Elaine Teil 1 - Leseprobe

bibirend

Auf dem Weg zu der Tierklinik, in der die siebzehnjährige Elaine ihre Ausbildung zur Tierpflegerin beginnt, hört sie eine leise wispernde Stimme. Den ganzen Tag über wird sie von deren frechen Kommentaren in den unpassendsten Momenten begleitet. Ihre Großmutter, der sie sich anvertraut, ist nicht erstaunt darüber. Sie erklärt ihrer Enkelin, dass diese eine Gabe in sich trägt, die ihr bei ihrem Traumberuf von großen Nutzen sein kann. Mutig und ängstlich zugleich stürzt sie sich in die bevorstehenden Abenteuer und lernt Louis kennen. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen, bis sie von seinem Geheimnis erfährt. Wird sie damit umgehen können? https://www.amazon.de/Elaine-Teil-1-Bibi-Rend-ebook/dp/B01EM5OZVI/

Bibi Rend

Elaine

Teil I

2


Die geschilderten Personen und Ereignisse sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

© 2015 Bibi Rend

3. Auflage © 2018

Weitere Informationen unter www.bibi-rend.de

Cover:

Azrael ap Cwanderay

Bildquellen:

www.pixabay.com

Lektorat/Korrektorat:

Buchstabenpuzzle Bianca Karwatt

www.lektorat-buchstabenpuzzle.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt

ISBN: 978-3-7528-1362-3


Bibi Rend

Elaine

Teil I


Inhalt

1 - Das sprechende Chinchilla 7

2 - Die furzende Giraffe 26

3 - Der diebische Elefant 37

4 - Das niesende Krokodil 51

5 - Der maunzende Eisbär 65

6 - Der maunzende Eisbär kehrt zurück 77

7 - Die grunzende Elster 88

8 - Das klingelnde Nashorn 108

9 - Die kläffende Antilope 125

10 - Der grinsende Fuchs 138

11 - Die weinende Schlange 150

12 - Der singende Goldfisch 164

13 - Die rülpsende Spinne 175

14 - Das hinkende Chamäleon 192

15 - Die rülpsende Spinne kehrt zurück 208

16 - Der wiehernde Schimpanse 213

17 - Der klebende Delfin 223

18 - Das lachende Kamel 239

19 - Der grübelnde Papagei 254

Danksagung 271

Über die Autorin 272


1

Das sprechende Chinchilla

Heute beginnt ein neuer Lebensabschnitt für die

siebzehnjährige Elaine. Ihr Kindheitstraum

geht endlich in Erfüllung: Sie beginnt eine Ausbildung

zur Tierpflegerin.

Elaine steht vor dem Spiegel und kämpft mit ihrem

Haar, ausgerechnet heute ist es extrem widerspenstig.

Auf Make-up verzichtet sie komplett, schließlich will sie

ja nicht negativ auffallen. Elaine weigert sich, Tierversuche

für Kosmetika zu unterstützen, auch wenn viele

Hersteller darauf heutzutage verzichten, sind früher

dafür Tiere gequält worden und gestorben.

Elaine wohnt gemeinsam mit ihrem Hund in Ledewgrub,

einem ländlichen Gebiet und ihre zukünftige

Arbeitsstätte ist in der Stadt Revonnah. Heute muss sie

erst mit dem Bus um kurz vor sechs Uhr fahren, zukünftig

wird es eine Stunde eher sein, damit sie pünktlich

ihren Dienst antreten kann. Aufgeregt steigt sie in den

Bus, wird freundlich vo dem älteren Fahrer begrüßt.

»Oh, ja! Guten Morgen, Rick!«, erwidert Elaine zerstreut

den Morgengruß.

»Bist schon aufgeregt, Elaine?«, fragt Rick, der wie

jeden Morgen an seiner unbequemen Uniform rumzuppelt

und sie verständnisvoll angrinst. Bereits seit einigen


Jahren kennen sie sich durch die regelmäßigen Schulfahrten,

wodurch sich ein fast freundschaftliches Verhältnis

entwickelt hat.

»Leider ja. Ich hoffe nur, dass ich mich nicht total blöd

anstelle.« Elaine freut sich zwar sehr auf die Zukunft,

ist aber immer noch durch ihre Eltern verunsichert,

da diese nicht mit der Ausbildung in einem sogenannten

Männerberuf einverstanden sind. Mit Horrorgeschichten

haben sie versucht, ihr den Beruf auszureden.

Je mehr die Eltern ihr erzählt haben, desto energischer

hat sie um eine Lehrstelle gekämpft. Das junge Mädchen

will sich nicht mehr alles vorschreiben lassen und hat

eine wunderbare Unterstützung durch ihre Großmutter,

weswegen sie den Kontakt zu ihren Eltern vor wenigen

Wochen komplett abgebrochen hat. Die Oma setzte

auch durch, dass Elaine in eine eigene Wohnung ziehen

durfte, obwohl sie noch nicht volljährig ist. Elaine wird

von ihrer Großmutter finanziell unterstützt, denn diese

weiß von einem Familiengeheimnis ihres verstorbenen

Mannes, dass bislang vor Elaine geheim gehalten werden

konnte. Die junge Frau wird es am Tag ihrer Volljährigkeit

früh genug erfahren, meint die Oma. Ob dieses

Geheimnis ein Segen oder Fluch für Elaine ist, entscheidet

sich erst im Laufe ihres Lebens.

Nach fünfzig Minuten Fahrzeit steigt sie vom Bus in die

Stadtbahn und muss weitere zwanzig Minuten vor Aufregung

zittern, bis sie endlich am Ziel angekommen ist.

