Wenn Mama durcheinander ist... - Psychiatrie aktuell

psychiatrie.aktuell.de

Wenn Mama durcheinander ist... - Psychiatrie aktuell

Vorgestellt:

Projekt „Heimspiel“:

Multiprofessionelle

Teams betreuen

Ihre Patienten

zu Hause

Fahrtauglichkeit:

Mit psychischer Erkrankung

ans Steuer?

Schwerpunktthema: Kinder psychisch kranker Eltern

Wenn Mama durcheinander ist...

IV/2004


2

Schwerpunkt Seite 4-7

Gesundheitspolitik Seite 9

Fragen aus der Praxis Seite 11

Medizin Seite 13

Kinder Seite 16

Sport und Psyche Seite 20

Feuilleton Seite 24

Herausgeber: Dr. Hans Biermann

Biermann Verlag GmbH,

Otto-Hahn-Str. 7, D-50997 Köln

Redaktionsleiter: Bernd Schunk (sk)

Redaktion: Sylvia Schulz (sys)

tel.: (02236) 376-452

Sabine Behrens (sab)

Grafik und Layout: Heike Dargel

Faszination Seele – IV/2004

INHALT INHAL

➤ Schwerpunktthema: Kinder psychisch kranker Eltern

Wenn Mama durcheinander

ist... Seite 4-7

➤ Was ist eigentlich...

...ein Psychiater, Psychotherapeut, Neurologe

oder Psychologe? Seite 8

➤ Gesundheitspolitik

Kostenerstattung: Sich wie ein Privatpatient

behandeln lassen Seite 9

Fragen aus der Praxis

Dr. Rita Wietfeld steht den Lesern Rede

und Antwort Seite 11

➤ Medizin

Stalking, früher Belästigung genannt,

ist ein ernst zu nehmendes Problem Seite 13

➤ Medizin

Journalistenpreis „Schizophrenie und

Stigma“ vergeben Seite 14

➤ Kinder

Weltkongress setzt sich für seelische

Gesundheit von Kindern ein Seite 16

➤ Fahrtauglichkeit

Mit psychischer Erkrankung ans

Steuer Seite 17

➤ Internetsucht

Modewort oder Krankheit? Seite 19

➤ Sport und Psyche

Bewegung hilft gegen Stress Seite 20

➤ Feuilleton

Anton Cehov: Arzt und Dichter Seite 24

IMPRESSUM

Mitarbeiter dieser Ausgabe:

Dr. Wolfgang Thamm

Beate Lisofsky

Dr. Rita Wietfeld

Druck: Grenz-Echo, B-Eupen

Mit freundlicher Unterstützung von

Verwoben

EEine verhauene Klassenarbeit, ein

unaufgeräumtes Zimmer oder Streitereien

unter Geschwistern gehören zum

Familienalltag. Und doch können diese

„Lappalien“ einiges an Nerven kosten.

Um etliches schwieriger wird das

Leben miteinander, wenn ein Familienmitglied

psychisch erkrankt ist.

Viel zu oft wird dann die Frage nach

einer vermeintlichen Schuld gestellt.

Wieviel Mitverantwortung tragen die

Kinder psychisch kranker Eltern an deren

Erkrankung? Würde ein Elternteil

nicht krank, wenn die Kinder „braver“

wären? Die Frage nach der Schuld ist

sicherlich verfehlt - und doch zeigt sie

einiges auf: Die Familie ist ein kompliziertes

Geflecht zwischenmenschlicher

Beziehungen, das Unterstützung statt

Schuldzuweisung benötigt. Das gilt

auch für den nicht erkrankten Part.

Kinder psychisch kranker Eltern heißt

auch das Schwerpunktthema dieser

Ausgabe, in der nächsten stellen wir

die Eltern psychisch kranker Kinder in

den Mittelpunkt.

Eine anregende und informative Lektüre

wünscht Ihnen

Sylvia Schulz,

Redaktion „Faszination Seele“

Unter folgender Kontaktadresse können Sie

„Faszination Seele“ kostenlos beziehen:

Janssen-Cilag GmbH

Raiffeisenstraße 8, 41470 Neuss

fax: 0211 - 204 93 09

email: CCassens@jacde.jnj.com

IHRE MEINUNG

Haben Sie Fragen, Anregungen,Tipps

oder Kritik? Dann mailen Sie uns:

sys@biermann.net

oder schreiben Sie an:

Biermann Verlag GmbH

„Faszination Seele“

Otto-Hahn-Str. 7, 50997 Köln

Fax: 02236/ 376-452


D

Verhandeln statt behandeln

Team des Projekts APAH bei einer Dienstbesprechung. Stehend: Leitender Arzt

der Klinik Bamberger Hof, Artur Diethelm

Die Idee für das neue Projekt bestand darin, eine vollstationäre Station

aufzulösen und das Budget minus Hotelanteil in mobile multiprofessionelle

Teams zu stecken, die stationäre Behandlung durch Hausbesuche im Sinne

des „home treatments“ ersetzen, verkürzen oder verhindern sollten.

Tipps für die Umsetzung holte man sich aus der Partnerstadt Birmingham,

in der weitgehend Psychiatrie ohne Betten betrieben wird.

Das neue Behandlungsmodell konnte schließlich zum 1. Januar 2000

mit den Krankenkassen vertraglich beschlossen und zum 1. März praktisch

begonnen werden.

Akut stationär behandlungsbedürftige psychiatrische Patienten erhalten

tägliche Hausbesuche durch ein multiprofessionelles Team von Fachärzten,

Pflegekräften und Sozialarbeitern. Die Teams arbeiten rund um die Uhr im

Schichtdienst, auch an Sonn- und Feiertagen. Die Teams erbringen alle Leistungen,

wie sie sonst im stationären Rahmen angeboten werden. Dazu gehört

auch die fachärztliche Behandlung mit Diagnostik und weiterführender

psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlung.

Zielgruppen sind in erster Linie junge, ersterkrankte psychotische oder

bisher unterversorgte Patienten mit Schwellenangst vor der üblichen

Psychiatrie, chronische Patienten mit einer langen Klinikgeschichte oder

Patienten mit familiären Verpflichtungen, insbesondere Mütter mit kleinen

Kindern. Die Patienten müssen allerdings ein Mindestmaß an

Krankheitseinsicht und Compliance mitbringen.

Die Verlagerung der Behandlung in die Wohnung des Patienten

hat eine Verlagerung der Perspektive zur Folge. Der Patient ist hier

im „Heimvorteil“, der seine Besucher als „Gastgeber“ empfängt.

Damit ändert sich auch die Kommunikation zwischen Patient und

medizinischer Betreuung: Es handelt sich mehr um ein „Verhandeln“

als um ein „Behandeln“.

Befragungen unter Patienten und Angehörigen haben gezeigt,

dass viele diese neue Betreuungsform schätzen. Trotz psychischer

Erkrankungen können sie im eigenen Zuhause verbleiben und ihr

Leben weitgehend selbständig organisieren. (sys) ●

ZSP HOCHTAUNUS (2)

An der Klinik Bamberger

Hof in Frankfurt/Main

wird der stationären

Behandlung

ein neues Konzept entgegen

gesetzt. Ärzte

und Pflegepersonal betreuen

Patienten mit

psychischen Erkrankungen

in deren eigenen

vier Wänden.

„Heimspiel“ heißt

dementsprechend das

Projekt, das seit mehr

als vier Jahren erfolgreich

läuft.

Weitere Informationen

Klinik Bamberger Hof, Zentrum für Soziale

Psychiatrie Hochtaunus gGmbH

Kelsterbacher Straße 14

60528 Frankfurt Niederrad

tel: 069 / 678002-0

VORGESTELLT

VORGESTELL

Gebäude

der Klinik

Bamberger

Hof

3


Schwerpunktthema

Kinder psychisch

kranker Eltern:

Ursache,

Krankheitsverlauf,

Therapie

4

Faszination Seele – IV/2004

Wenn Mama

durcheinander ist...

In Deutschland begeben sich im Verlauf eines

Jahres etwa 1,6 Millionen psychisch kranke

erwachsene Menschen in psychiatrische Behandlung

(Deger-Erlenmaier u.a., 1997), das

entspricht etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung

über 21 Jahre.

BIERMANN VERLAG (2)

Eine psychische Erkrankung hat immer

Auswirkungen auf die gesamte Familie, die

Angehörigen – Eltern, Partner – sind stets

mitbetroffen. Mittlerweile haben sich die

Angehörigen selbst organisiert und nicht

zuletzt dadurch auf ihre leidvolle Lebenssituation

aufmerksam gemacht. Die Erfahrung,

dass Angehörige nicht Täter, sondern

Opfer einer oft alle Beteiligten krankmachenden

Dynamik sind und dass psychische

Krankheit oft Verhältnisse schafft, die zu

Extrembelastungen der Umgebung führen,

hat in der Psychiatrie zu einem neuen Umgang

mit den Angehörigen geführt. Damit

verbunden ist auch der Anspruch auf ganz

individuelle Hilfestellung für die Familien.

Davon profitieren bisher die Kinder psychisch

Kranker nicht. Sie werden in die Angehörigenarbeit

oft nicht einbezogen, sondern

geradezu bewusst ausgegrenzt.

Nach konservativen Schätzungen haben

ca. 500000 minderjährige Kinder und Jugendliche

mindestens einen psychisch

kranken Elternteil. Sie haben ein erhöhtes

Risiko, selbst psychische Probleme zu bekommen;

dies ist durch Studien (High-Risk-

Forschung, genetische Studien) belegt. Sowohl

bei schizophrenen wie auch bei affektiven

Psychosen konnte eine genetische

Komponente nachgewiesen werden.

Während das Lebenszeitrisiko, an einer

Schizophrenie zu erkranken, bei einem Prozent

liegt, ist die Wahrscheinlichkeit für

Kinder mit einem schizophrenen Elternteil

mehr als verzehnfacht. Sind beide Eltern

schizophren erkrankt, liegt die Wahrscheinlichkeit

sogar bei 40 Prozent. Dies bedeutet

aber auch, dass mehr als die Hälfte der betroffenen

Kinder keine entsprechenden

Symptome entwickeln.

Dazu kommen häufig psychosoziale Belastungen,

d.h. sie wachsen oft unter Lebensbedingungen

auf, die in mancherlei

Hinsicht schwieriger sind als bei vielen anderen

Kindern.


Welche Probleme haben die

betroffenen Familien?

Bei den meisten Familien steht obenan,

was sich in folgenden Satz fassen ließe:

„Wir müssen es alleine schaffen, denn wird

erst einmal klar, dass wir Hilfe brauchen,

wird man uns nur auseinanderreißen.“

Diese Angst ist auch nicht ganz unberechtigt,

denn die Zeit, als man psychisch

kranken Menschen das Recht absprach,

Kinder zu bekommen und groß zu ziehen,

liegt noch nicht lange zurück. Mögliche

Folgen: Die Eltern gehen nicht oder nicht

rechtzeitig zum Arzt und holen sich auch

nicht rechtzeitig Unterstützung bei Problemen

mit den Kindern oder im Alltag. Die

Kinder wenden sich mit ihren Sorgen nicht

an Außenstehende, aus Angst, die Familie

und ihr Geheimnis zu verraten. Auch wenn

die Kinder an ihrer Verantwortung wachsen,

so entsteht doch ein großes Gefühl der

Einsamkeit.

Eine länger bestehende seelische Krankheit

eines Elternteils führt üblicherweise zu

einer Verschlechterung der allgemeinen Lebensbedingungen

für die gesamte Familie.

Stichworte dazu sind: Arbeitslosigkeit, finanzielle

Probleme, schlechtere Wohnverhältnisse,

Isolation, belastete Beziehungen

innerhalb der Familien. Außerdem ist der

Anteil der Ein-Eltern-Familien hoch.

Forschungsergebnisse haben deutlich

gemacht, dass dieses Problembündel die

psychische Entwicklung der Kinder in der

Regel mehr beeinträchtigt als die seelische

Erkrankung selbst. Zu den Auswirkungen

der elterlichen Erkrankung auf die seelische

Entwicklung der Kinder:

Sie erleben ihre Eltern über einen längeren

Zeitraum oder immer wiederkehrend

in für sie unverständlichen, extremen

Hinweise für Eltern

Wenn in einer Familie ein Elternteil psychische Probleme

hat, ist es zunächst erst einmal wichtig, Hilfe für die erkrankte

Mutter oder den erkrankten Vater zu organisieren. Auswirkungen

hat die Erkrankung aber auf die gesamte Familie

und auch die Kinder haben Aufmerksamkeit nötig.

Kinder erziehen ist nicht einfach. Alle Eltern fragen sich

manchmal, ob sie es richtig machen. Wenn ein Elternteil

psychisch erkrankt ist, wird das Ganze dadurch nicht einfacher.

Neue Fragen kommen dazu. Wenn Sie sich wegen Ihrer

Kinder Sorgen machen, dann sprechen Sie darüber: mit

der Familie, mit Freunden, Nachbarn oder Fachleuten!

Gefühlszuständen. Sie empfinden das Gefangensein

der Mutter in einer oft bedrohlichen

inneren Welt, aus der sie ausgeschlossen

sind oder aber eng mit einbezogen

werden sollen. Sie können einem

häufig unvernünftigen Umgang mit Zeit,

Geld, Ernährung usw. ausgesetzt sein. Sie

erleben Trennungen durch Krankenhausaufenthalte

und oft wechselnde Betreuungen.

