Die Federsammler - Der Zwilling

federsammler

von Jugendlichen

für Jugendliche

Krimi

Federsammler

Der Zwilling


2

Impressum

Die Federsammler

Der Zwilling

1. Auflage 2018

©KlangbildVerlag, Jena

Herausgeber: Bundespolizeidirektion München

Ein gemeinsames Projekt der Bundespolizeidirektion München, Bundespolizeiinspektion Nürnberg

(Polizeiliche Kriminalprävention); Jugend will ... gemeinnützige GmbH Jena

Konzept & Projektleitung: Polizeihauptmeister Maik Kaiser, Polizeihauptmeister Norbert Keuchel,

Antje Hübner (Jugend will)

Der Zwilling

Die Jung-AutorInnen aus dem Geschwister-Scholl-Gymnasium Röthenbach bei Nürnberg:

Michael Banovici, Nadine Bayer, Aylin Berkil, Lea Braeske, Tobias Dammann, Sophia Neudecker, Leonie Reiche,

Svenja Rößeler, Celin Stolzenwald

Redaktion/Werkstattleitung: Polizeihauptmeister Maik Kaiser, Polizeihauptmeister Norbert Keuchel,

Antje Hübner, Annika-Susann Leicht, Stefanie Bretzner

Lektorat: Antje Hübner

Illustration & Satz: Maria Suckert; Antje Hübner

Umschlag: Maria Suckert, Weimar

Gedruckt in Deutschland bei Förster & Borries GmbH & Co. KG, Zwickau

Der Abdruck der Geschichten erfolgte mit freundlicher Genehmigung der Urheber und ihrer Erziehungsberechtigten.

Vielen Dank!

Die Handlungskulissen der Geschichte sind reale Orte. Die Handlung selbst sowie in Verbindung stehende

Personen und Namen sind frei erfunden.

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-9819213-2-8

www.jugend-will.de


4

INHALT

1. Wie alles begann ...

2. Auf Streife

3. Die Stadtbesichtigung

4. Einer dreht durch

5. Onkel Vitali

6. Einer aufgeklärt

7. Zuhause (bei Vitali)

8. Auch das noch!

9. Zwei aufgeklärt

10. Unfassbar

11. Zu zweit

12. Später

S. 7

S. 34

S. 44

S. 48

S. 58

S. 62

S. 70

S. 84

S. 93

S. 96

S. 101

S. 107

Herzlichen Dank

S. 110


6 7

WIE ALLES BEGANN...

Wie alles begann

Vitali und Annabell genossen den Abend. Die untergehende Sonne spiegelte

sich auf der Wasseroberfläche des Starnberger Sees. Vitalis Blick ging

über den See während die Bundespolizistin in ihrer Tasche kramte.

„Ok, hast du die Unterlagen dabei?“, fragte Vitali seine Tochter.

Er war sehr nervös. Er hatte bis spät in die Nacht an der Reparatur eines

Helikopters gearbeitet, sodass am Morgen alle Maschinen planmäßig starten

konnten. Doch seine Anspannung kam nicht daher.

Morgen würde sein Neffe Fietje zu Besuch kommen. Er hatte ihm eine

wichtige Mitteilung zu machen.

Vitali hatte ein intelligentes und offenes Wesen. Das hatte ihm sein Freund

aus St. Petersburg einmal gesagt. Der legere Typ mit dem Cord-Sakko liebte

Bücher über alles. Seine Leinenhose trug er immer ohne Gürtel.

So etwas war ihm lästig und außerdem war er modebewusst.

Auf ein Accessoire konnte er aber nicht verzichten. Selbstsicher trägt

er sein Basecap, trotz seiner 53 Jahre. Durch seine Tochter ist er jung

geblieben. Zum Glück blieb sie bei ihm nachdem seine Frau ihn für so einen

Finanzfritzen im Stich ließ. Und dieser hatte nicht einmal so volle und

dunkle Haare wie er.

Bundespolizei allgemein und als Arbeitgeber

Die Bundespolizei beschäftigt rund 41.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Jeder einzelne von ihnen

leistet einen Beitrag dazu, Deutschland und Europa sicherer zu machen. Als dem

Bundesministerium des Innern unterstellte Behörde ist die Bundespolizei für viele anspruchsvolle

und abwechslungsreiche Aufgaben zuständig. Dabei arbeitet sie eng mit den Landespolizeien und

anderen Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern zusammen. Auch grenzüberschreitende Einsätze

- zum Beispiel bei internationalen Missionen der Vereinigten Nationen oder der EU - gewinnen

immer mehr an Bedeutung.

www.bundespolizei.de | www.komm-zur-bundespolizei.de

Annabell wollte heute von der Arbeit Unterlagen mitbringen, um ihren

Cousin Fietje über das Berufsbild des Polizeivollzugsbeamten in der

Bundespolizei und die vielen Spezialisierungsmöglichkeiten zu informieren.

Er hatte sie deswegen angerufen und sie darum gebeten.

Fietje war vor kurzem bei der Wanderausstellung „Prävention trifft Kunst",

bei der er sich Projekte aus der Präventionsarbeit der Bundespolizei angesehen

hatte. Besonders gut hatte ihm das „Coolrider“-Projekt mit dem

Motto „Hinschauen statt wegschauen“ gefallen.

Noch am gleichen Tag konnte er selbst zwei „Coolrider“ beobachten. Die

beiden Fahrzeugbegleiter sorgten dafür, dass eine Oma einen Sitzplatz in

der S-Bahn bekam. Fietje war begeistert, wie zwei Jungs in seinem Alter

so viel Zivilcourage in einem vollbesetzten Abteil zeigten. Das Coolrider-

Projekt hatte scheinbar dazu beigetragen. Da ihm seine Cousine auch schon

von spannenden Einsätzen bei ihrer Arbeit erzählt hatte, kam er auf die

Idee, selbst zur Bundespolizei zu gehen. Nun war er auf dem Weg zu seinem

Onkel und seiner Cousine. In den Herbstferien wollte er schon einmal

etwas sortieren, wie es bei ihm weitergehen könnte.


8 9

WIE ALLES BEGANN...

WIE ALLES BEGANN...

„Na klar, was denkst du denn?“, antwortete Annabell ihrem Vater etwas

schnippisch und legte Flyer und Broschüren auf den Tisch.

Vitali war schon wieder in Gedanken versunken. Das mit Fietje war längst

überfällig.

„Schau doch jetzt mal her!“, fuhr Annabell ihren Vater genervt an. Erst

machte er so einen Stress und jetzt ignorierte er sie.

Vitali starrte störrisch auf den See. Annabell kochte vor Wut. Sie hatte

auch einen anstrengenden Tag gehabt. Heute wurde mal wieder ein Messer

gezogen und es gab viel Blut. Auch der Notarzt musste kommen. Es hatte

ihr gerade noch gefehlt, dass ihr Vater jetzt nicht zuhörte. Nach Minuten

langem Schweigen meinte Vitali: „Denkst du, es wird gutgehen, wenn Dennis

und Fietje sich morgen treffen?“

Ach, daher wehte der Wind! Ihr Vater machte sich Sorgen um Fietje. Dennis

wusste ja schon, dass er einen Zwillingsbruder hatte. Aber Fietje war bis

jetzt absolut ahnungslos. Ihr Vater wollte morgen eine Familienzusammenführung

starten. Annabell hoffte sehr, dass sich Dennis wenigstens dieses

Mal anständig benehmen würde.

Immer, wenn ihr anderer Cousin da war, brannte die Luft. Und leider war

er häufig da. Fietje würde so oder so Schwierigkeiten haben, damit klar zu

kommen. Bei seinem zarten Gemüt. Fietje war ganz anders als sein Bruder.

Annabell beobachtete ihren Vater.

Sein Blick hing immer noch auf dem See. Er war schon immer ein ruhiger

und belesener Typ gewesen. In letzter Zeit hatte er sich aber mehr und

mehr zu seinen Büchern zurückgezogen. In Russland war er Lehrer an der

Lomonossow-Universität Moskau gewesen. Nur wegen ihrer Mutter siedelte

er nach Deutschland um. Blöd, dass auch sie jetzt weg war. Sein Abschluss

wurde damals in Deutschland nicht anerkannt. Somit: Adé Bücher und Philosophie!

Einzig seine Leidenschaft für Helikopter und Modellflugzeuge

hatte ihm den Mut gegeben, noch einmal ganz

neu anzufangen.

Mit 30 Jahren hatte er eine Lehre zum Fluggerätemechaniker

in Erding begonnen. Während der Ausbildung

nahm er an einer Exkursion zur Fliegerstaffel Oberschleißheim

teil. Die dort aufgereihten Helikopter

hatten sein Herz höher schlagen lassen. Kurz

entschlossen bewarb er sich bei der Bundespolizei

und bekam den Job. Die Philosophie

vermisste er immer noch, auch, wenn ihm die

Arbeit als Mechaniker bei der Fliegerstaffel

sehr viel Spaß machte.

Aufgabe Präventionsbeauftragte: Coolrider-Projekt

Wanderausstellung

Die Bundespolizeidirektion München initiiert seit 2015 eine Wanderausstellung "Prävention trifft Kunst".

Im Rahmen dieser Wanderausstellung präsentiert die Bundespolizei kleine und große Kunstwerke, die

während oder nach den Präventionsveranstaltungen angefertigt wurden. Die Künstler wurden in ihrer

kreativen Phase und auch danach von unseren Präventionsbeauftragten begleitet und beraten. Ausstellungorte

waren u. a. das Bundeskriminalamt in Wiesbaden, der Deutsche Präventionstag in Magdeburg,

der Flughafen München und die Gemeinde Cumiana in Italien.

Das Coolrider-Projekt ist ein Projekt der VAG (Verkehrs-Aktiengesellschaft

Nürnberg) und gehört zu den Produkten der Polizeilichen

Kriminalprävention "Ausbildung von Schulwegbegleitern".

Coolrider sind Fahrzeugbegleiter, die im Großraum Nürnberg,

Regensburg, Augsburg und Aschaffenburg ausgebildet werden.

Unter dem Motto: "Hinschauen statt wegschauen" zeigen Coolrider

Zivilcourage, wo andere nur danebenstehen. Dazu gehört

natürlich Mut und Selbstbewusstsein. In der Ausbildung lernen

Coolrider Konflikte zwischen anderen Schülern gewaltfrei zu

lösen.

www.coolrider.de | www.coolrider-freunde.de


10 11

WIE ALLES BEGANN...

WIE ALLES BEGANN...

Vitalis Wecker klingelte wie üblich um 6:00 Uhr. Eine Stunde brauchte er fürs

Frühstück und den Rest. Danach fuhr er nach Oberschleißheim. In Gedanken

war er wieder bei Fietje und Dennis. Die Zwillinge wurden direkt nach der

Geburt zwischen den Eltern aufgeteilt. Vitalis Schwägerin, die Mutter, war

außer sich. Georg, der Vater, wollte ihr nach der Trennung nicht beide Kinder

lassen. Fietje sollte bei ihr in Jena aufwachsen und Dennis nahm Georg

einfach aus dem Krankenhaus mit zu sich nach Erlangen. Er hatte darauf

bestanden, dass jeder von ihnen ein Kind bekommt. Vitali packte das Lenkrad

jetzt fester: „Die beiden sind Zwillinge. Das war doch nicht richtig! Sie hätten

sich wenigstens kennenlernen und ab und an mal sehen sollen.“

Er bog in die Einfahrt zur Bundespolizei-Fliegerstaffel ein.

Das Sicherheitstor öffnete sich für ihn automatisch. Hinter ihm erstreckte

sich ein dichter Wald. Vor ihm stand das „Downwash“ Kunstwerk, was von

der Morgensonne angestrahlt wurde. „Kunst am Bau – so etwas kriegen

nur die Deutschen hin!“, brummte Vitali schlecht gelaunt. Seit Februar 2016

stand hier dieses moderne Fliegerstaffelgebäude. Seitdem hatten es die

Mechaniker leichter. Die Hallen waren hell und weitläufig. Die Kollegen hatten

genügend Raum, um sich um ihre „Helis“ zu kümmern. Meist waren sie zu

acht an einem Hubschrauber am Werk. Die tägliche Überprüfung machten

die Piloten selbst. Aber regelmäßig mussten sich die „Pirol“-Helikopter einer

größeren Kontrolle unterziehen oder repariert werden. Dafür waren er und

seine Kollegen da.

Bundespolizei-Fliegerstaffel

Der Dienststelle der Bundespolizei-Fliegerstaffel (FLS) wurde jeweils ein bestimmtes örtliches

Zuständigkeitsgebiet zugewiesen. Vergleichbar ist dies mit den Gebietsaufteilungen bei den

Bundespolizeiinspektionen. Eine FLS hat i.d.R. aufgrund der großen räumlichen Ausdehnung weitere

Stützpunkte (vgl. Bundespolizeireviere) und Luftrettungsstationen. In Deutschland gibt es fünf

Fliegerstaffeln.

Pirol

Der Pirol ist ein Vogel und Wappentier der Bundespolizeifliegergruppe (BPOLFLG).

Auch ist er in Verbindung mit einer Kennnummer der Funkrufname der BPOL-Fliegerstaffel

(z.B. "Pirol 240").


12 13

WIE ALLES BEGANN...

WIE ALLES BEGANN...

Als Vitali auf den Eingang zuging, kamen ihm 2 Piloten entgegen. Von 120 Leuten

gab es 20 zivile Mitarbeiter wie Vitali. Er war stolz, zu dieser auserwählten

Gruppe zu gehören. Die beiden Bundespolizisten waren noch jung. Lisa und

Fabian. Er mochte besonders Fabian sehr. Seine Puma hatte Vitali ständig am

Wickel und Fabian kam oft, um zwischendurch nach seinem „Babe“ zu sehen.

Die jungen Piloten hatten eben eine emotionale Beziehung zu ihren Hubschraubern.

„Bei denen ist noch „PS unterm Pony“, dachte Vitali schmunzelnd. Lisa

und Fabian wetteiferten immer mit den Daten ihrer Helis wie bei einem Auto-

Quartettspiel. „Meiner hat dies und meiner hat das ...“

Schick sahen die beiden heute Morgen in ihrer Fliegerkombi aus. Die Sonne

schien auf ihre stolzen Gesichter, man hörte nur das Rauschen der A99.

Sonst war es mucksmäuschenstill auf dem Gelände. Fliegerkombis hatte

jeder 5, die zogen sie im Grunde täglich an. Aber auch 2 Dienstanzüge hingen

zuhause. Einer für gut und einer für besser. Vitali lächelte bei diesem Gedanken.

Aber seine Laune hob sich noch nicht sonderlich. Das entging auch

Lisa nicht.

„Na, Vitali, was ist denn heute mit dir los? Ist dein Dennis wieder im Anflug?“

„Wie recht du hast. Erinnere mich nicht daran! Ab heute Nachmittag wird mir

dieser Bengel wieder das Leben schwer machen.“

„Ach, Vitali, meine Puma steht doch schon zum Trost für dich bereit“, lächelte

ihm Fabian entgegen.

AS332 L1 Super Puma

Mittlerer Transporthubschrauber (MTH) mit einer Höchstabflugmasse von 8,6t (Zuladung ca. 3t)

und einer Triebwerksdauerleistung von ca. 2x 1.600 PS. Er wird zum Transport von Einsatzkräften

(bis zu 18 Fluggäste) und VIPs (z.B. Bundeskanzler) sowie für Aufgaben mit Außenlasten (z.B. Windenrettung

im Gebirge / bei Hochwasser, Feuerlöschen bei großflächigen Bränden oder in schwer

zugänglichen Geländen wie Gebirgen und zum Transport von großen und schweren Gegenständen

am Lasthaken unterhalb der Maschine) eingesetzt.

Fliegerkombi/Dienstanzüge

Es gibt Besonderheiten, wann welche Dienstkleidung getragen wird.Die Fliegerkombi ist die Einsatzuniform

für Besatzungsmitglieder, flammhemmend und mit vielen Taschen versehen. Sie wird

im Flug- und Staffeldienst getragen.Den "normalen blauen Dienstanzug" trägt man bspw. bei Dienstreisen

und offiziellen Anlässen.

Pilot

Zu den Aufgaben der Piloten gehören:

• Flugvorbereitung (Wetter, NOTAMs, Hubschrauber, Ausstattung, Briefing…)

• Flugdurchführung

(Steuerführung, Navigation, Sprechfunk, Systemüberwachung, Gesamtverantwortung…)

• Flugnachbereitung (Debriefing, Hubschrauber, Ausstattung, Buchführung)

• selbstständige theoretische Fortbildung- und Weiterbildung

zivile Mitarbeiter

Sie sind Verwaltungsangestellte im Innendienst.Es gibt auch zivil angestellte Hubschraubermechaniker.

Sie haben jedoch keine polizeiliche Ausbildung. Diese ist für die Wartung der Polizeihubschrauber

nicht nötig. So kann man weiteres Fachpersonal gewinnen.


14 15

WIE ALLES BEGANN...

WIE ALLES BEGANN...

Er war ein smarter Typ. Der reinste Sonnenschein. Auch Angela Merkel

mochte den jungen Piloten für ihre Flüge von Termin zu Termin.

Vitali ging ohne ein weiteres Wort an den beiden vorbei in seine Halle. Lisa

und Fabian schauten ihm besorgt hinterher. Fabian ging nun zur Tagesordnung

über: „Ich gehe mal meine Notam checken.“

Während er sich seine Arbeitsmontur überstreifte, dachte Vitali:

„Hoffentlich muss ich heute nicht länger machen. Es wäre eine Katastrophe,

wenn sich die beiden Jungs alleine über den Weg laufen! Wie soll ich Fietje

das alles nur erklären?“

NOTAM: "Notice to Airmen"

Kurzfriste und temporäre Bekanntmachungen

für Piloten, die für eine sichere Flugdurchführung

wichtig sein können, z.B.

Draußen hob gerade eine EC 135 ab. Das ARD/ZDF Morgenmagazin hatte sich

für Filmaufnahmen angemeldet. Sie wollten nächste Woche eine Live-Schaltung

zur Fliegerstaffel starten. Jetzt machten sie Probe-Aufnahmen aus

dem Heli heraus. Sonst war es heute sehr ruhig, fast gespenstisch still. In

der Halle standen nur noch 2 Hubschrauber zum Reparieren und 2, die Pause

hatten. Alle anderen waren im Einsatz. Das war in letzter Zeit öfter so. Die

Welt musste ständig gerettet werden.

Überwachung der Bahnanlagen und Grenzen, Hilfe bei Bahnunfällen, Katastrophen-Einsätze,

VIP-Transport und Einsatzkräfte zu Demos bringen.

Die letzten Monate waren entsetzlich voll. Was war nur mit den Menschen

los?

• Schließung eines Flugplatzes

• Einrichten einer Flugbeschränkungszone, in

die man nicht ohne weiteres einfliegen darf

(z.B. während des Oktoberfestes in München)

• Wartungsarbeiten an Flugplätzen oder

Funknavigationsanlagen

• Errichten von Flughindernissen

E 135

Aufklärungs- und Beobachtungshubschrauber (ABH) mit einem max. Abfluggewicht von 2.950 kg

(Zuladung ca. 900 kg) und einer Triebwerksdauerleistung von ca. 2x 600 PS. Er ist der typische

Polizei- und Rettungshubschrauber.

Im Polizeiflugdienst wird er zur Aufklärung und Absuche nach Personen oder Fahrzeugen eingesetzt.

Er kann bspw. auch zum schnellen Transport von Führungskräften oder Diensthunden

eingesetzt werden.


16 17

Aufgaben des Bundespolizei

Flugdienstes

Überwachung der Bahnanlagen,

Transport von Polizeikräften,

Suche nach vermissten

Personen, Suche nach

flüchtigen Straftätern, Hilfe

bei schweren Unglücks- und

Katastrophenfällen im In- /

Ausland, Überwachung der

Grenzen, Beförderung sicherheitsgefährdeter

Personen,

Beförderung von Gästen der

Bundesregierung, Unterstützung

von Behörden des

Bundes und der Länder, Unterstützung

des Luftrettungsdienstes.


18 19

WIE ALLES BEGANN...

WIE ALLES BEGANN...

„Liebe Fluggäste, in Kürze erreichen wir den Münchner Flughafen ‚Franz

Josef Strauß’. Bitte stellen Sie ihre Sitze aufrecht und schnallen Sie sich an!

Wir beginnen in wenigen Minuten mit dem Landeanflug. Wir bedanken uns

für Ihr Vertrauen und wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in

München.“

Fietje spürte, wie seine Aufregung langsam stieg. „Wie wird es wohl? Werde

ich mich immer noch mit Vitali verstehen? Wir haben uns so lange nicht

mehr gesehen und er wirkt immer so nachdenklich, wenn er mich anschaut.

