Bürgersprechstunde in Facebook - Ortsgemeinde Kalt

gemeindekalt

Bürgersprechstunde in Facebook - Ortsgemeinde Kalt

Bürgersprechstunde in Facebook

Erfahrungen der Ortsgemeinde Kalt mit dem social-network

- von Willi Probstfeld, Ortsbürgermeister der Ortsgemeinde Kalt/Verbandsgemeinde Maifeld –

Für Städte und Gemeinden in Deutschland ist

Facebook auch heute noch weitgehend Neuland.

Als wir in Kalt vor einem halben Jahr mit unserer

Facebook-Seite www.facebook.com/gemeindekalt

gestartet sind, konnten wir uns nicht auf Erfahrungen

anderer stützen. Die meisten Städte und Gemeinden

sind zwar mit eigenen Homepages im

Internet vertreten 1 . Aber die weitergehenden Möglichkeiten

von Facebook hatte hat man noch nicht

entdeckt. Und auch heute sind Kommunen nur

vereinzelt in Facebook aktiv. Das ist eigentlich

erstaunlich, denn zwischenzeitlich bewegen sich in

Deutschland ca. 20 MIO Menschen in diesem social

network und weltweit gibt es um die 750 Mio

User. 2 Facebook hat sich längst zu dem bedeutendsten

gesellschaftlichen virtuellen Interaktions- und

Kommunikationsinstrument in allen Bevölkerungsschichten

und Altersgruppen entwickelt.

Ich will gerne einräumen, dass es meine Tochter

war, die mich mit Facebook vertraut gemacht und

mein Interesse geweckt hat, dies für die Ortsgemeinde

Kalt auszuprobieren und zu nutzen. Und am

Anfang war ich (wie sicher viele andere noch heute)

ein wenig unsicher, ob sich eine Gemeinde auf

dieser Plattform bewegen sollte und habe mich

gefragt, für wen oder was das nützlich sein könnte.

Daher habe ich vorsorglich die Kommunalaufsicht

und den Gemeinde- und Städtebund über die Absicht

informiert. Erfahrungen hatte man dort keine,

aber auch keine rechtlichen Bedenken. Wir sind

dann Anfang März online gegangen.

Der Facebookauftritt der Gemeinde Kalt beinhaltet

eine Mischung aus aktuellen Informationen, Dorfgeschehen,

Unterhaltsamem, Wissenswertem, alten

Dorfansichten und Auszügen aus der Gemeindechronik.

Und manchmal wird auch unsere Mundart

(Kalter Platt) gepflegt. Aber mehrheitlich werden

aktuelle Fotos z. B. von schönen Häusern, interessanten

Innenhöfen und vor allem von den Menschen,

die im Dorf leben und von unserer Landschaft,

veröffentlicht 3 . Auf diese Weise gibt es

jeden Tag ein neues Pinnwand-Posting. Im Grunde

ist das eine täglich erscheinende Mini- Dorfzeitung.

1 so auch Kalt, siehe www.gemeinde-kalt.de

2 Quelle: www.socialbakers.com, aktuelle Zahl: 748

794 000 User weltweit

3 Dem Verfasser sind diesbezüglich datenschutzrechtliche

Aspekte und die Rechtsprechung zur

informationellen Selbstbestimmung bekannt; die

rechtlichen Anforderungen werden berücksichtigt.

Die zahlenmäßige Entwicklung seit dem Start der

Kalter Facebook-Seite Anfang März 2011 bis heute

vollzog sich rasant. Bei den nachstehenden Angaben

muss man sich vor Augen führen, dass wir eine

kleine Ortsgemeinde mit 480 Einwohnern sind. Die

für jedermann einsehbare Statistik weist nach dem

Stand vom 10. September 2011 insgesamt 123

Personen aus, denen Kalt „gefällt“, die also unsere

Seite offiziell „gelikt“ 4 haben und denen dementsprechend

die Kalter Infos direkt auf dem PC angezeigt

werden. Diese Zahl ist noch wenig aussagekräftig.

Eindrucksvoller ist ein Blick in die im Hintergrund

laufende Facebook-Statistik. Danach liegt

die regelmäßige Nutzer- bzw. Besucherzahl bei ca.

350. 5 Am interessantesten, ja geradezu verblüffend

ist aber die Facebook-Registrierung, wie oft unsere

Beiträge angeklickt werden - aktuell sind es bis zu

1000 Klicks pro Tag (derzeit ca 25.000 Klicks im

Monat).

Aus den vorstehenden Zahlen ergibt sich, dass wir

mit unseren Facebook-Beiträgen ein breites Publikum

in der Gemeinde, aber auch darüber hinaus 6

erreichen. Und dabei spielt es keine Rolle, wieviel

offizielle Nutzer das sind und wie viel Personen nur

als Randbetrachter (Kiebitze) reinschauen. Wohl

vor allem vor dem Hintergrund der laufenden öffentlichen

Diskussion um Datenschutz in Facebook

halten sich viele noch „offiziell“ zurück, schauen

aber trotzdem fast täglich rein und klicken fleißig.