Sie sind ihren Eltern loyal verbunden

und finden sich im Zwiespalt zwischen

der „familiären“ und der „äußeren“ Welt,

den Bedürfnissen ihrer Eltern und ihren eigenen.

Kinder sind oft die ersten, die mit einer

psychischen Krise konfrontiert sind und

Hilfe organisieren sollen. Sie sind es, die

am meisten Zeit, z.B. mit einer kranken

Mutter, verbringen und sie müssen allzu oft

Aufgaben und Verantwortung von und für

diese übernehmen. Diese Lebenssituation

erzeugt dann bei kleinen Kindern Angst,

bei größeren auch häufig Wut und diese

dann ihrerseits wieder Schuldgefühle. Diese

Wut hat ihre Wurzel auch in der sozialen

Situation der Kinder. Die Tabuisierung

einer psychischen Erkrankung ist ja eben

nicht nur ein innerfamiliäres, sondern auch

ein gesellschaftliches Phänomen. Für eine

psychisch kranke Mutter meint man sich

als Kind genieren zu müssen und schweigt

am besten darüber.

Wie kann Kindern und ihren

Familien geholfen werden?

Als erster Schritt tut Aufklärung not.

Dabei stellt sich aber vor allem das Problem,

wie diese zumeist eher unauffällig

und angepasst lebenden Kinder und

Jugendlichen zu erreichen sind. Eine

altersgemäße Information von

Kindern als Angehörige psy-

SCHWERPUNKTTHEMA

chisch Kranker sollte zur Routine jeder

psychiatrischen Arbeit werden. Darüber

hinaus müssen aber auch all jene Personenkreise,

die zu Ansprechpartnern für

betroffene Kinder werden können – z.B.

Lehrer, Kindergärtnerinnen, Haus- und

Kinderärzte – mit diesem Anliegen vertraut

gemacht werden.

Es sollten in ausreichender Zahl Mutter-

Kind-Einheiten in den psychiatrischen Kliniken

bzw. auf den psychiatrischen Stationen

der Allgemeinkrankenhäuser eingerichtet

werden. Die Finanzierung der

stationären Mitbehandlung des Kindes

durch die Krankenkassen und/oder Mitbeteiligung

der Sozialämter muss geregelt

werden.

Auch nachstationäre Betreuungsbereiche

für psychisch kranke Mütter/Eltern mit

ihren Kindern gibt es nur sehr selten. Gegenwärtig

ist gerade diese Konstellation

oftmals ein Ausschlussgrund für die Aufnahme

in bestehenden Einrichtungen. Darüber

hinaus muss die Öffentlichkeit angemessen

informiert werden, um das Thema

– und damit auch die betroffenen Familien

– von der Last des schamhaften Verschweigens

zu befreien.

Abschließend möchte ich aus dem Brief

einer Mutter zitieren: „Kinder und Angehörige

sind immer Betroffene, und das ist für

die Kranken schlimmer, als Sie denken.

Aber ich wehre mich dagegen, sie zu Kranken

zu machen. Helfen sollte man denen,

die Hilfe wollen. Unterstützen muss man

alle.“ (Beate Lisofsky) ●

Faszination Seele – IV/2004 5


SCHWERPUNKTTHEMA

1. Erklären Sie, was los ist.

Ihr Kind merkt, dass etwas

nicht stimmt. Deshalb erklären

Sie ihm lieber, was genau

los ist. Sie können selber damit

beginnen oder warten, bis

Ihr Kind fragt. Manche Kinder

möchten sich nicht zu einem

richtigen Gespräch hinsetzen.

Sie reden lieber beim Abwaschen

oder beim Ins-Bett-gehen.

Dann fühlen sie sich

wohler.

2. Seien Sie ehrlich.

Erklären Sie mit eigenen Worten,

was Sie beschäftigt. Und

fragen Sie zur Sicherheit nach,

ob Ihr Kind Sie verstanden

hat. Vielleicht stellt Ihr Kind

Fragen, auf die Sie keine Antwort

haben. "Ich weiß es

nicht", kann dann die ehrlichste

Antwort sein

3. Hören Sie Ihrem Kind zu.

Wenn Sie Ihrem Kind erklären,

was los ist, fragen Sie

doch auch ab und zu nach seinen

Eindrücken und seiner

Meinung. Und hören Sie dann

genau hin. Kinder fühlen sich

wohler, wenn man ihnen gut

zuhört und versteht, was sie

sagen wollen. Mit Kindern

sprechen heiße vor allem: ihnen

zuhören.

4. Beobachten Sie Ihr Kind.

Kinder zeigen oft durch ihr

Verhalten, wie es ihnen geht.

Wenn sie sich auffällig benehmen,

kann das ein Zeichen dafür

sein, dass sie durch etwas

6

Faszination Seele – IV/2004

10

praktische Tipps

belastet sind: Wieder einnässen, die Schule

schwänzen oder von zu Hause weglaufen – das

sind deutliche Signale. Manchmal sind die Veränderungen

aber nicht so offensichtlich. Das

bedeutet, dass Sie genau auf Ihr Kind achten

müssen, um auch unscheinbare Veränderungen

in seinem Verhalten feststellen zu können.

5. Halten Sie an vertrauten Gewohnheiten fest.

Für Kinder bedeutet Regelmäßigkeit Ruhe und

Sicherheit. Wenn in der Familie Probleme auftreten,

kann dem Kind ein Gefühl von Sicherheit

vermittelt werden, wenn gewisse Dinge wie

gewohnt weitergehen: wenn es zum Beispiel

wie immer seine Hausaufgaben machen muss,

weiterhin im Sportclub mitturnen oder anderen

Hobbys nachgehen kann.

6. Beziehen Sie andere Erwachsene mit ein.

Verlangen Sie nicht von sich, alles alleine machen

und bewältigen zu müssen. Beziehen Sie

auch andere Menschen mit ein: etwa Familienmitglieder,

Nachbarn, Lehrerinnen oder andere

Eltern. Ziehen Sie auch in Betracht, sich von

Fachleuten Beratung und Hilfe zu holen.

7. Informieren Sie die Schule.

Wenn in einer Familie ein Elternteil in eine Klinik

aufgenommen werden muss, sollte die

Schule darüber informiert werden. Vor allem

dann, wenn Ihr Kind so belastet ist, dass es in

der Schule nicht mehr so gut aufpassen kann.

Wenn der Lehrer weiß, was los ist, kann er Ihr

Kind besser unterstützen. Sagen Sie dem Kind,

dass Sie mit seinem Lehrer gesprochen haben.

8. Akzeptieren Sie, wenn Ihr Kind sich jemand

anderem anvertraut.

Viele Kinder haben das Bedürfnis, mit jemand

Außenstehendem zu sprechen. Mit einem Onkel

oder einer Tante, mit der Nachbarin oder dem

Lehrer. Sie möchten vielleicht die Eltern mit ih-

ren Sorgen nicht noch zusätzlich belasten. Es

geht ihnen also nicht darum, etwas auszuplaudern.

Es besteht kein Anlass, gleich

misstrauisch oder eifersüchtig zu werden,

wenn Ihr Kind mit jemand anderem spricht.

9. Beanspruchen Sie professionelle Hilfe,

wenn es nötig ist.

Für manche Kinder wird die Belastung trotz

allem zu groß. Sie sprechen mit niemandem,

oder die Gespräche scheinen ihnen nicht zu

helfen. Dann müssen Sie sich als Eltern Unterstützung

holen.

10. Vergessen Sie das Allerwichtigste nicht:

ein Lächeln und eine Umarmung.

Welche Probleme auch immer bestehen – für

Ihr Kind ist es das Wichtigste , dass Sie es lieben.

Jeder Vater und jede Mutter drückt das

auf eigene Art aus: mit freundlichen Worten,

einem Lächeln oder einer Umarmung. Wenn

Sie Ihre Liebe dem Kind nur zeigen, jeden Tag

aufs Neue – Das hilft über Vieles hinweg! ●

(Entnommen der Broschüre „Wie geht es

dann den Kindern“, Begleitheft für Eltern.

Die Broschürenreihe mit Informationen

für Kinder und Jugendliche mit psychisch kranken

Eltern kann bezogen werden über den Dachverband

Psychosozialer Hilfsvereinigungen e.V., Thomas-

Mann-Str. 49a, 53111 Bonn, Kosten: 3 Euro)

BIERMANN VERLAG

Weitere

Literaturempfehlungen:

Mattejat, Fritz/Lisofsky, Beate:

Nicht von schlechten Eltern.

Kinder psychisch Kranker.

ISBN 3-88414-225-9,

198 S., 12.90 Euro, 3. Aufl. 2001,

Psychiatrieverlag Bonn.


„Ohne Netz und Boden“

O

Katja Beeck mit

dem Zukunftspreis

„Durch die Erkrankung ihrer Eltern wird den Kindern immer

wieder der Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt

Katja Beek. „Wenn die Kinder selbst ins Wanken geraten,

drohen sie, ins Bodenlose zu fallen“.

„Ohne Netz und Boden“ heißt dementsprechend die Initiative der

jungen Berlinerin, die mit ihrem Internetangebot Kinder psychisch

kranker Eltern (vor allem schizophrener und manisch-depressiver)

unterstützen will.

Doch auch Menschen aus dem sozialen Umfeld der Kinder (Angehörige,

Lehrer, Erzieher, Nachbarn), Fachleute aus den Bereichen

Jugendhilfe, ambulante und stationäre Erwachsenenpsychiatrie

und Familiengericht, Journalisten und die breite Öffentlichkeit

möchte sie erreichen und sensibilisieren. Für ihr Engagement wurde

sie im März dieses Jahres mit dem Janssen-Cilag Zukunftspreis

ausgezeichnet.

„Kinder psychisch kranker Eltern werden in der Regel

erst dann unterstützt, wenn die Situation eskaliert“,

weiß die diplomierte Medienberaterin aus eigener Erfahrung.

Ihre Mutter leidet unter einer Psychose, die

schubweise bis zu drei Mal pro Jahr auftritt. „Bis zu

meinem 25. Lebensjahr dachte auch ich immer, dass es

niemanden gibt, der ähnliches erlebt oder erlebt hat“,

berichtet die 30-Jährige.

Unter dem eigenen Motto „Aus Steinen kannst Du

auch was Schönes bauen“ gründete sie schließlich

JANSEN-CILAG

„Netz und Boden - Initiative für Kinder psychisch kranker

Eltern“, die neben dem Internetangebot auch Broschüren

zur Verfügung stellt.

Das Broschüren-Set, bestehend aus „Ohne Netz und

ohne Boden - Situation Kinder psychisch kranker Eltern“ sowie

„Netz und Boden - Unterstützung für Kinder psychisch kranker Eltern",

enthält Berichte und Gedichte von Kindern psychisch kranker

Eltern sowie ausführliche Informationen zu ihrer Situation, den

Auswirkungen, Unterstützungsmöglichkeiten, ausführliche Literaturlisten,

nützliche Adressen sowie ein Verzeichnis aller Hilfsprojekte.

Das Set ist im Juni 2004 zum elften Mal überarbeitet worden.

Die Broschüren haben jeweils 56 bzw. 64 Seiten und kosten einzeln

fünf Euro und zusammen als Set

8,50 Euro zuzüglich 1,50 Euro

für Porto und Versand. Kinder

psychisch kranker

Eltern erhalten die

Broschüren für drei

Euro (einzeln) bzw.

fünf Euro (Set), sofern

sie ihre Betroffenheit

bei der

Bestellung angeben.

(sys) ●

Weitere

Informationen

Die Broschüren können

online bestellt werden unter:

Broschuerenbestellung@netz-und-boden.de

www.Netz-und-Boden.de

SCHWERPUNKTTHEMA

In der Familie O. aus Witten leidet der Ehemann

und Familienvater seit sechs Jahren an einer Psychose.

Die mittlerweile elfjährige Tochter hat die

Krankheitsgeschichte miterlebt. Im Interview mit

„Faszination Seele“ berichtet Frau O. von den Auswirkungen

auf ihre Tochter.

Wie haben Sie und ihre Tochter realisiert,

dass Ihr Mann psychisch erkrankt ist?

Mein Mann war der Überzeugung, dass er an einer

körperlichen Erkrankung leiden würde. Er entwickelte

„Verschwörungstheorien“, dass alle ihm

eine unheilbare Krankheit verheimlichten.

Hat sich das Familienleben durch die Erkrankung

Ihres Mannes verändert?

Mein Mann war oft krank geschrieben. Ich würde

sagen, dass unsere Tochter die Todesängste, unter

die mein Mann litt, noch nicht so direkt mitbekommen

hat. Deutlicher wurde für sie sein verändertes

Verhalten bei konkreten Anlässen. Ein

Beispiel: Wir waren alle fertig, um zu einer Musikaufführung

der Tochter zu fahren, als er erklärte,

dass er nicht mitkommen könne. Für ein Kind ist

das natürlich eine große Entäuschung.

INTERVIEW

Konnten Sie Auswirkungen auf das Verhalten

Ihrer Tochter feststellen?

Die waren schon offensichtlich. Sie verzog sich

immer wieder in ihr Bett nach dem Motto: nichts

hören und nichts sehen. Das hat sie auch als ganz

kleines Kind gemacht. Auf der anderen Seite war sie

häufig unterwegs. Sie hatte schon immer viele Kontakte,

doch es fiel auf, dass sie sich besonders oft

bei Freundinnen aufhielt. In der Schule sprach mich

ihre Lehrerin darauf an, dass oft das Fenster für sie

geöffnet werden musste, weil ihr schwindlig wurde

und sie Probleme hatte, sich zu konzentrieren.