Ob Annabell schon Polizeioberkommissarin ist? Sie ist gerne auf Streife

gegangen, aber sie wollte doch in den Ermittlungsdienst wechseln“, dachte

Fietje und schaute aus dem Fenster auf München hinunter. „Hoffentlich zeigen

mir Annabell und Vitali die Stadt. Aber was, wenn sie keine Zeit haben?

Auf der anderen Seite hätten sie mich ja nicht eingeladen, wenn sie keine

Zeit hätten, oder?“

In diesem Moment setzten die Räder des Flugzeuges auf der Landebahn auf

und ein Kribbeln durchlief ihn. Als es zum Stehen kam und die ersten Passagiere

mit ihrem Handgepäck das Flugzeug verließen, schnappte sich auch

Fietje seinen Rucksack und machte sich auf den Weg zur Passkontrolle. Dort

angekommen ließ er vor Nervosität seinen Reisepass fallen und schaffte es

erst beim zweiten Anlauf, dem Polizisten seinen Pass mit zitternden Händen

zu übergeben. Dieser musterte ihn eingehend.

Ermittlungsdienst

Kriminalitätsbekämpfung > ein Haar, ein Fingerabdruck, jede noch so widersprüchliche Aussage: Wenn

die Bundespolizei einem Straftäter auf der Spur ist, zählt das kleinste Detail. Die Beamtinnen und Beamten

der Kriminalitätsbekämpfung sind im Einsatz, um Straftaten zu verhindern und zu verfolgen. Dabei

bekämpfen sie unter anderem organisierte Schleuserbanden, die Menschen ohne erforderliche Aufenthaltstitel

aus dem Ausland illegal nach Deutschland bringen.

Polizeioberkommisar/-in

Im Polizeidienst der Bundespolizei gibt es insgesamt drei Laufbahnen, den mittleren, den gehobenen

und den höheren Dienst. Polizeioberkommissarin ist eine Amtsbezeichnung im gehobenen Polizeivollzugsdienst.

Der Vorbereitungsdienst für den gehobenen Polizeivollzugsdienst dauert drei Jahre.

Seit September 2010 absolviert unser Nachwuchs seinen Vorbereitungsdienst in einem modular gegliederten

Diplomstudiengang unter dem Dach der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung.

Theoretische und praktische Studienabschnitte wechseln sich ab und orientieren sich an den Bachelorkriterien.

Passkontrolle

Eine Passkontrolle ist ein Vorgang, bei dem die Identität der Person z.B. anhand eines Personalausweises

oder eines Reisepasses festgestellt werden soll. Die Kontrollen können an den unterschiedlichsten

Orten stattfinden.

Die Passkontrollen (Grenzkontrollen) am Flughafen werden von Bundespolizisten durchgeführt. Sie

überprüfen die Dokumente auf Echtheit und führen einen Abgleich mit dem Fahndungscomputer

durch. Hauptzweck der Grenzkontrolle ist, die illegale Einreise in ein Land zu verhindern.


20 21

WIE ALLES BEGANN...

WIE ALLES BEGANN...

Die Sekunden rannen dahin, während der Blick des Beamten zwischen Fietjes

Gesicht und dem Pass hin und her wanderte. Dabei entging ihm Fietjes Unsicherheit

nicht.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte der Polizist und gab ihm seinen Pass

wieder zurück.

„Ja, ja. Es war nur mein erster Flug alleine“, antwortete Fietje und steckte

seinen Pass schnell wieder ein.

Er lief weiter zu den Gepäckausgabebändern. Die Gepäckstücke der anderen

Reisenden drehten ihre Runden. Nur Fietje wartete auf seinen Koffer. Doch

dieser tauchte einfach nicht auf. Er sah sich um. Alle anderen machten sich

auf den Weg durch die Zollabfertigung. Es rumpelte und da war er endlich.

Er nahm seinen blauen Koffer vom Förderband und zog sein Skateboard aus

den Außenriemen. Aus seinem Rucksack holte er die Rollen und befestigte

sie wieder am Board.

Gerade als er in Richtung Zollkontrolle gehen wollte, kamen zwei Bundespolizisten

auf ihn zu.

„Guten Tag. Bitte folgen Sie uns! Wir möchten etwas bezüglich Ihres Gepäcks

klären“, sagte der größere Beamte.

Fietje erstarrte. Er hatte doch nichts falsch gemacht, oder? Er nickte,

obwohl er sich völlig überrumpelt und überfordert fühlte und er folgte den

Beamten.

Auf der Wache angekommen, baten die beiden Männer Fietje in einen

Vernehmungsraum. Dort sollte er seinen Koffer auf einen Tisch stellen.

Einer der Beamten verglich seine Identität mit den Angaben auf der

Boardkarte. Fietje war sehr beunruhigt und verstand gar nichts mehr.

„Können Sie sich vorstellen, warum Sie hier sind?“, fragte einer der Polizisten.

Der andere fügte hinzu: „Sind Sie schon volljährig? Wenn nicht, müssen wir

einen Ihrer Erziehungsberechtigten kontaktieren.“

„Nein, ich bin noch nicht volljährig. Aber können Sie bitte meine Cousine, Annabell

Vitalinowa Pawlow, kontaktieren? Sie arbeitet bei der Bundespolizei.

Und, ... wieso bin ich hier?“

Während einer der Polizisten den Raum verließ, um Fietjes Cousine anzurufen,

erklärte ihm der andere Polizist: „Sie sind hier, weil Ihr Koffer bei einer

Stichprobe aufgefallen ist.“

Wache

Die Polizeidienststellen werden als Inspektionen, Reviere oder Wachen bezeichnet und sind

meist für den Publikumsverkehr geöffnet. Dort wird auf eingehende Notrufe sofort reagiert

und man kann eine Anzeige aufgeben. Die Dienststellen gehören zu den organisatorisch

selbstständigen Behörden innerhalb der Polizeistruktur. Diese kann zwischen Bundes- und

Landespolizei abweichen.

Vernehmungsraum

Ein Vernehmungsraum ist neutral und ablenkungsfrei gestaltet. Vernehmungen werden dort

störungsfrei durchgeführt. Es dürfen keine Gefahrenquellen für vernehmende Beamte entstehen.

Stichprobe

Zollkontrolle

Die Zollkontrolle ist eine Überprüfung von Waren, Beförderungspapieren und Personen beim

Übertritt über eine Zollgrenze beziehungsweise direkt im Anschluss daran. Sie können an Grenzübergängen,

Flughafenterminals, im Zug, in Häfen und Flüssen oder auf der Autobahn stattfinden.

Für die Zollkontrollen ist die Zollbehörde verantwortlich.

Sobald der Reisekoffer am Schalter abgegeben wurde, kommt er auf eine Förderanlage.

Dabei wird er auch kontrolliert. Zum größten Teil läuft das automatisch ab. Die Maschine

erkennt, ob sich ein auffälliger Gegenstand im Koffer befindet. Wenn ja, wird das Gepäckstück

in mehreren Stufen geprüft. Falls die Maschine den Gegenstand immer noch nicht einordnen

kann, muss die Prüfung durch den Luftsicherheitsassistenten erfolgen. Findet dieser etwas

Verdächtiges, wird die Bundespolizei verständigt. Anschließend wird versucht, den Reisenden /

Eigentümer zu verständigen. Dieser kann evtl. Aufschluss über den Gegenstand bzw. die

Flüssigkeit im Koffer geben.


22 23

WIE ALLES BEGANN...

WIE ALLES BEGANN...

Fietje riss erschrocken die Augen auf.

„Und warum?“, fragte er als er sich wieder gefangen hatte.

„Wie gerade gesagt, werden hier am Flughafen stichprobenartig Gepäckstücke

überprüft. Beim Röntgen ist uns etwas aufgefallen. Was haben Sie in

Ihrem Koffer?“, fragte er Fietje.

Dieser überlegte und kratzte sich verlegen am Kopf.

„Klamotten, ein Notizbuch und Camping-Zubehör“, zählte Fietje auf.

„Machen Sie den Koffer bitte mal auf“, forderte der Beamte.

Fietje zog den Reißverschluss auf und sofort purzelten getragene Kleidungsstücke

heraus. Inmitten von Shirts lugte eine blaue Plastiktüte hervor.

„Öffnen Sie bitte auch die Tüte!“

Nickend löste Fietje die Henkel aus dem Knoten und förderte einen mit

schwarzen Bändern fixierten Camping-Kocher zu Tage.

„So etwas hatten wir auch noch nie. Ein Camping-Kocher, der beim Röntgen

als ein nicht zuzuordnender Gegenstand eingeordnet wurde“, lachte der

Bundespolizist. Fietje klappte die Kinnlade nach unten.

„Sie können Ihre Sachen wieder einpacken. Danke für Ihre Geduld und Ihr

Verständnis.“


24 25

WIE ALLES BEGANN...

WIE ALLES BEGANN...

Gerade als Fietje die letzten Socken nach dieser Fluggastkontrolle in den

Koffer stopfte, ging die Tür des Vernehmungszimmers auf. Als er aufsah

erkannte er Annabell. Seine Cousine trug eine helle Jeans und einen leichten

grauen Herbstmantel. Sie gab dem Bundespolizisten die Hand und drehte sich

dann zu Fietje. Sie schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der

Brust. „Was hatte ich dir zum Thema Urlaubsmitbringsel gesagt?“

Dann umarmte sie ihren Cousin herzlich. Beide freuten sich über das Wiedersehen.

„Ich kümmere mich um alles Weitere, Frank. Danke für den Anruf“, sagte

Annabell zu dem Polizisten, der hinter ihr im Türrahmen stand.

Sie kannten sich offensichtlich von der Arbeit. Sie zog ihren Mantel aus und

legte ihn über die Stuhllehne. Unter ihrem Pulli zeichnete sich ihre Dienstwaffe

ab. Frank übergab Annabell einige Papiere, mit denen sie nach nebenan

verschwand. Fietje befestigte das Skateboard an seinem Rucksack und stellte

den Koffer wieder auf den Boden.

„So, wir können. Ich habe hier deine Fahrkarte“, sagte Annabell und gab ihm ein

Bahn-Ticket. „Wo hast du den denn her? Bist du verheiratet?“, fragte Fietje

unvermittelt und deutete auf Annabells Ring.

Fluggastkontrolle

Die Fluggastkontrolle ist eine bundespolizeiliche Aufgabe. Zur Abwehr terroristischer Angriffe

auf den Luftverkehr, aber auch aufgrund stetiger Zunahme gewaltbereiter Passagiere, sind vorbeugende

Fluggast-, Gepäck- und Frachtkontrollen unverzichtbar. Die Einbeziehung und gleichmäßige

Behandlung aller Fluggäste gewährleistet ein Höchstmaß an Sicherheit.

Handgepäckkontrolle: Das geschulte Personal überprüft das Handgepäck – schnell, diskret

und dennoch gründlich.

Personenkontrolle: Körperscanner, Tor- und Handsonden sind die bewährten technischen

Mittel, um den Check aller Passagiere vor dem Abflug durchzuführen.

Reisegepäckkontrolle: Die Reisegepäckkontrolle findet mittels modernster Röntgentechnologie

vollautomatisch im Anschluss an den Check-In statt.

Dienstwaffe

Jede/-r Polizeivollzugsbeamte/-in hat eine

persönlich zugewiesene Dienstwaffe und

ist zum Führen ihrer/seiner Dienstwaffe

berechtigt. Der Schusswaffengebrauch ist

durch das Gesetz über den unmittelbaren

Zwang bei Ausübung öffentlicher Gewalt

durch Vollzugsbeamte des Bundes geregelt.


26 27

WIE ALLES BEGANN...

WIE ALLES BEGANN...

Der war ein Geschenk“, antwortete sie vage und wurde rot.

Schnellen Schrittes durchquerte sie den Raum und schlüpfte durch die Tür.

Fietje schulterte seinen Rucksack und folgte ihr. Auf dem Weg nach draußen

sah er ein Mädchen in der Schleuse stehen. Sie lehnte lässig am Tresen

und wirkte vollkommen fehl am Platz. Sie spielte mit einer ihrer Rastalocken

und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Bis er an Fietje hängenblieb.

Sie lächelte ihn an und ihre haselnussbraunen Augen strahlten. Als sie sich

die Strähne hinters Ohr strich konnte er einen Blick auf ihr Lederarmband

erhaschen.

Hinter ihm raschelte es. Im nächsten Moment hielt ihm Annabell ein

Taschentuch unter die Nase und flüstere in sein Ohr: „Hier, du sabberst.“

Fietje wurde rot und grummelte: „Boah, du blöde...“

Mit roten Ohren eilte er weiter. Annabell folgte ihm mit einem breiten Grinsen.

Auf dem Weg zur S-Bahn trieb sie Fietje vor sich her. „Los, beeil dich ein

bisschen. Ich muss zur Streife. Kannst nachher weiter schwärmen“, sagte sie

wieder todernst. Bevor er etwas erwidern konnte, riss sie ihm den Koffer aus

der Hand und lief vorneweg zum Bahnsteig.

Sie kamen zur U-Bahn. Eine Bahn stand zur Abfahrt bereit. Das Signal zum

Schließen der Türen ertönte. Plötzlich rannte noch jemand zu den bereits

verschlossenen Türen und konnte nicht mehr einsteigen. Zu spät! Die Bahn

fuhr ab.

Das Mädchen von vorhin fluchte vor sich hin und sah sich suchend um. Ihr

Blick traf den von Fietje, der sich mit seiner Cousine auf eine Bank gesetzt

hatte.

Schleuse

Sicherheitsschleusen (Personenschleusen) dienen dem kontrollierten Zutritt von Personen in

Gebäude und Sicherheitsbereiche.


28 29

WIE ALLES BEGANN...

WIE ALLES BEGANN...

Dieser zog augenblicklich seinen Koffer zu sich und legte die Beine darauf. Es

sollte lässig wirken. Die Situation in der Wache war ihm noch immer peinlich.

Und jetzt kam das Mädchen geradewegs auf sie zu.

„Du warst doch eben auch auf der Wache, oder?“, fragte Annabell das

Mädchen auch noch. Fietje war verstimmt. Konnte sie das bitte mal sein

lassen!

Sie nickte: „Ja, heute war ganz schön was los. Ich habe mit einem Kunden

eine Strafanzeige wegen Diebstahls gemacht. Ich arbeite in einem Café am

Flughafen, müsst ihr wissen. Ich bin übrigens Belinda.“

„Mit Diebstählen kenne ich mich ja so gar nicht aus“, nuschelte Fietje.

Er wollte auch irgendetwas dazu sagen. Annabell verdrehte die Augen.

„Hm. Korrekt heißt das: Wegnahme einer fremden beweglichen Sache in

rechtswidriger Zueignungsabsicht. Nochmal für dich: Wenn du einen

Gegenstand einem anderen wegnimmst und diesen behalten willst,

gecheckt?“, sagte Annabell.

„Was ist denn noch passiert?“, wollte Annabell wissen.

„Ja, das Spannendste habe ich noch nicht erzählt!“, lachte Belinda.

„Spannender als wegen eines Campingkochers von der Bundespolizei

mitgenommen zu werden?“, warf Annabell grinsend ein.

Belinda hob nur fragend die Augenbrauen, während Fietje noch tiefer in

die Bank rutschte. „Also, mit einem Campingkocher hatte ich heute nicht

wirklich etwas zu tun. Dafür habe ich einen Drogendeal platzen lassen“, sagte

Belinda nüchtern. „Drogendeal? What the ...?“, kam es überrascht von Fietje,

der besser wieder aufstand, sonst wirkte er so desinteressiert.

„Ich sagte ja, dass ich in einem Café arbeite. Da war so ein komischer Typ,

total nervös, mit Basecap und Kapuze. Er war die ganze Zeit darum bemüht

nicht aufzufallen. Er hat sich an einem Kaffee festgehalten, bis ein anderer

Kerl aufgetaucht ist. Mit dem ist er in eine Ecke gerutscht und sie haben so

komisch getuschelt. Und dann hatte er auf einmal so ein kleines Tütchen in

der Hand. Ich habe genug Staffeln von CSI gesehen, um zu wissen, was da

„Ja, hab’s verstanden“, knurrte Fietje. Warum machte ihn seine Cousine hier

nur so unmöglich?

Strafanzeige

Verdacht auf Handel mit Betäubungsmitteln

§ 158 StPO

Strafanzeige; Strafantrag

(1) 1 Die Anzeige einer Straftat und der Strafantrag können bei der Staatsanwaltschaft, den

Behörden und Beamten des Polizeidienstes und den Amtsgerichten mündlich oder schriftlich

angebracht werden. 2 Die mündliche Anzeige ist zu beurkunden. 3 Dem Verletzten ist auf

Antrag der Eingang seiner Anzeige schriftlich zu bestätigen. 4 Die Bestätigung soll eine kurze

Zusammenfassung der Angaben des Verletzten zu Tatzeit, Tatort und angezeigter Tat enthalten.

5 Die Bestätigung kann versagt werden, soweit der Untersuchungszweck, auch in einem anderen

Strafverfahren, gefährdet erscheint.

(2) Bei Straftaten, deren Verfolgung nur auf Antrag eintritt, muss der Antrag bei einem Gericht

oder der Staatsanwaltschaft schriftlich oder zu Protokoll, bei einer anderen Behörde schriftlich

angebracht werden.

Innerhalb vom Bahnhof: eine Polizeistreife der zuständigen Bundespolizeiinspektion wird verständigt.

Im Rahmen des ersten Zugriffs werden die Personalien der/des Zeugin/-en aufgenommen und

der Ablauf des Geschehens dokumentiert. Zur abschließenden Bearbeitung wird der Vorgang an

das zuständige Kommissariat der Landespolizeiinspektion abgegeben.

Diebstahl

§ 242 StGB

Diebstahl

(1) Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich

oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit

Geldstrafe bestraft.

(2) Der Versuch ist strafbar.


30 31

WIE WIE ALLES BEGANN...

WIE ALLES BEGANN...

abging. Also habe ich bei der Wache angerufen“, Belinda machte eine Pause.

„Und dann?“, hakte Fietje nach. Annabell grinste.

„Dann kamen zwei Streifen ins Café. Das haben die Typen natürlich mitbekommen.

Der eine wollte sich vom Acker machen, da haben sie ihn sich geschnappt.

Der andere ist aufs Klo verschwunden. Gerade in dem Moment, als

er die Tür verriegeln wollte, kam der Hundeführer mit seinem Schäferhund

dazu. Der war als Drogenspürhund ausgebildet“, erzählte sie weiter.

Fietje war überrascht. Er hatte schon einmal im Fernsehen gesehen, wie ein

Spürhund angeschlagen hat. In natura ist das sicher noch viel einschüchternder.

Hundeeinsatz am Bahnhof und Flughafen

Die Bundespolizei hat zwei verschiedene Rassen von Diensthunden (DH), den Deutschen und den

Belgischen Schäferhund. Für die Suche nach Sprengstoffen, Treibladungspulver oder Chemikalien

ist jeder Hund geeignet, der einen gesteigerten Beute- und Spieltrieb besitzt. Die Hunde werden

dual ausgebildet, d.h. sie sind Schutzhunde und Sprengstoffspürhunde zugleich.

„Kurz gesagt, der Dealer wollte seine Ware gerade im Klo runterspülen als

der Hund ihn erwischte. Der hat sogar versucht, über die Kabinentrennwand

abzuhauen! Und dann hat er auch noch hoch und heilig geschworen, dass er

unschuldig sei. Er hätte diese Kokstüten noch nie gesehen!“

Belinda lachte und auch Fietje und Annabell stimmten mit ein.

„Nur, wie es dann weiterging, weiß ich nicht“, sagte Belinda dann und zuckte

mit den Schultern.

Ein Schutzhund hat drei Aufgaben:

1) Fährtensuche

2) Unterordnung - Der DH muss auf Kommando verschiedene Übungen / Aufgaben bewältigen

(Sitz, Platz, Fuß gehen, springen).

3) Schutzdienst - Der DH soll einen fliehenden Straftäter einholen, stellen und ggf. festhalten.

Bei Angriffen auf den Diensthundeführer soll der DH diesen selbständig abwehren.

Deutschlandweit werden sie zu Großveranstaltungen in großer Anzahl gebraucht.

(OSZE-Gipfel, Papst-Besuch, Obama-Besuch, G 7, G 20, NATO-Gipfel, … )

Die Ausbildung zum Schutzhund dauert 10 Wochen, zum Sprengstoffspürhund 14 Wochen.

ich weiß

nicht, wie es

weiterging?