Gedankenversunken sieht Elaine aus dem Fenster und stellt

sich vor, wie sie den ganzen Tag mit den Tieren spielt und

kuschelt. Sie träumt vor sich hin, muss plötzlich laut auflachen

und bemerkt voller Schrecken, dass die anderen Fahrgäste

sie mit großen Augen anstarren. Elaine wird rot und

will diesen freundlich zulächeln, allerdings misslingt ihr das

Lächeln, als sie eine wispernde Stimme an ihrem Ohr hört.


»Du großer, unwissender Angsthase wirst mich noch

früh genug zu Gesicht bekommen! Pass bloß auf, dass

ich mir kein Nest in deinem Haar baue.« Diese Worte

passen weder zu ihrem Traum, noch zu der jetzigen Situation,

weshalb Elaine diese auch nicht zuordnen kann.

In ihrem Gesicht breitet sich schlagartig eine ungesund

aussehende Blässe aus.

Endlich wird die Haltestelle angesagt, an der Elaine

aussteigen muss. Mit ängstlichem Blick folgt sie dem

Menschenpulk und hofft, dass dieser sich auch in die

Richtung bewegt, in die sie selbst muss. Als sie zum Vorstellungsgespräch

war, hat ihre Mutter sie begleitet und

diese hat ein Auto. Der Pulk löst sich mit jedem Schritt

weiter auf, bis sie ganz alleine vor einem großen Holztor

steht. Über dem Holztor hängt ein kunstvoll verziertes

Schild, auf dem ›Tierklinik zum Glück‹ steht. Elaine

wird es ganz warm ums Herz, denn endlich beginnt ihr

neuer Lebensabschnitt.

Trotz ihrer Nervosität betritt Elaine mit forschem Schritt

den Hof und geht zielstrebig zur Anmeldung. Eine junge

Frau, nur wenige Jahre älter als Elaine, sitzt am Computer

und gibt etwas ein. Elaine räuspert sich und die junge

Frau sieht hoch.

»Was kann ich für Sie tun?«

»Mein Name … ist Elaine! Ich muss … ähm … soll

um acht Uhr hier sein.« Elaine ist so nervös, dass ihr die

Worte nicht flüssig über die Lippen kommen. Die junge

Frau steht auf und sieht sie verständnislos an.

»Wo ist denn Ihr Tier?«

»Ich fange heute meine Ausbildung an«, flüstert Elaine

mit gesenktem Blick und leicht zittriger Stimme.

»Wie bitte? … Ach, ich verstehe! Du bist Elaine, der

neue Lehrling, ich heiße Chris. Warte einen Moment im

Wartezimmer, ich hole Martin.« Sie geht durch eine Tür

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in den folgenden Gang und ruft ganz laut: »Martin, dein

neuer Lehrling ist da!« Es dauert nur wenige Sekunden,

bis sie eine Antwort erhält.

»Verdammt, der soll doch erst um acht Uhr hier sein

und nicht zwanzig nach sieben! Kann der nicht pünktlich

sein? Soll warten.« Elaine sieht verschreckt auf und

denkt sich ironisch ihren Teil.

›Das nenne ich doch mal einen tollen Einstieg. Was ist

denn das für einer? Scheint ein Superpünktlicher zu sein,

der immer auf die letzte Minute erscheint. Hoffentlich

ist das nicht wirklich mein Ausbilder.‹ Chris lächelt ihr

beruhigend zu und setzt sich wieder an den Computer.

Um 7.59 Uhr kommt ein kleiner Mann mit grimmigem

Gesicht durch die Tür. Elaine ist sehr aufgeregt, da sie

noch fast vierzig Minuten auf ihren Ausbilder gewartet

hatte. Als er Elaine erblickt, läuft ein dunkelroter Schein

über sein Gesicht, bevor er kreidebleich wird. »Entschuldige.

Ich heiße Martin und werde dich die nächsten drei

Jahre begleiten. Die anderen Mitarbeiter wirst du in der

Pause kennenlernen«, stellt sich der Mann vor, »wie heißt

du denn überhaupt?« Er kann seine Wut kaum unterdrücken

und dementsprechend ist sein Tonfall grimmig.

Elaine hat das Gefühl, gleich in Tränen auszubrechen,

und sagt leise ihren Namen.

Martin brummelt vor sich hin. »Was fällt dem Personalchef

eigentlich ein, mir so eine als Lehrling zu schicken?

Eine Frau in diesem Beruf!« Er schüttelt ungläubig

den Kopf. Bei den Vorstellungsgesprächen ist er

abwesend gewesen und hat somit kein Mitspracherecht

gehabt. »Los jetzt - nicht trödeln. Ich zeige dir jetzt alles!

Du musst genau aufpassen!«

›Und ob ich aufpasse‹, denkt sich Elaine. Mit einem

kurzen Nicken signalisiert sie ihm, dass sie ihn verstanden

hat. Sie kann seine Ablehnung nicht verstehen

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und fragt sich, ob er überhaupt Informationen über sie

bekommen hat.

Elaine folgt Martin durch die Schwingtür und eine

neue Welt mit ganz vielen weiteren Türen eröffnet sich

ihr. Rechts ist das Labor, auf der gegenüberliegenden

Seite sieht Elaine drei Türen, die mit großen Nummern

bezeichnet sind. Behandlungsraum 1 bis 3. Auf der rechten

Seite ist noch eine mit einer 4 und somit der vierte

Behandlungsraum. Martin erklärt alles in einem unwahrscheinlichen

Tempo.

