jahrg. 2016.

17 https://www.welt.de/politik/deutschland/article114436068/Der-Papstgehoert-einem-Orden-von-Elitechristen-an.html,

Stand 30.09.2016.

18 Dowley, Tim (Hrsg.): Handbuch – Die Geschichte des Christentums.

„Der Jesuitenorden” (Basel: Brunnen, 1979), S. 412–414.

19 Broadbent, E. H.: 2000 Jahre Gemeinde Jesu. „Loyola” und „Die

‚Gesellschaft Jesu‘“ (Dillenburg: CV, 1995), S. 145–147.

20 Loyola, Ignatius von: Gründungstexte der Gesellschaft Jesu (GGJ). Weise

der Gesellschaft und Darbringung. (Würzburg: Echter, 1998), S. 340.

21 Ebd., S. 740–741.

22 Ebd., S. 836, 840.

23 Ebd., S. 740–741.

24 Dowley, Tim (Hrsg.): Handbuch – Die Geschichte des Christentums,

S. 415–422.

25 https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2016-05-06/

theologin-kaessmann-vergleicht-papst-franziskus-mit-martin-luther,

Stand 30. 09.2016.

„Ich verspreche

dem allmächtigen

Gott und dem

Papst, seinem

Stellvertreter auf

Erden, ständige

Armut, Keuschheit

und Gehorsam.“

Teil des Jesuitenschwurs,

daraus entstand das Wort

„Kadavergehorsam“

Ignatius von Loyola war der

wichtigste Mitbegründer und

Gestalter der später auch als

Jesuitenorden bezeichneten

Gesellschaft Jesu. Er wurde

1622 heiliggesprochen.

Gemälde von Francisco Zurbaran

(1598-1664), Wikipedia

Z für Zukunft

75


Z-aktuell

Jan Hus

und die Wolke der der

Zeugen – wofür sie lebten

und wofür sie starben

Ohne Reformatoren keine Reformation.

Reformation, was ist das eigentlich? Viele

Vor-Reformatoren sahen ein größeres

Ganzes. Ihre Vision – etwas, das erst noch

in Erfüllung gehen wird?

Johannes Wöhr

Spannender als die Frage, was Reformation

eigentlich ist, ist die Frage

nach den Reformatoren, den Trägern

eines neuen Denkens: Was waren das

für Menschen, die vor vielen Jahrhunderten

ihre Stimme erhoben und damit eine nachhaltige

Veränderung der Welt auslösten? Für uns

noch wichtiger: Welchen Schlag Mensch bräuchte

es heute für den Aufbruch in eine neue Zeit?

Damit das Miteinander der Menschen und Völker

neu geordnet werden könnte – wohlgemerkt: mit

einer deutlich besseren Alternative!

Reformatoren: Kühne Vordenker

Initiale I der

Martinitz-Bibel, fol 11v.

Mutmaßlich die älteste

Darstellung des Jan Hus.

Bibliothek der Akademie

der Wissenschaften der

Tschechischen Republik

Reformatoren sind offensichtlich Leute, die unbedingt

entschlossen sind, mit den Mängeln des

bestehenden Systems nicht einfach so weiterzumachen;

dazu bringen sie den Mut auf, sich gegen

die Fehler, die Heuchelei und Irrtümer ihrer Zeit

zu erheben. Diese Kühnheit ist Mangelware.

Besonders heute. Dabei muss man sie sehr wohl

unterscheiden von Revolutionären; denen geht es

hauptsächlich um den notwendigen Umsturz an

sich. Reformatoren haben einen anderen inneren

Antrieb: Sie suchen die Wiederherstellung eines

Originals. Das sagt schon das Wort: re-formieren.

Sie sehen eine Art Blueprint, der vielleicht nie

wirklich ausprobiert wurde, der aber eine ewige

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Z für Zukunft


Z-aktuell

Gültigkeit hat. Eine der besten Definitionen von

Reformation hat der Apostel Petrus geliefert; er

nannte es „die Wiederherstellung aller Dinge“ 1 .

Schon lange vor dem Zeitraum, der als Reformationszeit

in die Geschichte eingegangen ist,

gab es einige große Vordenker und Pioniere. 2Die

einen fanden kaum Gehör, andere konnten zum

Teil Erhebliches bewirken. Diese Zeiten waren

noch nicht bereit für die Erneuerung des Denkens

– und doch gab es diese Mutigen, die den

verborgenen Verheißungen Glauben schenkten,

auch wenn ihr Same erst in einer späteren Generation

aufgehen sollte; andere würden dann das

ausleben, was diese „Rufer in der Wüste“ lange

zuvor verkündet hatten.