Ein Diensthundeführer (DHF) und ein DH bilden ein Team.Beide verbindet ein sehr enges und

vertrauensvolles Verhältnis. Dies ist für ein erfolgreiches Arbeiten wichtig. Jeder DHF nimmt seinen

DH mit nach Hause, wo der Hund als Mitglied der Familie lebt.Ob der Hund im Haus oder im

Zwinger untergebracht ist, entscheidet der DHF selbst.


32 33

WIE ALLES BEGANN...

WIE ALLES BEGANN...

„Aber ich ...“, sagte Annabell lächelnd.

„Wenn ein Verdacht auf eine Straftat besteht, müssen entsprechende

Spuren gesichert werden. Ob er mit Drogen in Kontakt war, kann man zum

einen über Fingerabdrücke herausfinden. Wenn seine Abdrücke auf den

Tüten zu finden sind, dann hatte er sie zumindest in der Hand. Wenn er

darüber hinaus auch noch Kontakt mit den Betäubungsmitteln selbst

gekommen ist, dann kann das ein Schnelltest, auch Drugwipe, durch einen

Abstrich der Hände zeigen. Es gibt viele Varianten der Beweissicherung. Alle

Fakten werden gesammelt, Akten werden angelegt und Beweismittel kommen

in die Asservatenkammer. Nach Abschluss der Ermittlungen werden

alle Akten zur Staatsanwaltschaft weitergeleitet", erklärte Annabell.

Spurensicherung

Kommen Gegenstände als Beweismittel in Betracht, so ist ab dem Zeitpunkt der Feststellung

jegliche Möglichkeit der Spurenverursachung / -verunreinigung durch Polizeibeamte zu vermeiden:

• Handschuhe!

• Beiweismittel eintüten!

• Für Jeden sichtbar als "Spurenträger" kennzeichnen!

„Und wieso wart ihr am Flughafen?“, wollte Belinda wissen.

„Ich bin gerade aus Aserbaidschan zurückgekommen und ...“

„Und weil er noch nie in München war, habe ich meinen kleinen Cousin gleich

noch ein paar Tage zu meinem Vater und mir an den Starnberger See eingeladen“,

ergänzte Annabell.

„Ich bin mehr als einen Kopf größer als du!“, protestierte Fietje nuschelnd.

Belinda lachte. „Wie heißt ihr eigentlich?“, fragte sie dann. „Ich bin Annabell

und das ist Fietje.“

"Cooler Name!" Belinda blinzelte Fietje zu.

Plötzlich fing Annabell an, in ihrer Tasche zu wühlen und zog ihr Handy

heraus. Sie telefonierte einige Minuten, legte dann auf und sah Fietje entschuldigend

an. „Die Stadtführung muss heute leider ausfallen. Ich werde

gebraucht. Belinda, du kennst dich doch auch hier in München aus.

Asservatenkammer

Danach erfolgt die Fertigung eines Sicherstellungsprotokolls. Fingerabdruckspuren können durch

verschiedene Verfahren gesichtet und anschließend mit vorhandenen Fingerabdruckspuren abgeglichen

werden.

Sichergestellte Beweismittel verbleiben bis zum Abschluss des Strafverfahrens in der

Asservatenkammer der Bundespolizei. Nach Abschluss des Strafverfahrens und auf Anordnung der

Staatsanwaltschaft werden z.B. die Betäubungsmittel der Vernichtung zugeführt.


34 35

AUF STREIFE

AUF STREIFE

Hast du vielleicht Zeit und Lust, Fietje die Stadt zu zeigen?“, meinte Annabell

mit einem Augenzwinkern zu Fietje.

„Klar, gerne! Ich muss zwar noch zwei Stunden im Starbucks arbeiten, danach

hätte ich aber Zeit“, antwortete sie lächelnd. In diesem Moment kam

die U-Bahn, die Annabell und Fietje nehmen wollten. Sie verabredeten, dass

Annabell ihren Cousin nach ihrem Streifendienst zum Coffee-Shop bringen

würde. Dann verabschiedeten sie sich von Belinda. Fietje sprang im letzten

Moment noch über seinen Schatten.

„Belinda, warte mal! Hier, damit du mich erreichen kannst“, sagte er und

schrieb ihr mit einem Kugelschreiber seine Handynummer auf den Arm.

Auf Streife

„Erde an Fietje. Fiiieeetje?“

Schmunzelnd versuchte seine Cousine zu ihm durchzukommen.

Doch er war in Gedanken noch bei Belinda, welche ihm von Anfang an sympathisch

gewesen war. Erst ein leichter Schubser seiner Cousine konnte ihn

in die Realität zurückholen. „Auf zum Streifendienst!“, forderte Annabell

Fietje auf, „Du wolltest doch mitkommen?“

Schnell machten sie noch einen Abstecher in ihr Büro, in dem sie ihre Zivilkleidung

ablegte und sich ihre Uniform anzog. Als sie rauskam hatte sich so

einiges an ihr verändert. Fietje musterte seine Cousine von oben bis unten.

Ihren Schmuck hatte sie abgelegt und trug nun einen Gürtel mit ihren

Einsatzmitteln. Schmunzelnd interpretierte Annabell Fietjes fragenden Blick:

Streifendienst

Es gibt Kontroll- und Streifenbeamte, welche ihren Dienst im Bahnhof, Stadtgebiet und zuständigen

Landkreis tätigen. Die Polizisten im mittleren und gehobenen Dienst nehmen unterschiedliche

Aufgaben war. Der gehobene Dienst kann als Kontroll- und Streifenbeamter, Gruppenleiter oder

Dienstgruppenleiter arbeiten. Innerhalb der Vor- und Nachbereitung werden alle erforderlichen

Führungs- und Einsatzmittel empfangen.

Der Gruppenleiter teilt die Streifen entsprechend

der Einsatzanlässe ein und trifft Entscheidungen

und Absprachen z.B. mit der Staatsanwaltschaft

oder dem Richter.

Die Kontroll- und Streifenbeamten nehmen die

Strafanzeigen auf, wehren Gefahrensituation

vor Ort ab und/oder leisten Erste Hilfe.

„Hier rechts habe ich meine Dienstwaffe, links davon

das Pfefferspray.

Dann hier die Beatmungsmaske, um Personen

reanimieren zu können, ohne direkten Mundkontakt

zu haben. Auf der anderen Seite des Gürtels sind

meine Handschuhe, eine Taschenlampe, ein Taschenmesser,

meine Handschellen und der Schlagstock.“

Fietje nahm den Stock interessiert entgegen, ließ ihn

jedoch gleich wieder fallen.

Uniform

Jede/-r Beamte/-in der Bundespolizei besitzt für besondere

Anlässe einen Dienstanzug. Bestehend aus einer

Dienstanzugshose und einer Dienstanzugsjacke. Weiterhin

besitzt jeder einen Dienstanzug für den täglichen

Dienst. Dieser besteht aus einer Diensthose, Diensthemden

und einer Dienstjacke (Blouson, Softshelljacke

und Anorak). Man hat weiterhin einen Einsatzanzug für

größere Veranstaltungen (z. B. Fussball-Einsätze). Zum

Anzug gehört eine Einsatzausstattung, bestehend aus

einer schusssicheren Weste, einer Dienstwaffe, einem

Schlagstock, Pfefferspray, Handfesseln, Taschenlampe

sowie einem Verbandspäckchen und einer Beatmungsmaske.

Bestimmte Einsätze erfordern auch den Einsatz

von ziviler Kleidung.

Der Dienstgruppenleiter (DGL) führt die

Dienstgruppe und trifft Absprachen und

Entscheidungen in bestimmten Situationen

mit Entscheidungsvorbehalt (z.B. die Einstufung,

ob ein herrenloses Gepäckstück als

Fundsache oder als USBV-verdächtig eingestuft

wird.)


36 37

AUF STREIFE

AUF STREIFE

„Hoppala“, kicherte Annabell. „Da hat jemand wohl nicht mit dem Gewicht gerechnet.“

Sie hob den Schlagstock wieder auf und wies Fietje breit grinsend

den Weg. Auf der Wache verging Fietjes anfängliche Nervosität wie im Flug.

Alle Kollegen von Annabell wirkten ihm vertraut und grüßten freundlich. Seine

Cousine und er betraten die Polizeiinspektion durch einen Hintereingang

und landeten erst einmal in der Garderobe, an die auf der linken Seite ein

Aufenthaltsraum anschloss. Rechts lag ein Flur mit zwei blauen Eisentüren,

durch den sie jetzt gingen. Der Gang war nicht nur beengend, auch schlug

Fietje sofort nach Betreten ein unangenehmer Geruch entgegen.

„Hier, mein lieber Cousin, siehst du unsere zwei Gewahrsamsräume. Damit

alle wissen, in welcher Art Rausch sich der in Gewahrsam Genommene

befindet, markieren wir die Tür mit einer entsprechenden Abkürzung. Ein

Kollege schaut in regelmäßigen Abständen nach, ob es dem Berauschten gut

geht. Manchmal wird er an ein Krankenhaus übergeben. Wenn nicht bekannt

ist, unter welchem Drogeneinfluss der Betroffene steht, wird ein Arzt für

eine Blutentnahme hinzugezogen. Das ist mit mehr Arbeitsschritten verbunden,

als du dir vorstellen kannst.“

„Puh!“ Fietje rümpfte die Nase und hielt sich die Hand vor den Mund. Das entlockte

Annabell ein herzhaftes Lachen:

Gewahrsamsraum

Der Gewahrsamsraum dient der vorübergehenden Unterbringung von Personen. Er ist besonders

gesichert. Eine Person kann aus verschiedenen Gründen in Gewahrsam genommen werden.

Diese Gründe sind im § 39 BPolG geregelt. Es gibt einen Schutz-, Durchsetzungs-, Unterbindungs-,

Minderjährigen- und einen Entwichenen- oder Freiheitsentziehungsgesuch-Gewahrsam.

Die Personen werden entlassen § 42 BPOLG (Dauer der Freiheitsentziehung):

1) sobald der Grund für die Maßnahme weggefallen ist,

2) wenn die Fortdauer der Freiheitsentziehung durch richterliche Entscheidung für unzulässig

erklärt wird,

3) in jedem Falle spätestens bis zum Ende des Tages nach dem Ergreifen, wenn nicht vorher die

Fortdauer der Freiheitsentziehung durch richterliche Entscheidung angeordnet ist.

Blutentnahme

Die Blutentnahme kann aus verschiedenen Gründen durch einen verständigten Arzt vorgenommen

werden. Die gesetzlichen Voraussetzungen sind im § 81a StPO (Körperliche Untersuchung des

Beschuldigten) geregelt. Gründe für eine Blutentnahme ist die Feststellung des Alkohol- bzw.

Drogenkonsums.


38 39

AUF STREIFE

AUF STREIFE

Neugierig warf Fietje einen kurzen Blick durch das kleine Guckloch. Dahinter

sah er einen älteren Mann in heruntergekommener Kleidung, der halb über

einer Liege hing. Der kleine Raum war spartanisch ausgestattet und fast

vollständig gefliest. Entsetzt fragte er nach: „Warum hat der Mann denn keine

Schuhe an?“

Die nehmen wir ab, damit sich der Mann nicht selbst verletzen kann. Hier

kommen ja unter anderem Betrunkene her. Bei denen weiß man nie, auf was

für Ideen sie kommen. Gürtel und Schmuck werden auch in der Asservatenkammer

eingelagert.“

Gerade als Chris etwas erwidern wollte, meldete sich sein Funkgerät zu Wort.

Er lauschte und antwortete: „Verstanden.“

Annabell hob fragend die Augenbrauen: „Ist die Streife schon unterwegs?“

Fietje sah verwirrt zwischen beiden hin und her und fragte sich, wie sie es

schafften, irgendetwas von dem zu verstehen, was über Funk gesagt wurde.

„Noch nicht. Wenn ihr euch beeilt, könnt ihr euch mir anschließen“, antwortete

Chris.

„Na dann los!“, sagte Annabell. Sie machten sich auf den Weg.

„Und was passiert, wenn die Leute Hunger haben? Oder wenn sie aufs Klo

müssen?“, fragte Fietje seine Cousine.

„Dafür gibt es in der Zelle einen Knopf. Wenn sie den drücken, leuchtet hier

draußen ein rotes Licht auf und es gibt ein akustisches Signal. Ein Kollege

kommt und schaut nach. Bei Hunger besorgen wir ihnen eine belegte Semmel,

wenn sie in ihren eigenen Sachen nichts dabeihaben. Nach maximal 12 Stunden

sind sie eh wieder draußen, wir sind ja hier kein Hotel“, erklärte Annabell. Sie

ging um die Ecke und gab ihm ein Zeichen ihr zu folgen. Vor ihnen erstreckte

sich ein weiterer Flur. Auf der linken Seite lagen einige Vernehmungszimmer.

Aus einem davon kam in diesem Moment ein Bundespolizist, der ungefähr so

alt war wie Annabell und stellte sich ihnen in den Weg. Annabell blieb stehen

und umarmte ihn kurz.

„Na, Mäuschen, wen hast du uns da mitgebracht? Lass dir von ihr nichts sagen,

Kleiner“, feixte er. Annabell wurde rot und schlug ihm gegen die Brust.

Als sie durch die Bahnhofshalle liefen, erklärte Annabell den Einsatz und ihre

Vorgehensweise: „Ein Kontrolleur der Deutschen Bahn und ein Sicherheitsbeamter

der DB wollen die Personalien einer Person aufnehmen. Zur endgültigen

Identitätsfeststellung haben sie eine Streife der Bundespolizei dazu gerufen.“

Identitätsfeststellung

§ 163b StPO

Maßnahmen zur Identitätsfeststellung:

(1) 1 Ist jemand einer Straftat verdächtig, so können die Staatsanwaltschaft und die Beamten des

Polizeidienstes die zur Feststellung seiner Identität erforderlichen Maßnahmen treffen; § 163a

Abs. 4 Satz 1 gilt entsprechend.

2 Der Verdächtige darf festgehalten werden, wenn die Identität sonst nicht oder nur unter

erheblichen Schwierigkeiten festgestellt werden kann.

3 Unter den Voraussetzungen von 2 sind auch die Durchsuchung der Person des Verdächtigen und

der von ihm mitgeführten Sachen sowie die Durchführung erkennungsdienstlicher Maßnahmen

zulässig.

„Chris, lass das! Das ist Fietje, mein Cousin. Er interessiert sich für unsre Arbeit,

will vielleicht anfangen. Deshalb führe ich ihn ein wenig herum.“

(2) 1 Wenn und soweit dies zur Aufklärung einer Straftat geboten ist, kann auch die Identität

einer Person festgestellt werden, die einer Straftat nicht verdächtig ist; § 69 Abs. 1 Satz 2 gilt

entsprechend.

2 Maßnahmen der in Absatz 1 Satz 2 bezeichneten Art dürfen nicht getroffen werden, wenn sie zur

Bedeutung der Sache außer Verhältnis stehen; Maßnahmen der in Absatz 1 Satz 3 bezeichneten

Art dürfen nicht gegen den Willen der betroffenen Person getroffen werden.


41

40 41

AUF STREIFE

WIE ALLES BEGANN...

Fietje nickte geistesabwesend. Der Bahnhof war voller Menschen, es war

laut und roch überall nach Essen. Gerade stieg ihm der Geruch von Fisch

in die Nase und er erschauderte. Er hatte Mühe, mit Annabell Schritt zu

halten, da diese mit einem Affentempo den Bahnhof durchquerte, ohne von

den Reisenden groß wahrgenommen zu werden.

Am Gleis warteten mehrere Fahrkartenkontrolleure mit einem jungen

Mädchen. Chris klärte Fietje auf: „Das Mädel wurde beim Schwarzfahren

erwischt. Da sie minderjährig ist, wird sie jetzt erstmal auf die Wache gebracht.

Dann nehmen wir ihre Personalien auf und verständigen ihre Eltern.“

das mädel

wurde beim

schwarzfahren

erwischt.

Fietje schaute sich die Schwarzfahrerin genauer an. Sie wirkte auf ihn unbeeindruckt,

fast ein bisschen genervt. So als würde sie nicht verstehen, was

das Problem war. Offenbar war es nicht das erste Mal, dass sie schwarzgefahren

war.

Dies entging auch Annabell nicht und sie flüsterte Fietje zu:

„Vielleicht ein Fall für unser Projekt FahrBAR. Dort erhalten Jugendliche

Infos von unseren Präventionsbeauftragten, welche Strafen als Erwachsene

auf sie zukommen würden. Den allermeisten geht dann ein Licht auf und

man sieht sie hier nicht mehr."

Schwarzfahren

§ 265a StGB

Erschleichen von Leistungen

(1) Wer die Leistung eines Automaten oder eines öffentlichen Zwecken dienenden Telekommunikationsnetzes,

die Beförderung durch ein Verkehrsmittel oder den Zutritt zu einer Veranstaltung oder

einer Einrichtung in der Absicht erschleicht, das Entgelt nicht zu entrichten, wird mit Freiheitsstrafe

bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft, wenn die Tat nicht in anderen Vorschriften mit

schwererer Strafe bedroht ist.

(2) Der Versuch ist strafbar.

(3) Die §§ 247 und 248a gelten entsprechend.


42 43

AUF STREIFE

Die ganze Truppe machte sich wieder auf den Weg zur Wache. Diesmal

betraten sie diese durch den Vordereingang. Hinter der Eingangstür befand

sich eine Art Schleuse aus Glas, in welcher normalerweise Reisende per

Gegensprechanlage ihr Anliegen darlegen können. Dann wird entschieden,

ob sie Einlass gewährt bekommen oder nicht. Innen angekommen erwartete

die Beamten eine schwierige Aufgabe. Da die junge Frau weder einen

Ausweis dabei hatte, noch ihre Deutschkenntnisse besonders gut waren,

war es schwierig, ihre Personalien festzustellen. Auch eine Verständigung in

englischer Sprache war nicht möglich, weshalb ihr ein Übersetzungsbogen in

bulgarischer Sprache gegeben wurde. Jetzt konnte sie ohne Probleme ihre

Daten eintragen und ihre Mutter konnte verständigt werden.

Die Personalien wurden in der Fahrpreisnacherhebung der Deutschen Bahn

eingetragen und sie wurde anschließend im Beisein ihrer Mutter zum

Tatvorwurf des Erschleichens von Leistungen angehört. Dies hatte eine

Strafanzeige zur Folge. Anschließend wurden sie und ihre Mutter aus der

Dienststelle entlassen. Annabell warf einen Blick auf die Wanduhr.

„Ich glaube du musst schon los Fietje, du wolltest dir doch noch die Stadt

zeigen lassen.“ Auch Fietje warf jetzt einen Blick nach oben.

FahrBAR

„Mist! Belinda wartet bestimmt schon auf mich. Also, ich muss los! Bis nachher!“

Man hörte nur noch die Tür zuschlagen, da war er schon

verschwunden. „Tja, so ist sie nun mal, die Jugend von heute“, meinte

Annabell nur schulterzuckend und alle brachen in Lachen aus.

Bei diesem Projekt arbeiten die Gerichte, Staatsanwaltschaften, die Münchner Verkehrsgesellschaft,

Jugendgerichtshilfen und BRÜCKE e.V. sowie der Ermittlungsdienst der Bundespolizeiinspektion

München zusammen. Seitens der Gerichte wird zuerst festgelegt, welche "Schwarzfahrer" statt

einer Jugendstrafe am Projekt FahrBAR teilnehmen. Es folgen Gespräche mit den Jugendlichen und

ein Clearingverfahren. Hierbei werden weitere Vorgehensweisen besprochen, Nachgespräche geführt

und den Beteiligten Aufgaben erteilt. An einem Gruppenabend werden alle Themen rund um

das Schwarzfahren erörtert:

* Fahrkarten im öffentlichen Nahverkehr

* Hilfsangebote und Unterstützung der Stadt München bzw. des Brücke e.V.

* Jugend- und Erwachsenenstrafrecht

* Anwendung der polizeilichen Maßnahmen

Tatvorwurf des Erschleichens von Leistungen

Dem Beschuldigten ist darzulegen, welche Tat ihm

zur Last gelegt wird. Der Beschuldigte muss sich

nicht selbst belasten.Der Beschuldigte hat jedoch in

jedem Fall seine Personalien gem. § 111 Ordnungswidrigkeitengesetz

anzugeben. Der Hinweis auf einen

möglichen Rechtsbeistand ist zwingend zu geben.

Der Beschuldigte hat die Möglichkeit Beweisanträge

zu beantragen.


44 45

DIE STADTBESICHTIGUNG

WIE ALLES BEGANN...

Die Stadtbesichtigung

Fietje rannte durch den Bahnhof. Als er am Starbucks ankam, wartete

Belinda bereits auf ihn. „Na, du warst wohl ganz schön beschäftigt bei der

Polizei, was?“, meinte sie, als er außer Atem vor ihr stand.