»Die Schwingtür zur Anmeldung und zum Wartezimmer

ist zu den Sprechzeiten immer geöffnet. So können

wir Pfleger und die Ärzte immer sehen, was dort los ist

und frühzeitig eingreifen, falls die wartenden Tiere zu

ungeduldig sind und es eventuell brenzlig wird. Dieses

Labor ist nur die Annahmestelle für Blut-, Urin- oder

Kotproben, die durch uns oder den Tierärzten abgegeben

werden. Von dort aus sorgt eine VMTA … ähm

Veterinär medizinisch-technische Assistentin … dafür,

dass die Proben dann an die richtige Stelle kommen. Die

eigentlichen Laborräume sind in der oberen Etage, die

zeige ich dir vielleicht die nächsten Tage. Das ist derzeit

nicht wichtig für dich.«

Endlich am Ende des Ganges angekommen, öffnet Martin

eine Schwingtür und geht hindurch. Elaine knallt die

Tür fast an den Kopf, aber sie ist gerade noch schnell genug,

bekommt den Griff in der letzten Sekunde zu fassen und

folgt ihrem Ausbilder. Die unbekannte Stimme meldet sich

wieder und Elaine zuckt vor Schreck zusammen.

›Das geschieht dir recht, so einen Grummelkopf

als Ausbilder zu bekommen, du hässliches Gefricke.‹

Elaine läuft rot an und hofft, dass ihr Ausbilder es nicht

bemerkt.

Als sie einen Blick nach links wirft, sieht sie einen kleinen

Warteraum mit sechs Stühlen und weiter hinten eine

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Tür mit einer 5 drauf. Martin gibt eine knappe Erklärung,

als er ihren verwunderten Blick bemerkt.

»Das ist der Behandlungsraum 5. Hier werden meist

Tiere behandelt, wenn entweder der Besitzer extrem

unruhig ist oder das Tier sich auffällig verhält. Kannst

du dir denken, was ich damit meine?« Elaine überlegt

einen kurzen Moment.

»Ich glaube, damit ist gemeint, dass die Tiere sehr

unruhig sind, knurren, Zähne zeigen, fauchen, bellen,

maunzen. Die Gefühle der Besitzer übertragen sich auf

die Tiere. Aber auch Tiere mit Epilepsie sollten in einer

ruhigen Umgebung behandelt werden.«

Martin zieht die linke Augenbraue nach oben und

knurrt: »Gut, anscheinend hast du schon ein bisschen

Vorwissen! Fehlt aber noch einiges.« Elaine ärgert sich

über seinen Kommentar, da es ihr erster Tag ist und sie

auch noch nicht alles wissen kann. Er geht den nächsten

Gang weiter, zeigt nach rechts auf eine Tür.

»Den Bereich darfst du noch nicht betreten. Hier sind

die drei Operationssäle und die Röntgenabteilung. Wenn

du achtzehn Jahre bist, darfst du den Bereich betreten

und solange musst du deine Ungeduld zügeln.«

»Das ist ja erst in über sechs Monaten. Eine lange Zeit.«

Traurig sieht Elaine in die Richtung. Martin lächelt sie schief

an und gibt die ersten freundlichen Worte von sich.

»Solange ist das gar nicht. Bis dahin wirst du sowieso

auf der Intensivstation tätig sein und auch schon die

Infektionsstation betreut haben. Auf den Stationen

musst du dich nicht nur um die Tiere oder die Hygiene

kümmern, sondern auch um alles andere, wie Ordnung

und Sauberkeit der Behandlungsräume oder die Materialvorräte.«

Er kann nicht aus seiner Haut. Ihre ruhige

Ausstrahlung trotz seiner schlechten Laune gefällt ihm.

Allerdings spürt er auch eine gewisse Nervosität in dem

Mädchen, die er noch auf ihre Unsicherheit schiebt.

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Elaine ist sehr gespannt, was sie dort alles lernen wird.

Die beiden stehen vor der nächsten Schwingtür, an der

ein Schild angebracht ist: ›Betreten für Unbefugte verboten!

Zutritt nur mit Betriebsangehörigen gestattet.‹ Elaine

bekommt von Martin sogleich die passende Erklärung.

»Das ist der geschützte Bereich, in dem die Personalräume

liegen und es dann weiter zu den Stationen geht.

Es ist ganz wichtig, dass keine Betriebsfremden hier

Zutritt bekommen. Wir haben zwar keine Geheimnisse,

aber es geht um den Schutz der Patienten. So können

keine Keime hereingetragen werden und sie bekommen

die nötige Ruhe. Der Aufenthalt ist für die Tiere sowieso

schon sehr stressig, weil alles neu ist und die Bezugspersonen

nicht anwesend sind.«

Als Elaine durch die Tür geht, weiß sie auf einmal,

warum keine fremden Personen den Bereich betreten

dürfen. In dem Gang stehen Spinde, an jedem steht eine

andere Nummer. Vor jeder der insgesamt vier Türen

steht eine große Plastikwanne mit Desinfektionsmittel

und darüber Tür hängt ein rotes Schild mit weißer Schrift

›Anweisung! Hände und Schuhe desinfizieren!‹ Dann

erst fällt Elaine auf, dass neben jeder Tür ein Dosierspender

mit Desinfektionsmittel und eine Halterung für Kartons

mit Einweghandschuhen angebracht ist.

Sie kann ihre Neugier nicht mehr zügeln und beginnt

Fragen zu stellen.

»Wieso sind dort die Handschuhe? Ist es Pflicht, bei

jedem Gang durch die Tür, die Hände zu desinfizieren?

Geht es von hier aus direkt zu den Stationen?«

»In die Wanne musst du immer treten, ebenso die

Hände desinfizieren. Komm, ich zeige dir, wie das geht.