Insoweit ist es bei der Kalter Facebook-Seite (derzeit

noch) ein wenig so, wie mit der Bild-Zeitung:

Nicht alle geben zu, sie täglich zu lesen, aber das

ganze Dorf weiß, was drin steht.

Welche Erkenntnisse lassen sich aus den vorstehenden

Zahlen gewinnen? Zunächst wird eines klar:

Wenn die Mehrzahl unserer Bürgerinnen und Bürger

–ob nun „offiziell“ oder als „Kiebitze“- die

täglichen Beiträge zur Kenntnis nehmen, dann ist

nicht zu bestreiten, dass das Dorf mehrheitlich über

4 „gelikt“ – dieses Wort sucht man in Wörterbüchern

vergebens, es ist vom englischen „to like“

abgeleitet und wird für die „Gefällt-mir-Angaben“

verwendet.

5 Dieser Zahlenunterschied erklärt sich dadurch,

dass man sich die Kalter Beiträge auch ansehen

kann, wenn man unsere Seite nicht offiziell „gelikt“

hat. Ja man muss nicht einmal in Facebook angemeldet

sein, um sich einzelne Seiten anschauen zu

können. Wer www.facebook.com/gemeindekalt

eingibt, kommt ohne weiteres direkt „nach Kalt“.

6 Siehe hierzu die Ausführungen weiter unten zu

Außenkontakten.


dieses Medium erreichbar ist. Es gibt nur noch

wenige Häuser, in denen es keinen Internetanschluß

gibt, 7 bzw. in denen kein Facebook-Nutzer beheimatet

ist. In manchen Familien sind mehrere Mitglieder

in Facebook präsent. Vielleicht hat unser

Facebook-Auftritt insoweit auch beschleunigend

gewirkt.

Mit diesen Erkenntnissen kann die Gemeinde ganz

gezielt und in „virtueller Geschwindigkeit“ informieren,

mit den Bürgerinnen und Bürgerin in Kontakt

treten und die Bürger untereinander können

das ebenso, denn im Dorf ist selbstverständlich

jeder mit jedem auf Facebook „befreundet“. Anschaulich

wird die Situation an einigen Beispielen,

die vielleicht bei erster Betrachtung eher zum

Schmunzeln anregen oder als Kleinigkeiten abgetan,

denn als Pro-Facebook-Argumentationshilfe

verstanden werden. Aber wohl nur bei oberflächlicher

Betrachtung:

a. Der Schildkrötenfund: Kürzlich brachte mir ein

Jogger an einem Sonntagnachmittag eine Schildkröte,

die er am Dorfrand auf der Straße gefunden

hatte 8 . Meine erste Überlegung war, das arme Tier

vorübergehend irgendwo in Pflege zu geben und im

kommenden Mitteilungsblatt auf den Fund hinzuweisen.

Aber bis dahin wäre eine Woche vergangen.

Dann machte ich ein Foto und 10 Minuten

später stand die Nachricht von dem Fund auf der

Kalter Facebook-Seite. Exakt 45 Minuten später

klingelte das Telefon und der Verlierer meldete

sich. Er selbst war zwar nicht online, wohl aber

seine Nachbarin, die wusste, dass seine Schildkröte

schon vor einiger Zeit entlaufen war.

b. Die Ausschreibung für Kehrarbeiten: Derartige

Arbeiten im Friedhofsbereich und am Dorfplatz

werden in unserer Gemeinde üblicherweise

von Jugendlichen übernommen, die sich damit ein

Taschengeld verdienen. Auf eine Anzeige in unserem

wöchentlich erscheinenden Verbandsgemeinde-Mitteilungsblatt

9 meldete sich jedoch niemand.

Dann stellte ich den gleichen Text auf die Kalter

Facebook-Seite und innerhalb eines Tages gab es

zwei Bewerbungen.

c. Der Specht am Mehrzweckgebäude: Wir

haben an unserem neuen Mehrzweckgebäude ein

Spechtproblem. Immer wieder hackt einer unserer

gefiederten Freunde Löcher in den Außenputz. Auf

unserer Facebook-Seite wurde darüber berichtet.

Das hat im Dorf sofort eine lebhafte Diskussion

7 Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang

schnelles Internet – darüber verfügen wir.

8 Die Leser, die selbst Ortsbürgermeister in kleineren

Gemeinden sind, wissen, dass in einem Dorf der

Ortsbürgermeister im Grunde für alles zuständig ist

– daher verwundert es wohl nur ganz Außenstehende,

dass bei der Ortsgemeinde auch eine Schildkröte

abgegeben wird.

9 Maifelder Nachrichten

ausgelöst. Über Facebook wurde das Thema zum

Dorfgespräch. Einzelheiten sind an dieser Stelle

nicht weiter von Interesse. Wichtig ist aber die

Erkenntnis, über Facebook Themen aufgreifen zu

können und den Bürgerinnen und Bürgern Gelegenheit

zu geben, mitzureden und mit zu diskutieren.

