Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche Dresden - Frederik Willem de Klerk

frauenkirche

Träger des Friedensnobelpreises sind engagierte Fürstreiter für ein friedvolles Miteinander. Die Stiftung Frauenkirche Dresden, Trägerin des Lebens in der wieder aufgebauten Kirche, lädt diese Persönlichkeiten ein, um zu der Frage zu sprechen: Was müssen wir heute tun, um die Welt in zwanzig Jahren friedlicher zu gestalten? Im April 2017 war der ehemalige Präsident Südafrikas, Frederik Willem de Klerk, zu Gast. Seine Rede sowie begleitende Veranstaltungen sind in dieser Broschüre dokumentiert.

FREDERIK WILLEM DE KLERK

Ehemaliger Präsident

der Republik Südafrika

VIELFALT

BEWAHREN

Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche Dresden – 3. April 2017

DE


FRIEDENSNOBELPREISTRÄGER

IN DER FRAUENKIRCHE DRESDEN

2017 Frederik Willem de Klerk

2016 Ahmet Üzümcü

2014 Mohamed ElBaradei

2010 Martti Ahtisaari


Inhaltsverzeichnis

EINFÜHRUNG

04

Die Konzeptreihe

»Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche Dresden«

06

Frederik Willem de Klerk

Der Mann, der die Apartheid abschaffte

FRIEDENSREDE

10

Willkommen

Landesbischof Dr. Carsten Rentzing

12

Begrüßung

Ministerpräsident Stanislaw Tillich

14

Grußwort

»Suchet der Stadt Bestes«

Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière

FRIEDENSWETTBEWERB

34

Der Friedenswettbewerb

»Schüler treffen Friedensnobelpreisträger«

36

Die Preisträger

Die Siegerbeiträge des Friedenswettbewerbs im Kurzportrait

40

Visionen nachspüren

Impressionen vom gestalteten Thementag der Preisträger

48

Frieden ist ein Synonym für Glück

Interview mit zwei jugendlichen Preisträgern des

Friedenswettbewerbs

IMPULSBEITRÄGE

Diversität als Vorzug

52 Dr. Sylke Tempel †

20

Friedensnobelpreisträgerrede

»Kulturelle, religiöse und ethnische Vielfalt in einer kleiner

werdenden Welt bewahren: die zentrale Herausforderung

für Frieden im 21. Jahrhunder

S. E. Frederik Willem de Klerk

56

Der Beitrag der Wirtschaft

für den Frieden in Afrika

Dr. Stefan Liebing

2 3


Einführung

Kapitel

Die Konzeptreihe:

»Friedensnobelpreisträger in

der Frauenkirche Dresden«

Sebastian Feydt

Pfarrer der Frauenkirche

Was müssen wir heute tun, damit die Welt in 20 Jahren friedvoll(er)

ist? Unter dieser Leitfrage und inspiriert von einer

Rede des vormaligen finnischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers

Martti Ahtisaari in der Frauenkirche hat

die Stiftung Frauenkirche Dresden eine eigenständige Veranstaltungsreihe

mit Friedensnobelpreisträgern ins Leben

gerufen.

Zum einen ist dies eine ganz konkrete Umsetzung des satzungsgemäßen

Auftrags der Frauenkirche als Wahrzeichen,

»das zu Toleranz und Frieden der Völker und Religionen

mahnt« und als Lernort gelebter Versöhnung und Verständigung.

Darüber hinaus steht die Einladung an die Friedensstifter

unserer Zeit zugleich in der Tradition Alfred Nobels

und des von ihm gestifteten Preises: Personen, die maßgeblich

und nachhaltig auf die Völkerverständigung hinwirken

und Friedensforen fördern, sollen ausgezeichnet, gewürdigt

und in ihrem Engagement unterstützt werden.

Nach dem ehemaligen Leiter der internationalen Atomenergieorganisation

(IAEO), Dr. Mohamed ElBaradei und Ahmet

Üzümcü, dem Generaldirektor der Organisationen für das

Verbot chemischer Waffen (OPCW), konnten wir im ​

Frühjahr 2017 den ehemaligen Präsidenten der Republik

Südafrika, Frederik Willem de Klerk, in der Frauenkirche

Dresden begrüßen. Ihm war – gemeinsam mit Nelson

Mandela – 1993 der Friedensnobelpreis für ihr Wirken für

die friedliche Beendigung des Apartheid-Regimes und für

die Schaffung der Grundlagen eines neuen, demokratischen

Südafrikas verliehen worden.

Auch ein Vierteljahrhundert später sind die Parallelen

zwischen Südafrika und Deutschland klar sichtbar und

bilden für den südafrikanischen Friedensnobelpreisträger

eine Brücke zu dem symbolträchtigen Dresdner Friedenszeichen

Frauenkirche. So war es vor allem der unaufhaltsame

Wunsch nach Freiheit, der die Menschen bewegte

und sowohl in Europa als auch im Süden des afrikanischen

Kontinentes eine – wenn nicht sogar die wesentliche – Voraussetzung

für den friedlichen politischen Übergang der

Jahre 1989 / 1990 schuf. Der Wunsch nach Freiheit führte in

Europa zu friedlichen Revolutionen und zum Fall des Eisernen

Vorhangs. Er eröffnete auch der Bevölkerung Südafrikas

die Chance, den Weg zum gemeinsamen Neuaufbau des Landes

zu wagen.

Neben seiner öffentlichen Rede unter der Kuppel der Frauenkirche

und der Begegnung mit Experten und Ehrengästen

am Abend war es insbesondere das Zusammentreffen mit

Schülern und Studierenden, das Frederik Willem de Klerk

Gelegenheit gab, mit der jungen Generation darüber zu

diskutieren, was heute konkret zu tun ist, um unsere Welt

zukünftig friedvoller zu gestalten.

Dankbar und mit großer Freude dokumentiert die Stiftung

Frauenkirche Dresden mit der vorliegenden Publikation das

Engagement und die inspirierenden Gedanken des Friedensnobelpreisträgers

Frederik Willem de Klerk, die Beiträge

ausgewählter Gäste der diesjährigen Veranstaltung sowie das

gemeinsame Bemühen aller, im Gespräch mit der nachfolgenden

Generation Zeichen des Friedens zu setzen.

4 5


Einführung

Frederik Willem de Klerk:

Der Mann, der die

Apartheid abschaffte

Grit Jandura

Stiftung Frauenkirche Dresden

Vor über einem Vierteljahrhundert hielt

Frederik Willem de Klerk eine Rede vor dem

südafrikanischen Parlament, die die Zukunft

seines Landes grundlegend verändern

sollte. Ein Prozess der inneren Umkehr war

dem vorausgegangen, ein gesellschaftlicher

Umbruch die Folge.

Die jährliche Eröffnung des südafrikanischen Parlaments

zog schon immer großes Interesse auf sich, doch diesmal

– am 2. Februar 1990 – waren die Erwartungen riesig.

Würde der erst wenige Monate zuvor neu gewählte Präsident

Frederik Willem de Klerk die Freilassung Nelson Mandelas

ankündigen?

In der Tat sollte er auch diese Entscheidung bekanntgeben.

Doch die Pläne, die er in seiner geschichtsträchtigen Ansprache

offenlegte, waren wesentlich weitreichender. Das Land,

dem er zu dieser Zeit als Präsident vorstand, war politisch

wie wirtschaftlich isoliert und gesellschaftlich im Aufruhr.

Nichts weniger als ein »Paradigmenwechsel«, wie er es später

nannte, war nötig, um das Schicksal der stolzen Nation zu

wenden – das war dem pragmatisch denkenden und klug

agierenden Politiker klar.

Mit welcher Vehemenz er den Prozess der Demokratisierung

Südafrikas dann aber angehen und gestalten sollte, überraschte

dennoch viele Beobachter und Experten. Zwar galt

der 1936 in Johannesburg geborene studierte Jurist als politisch

erfahren, zugleich aber auch als durchaus konservativ.

Geprägt durch seine in die Politik des Landes vielfältig eingebundene

Familie war er mit 36 Jahren ins Parlament gewählt

worden und führte mit 42 erstmals selbst ein Ministerium.

