Wenn das Gehirn die Dosis selbst bestimmt - Psychiatrie ...

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Wenn das Gehirn die Dosis selbst bestimmt - Psychiatrie ...

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Nr. 25/2012 | 13. Juni 2012 | www.presse.uni-erlangen.de

Wenn das Gehirn die Dosis selbst bestimmt

Forscher weisen nach, dass bei der medikamentösen Behandlung

von Schizophrenie das Nervensystem die Wirkstoffe gezielt freisetzt

Bei der Informationsübertragung zwischen zwei Nervenzellen werden Medikamente gegen

die Schizophrenie – sogenannte Antipsychotika, die Patienten verabreicht wurden – in hohen

Konzentrationen freigesetzt. Dies hat ein internationales Forscherteam um Dr. Teja Grömer

an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) mit Hilfe modernster Mikroskop-Technik

nachgewiesen. Ihre Ergebnisse haben die Forscher im international renommierten

Wissenschaftsmagazin „Neuron“ veröffentlicht.

Die Schizophrenie ist eine häufige psychische

Erkrankung, bei der die meist jungen Erkrankten ihre

Welt plötzlich anders als ihre Mitmenschen erleben.

Patienten leiden unter Halluzinationen und Verfolgungswahn,

sie hören die eigenen Gedanken als

Stimmen und fühlen sich dadurch verfolgt. Noch

sind die Ursachen für diese Vorgänge im Gehirn nicht

erforscht und konnten nicht nachgewiesen werden.

Doch Schizophrenie kann heute effizient mit Medikamenten

therapiert werden.

„Bislang galt die Dosis Antipsychotika, die innerhalb

eines speziellen Zeitraums und an einer bestimmten

Gehirnregion wirkt, als konstant. Wir zeigten nun,

dass, sobald die Synapsen aktiv sind, die Medikamente

aus deren kleinen Membranbläßchen, den

sogenannten Vesikeln, ausgeschüttet werden. Dabei

wandern sie wie Neurotransmitter, also wie Boten-

Unter dem Mikroskop leuchtet ein Netzwerk von Nervenzellen

grün. Zu erkennen ist hier ein synaptisches

Eiweiß, das die Forscher auf die Spur der Erkrankung

bringt.

Grafik: Psychiatrische und Psychotherapeutische Klinik

des Universitätsklinikums Erlangen

stoffe, von der einen zur anderen Nervenzelle“, sagt Dr. Teja Grömer von der Psychiatrischen

und Psychotherapeutischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen.

Da bei schizophrenen Patienten zu viel Dopamin im Gehirn vorhanden ist, so die heute gängige

Hypothese, wird die Wirkung dieses Botenstoffs durch die Gabe von Medikamenten gehemmt.

Dennoch ist das Gehirn – auch unabhängig zum Beispiel von schizophrenen Schüben – permanent

aktiv. In besonders aktiven Gehirnregionen könnten die Medikamente daher deutlich

besser wirken.

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„Vor allem bei einer sehr starken Nerven-Aktivität schüttet das Gehirn mehr Wirkstoffe aus, während

dies bei niedrigerer Aktivität nicht geschieht.“ Für die Synapsenforschung im Bereich der

Schizophrenie bedeutet dies: „Wo das Gehirn der Erkrankten besonders aktiv ist, steigt auch die

Dosis der Medikamente – das Gehirn therapiert sich bei starker Aktivität also selbst.“

Mit dem Nachweis erklärt sich auch die Zeitspanne, die nötig ist, bis ein verabreichtes Antipsychotikum

wirkt. Es kann oft mehrere Wochen dauern, bis sich das Medikament vollständig in

den Synapsen angereichert hat und sich die volle Wirkung der Substanzen entfalten kann. Die

verzögerte Anreicherung im menschlichen Gehirn und die Hypothese eines damit zusammenhängenden

verzögerten Wirkeintritts hat erstmals der Direktor der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen

Klinik des Universitätsklinikums Erlangen, Prof. Dr. Johannes Kornhuber,

beschrieben, auf dessen Arbeiten sich die neuen Untersuchungen gründen.

Um die Funktionen der Nervenzellen zu untersuchen, nutzte Grömer modernste Lichtmikroskop-

Technik und baute ein spezielles Labor für Neurophotonik auf, in dem Nervenzellen mit Hilfe von

Licht erforscht werden. Der Versuchsaufbau folgt Grömers Hypothese, wonach nicht einzelne

Bestandteile von Zellen, wie es zum Beispiel Proteine sein können, die Ursachen von psychischen

Erkrankungen darstellen. Vielmehr handelt es sich um ein „Konzert von Molekülen“ – also

um ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Vorgängen, die sich an Nervenzellen abspielen.

Mit Hilfe der neuartigen Spezialgeräte erzielten Grömer und sein Team Ergebnisse wie zum Beispiel

eine feinere Auflösung, die mit bisherigen Technologien nicht möglich gewesen wären.

Die Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen- Nürnberg (FAU) haben ihre Studie

im international renommierten Wissenschaftsmagazin „Neuron“ veröffentlicht. „Die Ergebnisse

lassen darauf hoffen, neuartige Medikamente mit anderen Wirkeigenschaften zu entwickeln und

auch die Effekte der bisher eingesetzten Antipsychotika besser zu verstehen“, sagt Dr. Teja

Grömer.

Dr. Teja W. Grömer

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