Wie haben Sie regiert?

Der Lehrerin habe ich offen erklärt, dass mein

Mann psychisch krank ist. Zusätzlich habe ich meine

Tochter in eine Gruppe für Kinder psychisch erkrankter

Eltern geschickt. Das hat viel gebracht. Sie

hat gemerkt, dass es anderen Kindern ähnlich geht.

Ich glaube, dass es für sie gut war, gerade auch Hilfe

außerhalb der Familie zu bekommen. Die Situation

ist nicht so mit Emotionen behaftet wie in der

Familie. Grundsätzlich würde ich allen raten, offen

über die Krankheit zu sprechen. Ich habe dabei

festgestellt, dass im eigenen Umfeld mehr Leute unter

einer psychischen Erkrankung leiden als man

meint. (sys) ●

Faszination Seele – IV/2004 7


GESUNDHEITSPOLITIK

8

WAS AS IST EIGENTLICH...

... Psychiater, Psychotherapeut

Neurologe und Psychologe?

Ein Psychiater ist ein Arzt mit zusätzlicher Fachausbildung.

Er beschäftigt sich mit der Diagnose,

Behandlung und Erforschung von Erkrankungen

oder Störungen des Geistes oder der Seele des

Menschen. Dabei betrachtet er insbesondere die

Beziehungen zwischen Körper und Geist und deren

gegenseitige Beeinflussung.

Das Fachgebiet des Psychiaters ist die Psychiatrie

und überschneidet sich inhaltlich mit der Psychologie,

insbesondere der klinischen Psychologie bzw.

der psychologischen Psychotherapie, der Psychosomatik,

der Neurologie und der allgemeinen Medizin.

Im Unterschied zum (nicht-ärztlichen) Psychologischen

Psychotherapeuten ist der Psychiater zum

Verschreiben von Medikamenten berechtigt.

Seit einigen Jahren ist zusätzlich eine Ausbildung

zum Psychotherapeuten erforderlich, wodurch dann

der Titel Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

erlangt wird.

Die Neurologie ist ein Teilgebiet der Medizin, das

sich mit der Diagnostik und nicht operativer Behandlung

von Nerven-, Rückenmarks-, Gehirn- und

Muskelerkrankungen beschäftigt.

Psychologischer Psychotherapeut (bzw. Psychologische

Psychotherapeutin) ist eine in Deutschland

seit Januar 1999 durch das Psychotherapeutengesetz

(PTG) gesetzlich geschützte Berufsbezeichnung, die

eine staatliche Zulassung zur Ausübung der Heilkunde

(Approbation) verlangt.

Es handelt also um einen Psychotherapeuten, der

sich nach abgeschlossenem Psychologiestudium als

Diplom-Psychologe auf dem Gebiet der Psychotherapie

weitergebildet und somit spezialisiert hat.

Psychologische Psychotherapeuten haben - wie

die ärztlichen Psychotherapeuten - meist auch eine

Kassenzulassung, d.h. eine Behandlung durch sie

wird von den gesetzlichen Krankenkassen, der Beihilfe

und den meisten Privaten Krankenversicherungen

bezahlt

Ein Psychologe ist eine Person, die über spezifische

Kenntnisse und Fähigkeiten auf dem Gebiet

der Psychologie verfügt. Solche Kenntnisse werden

meist über ein Studium an anerkannten staatlichen

Hochschulen oder an ausgewählten Ausbildungsstätten

als Zusatzausbildung erworben. Zu psychologischen

Diensten gehören unter anderen die Beratung

von Menschen hinsichtlich oder auch die Tätigkeit

in Unternehmen oder Institutionen. (sys) ●

Faszination Seele – IV/2004

BIERMANN VERLAG

BIERMANN VERLAG

Kostenfaktor Psyche

IIm Jahr 2002 entstanden in Deutschland nach der Krankheitskostenrechnung

des Statistischen Bundesamtes durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Kosten in Höhe von 35,4 Mrd. Euro. Das entsprach

rund einem Sechstel oder 16 Prozent der gesamten Krankheitskosten

im Jahr 2002 in Höhe von 223,6 Mrd. Euro. 31,1 Mrd.

Euro Krankheitskosten waren durch Krankheiten des Verdauungssystems

bedingt, 25,2 Mrd. Euro durch Krankheiten des Muskel-

Skelett-Systems und Bindegewebes und 22,4 Mrd. Euro durch psychische

und Verhaltensstörungen. Dies berichtete der Präsident des

Statistischen Bundesamtes, Johann Hahlen.

Weitere zentrale Ergebnisse der Krankheitskostenrechnung

2002 sind:

Die Krankheitskosten pro Kopf der Bevölkerung und

Jahr betrugen 2710 Euro; der entsprechende Wert für Frauen

lag bei 3160 Euro, der für Männer bei 2240 Euro. Die

Krankheitskosten steigen mit zunehmendem Alter stark

an: von durchschnittlich 1000 Euro bei unter 15-Jährigen

im Jahr 2002 auf 12430 Euro bei 85-Jährigen und älteren

Personen.

In den verschiedenen Altersstufen bestimmen unterschiedliche

Krankheiten das Kostengeschehen:

Die Krankheitskosten von Kindern und Jugendlichen

unter 15 Jahren betrugen insgesamt 12,5 Mrd. Euro. Dabei

spielten vor allem Krankheiten des Atmungssystems sowie

psychische und Verhaltensstörungen eine große Rolle: Auf

sie entfiel fast jeder dritte Euro (29 Prozent), der in dieser

Altersgruppe für die Behandlung von Krankheiten aufgewendet

wurde. ●

Ärzte sehen elektronische

Gesundheitskarte kritisch


K

Wie ein

Privatpatient

Jeder gesetzlich Versicherte kann seit dem 1. Januar 2004

bei seiner Krankenkasse die Kostenerstattung wählen. Das

war bisher nur freiwillig versicherten Mitgliedern möglich.

Kostenerstattung heißt, der Versicherte tritt bei seinen Ärzten als

Privatpatient auf. Er erhält Rechnungen nach der GOÄ, der gesetzlichen

Gebührenordnung für Privatpatienten, und reicht diese seiner

gesetzlichen Krankenkasse zur Erstattung ein. An die Wahl der

Kostenerstattung ist jeder Versicherte ein Jahr lang gebunden.

Hauptversicherte und beitragsfrei Mitversicherte können jeder für

sich die Kostenerstattung vereinbaren, die Entscheidung muß nicht

einheitlich für alle gemeinsam Versicherten getroffen werden.

Die Krankenkasse prüft die Rechnungen und Rezepte und erstattet

den Betrag, den sie bezahlt hätte, wenn der Patient die Ärzte auf

Chipkarte in Anspruch genommen hätte. Abgezogen werden Praxisgebühren,

Zuzahlungen für Arzneimittel, der Apothekenrabatt

von zwei Euro je Packung, die Verwaltungsgebühren der Krankenkassen

und ein Abschlag für fehlende Wirtschaftlichkeitsprüfung.

Wenn der Patient Rechnung und Erstattung vergleicht, wird er feststellen,

welch geringe Beträge die Ärzte für ihre Leistungen von der

Gesetzlichen Krankenkasse tatsächlich bezahlt bekommen.

D„Die elektronische Gesundheitskarte

unterliegt der Entscheidungshoheit des Patienten.

Er allein kann bestimmen, welche

Daten gespeichert werden und welche

nicht“, erklärten heute der Vorsitzende der

Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung

(KZBV), Dr. Jürgen Fedderwitz, und Dr. Leonhard

Hansen, Zweiter Vorsitzender der

Kassenärztlichen Bundesvereinigung

(KBV). „Der Patient allein sollte auch entscheiden

können, ob bestimmte Daten für

bestimmte Ärzte gesperrt werden oder

nicht.“

Fedderwitz wies darauf hin, dass ein

möglicher Missbrauch der Gesundheitsdaten

durch eine zentrale Speicherung keineswegs

endgültig zu verhindern oder ausgeschlossen

sei. „Darüber hinaus vernichtet

genau diese Datenhoheit der Patienten

den vermeintlichen Nutzen der elektronischen

Gesundheitskarte: Der behandeln-

BIERMANN VERLAG

de Arzt kann sich auf die Vollständigkeit

der hier gespeicherten Daten in keiner Weise

verlassen. Das Argument, kostentreibende

Doppeluntersuchungen und Verschreibungen

ließen sich durch die Karte künftig

vermeiden, trifft nicht zu“, führte er aus.

„Für dieses Dilemma hat das Bundesgesundheitsministerium

bisher keine Lösung

aufgezeigt. Dies kritisieren wir. Die

Vorteile, die das Ministerium für die Gesundheitskarte

verspricht, nämlich die Vermeidung

von Doppeluntersuchungen, höhere

Behandlungsqualität und höhere Arzneimittelsicherheit,

sind Scheinargumente.

Sie werden durch die Patientenhoheit über

die Daten konterkariert.“

Die KZBV sieht daher auch nach der Reaktion

des Bundesministeriums für Gesundheit

und Soziale Sicherung weiterhin

keinen Anlass, von ihrer Kritik an der elektronischen

Gesundheitskarte abzurücken.

GESUNDHEITSPOLITIK

Es wird eine bestimmte Summe übrigbleiben, die die gesetzliche

Krankenkasse nicht bezahlt, etwa 30 bis 70 Prozent des Rechnungsbetrages.

Patienten sollten diesen Selbstbehalt durch eine

private Restkostenversicherung absichern. Derartige Versicherungen

erstatten dem Patienten den Betrag, den er von seiner gesetzlichen

Krankenkasse nicht erstattet bekommen hat.

Restkostenversicherungen sind bereits ab einem monatlichen

Beitrag von etwa 30 Euro für Männer und 45 Euro für Frauen (Eintrittsalter

30 Jahre) zu haben. Voraussetzung ist, dass man noch

keine schwerwiegenden chronischen Krankheiten hat. Bei leichteren

Dauererkrankungen kann gegebenenfalls ein Beitragszuschlag

vereinbart werden.

Ob ein Patient die Kostenerstattung wählen will, ist allein seine

Entscheidung. Es kommt darauf an, ob er glaubt, dass die gesetzliche

Krankenversicherung ihm in Zukunft noch eine seinen Vorstellungen

entsprechende Behandlung gewährleisten kann. (sys) ●

Der stellvertretende KBV-Vorsitzende

betonte: „Das Projekt der elektronischen

Gesundheitskarte ist mit einem enormen

technischen, finanziellen und logistischen

Aufwand verbunden. Es kann nur gelingen,

wenn Akzeptanz bei Ärzten und Patienten

vorhanden ist. Deshalb fordern wir,

die Daten dort zu lassen, wo sie sicher sind:

In dem durch das Strafgesetzbuch geschützten

Bereich der Praxen! Ohnehin

sind Ärzte und Zahnärzte heute schon verpflichtet,

wo immer möglich, Daten und

Untersuchungsergebnisse auf Anforderung

mitbehandelnder Kolleginnen und Kollegen

zur Verfügung zu stellen.“ Hansen unterstrich,

dass die KBV „die Chancen der

Online-Kommunikation begrüßt und fördert.

Dazu gehört es, dass wir rechtzeitig

auf Probleme und Risiken hinweisen, damit

wir sie im Vorfeld der Umsetzung lösen

können", so der KBV-Vize. (sys) ●

Faszination Seele – IV/2004 9


MEDIZIN

Alle 47 Minuten

ein Selbstmord in Deutschland

In Deutschland nimmt sich alle 47 Minuten

ein Mensch das Leben. Im Jahr

2002 habe es 11163 Selbsttötungen

gegeben, sagte der Vorsitzende der Initiativgruppe

„Nationales Suizid-

Präventions-Programm“,

Prof. Armin Schmidtke, in

Berlin anlässlich des internationalen

Tages zur Verhinderung

von Suizid am

10. September. Unter ihnen

waren 8106 Männer

und 3057 Frauen.

Im Vergleich zu den 50er

Jahren ging die Zahl der

Selbsttötungen in Deutschland

zurück, doch habe sich

der Anteil alter Menschen an

den Suiziden unverhältnismäßig

stark erhöht, sagte

Schmidtke. 51,3 Prozent der

Selbstmörderinnen waren Frauen

über 60, obwohl ihr Anteil

Weitere

Informationen

Deutsche Alzheimer Gesellschaft

Friedrichstr.236, 10969 Berlin

tel.: 030-2593 795-0

info@deutsche-alzheimer.de

Alzheimer-Telefon: 01803 - 171017

10 (9 Cent pro Minute)

Die

Deutsche

Alzheimer

Gesellschaft hat

mehr finanzielle

und soziale Unterstützung

bei der Betreuungdemenzkranker

Angehöriger gefordert.

Pflegeversicherung

und Krankenkassen

müssten Alzheimer-

patienten früher als

bislang die erste

Pflegestufe zubilligen,

sagte die

Vorsitzende, Hei-

an der Gesamtbevölkerung lediglich 27,5

Prozent betrug. Der Anteil der Männer über

60 betrug in der Gesamtbevölkerung 21,1

Prozent, bei den Suiziden aber 36,7 Prozent.

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen

blieben Selbstmorde nach Unfällen weiterhin

die zweithäufigste Todesursache. Bis

zu 16 Prozent betrug der Anteil der 15- bis

24-Jährigen an den Selbsttötungen. Nach

Angaben des Vereins „Hilfen für suizidgefährdete

Kinder und Jugendliche“ ist

Selbstmord eine der häufigsten Todesursachen

bei Jugendlichen in Deutschland.