6 7


Einführung

Kapitel

Unter Präsident Pieter Willem Botha stieg er 1985 zum Vorsitzenden

des Ministerrates und 1986 zum Vorsitzenden der

Nationalversammlung auf. 1989 löste er Botha zunächst als

Parteiführer, später auch als Präsident ab. Als er im Februar

1990 ans Rednerpult trat, wussten nur wenige um die in ihm

inzwischen gereifte und durch seinen christlichen Glauben

bestärkte Einsicht zur Notwendigkeit eines grundlegenden

Kurswechsels.

In seiner historischen Rede formulierte er das Ziel einer völlig

neuen und gerechten Verfassung, dank der jeder Einwohner

Südafrikas »eine Gleichheit der Rechte, der Behandlung

und der Chancen in jeder Sphäre – konstitutionell, sozial

und ökonomisch« genießen werde. Er propagierte damit

nichts weniger als die Beendigung der Apartheid-Politik.

Den Ankündigungen folgten alsbald Taten: De Klerk ließ

die politische Opposition zu und politische Gefangene frei.

Er hob den Ausnahmezustand auf. Er setzte die Todesstrafe

aus und Einschränkungen für Gewerkschaften und Medien

außer Kraft. Er erreichte, dass 69 Prozent der weißen Bevölkerung

1992 in einem Referendum für den Reformprozess

stimmten und 1993 eine demokratische Übergangsverfassung

in Kraft treten konnte. Auf deren Basis fand 1994 die

erste freie Wahl statt, die der ANC klar gewann und Nelson

Mandela zum Präsidenten machte.

Frederik Willem de Klerk wurde in der »Regierung der

Nationalen Einheit« einer von zwei Vize-Präsidenten. Bis

zu seinem Ausscheiden 1996 engagierte er sich intensiv für

die Aushandlung der finalen Verfassung, die 1997 in Kraft

trat. Dieser durch andauernden Dialog und gemeinschaftliches

Handeln gesellschaftliche Akzeptanz zu verschaffen, ist

Anliegen der von ihm gegründeten und bis heute geleiteten

Stiftung, der FW de Klerk Foundation.

Frederik Willem de Klerk hat für sein Wirken eine Vielzahl

an hochrangigen Ehrungen und Auszeichnungen erhalten.

Hervor sticht selbstverständlich die Verleihung des Friedensnobelpreises,

der ihm und Nelson Mandela für ihr »Wirken

für die friedliche Beendigung des Apartheidregimes und für

die Schaffung der Grundlagen für ein neues demokratisches

Südafrika« 1993 zugesprochen wurde.

8 9


Friedensrede

Kapitel

Willkommen

Dr. Carsten Rentzing

Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen

Landeskirche Sachsens,

Vorsitzender des Kuratoriums

der Stiftung Frauenkirche Dresden

Wir suchen uns die Szenerie für unsere Veranstaltungen

nicht selbst aus. An diesem Tag gehen wieder schreckliche

Nachrichten durchs Land: ein furchtbar feiger Anschlag

in Sankt Petersburg; vielleicht 10 Tote, Dutzende Verletzte

und Schwerverletzte. Diese Welt und das menschliche Herz

brauchen Frieden und Versöhnung. Lassen Sie uns in einem

Augenblick der Stille an die Opfer dieses Tages denken.

An diesem Ort deines Namens, Herr,

bitten wir dich um dein Erbarmen für

diese Welt und für alle Menschen.

Wir bitten dich, dass du in unserer

Mitte den Frieden stiftest, den du uns

verheißen hast. Amen.

Sehr geehrte Exzellenz de Klerk, sehr geehrter Herr Minister

Dr. de Maizière, sehr geehrter Herr Ministerpräsident

Tillich, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Hilbert, liebe

Schülerinnen und Schüler, meine Damen und Herren,

Gott spricht: »Ich schenke euch ein neues Herz und lege

einen neuen Geist in euch« (Ez 36,26). Mit den Worten der

diesjährigen Jahreslosung begrüße ich Sie herzlich hier in

der Frauenkirche Dresden zu einem Abend, der schon gute

Tradition geworden ist: zur Friedensnobelpreisträgerrede.

Nach 2010, 2014 und 2016 dürfen wir das vierte Mal einen

Friedensnobelpreisträger begrüßen und uns von der Vision

einer friedlichen Welt inspirieren lassen. So ist es mir eine

ganz besondere Ehre und Freude, Sie, Exzellenz Frederik

Willem de Klerk, mit Ihrer Frau hier in unserer Mitte dieser

Stadt Dresden zu begrüßen und willkommen zu heißen.

Ein neues Herz, ein neuer Geist, der in uns Menschen gelegt

werden soll: Fast erscheint es ja so, als sei die diesjährige

Jahreslosung für den heutigen Abend ausgewählt worden.

Denn genau darum geht es: Anlässlich der Friedensnobelpreisträgerrede

dürfen wir eine Persönlichkeit empfangen,

die ein neues Herz und damit einen neuen Geist und eine

neue Sichtweise geschenkt bekommen hat – ausgehend von

und für Südafrika, aber eben auch global für die ganze Welt.

Als ursprünglicher Verteidiger der Apartheid haben Sie eine

entscheidende Richtungsänderung vorgenommen. Unvergessen

ist dabei das Gespräch mit einem Reverend während

Ihrer Überlegungen am Meer, mit dem es für Sie persönlich

begann: das Bewusstsein »So geht es nicht weiter« und die

Sorge »Das Land könnte in einem Bürgerkrieg versinken.«

All dies gewann in Ihnen Klarheit und damit wuchs der

Wille zur richtungsgebenden Kurskorrektur: statt Apartheid

die Würde eines jeden einzelnen Menschen in den Mittelpunkt

zu stellen, statt Gewalt Frieden und Versöhnung.

Ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger wurden zu einem Wandel

des Miteinanders bewegt. Es gibt immer einen Punkt, an

dem korrigiert und neu begonnen werden kann. In der Folge

wurde es für Sie von 1989 bis 1994 als Staatspräsident der

Republik Südafrika ein Herzensanliegen, diesen neuen Geist

zur Hoffnung für Ihr Land werden zu lassen. Zusammen mit

Nelson Mandela erhielten Sie dafür 1993 den Friedensnobelpreis.

Das gab und gibt uns hier in Europa, in Deutschland

und in Dresden Mut – besonders in den Zeiten weltweiter

Veränderung. Als Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung

Frauenkirche Dresden heiße ich Sie deshalb ganz herzlich

in diesem Gotteshaus willkommen. Wir freuen uns auf Ihre

Botschaft des Friedens an diesem Abend.

10 11


Rubriktitel

Friedensrede

Begrüßung

Stanislaw Tillich

Ministerpräsident des Freistaates Sachsen

Im Namen der Sächsischen Staatsregierung möchte ich Sie,

sehr geehrter Herr Präsident de Klerk, noch einmal sehr

herzlich hier in Sachsen willkommen heißen. Ihr Besuch ist

für uns eine große Ehre und ich freue mich sehr, dass Sie uns

heute Abend an Ihrem politischen Denken und Ihrer Erfahrung

teilhaben lassen.

1989 war ein ganz besonderes Jahr in unserer Geschichte.

Die Welt schaute hierher: auf den Osten Deutschlands.

Wo Aufbruch und Veränderung in der Luft lagen, wo ein

Ende des Kalten Krieges zum Greifen nahe schien. Wo die

Menschen den Mut hatten, auf die Straßen zu gehen und

für Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit einzustehen. Es

waren Städte in Sachsen wie Plauen, Dresden und Leipzig,

in denen diese Bewegung ihren Anfang nahm. Sie mündete

in die Friedliche Revolution und schließlich in die Deutsche

Einheit, die zu den glücklichsten Stunden unserer Geschichte

gehört. In dieser außergewöhnlichen Zeit, in den Jahren

1989 und 1990, schaute die Welt aber auch nach Südafrika.

