Leseprobe Winterhof - Sameena-Jehanzeb

nadineskonetzki

»Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.«

Von klein auf liebt Kora den Schnee und den Winter. Seine eisige Umarmung gibt ihrem kranken Herzen das Gefühl, im richtigen Takt zu schlagen. Je älter Kora wird, desto weniger Schnee gibt es in ihrem Leben. Die Welt wird wärmer, die Umweltkatastrophen verheerender und schon bald muss Kora den Winter suchen. Schließlich findet sie ihn in einem kleinen Dorf, in dem der Legende nach die Schneekönigin wohnt. Als sie tatsächlich auf diese trifft, stellt die Königin des Winters sie vor eine Entscheidung, bei der Kora nur verlieren kann – ganz gleich, welche Wahl sie trifft.

»Es geht mir gut.« Kora lächelte und legte ihm in einer

beruhigenden Geste eine Hand auf den Schenkel. Ben griff

danach, hob sie an seine Lippen und küsste die kühlen

Fingerspitzen.

»Gut«, meinte er mit einem Nicken, ohne die Straße

aus den Augen zu lassen.

Kora warf einen Blick in den Rückspiegel und fand

darin die Gesichter ihrer beiden Töchter. Auf den ersten

Blick sahen sie ihr ähnlicher als Ben, mit den nussbraunen,

glatten Haaren und den grauen Augen. Aber ihre

Gesichtszüge und die Form ihrer Münder glichen denen

ihres Vaters sehr. Auch die Art, wie Jonna beim Lachen

halblaut grunzte oder wie Elin die Fingerspitzen ihrer

rechten Hand in rascher Abfolge aneinander tippte, wenn

sie tief in Gedanken versunken war, spiegelte Ben in ihnen.

Kora schaltete das Tablet aus und schaute stattdessen

wieder auf den schmierigen Rest des Insekts, dem Ben gerade

mit Scheibenwischwasser zu Leibe rückte.

»Ein Moskito so weit im Norden und zu dieser Jahreszeit«,

murmelte sie mit einem angeekelten Blick auf das

Geschmier, das sich Bens Reinigungsversuchen hartnäckig

widersetzte. »Das Klima ist völlig außer Rand und Band.«

»Ein einzelner Moskito macht noch keinen Weltuntergang.

Vielleicht war es ja auch ein unschuldiger Käfer.«

»Käfer saugen kein Blut.« Und machte das überhaupt

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