Durch Suizid sterben demnach bundesweit

fast so viele junge Menschen

wie im Straßenverkehr.

Die Dunkelziffer ist laut

Schmidtke hoch. Mancher Autounfall

oder Drogentod bei jungen

Menschen könne ein verdeckter

Selbstmord sein. Bei alten Menschen

könne Nichtbefolgen ärztlicher Anweisungen

zur beabsichtigten Selbsttötung

führen.

Vorbeugung sei vor allem durch verbesserte

Behandlung psychischer Erkrankungen

möglich, sagte Schmidtke unter Berufung

auf die Weltgesundheitsorganisation

WHO. Viele Untersuchungen zeigten, dass in

den vier Wochen vor dem Suizid Patienten

häufiger als sonst ihren Hausarzt aufsuchten,

die Neigung zur Selbsttötung aber nicht

erkannt werde. (dpa/sys) ●

Weitere

Informationen

Vorsitzender der Initiativgruppe

Prof. Dr. Armin Schmidtke, Abt. Klinische Psychologie

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

der Universität Würzburg

Füchsleinstrasse 15, 97080 Würzburg

tel.: (0931) 201-76670, fax: (0931) 201-76690

email: clips-psychiatry@mail.uni-wuerzburg.de

www.uni-wuerzburg.de/nervenklinik/clips

Mehr Unterstützung bei

der Pflege Demenzkranker

ke von Lützau-Hohlbein, auf dem

Kongress der Deutschen Alzheimer

Gesellschaft Anfang September in

Lübeck. An der Tagung nahmen rund

800 Experten und Betroffene teil.

Lützau-Hohlbein forderte ein flächendeckendes

Netz von Anlaufund

Beratungsstellen, in denen Patienten

und Angehörige Hilfe finden.

Bundesweit leiden rund eine Million

Menschen an einer Demenzerkrankung.

Rund zwei Drittel von ihnen

werden nach Angaben der Deutschen

Alzheimer Gesellschaft zu

Hause betreut. Die Zahl der zu Hause

lebenden Kranken werde zunehmen,

da sich in Zeiten steigender Ar-

beitslosigkeit viele Menschen teure

Pflegeheimplätze nicht mehr leisten

könnten, warnte sie. Auch deshalb

müsse das Netz qualifizierter Tagespflegeeinrichtungen

ausgebaut werden.

Zurzeit erarbeiteten Wissenschaftler

einen Test, der die Veränderungen

im Gehirn frühzeitig

nachweisen und dadurch Demenzerkrankungen

vor Auftreten der ersten

Symptome erkennen soll, sagte

Alexander Kurz von der TU München.

Eine Früherkennung sei wichtig,

um durch rechtzeitige Therapie

den Patienten möglichst lange ihre

Lebensqualität zu sichern, sagte

Kurz. (sys/dpa) ●


PRIVAT

?

Fragen aus der

Praxis...

Dr. Rita Wietfeld, niedergelassene Fachärztin für

Psychiatrie und Neurologie und Psychotherapeutin,

steht Ihnen auf dieser Seite Rede und Antwort.

Zur Person:

Dr. Rita Wietfeld

studierte Medizin in Bochum und Essen und

ließ sich vor 14 Jahren in ihrer Heimatstadt

Witten als Ärztin für Psychiatrie, Neurologie

und Psychotherapie mit sozialpsychiatrischem

Schwerpunkt nieder. „Patien-

tenarbeit ist schließlich meine Aufgabe“,

betont sie.

Ich leide seit mehreren Jahren

unter einer Psychose. Die Medikamente

haben nicht geholfen,

deswegen habe ich sie abgesetzt. Ich

möchte eine Psychotherapie machen, aber mein Arzt hält das

nicht für angebracht. Ist eine Psychotherapie bei einer schizophrenen

Erkrankung sinnvoll? (Herr Sch., 27 Jahre)

Dr. Wietfeld: Vor Jahren haben wir Psychiater tatsächlich gemeint,

dass eine Psychotherapie bei schizophren Erkrankten

nicht indiziert sei. Inzwischen haben wir ein deutlich besseres

Verständnis von der Erkrankung entwickeln können. Die Patienten

sind wesentlich aufgeklärter, eigenverantwortlicher im

Umgang mit ihrer Erkrankung geworden. Eine schizophrene

Erkrankung lässt sich durch eine Psychotherapie sicher nicht

heilen, auch kann sie durch vertiefendes aufdeckendes Verständnis,

z.B. von Kindheitserlebnissen, in aller Regel nicht erklärt

oder begründet werden. Es gilt auch heute, das die Psychotherapie

in der Behandlung schizophren Erkrankter nicht

aufdeckend sein sollte, sie kann aber stützend begleitend erfolgen,

sie kann verhaltenstherapeutisch ausgerichtet sein oder

auch psychoedukativ. Wenn Erkrankte weitere psychische Probleme

haben, so können diese durchaus im Rahmen einer Psychotherapie

behandelt werden. Zu berücksichtigen in der

Therapie eines an Schizophrenie Erkrankten ist in ganz besonderem

Maße jedoch seine seelische Verletzlichkeit und Belastbarkeit.

So genannte aufdeckende Behandlung kann Patienten

äußerst irritieren, belasten, aufwühlen und auch zum Ausbruch

eines akuten Schubs führen. Wenn dies angemessene

Berücksichtigung findet, ist gegen eine psychotherapeutische

Begleitung sicher nichts einzuwenden. ●

NACHGEFRAGT

Haben auch Sie Fragen an

Dr. Rita Wietfeld?

Dann mailen Sie uns:

sys@biermann.net

oder schreiben Sie an:

Biermann Verlag GmbH

„Faszination Seele“

Otto-Hahn-Str. 7, 50997 Köln

Fax: 02236/376-452

?

Meine Mutter ist so lange ich mich zurück erinnern kann schizophren. Sie

war häufig im Krankenhaus, richtig gesund geworden ist sie aber nie.

Ich stehe beruflich im öffentlichen Leben. Wiederholt ist es mir vorgekommen,

dass man mir vorhält, die Erkrankung würde "abfärben", die Erkrankung sei

schließlich erblich... Dies verletzt mich nicht nur sehr, sondern schadet auch meinem

beruflichen Fortkommen. Meine Frage an Sie: Ist Schizophrenie tatsächlich eine

Erbkrankheit? (Frau B. aus K.)

Wenn Sie Ihre Fragen

lieber direkt an

Dr. Rita Wietfeld

richten möchten, dann

erreichen Sie sie in

ihrer Praxis.

Tel.: 02302/60323

Dr. Wietfeld: Nein, Schizophrenie ist keine Erbkrankheit! Allerdings

ist es tatsächlich so, dass das Erkrankungsrisiko um so höher ist, je

näher der Grad der Verwandtschaft zu einem an Schizophrenie Erkrankten

ist. Die Erkrankungswahrscheinlichkeit bei Kindern psychotischer

Eltern ist etwa zehn mal höher als in gesunden Familien.

Es müssen jedoch viele Faktoren zusammen kommen, bevor eine

genetische Veranlagung zur Krankheit wird. Ihre Erfahrungen

bestätigen, dass die Allgemeinheit noch immer starke Vorurteile gegenüber

psychisch kranken Menschen hat, die durch Unkenntnis

über Art und Wesen der Erkrankung begründet ist. ●

?

Ich leide seit vielen Jahren unter Depressionen und muss deswegen

Antidepressiva einnehmen. Mein Sexualleben liegt seitdem

brach. Oft hab ich deswegen schon überlegt, die Medikamente abzusetzen,

aber die Angst, wieder in eine tiefe seelische Krise zu stürzen

hat mich bislang davon abgehalten. Muss ich Libidoverlust und Potenzstörungen

dauerhaft hinnehmen? Meine Lebensqualität ist dadurch erheblich

beeinträchtigt. (Herr K., 54 Jahre)

Dr. Wietfeld: Es ist tatsächlich so, dass Psychopharmaka gelegentlich zu

Sexualstörungen führen können. Allerdings ist auch zu berücksichtigen,

dass die seelische Krankheit als solche das Liebesleben ungünstig beeinflussen

kann. Nicht immer lässt sich daher abgrenzen, ob es die Medikamente

oder die Erkrankung oder die seelische Reaktion auf die Erkrankung

ist, die zu Blockierungen der primär gesunden Sexualfunktion führen

können. Wenn Sie sich seelisch soweit stabil und ausgeglichen

fühlen, sollten Sie mit Ihrem behandelnden Arzt über einen Medikamentenwechsel

sprechen. Die Reaktion des Einzelnen auf die verschiedenen

Medikamente ist individuell völlig verschieden und nicht vorhersehbar.

Daher lohnt es sich durchaus, andere Behandlungsalternativen zu nutzen.

Wichtig ist, dass Partner/Partnerin Geduld und Verständnis für die

Situation aufbringen kann, eine zu hohe Erwartungshaltung könnte zur

Symptomverschlechterung oder –fixierung führen. ●

Faszination Seele – IV/2004 11


12

MEDIZIN

Psychopathen

in den Chefetagen

Ist Ihr Chef eine charmante und

gut erzogene Führungspersönlichkeit,

die schnurstracks die Karriereleiter

hinaufklettert? Falls ja,

könnte er ein Psychopath sein, wie

US-Psychologen jetzt herausgefunden

haben wollen. Forschungen

hätten ergeben, dass nicht

alle Pychopathen brutale Killer seien,

sagte der US-Wirtschaftspsychologe

Paul Babiak. Vielmehr arbeiteten

viele in allen möglichen

Berufszweigen und machten Karriere.

„Psychopathen sind häufig

liebenswürdig, haben Selbstbewusstsein

und stehen auf Geld,

Macht und Sex. Weil sie sich gut

ausdrücken können, denkt jeder,

sie hätten Visionen und wären zur

Unternehmensführung geeignet.“

„Ein Psychopath hätte keine

Skrupel, einen ganzen Betrieb zu

schließen, während einer wirklichen

Führungspersönlichkeit

die Entlassungen leid tun würden“,

erläutert Babiak. Langfristig

aber ist ein Psychopath ein

Problem für eine Firma, wie Babiak

betont. „Sie sind ungeeignet

für die tägliche Routinearbeit und

nutzen die anderen Angestellten

aus.“ (dpa/sys) ●

Faszination Seele – IV/2004

Wenig Redezeit beim Hausarzt -

falsche Diagnose möglich

Hausärzte, die ihre Patienten kaum zu Wort kommen lassen, übersehen häufig

psychisch oder stressbedingte Krankheiten. Das geht aus einer neuen Studie des

Universitätsklinikums Düsseldorf hervor. Für die Studie wurden 500 Patientenkontakte

in 18 Praxen untersucht. Wenn Ärzte ihren Patienten durchschnittlich nur

1,8 Minuten Redezeit gewährten, erkannten sie psychosomatische Krankheitsbilder

oft nicht, sagte der Düsseldorfer Mediziner Johannes Kruse.

Redeten die Patienten jedoch 3,5 Minuten oder länger in der Sprechstunde, kamen

die Hausärzte psychosomatischen Leiden eher auf die Spur. Sie erfuhren beispielsweise

von Problemen wie Scheidung, Trennung oder häuslicher Gewalt. „Die

Qualität der Diagnostik hängt unmittelbar mit den Gesprächen zwischen Arzt und

Patient zusammen“, erläuterte Kruse. (dpa) ●

Chaos im Haus führt zu

Chaos im Kinderkopf

Ein chaotisches Zuhause kann für die

Intelligenzentwicklung von Kindern

hinderlich sein. Das geht aus Untersuchungen

von US-Forschern hervor, die

die Lebensumstände und Intelligenz von 8000

ein- und zweieiigen Zwillingen untersucht haben.

Es zeigte sich, dass die Haushalte von Familien aus

gebildeteren und wohlhabenderen Schichten auch ordentlicher

waren. Berücksichtigte man jedoch darüber

hinaus die teils identischen oder teils nur zur Hälfte

übereinstimmenden Gene der Kinder, wurde

deutlich, dass ein ordentliches Zuhause

einen positiven Einfluss

auf die Intelligenzentwicklung

hatte. Die Ergebnisse

legten nahe, dass die Intelligenz

umso stärker auf die

genetische Disposition beschränkt

wird, je anstrengender

die Umgebung für

ein Kind ist, schlossen die

Wissenschaftler. (dpa/sys) ●


Erste Ergebnisse einer aktuellen

Studie des Zentralinstituts

für Seelische Gesundheit

Mannheim zeigen,

dass Stalking auch in

Deutschland ein erhebliches

und ernst zu nehmendes Problem

darstellt.

I

In der ersten auf einer Bevölkerungsstichprobe

basierenden Untersuchung zum

Thema Stalking in Deutschland von Harald Dressing,

Christine Kühner und Peter Gass wurden 2000 Männer

und Frauen zur Häufigkeit und Ausprägung von Stalking

befragt. 78 Personen (12 Prozent) der Mannheimer

Stichprobe waren mindestens einmal in ihrem Leben Opfer

von Stalking, zum Untersuchungszeitpunkt waren 1,6 Prozent

aktuell von Stalking betroffen.