Dort war im Laufe der achtziger Jahre immer deutlicher

geworden, dass es in dem Land Veränderungen geben musste

und das System der Apartheid keine Zukunft mehr haben

würde. Sie, sehr geehrter Herr Präsident de Klerk, hatten dies

erkannt, als Sie 1989 Präsident Südafrikas wurden. Sie hatten

den Mut, selbst voranzugehen und den Wandel einzuleiten,

der Ihr Land in eine bessere Zukunft führen sollte. Ihre Rede

im Parlament im Februar 1990, in der Sie weitreichende politische

Reformen ankündigten, markierte eine Zeitenwende.

Es sollte ein langer Weg voller Herausforderungen werden.

Und es war eine große politische Aufgabe mit großen Ungewissheiten.

Manch einer fragte sich, ob ein friedliches Miteinander

nach der langen, konfliktreichen Geschichte überhaupt

möglich sein würde.

Die Antwort gaben Sie gemeinsam mit Nelson Mandela, der

später Ihr Nachfolger als Präsident werden sollte. Sie setzten

auf die Kraft der Versöhnung und des Ausgleichs. Dass Sie

diesen Weg gegangen sind und Ihr Land in eine neue, eine

bessere Zukunft geführt haben, ist eine außergewöhnliche

politische Leistung, für die Sie 1993 mit dem Friedensnobelpreis

ausgezeichnet wurden. Ein Jahr später brachten die ersten

demokratischen Wahlen tatsächlich ein Ende der Gewalt

und ebneten den Weg für ein friedliches Miteinander.

Das macht deutlich, wie groß die Kraft der Versöhnung und

des Ausgleichs, der Freiheit und der Demokratie wirklich

sind. Daran sollten wir uns immer erinnern, wenn wir heute

und in Zukunft mit Krisen und Konflikten umgehen. Darauf

sollten wir bauen, wenn wir uns auf dem Wege der internationalen

Zusammenarbeit weltweit für die Menschenrechte

einsetzen. Und auch wenn wir unser Zusammenleben hier in

Deutschland und Europa gestalten, sollten uns stets Respekt,

Toleranz und Offenheit leiten – ganz gleich, welche Hautfarbe

ein Mensch hat, aus welcher Kultur er kommt oder

welcher Religion er angehört.

Sehr geehrter Herr de Klerk, unsere beiden Länder verbindet

die Zeit des Wandels in den Jahren 1989 und 1990. Die

Entwicklung Ihres Landes verfolgen wir damals wie heute

mit großem Interesse. Wir waren beeindruckt davon, wie

sich Südafrika bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 als

modernes, vielfältiges und gastfreundliches Land gezeigt

hat. Natürlich steht Südafrika auch heute noch vor Herausforderungen.

Doch ich bin zuversichtlich, dass wir Europäer

auf dem Wege der internationalen Zusammenarbeit und der

wirtschaftlichen Kooperation dazu beitragen können, diese

Herausforderungen zu bewältigen.

12 13


Rubriktitel

Friedensrede

Suchet der

Stadt Bestes

Grußwort von Bundesinnenminister

Dr. Thomas de Maizière, MdB

Sehr geehrter Frederik de Klerk, sehr geehrter Herr Landesbischof,

sehr geehrter Ministerpräsident, sehr geehrter Herr

Oberbürgermeister, liebe Gäste,

was haben Sie gedacht, als Sie heute Abend die Frauenkirche

betreten haben? Sicher waren Sie gespannt auf Frederik de

Klerk. Den vormaligen Präsidenten eines so geschichtsträchtigen

Landes wie Südafrika – einen solchen Mann kennen zu

lernen, das ist nicht alltäglich. Und das ist wunderbar. Deswegen

begrüße ich Sie auch sehr herzlich für die ganze Bundesregierung,

der Bundeskanzlerin, des Außenministers und

freue mich, dass Sie heute nach Dresden gekommen sind. Ich

freue mich auch auf Sie, sehr geehrter Herr de Klerk.

Vielleicht bringen Sie, liebe Gäste, aber auch Fragen und

Erwartungen mit in den heutigen Abend der Frauenkirche

und denken über die Frage nach, die uns hier leitet: »Was

müssen wir heute konkret tun, damit die Welt in zwanzig

Jahren friedvoller ist?«

Die Dresdner Frauenkirche ist in vielfacher Weise eine

Besonderheit. Sie werden vielleicht davon in einer Führung

gehört haben. Die Frauenkirche beherbergt eine bemerkenswerte

Kuppel mit acht Glocken, die der Kirche ihre unverwechselbare

Stimme geben. Eine der Glocken – die Stadtglocke

Jeremia – trägt eine biblische Inschrift. Sie lautet: »Suchet

der Stadt Bestes«. Es ist ein über 2.000 Jahre altes Zitat aus

dem Brief des Jerusalemer Propheten Jeremia.

»Suchet der Stadt Bestes« – das ist Auftrag und Mahnung

zugleich: Wer das Beste für die Stadt sucht, der ist bereit,

Verantwortung zu übernehmen. Wer das Beste für seine

Stadt sucht, der ist zukunftsgewandt. Und wer der Stadt Bestes

sucht, hat das Gemeinwesen im Blick. Drei Maximen, die

auch Sie, Herr de Klerk, in Ihrem politischen Wirken angetrieben

haben.

Die Frauenkirche ist auch ein geschichtliches Mahnmal –

vor allem für die deutsch-deutsche Geschichte. Der Ministerpräsident

hat es schon gesagt. Helmut Kohl, der übrigens

heute Geburtstag hat, hielt im Dezember 1989 vor den Ruinen

der Frauenkirche seine Schlüsselrede auf dem Weg zur

deutschen Einheit. 13 Flugstunden entfernt und nur wenige

Wochen später am 2. Februar 1990 hielten Sie Ihre berühmte

14 15


Friedensrede

Kapitel

Rede zur Abschaffung der Apartheid. Sie heißt bis heute

in Südafrika nur »The Speech«. Wenig später entließen Sie

Nelson Mandela aus über 27-jähriger Haft.

Manchmal zeigt sich Geschichte

an ganz unterschiedlichen Orten,

auch in unterschiedlichem Gewand,

aber doch mit einem ähnlichen Kern.

An zwei Orten – in Deutschland und in Südafrika – fiel eine

Mauer: in Deutschland buchstäblich, in Südafrika metaphorisch.

Dass beide geschichtliche Zäsuren nicht zufällig

zusammen fielen, haben Sie immer wieder selbst beschrieben.

Der Zeitpunkt für das Einreißen der »Mauer« in den

Köpfen Südafrikas war auch deshalb möglich, weil mit dem

Fall der Berliner Mauer und dem Ende des kalten Krieges die

Befürchtung eines kommunistischen Südafrikas nach dem

Ende der Apartheid gebannt war.

In beiden Ländern ist es dem mutigen und standhaften Protest

der Bevölkerung – den schwarzen Südafrikanern und

den Demonstranten in der DDR – zu verdanken, dass die

Mauern in den Köpfen und aus Beton schließlich fielen.

Daneben aber waren es herausragende Persönlichkeiten

wie Sie, Herr de Klerk, wie Nelson Mandela, wie Michail

Gorbatschow, wie Helmut Kohl und viele andere, die die Zeichen

der Zeit erkannten, den richtigen Augenblick ergriffen

und handelten. Das war nicht ohne Risiko. Hier wie dort

brauchte es Mut und Entschlossenheit, festgefahrene Muster

und Strukturen aufzubrechen. Damit verbunden war – vor

allem für Sie – auch die Bürde einsamer Entscheidungen,

durchaus auch gegen Widerstände aus Ihren eigenen Reihen,

als Sie Ihr Land gemeinsam mit Nelson Mandela aus der

Apartheid führten.

So ähnlich die beiden für unsere Länder zentralen Ereignisse

auch waren – einen zentralen Unterschied gibt es doch: Der

Weg aus der Apartheid war kein leichter, er war mitunter

blutig, er war steinig. Wir können von Glück reden, dass

sich die Wende in der DDR so friedlich vollzog. Ich bin auch

heute noch sehr dankbar für diesen friedlichen Herbst. In

einer Kirche kann man sagen: »Gott sei Dank«.