Vor-Reformatoren:

Leuchten in finsterer Zeit

Ich nenne sie die Vor-Reformatoren. In finsterer

Zeit hatten sie eine Lampe gefunden, die die

meisten aber als störend empfanden und mehr

oder weniger vehement ablehnten. Einige von

ihnen leuchten besonders hell: die iroschottischen

Mönche wie Columban und Gallus, die Waldenser,

ein John Wyclif, ein Nikolaus von der Flüe

oder eben ein Jan Hus.

Jan Hus starb 1415, in Konstanz als Ketzer verurteilt,

auf dem Scheiterhaufen, den ihm seine eigene

Kirche errichtet hatte, weil er glaubte, dass die Kirche

auf einem Irrweg war und dringend einer echten

Reform bedurfte. Kurz bevor er starb, soll er

gesagt haben: „Heute bratet ihr eine Gans (tschechisch:

husa), aber aus ihrer Asche wird ein Schwan

erstehen, den werdet ihr nicht braten können!“

Für eine andere Generation

Sich Jan Hus zu nähern ist schwierig; eigentlich

geht das nur, wenn man zwischen den Zeilen liest

und über die historische Figur hinauszublicken

vermag. Er bleibt sonst meist unverständlich und

schwach. Was einem aber begegnet, wenn man

seine Geheimnisse aufspürt, ist atemberaubend

und ganz anders als das Leben eines üblichen

Theologen oder Schriftgelehrten.

Daher will ich nicht eingehen auf den historischen

Hus, der von vielen für ihre religiösen und

politischen oder gar nationalen Absichten vereinnahmt

wurde. Die einen haben ihn verteufelt und

andere haben ihn zum Helden für die eigene Sache

stilisiert. Der geistliche Mensch Jan Hus aber ist

viel stärker. In ihm begegnet uns einer, der seinem

Gott mehr als alles andere nachfolgte und der der

Wahrheit tief verpflichtet war. Er hatte eine Sicht

von einem größeren Ganzen, anders als die vielen

Konzept-Reformatoren nach ihm.

Jan Hus sah die Generationen. Er hatte begriffen,

dass sein Leben, sein Zeitalter nur eine Episode

war; viel wichtiger war ihm, dem großen Plan Gottes

für alle Generationen dienlich zu sein. Man muss

wohl zu dem Schluss kommen, dass er zwar für eine

Reformation der Kirche lebte, dafür arbeitete und

stritt, aber gestorben ist er für etwas anderes.

War Hus ein Fanatiker?

Er hätte sein Leben retten können, wenn er das

gewollt hätte. Die Kirche konnte eigentlich keinen

populären Märtyrer gebrauchen; aber Hus

lehnte es ab, die Brücken, die ihm gebaut wurden,

auch zu nutzen. Er wäre wohl mit dem Leben

davongekommen, hätte er es nicht so sehr auf

die Spitze getrieben. War Hus ein Fanatiker? Ich

glaube: Wir stehen vor einem Mann Gottes mit

einer Sichtweise, die nicht von dieser Welt war.

Darin begegnen wir aber vor allem seinen Vorbildern

in der Kirchengeschichte, zum Beispiel dem

ersten Märtyrer der Christen, Stephanus in Jerusalem.

Auch ihm würde man heute wohl raten, sich

einfach etwas zurückzunehmen und Brücken zu

bauen; so hätte auch er vielleicht sein Leben retten

können. Aber Stephanus musste es ja übertreiben.

Er war einfach nicht interessiert an einem Kompromiss,

einer Friedensvereinbarung mit dem religiösen

System seiner Zeit. Er ließ es auf eine Konfrontation

hinauslaufen. Sehenden Auges.

Die Einheit aller Gruppen, die an den Gott

Abrahams glaubten, war nicht seine Sache; er

wollte die prophetische Dimension Gottes herausschälen,

nämlich: dass er kein Gott eines kirchlichen

Systems, kein Gott von Doktrinen und

Welchen

Schlag Mensch

bräuchte es

heute für den

Aufbruch in

eine neue

Zeit?

jan Hus, unbekannter

Mahler, 16. Jh.

Das Lutherbild hinter dem

Altar der St. Thomas Kirche

Tribsees bezieht sich auf

den Ausspruch vo Jan Hus:

„Heute bratet ihr eine Gans

(tschechisch: husa), aber aus

ihrer Asche wird ein Schwan

erstehen, den werdet ihr nicht

braten können!“

Z für Zukunft

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Z-aktuell

Verbrennung von Jan Hus

auf dem Scheiterhaufen

in Konstanz,

Aus der Spiezer Chronik

(1485), verfasst von

Diebold Schilling

dem Älteren

Doch

anstelle echter

Reformatoren

haben in den

letzten Jahren

Verschwörungstheoretiker

die

Rolle von

Propheten

eingenommen

obwohl schon Jesaja davon abgeraten hat: „

Ihr sollt nicht alles Verschwörung nennen, was

dieses Volk Verschwörung nennt; und fürchtet

nicht ihre Furcht und erschreckt nicht davor.“ 10

… oder Angst?