Bei 68 Prozent der Stalkingopfer dauerte die Verfolgung

und Belästigung länger als ein Monat, bei 24,4 Prozent sogar

länger als ein Jahr. Im Durchschnitt waren die Opfer etwa

fünf verschiedenen Methoden der Verfolgung, Beeinträchtigung

und Belästigung ausgesetzt. In 34,6 Prozent der

Fälle wurden Drohungen ausgesprochen, denen in 30,4 Prozent

auch tatsächliche Gewalthandlungen seitens des Stalkers

folgten. In 75,6 Prozent der Fälle kannte das Opfer seinen

Verfolger. Die Stalkingopfer zeigen im Vergleich zur

Allgemeinbevölkerung eine signifikant schlechtere psychische

Befindlichkeit.

Was ist Stalking?

Der Begriff Stalking wurde in den 1990er Jahren in den

USA für ein komplexes menschliches Verhaltensmuster geprägt.

Wörtlich übersetzt bedeutet Stalking „auf die Pirsch

gehen“, in der psychiatrischen Terminologie charakterisiert

man damit ein Verhaltensmuster, bei dem ein Täter einen

anderen Menschen ausspioniert, verfolgt, belästigt, bedroht,

unter Umständen auch körperlich attackiert und in seltenen

Fällen sogar tötet. Durch diese Verhaltensweisen fühlt sich

das Opfer des Stalkers, das als Stalkee bezeichnet wird, in

Angst versetzt. In den meisten angelsächsischen Ländern

wurden mittlerweile auch Gesetze verabschiedet, die Stalking

als einen eigenständigen

Straftatbestand bezeichnen.

„Stalking“ ist

ernst zu nehmen

MEDIZIN

Studien zeigten, dass 12 bis 32

Prozent der Frauen und 4 bis 17 Prozent

der Männer im Laufe ihres Lebens

Opfer von Stalking wurden. Dies deutet

darauf hin, dass Stalking ein weit verbreitetes

Problem darstellt.

Die Mannheimer Studie

Aus der Einwohnermeldekartei der Stadt Mannheim wurden

1000 Frauen und 1000 Männer im Alter von 18 bis 65 Jahren zufällig

ausgewählt. Diesen Personen wurde zusammen mit einem Begleitbrief,

in dem das Ziel der Studie erklärt wurde, ein umfangreicher

Fragebogen zum Thema Stalking zugeschickt.

Insgesamt antworteten 679 Personen, was einer Rücklaufquote

von 34,2 Prozent entspricht. Die Ergebnisse dieser Studie stützen die

Annahme, dass Stalking auch in Deutschland ein relevantes Problem

darstellt. 78 Personen (12 Prozent) erfüllten die in der Studie zu

Grunde gelegten Stalkingkriterien, d.h. sind einmal in ihrem Leben

über eine Zeitspanne von mindestens zwei Wochen mit mindestens

zwei unterschiedlichen Methoden verfolgt, belästigt oder bedroht

worden und wurden dadurch in Angst versetzt. Zum Untersuchungszeitpunkt

waren 1,6 Prozent aktuell von Stalking betroffen.

Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse dieser Studie, dass Stalking

auch in Deutschland ein erhebliches und ernst zu nehmendes

Problem darstellt. Die Stalkingopfer zeigen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung

eine signifikant schlechtere psychische Befindlichkeit

und suchen auch häufig Ärzte und Therapeuten auf, wohingegen

juristische Schritte trotz eindeutig vorliegender Straftatbestände

eher selten ergriffen werden.

Da Ärzte und Therapeuten offensichtlich häufiger Ansprechpartner

von Stalkingopfern sind, sind profunde Kenntnisse über die

Stalkingproblematik zwingend notwendig. Interventionstechniken

sollten immer aus einem umfassenden Ansatz bestehen, der kompetente

Beratung und Information über den Umgang mit dem Stalker,

Risikoeinschätzung bezüglich gewalttätigen Verhaltens, juristische

Schritte und therapeutische Maßnahmen umfasst. Ein koordiniertes

Vorgehen, das Polizei, Rechtsanwälte und

Gerichte vor Ort mit einbezieht, ist für ein erfolgreiches

Management Voraussetzung.(sys) ●

Faszination Seele – IV/2004 13


Journalistenpreis Schizophrenie

und Stigma vergeben

Angelika Sauerer, Regensburg, ist neue Preisträgerin des Journalistenpreises

„Schizophrenie und Stigma – Mit psychisch

Kranken leben“. Sie erhielt den Preis für ihren Artikel „Etwas von

außen will in mir leben“, der im Frühsommer 2003 in der Mittelbayerischen

Zeitung Regensburg erschienen ist. Sauerer informiert

präzise und einfühlsam über die psychische Erkrankung

Schizophrenie – über Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und

über den Umgang der Kranken und ihrer Angehörigen mit dem

Leiden.

D E

Der mit 5000 Euro dotierte

Journalistenpreis wurde Ende

September im Rahmen der Jahrestagung

der Familienselbsthilfe

Psychiatrie (Bundesverband

der Angehörigen psychisch

Kranker, BApK) zum dritten Mal

verliehen. Er geht an Autoren,

die mit ihren Beiträgen sachlich

über die Krankheit Schizophrenie

aufklären und damit helfen,

Vorurteile in der Bevölkerung

über psychisch Kranke abzubauen.

Im Wechsel werden Arbeiten

aus den Kategorien Print- und

audiovisuelle Medien ausgezeichnet.

Die Stifter des Preises

sind die Familienselbsthilfe

Psychiatrie und das Pharmaunternehmen

Janssen-Cilag.

Eine Belobigung erhielt außerdem

der Beitrag „Der Himmel

zog mich magisch an – Ein Leben

mit schizophrener Psychose“,

der im Dezember 2003 in

der Publikation „Freitag, Die

Ost-West-Zeitung“ erschienen

ist. Die Münchner Autorin

schreibt unter dem Pseudonym

Eva Südpol, denn es

ist ihre eigene Geschichte,

14

MEDIZIN

Faszination Seele – IV/2004

die nach zahlreichen Problemen mit

Medikamenten und Schwierigkeiten

in einer therapeutischen Wohngemeinschaft

letzten Endes doch

mit einem Leben in der eigenen

Wohnung und der Arbeit bei einem

Lokalradio gut ausgeht. Diese Geschichte

macht Mut: Reintegration

ist möglich, auch wenn bestimmte

Voraussetzungen dafür – wie eine

medikamentöse Langzeitbehandlung,

Verhaltenstherapie und soziotherapeutische

Maßnahmen — erfüllt

sein müssen.

Nach wie vor existieren in der

Bevölkerung viele Vorurteile gegenüber

psychisch kranken Menschen.

Häufig heißt es, sie seien

gewalttätig und gefährlich. Unter

dieser einseitigen und verzerrten

Darstellung seelisch Kranker in

den Medien leiden sowohl die Betroffenen

selbst, als auch ihre Familien.

Die Familienselbsthilfe

Psychiatrie und Janssen-Cilag

möchten mit dem Journalistenpreis

sachliche Berichterstattung

fördern und die Wahrnehmung

psychisch Kranker in der Öffentlichkeit

verbessern. (Publicis

Vital PR) ●

Therapietreue

ist höher

In der Behandlung der Schizophrenie

besteht seit einiger Zeit auch die Möglichkeit,

das Medikament in Depotform

zu verabreichen.

Ein Neuroleptikum in Depotform bedeutet,

dass Patienten nicht täglich eine Tablette

einnehmen, sondern sie erhalten alle zwei

Wochen eine Spritze. Dadurch werden sie

nicht so häufig an ihre Erkrankung erinnert.

Therapietreue und Patientenakzeptanz nehmen

zu.

Studien zeigen, dass Patienten, die ein

Depot mit einem atypischen Neuroleptikum

erhalten, seltener und kürzer im Krankenhaus

sind als andere Schizophreniepatienten.

Etwa 80 Prozent der Patienten erleiden

trotz medikamentöser Behandlung innerhalb

von fünf Jahren mindestens einen Rückfall.

Eine der Ursachen für die hohe Anzahl an

Rückfällen ist die Tatsache, dass die Patienten

ihre Medikamente nicht oder nur teilweise

nach Anweisung des Arztes einnehmen.

Ein Rückfall bedeutet für den Patienten

einen erneuten Krankenhausaufenthalt. Die

soziale und berufliche Reintegration werden

gestört. Je mehr Rückfälle ein Patient durchlebt,

desto länger dauern seine akuten

Krankheitsphasen an. Die Lebensqualität der

Betroffenen ist stark eingeschränkt. In der

Folge steigt das Risiko eines Selbstmordes.

Schizophrenie ist keine seltene Erkrankung.

Einer von 100 Menschen erkrankt im

Laufe seines Lebens an einer Schizophrenie.

Zum Zeitpunkt der Erkrankung sind die

meisten Frauen zwischen 26 und 45 Jahre

alt. Bei Männern setzt die Krankheit meist

früher ein, zwischen 18 und 25. (Publicis

Vital PR) ●

Der Obelisk mit seinen vier Seiten steht für die verschiedenen

Meinungen der pluralen Gesellschaft sowie für die Medien,

die sie verbreiten. Die vier Menschen stehen für die

Macht der Meinungsmacher.


„Sei nicht so schüchtern, aus dem Alter müsstest du eigentlich

raus sein“, sagte ein Bekannter zu Birgit Bader (Namen

der Betroffenen geändert). Es war nach einer Party, und er

wollte ihr Kuchen mitgeben. Sie hatte dankend abgelehnt,

weil sie Angst hatte, im Mittelpunkt zu stehen und mit einer

alltäglichen Situation konfrontiert zu werden.

B

Birgit Bader leidet an einer so genannten Sozialen Phobie. Die 30-

Jährige kann Gesprächspartnern nicht in die Augen sehen, errötet

leicht und glaubt, sich ständig in der Öffentlichkeit zu blamieren.

„Mein Körper ist immer in Alarmbereitschaft.“ In ihrem Job bei einem

Stuttgarter Autokonzern hat die Betriebswirtin viel Verantwortung,

fühlt sich oft überfordert. Vorträge halten und Geschäftsreisen

sind ihr ein Graus.

Zwei Millionen Menschen, so schätzt man, sind in Deutschland

von der Sozialen Phobie betroffen. Und die Krankheit kennt keine gesellschaftlichen

Grenzen. „Sie kann den Manager genauso treffen wie

den Handwerker“, sagt Prof. Iver Hand, Leiter der Abteilung Verhaltenstherapie

der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Der Psychiater

weiß: Ängste sind immer ein Stück weit auch normal. Therapiebedürftig

wird die Schüchternheit dann, „wenn man sich bei der

Überwindung der Angst immer wieder überfordern muss“. Und nur

ein Gedanke im Kopf der Betroffenen kreist: von anderen negativ bewertet

zu werden. Diese wissen oft nicht woran sie leiden, quälen sich

in Beruf und Privatleben, versuchen bestimmten Situationen aus dem

Weg zu gehen, wirken gelegentlich arrogant, nur um von sich selbst

Im Berufsleben

fühlen sich

Betroffene häufig

überfordert.

MEDIZIN

IImmmmeerr iinn AAllaarrmmbbeerreeiittsscchhaafftt

abzulenken. Sie gehen nicht mehr unter Leute und vereinsamen. Depressionen

und Alkoholprobleme sind oft die Folge.

Karsten Huber wusste bereits als Jugendlicher, dass er „anders ist

als andere“. Von seiner Krankheit erfuhr er erst während seines Medizinstudiums.

Gesprächs- und Verhaltenstherapien, Medikamente und

eine Selbsthilfegruppe in Hamburg haben ihn dann auf seiner Reise

in die Normalität begleitet. Er arbeitete im Krankenhaus und keiner

der Kollegen merkte, dass er unter einer Phobie leidet. Als er einen

neuen Chef bekam, holte die Krankheit ihn wieder ein: „In seiner Gegenwart

habe ich alles vergessen.“ Nach kurzer Zeit brach Karsten seine

Probezeit ab. Jetzt ist der Familienvater ohne Job.

Auch Birgit hat den Weg zum Therapeuten gefunden: „Dadurch

habe ich gelernt, Freunden von meiner Krankheit zu erzählen.“ Dinge

tun, vor denen der Patient am meisten Angst hat, das ist Bestandteil

der Verhaltenstherapie. „Man soll sein eigener Beobachter werden“,

sagt Hand. Dadurch soll Selbstvertrauen geschaffen werden

„und man soll erfahren, ob die anderen in bestimmten Situationen

wirklich genau hin gucken“. Entgegen der eigenen Vermutung ignorieren

die meisten Leute Menschen mit hochrotem Gesicht. Die Therapie

ist oft Erfolg versprechend, die Ängste werden reduziert oder

verschwinden ganz.

Die Ursachen der Störung werden meist in der Kindheit und Jugend

angelegt – die Veranlagung zur Schüchternheit immer vorausgesetzt.

Entweder, erklärt Psychiater Hand, herrschte im Elternhaus

kein liebevoller Umgang oder eine Außenseiterrolle in der Schule wurde

nie überwunden. (dpa) ●

Faszination Seele – IV/2004 15

BIERMANN VERLAG


Z

16

KINDER

Forum für die seelische Gesundheit von Kindern

Zum ersten Mal fand in Deutschland der Weltkongress der

Kinder- und Jugendpsychiatrie (IACAPAP) statt. International

renommierte Ärzte und Wissenschaftler diskutierten

Ende August in Berlin über psychische Erkrankungen

wie Depressionen oder Schizophrenie

und stellten neue Studienergebnisse

vor.

Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung besteht

aus Kindern und Jugendlichen. Viele

von ihnen weisen, beispielsweise als

Folge von Katastrophen, durch Krankheiten

oder aufgrund widriger sozialer

Lebensumstände, seelische Auffälligkeiten

auf und bedürfen einer Behandlung.