Unsere beiden »Mauerfall-Geschichten« teilen noch eine

Gemeinsamkeit: Nach dem großen Jubel, nach der Euphorie,

nach den vielen Tränen der Freude, nach der Befreiung war

die Kärrnerarbeit beileibe nicht getan. Da kamen, wie wir es

nennen, die Mühen der Ebene. Dort, wo Mauern aus Stein

oder Gesetzen eingerissen wurden, entstanden nicht selten

neue Mauern aus Überheblichkeit, aus Vorurteilen, aus dem

Gegensatz von Arm und Reich. Solche Mauern abzubauen,

kann weitaus länger dauern und mitunter auch schwerer

werden. Das haben wir Deutsche in der Zeit nach der Wiedervereinigung

erfahren müssen. Sie, Herr de Klerk, im

südafrikanischen Post-Apartheid-Staat erleben es noch viel

stärker und auch schmerzhafter.

Wie schafft man es, solche Hürden zu meistern? Ich denke,

es helfen drei Dinge.

Erstens: Auf junge Menschen setzen. Es waren Schüler,

die in Soweto in Johannesburg in den 1970er Jahren gegen

die zwangsweise Einführung von Afrikaans im Unterricht

demonstrierten und so ein neues Selbstbewusstsein gegenüber

den Machthabern formulierten. 2011 waren es junge

Ägypterinnen und Ägypter, die die Proteste auf dem Tahir-

Platz entfacht und am Laufen gehalten haben und so den

arabischen Frühling einleiteten – wie immer man bewertet,

was daraus geworden ist. Und es sind abermals Schüler und

Studenten, die jetzt in Russland auf die Straße gehen und für

eine bessere Zukunft kämpfen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, es heißt: »Revolutionen

machen nie die Alten.« Nun, ich bin auch keine 20

mehr. Und sicher braucht es auch nicht fortwährend Revolutionen.

Wohl aber schon Evolutionen im besten Sinne – im

Sinne notwendiger Veränderungsprozesse. Gesellschaftliche

Evolution braucht die Jungen. Sie braucht ihre Ideale und

auch so manche jugendliche Träumerei, um Energien für

Reformen freizusetzen. Aber die Jungen sollten eben auch

den Klang der Glocke hören: »Suchet der Stadt Bestes« und

nicht: Wie mache ich meine Karriere am besten.

Mein zweiter Punkt ist die Bereitschaft, sich an einem

Reformprozess zu beteiligen, sich einzubringen auch unter

dem Wagnis des Ungewissen. Dazu gehört Mut. Auch die

Zurückstellung eigener Interessen und die Preisgabe gehegter

Besitzstände. Es gehört der Wille dazu, aufeinander zuzugehen.

Das war in Südafrika anders als in Deutschland, aber

vielleicht doch ein bisschen vergleichbar. Um die Gesellschaft

mitzugestalten, die Welt ein Stück mit zu formen und

Motor für Veränderungen zu sein, braucht es schließlich

auch die Bereitschaft, sich uneigennützig für eine Sache einzusetzen

– auch von der Unsicherheit geprägt, ob man die

Früchte des Engagements noch selbst erlebt.

16 17


Friedensrede

Kapitel

Neben all den vielen Dingen, die mich so sehr am Friedensprozess

in Südafrika faszinieren, möchte ich schließlich

einen Aspekt besonders hervorheben. Und das führt mich

zu einem dritten Punkt: die große Kraft der Verzeihung und

Versöhnung. Es ist für mich ein tief beeindruckender Vorgang,

dass nach den ersten freien Wahlen in Südafrika Nelson

Mandela Präsident und Sie einer der beiden Vizepräsidenten

wurden! Keinem von Ihnen ging es ums Gewinnen,

um Rache oder um das Begleichen alter Rechnungen.

Ich gestehe, dass mir dies angesichts der großen Leiden der

schwarzen Südafrikaner und der großen Befürchtungen

der weißen Südafrikaner zu Zeiten der Apartheid nahezu

übermenschlich vorkommt. An die Stelle der Gewalt setzten

Sie und Mandela die Verhandlung. Sie beschreiben es als

»Hauptlektion«, dass »sogar die schlimmsten und verfahrensten

Konflikte durch Verhandlungen gelöst werden können –

wenn der Wille auf allen Seiten da ist.« Und selbst, wenn der

politische Wille zur Verhandlung noch fehle, so haben Sie

hinzugefügt, sollte man sich »darauf richten, eben diesen Willen

zu schaffen, Kanäle für die Kommunikation zu finden.«

Das sind Lektionen, die aktueller denn je sind und weltumfassend

gelten. Das haben Sie und Nelson Mandela und so

viele andere Südafrikaner vorgelebt. Und das gilt heute nicht

nur in Südafrika, sondern überall dort, wo es Herausforderungen

zu meistern gilt.

Die Welt verändert sich und das rasant. Mit Krieg, Gewalt,

Armut: Mehr als 65 Millionen Menschen sind weltweit auf

der Flucht. Mit transnationalem Terrorismus: Der Landesbischof

hat daran erinnert, was heute in Sankt Petersburg

geschehen ist. Mit Autokraten, die die politische Bühne

scheinbar ohne Maß und Mitte bespielen.

Vieles ist noch unerledigt, manches brodelt leise, anderes

duldet keinen Aufschub. Allen Herausforderungen aber

immanent ist der universelle Antreiber, der jeden in Politik

und Zivilgesellschaft gleichermaßen bewegen muss: das

ständige Ringen um gute Perspektiven in Freiheit für das

Gemeinwohl – für das Ganze.

Und da Sie nun zum Schluss vielleicht eine Antwort erwarten

auf die Frage, was wir heute konkret tun müssen, damit

die Welt in zwanzig Jahren friedvoller ist, so wende ich mich

nicht nur, aber besonders an die jungen Menschen und sage:

Nutzt die Chancen! Scheut keine Visionen! Sät Hoffnung!

Tretet mit Euren Kritikern in den versöhnlichen Dialog.

Bewahrt den Willen, immer wieder zu verhandeln und

»Suchet der Stadt Bestes«.

18 19


Kulturelle, religiöse und ethnische Vielfalt

in einer kleiner werdenden Welt bewahren:

die zentrale Herausforderung für Frieden

im 21. Jahrhundert

Rede von S. E. Frederik Willem de Klerk

im Rahmen der Konzeptreihe »Friedensnobelpreisträger in der

Frauenkirche Dresden«

Die Rede wurde in englischer Sprache gehalten;

dies ist die verschriftlichte Übersetzung. Es gilt das gesprochene Wort.

20 21


Rubriktitel

Friedensrede

Bischof Dr. Rentzing, Ministerpräsident Tillich,

meine Damen und Herren,

vielen herzlichen Dank für den sehr warmherzigen Empfang

und für die freundlichen Worte, die Sie an mich gerichtet

haben. Ich fühle mich geehrt.

Wir haben das, was wir in Südafrika getan haben, deswegen

getan, weil es getan werden musste. Es musste getan werden

um der Gerechtigkeit willen. Und es musste getan werden,

um eine Katastrophe zu vermeiden. Mit großer Dankbarkeit

kann ich hier und heute sagen, dass wir diese Katastrophe

verhindert haben; dass im Augenblick in Südafrika die

Gerechtigkeit herrscht. Es stimmt, es sind schwierige Zeiten

in Südafrika: Eine politische Krise hat begonnen. Aber es

ist eine Krise, die gelöst werden kann und die demokratisch

gelöst werden wird.

Ich überbringe Ihnen die Grüße vom südlichsten Punkt

Afrikas. Ich spreche heute Abend zu Ihnen über die Bewahrung

von Vielfalt in einer kleiner werdenden Welt – die

größte Herausforderung für Frieden im 21. Jahrhundert.