Aber vorher musst du dich umziehen«, erwidert Martin

im ernsten Tonfall. Elaine bemerkt anhand seiner

Stimme, wie wichtig dieser Punkt ist. Er geht bis an das

Ende der Spindreihe und öffnet den Letzten.

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»Das hier ist dein Spind. Merk dir genau, welcher deiner

ist. Es darf kein Name an der Tür stehen, nur diese

Nummer. Bringe morgen bitte ein Schloss mit, damit du

den Spind verschließen kannst. In dem bewahrst du während

der Dienstzeit alle deine privaten Sachen, inklusive

Wertgegenstände auf. Auch Schmuck musst du ablegen,

aber du trägst ja eh keinen, wie ich sehe. Sehr gut.« Erst

jetzt wirft er einen genaueren Blick auf Elaine. Ihre blonden

Haare sind zu einem Zopf zusammengebunden,

der im Schein der Neonröhre glänzt. Auf ihrem Gesicht

ist nicht ein bisschen Schminke zu erkennen, die Haut

ist glatt und ihr Teint schimmert leicht rosa. Die kleine

Stupsnase vollendet ihr doch eher rundliches Gesicht.

›Die Kleine ist echt niedlich, hoffentlich hält sie durch in

dem schweren Beruf‹, muss Martin sich selbst eingestehen.

Er kann es sich selbst nicht erklären, warum er so

grimmig zu ihr ist, sonst ist er immer offen und freundlich.

Irgendetwas ist an ihr, wodurch sein Beschützerinstinkt

ein wenig überreagiert.

In dem Spind befindet sich schon die Dienstkleidung;

fünf Hosen, fünf Hemden, fünf Shirts und ganz unten

stehen ein Paar Gummistiefel sowie ein Paar weiße

Gesundheitssandalen. Zusätzlich noch fünf knallgelbe

Schutzanzüge mit Kapuze. Martin hat Elaines fragenden

Blick gesehen und erklärt es ihr direkt.

»Die Schutzanzüge sind für die Infektionsstation.

Du musst immer einen Anzug tragen, wenn du die

Station betrittst. Bei hochansteckenden Krankheiten

wird der täglich gewechselt, bei gering ansteckenden

Krankheiten oder reinen Verdachtsfällen einmal in der

Woche, dafür täglich mit Desinfektionsmittel abgewaschen.

Die Schutzanzüge werden einmal in der Woche

abgeholt und professionell desinfiziert, darum kümmert

sich aber eine Spezialfirma. Du musst die Anzüge nur

in die speziell gekennzeichnete Wäschekammer legen.

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Die normale Dienstkleidung wird hier von unserem

Waschteam gewaschen, desinfiziert und gebügelt. Sollte

die Kleidung defekt sein, wird diese genäht. Du brauchst

dich also um nichts kümmern, einfach nur in die blaue

Wäschetonne werfen bei Dienstschluss.« Elaine schwirrt

der Kopf angesichts der ganzen Informationen.

»Können wir ein paar Minuten Pause machen? Ich

möchte mir alles kurz notieren.« Martin nickt verständnisvoll.

Er hat sich sowieso schon die ganze Zeit gewundert,

welch eine Auffassungsgabe die Kleine hat.

»War alles ein klein bisschen viel für den Moment,

das verstehe ich sehr gut. Ich zeige dir jetzt gleich den

Umkleideraum und du ziehst dich schnell um. Deine

private Kleidung hängst du in diesem Plastikkleidersack

in den Spind und wartest hier dann auf mich, okay?«

Elaine stimmt zu und geht mit Martin durch eine Tür,

die sie anfangs gar nicht gesehen hat. Vor dieser Tür steht

merkwürdigerweise keine Desinfektionswanne, aber sie

will nicht gleich nachfragen, das kann sie später noch

machen. In dem Gang befinden sich wieder vier Türen,

die alle beschriftet sind, die erste mit Personalraum Tierpfleger

- die zweite mit Umkleideraum Männer - die

dritte ist als Umkleideraum Frauen gekennzeichnet und

die vierte wird als Personalraum Tierärzte bezeichnet.

›Da finde ich mich auf jeden Fall zurecht‹, denkt sich

Elaine erleichtert und geht mit ihrer Dienstkleidung im

Arm in den Umkleideraum für Frauen. Sie staunt über

die üppige Ausstattung: Drei Duschen, eine Badewanne,

fünf Toiletten und im Vorraum fünf Waschbecken mit

Spiegeln. Hier stehen auch Pakete mit Damen-Hygieneartikeln,

Zahnbürsten, Zahnpflegemittel und Duschgele

in verschiedenen Duftrichtungen.

›Morgen muss ich mir unbedingt auch etwas mitbringen‹,

notiert sich Elaine gedanklich, als sich die Tür öffnet.

Eine junge Frau tritt ein und kommt direkt auf Elaine zu.

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»Hallo, ich bin Jess! Eigentlich heiße ich Jessica, aber

das ist mir zu lang. Ich bin Tierärztin. Du siehst dich sehr

verwundert um, das hat alles schon seine Richtigkeit.

Unser Arbeitgeber ist sehr spendabel und stellt uns all

diese Sachen. Denk nicht darüber nach, benutze es einfach,

es gehört der Allgemeinheit«, sagt Jess mit einem

tiefen, wohlklingenden Lachen.

Elaine fühlt sich sofort sichtlich wohl in der Nähe der

jungen Tierärztin und stellt sich ebenfalls vor. Danach verschwindet

sie kurz auf der Toilette, wäscht sich die Hände

und wechselt ihre Straßenkleidung gegen die Dienstkleidung.