Zum 16. Mal trafen sich hochrangige Ärzte

und Wissenschaftler auf dem Weltkongress

für Kinder- und Jugendpsychiatrie (IA-

CAPAP), um über neuste Behandlungsmethoden

und Forschungsergebnisse zu sprechen. Mit

Berlin liegt in diesem Jahr der Veranstaltungsort zum

ersten Mal in Deutschland. Das Motto des Kongresses lautet:

„Erleichterung von Lebenswegen – Versorgung, Behandlung und

Prävention von seelischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter.“

Rund 2200 Teilnehmer aus mehr als 87 Ländern kamen nach Berlin.

„Zur Sprache kommt das gesamte Spektrum der Kinder- und Jugendpsychiatrie“,

erläutert der Präsident des Kongresses, Prof. Helmut

Remschmidt aus Marburg. Die Bandbreite der Themen reicht hierbei

Faszination Seele – IV/2004

von Aufmerksamkeitshyperaktivitätsstörungen, Depressionen, Ess-

Störungen, Autismus und Epilepsie bis zu den psychischen Auswirkungen

durch Katastrophen, Terror und Krieg. Als Referenten für den

Kongress konnten hochrangige Experten wie die französische

Universitätsprofessorin Colette Chiland von der Pariser

Sorbonne, Professor Sir Michael Rutter aus London

und der Harvard-Prof. Leon Eisenberg aus Boston

gewonnen werden.

IACAPAP steht als Abkürzung für International

Association for Child and Adolescent

Psychiatry and Allied Professions.

Die internationale Gesellschaft wurde bereits

in den 30er Jahren des vergangenen

Jahrhunderts gegründet; der erste Weltkongress

fand 1937 in Paris statt. „Zusammen

mit der Weltgesundheitsorganisation

versuchen wir, das Bewusstsein für

die seelische Gesundheit der Kinder zu wekken“,

sagte Remschmidt. „IACAPAP sieht sich

als Anwalt für seelisch belastete Kinder und deren

Familien.“ Das besondere Anliegen der Gesellschaft

war es schon immer, die Rechte der Kinder zu unterstützen.

Um die Qualität von Pflege und Behandlung weltweit zu verbessern,

sammelt IACAPAP so viele Informationen wie möglich und

veröffentlicht das Wissen. Im Laufe der Jahre hat sich die Gesellschaft

eine besondere Rolle bei der Förderung der Kinder- und Jugendforschung

in den Entwicklungsländern erarbeitet. (Beate Lisofski) ●

http://www.iacapap-berlin.de oder http://www.iacapap.org/

ADHS-Kinder: Weder faul noch schlecht erzogen

„Faul, aufsässig und schlecht erzogen“ seien viele Kinder heutzutage,

so die landläufige Meinung. Schuld daran seien die Eltern,

die sich nicht genug mit ihren Kindern beschäftigen und sie stattdessen

vor dem Fernseher „abstellen“. Solche Voruteile sind häufig

anzutreffen, wenn es um die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung

(ADHS) geht.

Dabei weiß man heute, dass ADHS eben nicht einfach ein Erziehungsproblem

oder eine Erscheinung unserer modernen und hektischen

Zeit ist. Bei ADHS handelt es sich vielmehr um eine ernst

zu nehmende Erkrankung mit weitreichenden Folgen für das betroffene

Kind und sein Umfeld. Ursache ist eine neurobiologische

Funktionsstörung im Gehirn. Einströmende Reize aus der Umwelt

können nicht mehr ausreichend gefiltert werden.

Die Folge: permanente Reizüberflutung, die sich im Verhalten

des betroffenen Kindes durch ein individuelles Muster aus Unaufmerksamkeit,

Hyperaktivität und Impulsivität niederschlägt. Ob

ein zappeliges und unkonzentriertes Kind wirklich unter ADHS lei-

BIERMANN VERLAG

det, kann nur ein erfahrener Kinderarzt oder Kinder- und Jugendpsychiater

herausfinden.

Eltern können ihrem Kind und sich selbst den Alltag erleichtern,

indem sie folgende Grundsätze beachten:

➤ Stellen Sie klare Regeln und Zeiten zur Strukturierung des

Tagesablaufs auf.

➤ Loben und Belohnen des Kindes ist wirkungsvoller als

Schimpfen und Strafen.

➤ Schaffen Sie Freiraum für Bewegungsdrang.

➤ Zeigen Sie Ihrem Kind Zuneigung.

ADHS-Kinder haben oft beson-

dere Eigenschaften wie

Kreativität, Ideenreichtum

und Spontaneität. Die

sollten gefördert und

gelobt werden. (sab) ●

Weitere

Informationen

Adressen von Fachärzten, die auf ADHS

spezialisiert sind, erhalten Sie bei ADHS-Selbsthilfegruppen.

Unter www.mehr-vom-tag.de

finden Sie Links zu den größten deutschen

Selbsthilfeorganisationen sowie weitere

Information zu ADHS.


D

BIERMANN VERLAG

Mit psychischer

Erkrankung ans Steuer?

Psychische Erkrankungen und die zu deren Behandlung eingesetzten

Medikamente können das Leistungs- und Reaktionsvermögen

und damit die Fahrtauglichkeit erheblich herabsetzen. Eine psychische

Erkrankung bedeutet aber nicht gleich, den Führerschein hergeben

zu müssen.

Die vom Bundesministerium für Verkehr herausgegebenen „Begutachtungsleitlinien

zur Kraftfahreignung“ liefern Hinweise, wann die Patienten nicht ans

Steuer dürfen.

Da Art, Ausprägung und Verlauf psychischer Erkrankungen stark variieren,

lässt sich das Fahrvermögen des Betroffenen immer nur von Fall zu Fall beurteilen.

Während jedoch für LKW- und Busfahrer strengere Maßstäbe gelten,

sind die Leitlinien für Autofahrer kulanter.

Alzheimer-Demenz führt ebenso wenig automatisch zum Führerscheinentzug

wie im Alter nachlassende Leistungs- und Reaktionsfähigkeit. Die Fahrerlaubnis

erlischt erst, wenn man dem Betreffenden ausgeprägte Leistungsdefizite

und eine schwere Persönlichkeitsveränderung nachweisen kann.

Menschen, die an akuten Verwirrtheits- und Dämmerzuständen, einem

amnestischen Syndrom oder einer organischen Psychose leiden, dürfen grundsätzlich

nicht ans Steuer. Erst wenn die Symptome abgeklungen sind, kann die

Fahrerlaubnis nach entsprechender Nachuntersuchung wieder erteilt werden.

Auch Patienten mit affektiver Psychose, schwerer Depression oder Manie sind

grundsätzlich nicht fahrtauglich. Das Fahrverbot kann aber aufgehoben werden,

wenn die akute Krankheitsphase überwunden ist und der Patient unter regelmäßiger

Medikation und psychiatrischer Betreuung steht. Von den schizophrenen

Psychotikern sind nur jene fahrtauglich, die nicht (mehr) unter Wahnvorstellungen

leiden und ständig fachärztlich betreut werden. Für LKW- und

Busfahrer bedeutet Schizophrenie allerdings grundsätzlich das Aus.

Ob bei einem Patienten die Fahrtüchtigkeit nach Einnahme von

Psychopharmaka, Tranquilizern, Hypnotika oder Antihistaminika

eingeschränkt ist, hat der behandelnde Arzt anhand des klinischen

Bildes und gegebenenfalls objektiver Leistungstests individuell zu

entscheiden. In jedem Fall ist der Arzt verpflichtet, Patienten über

mögliche Einschränkungen zu informieren. Falls Ärzte vermuten,

dass Fahruntauglichkeit vorliegt, müssen sie den Patienten auf

diesen Umstand hinweisen und alles tun, um ihn von einer Teilnahme

am Straßenverkehr abzuhalten. (sys) ●

I

FAHRTAUGLICHKEIT

FAHRTAUGLICHKEIT

Arzt haftet

für Unfalltod

Ein Arzt haftet für den Unfalltod eines

Patienten, wenn dieser sich nach einer

Behandlung gegen den ärztlichen Rat

doch ans Steuer eines Wagens setzt. Das

entschied der Bundesgerichtshof.

Im konkreten Fall war ein Patient 1993 zu

einer ambulanten Magenspiegelung ins Krankenhaus

gekommen. Der behandelnde Chefarzt

klärte ihn darüber auf, dass er nach der Untersuchung

nicht Auto fahren dürfe. Auf Nachfrage

gab der Mann an, mit dem Taxi nach Hause

fahren zu wollen. Ohne entlassen worden zu

sein, verließ der Mann das Krankenhaus und

fuhr mit seinem Auto weg. Er starb beim Zusammenstoß

mit einem Lkw. Seine Erben verklagten

den Klinik-Arzt, weil er den Patienten

nicht genügend aufgeklärt und ihn nicht am

Verlassen des Krankenhauses gehindert habe.

Der Arzt habe seine Überwachungspflichten

verletzt, entschieden die Richter. (sys/dpa) ●

Urteil des Bundesgerichtshofs, Aktenzeichen: VI

ZR 265/02

STOP

Faszination Seele – IV/2004 17


LEBEN IM ALTER ALTER

S

18

Psychisch kranke alte Menschen

werden nicht angemessen

Faszination Seele – IV/2004

versorgt

So lautet ein wichtiges Ergebnis einer Studie,

die erstmals Daten zur Lebenssituation dieser

„übersehenen“ Heimbewohner der Öffentlichkeit

zugänglich macht. Ist auch die Gruppe

der Bewohner mit einer organischen

Störung wie einer Demenz am größten, so

zeigt die Expertise, die vom Bundesministerium

für Gesundheit und Soziale Sicherung

(BMGS) in Auftrag gegeben und jetzt vom Kuratorium

Deutsche Altershilfe (KDA) veröffentlicht

wurde, „dass auch andere psychiatrische

Störungen im Altenheim eine wichtige

und leider oft kaum beachtete Rolle spielen“,

so der Gerontopsychiater und KDA-Kurator Prof.

Dr. Dr. Rolf Dieter Hirsch, der unter Mitwirkung

namhafter Gerontologen, die Studie koordiniert hat.

„Wird im Umgang mit diesen Bewohnern kein Unterschied

gemacht zu den Bewohnern, die an einer Demenz

leiden, besteht im schlimmsten Fall sogar die Gefahr, dass

sie aufgrund dessen demenzielle Symptome entwickeln

können“, warnt Hirsch weiter.

Um gesicherte Daten über die Situation von Heimbewohnern

mit psychischen Störungen zu erhalten und daraus

Empfehlungen abzuleiten, sind in die Bearbeitung der

gerade erschienenen 426-seitigen Expertise nicht nur alle

bisher bekannten Studien eingegangen,

sondern es wurde zudem eine

Psychisch

kranke alte

Menschen

erhalten in

Alten- und

Pflegeheimen

nur selten die

optimale

Behandlung

und Pflege.

Dies liegt unter

anderem daran,

dass ihre

Erkrankung

häufig nicht

richtig

diagnostiziert

wird.

eigene Untersuchung erstellt. In dieser zusätzlich durchgeführten

Totalerhebung in zehn Alten- und Altenpflegeheimen

mit insgesamt über 1000 Bewohnern litten

nach dem Urteil der untersuchenden Psychiater 65 Prozent

der Menschen mit einem Durchschnittsalter von

fast 82 Jahren unter einer psychischen Störung. Die

psychiatrische Diagnose wurde dabei nach der internationalen

statistischen Klassifikation der Krankheiten

und verwandten Gesundheitsprobleme (ICD-10)

erstellt. Bei der Aufschlüsselung der Diagnosen zeigte

sich, dass 69 Prozent unter einer organischen Psychose

leiden (z. B. Alzheimer-Demenz: 27 Prozent,

vaskuläre Demenz: 19 Prozent). Eine affektive (die

Stimmungslage betreffende) Störung wurde bei 14 Prozent

diagnostiziert, während elf Prozent unter einer

schizophrenen Störung litten. Zwei Prozent der untersuchten

Menschen waren von einer Suchterkrankung betroffen,

deutlich seltener litten sie unter einer Persönlichkeits-

oder neurotischen Störung.

Die meisten Untersucher gehen sogar davon aus, dass in

Zukunft der Anteil von Menschen mit psychischen Störungen

in Heimen zunehmen wird. In der Expertise wird eine Fülle

von Einzelergebnissen zu wichtigen Aspekten dargestellt.

Eigene und bereits bekannte Ergebnisse werden ausführlich

diskutiert und münden in Empfehlungen zur

Forschung, zur Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen

und zur Fort- und

Weiterbildung des Personals. (sys) ●

Weitere

Informationen:

Die Studie „Heimbewohner mit psychischen

Störungen - Expertise“ von Rolf Dieter Hirsch und Ulrich Kastner,

KDA-Schriftenreihe: Forum 38. Kuratorium Deutsche Altershilfe,

Köln 2004, 426 Seiten, ISBN: 3-935299-57-5, Preis: 15,00 Euro

kann beim KDA bezogen werden:

KDA, Versand, An der Pauluskirche 3, 50677 Köln

Fax: 0221/931847-6

E-Mail: versand@kda.de, www.kda.de


Studie:

Besitzer privater

Websites sind

eher schüchterne

Menschen

S

Selbstdarsteller im Internet sind

nicht automatisch selbstbewusst. Ganz

im Gegenteil: Nach einer

Studie der Universität

Chemnitz sind Besitzer

einer eigenen Webseite

eher introvertiert. Außerdem

sind die meisten gut

ausgebildet und männlich.