Aber zunächst möchte ich Ihnen sagen, dass es eine große

Ehre für mich ist, in dieser wunderschönen Kirche zu Ihnen

zu sprechen. Die Frauenkirche symbolisiert den Sieg des

Glaubens und des Friedens über die Brutalität und die Zerstörung

des Krieges. Sie wurde in einem der schrecklichsten

Ereignisse des Krieges vollkommen zerstört, danach jedoch

wieder aufgebaut und geweiht. Sie ist ein unbezwingbares

Symbol für die menschliche Fähigkeit, das Beste unserer

Zivilisation aus dem Schutt und der Asche des Schlimmsten

wieder auferstehen zu lassen.

Demografie, so heißt es, ist Schicksal. Ein großer Teil der

Menschheitsgeschichte ist durch Völkerwanderungen und

das Bevölkerungswachstum beeinflusst worden.

Denken Sie nur an die Auswirkungen der Migration auf die

Geschichte:

· die Wanderung der zentralasiatischen Stämme, die bis an

die Schutzwälle des Römischen Reiches zogen;

· der Zug der Hunnen und Mongolen über den eurasischen

Kontinent und

· die großen Migrationsströme aus Europa zu Beginn

des 16. Jahrhunderts, die auf dramatische Weise die

Geschichte und die Demografie großer Teile unseres

Planeten veränderten.

Und jetzt sind die Menschen unserer globalisierten Welt

wieder einmal in Bewegung.

Das vorherrschende Bild unserer Zeit sind hunderttausende

Flüchtlinge, die jedes Jahr ihr Leben auf seeuntüchtigen

Booten riskieren, um nach Europa zu gelangen. Während ich

hier spreche, befinden sich hunderte Menschen zusammengedrängt

in einem undichten Boot und versuchen verzweifelt,

die südlichen Küsten von Italien, Spanien und Griechenland

zu erreichen.

Das alles geschieht in einer Zeit und vor dem Hintergrund

eines Wachstums der Weltbevölkerung, der nicht tragbar

und von dramatischen Veränderungen der Lebenserwartung

und Fruchtbarkeit geprägt ist. 1950 betrug die durchschnittliche

weltweite Lebenserwartung gerade einmal 47 Jahre,

2011 war dieser Wert bereits auf 70 Jahre angestiegen. Ein

Mädchen, das heute in Japan geboren wird, hat eine Lebenserwartung

von 107 Jahren. Ein britisches Mädchen kann 103

Jahre alt werden. Gleichzeitig sank die Fruchtbarkeitsrate in

vielen europäischen Ländern weit unter die Zahl, die zum

Erhalt der gegenwärtigen Bevölkerung erforderlich ist. Bei

der derzeitigen Fruchtbarkeitsrate wird die Bevölkerungszahl

der Europäischen Union bis zum Ende des Jahrhunderts um

100 Millionen sinken. In einigen Ländern wird sie sich sogar

halbieren.

Es ist zu erwarten, dass in den kommenden Jahren immer

mehr Flüchtlinge Sicherheit und ein besseres Leben in den

wohlhabenden und geschützten Gesellschaften Europas

und Nordamerikas suchen. Aus dem bereits heute stetigen

Zufluss an Flüchtlingen könnte ein reißender Strom werden,

wenn es zu Missernten in den Entwicklungsländern als Folge

des Klimawandels kommt.

22 23


Rubriktitel

Friedensrede

Wie würde Europa reagieren, wenn jährlich zehn Millionen

Flüchtlinge an seine Türen klopfen und um Schutz bitten

würden? An welchem Punkt käme dann der sogenannte »Rettungsbooteffekt«

ins Spiel – also der Zeitpunkt, an dem diejenigen,

die schon im Boot sitzen, aufhören ihr Bestes zu geben,

um weitere Schiffbrüchige an Bord zu ziehen? Der Zeitpunkt,

in dem sie diese Menschen mit aller Macht zurückdrängen –

aus Angst, das Boot könnte überfrachtet werden und kentern?

Überall werden Bevölkerungen zunehmend heterogener. Es

wird geschätzt, dass bis 2050 ein Drittel der britischen Bevölkerung

aus Minderheiten bestehen wird. Die Zeit der monoethnischen

Nationalstaaten ist vorbei. Mit dieser Vielfalt

zurechtzukommen, ist eine der zentralen Herausforderungen

in dieser neu entstehenden multikulturellen Welt.

Die Globalisierung hat in den letzten vier Jahrzehnten zu

einem enormen Anstieg des Austausches zwischen Menschen

mit unterschiedlichen Hintergründen, Kulturen, Sprachen

und Religionen geführt. Der Umgang mit der daraus resultierenden

kulturellen, sprachlichen und religiösen Vielfalt wird

eine der größten Herausforderungen dieses Jahrhunderts für

die internationale Gemeinschaft, die Europäische Union und

für Länder wie Deutschland, Südafrika und die Vereinigten

Staaten sein.

Weltweit wird die Bevölkerung immer kosmopolitischer.

Die 200 Länder auf dieser Erde umfassen mehr als 6.000

verschiedene kulturelle Gemeinschaften. In über 130 Ländern

machen kulturelle Minderheiten mehr als 10 Prozent

der jeweiligen Gesamtbevölkerung aus. Die kulturelle Vielfalt

nimmt mit jeder Welle neu ankommender Migranten, die

nach wirtschaftlichen Chancen, Freiheit, Frieden und Sicherheit

suchen, immer mehr zu.

Überall sind die Menschen unterwegs – und überall stellen

sie die einst homogenen Gesellschaften vor neue

Herausforderungen.

Zu diesen Herausforderungen zählt auch die Auswirkung der

Migration auf die kulturelle Identität. Wir Menschen sind

komplexe soziale Wesen mit vielen wichtigen konzentrischen

Beziehungen. Wir sind Individuen. Wir gehören zu Familien.

Wir verfolgen unsere wirtschaftlichen Interessen. Wir gehören

Klubs und Organisationen an. Viele von uns verbindet

eine Glaubensrichtung. Wir gehören oft bestimmten kulturellen

Gruppen an. Wir haben unterschiedliche Geschlechter

und sexuelle Orientierungen. Wir sind Staatsbürger unserer

Länder und zunehmend sind wir Mitglieder einer internationalen

Gemeinschaft.

24 25


Friedensrede

Kapitel

All diese Beziehungen sind wichtig für uns und einige von

ihnen sind sogar von zentraler Bedeutung. In vielen, wenn

nicht sogar bei den meisten dieser Konstellationen sind wir

Teil einer Minderheit. Wahre Freiheit bedeutet, dass wir in

der Lage sind, rechtmäßige Entscheidungen für uns und

unsere Familien in all diesen Sphären zu treffen. Die Grenzen

dieser Freiheit sollten allein durch das offenkundige

Gemeinwohl sowie durch jenen Punkt definiert werden, an

dem unsere Freiheit beginnt, negative und unfaire Auswirkungen

auf die Interessen anderer zu haben.

Nehmen wir mich als Beispiel: Ich bin ein Individuum. Aber

ich gehöre auch zur Familie de Klerk. Ich gehöre der reformierten

Kirche an. Ich bin Mitglied einer Reihe von privaten

Organisationen. Ich bin ein Afrikaner. Von all diesen Verbindungen

leite ich meine Sprache, meine Geschichte, meine

Gepflogenheiten und einen Großteil meiner Identität ab.

Außerdem bin ich stolz darauf, ein Bürger des neuen, lebendigen

und multikulturellen Südafrikas zu sein. Und wie alle

meine Vorfahren, seit diese 1688 an das Cap gezogen sind,

bin ich ein Afrikaner – und mir gefällt auch der Gedanke,

dass ich ein Weltbürger bin.

Keine dieser Beziehungen schließen sich gegenseitig aus.

Menschen können all das gleichzeitig sein. Ihre angemessenen

Rechte in all diesen Beziehungen müssen geschützt werden,

und sie sollten darüber hinaus auch keine Diskriminierung

wegen dieser Bindungen erfahren. Ich glaube zudem, dass sie

hierzu keine Wahl treffen müssen, dass sie keinen Aspekt ihrer

Beziehungen aufgeben müssen, um in einem anderen Bereich

zugelassen zu werden.