„Ja, bei Annabell auf Streife war es ziemlich spannend. Sorry, dass ich ein

wenig spät bin“, entgegnete Fietje beschämt. Er hatte ein schlechtes Gewissen,

da Belinda schließlich nur für ihn eine kleine Stadtführung machen

wollte.

Doch Belinda nahm das Ganze gelassen. „Es waren doch nur ein paar Minuten.

Lass uns losgehen“, beruhigte sie ihn, als er sich noch einmal entschuldigen

wollte. Während sie auf den Bahnhofsausgang zugingen, erzählte Belinda,

dass sie vor kurzem in einer Zeitung gelesen hatte, dass der erste Münchner

Hauptbahnhof aus Holz und der zweite aus Ziegeln gebaut worden war.

„Ernsthaft? Ein Holzbahnhof könnte doch jeden Moment abfackeln!“, warf

Fietje verdutzt ein. „Das ist ja auch passiert. Vermutlich haben sie ihn deswegen

dann nicht mehr aus Holz gebaut. Das wäre auch schön blöd gewesen“,

antwortete ihm Belinda und musste grinsen. Sie verließen das Bahnhofsgebäude

und liefen ein paar Minuten schweigend durch die belebten Straßen

Münchens. Dann tauchte ein beeindruckendes Tor vor ihnen auf und sie

hielten an.

„Das ist das Karlstor. Es wurde um 1300 gebaut“, sagte Belinda.

„Dafür, dass es so alt ist, ist es aber super erhalten.“

Fietje schoss ein Foto und Belinda erzählte weiter:

„Früher gab es in München zwei extrem wichtige Handelsstraßen. Eine von

Osten nach Westen, die Salzhandelsstraße, und die Straße für Wein und

Gewürze. Die verlief von Süden nach Norden. Die Händler hielten sich dann

meistens drei Tage in München auf, bevor sie weiterzogen. Durch diesen

Handel ist München zu seinem Reichtum gekommen. Bist du fertig mit den

Fotos? Dann lass uns weiter zur Frauenkirche gehen.“


46 47

DIE STADTBESICHTIGUNG

DIE STADTBESICHTIGUNG

Belinda lief wieder los und Fietje trottete, all die Brunnen, verzierten Häuser

und Statuen musternd - es gab sogar eine Wildschweinstatue - hinter ihr

her. Bei der Frauenkirche angekommen wunderte sich Fietje: „Warum ist der

eine Turm eingerüstet?“

„Das geht jetzt schon ewig so. Erst war es der eine und jetzt ist es der andere.

Es wird wohl noch ein wenig dauern, bis sie damit fertig sind. Weißt du,

warum es hier in der Stadt viele Kirchen, aber keinen einzigen Friedhof gibt?“

„Keine Ahnung, weil zu wenig Platz ist?“

„Nein. Die Menschen hatten früher Angst, sich an der Pest anzustecken. Deshalb

haben sie begonnen, die Toten außerhalb der Stadt zu begraben. Aber

jetzt will ich dir noch etwas Schönes zeigen.“

Fietje wurde neugierig. „Was denn?“

„Lass dich doch überraschen“, meinte Belinda lächelnd und lief wieder einfach

los. Das machte Fietje nur noch neugieriger und er eilte ihr eifrig hinterher.

Dieser fiel es immer schwerer, ihr Lachen zu unterdrücken.

Dann gingen sie endlich in den Innenhof eines sehr imposanten, stark

verzierten Gebäudes. „Das ist das neue Rathaus von München und eines der

schönsten Häuser“, kamen schließlich die lange erwarteten Worte von Belinda.

„Da kann ich dir nur zustimmen. Es schaut wirklich toll aus“, antwortete

Fietje und machte wieder Fotos. Als er fertig war, verließen sie den Innenhof

durch einen anderen Ausgang und kamen auf dem Marienplatz heraus.

Belinda schaute auf die Uhr und stellte fest: „Ich muss langsam zurück. Ich

werde in einer halben Stunde abgeholt. Was ist mit dir?“

„Hm. Wir sollten wohl besser zurück. Ich will nicht auch noch Annabell warten

lassen. Wo wohnst du eigentlich?“

„Am Starnberger See, genau wie deine Cousine. Nur ein paar Häuser weiter.

Ich kenne sie vom Sehen. Wenn du Lust hast, können wir uns ja morgen

Nachmittag treffen und zusammen zum See gehen?“, fragte Belinda.

Sie hatte Annabell und deren Vater Vitali schon häufig in der Straße bei sich

zu Hause gesehen, es aber bis jetzt für sich behalten.

Fietje freute sich über Belindas Vorschlag. „Ja klar. Das wäre super. Willst du

so gegen drei Uhr zum Haus meines Onkels kommen?“

„Ja, drei passt gut. Dann auf zur S-Bahn, damit wir niemanden warten

lassen.“ Sie kamen in das blau und orange geflieste Gebäude und erwischten

auch gleich eine S-Bahn zum Hauptbahnhof. Die Bahn war so voll, dass sie

stehen mussten und sich nicht mehr unterhalten konnten. Fietje war froh,

als er endlich aus dem Gedränge raus konnte. Am Bahnsteig verabschiedete

er sich von Belinda und freute sich schon auf den nächsten Tag, an dem

sie sich wiedersehen würden. Mit diesem Gedanken machte er sich auf die

Suche nach Annabell.


48 49

EINER DREHT DURCH

EINER DREHT DURCH

Einer dreht durch

„Gleis 22. Der ICE aus Berlin fährt ein. Vorsicht bei der Einfahrt“, erklang

eine Stimme aus der Lautsprecheranlage. Dennis hatte jetzt schon keine

Lust mehr und fragte sich, warum er überhaupt in diesen Zug eingestiegen

war. Als er keinen seiner Verwandten entdecken konnte, sprang er aus dem

ICE und sah sich genervt auf dem Bahnsteig um.

sich an den Edding, der in seinem Rucksack steckte. „Wenn man schon mal

in München ist, muss man sich auch verewigen.“ Er überlegte nicht lange und

kritzelte einfach drauflos. Stolz betrachtete er sein Kunstwerk. In krakeliger

Jungenhandschrift stand dort „Dennis war hier – 2018“.

„Achtung! Lassen sie mich mal durch junger Mann“, drängelte sich eine ältere

Dame an ihm vorbei. Schnaubend trat er auf die Seite.

„Wie sind hier denn die Leute drauf. Hier ist es ja gar nicht gechillt“, murmelte

er leise vor sich hin und schulterte seine Reisetasche.

Auf seinen Onkel hatte er gar keinen Bock und auf seine überkorrekte

Bundespolizisten-Cousine oder den schnöseligen Bruder erst recht nicht.

Er suchte nach einer Bank. Da keine frei war, ging er zu einer, auf der ein

Mädchen saß. Sie schaute auf ihr Handy und bekam nicht mit, wie sich der

Dunkelhaarige vor ihr aufbaute. „Verschwinde von hier! Das ist jetzt mein

Platz!“, schnauzte er das Mädchen an und zog damit einige Blicke auf sich.

Völlig eingeschüchtert suchte sich das Mädchen eine andere Sitzgelegenheit.

Dennis überlegte, wie er sich die Zeit am Bahnhof am besten vertreiben

könnte. Zum Glück war er auf Langeweile vorbereitet. Er zückte eine Zigarette,

die er von seinem Vater geklaut hatte, um sich besser konzentrieren

zu können. Es war ihm egal, dass es illegal war, unter 18 zu rauchen und er

sich nicht in einem Raucherbereich befand. Er hielt von Regeln nicht viel oder

gar nichts. Als ihm die Zeichnungen auf der Bank auffielen, erinnerte er

Raucherbereich

Das Bundesnichtraucherschutzgesetz (BNichtrSchG) vom 20.07.2007 regelt das Rauchverbot in

Einrichtungen des Bundes und öffentlichen Verkehrsmitteln. Kontrolliert wird das (BNichtrSchG)

durch die Bundespolizei in ihrem örtlichen Zuständigkeitsbereich. Ein Verstoß gegen dieses Gesetz

wird mit einer Ordnungswidrigkeit geahndet. Raucht ein Minderjähriger Zigaretten, so können diese

präventiv sichergestellt werden.


50 51

EINER DREHT DURCH

EINER DREHT DURCH

„Ja sapperlot! Was treiben Sie da, junger Mann?! Das ist schlimmster

Vandalismus!“, hörte Dennis jetzt eine empörte Stimme. Diese grässliche

Stimme kam ihm sogar bekannt vor. Seine Vorahnung bestätigte sich als er

den Blick hob. Er stand wieder der alten Frau von vorhin gegenüber. „Ach, geh

doch weida, alde Omi! Kümmer dich um deinen Dreck!“, erwiderte er.

„Junger Mann! Achten Sie auf ihre Ausdrucksweise! Was erlauben Sie sich

denn! Sie bleiben schön hier während ich die Bundespolizei über ihr unschönes

Verhalten informiere!“

Vor sich hin zeternd verschwand die alte Dame, doch Dennis dachte nicht

im Traum daran zu bleiben. Gemütlich packte er seine Sachen zusammen,

schmiss seine Zigarette auf den Boden und lief los. Es war ihm doch völlig

egal, wie es hier aussah und wer hier sauber machte.

„Ihr seid aber mutig.“

„Wie Geil!“

„Das auf den Bahngleisen find ich ja total heiß!“

Da kam ihm eine Idee. Wenn alle das cool fanden, musste Naomi es doch

auch gut finden, oder? Und wo konnte man wohl besser Gleise finden als am

Hauptbahnhof München? Er machte sich direkt zur perfekten Location auf.

Er durchquerte den Bahnhof und verließ ihn durch einen der Ausgänge. Er

war nicht das erste Mal in München. Er wusste, wie er zu den Gleisen kam.

Vor dem hohen Zaun beobachtete ihn niemand, weshalb er kurzerhand seinen

Rucksack und seine Reisetasche darüber warf. Er war sportlich und kletterte

mühelos über das Hindernis.

„So. Wo stell ich das Handy jetzt am besten hin?“, fragte er sich.

Auf dem Weg warf er einen Blick auf sein Handy, um zu sehen, was auf

Instagram so los war. Seit einigen Tagen schrieb er nun schon mit einem

Mädchen namens Naomi. Doch seit gestern Abend hatte sie ihm nicht mehr

geantwortet. Er scrollte durch seinen Feed. Da entdeckte er ein cooles Bild von

seinem besten Freund. Auf diesem konnte man sehen, wie er ein Mädchen in

den Armen hielt, küsste und mit ihr dabei direkt im Gleisbereich stand. Dennis

las sich wie immer die Kommentare durch.

Vandalismus

Vandalismus umschreibt Zerstörungswut und Zerstörungslust. Es ist eine bewusste illegale bzw. normverletzende

Beschädigung oder Zerstörung fremden Eigentums als Selbstzweck. Vandalismus ist im

Strafgesetzbuch (StGB) nicht genau definiert.

Die Präventionsbeauftragten der Bundespolizei führen deshalb in Schulen gem. Produktkatalog der

Polizeilichen Kriminalprävention Schulungen anlässlich "Sachbeschädigung und Vandalismus" durch.

Hier sollen den TeilnehmerInnen die Verantwortung für:

• strafrechtliche relevante Handlungsweisen bewusst gemacht werden,

• der Deliktsbereich der Sachbeschädigung und des Vandalismus rechtlich erklärt werden. Sie sollen

die Gefahren im Bahnbereich bei der Vornahme von Graffiti Tathandlungen kennenlernen.

Dennis stand nun auf einem Gleis auf freier Strecke, etwas abgelegen vom

Hauptbahnhof. Er hatte sich extra eine App heruntergeladen, mit der er über

Zeitauslöser Fotos machen konnte. Er lehnte das Smartphone gegen seinen

Rucksack, aktivierte die Zeitverzögerung und begann auf den Gleisen zu balancieren.

Als er einige Aufnahmen gemacht hatte, schaute er sich die Bilder an.

„Hm, cool. Noch ein paar Filter drüber, die Belichtung anpassen und fertig

ist das perfekte Insta-Foto“, murmelte er zufrieden. Mit dem Fuß stieß er

gegen seinen Rucksack. Dieser kippte um und eine Spray-Flasche kullerte ins

Gleisbett. Er bückte sich danach und drehte nun die neongrüne Dose in den

Händen.

Gleisbereich

Der Gleisbereich ist der Raum unter, neben oder über den Gleisen, in dem Personen durch bewegte

Schienenfahrzeuge gefährdet werden können. Ebenfalls zum Gleisbereich gehört der Bereich der

Fahrleitung.


52 53

EINER DREHT DURCH

„Perfekt!“, rief er laut. Sein Blick fiel auf einen abgestellten Zug. Er schnappte

sich seine Sachen und hatte gerade zur Hälfte den Namen „Naomi“ auf den

Waggon gesprüht als er Stimmen hörte.

„Hey, du da! Was wird das hier? Du hast auf den Bahngleisen nichts verloren.

Wegen dir mussten wir die Oberleitung abschalten lassen. Du bringst den ganzen

Zugverkehr durcheinander!“, rief ein Mann hinter ihm. Als er sich umdrehte,

entdeckte er zwei Bundespolizisten.

„Shit! Weg hier...“, zischte er und schnappte sich seinen Rucksack und rannte

los. Die Reisetasche ließ er liegen

Oberleitung

Hey

du da!

Fotos im Gleisbett

Gefahren im Gleisbett werden absolut unterschätzt. Besonders wenn das "Fotos machen" alle

Aufmerksamkeit beansprucht, gerät die Umgebung schnell aus dem Blick. Man verlässt sich insgeheim

auf die Voraussicht der Freundin und auf sein Gehör. Mit Alltagserfahrungen ist die Gefahr jedoch nicht

zu erfassen. Ein Zug, der sich mit 160km/h nähert, benötigt für 100 Meter nur 2,25 Sekunden.

Selbst wenn es windstill ist, hört man ihn zu spät.

Eine Oberleitung gehört neben den

Stromschienen zu den Fahrleitungen. Sie

dient in Eisenbahnen zur Versorgung der

Triebfahrzeuge mit Bahnstrom. Die Oberleitung

im Eisenbahnbetrieb hat eine

Spannung von 15 000 Volt!

Achtung Lebensgefahr!

Aus diesem Grund führen die Präventionsbeauftragten

der Bundespolizei

Schulungen anlässlich "Sicheres Verhalten

auf Bahnanlagen" durch. Die

TeilnehmerInnen sollen:

• Gefahrenquellen auf Bahnanlagen

kennen,

• sich künftig sicher (auch in Gruppen)

auf Bahnanlagen und in Bahnfahrzeugen

bewegen,

• zivil-, ordnungswidrigkeits- und

strafrechtliche Folgen

kennenlernen.


54 55

EINER DREHT DURCH

Sein Weg führte ihn zurück auf das Gelände des Hauptbahnhofs. In der

Zwischenetage entdeckte er einen Getränkeladen. Er ging hinein und schlenderte

die Regale entlang bis er gefunden hatte, wonach er suchte. Er sah

sich um und als der Gang leer genug war, ließ er eine Flasche Schnaps und

einige Flaschen Bier in seinen Rucksack gleiten. Er grinste hämisch als er

sich auf den Weg zur Kasse machte. Den Schnaps durfte er sowieso nicht

kaufen. Jetzt stieß er einen Aufsteller mit Gebäck um und verschwand in

der dadurch entstandenen Aufregung aus dem Laden. Niemand hatte ihn

dabei gesehen.

Dass die Überwachungskameras seinen Diebstahl und seine Zerstörungswut

aufgenommen hatten, war ihm nicht klar. Er lief weiter bis er an einem

großen Brunnen ankam. Dort ließ er sich fallen und zog die Flasche Schnaps

raus, schraubte sie auf und trank in schnellen Zügen. Er verzog das Gesicht

als der scharfe Alkohol seine Kehle hinabrann. Die Zeit verging und langsam

wurde es dunkel. Doch Dennis dachte nicht daran, zu Vitali an den Starnberger

See zu fahren. Trotzdem bekam er allmählich Hunger und beschloss,

sich etwas zu Essen zu besorgen. Am Hauptbahnhof gab es mehr als genug

zu holen. Dorthin ging er nun wieder zurück. Er hatte große Mühe, richtig

geradeaus zu laufen und stolperte einige Stufen hinunter.

„Hallo, Sie da! Dürfte ich mal Ihren Ausweis sehen?“, riss ihn eine Stimme

aus seinen Gedanken. Es war wieder ein Beamter der Bundespolizei. „Die

sind ja schlimmer als Herpes. Die wird man auch nie los“, knurrte Dennis

leise.

Der ist mir geklaut worden“, sagte Dennis nun lauter und man hörte an seiner

Stimme, dass er bei Weitem nicht mehr nüchtern war.

„Dann begleiten Sie mich bitte auf die Wache“, sagte der Streifenpolizist.

„Ich denk nicht mal dran!“, zischte Dennis und schlüpfte zwischen den

Streifenpolizisten hindurch. Gerade war eine S-Bahn angekommen und der

Gang füllte sich mit Menschen. Dennis nutzte das aus, um in der Menge zu

verschwinden.

Diebstahl

§ 242 StGB

Diebstahl

(1) Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich

oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit

Geldstrafe bestraft.

(2) Der Versuch ist strafbar.

Die Präventionsbeauftragten der Bundespolizei führen Veranstaltungen anlässlich Taschen- und

Handgepäckdiebstahl durch. Die TeilnehmerInnen sollen:

• Tatbegehungsweisen und Tricks der Taschen- und Handgepäckdiebe kennenlernen,

• sich Möglichkeiten zum Vorbeugen aneignen und

• lernen, sich im Schadensfall richtig zu verhalten.

Überwachungskameras

Überwachungskameras sind im gesamten Bahnhofsgebäude bzw. an den Bahnsteigen angebracht.

Die Aufzeichnungen können als Beweismittel erhoben und gerichtlich verwertet werden.


56 57

EINER DREHT DURCH

Sieh zu,

dass Du

wegkommst!

Er bog um eine Ecke und rempelte jemanden an. Als er sich kurz umsah, begann er

zu strahlen.

„Naomi? Ich dachte, du hast keine Zeit, um dich mit mir zu treffen! Und jetzt sehe

ich dich hier!“, freute sich Dennis, als er das Mädchen erkannte. Er griff nach ihrem

Handgelenk und wollte sie an sich ziehen.

„Aber, sonst geht´s dir noch gut, ja?“, rief sie wütend und entzog sich seinem Griff.

„Was bist du denn fürn Typ? Du stinkst nach Alkohol und Zigaretten. Sieh zu, dass du

wegkommst!“

Dennis verstand die Welt nicht mehr: „Ich bin’s doch, Dennis. Erkennst du mich denn

nicht? Naomi, was ist los mit dir? Wir haben doch ewig miteinander geschrieben!“

„Lass mich in Ruhe!“, rief sie und ließ ihn im Gang stehen. Ein junger Mann lief dem

Mädchen hinterher und fragte sie, ob alles ok wäre. Er hatte die kurze Auseinandersetzung

gesehen und wollte ihr helfen. Wenn sie hier so angepöbelt wurde, konnte

das schlimmer werden, wenn man nicht aufpasste.

Er war ein Mann der Taten. Zivilcourage war für ihn selbstverständlich.

„Was zum Henker war das denn? Warum tut sie so, als würde sie mich nicht kennen?“,

knurrte Dennis als er seine Chatfreundin mit dem Mann

davongehen sah. „Ich fasse es einfach nicht! Sie tut so, als würde sie mich nicht kennen!“,

brüllte er durch den Gang. Die Menschen um ihn herum sahen ihn empört an.

Zivilcourage

Das ist der Mut, den jemand beweist, indem er humane und demokratische Werte (z. B. Menschenwürde,

Gerechtigkeit) ohne Rücksicht auf eventuelle Folgen in der Öffentlichkeit vertritt, sich für

andere Menschen einsetzt, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu begeben.

Die Präventionsbeauftragten der Bundespolizei führen Schulungen für Kinder, Jugendliche und

Erwachsene durch. Sie sollen:

• vorausschauendes gefahrenbewusstes Verhalten kennen,

• strafrechtlich relevante Handlungsweisen und Rechtsfolgen möglicher Tathandlungen kennenlernen,

• in Notsituationen couragiert Hilfe leisten können, ohne sich selbst zu gefährden.

Für Schüler der 7. Klassen werden spezielle Schulungen angeboten. Hier wird in Zusammenarbeit mit

den beteiligten Lehrkräften der Unterschied zwischen Petzen und Zivilcourage erörtert.


58 59

ONKEL VITALI

ONKEL VITALI

Onkel Vitali

Annabell war noch nicht fertig, so entschied sich Fietje, schon allein nach

Starnberg rauszufahren. Als er bei Vitali klingelte, öffnete ihm ein mürrischer

Onkel.