In ihrer Studie

„Selbstdarsteller oder

Menschen wie du und

ich?“ hatten Astrid Schütz, Professorin

für Differentielle Psychologie und Diagnostik,

und ihr Team knapp 300 Homepage-Besitzer

befragt.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf

hin, dass Homepage-Besitzer im sozialen

Umgang unsicherer sind, schlechter

mit Kritik umgehen können und ein negativeres

Selbstbild von sich haben als

andere“, erläutert Schütz. Daher sei zu

vermuten, „dass die eigene Webseite für

einen Teil der Homepage-Besitzer als

Ersatz für Kompetenzen in direkten

Kontakten und für die Face-to-Face-

Kommunikation dient.“

Außerdem fanden die Psychologen

heraus, dass fast ausschließlich Männer

Interesse am eigenen Internetauftritt haben.

Nur 13 Prozent der Befragten sind

Frauen. Das Bildungsniveau bei den

Homepage-Besitzern ist hoch - knapp

70 Prozent verfügen über Abitur oder

einen Hochschulabschluss.

Nach den Erkenntnissen von Schütz

will sich „die Mehrheit der Homepage-

Besitzer authentisch darstellen, aber natürlich

nicht von der schlechtesten

Seite. Also greifen sie häufig auf

BIERMANN VERLAG (2)

Fotos zurück, die sie als besonders

gelungen empfinden. Inhalte

werden stark selektiv und

kontrolliert ausgewählt und

publiziert“. (sys) ●

A

Weitere

Informationen

Einen Test zur Internetsucht finden Sie unter:

www.netscape.de/index.jsp?cid=323635917&sg

=Computer_Internet_Ratgeber

Weitere Informationen:

www.onlinesucht.de/

INTERNETSUCHT

Internetsucht: Modewort

oder neue Abhängigkeit?

Kann man vom Internet süchtig werden? Diese Frage spaltet seit

einiger Zeit die Fachwelt in zwei Lager.

Auf der einen Seite gibt es die Anhänger und Befürworter der Theorie des

New Yorker Psychiaters Ivan Goldberg, der diesen Begriff (engl.: internet addiction

disorder, kurz: IAD) 1995 erstmals einführte. Die Abhängigkeit wird in

diesem Zusammenhang als psychisch beschrieben. Auf der anderen Seite gibt

es die Kritiker des Begriffs „Internet-Sucht“, der - ihrer Meinung nach - als Beschreibung

des Phänomens nicht zutreffend ist: Um es „Sucht“ nennen zu können,

fehlt die stoffliche Ebene und körperliche Abhängigkeit.

Bernad Batinic, Wissenschaftler am Fachbereich Psychologie der Universität

Gießen, hat es folgendermaßen ausgedrückt: „Das Problem Internet-

Sucht existiert. Es gibt Menschen, die sich den Konsum des Internet nicht

einteilen können beziehungsweise nicht damit aufhören können. Doch die

Linie zwischen noch normal und bereits süchtig ist sehr schwer zu ziehen.“

Was das Internet so attraktiv macht, sind vor allem neue Handlungsmöglichkeiten

wie:

➤ Realitätsflucht

➤ Experimentieren mit der eigenen Identität

Das Fliehen vor der Realität kann Flucht vor persönlichen

Problemen bedeuten; vor Problemen mit sich

selbst (z.B. Minderwertigkeitskomplexe) oder mit dem

sozialen Umfeld (Probleme der Kontaktaufnahme, Einsamkeit

etc.). Die verborgenen Wünsche werden in der

Realität nicht erfüllt, so dass das Internet mit seinen

anonymen Räumen stellvertretend aufgesucht wird.

Das Experimentieren mit der eigenen Identität ist

ein Phänomen, dass der heutigen Anforderung nach

Flexibilität gerecht werden soll. Häufiger Arbeitsplatzwechsel,

neue Erziehungsmodelle, neue Geschlechterrollen

und sich ständig erneuernde Technologien erwarten

stets Flexibilität und Wandlungsfähigkeit. Sie zeigen, dass alles von

kurzlebiger Dauer ist und immer beliebiger wird. Das Internet bietet in diesem

Zusammenhang den idealen Rahmen: In Chaträumen oder im virtuellen

Cyberspace kann man den Rollentausch spielerisch üben.

Im deutschsprachigen Raum erstellten die österreichischen Ärzte Dr.

Zimmerl und Dr. Panosch eine Liste diagnostischer Kriterien, die sie zur Erfassung

des „pathologischen Internet-Gebrauchs“ (kurz: PIG) empfehlen:

➤ Häufiges unüberwindliches Verlangen, ins Internet einzuloggen

➤ Kontrollverluste (d.h. längeres Verweilen „online“ als intendiert) verbunden

mit diesbezüglichen Schuldgefühlen

➤ sozial störende Auffälligkeit im engsten Kreis der Bezugspersonen

(Freunde, Partner, Familie)

➤ PIG-bedingtes Nachlassen der Arbeitsfähigkeit

➤ Verheimlichung/ Bagatellisierung der Gebrauchs-

gewohnheiten

➤ Psychische Irritabilität bei Verhinderung am Inter-

net-Gebrauch (kann sich auswirken in Form von

Nervosität, Reizbarkeit und Depression)

➤ Mehrfach fehlgeschlagene Versuche der Einschränkung

(sys) ●

19


SPORT&PSYCHE

20

Sport ist gut für die Psyche

Körperliche Bewegung stärkt Muskeln und Knochen,

erhöht das Denkvermögen und hilft, Stress abzubauen.

Kontrollierter und richtig dosierter Sport hat

positive Auswirkungen auf den ganzen Körper. Folgende

Wirkungen sind nachgewiesen:

Das Gehirn profitiert von Ausdauerbelastungen, da

dabei mehr Blut und damit mehr Sauerstoff zugeführt

wird. Das begünstigt nicht nur das Denkvermögen,

sondern hilft auch gegen psychischen Stress und soll

sogar Depressionen vorbeugen.

In der Lunge bilden sich mehr Blutgefäße und Lungenbläschen,

so dass mit dem Atemvolumen auch die

Leistungsfähigkeit der Lunge steigt. Es gelangt so viel

mehr Sauerstoff ins Blut. Ausdauertraining

erhöht auch den Muskel- und

senkt den Fettanteil. Krafttraining fördert

natürlich die Kraft, beugt aber auch

dem Muskelabbau vor, der im Alter bei

jedem Menschen eintritt. Auch die Knochen

profitieren vom Krafttraining: Es

verbessert die Knochendichte und beugt

Brüchen und Knochenschwund (Osteoporose)

vor. (sys) ●

Faszination Seele – IV/2004

Walking erhält

die Hirnleistung

Sportliche Aktivitäten halten nicht nur

den Körper gesund, sondern scheinen sogar

die Leistungsfähigkeit des Gehirns zu erhöhen.

Nach neuesten Erkenntnissen der

Hirnforschung kann die altersbedingte

Nachlässigkeit des Hirns durch dynamische

Bewegung gelindert werden. Nach einer

Studie der Universität Erlangen können Senioren

durch zügiges Gehen (Walken) die

„exekutiven Kontrollfunktionen“ des Hirns

verbessern. Allerdings nur, wenn dreimal

pro Woche mindestens 20, besser aber 45

Minuten lang gewalkt wird. (sys) ●

Sportliche Notbremse im Kopf

Erschöpfung nach sportlicher Betätigung ist Kopfsache:

Starke Anstrengung schränkt zunächst nicht

die Funktionsfähigkeit der Muskeln ein, sondern löst

eine emotionale Reaktion im Gehirn aus. Amerikanische

Forscher haben nun einen Schlüsselfaktor bei

dieser Gehirnreaktion identifiziert: Erhöhte Mengen

eines Botenstoffs des Immunsystems melden dem Gehirn

eine drohende Überanstrengung. Das dann ausgelöste

Gefühl der Erschöpfung vermindert die Leistungsfähigkeit

und schützt so die Muskeln vor Schäden.

Wenn Muskeln bei starker Beanspruchung

irgendwann nicht mehr genug

Brennstoff oder Sauerstoff zur Verfügung

haben, beginnt ihre Funktion nachzulassen

und ein Erschöpfungszustand stellt sich

ein – das war lange Zeit die gängige Erklärung

für die typische bleierne Müdigkeit

nach einer intensiven sportlichen Betätigung.

Erst seit etwa zwei Jahren beginnen

Wissenschaftler umzudenken, denn einige

Befunde aus der Sportwissenschaft passen

nicht zur bisherigen Theorie. So haben die

meisten Athleten beispielsweise auch nach

einem Marathonlauf noch genügend Muskeltreibstoff

in Reserve, um einen Endspurt

hinzulegen.

Vielmehr scheint das Gehirn als eine

Art Schaltzentrale zu wirken: Es erzeugt

das lähmende Erschöpfungsgefühl, damit

die Muskeln nicht bis an die Grenze ihrer

Leistungsfähigkeit belastet werden und immer

noch genügend Reserven für einen Notfall zur

Verfügung stehen. Den Zeitpunkt dieses Eingreifens

bestimmt dabei offenbar ein Botenstoff, Interleukin-

6 genannt. Die Forscher stellten fest: Nach intensivem

Sport steigt die Konzentration dieses Signalmoleküls

im Blut auf das 60- bis 100fache des normalen Spiegels

an. (sys) ●


ARCHIV

PRIVAT

Zur Person:

Der Autor Dr. Wolfgang

Thamm wurde 1962 in

Oberbayern geboren.

Zwischen 1983 und

1990 studierte er Zahnheilkunde

an der Ludwig-Maximilians-Universität

München und beendete

das Studium mit dem Staatsexamen.

2002 schloss er seine

Promotion ab. Seit 1988 ist Wolfgang

Thamm an Schizophrenie erkrankt.

Zu seinen Hobbys zählen

neben klassischer Musik vor allem

Reisen und Fotografie.

Badeurlaub

und historische

Stätten

Kreta ist eine Urlaubsinsel,

die sowohl den Ansprüchen

bodenkunsthistorisch interessierter

Menschen gerecht

wird, als auch denen, die

vornehmlich Sonne, Meer

und Erholung suchen.

M

Mehr als 1000 Jahre lang beherrschten die Minoer von Kreta aus

das Ägäische Meer. Die Herrschaft dieser großen Seemacht begann

ca. 2500 v. Chr. und endete mit der Explosion der Vulkaninsel Santorin,

die ihre Asche und ihren Staub bis Kreta katapultierte, ca. 1500

v. Chr. Die Minoer hatten während ihrer Zeit aus Kreta das Zentrum

von Macht, Kultur, Wissen und Wohlstand gemacht. Ihre Kultur ist

bis in die heutige Zeit hinein teilweise rätselhaft geblieben.

Als Athen das Macht - und Kulturzentrum im Mittelmeerraum

wurde, verfiel Kreta und wurde nur noch als Piratenversteck genutzt.

Erst die Römer und die Phönizier entdeckten die strategische Bedeutung von Kreta wieder. Nach kurzer venezianischer

Herrschaft fiel Kreta schließlich an die Türken, bis es 1913 endgültig

Griechenland angeschlossen wurde.

Die Hauptattraktion für Kunstinteressierte sind die Ausgrabungen des

damals 20000 qm umfassenden Palastes von Knossos, den, der Sage nach,

König Minos mit seiner Gattin, seiner Tochter Ariadne und dem Minotaurus

ca. 1900 v. Chr. bewohnt haben soll. Teile des Palastes ließ der Archäologe

Sir Evans rekonstruieren, um dem Besucher die Vorstellung von dessen

Aussehen zu erleichtern. Die in den Ausgrabungen gefundenen

Schätze befinden sich im Museum der nur fünf Kilometer

entfernten Hauptstadt Heraklion, die man auch wegen der gewaltigen

venezianischen Befestigungen besuchen sollte.

Ein weiterer minoischer Palast ist der von Phästos, zwar nur

noch in den Grundmauern erhalten, aber beeindruckend in seinen

Ausmaßen. Und wer einmal durch die engen Gassen einer

minoischen Kleinstadt schlendern möchte, besucht Gurnia, entweder

mit einem orstansässigem Reiseveranstalter oder mit einem

Mietwagen. Das Straßennetz auf Kreta befindet sich in gutem

Zustand, die Orientierung ist dank klarer Beschilderung einfach.

An Malerei Interessierte werden viel Freude an den byzanti-

nischen Fresken in der Kirche von Kritsa haben. Für einen Badeurlaub

eignen sich die Gebiete um Chersonisos, Malia und Rethymnon, wobei man in Kauf nehmen

muß, dass Sandstrände auch mit Kiesel gemischt sein können. Bis in den Herbst hinein ist Baden

im Meer möglich. Wer Zimmer in einem nicht zu großen Hotel bucht, kann möglicherweise

Zeuge echter Folklore werden, wenn abends nach Dienstschluß Hotelangehörige musizieren, tanzen

und die Gäste zum Mitmachen einladen. Echte Volkskunst findet man auch im Bereich des Handwerks, wobei

Touristinnen besonders an von Hand bestickten Blusen und Tischwäsche interessiert sind. Wer sich Zeit

nimmt, zwanglos mit einem Mietwagen über die Insel zu fahren, kann möglicherweise Weinbauern beim

Trocknen von Rosinen beobachten, sich an den zahllreichen Windrädern auf der Lassithi

- Hochebene erfreuen, die früher zum Wasserschöpfen dienten, oder einen Sonnenuntergang

in der Bucht von Haghios Nikolaios genießen, der ihm den

Urlaub auf Kreta unvergeßlich machen wird. ●

ARCHIV

REISEN

21


O

R

22

PANORAMA ANORAMA

Filmemacherin Caroline

Link hat Angstträume

Oscar-Preisträgerin Caroline Link („Nirgendwo

in Afrika“) hat Angstträume. Sie träume,

„wahrscheinlich geboren aus eigenen

Zweifeln“, zu versagen, nicht anerkannt zu

werden, Liebe zu verlieren oder missverstanden

zu werden, sagte die 39-jährige Filmemacherin

der Wochenzeitung Die Zeit. Auch

ängstliche Tagträume machten ihr zu schaffen.