Genauso verstand sich mein Freund und ehemaliger Kollege,

Nelson Mandela, ebenfalls als Afrikaner und Bürger des

neuen Südafrikas. Er war zudem auch sehr stolz darauf, zu

dem Stamm der Xhosa, eine von neun einheimischen Kulturen

Südafrikas, zu gehören. Von Geburt an wurde er auf

seine ererbte Rolle als Ratgeber des Stammesoberhauptes der

Thembu vorbereitet, einem der großen Clans des Xhosa-Volkes.

Man kann Nelson Mandela nur dann wirklich verstehen,

wenn man auch seine kulturellen Wurzeln, die Geschichte

und die Sprache versteht, die ihn geprägt haben.

Ich bin überzeugt, dass wir Südafrikaner dank unserer kulturellen

Vielfalt, derer wir uns erfreuen, reicher sind. Es

liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung zu zeigen,

dass Vielfalt nicht zwangsläufig Quelle für Spannungen und

Konflikte sein muss. Vielmehr bereichert sie unser Leben,

indem sie unterschiedliche Blickwinkel auf die Welt, in der

wir leben, bietet.

Abgesehen von den elf schwarzen Kulturgruppen, den zwei

weißen Sprachgruppen und den farbigen und asiatischen

Gemeinschaften, leben in Südafrika bis zu fünf Millionen

illegale Einwanderer, die zum Teil aus weit entfernten Ländern

wie Somalia und dem Kongo stammen. In den letzten

Jahren kam es zu hässlichen Ausschreitungen gegenüber

den Neuankömmlingen: Südafrikaner sahen die Zuwanderer

als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt an und fühlten

sich deshalb bedroht. Wie werden wir gewährleisten, dass all

diese Gemeinschaften in der Lage sind, friedlich nebeneinander

zu existieren?

Diese Herausforderung hat zahlreiche Aspekte. In vielen

Ländern sind kulturelle Minderheiten durch geschichtliche

Prozesse entstanden. Sie haben immer in den Ländern gelebt,

die sie bevölkert haben. Oftmals sprechen sie ihre eigenen

Sprachen und haben ihre eigenen kulturellen Traditionen.

Sie sollten idealerweise das Recht haben, ihre Sprachen zu

sprechen, ihre Kultur zu pflegen und mitbestimmen zu dürfen,

wenn es um die Vorgänge geht, die sie direkt betreffen.

Andere Gesellschaften sind durch Immigration multikulturell

geworden. In diesen Fällen wird oft argumentiert, dass

der Preis für den Zugang zur neuen Gesellschaft die Anerkennung

der Werte des Gastgeberlandes ist und dass dazu

auch das Erlernen der entsprechenden Landessprache

gehöre. Dadurch wird ein Aspekt sehr deutlich: Der Umgang

mit kultureller Vielfalt wird eine zunehmend größere

Heraus forderung für alle Länder dieser Welt.

Sehen wir uns Amerika an. Derzeit leben mehr als 12

Millionen illegale Zuwanderer in den Vereinigten Staaten.

Im Laufe der amerikanischen Geschichte war es fast immer

gängige Praxis, dass die Gemeinschaft der Immigranten mit

der existierenden nationalen Identität verschmolz und diese

versuchten, so schnell wie möglich Englisch zu lernen. Auf

Grundlage dieses Modells konnten sich die Vereinigten

26 27


Rubriktitel

Friedensrede

Staaten in weniger als 100 Jahren von dreizehn atlantischen

Kolonien zu einer Kontinentalmacht entwickeln. Die

Bevölkerungszahl betrug im Jahr 1800 nur 5 Millionen. Bis

1900 war sie auf 75 Millionen angestiegen und wir wissen,

dass 2017 mehr als 250 Millionen Menschen in den

Vereinigten Staaten von Amerika leben. Das existierende

kulturelle Fundament aus britischen Siedlern, amerikanischen

Ureinwohnern und Afroamerikaner wurde durch die

Ankunft sehr unterschiedlicher europäischer Migranten

– Deutsche, Iren, Italiener, Franzosen, Skandinavier und

Polen – enorm gestärkt. Jedoch hat nahezu jeder, der in den

Vereinigten Staaten angekommen ist, die Werte, die in der

Verfassung der Vereinigten Staaten verankert sind, akzeptiert

und schnell Englisch gelernt.

Die Vereinigten Staaten – und viele andere Länder, die

Migranten ihre helfende Hand reichten – haben enorm von

den Beiträgen profitiert, die die Zuwanderer fast immer

ihren Gastgeberländern gegenüber leisteten.

Die kulturelle Vielfalt der Vereinigten Staaten ist in jüngerer

Zeit durch die mehr als 40 Millionen eingewanderten

Lateinamerikaner, die heute die größte ethnische Minderheit

ausmachen, nochmals erweitert geworden. Diese

Minderheit ist auch eine der am schnellsten wachsenden

Gruppen und wird bis 2050 mehr als 100 Millionen Menschen

umfassen – ein Viertel aller Amerikaner. Schon heute

besteht ein Drittel der texanischen und kalifornischen

Bevölkerung und mehr als 40 Prozent der Bevölkerung von

New Mexiko aus Lateinamerikanern.

Aber nun stellt sich die Frage: Soll auch weiterhin die Konvention

gelten, dass alle Migranten irgendwann Englisch

lernen sollen? Oder werden die Vereinigten Staaten immer

häufiger Zwei- und Mehrsprachigkeit akzeptieren müssen?

Der Umgang mit und die Aufnahme von sehr unterschiedlichen

Immigrantengruppen ist auch zu einem der kontroversesten

Themen in Europa geworden. Bei den jüngsten

Wahlen in einigen der europäischen Länder hat diese Frage

eine wesentliche Rolle gespielt und ist darüber hinaus zu

einem Hauptstreitthema innerhalb der EU geworden.

In Frankreich führte dies zu den schlimmsten Ausschreitungen,

die das Land seit dem Zweiten Weltkrieg erschüttert

haben. Selbst im toleranten Großbritannien kommt es zu

einem Wiederaufleben einer rechtsgerichteten nationalistischen

Stimmung.

Wo beginnt nun die Toleranz gegenüber der Vielfalt und

wo endet sie? Vor einigen Jahren sagte der EU-Justizkommissar,

dass das Thema Migration an oberster Stelle der

EU-Agenda stehen solle. Die Europäische Union müsse ein

Gleichgewicht zwischen einer erleichterten Einwanderung

von dringend benötigten Facharbeitern und der Kontrolle

illegaler Zuwanderung und Handelspraktiken finden, so der

Kommissar. Es wird davon ausgegangen, dass die derzeitige

Erwerbsbevölkerung bis 2030 um 20 Millionen Menschen

sinkt. Der einzige Weg, einen Großteil dieses Ausfalls zu

kompensieren, wird die Zuwanderung sein.

All das ist jedoch Teil der größeren Herausforderung, mit

der kulturellen und religiösen Vielfalt umzugehen und das in

einer Welt, in der der Konflikt zwischen Gemeinschaften die

größte Bedrohung für Frieden und Stabilität darstellt.

Fast alle der 14 Konflikte, die unsere Welt momentan

erschüttern, haben ihren Ursprung entweder in ethnischen

und religiösen Auseinandersetzungen oder wurden durch

diese Faktoren deutlich verschärft. Allzu oft fühlen sich Minderheiten

durch die Regierungsverfahren, denen sie unterworfen

sind, politisch und kulturell nur ungenügend berücksichtigt.

Sie haben den Eindruck, dass ihre Regierungen

unsensibel sind, wenn es um ihre Sprache und Kultur geht.

Sie fühlen sich diskriminiert, unterdrückt und dem Druck

ausgesetzt, sich in der Mehrheitskultur einzugliedern. Oft

fühlen sie sich als Bürger zweiter Klasse.

Dieses Gefühl der Ausgrenzung und Entfremdung bricht

sich oft Bahn in Konflikten, Rebellion, Forderungen nach

Abspaltung, und bringt manchmal auch terroristische Akte

hervor. Die aktuellen Konflikte in Bosnien, dem Kosovo,

Tschetschenien, Sri Lanka, auf den Philippinen, Thailand,

Indonesien und der Türkei sowie in vielen afrikanischen

Ländern dienen als weitere Beispiele für dieses Phänomen.