Die Alltagskleidung steckt sie sorgfältig in den

Plastikkleidersack. Jess beobachtet sie die ganze Zeit.

»Vergiss nicht, dir die Hände zu desinfizieren. Das ist

besonders wichtig, wenn du dich umgezogen hast. So

verteilst du keine Fremdkeime im geschützten Bereich.

Weißt du, wie das mit dem Desinfizieren geht?« Elaine

muss verneinen, denn Martin hat vergessen, ihr diesen

Schritt zu zeigen.

»Gut, dann zeige ich es dir jetzt. Du drückst den Hebel

mit dem Ellenbogen herunter, nimmst fünf Hübe aus

dem Spender in die Hand, verreibst es zwischen den

Handflächen und auf den Handrücken, immer in kreisenden

Bewegungen. Die Fingerzwischenräume, Fingernägel

und Fingerkuppen nicht vergessen. Der ganze

Vorgang soll mindestens dreißig Sekunden dauern und

die Hände müssen komplett trocken sein. Solange musst

du das Mittel verreiben, auch wenn die Zeit um ist.« Jess

führt ihr alles langsam vor. Elaine macht es genauso nach

und bekommt von Jess zustimmende Worte.

»Wir sehen uns nachher auf der Intensivstation,

Elaine.« Voller Freude nickt diese und hört wieder diese

leise, wispernde Stimme.

›Gut gemacht, Kleine! Noch kannst du mich nicht sehen,

aber bald ist es soweit, dann lernst du mich kennen. Und

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du wirst mich noch kennenlernen!‹, kichert die Stimme

hämisch, ›nun aber Kopf hoch, Augen zu und durch! Du

schaffst das oder auch nicht!‹

Elaine ist ein wenig verunsichert, weil sie seit heute

diese Stimme hört und es sich nicht erklären kann. Mal

ist diese Stimme frech, dann droht sie ihr, spricht aber

gleichzeitig Mut zu.

›Werde ich jetzt verrückt oder was soll das?‹, denkt sie

bei sich und geht wieder zu ihrem Spind, in dem sie den

Kleidersack verstaut und dort auf Martin wartet. Es dauert

nicht lange, bis er durch eine Tür kommt, an der ein

großes Ausrufezeichen klebt.

»Du bist ja schon fertig, Elaine. Das ist schön. Die Uhr

zeigt neun und somit ist Frühstückspause. Jetzt lernst

du erst mal die anderen Kollegen kennen«, wirft er die

Worte über seine Schulter und geht zielstrebig durch die

Tür zum Personalraum. »Um elf gehe ich ins Personalbüro

und besorge für dich die nötigen Schlüssel. Dann

bist du nicht mehr auf die Kollegen angewiesen.«

Nach dem Betreten des Personalraumes will Elaine am

liebsten gleich wieder umdrehen und schreiend weglaufen

… denn dort sitzen acht Männer, aber keine Frau!

Martin rattert die Namen nur so herunter und deutet

auf den jeweiligen Mann. »Riccardo, Herrmann, Sven,

Andreas, Peter, Bernd, Matthias und hier Jörg. Andreas

ist dein zweiter Ansprechpartner, wenn ich verhindert

bin. Das hier ist Elaine, sie wird bei uns die Ausbildung

machen. Ich bitte euch, sie genauso zu behandeln, wie

jeden anderen und nicht darauf zu achten, dass sie weiblich

ist.« Elaine wirft Martin noch einen ungläubigen

Blick zu, bevor sie von allen höflich begrüßt wird. Sie

kann diesen kleinen Seitenhieb von ihm nicht verstehen,

was hat es damit zu tun, ob sie nun eine Frau ist.

Andreas erhebt sich direkt, kommt auf sie zu und reicht

ihr die Hand.

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»Ich heiße dich im Namen aller herzlich willkommen.

Ab morgen werden wir beide zusammen auf der Intensivstation

arbeiten. Heute wirst du nur durch die Klinik

geführt. Da hier alles für dich sehr verwirrend sein wird,

zum Beispiel mit den ganzen gleich aussehenden Türen,

haben wir dir eine Mappe zusammengestellt mit allen

wichtigen Informationen. Ein Lageplan der Klinik ist

ebenfalls enthalten. Trinkst du Kaffee oder gehörst du

zu den Frauen, die nur Tee trinken?«

»Danke schön! Ich nehme gern einen Kaffee, schwarz.

Die Informationsmappe wird mir eine sehr große Hilfe

sein. Ehrlich gesagt, komme ich mir wirklich wie in

einem Irrgarten vor«, erwidert Elaine, nimmt mit einem

dankbaren Nicken die Kaffeetasse entgegen und setzt

sich auf den Stuhl zwischen Riccardo und Andreas.

Sie ist dankbar über die Weitsicht von Andreas und

die nötigen Informationen in schriftlicher Form. Eine

lustige Gesprächsrunde entsteht unter den Kollegen, in

die sie auch regelmäßig einbezogen wird. Elaine blickt

von einem zum anderen und muss hin und wieder leise

lachen. Ihre Befürchtung wegen der Männer schwindet

zusehends immer mehr.

Um halb zehn gibt Martin ihr ein Zeichen, dass es weitergeht.

Sofort steht Elaine auf, wäscht ihre Tasse ab und

stellt diese auf die Arbeitsfläche. Zusammen mit Martin

verlässt sie den Raum und der Rundgang geht bei den

Stationen weiter. Zuerst geht es zu den Normalstationen.