„Nach manchem

Streit beispielsweise -

und ich habe viel

Temperament - passiert

es, dass ich vom

Tod desjenigen träume,

mit dem ich mich

gerade gestritten habe.“

(sys) ●

Rocksängerin Courtney Love

auf dem Trockenen

Rocksängerin Courtney Love ist zur Teilnahme

an einem 18-monatigen Entzugsprogramm

verurteilt worden. Richterin Patricia Schnegg

gab der Sängerin bis zum 29. Oktober Zeit, sich

in einer Drogenberatung einzuschreiben. Love

dürfe reisen, allerdings verbot ihr die Richterin

nichtverschreibungspflichtige Medikamente,

Alkohol oder den Aufenthalt an Orten, an

denen Alkohol ausgeschenkt wird. Regelmäßige

Drogentests sollen das Verbot kontrollieren.

(dpa/sys) ●

Faszination Seele – IV/2004

JUST PUBLICITY

T

Ein Tagebuch zu schreiben

ist ungesund

Tagebuch-Schreiber leben nach einer neuen Studie der

Glasgow Caledonian University ungesund. Sie leiden wesentlich

häufiger unter Kopfschmerzen, Schlafstörungen

und Verdauungsproblemen als jene, die keine Tagebücher

führen. Bisher haben Psychologen angenommen, dass Tagebücher

zur Bewältigung traumatischer Erlebnisse geeignet

wären, berichtet das Wissenschaftsmagazin New Scientist.

„Wir haben uns erwartet, dass Tagebuchschreiber wenigstens

einige Vorteile haben“, so Studienleiterin Elaine

Duncan. Offensichtlich sei es aber besser, wenn man nicht

alles sofort zu Papier bringt.

Der Forschungsansatz war insofern neu, als bisherige

Untersuchungen immer dazu animierten, dass Patienten ihre

Probleme zu Papier bringen sollten. Nach der Statistik

schnitten die Tagebuch-Autoren im Gesundheitsfragebogen

wesentlich schlechter ab als die anderen. Obwohl unmittelbare

Beweise fehlen, nimmt die Forscherin an, denken die

Tagebuch-Schreiber viel öfter an ihr Geschick. „Es ist,

als würden sie sich in einem grübelnden ewig wiederholenden

Zyklus befinden“, so Duncan. Unklar blieb

hingegen, ob zuerst das Tagebuch-Schreiben oder

die Gesundheitsbeschwerden vorhanden waren.

Weitere Untersuchungen sollen folgen. ●

VIRGIN


Digitaler Newsletter

zu Alzheimer

M

Mit einem digitalen Newsletter bietet die

Deutsche Alzheimer Gesellschaft ab sofort einen

neuen zusätzlichen Informationsservice

an. Angehörige, Betroffene und alle Interessierten

können sich – ab sofort im vierwöchigen

Abstand - über aktuelle Ereignisse und

Themen rund um die Alzheimer-Krankheit

und andere Demenzerkrankungen sowie über

aktuelle Verbandsnachrichten informieren.

Der Newsletter, der am 28.Juli erstmalig

versandt wird, kann über den Link:

http://www.deutsche-alzheimer.de/6_6.html

online bestellt werden. Der Eintrag der

E-Mail-Adresse genügt.

Themen des ersten Newsletters sind unter

anderen der Gesetzentwurf zur Reform des Betreuungsrechts,

die Anerkennung Demenzkranker

als chronisch Kranker und die Neuregelung

für Pflegekräfte aus den EU-Beitrittsländern

ab 1. Mai 2004. (sys) ●

Psychisch krank. Und jetzt?

DDer Bundesverband hat seine Broschüre zur

Erstinformation von Familien mit psychisch kranken

Menschen völlig überarbeitet und neu aufgelegt.

Eine erste Orientierung gibt die Broschüre

„Psychisch krank, und jetzt?“ herausgegeben vom

Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker.

Der Broschüre liegt eine CD mit Materialen

bei.

Die Broschüre kann für eine Schutzgebühr

von 2,50 Euro bestellt werden über

die Geschäftsstelle der Familien-Selbsthilfe

Psychiatrie, Bundesverband der Angehörigen

psychisch Kranker. (sys) ●

S

MEDIEN

Wenn es in

der Seele finster ist

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an Depressionen.

Nur ein kleiner Teil erhält jedoch eine optimale Behandlung. Dabei

ist eine Depression gut behandelbar. Viele Patienten versäumen es

jedoch, die Therapiemöglichkeiten konsequent für sich zu nutzen. Für

Betroffene und ihre Angehörigen ist es deshalb wichtig,

sich über die Krankheit und die Behandlungsmöglichkeiten

zu informieren. „Eine Depression verändert den

Betroffenen. Er hat das Gefühl, als ob sich über Körper

und Seele ein bleierner Mantel gelegt hätte. Inzwischen

gibt es eine Reihe wirksamer Behandlungsverfahren.

Meist kann die Krankheit vollständig zum Abklingen

gebracht werden“, informiert Prof. Ulrich Hegerl von der

Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität

München. Gemeinsam mit der Journalistin und

Psychologin Svenja Niescken hat er den Ratgeber „Depressionen

bewältigen, die Lebensfreude wiederfinden“ herausgegeben.

Das Buch soll Betroffenen helfen, zum Experten in eigener Sache zu

werden und damit auch zu einem kompetenten Gesprächspartner für

den Arzt. Bei der Behandlung depressiver Erkrankungen geht es darum,

die aktuelle depressive Episode rasch zu durchbrechen und Rückfälle zu

verhindern. Die wichtigsten Bausteine für beide Behandlungsziele sind

die medikamentöse Behandlung und die Psychotherapie. Bei der Akuttherapie

leichterer Depressionen muss individuell entschieden werden,

ob eine Psychotherapie, eine medikamentöse Behandlung oder eine

Kombination aus beiden der beste Weg ist. „Um das Rückfallrisiko zu

senken, ist neben Medikamenten ein möglichst optimales Krankheitsmanagement

durch die Betroffenen selbst wichtig“, informiert Hegerl.

Er rät Betroffenen, sich intensiv mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen.

Sie sollen sich überlegen, welche Frühzeichen der depressiven Erkrankung

bei Ihnen auftreten und wie sie konkret in Krisensituationen

gegensteuern können. Ein weitere Frage ist, wie Risikosituationen vermieden

werden können.

In ihrem Ratgeber informieren die Autoren über die neuesten Erkenntnisse

zum Thema Depression. Sie stellen die beiden zentralen Therapien,

Psychotherapie und Medikamente, vor und informieren auch

über alternative Ansätze wie beispielsweise Johanniskraut, Lichttherapie

und Elektrokrampfbehandlungen. Im ausführlichen Selbsthilfe-Teil

finden Leser Anregungen und Tipps. (sys) ●

Ulrich Hegerl, Svenja Niescken

Depressionen bewältigen, die Lebensfreude wiederfinden

TRIAS Verlag, Stuttgart 2004, EUR 17,95, ISBN 3830431279

Weitere

Informationen

BApK Geschäftsstelle Bonn

Thomas-Mann-Str. 49a, 53111 Bonn

tel.: (0228) 63 26 46, fax: (0228) 65 80 63

email: bapk@psychiatrie.de

internet: www.bapk.de

Faszination Seele – IV/2004 23


FEUILLETON

FEUILLETON

OOb jung oder alt, ob Kritiker oder Kollege – sie alle geraten

ins Schwärmen, wenn von Anton Cechov (Tschechow)

(1860-1904) die Rede ist: „Wie kaum ein anderer hat Anton

Cechov auf den Pulsschlag des modernen Lebens gehorcht,

sein literarisches Werk ist für das 20. Jahrhundert wegweisend

geworden“, schrieb etwa die Neue Zürcher Zeitung.

„Cechov gegenüber komme ich mir wie ein Anfänger vor“,

bekannte George Bernard Shaw. „Er ist der subtilste Analytiker

menschlicher Beziehungen“, urteilte Virginia Woolf,

und Woody Allen meint: „Er ist überhaupt der Größte.“

Praxisstempel:

Arzt und Dichter

Die Lobeshymnen für Cechovs Erzählungen und Dramen

erstaunen um so mehr, bedenkt man, dass der Jahrhundert-

Autor zusätzlich einer anderen Berufung nachging: Cechov

war fast bis zu seinem frühen Tod mit 44 Jahren ärztlich tätig:

Nachdem er sich in Moskau durch das Medizinstudium

gehungert hatte, war er als Krankenhausarzt

und in eigener Praxis tätig;

viele Patienten behandelte er umsonst.

Auf der Sträflingsinsel Sachalin führte

Cechov medizinische und soziale Studien

durch und engagierte sich immer

wieder im Kampf gegen die damals in

Russland grassierenden Cholera-Epidemien

und Hungersnöte.

Anders als so mancher Dichterarzt-

Kollege litt Cechov keineswegs an seiner

„Doppelbelastung“. Als ihm sein Verleger riet, „nicht zwei

Hasen nachzujagen und nicht mehr an die praktische Medizin

zu denken“, entgegnete Cechov: „Ich habe aber ein besseres

und zufriedeneres Gefühl, wenn ich mir vor Augen halte,

daß ich zwei Berufe habe.... die Medizin ist meine gesetzliche

Ehefrau, die Literatur meine Geliebte.“ Kein Wunder,

dass Cechov fähig war, Phänomene der Krankheit differenziert,

einfühlsam und medizinisch korrekt zu gestalten und

der Figur des Arztes in seinem Werk eine zentrale Stelle einzuräumen.

Es sind oft Ärzte, die an ihrem Beruf leiden, ebenso

wie an ihrer Umgebung und der Korruptheit der Menschen.

Einfühlsame Charakterdarstellung

Da klagt etwa der Landarzt Dr. Astrow in „Onkel Wanja“:

„Vom Morgen bis in die Nacht immer auf den Beinen, ich

kenne keine Ruhe, und nachts liegt man unter der Decke und

fürchtet nur, dass man zu einem Kranken geschleppt werden

könnte.“ Ausgebrannt durch seinen Beruf, reagiert Astrow

Kühle

Diagnostik,

aber mit

feiner Ironie

Vor 100 Jahren starb der Arzt und

Schriftsteller Anton Cechov in

Badenweiler. Seine Stücke

haben derzeit Hochkonjunktur.

nur noch zynisch auf die Probleme seiner

Kranken, die zu Objekten werden. Da ist auch

der Stationsarzt Koroljow in „Ein Fall aus der

Praxis“, der, konfrontiert mit der existentiellen

Krise einer Fabrikantentochter, dieser lediglich

„ehrenhafte Schlaflosigkeit“ attestieren

kann. Oder der leitende Arzt Dr. Ragin in

„Krankenzimmer Nr. 6“, der bei einem Paranoiker

den einzigen Gesprächspartner im

Dorf findet und nach einer Intrige schließlich

selbst zum Psychiatriepatienten wird.

Ebenso tragisch ist das Schicksal des berühmten

Medizinprofessors Nikolaj Stepanovic

in „Eine langweilige Geschichte“, die Thomas

Mann als „ganz und gar außerordentliches,

faszinierendes Werk“ lobte: Es ist die

Geschichte eines lebensüberdrüssigen Alternden,

der hypochondrisch den Tod erwartet.

Nicht minder anrührend ist schließlich in

„Drei Schwestern“ die Figur des alten Militärarztes

Tschebutykin, dem durch sein Verschulden

ein Patient verstarb.

Cechov lässt ihn am Ende des Stückes desillusioniert

sagen: „Wir sind ja gar nicht da.

Wir existieren überhaupt nicht, es scheint nur

so, als existierten wir.“ Gnadenlos sezierend,

kühl diagnostizierend, aber trotz aller Sozial-

MARION BÜHRLE

Szenenfoto aus Cechovs

„3 Schwestern“ im Theater

Nürnberg. Dietmar Saebisch

(2. v. r.) in der Rolle des

Militärarztes Tschebutykin.

kritik stets mit feiner Ironie

zeichnete Cechov seine Figuren.

Auch auf CD

Wer Cechov lieber lesen

oder auf CD hören mag, hat

ebenfalls große Auswahl:

Sein literarisches Werk ist in

vielerlei Ausgaben auf dem

Markt ebenso wie Bücher zu

seiner Biographie und Literaturtheorie.

So offeriert etwa der Diogenes-Verlag

die größte

nicht-russische Cechov-Edition

und mit Peter Urbans

Bildband auch die wohl

schönste und umfassendste

Ausgabe zu dessen Biographie

(Cechov. Sein Leben in

Bildern. 355 Seiten. 59 Euro.

www.diogenes.ch). (bra) ●

DIOGENES VERLAG, ZÜRICH

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