„Hey Vitali, schön dich zu sehen, alles klar bei dir?“, fragte Fietje.

Vitali antwortete sehr verhalten: „Ja, ich freu mich auch, dich zu sehen. Wie

war deine Reise, komm rein!“

„Alles gut, bis auf meinen gefährlichen Kofferinhalt. Ich bin schon gespannt,

was Annabell mir alles über ihren Job erzählen wird“, meinte Fietje.

Vitali fragte nicht nach, was denn Gefährliches in dem Koffer war. Er verzog

sich schnell in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Auch während

des Essens war er sehr still. Vitali starrte lieber vor sich hin, als mit Fietje

ein Gespräch anzufangen. Der Junge merkte, dass irgendetwas in der Luft

lag. Er kam sich total fehl am Platz vor. Wie ein ungebetener Gast.

Naja, er würde sich morgen Nachmittag mit Annabell zurückziehen, damit er

seinem Onkel nicht weiter zur Last fiel. Vitali, unterdessen, fragte sich die

ganze Zeit, wo Dennis blieb. Dieser sollte bereits seit zwei Stunden da sein.

Außerdem wusste er immer noch nicht, wie er Fietje von seinem Zwilling

erzählen sollte.

Vitali ging noch einmal hinaus zum See. Vielleicht kam ihm an der frischen

Luft eine zündende Idee, wie er es am besten anstellte. Die Zwillinge

mussten doch spüren, dass sie nicht allein auf die Welt gekommen waren!

Das war doch bei Zwillingen so, oder? Aber alle seine Überlegungen führten

ins Nirgendwo. Es nützte nichts, Dennis musste her! Der Bengel war nun

schon über 3 Stunden zu spät dran. Vitali machte sich langsam auch Sorgen,

obgleich dies bei Dennis meist überflüssig war. Er tat einen tiefen Atemzug

und wählte Dennis Nummer. Es klingelte bestimmt zehn Mal. Als Dennis

endlich ranging, brummte Vitali, inzwischen ziemlich verärgert: „Dennis! Wo

treibst du dich rum? Seit 3 Stunden wolltest du hier sein! Fietje ist schon

lange da.“

„Chill mal, Vitali!“, kam es lallend vom anderen Ende der Leitung.

„Mann, Dennis! Wir wollten heute Fietje von dir erzählen!“

„Hey! Das war doch nicht meine Idee! Ich will den eh nicht sehen. Diesen

Vorzeigeschnösel kannst du dir sonst wohin stecken. Auf die Scheiße hab´

ich echt keinen Bock.“ Aufgelegt.

Vitali starrte fassungslos auf sein Handy. „Warum habe ich mir diesen

Stress überhaupt angetan?“

Und Dennis sollte ja auch dabei sein. Aus keinem anderen Grund hatte er

diesen Querulanten gebeten, an diesem Wochenende zu ihm zu kommen. Es

hatte diesmal viel Überredung gebraucht. Dennis hatte keinen Bedarf auf

Familienzusammenführung. Das hatte er deutlich geäußert. Schlussendlich

hatte sich der Junge aber doch darauf eingelassen. Aber wo blieb er jetzt

um Himmels Willen? Vitali zerriss es innerlich. Nach dem stillen Abendessen

wünschten sich der junge und der alte Mann eine gute Nacht und Fietje

verschwand in sein Zimmer, was in der ersten Etage hinter der Dachbodentreppe

lag.


60 61

ONKEL VITALI

ONKEL VITALI

Immer noch am Bahnhof setzte sich Dennis auf eine Treppe und leerte

eine Flasche Bier. Schon zog er die nächste aus der Tasche und ließ die leere

Flasche die Stufen runterrollen, bis sie auf dem Boden laut in Scherben

zersprang. Jetzt hatte er endgültig die Nase voll.

„Da ist er. Fordere Verstärkung an“, hörte er ein Flüstern hinter sich.

„Das ist doch jetzt nicht wahr! Ihr wollt mich doch verarschen!“, lallte Dennis,

als er erneut die Bundespolizisten sah, denen er vorhin erst entkommen war.

„Folgen Sie uns bitte“, forderte der blonde Bundespolizist ihn auf.

„Du hast doch ‘nen Schaden, Alter! Verzieh dich einfach!“, antwortete Dennis.

Im nächsten Moment bog eine weitere Streife um die Ecke.

„Ey, ihr geht mir voll auf die Nerven...“, knurrte Dennis leise.

„Sie kommen jetzt mit uns zur Wache“, forderte ein dritter Bundespolizist.

„Einen Scheiß werde ich!“, brüllte Dennis und stieß den Beamten von sich,

wobei er selbst hinfiel.

„Das ist der gleiche Junge, der auf den Gleisen unterwegs war und eine Bank

beschmiert hat“, sagte der eine Streifenpolizist.

„Scheinbar ist er auch der Übeltäter aus dem Getränkeladen“, sagte der

andere.

„Dann nehmen wir ihn auf jeden Fall mit“, beschlossen sie und zogen Dennis

auf die Beine.

„Hey, lasst mich los, ihr...!“, protestierte dieser.

Einer der Beamten nahm die Flaschen und Dennis Rucksack an sich, ein

anderer gab Anweisungen über sein Funkgerät weiter.

„Ach, fuck“, knurrte Dennis und gab nach.

Gemeinsam machte sich die Gruppe auf den Weg zur Wache. Da Dennis aber

inzwischen nicht einmal mehr geradeaus gehen konnte und somit auch nicht

vernehmungsfähig war, wurde er erst einmal in einer Ausnüchterungszelle

untergebracht. Etwas später lag Dennis auf einer unbequemen Liege und

realisierte langsam, was passiert war.

Vernehmung

§ 136 StPO

Erste Vernehmung

(1) 1 Bei Beginn der ersten Vernehmung ist dem Beschuldigten zu eröffnen, welche Tat ihm zur Last

gelegt wird und welche Strafvorschriften in Betracht kommen. 2 Er ist darauf hinzuweisen, daß es ihm

nach dem Gesetz freistehe, sich zu der Beschuldigung zu äußern oder nicht zur Sache auszusagen und

jederzeit, auch schon vor seiner Vernehmung, einen von ihm zu wählenden Verteidiger zu befragen. 3

Möchte der Beschuldigte vor seiner Vernehmung

einen Verteidiger befragen, sind ihm Informationen

zur Verfügung zu stellen, die es ihm erleichtern,

einen Verteidiger zu kontaktieren.

4 Auf bestehende anwaltliche Notdienste ist

dabei hinzuweisen. 5 Er ist ferner darüber zu

belehren, daß er zu seiner Entlastung einzelne

Beweiserhebungen beantragen und unter den

Voraussetzungen des § 140 Absatz 1 und 2 die

Bestellung eines Verteidigers nach Maßgabe

des § 141 Absatz 1 und 3 beanspruchen kann; zu

Letzterem ist er dabei auf die Kostenfolge des §

465 hinzuweisen. 6 In geeigneten Fällen soll der

Beschuldigte auch darauf, dass er sich schriftlich

äußern kann, sowie auf die Möglichkeit eines

Täter-Opfer-Ausgleichs hingewiesen werden.

(2) Die Vernehmung soll dem Beschuldigten

Gelegenheit geben, die gegen ihn vorliegenden

Verdachtsgründe zu beseitigen und die zu seinen

Gunsten sprechenden Tatsachen geltend zu

machen.

(3) Bei der ersten Vernehmung des Beschuldigten

ist zugleich auf die Ermittlung seiner persönlichen

Verhältnisse Bedacht zu nehmen.

Verstärkung anfordern

In Fällen wie diesem werden sofort durch die

Einsatzzentrale Verstärkungskräfte zum

Ereignisort bzw. Tatort entsandt.

Da alle Streifen durch Funk miteinander

verbunden sind, können sie den Funkverkehr

mithören. Das hat den

Vorteil, dass benachbarte Streifen

ebenfalls auf Hilferufe reagieren

können.


62 63

EINER AUGEKLÄRT

EINER AUGEKLÄRT

Einer aufgeklärt

„Na, da hab ich mich ja schön in die Scheiße geritten...“, murmelte er.

Er sah sich in dem kleinen Raum um und ging zur Tür. Dort entdeckte er

einen Knopf, den er kurzerhand drückte. Im nächsten Moment sah er in die

Augen des Bundespolizisten, der ihn hierher gebracht hatte.

Bundespolizist hielt Dennis Schuhe in der Hand.

„Ziehen Sie die an und dann sehen wir weiter“, sagte er und machte Dennis

etwas Platz. Kurz darauf setzte sich Dennis auf eine Bank und hielt sich den

dröhnenden Kopf.

„Wie sieht es aus? Haben Sie einen Ausweis dabei? Sind Sie volljährig?“, fragte

der Beamte nun.

„Na, junger Mann? Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Beamte.

„Sie können mal damit beginnen, mich hier rauszulassen...“, sagte Dennis

immer noch frech, aber schon leiser.

Der Polizist musterte ihn und rief einen Kollegen zu sich. Im nächsten

Moment wurden die schweren blauen Türen auch schon geöffnet und der

Vernehmung des Beschuldigten

§ 163a StPO

Vernehmung des Beschuldigten

(1) Der Beschuldigte ist spätestens vor dem Abschluß der Ermittlungen zu vernehmen, es sei denn,

daß das Verfahren zur Einstellung führt. § 58a Absatz 1 Satz 1, Absatz 2 und 3 sowie § 58b gelten

entsprechend. In einfachen Sachen genügt es, daß ihm Gelegenheit gegeben wird, sich schriftlich

zu äußern.

(2) Beantragt der Beschuldigte zu seiner Entlastung die Aufnahme von Beweisen, so sind sie zu

erheben, wenn sie von Bedeutung sind.

(3) Der Beschuldigte ist verpflichtet, auf Ladung vor der Staatsanwaltschaft zu erscheinen. Die §§ 133

bis 136a und 168c Abs. 1 und 5 gelten entsprechend. Über die Rechtmäßigkeit der Vorführung entscheidet

auf Antrag des Beschuldigten das nach § 162 zuständige Gericht. Die §§ 297 bis 300, 302, 306

bis 309, 311a und 473a gelten entsprechend. Die Entscheidung des Gerichts ist unanfechtbar.

(4) Bei der ersten Vernehmung des Beschuldigten durch Beamte des Polizeidienstes ist dem Beschuldigten

zu eröffnen, welche Tat ihm zur Last gelegt wird. Im übrigen sind bei der Vernehmung des Beschuldigten

durch Beamte des Polizeidienstes § 136 Absatz 1 Satz 2 bis 6, Abs. 2, 3 und § 136a anzuwenden.

§ 168c Absatz 1 und 5 gilt für den Verteidiger entsprechend.

„In meiner Reisetasche, aber die habe ich irgendwo

liegengelassen... Und nein, bin ich nicht“,

murmelte Dennis.

„Ist das Ihre Reisetasche?“, fragte ihn der Mann.

Dennis blickte auf und nickte, als er seine Tasche

erkannte.

„Holen Sie bitte Ihren Ausweis heraus. Wie

können wir einen Erziehungsberechtigten

benachrichtigen?“, fragte er dann.

„Mein Vater ist auf Dienstreise im Ausland...

Rufen Sie einfach meine Cousine

an.“

Dennis zog aus der Reisetasche

sein Portemonnaie heraus und

reichte dem Polizisten den Ausweis.

Ein anderer Polizist kam

mit einer Tüte in der Hand in den

Raum. Darin befand sich unter anderem

Dennis Handy.

Er nahm es entgegen und suchte

Annabells Nummer heraus.

(5) § 187 Absatz 1 bis 3 und § 189 Absatz 4 des Gerichtsverfassungsgesetzes gelten entsprechend.


64 65

EINER AUFGEKLÄRT

EINER AUFGEKLÄRT

„Hier, das ist die Nummer meiner Cousine. Rufen Sie die einfach an...“

Der Polizist ging in den Nebenraum und wählte die Nummer. Zu seiner Überraschung

ging seine Kollegin Annabell ans Telefon. Sie war noch immer auf

Streife. Es war kurz vor ihrem Feierabend.

„Hey Annabell, hier ist Chris. Wir haben deinen Cousin hier sitzen. Genau,

Dennis steht im Ausweis. Hm, dunkle Haare. Sehr gut. Bis morgen früh“, war

alles, was Dennis von dem Gespräch mitbekam.

Chris war hier am Bahnhof der Präventionsbeauftragte. Er konnte den

Jungen sensibel in einem Polizeilichen Präventionsgespräch aufklären. Dafür

wurde er ausgebildet. Jetzt sorgte Chris dafür, dass sie beide sich offen

gegenübersaßen. Er wollte die negative Atmosphäre von vorhin für ihr

Gespräch etwas aufbrechen. Er musste Zugang zu dem Jungen bekommen.

„So, nun mal in Ruhe. Was treibt dich denn dazu, soviel Unfug an einem

einzigen Tag zu veranstalten. Da muss doch was dahinterstecken.“

Dennis roch den Braten und bockte. Er lehnte sich mit verschränkten Armen

lässig auf dem Stuhl nach hinten und antwortete nicht. Er nahm sich vor,

überhaupt kein Wort mehr zu sagen.

„Kaffee?“, fragte Chris und schenkte sich selbst in eine große Tasse ein.

Darauf war ein Bild von seinem kleinen Sohn. Dennis nickte.

„Weißt du, wir sehen hier echt viele wie dich. Und doch gibt es Unterschiede.

Auch die sehen wir...“ Chris legte bewusst eine lange Pause. Er ahnte, der

Junge würde sich irgendwann öffnen.

Präventionsbeauftragter

Zu seinen Aufgaben gehört in erster Linie die Verhinderung von Straftaten und das adressatengerechte

Vermitteln bestimmter Lerninhalte. Die deliktsbezogenen Themen erstrecken sich von

Rechtskundeschulungen bis hin zum Unterrichten von sicherem Verhalten auf Bahnanlagen,

Zivilcouragetraining, Ausbildung von Schulwegbegleitern bis zur Durchführung von Polizeilichen

Präventionsgesprächen mit Straftätern.

Die Schwerpunkte sind in einem bundesweit einheitlichen Produktkatalog eingearbeitet. Sie

werden aktuellen, auch wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst und von den Präventionsbeauftragten

anlassbezogen angewandt.

Präventionsgespräch

Das Polizeiliche Präventionsgespräch (PrävG) wird durch einen Präventionsbeauftragten in der

jeweiligen Dienststelle durchgeführt. Mit diesem PrävG sollen Täter von der Begehung weiterer

Straftaten abgehalten werden. Ebenfalls werden alle Altersgruppen von Kindern bis hin zu Erwachsenen

verhaltensorientiert auf bestimmte Gefahrensituationen hingewiesen.

Bei einem PrävG können die Erziehungs- und Fürsorgeverpflichteten oder Betreuer von Kindern

und Jugendlichen anwesend sein.


66 67

EINER AUFGEKLÄRT

EINER AUFGEKLÄRT

Sie tranken schweigend ihren Kaffee, sahen sich hin und wieder in die Augen.

„Was denn für Unterschiede?“, kam es nach fünf Minuten von Dennis. Schon

etwas weniger bockig.

Und die Sache mit der abgeschalteten Oberleitung würde sicher sehr teuer

werden. Dennis sank in sich zusammen. Jetzt war er sauer auf sich selbst.

Und wenn doch nicht auch noch Naomi so bescheuert gewesen wäre!

„Naja, es gibt überall Solche und Solche, aber meist mehr Solche als Solche.“

Chris schmunzelte.

„Und welcher Solcher bin ich, deiner Meinung nach?“

„Na, Du hast grad Sorgen und willst dir Luft machen. Aber jemandem Fremden

schaden, ist grundsätzlich eigentlich nicht dein Ding“, sagt meine Glaskugel.

Ein breites Grinsen folgte.

„Klar nicht“, brach es aus Dennis heraus.

„Warst aber haarscharf dran.“

Gespielt relaxed zuckte Chris die Schultern. „Die gleichen Sachen veranstalten

auch die anderen Solchen und bringen Menschen in Gefahr, verletzten

oder töten sie.“

„Ey, nein! Ist doch alles nur wegen meinem Dad, der mich nur wollte, um

Mom eins auszuwischen. Dabei hat es mein Zwillingsbruder bei ihr viel besser

gehabt und jetzt soll ich diesem Lackaffen auch noch die Hand schütteln!?“

„Heute? Deinem Bruder?“, fragte Chris freundschaftlich besorgt.

„Heute, ... sollte ich! Wir haben uns noch nie gesehen!“

Dennis verfiel sofort wieder in seine störrische Haltung.

„Hm. Das ist wirklich keine einfache Kiste. Aber Du machst es für dich selbst

gerade nicht besser. Schadest dir nur noch mehr. Und dann wohnst du bald

nicht einmal mehr bei deinem Dad.“

Chris erklärte Dennis, dass er gerade noch mal Glück gehabt hatte. Die Bundespolizisten

hatten ihn rechtzeitig aufgegriffen, bevor er, sturzbetrunken

wie er war, sich noch mehr ins Unglück stürzte.

Jetzt kam in jedem Fall eine Strafanzeige wegen Diebstahls auf ihn zu.

„Ich glaube, es wäre das Beste für dich, wenn du deinen familiären Kram

erst einmal klärst. Bist ja erwachsen und kannst auch einmal sagen, was

das für dich alles bedeutet. Danach klären sich die Dinge mit uns hier auch

besser. Wirst sicher Hilfe von deiner Cousine bekommen. Nimm die an, das

kann ich dir nur mit auf den Weg geben.“

Chris hatte mit Annabell vereinbart, dass sie ihren Cousin abholen kommt.

Das war ärgerlich für seine Freundin, denn eigentlich hatte sie ihr sehr verdientes

und seltenes freies Wochenende.

„Hey Chris“, sagte Annabell, als sie die Bundespolizeiinspektion betrat. Sie

überflog die Dokumente, die ihr Kollege ihr entgegenhielt und ging dann sofort

zur Ausnüchterungszelle, um nach ihrem Cousin zu schauen.

„Da hast du ja ordentlich was angeschleppt, Dennis“, stellte sie fest, während

sie schockiert in den Unterlagen blätterte. Dennis gestriger Tag war eine

nahezu lückenlose Straftaten-Sammlung.

„Hausfriedensbruch, Betreten der Gleise, Vandalismus, Diebstahl, Alkohol-

Rausch, Rauchen in einem Nichtraucher-Bereich, Verschmutzen des Bahnsteigs

und des Bahngeländes,

Hausfriedensbruch

§ 123 StGB

Hausfriedensbruch

(1) Wer in die Wohnung, in die Geschäftsräume oder in das befriedete Besitztum eines anderen

oder in abgeschlossene Räume, welche zum öffentlichen Dienst oder Verkehr bestimmt sind, widerrechtlich

eindringt, oder wer, wenn er ohne Befugnis darin verweilt, auf die Aufforderung des

Berechtigten sich nicht entfernt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe

bestraft.

(2) Die Tat wird nur auf Antrag verfolgt.


68 69

EINER AUFGEKLÄRT

EINER AUFGEKLÄRT

Beleidigung, Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte...

Oh Mann, Dennis! Was ist denn bloß los mit dir?“, fragte Annabell kopfschüttelnd.

„Als würde dich das interessieren...“, murrte Dennis.

„Das tut es, Dennis. Und nicht nur, weil du mein Cousin bist. Das, was hier auf

deinem Konto steht, ist schon lange kein Spaß mehr. Ich nehme dich jetzt

erst einmal mit nach Hause“, erklärte Annabell und sah ihn besorgt an.

„Wir reden später, ja?.“

Beleidigung

§ 185 StGB

Beleidigung

Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die

Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit

Geldstrafe bestraft.

Die Präventionsbeauftragten führen deshalb in Schulen

gem. Produktkatalog der Polizeilichen Kriminalprävention

Schulungen anlässlich "Rechtskundeunterricht

Jugenddelikte" durch.

Körperverletzung

§ 223 StGB

Körperverletzung

(1) Wer eine andere Person körperlich mißhandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit

Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Der Versuch ist strafbar.

Hierbei sollen sich die TeilnehmerInnen:

· der Verantwortung für strafrechtliche

relevante Handlungsweisen,

· den polizeilichen Maßnahmen und

· den Folgen für die Täterin oder den Täter

bewusst werden.

Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte

§ 113 StGB

Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte

(1) Wer einem Amtsträger oder Soldaten der Bundeswehr, der zur Vollstreckung von Gesetzen,

Rechtsverordnungen, Urteilen, Gerichtsbeschlüssen oder Verfügungen berufen ist, bei der Vornahme

einer solchen Diensthandlung mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt Widerstand

leistet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2)-(4) ...