Sonst leben wir in derselben Angst wie sie: Angst

vor dem Klimawandel, Angst vor dem Weltuntergang,

Angst vor Krieg und Gewalt, vor Verschwörungen

und vor anderen Religionen und Weltanschauungen.

Vor-Reformatoren hatten niemals

Angst vor Denkkonzepten und Systemen, die in

ihrer Zeit zwar mächtig waren, die aber vergehen

würden. Das System und seine Macht sowie die

Weltordnung, die Jan Hus verfolgt haben, sie sind

untergegangen.

Reformatoren sind freie Menschen, sie leben

bereits frei, so, als wäre ihre Zeit bereits eine andere

– eine befreite. Sie wollen umgestalten. (Heute wäre

es in unseren Breitengraden erlaubt, seine Meinung

frei zu sagen. Wollen wir das nicht nutzen?)

Das Jubiläumsjahr zur Reformation ist vorbei;

es bleibt die Frage: Wo sind die Leute, die

ihre Stimmen erheben, weil sie eine Idee für eine

andere Welt haben? Wo sind die Leute, die nicht

vor allem aus der Betrachtung der Vergangenheit

ihre Kraft ziehen, sondern die Zukunft kennen,

benennen oder sogar gestalten können? Wenn

nicht unbändig Neues in uns lebt, bleibt uns nur,

an die Gräber gehen.

Gräber schmücken –

oder wollen wir mehr?

Die Gräber der Propheten vergangener Zeiten

wurden immer schon geschmückt. Ganz besonders

von den Unprophetischen und Visionslosen.

Also von jenen, die eigentlich keine Veränderung

wollen, die Angst davor haben, was andere

sagen könnten, und sich unwohl fühlen bei der

Vorstellung, jemand könnte ihre Welt aus den

Angeln heben. Eine romantische Rückbesinnung

auf die Helden von früher dagegen fühlt sich

gut an: ihnen Denkmäler, Museen und Gräber

zu bauen, das braucht keine eigene Kraft. Dann

können wir für einen Augenblick vom Licht dieser

Helden leben und ihr heller Schein kann unsere

Bedeutungslosigkeit für einen Moment vergessen

machen. Das Wissen über die Helden erscheint

mehr wert, als selber ein Held zu sein.

Der Prophet Joel hielt von Heldengedenken aber

nichts; er rief vielmehr auf: „Erweckt die Helden!“ 11

Wir sind herausgefordert, heute das zum Leben zu

erwecken, wofür Jan Hus und die vielen anderen

Vor-Reformatoren gestorben sind und was sie vorausschauend

bereits für unsere Generation gesehen

haben. Versuchen wir, die Geheimnisse kennen zu

lernen, die diese Märtyrer vor Augen hatten 12 : Sie

sahen etwas von der Wiederherstellung aller Dinge,

und dafür haben sie jeden Preis bezahlt.

1 Apostelgeschichte 3,21.

2 Reformation ist so viel mehr als nur die Wiederherstellung einer ersten

Kirche oder dessen, was im Judentum bereits bekannt war. Es

geht um tatsächlich Neues. Denkweisen, die aus bereits Dagewesenem

herrühren, behindern oft die Bereitschaft, sich auf völlig Unbekanntes

einzulassen.

3 Matthäus 10,39.

4 Hebräer 11,35.

5 Hebräer 12,1.

6 Nach Apostelgeschichte 7,52.

7 2. Petrus 3,12.

8 Judas 14–15.

9 Hiob 38,31; 38,12.

10 Jesaja 8,12.

11 Joel 4,9.

12 Eine Diskussion über eine Säkularisierung der gegenwärtigen Kirche

hält der Autor nicht für zielführend. Er geht davon aus, dass Kirchen,

auch Freikirchen und außerkirchliche Bewegungen, trotz all den vielen

lieben Leuten und trotz aller guten Motivation, sich eher in einer

babylonischen Gefangenschaft befinden; ess sieht für ihn eher nach

Totalschaden aus. Reformation bringt eine neue Kirche zur Geburt,

deren Mutter das himmlische Jerusalem ist (Galater 4,26). Deshalb

die Geheimnisse, deshalb die Märtyrer, deshalb Reformation.

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