Jede der drei Stationen ist mit einer Ziffer gekennzeichnet,

ist mit zwölf Käfigen, die Boxen genannt werden, ausgestattet

und dahinter befindet sich der Innenauslauf. Nur

die Station für Katzen hat insgesamt dreißig Käfige. In der

Kleintierstation für Mäuse, Ratten, Hasen und Reptilien

gibt es keine Käfige, sondern nur Kästen aus einem speziellen

Kunststoff, die in verschiedenen Größen übereinan-

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dergestapelt in einer Ecke stehen. Zwei Kästen sind zwar

mit Streu, Futter und Wasser bestückt, jedoch sieht man

kein Tier in den beiden Kästen. Martin lacht leise, als er

Elaines fragenden Blick sieht.

»Da sind Hamster drin, beide haben Junge und müssen

sehr ruhig gehalten werden. Die Geburt war nicht einfach

für sie. Die Pflege und Betreuung übernimmt ein Tierarzt

für die nächsten Tage, weil er sie dann gleich medizinisch

versorgen kann. So können wir zusätzlichen Stress vermeiden.«

Martin dreht sich um und geht wieder zurück

zu dem Gang mit den Spinden. Elaine folgt ihm, sie spürt,

dass Martin ihr gegenüber nicht mehr so ablehnend ist,

wodurch ihre Nervosität sich ein wenig verringert.

Die nächste Station, die Elaine kennenlernt, ist die

Intensivstation. Dort sitzen Hunde und Katzen in ihren

Boxen, die entweder eine lebensbedrohliche Erkrankung

haben oder verunfallt sind.

»Heute ist die Station sehr leer. Nur drei Hunde und

zwei Katzen sind stationär. Normal ist, dass alle zwanzig

Hundeboxen und die zehn Katzenkäfige besetzt sind.

Die Arbeit hier ist nicht nur körperlich anstrengend, sondern

auch psychisch. Die Sterberate ist auf der ›I‹ mit

fünfzig Prozent sehr hoch. Die nächsten drei Monate

wirst du hier eingearbeitet werden und alles Wichtige

lernen. Jessica, unsere Tierärztin, hat die Leitung. Heidi,

die sonst den Posten der Stationsärztin besetzt, ist derzeit

noch in Mutterschutz, kommt aber in zwei Wochen

wieder. Hauptpfleger ist Andreas, der dich hier einweisen

wird«, erklärt Martin. Elaine macht sich viele Notizen

dazu in ihrer Informationsmappe und hört wieder,

diese leise, wispernde Stimme.

›Der Tod gehört zum Leben und ist etwas ganz Natürliches.

Akzeptiere den Tod, um leben zu können. Habe

keine Angst vor dem Tod, denn er kann auch eine Erlösung

sein. Er kann schneller kommen, als du denken kannst.‹

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Diese Stimme irritiert Elaine immer mehr. ›Warum höre

ich immer wieder diese Stimme? Wer ist das? Was will

diese Stimme von mir?‹, fragt sich Elaine im Stillen und

folgt gedankenverloren Martin in Richtung Hauptgang.

Bei den Spinden reißt Martin sie aus ihren Gedanken.

»Elaine? Träumst du? Hab ich dich mit meinen Erklärungen

überfordert? Hat dich etwas erschreckt?« Elaine

ist erschrocken über ihre sichtliche Unaufmerksamkeit.

»Entschuldige Martin, du hast recht. Es ist eine große

Menge in sehr kurzer Zeit gewesen und ich versuche,

mir so viel wie möglich davon zu merken.« Martin macht

sich jetzt doch Sorgen, weil er selbst merkt, wie schnell sie

vorangekommen sind und welche Menge Informationen

auf die junge Frau eingeprasselt ist.

»Wenn es zu viel ist, Elaine, dann musst du es mir

sagen, damit ich dir etwas mehr Zeit lassen kann. Wir

sind sehr schnell durchgekommen. Bei einer normalen

Führung wären wir jetzt gerade erst auf der Kleintierstation.

Du stellst aber auch erschreckend wenig Fragen,

sondern akzeptierst alles. Ich bin mir noch ein bisschen

unsicher, wie ich das einschätzen soll, gebe ich offen zu«,

gesteht Martin, »interessiert und aufmerksam bist du auf

jeden Fall.« Elaine sieht ihn mit großen Augen an.

»Schon okay, Martin, ich sag schon, wenn es mir zuviel

wird. Wollen wir weiter gehen?«

»Ok, gehen wir weiter. Du musst jetzt den Schutzanzug

überziehen.« Martin entnimmt seinem Spind den

Schutzanzug und zieht diesen über. Elaine macht es ihm

nach und der Rundgang geht weiter. Einmal in die Desinfektionswanne

steigen, bis zehn zählen und den Raum

betreten, nebenbei die Hände desinfizieren. Auf der

Infektionsstation sind zwei Hunde, eine Katze, ein Fuchs

und ein Marder untergebracht.

»Wieso sitzt hier ein Fuchs und auch noch ein Marder? Ich

bin bislang im Glauben gewesen, dass hier nur Haustiere

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ehandelt werden und keine Wildtiere«, hinterfragt Elaine

sofort. Martin nickt und antwortet wahrheitsgemäß.

»Stimmt, im Normalfall nehmen wir nur Haustiere auf,

aber in diesem Fall geht es nicht anders. Die beiden Tiere

leben auf einem Bauernhof, sie haben sich dort hingezogen

und eingenistet. Sind also an den Menschen gewöhnt

und ein neuer Forstmitarbeiter war etwas übereifrig, hat

ohne Hintergrundwissen sofort Tollwutalarm ausgelöst.