Auch einige der bereits seit langem fortbestehenden Konflikte

auf der Welt haben ihren Ursprung in der religiösen

Vielfalt. Unterschiede zwischen Hindus, Moslems und Sikhs

in Indien sowie den Moslems und Christen in Nigeria und

dem Sudan sorgen für eine brisante Lage, die sich jederzeit

in Gewalt und Terrorismus entladen kann. Eine der großen

Herausforderungen des neuen Jahrtausends wird folglich

28 29


Friedensrede

darin bestehen, diese kulturelle und religiöse Entfremdung

anzugehen und Normen und Ansätze zu entwickeln, die ein

friedliches Zusammenleben der unterschiedlichen Gemeinschaften

ermöglicht.

Die internationale Gemeinschaft wird dieser Frage wesentlich

mehr Aufmerksamkeit widmen müssen, als sie es bisher

getan hat. Nur sehr wenige Länder begrüßen internationale

Untersuchungen ihres Umgangs mit den Minderheiten

innerhalb ihres Staatsgebietes. Andererseits gehören weltweit

eine Milliarde Menschen – jeder Siebte – einer ethnischen,

kulturellen oder religiösen Minderheit an. Viele von ihnen

erleben Entfremdung und Diskriminierung.

Es muss dringend intensivere und sachkundigere Diskussionen

darüber geben, wie die internationale Gemeinschaft mit

ethnischer, kultureller und religiöser Vielfalt umgehen soll.

Die Herausforderung besteht aus meiner Sicht darin, Ansätze

und Normen zu entwickeln und zu etablieren, die eine

Koexistenz von unterschiedlichen kulturellen und ethnischen

Gemeinschaften innerhalb eines Landes ermöglichen.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir zu einem breiten

Konsens hinsichtlich der Kultur-, Sprach- und Bildungsrechte

kommen, die diesen Gemeinschaften zustehen sollen.

Ebenso wichtig ist es aber auch, eine Einigung über die

Werte zu erzielen, die die Grundlage für Kooperation und

nationale Einheit bilden können.

Die Notwendigkeit, multikulturelle Ansätze in von Vielfalt

geprägten Gesellschaften zu fördern, wird von der

internationalen Gemeinschaft zunehmend anerkannt.

Gemäß der im Rahmen des Entwicklungsprogramms der

Vereinten Nationen (UNDP – United Nations Development

Progamme) durchgeführten Studie zur Entwicklung

der Menschheit (Human Development Survey) von 2004

ist Multikulturalität die effektivste Antwort auf die Herausforderungen

der Vielfalt.

Das UNDP bezeichnete die kulturelle Freiheit als einen unverzichtbaren

Teil der menschlichen Entwicklung. Wird diese

Freiheit gewahrt, könnte das Ergebnis eine größere kulturelle

Vielfalt sein, die das Leben der Menschen bereichert.

Wird diese kulturelle Freiheit jedoch beschnitten, könnte das

»schnell zu einer der bedeutenden Ursachen für Instabilität

innerhalb der Länder, aber auch zwischen ihnen werden«.

Die Empfehlung lautete deshalb, »Vielfalt zu respektieren und

durch gemeinsame Bande der Menschlichkeit Einigkeit zu

schaffen«.

Die UNDP-Studie beschäftigte sich auch mit verschiedenen

Mythen – und deren Entzauberung – hinsichtlich der

Beziehungen zwischen Gemeinschaften. Man kam zu dem

Schluss, dass »eine Politik, die auf Anerkennung von kulturellen

Identitäten und auf die Förderung der Vielfalt zielt,

nicht zu Zersplitterung, Konflikten, schwacher Entwicklung

sowie autoritären Machtverhältnissen führt. Diese Art von

Politik ist sowohl umsetzbar als auch notwendig, da es oftmals

erst die Unterdrückung von über ihre Kultur definierte

Gruppen ist, die zu Spannungen führt«.

Wie schon zuvor erwähnt, liegt der Schlüssel zur Wahrung

von Frieden und Harmonie in unserer immer weiter zusammenrückenden

Weltgemeinschaft im Umgang mit der Vielfalt:

Wir müssen noch viel mehr tun, um die Rechte der

kulturellen, ethnischen und religiösen Minderheiten weltweit

zu definieren und zu schützen. Wir brauchen einen internationalen

Standard für diese Rechte, so wie wir dies schon für

Individuen, Frauen und Kinder getan haben. Wir müssen

die Akzeptanz für die Rolle der Bildung fördern, hinsichtlich

der Bewahrung der religiösen, kulturellen und sprachlichen

Vielfalt. Das Prinzip, das die Staaten dazu verpflichtet, dieses

Verständnis von Bildung zu unterstützen und zu finanzieren,

muss ebenfalls verankert werden. Wir müssen das Verhalten

von Regierungen an diesen Standards messen. Wenn uns das

gelingt – bin ich mir sicher – werden wir bald erkennen, dass

die Gesellschaften, die am schlimmsten von Gewalt zwischen

einzelnen Gemeinschaften betroffen sind, auch diejenigen

sind, die die Rechte ihrer Teilgemeinschaften am wenigsten

respektieren.

30 31


Friedensrede

Kapitel

Schlussendlich geht es beim Umgang mit Vielfalt darum, das

Bedürfnis nach Entscheidungsfreiheit, Toleranz und gemeinsamen

Werten zu akzeptieren. Menschen sollten die Freiheit

haben, zu sein wie sie sind und die vielen konzentrischen

Identitäten zu wahren, die sie individuell prägen. Mit Vielfalt

umzugehen heißt auch, eine Kultur zu fördern, die von

Toleranz und dem Respekt vor der Verschiedenheit geprägt

ist – aber es bedeutet ebenfalls, dass wir uns auf Grundwerte

und Ansätze einigen können, die die Menschen insgesamt

verbinden.

Wir haben das globale Dorf betreten. Es ist aufregend, es ist

oft sehr verwirrend und manchmal ein wenig beängstigend.

Immer häufiger werden sich Menschen mit unterschiedlichen

kulturellen Hintergründen begegnen, in den Straßen,

auf den Märkten und in internationalen Unternehmen, die

unser globales Dorf ausmachen. Die Gegenwart von so vielen

Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen ist einer

der bereicherndsten Aspekte unserer neuen Welt. Jedoch

erfordert dies von uns auch, dass wir neue Verhaltensregeln

beachten und die multidimensionalen Rechte der Menschen

anerkennen – als Bürger, als Mitglieder von Organisationen

und Gemeinschaften und als einzigartige Männer und

Frauen.

Ich habe erfahren, dass Sie hier die wunderbare Tradition

haben, die Idee einer »Wunschwelt« zu fördern. Sie haben

hierfür einen gläsernen Globus geschaffen, den wir hier

neben dem Rednerpult stehen sehen. Sie haben Schüler der

Gewinnergruppen eingeladen, ihre persönlichen Wünsche

auf kleine Origami-Kreationen zu schreiben. All diese bunten

Origami-Stücke wurden dann vor Beginn der Rede dem

Globus anvertraut. Während des restlichen Jahres wird dieser

Globus unterhalb der Laterne der Kirche platziert, sodass er

von allen Besuchern gesehen wird. Er sendet eine Botschaft

der Hoffnung und des Frieden für die nächste Generation aus.

Ich hoffe, dass der Globus in diesem Jahr unter anderem

auch folgende Wünsche enthalten wird: für die Bereicherung

unseres Lebens durch den Austausch zwischen Menschen

unterschiedlicher Kulturen und Religionen; für Toleranz und

gegenseitigen Respekt; für eine mitfühlende Verpflichtung,

Menschen aufzunehmen und zu beschützen, deren Leben

durch Konflikte bedroht sind und für die Entschlossenheit,

eine bessere Welt zu schaffen, in der Konflikte, Ungerechtigkeit

und Armut Menschen nicht mehr dazu zwingen, ihr

angestammtes Heim und ihr Geburtsland zu verlassen.