Am Rande sei bemerkt, dass das Spechtthema

noch erheblich weitere Kreise gezogen hat, denn

auch beim Südwestrundfunk hat man unseren

Facebook-Eintrag gelesen und einige Tage später

gab es landesweit eine Radioreportage in SWR 1

und SWR 4 über den „Kalter Specht.“

Anhand dieser Beispiele lässt sich sagen: Die

Facebook-Plattform kann für Gemeinden ein geradezu

ideales Instrument sein, die Bürgerinnen und

Bürger wesentlich schneller als mit anderen Mitteln

zu erreichen und zu informieren. Mehr noch: Es

werden Personen in der Gemeinde erreicht, die mit

herkömmlichen Mitteln kaum oder nur schwer

erreichbar sind, weil sie die ansonsten üblichen

Gemeinde-Nachrichtenwege kaum zur Kenntnis

nehmen, in Facebook jedoch präsent sind. Gemeint

sind damit nicht etwa Außenseiter, sondern zum

Beispiel junges Publikum. Allen wird die Möglichkeit

eingeräumt, mit zu reden und mit zu diskutieren.

Was ist das anderes als eine moderne Form der

Bürgerbeteilung, nach der viele Politiker derzeit

suchen?

In unserer Praxis hat sich darüber hinaus folgendes

gezeigt: Erfahrungsgemäß sind am Abend so zwischen

20 und 22 Uhr die meisten Facebook-User

online und damit auch direkt im Facebook-Chat

ansprechbar. Und wenn die Bürgerinnen und Bürger

sehen, dass der Ortsbürgermeister ebenfalls

verfügbar ist, ergeben sich daraus (auch ohne offizielle

Bürgersprechzeiten) oftmals interessante

online-Gespräche mit Anregungen und Kritik – hin

und wieder ganz ausnahmsweise vielleicht auch

mal ein wenig Lob.

Auf einige weitere Facebook-Erfahrungen sei an

dieser Stelle hingewiesen: Facebook ist bekanntlich

weltweit verfügbar. Hierüber hatte ich mir bei Einrichtung

unserer Kalter Facebook-Seite keine größeren

Gedanken gemacht, sondern mich eher auf

das Dorf fokussiert. Umso überraschender war es,

dass plötzlich viele ehemaliger Kalter Bürger und

andere Auswärtige, die mit Personen aus unserem

Ort freundschaftliche oder verwandtschaftliche

Beziehungen pflegen, auf die Kalter Facebook-

Seite aufmerksam geworden sind und lebhaft an

dem Geschehen bei uns Anteil nehmen. Auf diese

Weise gibt es zwischenzeitlich über Facebook nicht

nur innerhalb von ganz Deutschland Beziehungen,

sondern sogar eine ganze Reihe von Kontakten

nach Nordamerika. Und wenn ein in Montreal/Kanada

lebender ehemaliger Kalter Bürger auf

einem Facebook-Bild vom Kalter Seniorentreff

seine hier lebenden Eltern erkennt und dies erfreut


kommentiert, dann ist dies doch auch ein schöner

Facebook-Effekt.

Unsere Facebook-Erfahrungen nach einem halben

Jahr führen nach alledem zu einem positiven Fazit:

Mit Facebook erreicht man Personen, mit

denen man sonst in der Gemeinde eher selten oder

gar nicht ins Gespräch kommt.

Über Facebook bekommt man auch Anregungen

und Kritik. Den Bürgerinnen und Bürgerin

wird die Möglichkeit eingeräumt, mitreden zu können.

Die meisten Facebook-Nutzer sind am

Abend online. Dann kann sich Facebook zu einer

modernen Bürgersprechstunde entwickeln.

Über Facebook können sich auch auswärtige

ehemalige Kalter und andere Interessierte einfach

über das Gemeindegeschehen informieren.

Facebook ist für Gemeinden auch eine

ideale Plattform, um sich selbst darzustellen und zu

präsentieren.

Facebook wirkt idenditätsfördernd. Mehrfach

wurde mir berichtet, wie man sich im Dorf

über „unsere“ Facebook-Seite unterhält („Wir sind

in Facebook“). Es gibt auch von Bürgerseite Anregungen,

dies oder jenes auf der Kalter Facebook-

Seite zu publizieren. Hin und wieder ist sogar der

Wunsch zu verspüren, auch einmal im Mittelpunkt

eines kleinen täglichen Facebook-Beitrages zu

stehen.

Bei alledem muss man sagen, dass wir uns nach

einem halben Jahr erst am Anfang befinden und

sicher noch mehr Erfahrungen sammeln werden.

Vielleicht gibt es auch Rückschläge. Eins ist jedoch

klar: Die Bürgerinnen und Bürger werden sich

mehr und mehr in der virtuellen Welt bewegen und

man muß ihnen auch von Gemeindeseite dort begegnen,

wo sie sich aufhalten. Das heißt natürlich

nicht, dass die herkömmlichen Kontakte und Gespräche

im Ort überflüssig sind oder werden. Beides

muss und kann nebeneinander existieren. Wer

aber den virtuellen Zug versäumt, geht nicht mit der

Zeit und da passt am Ende vielleicht der Spruch:

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit...

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