70 71

ZUHAUSE (BEI VITALI)

ZUHAUSE (BEI VITALI)

Zuhause (bei Vitali)

„Guten Morgen Paps!“ Annabell ließ sich auf einen Stuhl am gemeinsamen

Küchentisch fallen und stieß dabei ein entnervtes „Pfff“ aus.

Sie sah sehr müde aus.

„Harte Schicht gestern?“, fragte Vitali seine Tochter, während er weiter

Butter auf sein Vollkornbrot schmierte. Seine Laune war unterirdisch. Dennis

war gestern nicht mehr aufgetaucht. Er hatte keine Ahnung, wo dieser

Bengel heute Nacht untergekommen war.

„Nee, die Schicht ging eigentlich. Aber Dennis musste ich vor einer Stunde

aus unserer Ausnüchterungszelle holen!“

„Das kann doch alles nicht wahr sein! Wieso vor einer Stunde? Warst du

etwa heute Morgen schon unterwegs? Wo ist der Bengel jetzt? Schläft der?

Oben in seinem Zimmer?“

„Hm, der war so etwas von voll! Die Kollegen haben ihn an einem Bahnsteig

aufgegabelt. Die Füße hängend zu den Gleisen. Ein absolutes Desaster!“

Dann nahm sich Annabell ein Brötchen und verzog sich auf ihr Zimmer. Sie

würde heute wohl den kompletten Tag schlafen.

Vitali stöhnte. Das wurde ja immer besser! Zum Glück war Wochenende und

er hatte heute keinen Notdienst. Dennis konnte man nicht auf die Menschheit

loslassen. Vielleicht wäre Fietje am Ende sogar besser dran, wenn er

Notdienst

Außerhalb der geregelten Anwesenheitszeiten der Mechaniker ist ein Freigabeberechtigter telefonisch

erreichbar, der Entscheidungen treffen kann, ob bei einem Defekt an der Maschine weitergeflogen

werden kann oder nicht. Er kann Mechaniker in den Dienst versetzen, die dann zum defekten Hubschrauber

(HS) fahren oder geflogen werden, um ihn zu inspizieren und ggf. zu reparieren.

nichts von allem erfahren würde. Es waren immerhin zweieiige Zwillinge.

Man konnte noch die Handbremse ziehen. Der Junge würde nichts ahnen. Er

konnte ihm auch eine andere Story auftischen, weshalb Dennis ab und zu bei

ihm wohnte. Vitali räumte seinen Teller und sein Messer in die Spülmaschine

und setzte sein Wasserglas noch einmal an den Mund, als es oben im Haus

entsetzlich laut polterte.

Es klang, als wäre ein schwerer Gegenstand die Treppe hinuntergefallen ...

gefallen? Gestürzt?! Es wird doch nicht ...!

„Oh nein!“ Vitali rannte panisch aus der Küche.

Es war Dennis. Er lag mit dem Kopf nach unten auf der schmalen Treppe

zum Dachboden und ... grinste ihm frech ins Gesicht.

„Sag mal, hast du noch alle Latten am Zaun?!“ Vitali war außer sich.

Er konnte sich kaum mehr beherrschen. Zum Glück kam auch Annabell aus

ihrem Zimmer gerannt. Sie würde die Situation mit ihrem kühlen Kopf im

Griff behalten.

„Steh auf, Dennis! Sonst kommt dir zuviel Blut in die Birne!“

„Halt dein Maul, du Schlampe!“

„Also, jetzt reicht es! Du beleidigst in meinem Haus keinen Menschen und

erst recht nicht deine Cousine! Ich möchte, dass du augenblicklich deine

Sachen packst und von hier verschwindest. Fietje hast du nicht als Bruder

verdient. Wir lassen das ein für alle Mal. Fietje wird nie erfahren, dass du

sein Zwilling bist.“

Es war selten, dass Vitali sich nicht im Griff hatte. Aber wenn, dann wackelte

bei seiner sonoren Stimme das ganze Haus. Wenn er brüllte, bekam

mancher eine Gänsehaut.

Einer hatte jetzt tatsächlich Gänsehaut...: Fietje.

Der Junge stand wie angewurzelt in der geöffneten Tür, die zu dem Zimmer

hinter der Dachbodentreppe führte. Er zitterte.


72 73

ZUHAUSE (BEI VITALI)

Ein Schock. Annabell erkannte es als Erste. Sie hatte schon oft im Dienst

damit zu tun gehabt. Entschlossen nahm sie den Jungen am Arm und zog ihn

ins Zimmer zurück, um ihn dort zu versorgen.

Dennis hatte nichts Besseres zu tun, als noch etwas hinterherzuschreien:

„Mit diesem Schnösel wollte ich noch nie verwandt sein. Der soll sich lieber

mal verpissen!“

Dann erhob er sich schwerfällig und schleppte sich auf allen Vieren auf den

Dachboden zurück. Vitali hatte ihn damals extra für den Jungen ausgebaut.

Er war schon immer ein schwieriger Kerl.

Vitalis Schwager hatte seine Entscheidung, den Jungen zu sich zu nehmen,

im Grunde sofort bereut. Er hatte sich nie richtig um ihn kümmern können.

Führungskraft. Tag und Nacht und immer.

Schock

Anzeichen für einen Schock sind:

• blasse, kühle Haut

• unklare Äußerungen des Betroffenen

• kalter Schweiß, frieren Angst-, Unruhe- und Verwirrtheitszustände

• beschleunigte Atmung.

Was ist zu tun bei einem Schock?

Bei ersten Anzeichen für einen möglichen Schock sollten folgende Maßnahmen ergriffen werden:

• Alarmiere so früh wie möglich den Notarzt (112)!

• Versuche, die Ursache des Schocks zu beseitigen, wenn dies möglich ist (z.B. durch Stillen

einer Blutung)!

• Lass die Person nicht allein und beruhige sie!

• Halte die Person warm, z.B. indem du sie in eine Decke wickelt! Verwende jedoch keine Wärme

von außen, wie z.B. Wärmflaschen, Heizdecken oder Ähnliches!

• Ist der/die Betroffene bei Bewusstsein, bringe ihn/sie in die Schocklagerung: Flach auf den

Boden legen und die Beine des Betroffenen hochlegen (z.B. auf einen Hocker, Koffer)!

Falls Bewusstlosigkeit ein tritt, überprüft die Atmung:

• Betroffene/-r atmet: Bringe sie/ihn in die stabile Seitenlage und kontrolliere regelmäßig

die Atmung!

• Betroffene/-r atmet nicht: drehe sie/ihn auf den Rücken und beginne mit

Wiederbelebungsmaßnahmen!

Und das war dann das Ergebnis. Der Junge konnte nichts dafür. Vitali tat es

jetzt leid, dass er sich so vergessen hatte. Aber er war auch nur ein Mensch

und diesem Jungen konnte keiner mehr richtig Herr werden. So schien es. Er

würde ihn heute nicht mehr angehen.

Das mit Fietje war jetzt natürlich selten dumm gelaufen. Er hätte sich für

diese unbedachten Worte ohrfeigen können!

Fietje saß mit einer Decke um die Schultern auf seinem Bett. Annabell redete

leise und beruhigend auf ihn ein. Sein Kreislauf schien stabil, sie musste

ihn nicht mit erhöhten Beinen legen. Sie dachte an Dennis und wusste,

auch er benötigte ihre Hilfe. Doch sie konnte jetzt nicht überall sein. Nachher

würde sie sich um ihn kümmern.

Vitali zog seine Wanderschuhe an. Er musste einen klaren Kopf bekommen,

bevor er Fietje seine Zwillingsgeschichte im Detail offenbarte. Den Vormittag

würde er in den Bergen rings um den Starnberger See verbringen. Das

würde sicher helfen.


74 75

ZUHAUSE (BEI VITALI)

ZUHAUSE (BEI VITALI)

Dennis fiel in einen tiefen Schlaf. Als er am Nachmittag um 15:15 aufwachte,

zog er zuerst das Handy aus seiner Hosentasche. Dort steckte es immer,

auch wenn es so nicht gegen Diebstahl versichert war. Er musste jetzt Naomi

dringend von all diesem Mist erzählen. Aber vorher wollte er noch wissen,

wieso sie sich gestern am Bahnhof nicht zu erkennen gegeben hatte. War

der Typ neben ihr schuld? Hatte sie ´nen Anderen und wollte vor dem nicht

auffliegen?

15:15 „Hey! Es macht mich fertig, dass du mich gestern in dem Café nicht

erkennen wolltest!“

15:18 „Dennis, hello! Das gestern? Das war doch nur ein Spielchen.“

15:19 „Ein Spielchen? Bist du nur doof? Wollen denn heute alle mit mir

Spielchen spielen?“

15:24 „Nimms nicht so ernst, ich wollte dich nur testen.“

15:25 „Achso. Und? Seh ich sexy aus?“

15:30 „Klar! Voll! Du bist genau mein Typ.“

15:31 „Du auch ; )!“

So etwas schreckte die Girls eher ab.

Er hatte Hunger. Mordshunger.

Er würde jetzt in die Küche runtergehen. Sollte sein Onkel doch schnauben,

wie er wollte. Ihm war es egal.

Fietje hatte sich vom ersten Schreck etwas erholt. Für ihn machte das alles

keinen Sinn. Und sein Onkel, der es ihm, laut Annabell, erklären konnte, trieb

sich noch am See herum. Annabell hatte ihm die Prospekte von der Bundespolizei

gegeben. Zum Ablenken. Dann war sie in Dennis Zimmer verschwunden.

Den ganzen Vormittag hatte sich Fietje nun schon die Sachen von Annabell

angeschaut, auch mal im Netz recherchiert. Dabei stieß er auf ein cooles

Video von einem gewissen Fabian Aue. Und ja, er wollte auch Hubschrauber-

Pilot werden. Das stand jetzt für ihn fest.

Hubschrauber-Pilot

Dennis entschied sich, Naomi doch nichts zu erzählen.

Ausbildungskriterien und Abläufe:

• Höchstalter 33

• abgeschlossene Laufbahnausbildung im mD / gD (noch!)

Diebstahl versichert

Nicht alle Diebstähle, die laut dem Gesetz als Diebstahl (siehe § 242 StGB Diebstahl) gelten, sind

auch Diebstähle im Sinne einer Versicherung.

Erstauswahlverfahren (EAV)

• computerbasierte Tests zu kognitiven und psychomotorischen Leistungsmerkmalen, Fähigkeitstests

und Fragebogen zu luftfahrt-psychologisch relevanten Persönlichkeitseigenschaften

beim Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin (DLR) in Hamburg (eintägig)

• Assessment Center (DLR) zu sozialen Fähigkeiten und Verhalten im Team sowie persönliches

Interview mit Vertretern der Fliegergruppe zum Kennenlernen (zweitägig)

• Flugmedizinische Tauglichkeitsuntersuchung

Einfacher Diebstahl:

Dies sind Diebstähle, bei dem es für den Dieb einfach ist, etwas zu stehlen. Der Geschädigte lässt

z. B. das Handy unbeaufsichtigt auf dem Tisch eines Restaurants liegen, weil er kurz auf die Toilette

geht. Trick- und Taschendiebstähle werden oft auch als einfacher Diebstahl eingestuft, wenn der

Besitzer ein Handy grob fahrlässig aufbewahrt. Solche einfachen Diebstähle sind in der Handy-Versicherung

nicht versichert. Also keine Erstattung im Schadensfall. Anders sieht es bei Einbruchdiebstahl

oder Raub aus. Bei der Handlung wird durch den Täter bei der Tatausführung Gewalt

angewendet oder angedroht.

Ausbildung

• Englisch-Lehrgang (ca. 2 Monate)

• Theorie und Praxis auf EC120 (ca. 1 Jahr)

• Einsatztaktische Ausbildung und Type Rating EC135 (ca. 6 Monate)

• ggf. Type rating AS322 (ca. 2 Monate)

• ggf. Instrumentenflugberechtigung IFR (ca. 4 Monate)

www.komm-zur-bundespolizei.de


76 77

ZUHAUSE (BEI VITALI)

Fabian Aue erzählt

über seine Arbeit.

Fietje nahm sich noch einen Yoghurt aus dem Kühlschrank und wartete eine

ganze Weile. Doch Vitali hatte scheinbar nicht vor, sich so bald wieder hier

einzufinden.

„Ich werde Belinda anrufen. Ihr kann ich sicher von dieser Zwillingssache

erzählen“, dachte Fietje und wählte Belindas Nummer. Vielleicht hatte sie

jetzt schon Zeit.

„Hey Fietje, na, schon ausgeschlafen? Wie ist es, wollen wir an den See?“

Belinda hatte größte Lust, heute noch baden zu gehen. Es waren die letzten

Tage des Sommers. Das wollte sie unbedingt nutzen.

„Ja, klar! Aber magst du nicht erst einmal auf einen Kaffee hier vorbeikommen?

Ich muss meine Sachen noch auspacken. Hab´ ich noch nicht geschafft“,

kam es von Fietje. Er wollte erst einmal alles loswerden, bevor er

mit ihr einen entspannten Nachmittag verbrachte.


78 79

ZUHAUSE (BEI VITALI)

ZUHAUSE (BEI VITALI)

Belinda kam schon ein paar Minuten später. Sie sah umwerfend aus. Fietje

mochte ihre Dreadlocks sehr und auch ihr Farbgeschmack war seinem

sehr ähnlich. Ihr Wiedersehen war herzlich. Er hatte nichts zu befürchten.

Außer, dass er sich verliebte. Das konnte er grad gar nicht gebrauchen. Beim

Kaffee erzählte er seiner neuen Freundin, dass er seit heute Morgen einen

Zwilling hatte. Mehr wusste er darüber ja noch nicht. Und auch, wenn Belinda

tausend Spekulationen parat hatte, er konnte immer nur mit „Das weiß ich

nicht“ antworten.

ist das

etwa dein

Bruder?

„Hey, was soll denn diese Kacke hier?“, brüllte es plötzlich aus Richtung Flur.

Dennis stand in der Küchentür und funkelte Belinda hasserfüllt an.

„Naomi! Willst du mich nur komplett rollen? Was soll das? Was bist du denn

für eine hinterlistige F...“

Das reichte. Fietje sprang auf. Er stürzte sich auf Dennis. Die beiden stolperten

über die beiden Treppenstufen zur Küche und lagen jetzt keuchend

auf dem Boden. Belinda stand neben ihnen und schaute auf beide herunter.

„Ist das etwa dein Bruder?“, fragte sie Fietje und zeigte ungläubig auf den zu

ihren Füßen liegenden Dennis.

„So what? Naomi??? Bist du krank oder was? Jetzt tu nicht wieder so, als

würdest du mich nicht kennen. Deine Spielchen stinken mir total. Jetzt auch

noch mit diesem feinen Pinkel, ich glaub es einfach nicht!“

Damit erhob er sich und rauschte in den Flur hinaus. „Rums!“

Das war die Eingangstür. Dennis war gegangen.

Auf dem Boden lag noch sein Handy. Es war ihm beim Gerangel aus der

Tasche gerutscht.


80 81

ZUHAUSE (BEI VITALI)

ZUHAUSE (BEI VITALI)

Belinda hob es auf und unternahm einen kleinen Versuch, ihm hinterherzurufen.

Da vibrierte das Smartphone in ihrer Hand.

Sie schaute auf das Display und las: „Nachricht von Naomi“

„Naomi?“, sprach sie ihre Gedanken verwirrt aus.

„So hat er dich eben zwei Mal genannt“, kam es von Fietje, der sich jetzt auch

erhob.

„Also, von mir ist die Nachricht nicht. Wieso denkt er überhaupt, dass ich

Naomi heiße? Oder sind bei ihm alle Girls Naomis?“

„Lass mal sehen!“

Fietje hatte sich zuerst wieder gefasst und war jetzt nur noch neugierig.

Was die beiden allerdings jetzt entdeckten, hatte absolutes Gruselpotenzial.

Denn Naomi war Belinda.

Belindas Bild, was sie bei Instagram und auch sonst noch irgendwo online

hatte, schaute ihnen entgegen.

„Wie geht denn das?“ Belinda war schockiert. Fietje zuckte nur die Schultern.

In dem Moment kam Annabell in die Küche. Noch etwas verschlafen.

„Was ist denn mit euch los? Starrt auf das Handy, als wär´s ein Geist!“

„Hm, vielleicht ist es auch einer“, bemerkte Fietje.

„Wieso? Was ist denn mit deinem Handy?“, fragte Annabell.

„Nee, Dennis seins. Der ist grade rausmarschiert. Und das hier ...“

„Oh Mann! Der nervt! Zeig mal her, was hat es denn damit?“

Annabell nahm das Handy und sah Belindas Bild mit der Nachricht.

„Ach, du kennst den auch?“ Annabells Blick wanderte zu Belinda.

„Ich hab ihn vorhin zum zweiten Mal gesehen und Naomi bin ich auch nicht.

Keine Ahnung, was er da für Nachrichten bekommt und vor allem von wem?

Mit meinem Bild!“

„Tja, Herzchen, da hat wohl jemand deinen Account gehackt und sich dein Bild

rausgeklaut. Glückwunsch!“, kam es etwas kaltschnäuzig von Annabell.

„Lass mal lesen, was der-die-das geschrieben hat!“

Jetzt kam die Polizistin wieder zum Vorschein. Diese Entdeckung konnte

Annabell nicht auf sich beruhen lassen. Sie nahm sich das Handy vor und

ging den gesamten Nachrichtenverlauf durch. Von einem „Ist der dämlich“

über „So wird das nie was mit der Frau“ zu „Mann, wie kann man so bekloppt

sein!“ ging es lächelnd und schimpfend bis zu einem Punkt, an dem Annabells

Gesicht einfror. Belinda und Fietje beobachteten das Szenario und gerieten in

Sorge.

„Was ist los? Was steht denn da?“

Keine Antwort. Stattdessen zog Annabell ihr eigenes Handy.

Fietje und Belinda schauten sich ratlos an.


82 83

ZUHAUSE (BEI VITALI)

ZUHAUSE (BEI VITALI)

Die Naomi hier ist überhaupt keine Naomi“, sagte Annabell jetzt sehr ernst.

Von ihrem Diensthandy ging bereits ein Ruf ab.

„Chef, ich habe hier einen Verdacht auf Schleusung, Mittäter bekannt, aber

vermisst.“

Der Cousin und seine Freundin verstanden nur Bahnhof.

„Ihr könnt euch sofort auf den Weg machen und Dennis suchen! Wenn gefunden,

dann sofort anrufen!“

„Wieso, was ist denn los?“

„Später.“

Annabell konnte es nicht fassen. Dennis war da in eine ganz gemeine Falle

getappt. Alles machte den Anschein, als dass über den Namen „Naomi“ und

mit dem Bild von Belinda eine Schleusung vorbereitet werden sollte. Den

Hinweis darauf lieferten die Nachrichten der letzten Tage.

Jemand hatte ihren Cousin über die Bundespolizei ausgefragt. Wie das alles

so lief am Bahnhof, auf ihrer, Annabells, Dienststelle. Nebenbei immer mal

ein verliebtes Schnurren eingeflochten, dass Dennis nicht dahinterkam. „Oder

steckte er sogar mit drin?“

Der Gedanke ließ Annabell zu Eis erstarren. Klar! Konnte ja auch sein!

Bei dem wusste man nie! Jetzt musste sie die beiden gleich wieder

zurückpfeifen.

„Hey, ihr zwei! Stopp! Suche einstellen!“, schrie sie über den Weg zum Haus.

suche

einstellen!

Schleusung

§ 96 StGB

Einschleusen von Ausländern

(1) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren, in minder schweren Fällen mit

Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer einen anderen anstiftet

oder ihm dazu Hilfe leistet, eine Handlung

1. nach § 95 Abs. 1 Nr. 3 oder Abs. 2 Nr. 1 Buchstabe a zu begehen und

a) dafür einen Vorteil erhält oder sich versprechen lässt

b) wiederholt oder zugunsten von mehreren Ausländern handelt oder

2. nach § 95 Abs. 1 Nr. 1 oder Nr. 2, Abs. 1a oder Abs. 2 Nr. 1 Buchstabe b oder Nr. 2 zu begehen und

dafür einen Vermögensvorteil erhält oder sich versprechen lässt.

(2) Mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren wird bestraft, wer in den Fällen des

Absatzes

1. gewerbsmäßig handelt,

2. als Mitglied einer Bande, die sich zur fortgesetzten Begehung solcher Taten verbunden hat,

handelt

3. eine Schusswaffe bei sich führt, wenn sich die Tat auf eine Handlung nach § 95 Abs. 1 Nr. 3

oder Abs. 2 Nr.1 Buchstabe a bezieht,

4. eine andere Waffe bei sich führt, um diese bei der Tat zu verwenden, wenn sich die Tat auf

eine Handlung nach § 95 Abs. 1 Nr. 3 oder Abs. 2 Nr. 1 Buchstabe a bezieht, oder

5. den Geschleusten einer das Leben gefährdenden, unmenschlichen oder erniedrigenden

Behandlung oder der Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung aussetzt.