Da die Bewohner des Bauernhofes aber versichert haben,

dass die Tiere in Ordnung sind, konnte der Amtstierarzt

überzeugt werden und hat sie hier eingewiesen. Jetzt sitzen

die beiden hier in den Boxen seit vierzehn Tagen

zur Beobachtung. Die Inkubationszeit beträgt zwei bis

acht Wochen bei Tollwut, also sind die beiden noch

eine lange Zeit bei uns. Man kann zwar nicht mit ihnen

kuscheln, aber sie sind zumindest so weit an den Menschen

gewöhnt, dass wir ohne Probleme die Käfige reinigen,

Wasser und Futter hinstellen können. Wenn sie total

wild wären, hätte man sie leider töten müssen. Du wirst

hier die nächsten Wochen nicht alleine arbeiten, wenn

du die Station betreten musst, dann halte dich bitte an

Herrmann. Denn auf dieser Station ist oberste Vorsicht

geboten!« Elaine notiert sich auf dem Lageplan, welche

Person sie ansprechen muss für welche Station.

»Los, komm, wir gehen noch einen Kaffee trinken,

dann können wir noch ein wenig diskutieren. Gegen

dreizehn Uhr ist Mittagspause und bis dahin haben wir

noch eine Stunde Zeit«, sagt Martin und geht schon in

Richtung Spind, um den Schutzanzug auszuziehen und

zu desinfizieren.

Im Personalraum schenkt Elaine für Martin und sich einen

Kaffee ein und geht in Gedanken noch einmal alles durch,

bis sich die wispernde Stimme wieder zu Wort meldet.

›Merke dir ganz genau, was Martin dir sagt. Es ist sehr

wichtig, damit du in der Lage bist, uns Tiere richtig zu

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ehandeln, und weißt, wie du mit uns umgehen musst,

damit wir glücklich und zufrieden sind! Ansonsten wirst

du ein ziemlich unruhiges Leben haben.‹

Verzweifelt schüttelt Elaine den Kopf. Sie will diese

Stimme nicht mehr hören, aber sie weiß nicht, wie sie

diese verscheuchen oder ignorieren kann. Martin bemerkt

Elaines verzweifeltes Kopfschütteln, sagt aber nichts dazu

und nimmt ihr den Kaffee ab. Dann erklärt er ihr einen

normalen Arbeitsablauf, wie er täglich zu absolvieren ist.

»Du bekommst eine Kurzbeschreibung von mir, damit

du dir das notieren kannst. Sieben Uhr ist Dienstbeginn

in dem dir zugewiesenen Stall. Um acht Uhr wird

die Anmeldung geöffnet, da werden schon die ersten

Patienten angenommen. Gegen halb neun beginnt die

Behandlung auf den Stationen, die geht erfahrungsgemäß

bis um neun Uhr. Danach hast du eine halbe Stunde

Pause. Sollte die Behandlung auf der Station länger dauern,

verkürzt sich leider deine Pause. Dann hast du nur

fünfzehn Minuten, die ist aber auf jeden Fall einzuhalten.

Mit anderen Worten, wenn die Behandlung bis um halb

zehn geht, hast du eine Viertelstunde Pause und gehst

erst dann wieder deiner normalen Arbeit nach. Nach der

Pause geht jeder an die ihm zugewiesene Arbeit. Andreas

kümmert sich um die Stationsbereiche und das Füttern.

Riccardo ist nur für die Narkosestation zuständig. Sven,

Peter, Bernd, Jörg, Matthias und ich sind für die Behandlung

vormittags eingeteilt. Wer die Stationen betreut,

erfährst du nach und nach. Herrmann ist vormittags für

die Spaziergänge und die direkte Pflege der Tiere verantwortlich.

Um dreizehn Uhr ist dann Mittagspause

für eine Stunde, danach werden die Tiere noch einmal

versorgt. Das dauert ungefähr siebzig Minuten. Um halb

vier ist dann regulär Feierabend für den Tag. Hast du dir

das alles notiert?« Elaine bejaht und schreibt die letzten

Worte auf.

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»Die Behandlung findet in dem dazugehörigen Stations-Behandlungsraum

statt, oftmals wird auch direkt

auf der Station behandelt, wenn es Kleinigkeiten sind

wie Tablettengaben. Eine eiserne Regel gibt es, was das

Tragen der Tiere oder Futtermittel angeht. Tiere über

vierzig Kilogramm müssen mit einem zweiten Mann

gehoben werden. Für dich gilt: Tiere über zwanzig Kilogramm

wirst du nur mit einem Kollegen tragen. Zweite

wichtige Regel, du darfst nicht an bissige und aggressive,

auch griffige genannt, Tiere heran. Auch dann holst du

einen anderen ausgebildeten Pfleger. In den OP-Bereich

dürftest du theoretisch jetzt schon, aber da ist die Röntgenabteilung

direkt angeschlossen und die darfst du erst

betreten, wenn du volljährig bist. Bitte halte dich daran,

sonst droht dir eine Abmahnung«, erklärt Martin weiter.

»Damit wären wir also mit dem Wichtigsten durch,

dennoch zeige ich dir noch einen Raum vor der Mittagspause.

In dem arbeite ich normalerweise vormittags,

aber für heute wurde der geschlossen.« Er steht auf, geht

aus dem Raum und in Richtung Haupteingang. Elaine

eilt ihm hinterher und versucht, sich den Weg zu merken.

Direkt neben den Spinden ist eine weitere Tür, die

Elaine noch nicht durchschritten hat. Martin geht durch

die besagte Tür und sie entdeckt einen weiteren Behandlungsraum,

der gegenüber einen zweiten Ausgang hat.