(3) Der Versuch ist strafbar.


84 85

AUCH DAS NOCH!

AUCH DAS NOCH!

Auch das noch!

Hier mussten sofort Experten ran. Deshalb rief sie ihren Chef an. Dieser verständigte

die Leitstelle. Danach ging alles sehr schnell.

Die Leitstelle beauftragte mit einem Anruf die Fliegerstaffel, um Dennis zu suchen.

Der Verdacht auf seine Mittäterschaft reichte dafür aus.

Sie schickten die AS 332 raus. Sie hatte eine Infrarotkamera und den Suchscheinwerfer.

Außerdem war sie mit dem Schwimmer für eine Notwasserung

ausgestattet.

Man wusste nie, wo man die betreffende Person auffand. Noch konnte Dennis

nicht weit sein. Und die Suche startete über dem Starnberger See. Da war die

Maschine zum Transport von Einsatzkräften derzeit die beste Wahl.

Als Vitali in der Zwischenzeit von seinem Spaziergang am See zurückkam,

bot sich ihm ein schreckliches Bild. Was hatte denn dieser Tag noch alles auf

Lager? In seinem Garten stand seine Tochter und gestikulierte wild. Fietje

zitterte schon wieder und daneben stand ein hübsches Mädchen, das bis

Der Suchscheinwerfer ist ein zur Missionsausstattung

gehörender Hochleistungsscheinwerfer,

der optional am Polizeihubschrauber

angebaut werden kann.

Er kann sowohl im für das menschliche

Auge sichtbare Spektrum als auch im Infrarotbereich

(die Ausleuchtung kann mit

Was ist

hier los?

Hilfe von Restlichtverstärkerbrillen gesehen

werden) betrieben werden. Der Suchscheinwerfer

ist aus dem Hubschrauber

in vertikaler wie auch horizontaler Achse

steuerbar. Er ist fokussierbar.

Schwimmer für eine Notwasserung:

Das sind außen am Hubschrauber angebaute

Schwimmkörper, die sich im Falle

einer Notlandung auf hoher See entweder

durch die Besatzung ausgelöst oder

bei Kontakt mit Salzwasser automatisch

aufblasen und so den Hubschrauber für

einen definierten Zeitraum an der Wasseroberfläche

halten.

Leitstelle

Die Erfüllung der gesetzlich zugewiesenen Aufgaben erfordert eine stets aktuelle Kenntnis der

jeweiligen Lage. Behörden und Dienststellen der Bundespolizei sollen auf lagerelevante

Vorkommnisse unmittelbar und sachgerecht reagieren sowie die Informationen aller Beteiligten

sicherstellen können. Ebenso sollen benachbarte in- und ausländische Sicherheitspartner bei deren

Aufgabenwahrnehmung durch die Bereitstellung lagerelevanter Informationen unterstützt werden.

Die Lage- und Einsatzzentrale der Bundespolizeidirektion München befindet sich in der

Direktion in München.


86 87

AUCH DAS NOCH!

AUCH DAS NOCH!

eben noch geweint haben musste. Ihre Augen waren total verquollen. Jetzt

hörte er auch noch die AS 332 in der Nähe. Er konnte die Hubschrauber an

ihrem Motoren-Geräusch erkennen.

„Was ist hier los?“, fragte er seine Tochter und blickte zum See. Von dort

kam der Hubschrauber-Lärm.

Annabell hatte ihr Handy wieder eingesteckt und beschrieb jetzt in knappen,

klaren Worten die Lage. Sie war es von der Arbeit gewohnt, auf Details zu

verzichten.

Vitali kannte das auch von seiner Arbeit. Die Piloten sprachen immer nur

kurz und präzise. Für alles gab es Kürzel. Aber jetzt fuhr ihm diese Art und

Weise der Mitteilung heftig in die Knochen. Es musste um etwas gehen. In

seiner Familie!

A332: In Deutschland wurde die zivile Version „Super Puma“

(Puma AS 332 L1) für den Bundesgrenzschutz angeschafft und

Es war Fabian, der die AS 332 flog. Er erbat sich beim Tower Einflugerlaubnis

in den Kreis: „Munich Tower, Pirol 240, AS 332 Super Puma, VFR, just airborn

at Oberschleißheim inbound Starnberg, low level, hot police mission,

request to enter/cross CTR direct on course.“

ist bis heute bei der Bundespolizei im Einsatz. Die militärische

Version „Cougar“ wird von der Flugbereitschaft des Verteidigungsministeriums

verwendet. In beiden Fällen dienen diese

Hubschrauber in erster Linie dem Transport von Mitgliedern

der Verfassungsorgane, sie werden aber auch im Such- und

Rettungsdienst, im Katastrophenschutz und für humanitäre

Hilfeleistungen eingesetzt.

Tower

Koordinierung des Flugverkehrs in einer Kontrollzone um einen internationalen Flughafen

Einflugerlaubnis

Die Piloten erbitten beim Tower die Erlaubnis, in das Gebiet fliegen zu dürfen. Hier:

„München Turm, Pirol 240, AS 332 Super Puma, VFR, gerade in Oberschleißheim gestartet nach

Starnberg, im tiefen Flug, dringlicher Polizeieinsatz, erbitte Einflug/ Durchflug in/der Kontrollzone

auf direktem Kurs“

Es hieß, hier in der Nähe sollte sich der junge Mann aufhalten. Stunden

vergingen und es gab immer noch keine Spur von Dennis. So langsam brach

die Dämmerung herein und ein Sturm bahnte sich an. Dies erschwerte die

Suche. Sollte der Sturm zu stark werden, müssten sie die Suche abbrechen,

egal ob sie Dennis gefunden hatten oder nicht. Fabian und seine Kollegen

hatten schon fast die Hoffnung auf einen Erfolg aufgegeben, als sich auf ihrem

Monitor etwas bewegte. Bei genauerem Hinsehen stellten sie fest, dass

es sich um Dennis handeln musste, der sich mitten im Wald befand. Jetzt


88 89

AUCH DAS NOCH!

AUCH DAS NOCH!

war höchste Konzentration gefragt. Sie durften ihn nicht verschrecken oder

einschüchtern, weil er sonst auf dumme Gedanken kommen könnte.

„Oh shit!“, fluchte Dennis, als er nach oben blickte und den Hubschrauber

sah, der seine Scheinwerfer vermutlich auf ihn richtete. Lange überlegte er

nicht und rannte los. Selbst wenn die nicht ihn suchten, sicher war sicher!

Wohin er gehen sollte, wusste er noch nicht, er kannte sich hier kaum aus.

Nur eines war sicher - er wollte weg hier.

„Warum suchen die mich denn gleich mit nem fetten Hubschrauber? Geht’s

noch?“ Der Sturm wurde immer stärker und es wurde immer dunkler.

Es fiel ihm schwer etwas zu sehen.

Obwohl Dennis den Hubschrauber längst nicht mehr hörte, rannte er immer

weiter, bis ihm endgültig die Puste ausging. Plötzlich gab es einen riesigen

Knall und er zuckte erschrocken zusammen.

„Super, als ob es jetzt auch noch gewittern muss?! Der Wald ist so schon

gruselig genug!“

Da fielen auch schon die ersten Regentropfen, die schnell zu einem strömenden

Regen wurden. Er brauchte einen Unterschlupf, das war klar!

Nach einigen Minuten kam er komplett durchnässt an einer Art Höhle an.

„Das ist alles Fietjes Schuld! Warum hab ich ausgerechnet so einen

Zwillingsbruder? Warum hab ich überhaupt einen?!“, schimpfte

Dennis. Er regte sich noch einige Minuten auf. Dabei vergaß er, in

welcher Situation er sich befand. Ein Geräusch, nicht weit von ihm

entfernt, holte ihn in die Realität zurück. Er erschrak darüber so

sehr, dass er wie angewurzelt stehenblieb. Die Geräusche kamen

immer näher. Das löste seine Starre und er rannte wieder um

sein Leben.

„Shit! Sie suchen doch nach mir. Bestimmt ist noch was

richtig Blödes passiert.“ Er hatte schon mit seinem

Leben abgeschlossen, da traf ihn etwas Hartes am

Hinterkopf. Ihm wurde schwarz vor Augen.

Annabell sah den Hubschrauber landen und hoffte,

dass sie Dennis gefunden hatten. Doch als Fabian mit

ernstem Blick ausstieg und auf sie zukam, befürchtete

sie das Schlimmste. „Wir haben ihn im Wald entdeckt,

doch dann wurde der Sturm zu stark und wir waren

gezwungen zu landen. Es tut mir leid“, berichtete Fabian.


90 91

AUCH DAS NOCH!

AUCH DAS NOCH!

Annabell fragte entsetzt: „Und jetzt? War er verletzt?“

„Sobald das Unwetter schwächer wird, setzen wir die Suche fort. Soweit ich

das beurteilen kann, war er nicht verletzt. Er ist gerannt.“

Beide waren schon komplett durchnässt. Sie beschlossen reinzugehen und

abzuwarten. Etwas Anderes blieb ihnen gerade nicht übrig.

Als Dennis wieder zu Bewusstsein kam, hörte er ein Brummen und öffnete

langsam seine Augen. Ein Reh stand genau über ihm und starrte ihn an.

Er schrie aus vollem Hals, sprang auf und verschreckte damit das Tier. Es

sprang hastig durch den Wald davon. Der Sturm hatte sich beruhigt, doch

es war immer noch stockdunkel. Dennis war noch etwas benommen. Er

schwankte als er aufstand.

Dann konnte er erleichtert erkennen, dass der Gegenstand, der ihn ausgeknockt

hatte, ein Ast gewesen sein musste. Er war abgebrochen und lag

direkt neben ihm. Das Brummen von eben waren allerdings die rotierenden

Propeller eines Hubschraubers. Er fasste den Entschluss wieder loszurennen.

Diesmal kam der Scheinwerfer immer näher. Dennis wollte gerade

einen Zahn zulegen, als er plötzlich keinen festen Untergrund mehr unter

den Füßen hatte.

Das nächste, das er spürte, war ein ungeheuerlicher Schmerz, der seinen

Körper durchzog. Kaltes Wasser umgab ihn. Er musste von einem Abhang

abgerutscht und in den See gefallen sein. Er versuchte sich über Wasser

zu halten, doch seine nasse Kleidung zog ihn nach unten. Auch sein schmerzendes

Bein erschwerte das Schwimmen. Immer wieder befand er sich

für kurze Zeit komplett unter der Seeoberfläche und schluckte dabei jede

Menge kaltes Wasser. Als er jetzt merkte, dass es nach Blut schmeckte,

geriet er in Panik. Die Kraft verließ ihn, je länger er nach Luft rang. Nur noch

ein „Arghrghrgh. Hil….“ war von ihm zu hören. Er hatte Todesangst.


92 93

AUCH DAS NOCH!

ZWEI AUFGEKLÄRT

Als der Regen nachgelassen hatte, war Fabian sofort wieder aufgebrochen.

Er brauchte auch nicht lange zu suchen. Die Infrarotkamera hatte die Spuren

von Dennis im Wald neben dem See bereits ausgemacht. Und dann sah

er ihn auch schon aus seinem Hubschrauber. Dennis kämpfte auf dem See

um sein Leben. Er drohte zu ertrinken. Jetzt war Eile geboten.

Fabians Co-Pilot schnallte sich ohne Zögern den Sicherungsgurt für eine

weitere Person um seinen Brustkorb. Dann hängte er sich am Rettungsseil

ein, das unten am schwebenden Hubschrauber befestigt war. Daran

könnten er und Dennis hängend zum nächsten Landeplatz geflogen werden.

Aber zuerst musste er runter zu ihm. Jetzt durfte die AS 332 nicht zu

tief kommen, damit der See so ruhig wie möglich blieb. Jede Welle war eine

Gefahr für Dennis. Die Crew wusste nicht, wie lange Dennis schon im Wasser

kämpfte und wie lange es noch dauern würde bis seine Kräfte versagten.

Fabian und sein Co-Pilot hatten es nach 10 Minuten geschafft. Der See hatte

16 Grad und der Junge war stark unterkühlt. Nachdem sie ihn auf einem

Landeplatz oberhalb des Waldes im Hubschrauber hatten und der Co-Pilot

die "Puma" erneut startete, um Kurs auf das Klinikum Starnberg zu nehmen,

versuchte Fabian, mit Dennis zu sprechen. Er hatte den Jungen angeschnallt.

Es würde im Sitzen gehen. Der Lärm im Hubschrauber erlaubte nicht viele

Worte. Er schrie: „Flucht?“ Kopfschütteln.

„Ok“, dachte Fabian, „mit dem Jungen werden jetzt die Kollegen arbeiten.“

Doch für ihn sah das hier nicht nach Schleuser oder Mittäterschaft aus.

Naja, die Hauptsache war: sie hatten ihn vor dem Ertrinken gerettet.

Co-Pilot

Die Komplexität und Nichtplanbarkeit der Einsätze macht es erforderlich, eine weitere Person

(Copilot oder Flugtechniker) zur Unterstützung des Piloten (Funk, Navigation, Überwachung der

Systeme, Vornehmen von Schaltungen etc.) einzusetzen. Kein Pilot fliegt alleine.

Die Vernehmung am nächsten Tag an Dennis Krankenbett führten zwei

Bundespolizisten durch. Manchmal war die Kombination von Frau und Mann

eine gute Entscheidung, um zu einer Aussage zu kommen oder eine Situation

zu regeln. Schnell war klar, dass Dennis zwar ein auffälliger und auch krimineller

Jugendlicher war, denn seine Akte sprach Bände. Diese enthielt sogar

Straftaten bereits im Alter von 10 Jahren. Doch die Mittäterschaft zu einer

geplanten Schleusung konnten die Antworten des Jungen auf die gezielten

Fragen der Beamten eindeutig ausschließen. Trotzdem waren die Beamten

froh darüber, dass die Annabell, die Beamtin aus der Dienstgruppe, richtig

entschieden hatte und sofort die Experten einschaltete. Nun stand noch eine

fieberhafte Suche vor ihnen, die sie sofort starten würden.

Dennis war ein Indiz, was sich als unschuldig erwies,

doch er würde ihnen bei der Suche helfen können.

Zwei aufgeklärt

Es war Donnerstag. Um 14:26 Uhr lief Vitali vor dem

Zimmer 204 des Klinikums Starnberg auf und ab. Im

Gang saßen Fietje und Annabell. Fietje rieb sich nervös die

Hände, schob sie immerzu unter seine Oberschenkel, um sie

kurz darauf wieder hervorzuziehen. Die Situation der Zwillinge war

vor ein paar Tagen völlig außer Kontrolle geraten. Nicht nur,

dass sie beide nun ungewollt voneinander wussten.

Sie steckten zudem in einer absolut gefährlichen

Lage. Wer auch immer hinter „Naomi“ steckte,

er hatte Schlimmes vor. Das war allen klar. Aber

keiner wusste was genau, wann und wo es passieren

würde. Würden sie alle damit zusammenhängen?

Konnte man noch etwas verhindern?


94 95

ZWEI AUFGEKLÄRT

ZWEI AUFGEKLÄRT

er soll

reinkommen!

Die Kollegen vom Ermittlungsdienst hatten entschieden, dass Dennis die

Unterhaltung mit dem Straftäter über sein Instagram-Profil sofort wieder

aufnehmen sollte. Vielleicht hatten sie Glück und er oder sie hatte die Sache

mit dem See nicht mitbekommen. Nur Dennis konnte weiterschreiben. Jeder

hat einen bestimmten Schreibstil und ein Austausch der Person hätte

den Plan zerstören können. Das Ziel war, über die folgende Unterhaltung das

Wann und Wo der geplanten Straftat herauszubekommen. Dennis bekam

dabei Hilfe von Karl, einem sehr erfahrenen Beamten des ErmD. Jetzt hatte

Dennis schon 3 Tage lang mit Naomi geschrieben. Er war immer noch im

Krankenhaus. Hier war er geschützt. Ein Wachposten wurde vor der Tür zu

Zimmer 204 postiert.

Vitali sah zu Fietje hinüber. „Fietje, ich wage es jetzt“, sagte er und berührte

den Türgriff. Er wollte sich endlich bei Dennis entschuldigen. Er klopfte an.

„Jaha!“, kam es von drinnen. Vitali trat ein. Er fand seinen Neffen im Schneidersitz

auf dem Boden sitzend. Es tat ihm so entsetzlich leid, dass er

Dennis letzte Woche so völlig unüberlegt verstoßen hatte. So weit hätte es

niemals kommen dürfen. Er wusste wieder einmal nicht, wie er alles sagen

sollte, erklären, aufklären? Ein Blick in Dennis Augen ... und ...

„Wo ist Fietje?“, fragte Dennis lächelnd als sein Onkel einen tiefen Atemzug

nahm, um seinen Monolog zu starten.

„Ähm, draußen, mit Annabell“, entgegnete Vitali entwaffnet. Er stotterte es.

„Er soll reinkommen. Umarmung überfällig, würd ich mal sagen ...“

Vitali war sprachloser denn je. Er drehte sich auf dem Absatz um und ging

zurück zur Tür, hinaus auf den langen Gang. Mit allem hatte er gerechnet.

Damit nicht. Schach Matt gesetzt. „Zwillinge auch im Geiste." Er schmunzelte.

Ermittlungsdienst

Kriminalitätsbekämpfung:

Ein Haar, ein Fingerabdruck, jede noch so widersprüchliche Aussage: Wenn die Bundespolizei einem

Straftäter auf der Spur ist, zählt das kleinste Detail. Die Beamtinnen und Beamten der Kriminalitätsbekämpfung

sind im Einsatz, um Straftaten zu verhindern und zu verfolgen. Dabei bekämpfen sie

unter anderem organisierte Schleuserbanden, die Menschen ohne erforderliche Aufenthaltstitel

aus dem Ausland illegal nach Deutschland bringen.


96 97

UNFASSBAR

UNFASSBAR

Unfassbar

Währenddessen, 300 km entfernt vom Geschehen, ...

„80.000 ... 90.000 ... 100.000! Endlich wieder Kohle. Drei Leute für 100.000 €, ich

weiß halt, wie man Geschäfte macht", lobte sich der Mann selbst, während

er mit einem Funkeln in den Augen auf die Geldbündel starrte. Dann warf

er einen Blick auf die Uhr. Zufrieden rieb er sich die Hände. In einer Stunde

sollte der Zug, unter den er die Flüchtlinge binden ließ, in Bozen abfahren.

Joshi würde schon am Ostbahnhof in München warten, um sie in Empfang

zu nehmen.

Der Mann schaute hoch, als er die Tür aufgehen hörte. Herein kam Natascha,

seine Ehefrau mit einer teuren Gucci-Bluse und einem Pelzmantel bekleidet,

unter dem ihr künstliches Doppel-D steckte.

„Na Schatz, können wir endlich los, hast du das Geld?", fragte sie mit Akzent.

Er antwortete prompt und überheblich: „Klar Babe, kennst mich doch. Dank

des naiven Jungen hat alles geklappt. Der hat mir tatsächlich den ganzen

Dienstplan der Bundespolizei München geschickt und alles andere, was ich

brauche." Nataschas künstliches Lachen schallte durch den Raum.

4 Stunden später, 20 km vor München, ...

Seit gefühlten Tagen schon lag er nun unter diesem Zug. Er hatte sein

gesamtes Zeitgefühl verloren, seine Gliedmaßen waren steifgefroren und

er hatte Hunger. Er war komplett erschöpft und betete nur noch, dass die

Zugfahrt endlich ein Ende nehmen würde. Nur die Gedanken an seine

Familie hielten ihn noch am Leben. Auf einmal horchte er auf. Ein neues Geräusch

war aufgetaucht. Er versuchte es zu lokalisieren. Von rechts hörte er

ein gleichmäßiges... Er konnte nicht sagen, wie er es definieren sollte. Aber

irgendwie kam es ihm bekannt vor.

Als sich seine Pappe, auf der er lag, plötzlich ein Stück absenkte, fiel es ihm

siedend heiß ein. Er warf einen Blick nach rechts und sah im letzten Moment

sein Unglück auf ihn zukommen. Die Schnur auf der die Pappe lag gab mit

einem leisen Ratsch der Belastung nach. Im letzten Moment konnte er sich

an einem rostigen Rohr über ihm festkrallen, dann fielen Pappe und Schnur

auf die Bahngleise und waren sofort aus seinem Blickfeld verschwunden.

Das kantige Rohr schnitt in seine Handflächen und seine kraftlosen Füße

rutschen von der Unterseite des Zuges immer weiter ab.