»Diese Tür«, sagt Martin und deutet mit dem Finger

darauf, »führt direkt zum Parkplatz. Extrem griffige Tiere

oder akute Notfälle, die sofort behandelt werden müssen,

werden hier hereingeholt und behandelt, deswegen gibt

es kein Wartezimmer und liegt im geschützten Bereich.

Die Wege zum Röntgen, Labor und in den OP sind von

hier aus sehr kurz.«

»Ah«, entschlüpft es Elaine, »weil es hier einen zweiten

Fluchtweg gibt, werden hier sehr griffige Tiere behandelt,

richtig?«

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Martin bestätigt die Frage mit einem Nicken und

schaut auf die Uhr.

»Es sind noch zwanzig Minuten Zeit bis zur Mittagspause.

Die werden wir doch nutzen. Ich zeige dir jetzt

noch die Futterkammer.«

Auf dem Weg dorthin erklärt Martin ihr immer mehr.

»Um zur Futterkammer zu gelangen, müssen wir einmal

um das Gebäude herumgehen. Für die tägliche Fütterung

ist es zwar ein Nachteil, aber wir bekommen zweimal

die Woche frisches Futter und damit die Tiere nicht

gestört werden, liegt die Kammer weit entfernt von den

Stationen.«

Bei der Futterkammer angekommen, staunt Elaine nicht

schlecht. Vom Discounterfutter bis hin zu sehr hochwertigen

Futtermitteln ist alles vorhanden. Für Hunde, Katzen,

Hamster, Mäuse, Ratten, Kaninchen, Meerschweinchen

und Chinchillas. Da nimmt sie ein Schmatzen an

ihrem Ohr wahr. Als sie den Kopf in diese Richtung dreht,

erschrickt sie und schreit auf: »Aaahhh!« Martin fährt zu

ihr herum und schaut sie verwundert an, sie zuckt nur

leicht mit den Schultern und entschuldigt sich.

»Ich hab mich wohl vor einem Schatten erschreckt,

nichts Schlimmes.« Sie schaut wieder auf ihre Schulter

und sieht gegen eine Wand, aber das schmatzende

Geräusch bleibt. Ihr Herz rast.

›Ein Himmelreich für mich! Hier kann ich mich richtig

satt fressen, ohne dass es auffallen würde. Ich könnte

gleich hierbleiben.‹ Elaine hat das Gefühl, sehr hohes

Fieber und Halluzinationen zu haben. Sie hat etwas gesehen:

Halb durchsichtig saß auf ihrer Schulter ein Chinchilla

und diesem gehört diese schmatzende, wispernde

Stimme. Sie fiebert dem Ende des Tages entgegen. Elaine

will ihrer Großmutter, zu der sie ein sehr enges Verhältnis

hat, von dem Erlebnis erzählen. Auf einmal hört sie

neben sich Martins sorgenbeladene Stimme.

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»Elaine, du bist sehr blass. Geht es dir gut? Wir haben

jetzt Mittagspause, aber du wirst gleich nach Hause

gehen. Du warst heute den ganzen Tag so aufmerksam,

dass wir bereits alles besichtigt haben. Auch habe ich dir

alle wichtigen Erklärungen und Anweisungen geben

können. Los, geh dich umziehen und dann ab nach

Hause, ich wünsche dir einen schönen Feierabend.«

Über diese unerwartete Besorgnis von Martin wundert

sich Elaine in diesem Moment nicht, sie ist einfach nur

dankbar für sein Verständnis.

»Danke, Martin, den wünsche ich dir auch und danke,

dass ich heute so früh gehen darf. Ich habe eine Menge

Informationen zu verarbeiten und in meinem Kopf

schwirrt es ein wenig«, erwidert Elaine hastig, geht mit

eiligen Schritten zu ihrem Spind und holt ihre Tageskleidung

heraus. Nur noch schnell umziehen und dann ab

zur Stadtbahn Richtung Heimat.

Zu Hause geht Elaine direkt zu ihrer Großmutter und

erzählt ihr aufgeregt von ihrem ersten Tag. Diese hört mit

leuchtenden Augen zu, erstarrt aber, als Elaine ihr mit

einem verzweifelten Unterton von der Stimme erzählt.

›Hier läuft gerade etwas ganz gehörig schief‹, denkt

sich die Großmutter und holt tief Luft. »Elaine, komm

mal her und setz dich bitte zu mir.«

Sie weiß, dass jetzt ein ganz wichtiger Lebensabschnitt

auf das Mädchen zukommt und damit ist nicht Elaines

berufliche Ausbildung gemeint.

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Über die Autorin

Anfangs sollte es ein Hobby sein, ein

Ausgleich zu einem anstrengenden

Beruf - dann aber machte sie mehr

daraus. Ihr Pseudonym Bibi Rend hat

eine Geschichte. Es ist ein Andenken

an ihre verstorbene Großmutter.

Geboren und aufgewachsen in dem

schönen Fuhrberg verschlug es sie

für einige Jahre in die Nachbarstadt Burgdorf. Dort lebte

die Mittvierzigerin mit ihrem Mann und ihrer doch recht

eigensinnigen Katze rund zehn Jahre. Ihr Herz zog sie

zurück in ihr Geburtshaus, in dem sie jetzt mit ihrem

Mann und ihrer Katze lebt.

Ihren Brotjob gab sie auf und machte sich selbstständig.

Heute kümmert sie sich mit Herz und Verstand um

die Werke ihrer Kollegen.

Mehr über die Autorin:

http://www.bibi-rend.de

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