Aber er musste durchhalten! Er konnte und würde es schaffen, um seiner

Tochter ein besseres Leben bieten zu können. „Abdul!", hörte er wie sein

Cousin von seinem Platz unter dem Güterzug nach ihm schrie:

„Halte durch, ich sehe schon den Bahnhof!" Das gab Abdul neuen Mut. Seine

Finger zitterten immer mehr unter der Anstrengung und rutschten aufgrund

seines Angstschweißes immer wieder ab. Doch er konnte das schaffen.

Er dachte an die schönen Sachen im Leben. Seine Tochter, seine Frau

und das gute Essen, das ihn in der bayrischen Hauptstadt erwarten würde.

So in Gedanken merkte er nicht, wie der Zug immer langsamer wurde.

Plötzlich bremste dieser abrupt ab und wurde viel langsamer.

Wie in Zeitlupe rutschten Abduls schwitzigen Finger ab, er konnte fast zuschauen

wie seine Füße den Halt verloren. Der Schrei seines Cousins war das

Letzte was zu ihm durchdrang. Er fiel ins Gleisbett und wurde sofort vom

Zug mitgeschliffen. Sein Bein blieb 5m weiter hinten liegen als seine linke

Hand. Verbunden waren sie nur noch durch eine fette Blutspur. Das Lächeln

seiner Tochter war der letzte Gedanke, den er für immer gedacht hatte. 10

Minuten später hatten Abduls Cousins immer noch einen starren Ausdruck

auf ihren schmutzigen Gesichtern. Ihre Augen waren groß und ihre Münder

standen offen. Auf einmal hörten sie einen Mann nach ihnen rufen. „Hey ihr

zwei, schnell raus da, was denkt ihr denn?! Der Zug fährt gleich weiter. Wo

ist denn der Dritte von euch? Naja egal...! Weg hier!"


98 99

UNFASSBAR

UNFASSBAR

Sie bewegten sich unter dem Güterzug hervor. Langsam liefen sie unter

dem Bahnsteig entlang und wollten das Gleis überqueren. Da wurden sie aus

ihrer Trance gerissen.

„Hey, da sind zwei Flüchtige unter dem Zug hervorgekrochen. An alle verfügbaren

Einheiten, sofort zum Ostbahnhof auf Gleis 4", hörten sie die Stimme

eines Mannes in blauer Uniform.

„Scheiße!", fluchte einer der beiden. „Das sind Polizisten!" Sie rannten über

die Gleise davon. Joshi stahl sich unbemerkt vom Gleisbett in die Menschenmenge

am Bahnhof hinein.

In Windeseile war der ganze Bahnhof abgesperrt. Doch die beiden Überlebenden

sollten noch eine größere Suchaktion auslösen, um gefunden zu

werden.

„Aaahhh!!!!", schrie eine Frau jetzt panisch. Plötzlich brach dort, wo sie stand,

ein riesiger Tumult aus. Die Frau hatte die zerrissene Leiche im Gleisbett

gesehen. Mehrere Bundespolizisten versuchten, die Schaulustigen

zurückzudrängen, die schon mit ihren Smartphones Fotos von der Leiche

machten.

Zwei Bundespolizisten kümmerten sich um die Frau und um alle Anwesenden,

bei denen das grauenvolle Blutbad einen Schock nach sich zog. Der

Notfallmanager der DB wurde informiert, um sich um den traumatisierten

Lokführer zu kümmern. Die Spurensicherung, der Rettungsdienst und weitere

Einsatzkräfte wurden geordert. Es war ein einziges Chaos.

Dann musste der zerrissene Körper der Leiche von dem Gleisbett aufgesammelt

und dem Bestattungsunternehmen übergeben werden. Damit die

Beamten nicht dabei gestört wurden und alle Gaffer ferngehalten, wurde

ein Sichtschutz aufgebaut. Weitere Beamte befragten Zeugen und mittendrin

schoss die Presse ihre Fotos.

„Zentrale an alle Einheiten. Zwei flüchtige Personen am Ostbahnhof. Sie

flüchten über die Gleise in Richtung Innenstadt. Alle verfügbaren Einheiten

bitte melden! Hundestaffel und Fliegerstaffel werden angefordert. Gesucht

werden zwei junge Männer im Alter von 18-20 Jahren afrikanischer Abstammung."

„Oh!", schreckte Annabell im Krankenhaus auf.

Eilig öffnete sie die Tür zu Zimmer 204. Ihre Verwandten schauten verwirrt

auf. „Ich muss gehen, Leute. Am Ostbahnhof ist ein heilloses Durcheinander.

Drei Flüchtlinge haben sich unter einem fahrenden Zug versteckt.

Nur 2 haben überlebt." Mit diesen Worten schlug die Tür auch schon wieder.

Nur der Windzug war ein Zeichen, dass sie vor wenigen Sekunden vor Ort

gewesen war. Fietje und Dennis, dem es mittlerweile schon besserging,

sahen sich an und stürmten Annabell gleichzeitig hinterher, gefolgt von Vitali.

Letzterer blieb jedoch plötzlich stehen. Die Zwillinge drehten sich fragend

um. „Was ist denn?“, kam es von Fietje. Vitali stellte eine Rückfrage an

Dennis: „Müssen wir dich denn nicht noch ordentlich abmelden, wenn du das

Krankenhaus verlassen willst?“ Dieser sagte nur kurz: „Das können wir denen

doch auch noch später mitteilen. Ich glaube, ich habe schon gegen genügend

Regeln verstoßen.“ Daraufhin warf ihm sein Onkel nur einen warnenden Blick

zu und sie liefen weiter. Am Parkplatz wartete schon Annabell, die langsam

ungeduldig wurde. „Wenn ihr mitfahren wollt, müsst ihr jetzt mal einsteigen!

Es zählt jede Sekunde!“

Am Bahnhof klärte Chris Annabell über die Sachlage auf. Unklar war immer

noch, ob am Bahnhof ein oder genau der Schleuser auf die Flüchtlinge

gewartet hatte.

Ein Hubschrauber der Fliegerstaffel, Einsatzhunde der Hundestaffel sowie

mehrere Bundespolizisten waren zusätzlich zur eingeteilten Dienstgruppe

im Einsatz, um den oder die Schleuser und auch die Überlebenden zu finden.

Zudem wurde an allen Wegen, die aus der Innenstadt hinausführten, Passanten

kontrolliert.

Inzwischen hatte die Dämmerung eingesetzt, weswegen der Helikopter mit

Scheinwerfern nach den Flüchtlingen suchte.


100 101

ZU ZWEIT

ZU ZWEIT

.

Zu zweit

„Annabell, wo ist denn hier das Klo?“, fragte Dennis, dem es nach diesem

Ausgang seiner Instagram-Odysee sehr schlecht ging.

„Du gehst dort die Treppe runter und dann rechts", antwortete Annabell

beschäftigt.

Dennis machte sich gleich auf den Weg. Fietje rief ihm hinterher:

„Dennis! Warte auf mich!"

Dennis wartete bis Fietje ihn eingeholt hatte. Vitali sah, wie sie zusammen

weggingen, dann drehte er sich um und beobachtete stolz seine Tochter,

die selbstsicher ihrer Arbeit nachging.

„Ich wusste bisher nicht, dass das Leben so grausam sein kann“, fing Dennis

im Laufen an.

„Ja, erst die Sache mit Belinda, dann der Fake-Account und jetzt auch noch

das hier“, stimmte Fietje ihm zu, während er die Tür zur Männertoilette

öffnete. Dennis wollte gerade zum Sprechen ansetzen, da bedeutete Fietje

ihm zu schweigen. Erst verzog Dennis das Gesicht, doch dann hörte auch er

einen Mann in einer Kabine fluchen. Beide stellten sich neben die Klotür in

eine Nische und lauschten.

„Scheiße Mann, hier ist alles schiefgelaufen! Warum verdammt nochmal ist

das Seil gerissen? Der Bastard liegt im ganzen Gleisbett verstreut und die

anderen beiden laufen hier sonstwo rum. Die Bullen hinterher. Ich hoffe,

die haben mich nicht gesehen!“


102 103

ZU ZWEIT

ZU ZWEIT

Entsetzt riss Fietje die Augen auf und sah Dennis an, welcher genauso

geschockt aussah wie er. Doch sie würden noch mehr erfahren.

„Sag mal, wie hast du eigentlich den Streifenplan der Bullen bekommen?“

Eine kurze Pause folgte. „So ein Trottel. Und dieser Dennis hat dir wirklich

alles unter die Nase gerieben?“

Dennis spürte, wie sich die Wut in ihm aufbaute. Diese Bastarde hatten ihn

so was von ausgenutzt. Er wollte losstürmen, doch Fietje hielt ihn lautlos zurück.

Er hielt sein Handy hoch. Darauf war das Zeichen einer Sprachaufnahme

zu sehen, die schon seit einigen Minuten lief. Dennis hielt einen Daumen

hoch. Per WhatsApp beratschlagten sie nun, wie es weitergehen sollte. Dabei

bemerkten sie nicht, wie der Mann auflegte und das Klo verließ. Er stieß

die Tür seiner Kabine so weit auf, dass ein dumpfer Knall ertönte. Dennis

stieß ein „Shit“ aus, weil die Tür gegen seine Nase geprallt war. Erschrocken

hielt er sich den Mund zu und schaute Fietje entsetzt an. Sie kauerten sich

noch ein Stück weiter in die Nische hinein, doch es war schon zu spät. Der

Mann hatte die Kabinentür wieder geschlossen und schrie die Jungen nun

mit hochrotem Kopf an: „Hey, was treibt ihr denn da! Habt ihr mich etwa

belauscht?!“ Bedrohlich ging er auf die beiden zu. Diese versuchten zurückzuweichen,

doch spürten sie schnell die Wand im Rücken. Fietje drückte

sein Handy an seine Brust. Dies machte den Schleuser darauf aufmerksam

und er riss es dem Jungen aus der Hand. Fietje und Dennis schauten sich

mit angsterfüllten Augen an während das Gesicht des Mannes pure Gewalt

verriet. Bevor die Jungen etwas unternehmen konnten, packte Joshi Fietje

am Arm und spuckte ihm ins Gesicht. „Du kleiner Bastard!!! Was treibt ihr

Suppenhühner da?!“

Plötzlich ertönte Annabells Stimme vor der Eingangstür der Toilette: „Jungs,

wo bleibt ihr denn, alles ok bei euch?“

Dennis öffnete den Mund zum Schrei, doch der Mann gab ihm eine schallende

Ohrfeige.


104 105

ZU ZWEIT

ZU ZWEIT

„Dennis, Fietje, was ist denn los? Ich komme rein, wenn ihr nicht rauskommt!“,

kam es besorgt von draußen. Nachdem weitere 10 Sekunden lang

nichts passierte, ging die Türklinke langsam nach unten.

Dann ging alles ganz schnell. Joshi zog seine Waffe. Er hielt Fietje am Hals

und die Waffe an dessen Kopf. Dennis wollte Annabell noch warnen, doch

schon stand sie mitten im Raum.

„Bundespolizei. Legen Sie die Waffe weg oder ich schieße!“, befahl sie und

richtete ihre Waffe auf den Schleuser.

„Immer diese Scheiß-Bullen. Ihr könnt mich mal. Du willst mir etwas sagen?

Ich sag DIR jetzt mal was: DU wirst deine Waffe brav weglegen, dann wird

diesen Milchbubis hier auch nichts passieren, andernfalls …“, ließ er seine

Worte bedrohlich im Raum stehen.

„Ich sagte, Waffe weg! Im ganzen Gebäude sind Bundespolizisten. Sie haben

keine Chance zu flüchten!“

„Oh Babe. Da wäre ich mir nicht so sicher. Du wirst mir jetzt lieber helfen,

von hier wegzukommen. Am liebsten hätte ich ja so ein cooles Polizeiauto“,

konterte Joshi mit einem bösen Grinsen.

Doch mittlerweile war nicht nur das Fehlen der Zwillinge aufgefallen. Auch

Annabell wurde von einer bestimmten Person sehnlichst vermisst. Sie hatte

Chris Bescheid gegeben, dass sie kurz nach ihren Cousins schauen würde.

Doch sie war für seinen Geschmack schon zu lange weg.

„Annabell? Wo bist du denn?“, ertönte wieder eine besorgte Stimme auf dem

Flur. Der Schleuser stöhnte: „Schon wieder so 'n Suppenhuhn! Müssen heute

eigentlich alle aufs Klo? Da will man einmal in Ruhe sein Geschäft erledigen …!“

Dennis murmelte: „Ein Toilettengeschäft?“

„Maul halten!“, fuhr Joshi ihn an.


106 107

ZU ZWEIT

SPÄTER

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Die Tür wurde von Chris aufgestoßen.

Dennis nutzte den Moment der Überraschung und stürzte sich auf Joshi.

Dieser ging zusammen mit Fietje zu Boden. Ein Gerangel um die Waffe entstand.

Chris kam den Jungs zu Hilfe und wollte den Schleuser überwältigen.

Doch plötzlich löste sich ein Schuss. Erschrocken schauten alle auf. Dennis

hatte die Waffe in der Hand. Kurz grinste er triumphierend, doch im nächsten

Moment wanderte sein Blick zu Annabell. Blut quoll aus ihrer Schulter.

Chris stieß einen leidenden Schrei aus und stürzte an ihre Seite. Verzweifelt

versuchte er, mit seiner Hand die Blutung zu stoppen: „Annabell bleib wach!

Schau mich an, schau mich an! Halte durch, Annabell!“

.

Später

7 Tage darauf…

Lächelnd betrat Annabell die Wache: „Ihr habt euch aber ins Zeug gelegt.“

Im Aufenthaltsraum der Wache waren Girlanden aufgehängt, mehrere

Kuchen und ein riesiger Leberkäse standen auf dem Tisch.

„Jaja, wir wollen ja schließlich unsere Helden gebührend feiern. Ein Hoch

auf Fietje und Dennis!“, meinte Chris. Alle klatschten und stießen auf die

beiden an.

Durch den Schuss alarmiert, stürmten mehrere Bundespolizisten in den

Raum. Schnell machten sie sich ein Bild von der Lage, nahmen Joshi fest und

alarmierten für Annabell einen Rettungswagen.

Die Zwillinge hatten die letzten Tage ausgiebig genutzt, um sich endlich und

richtig kennenzulernen. Auf Streifzügen durch den Wald am Starnberger

See erzählten sie sich, wie sie ihre Kindheit ohne den jeweils anderen erlebt

hatten. Vor allem Dennis war überglücklich, weil er merkte, wie diese immer

währende Leere plötzlich von ihm gewichen war. Jetzt fühlte er sich stark

und irgendwie frei.

Fietje wiederum war froh, dass er mit jemandem aus seiner eigenen Familie

über seine völlig verplanten letzten Jahre sprechen konnte. Er war ein so

unumstößlicher Träumer gewesen und Verständnis hatte dafür bisher niemand

gehabt, geschweige denn ein Ohr.

Halte

durch,

annabell!"

Dennis nickte immer nur wissend. Vielleicht lag das ja in der Familie und jetzt

war er nicht mehr allein damit.


108 109

SPÄTER

SPÄTER

Annabells Blick lag nun verwirrt auf Chris. Den ganzen Tag war er eigenartig

unruhig gewesen. Sehr untypisch. Noch verwirrter schaute sie, als dieser

auf einmal mit einem ernsten Gesichtsausdruck auf sie zuging:

„Annabell! Wir sind erst seit 7 Tagen ein Paar. Und diese Tage waren sehr

turbulent. Deine Schusswunde musste operiert werden und dein Schultergelenk

war komplett zertrümmert. Doch jetzt geht es dir wieder besser."

Es folgte eine lange Pause und Annabell ahnte seine kalten Füße.

Also wurde doch nichts aus ihr und ihm. Tatsächlich setzte Chris noch einmal

an:

„Wir kennen uns nun schon seit so vielen Jahren. Seither waren wir beste

Freunde und ich schon immer in dich verliebt. Du bist so eine bezaubernde

und liebenswerte Frau, so mutig und stark. Ich könnte mir niemand anderen

an meiner Seite vorstellen als dich“, in diesem Moment ging er vor ihr auf die

Knie. Annabells Augen füllten sich mit Tränen. „Bitte werde meine Frau!“

Annabell brachte keinen Ton heraus, sie konnte nur noch nicken und fiel

Chris lachend um den Hals. Fietje und Dennis zwinkerten sich zu, während

die gesamte Wache johlte. Dann nahm Chris seine Verlobte zärtlich in den

Arm.

Der Schleuser Joshi und seine Hintermänner konnten dank Dennis mutiger

Nachrichtenaktion gefasst werden. Sie müssen sich nun für das Verbrechen

der "Einschleusung mit Todesfolge" verantworten. Hierfür können sie mit

einer Freiheitsstrafe von mehreren Jahren rechnen.

Aufgrund noch nicht abgeschlossener Ermittlungen können keine weiteren

Details bekanntgegeben werden.


110 111

HERZLICHEN DANK

HERZLICHEN DANK

Dieser Roman ist etwas ganz Besonderes. Er hat 9 Autorinnen und Autoren,

welche in kooperativem Schreibprozess ihren ersten eigenen Krimi verfassten.

Damit gehören sie im Alter von 17 Jahren zu den jüngsten ihrer Art

in Deutschland. Allen voran gilt deshalb unser Dank den Schülerinnen und

Schülern des Geschwister-Scholl-Gymnasium in Röthenbach bei Nürnberg,

die mit Fantasie, Vorstellungskraft und schriftstellerischem Geschick dem

Kriminalroman ihre ganz eigene Handschrift verliehen haben. Sie geben ihre

wertvolle Arbeit an das kommende Autoren-Team des weltweiten Projektes

Die Federsammler“ weiter. Das Projektteam ist schon jetzt auf alle Erlebnisse

der Protagonisten Fietje und Dennis gespannt, die aus eurer ersten

Geschichte erwachsen werden. Dicht darauf folgen die Personen und Institutionen,

die mit Vertrauen und Tatendrang die Entstehung des Romans

über drei wichtige Arbeitsbereiche der Bundespolizei unterstützt haben.

Danke für die umfangreiche Vor- und Nachbereitung sowie die Durchführung

der Werkstatt und Bucherstellung:

Bundespolizeiinspektion Nürnberg: Polizeihauptmeister Kaiser

Bundespolizeiinspektion Kempten: Polizeihauptmeister Keuchel

Jugend will ... gGmbH: Antje Hübner und Annika-Susann Leicht

Geschwister-Scholl-Gymnasium Röthenbach: Stefanie Bretzner

Danke für die Beauftragung und finanzielle Unterstützung sowie fachliche

Beratung:

Bundespolizeidirektion München, Fachbereich Polizeiliche Kriminalprävention:

Polizeihauptkommissarin Wunsch

Danke für die umfassenden Führungen an ihren Dienststellen:

Bundespolizeiinspektion München, Hauptbahnhof:

Polizeioberkommissarin Krach

Bundespolizei-Fliegerstaffel Oberschleißheim:

Polizeioberkommissarin Matthiessen, Polizeioberkommissar Aue

Bundespolizei Flughafen München:

Polizeiobermeisterin Riederer, Polizeihauptmeister Köglmeier

Die Autorinnen und Autoren v.l.n.r:

Sophia Neudecker, Svenja Rößeler, Leonie

Reiche, Aylin Berkil, Nadine Bayer, Celin

Stolzenwald, Tobias Dammann, Lea Braeske

BPOL hinten: PHM Maik Kaiser, PHM Norbert

Keuchel


112 113

DIE ENTSTEHUNG

DIE ENTSTEHUNG

Vorbereitung; Konzeption

v.l.n.r.: Martin Ebenschwanger (EPHK); Norbert Keuchel

(PHM), Andrea Seefelder (POK), Isabell Krach (POK),

Stefanie Bretzner (DL Geschwister-Scholl-Gymnasium),

Antje Hübner (Jugend will gGmbH), Maik Kaiser (PHM)

Mit Lisa Matthiessen im Heli. Spannend!

Fabian Aue (links) beantwortet die

Fragen der Autoren.

Stadtführung durch München mit Hans Ibel

Mit Maik Kaiser bei der Fliegerstaffel

Am Flughafen mit Theresa Riederer


114 115

DIE ENTSTEHUNG

DIE ENTSTEHUNG

Einmal alles, was wir haben, vorlesen!

Recherche der Bundespolizisten Maik

Kaiser und Norbert Keuchel

Wer könnte ein Held der Geschichte sein?

Autorinnen bei der Arbeit

Redaktionssitzung am Starberger See

Redaktionssitzung in Jena bei Jugend will …gGmbH; Maik

Kaiser und Norbert Keuchel

Weitere Magazine dieses Users