Vielen Dank.

32 33


Rubriktitel

Friedenswettbewerb

Der Friedenswettbewerb

Dr. Anja Häse

Stiftung Frauenkirche Dresden

Begleitend zur Friedensnobelpreisträgerrede 2017 lobte die

Stiftung Frauenkirche Dresden zum dritten Mal den Friedenswettbewerb

»Schüler treffen Friedensnobelpreisträger«

unter sächsischen Jugendlichen aus. Die Einreichungen

beeindruckten mit ihrer Kreativität und inhaltlichen Tiefe.

Der Friedenswettbewerb richtet sich an sächsische Schülerinnen

und Schüler ab der Klassenstufe 9. Die aktuelle Fragestellung

bettet sich konsequent in das Leitmotiv der Veranstaltungsreihe

»Was können wir heute tun, damit die Welt

in zwanzig Jahren friedlich(er) ist?« ein und ist als direkte

Aufforderung an junge Menschen zu verstehen, sich ihre

konkrete Verantwortung für die Welt von morgen bewusst

zu machen. Als Preis für die Siegergruppen ist jeweils ein

persönliches Treffen mit dem Friedensnobelpreisträger im

Rahmen eines gestalteten Erlebnistages in der Frauenkirche

Dresden ausgelobt.

Mit der durch Frederik Willem de Klerk persönlich formulierten

Fragestellung für den diesjährigen Friedenswettbewerb

»Alle anders – alle gleich: Wie lässt sich eine moderne

multikulturelle Gesellschaft gestalten?« hatte sich der Friedensnobelpreisträger

im Vorfeld der Veranstaltung direkt an

die sächsischen Schülerinnen und Schüler gewandt.

Gesucht waren neue Ideen und Lösungsansätze für ein Themenfeld,

das die jungen Menschen tagesaktuell und sehr

gezielt ansprach. Man hätte sich dem Thema aus vielen Richtungen

annähern können: aus historischer Perspektive oder

auch mit Blick auf die weltpolitische Situation. Stattdessen

wählten jedoch alle Wettbewerbsteilnehmenden den unmittelbaren

Blick auf die eigene Lebenswirklichkeit. So zeugen

die drei Siegerbeiträge eindrücklich von der kritischen

Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Vorurteilen

und entwickeln Perspektiven zu einer Gesellschaft, in der

Menschen unterschiedlicher Ethnien und Kulturen friedlich

miteinander leben.

Insgesamt 149 Jugendliche aus Dresden, Leipzig sowie aus

Meißen, Elsterberg und Zwenkau nahmen sich der Herausforderung

der Fragestellung an. Zugleich ist es aber auch den

Schulleitungen und Lehrenden zu danken, dass sie auch dieses

Jahr wieder die Beteiligung am Wettbewerb unterstützten

und anleiteten.

Die Beiträge wurden von den Schülerinnen und Schülern

gemäß den Wettbewerbsbedingungen eigenständig in

Arbeitsgruppen von fünf bis acht Teilnehmenden erarbeitet.

Die 26 Einreichungen boten eine beeindruckende kreative

Vielfalt an Websites, Blogs, Plakaten und Videos. Eine

Debatte, ein Hörspiel, ein Coversong und ein Streetart-Projekt

ergänzten das Spektrum der Wettbewerbsbeiträge.

Der Bewertung der Einreichungen widmeten sich insgesamt

neun Jurymitglieder. Mit Botschafter Dr. Georg Schmidt

(Auswärtiges Amt), Staatssekretär Dr. Frank Pfeil (Sächsisches

Kultusministerium) und Andrea Ostheimer de Sosa

(Konrad-Adenauer-Stiftung) standen der Jury drei hochrangige

Experten aus Wissenschaft und Politik mit je einer

Stimme zur Verfügung. Hinzu kamen je eine Studenten- und

eine Schüler-Stimme. Die Wertungen wurden zum einen von

drei Studentinnen, die sich auch ehrenamtlich als Kirchenführerinnen

in der Frauenkirche engagieren, beigetragen.

Die Schülerstimme wurde durch zwei Preisträgerinnen aus

den Vorjahren sowie einer weiteren Schülerin repräsentiert,

die sich im Rahmen des Fotowettbewerbs »Vielfalt Dresden«

empfohlen hatte.

34 35


Friedenswettbewerb

Kapitel

Die Preisträger

Grit Jandura

Mehr Jugendliche als je zuvor haben sich am

diesjährigen Friedenswettbewerb »Schüler

treffen Friedensnobelpreisträger« der

Frauenkirche Dresden beteiligt. Die Jury

lobte die differenzierte Themenbearbeitung

und benannte drei gleichrangige

Siegergruppen.

»Es ist beeindruckend, wie intensiv und mit welch verschiedenen

Methoden sich die Schülerinnen und Schüler mit der

von Frederik Willem de Klerk gesetzten Fragestellung auseinandergesetzt

haben. Schnell wird klar, dass für die junge

Generation in multikulturellen Gesellschaften ein Schlüssel

für eine friedvolle Zukunft liegt«, resümierte die Expertenjury.

Zwei Filme und ein Blog wurden der Bandbreite des

Themas am besten gerecht.

»Von der Mauer zur Brücke«

Einreichung von Chiara Fiebiger, Alexander Rühlow, Emely

Otto, Estelle Pietzonka, Mary Kremtz, Frederik Mallon,

Sophie Ambrosius und Eva Kratzsch aus den Klassenstufen

10 und 11 des Franziskaneums Meißen

Am Anfang sind es nur Worte: Intoleranz, Tradition, Konfliktgefahr.

Weitere folgen. Sie türmen sich auf und versperren

den Blick. Dazu verlesen jugendliche Stimmen Schlagzeilen

und Internetposts. So beginnt der Film der ersten

Preisträgergruppe, der den Zuschauer unmissverständlich

auf unsere oft stereotype Sicht auf die Welt hinweist.

Das Projekt »Von der Mauer zur Brücke« ist mehr als nur ein

Film über die eigenen Erfahrungen mit Vorurteilen. Vielmehr

stellt es den individuellen Weg der Schülergruppe von

einer eingeengten, von Vorurteilen bestimmten Sicht hin zu

einer offenen, toleranten Perspektive dar. Anfangs wird eine

Mauer aus Vorurteilen gebaut, die auf der eigenen Sozialisation,

historischen Kontexten, aber auch auf der Medienberichterstattung

fußt. Die Jugendlichen demonstrieren, wie

Vorurteile zu einer Wand werden können, die einer Mauer

gleich den offenen Blick auf das andere, das Unbekannte verstellt.

Damit konfrontiert, entdecken sowohl sie als auch der

Zuschauer, dass die Mauer dort keinen Bestand hat, wo es

Begegnungen und Interesse am Gegenüber gibt. Aus einem

Teil der Mauer wird eine Brücke.

In ihrem Projekt, das aus einem Film und einer Plakataktion

im Gymnasium besteht und zur Selbstreflektion über das

friedliche Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft

anregt, dokumentieren die Schülerinnen und Schüler

auch ihre eigenen Erfahrungen, die sie in einem Austausch

mit Jugendlichen aus und in Israel sammeln durften und die

ihnen eindrucksvoll vermittelten, dass die Mauer in unseren

Köpfen sich am leichtesten durch den persönlichen Kontakt,

durch ein Aufeinanderzugehen einreißen lässt und wir nur

so die heute mehr denn je notwendigen Brücken zwischen

Kulturen bauen können.

36 37


Friedenswettbewerb

»Ängste in einer multikulturellen Gesellschaft«

Einreichung von Rahel Gebhardt, Mia Hempel, Elisabeth

Jancke, Nora Bürkel und Rebecca Rothmann aus der Jahrgangsstufe

11 des Evangelischen Kreuzgymnasiums Dresden

Der zweite Preisträgerbeitrag widmet sich der Frage, welche

Vorbehalte hinsichtlich einer multikulturell zusammengesetzten

Gesellschaft bestehen. Ausgehend von der Beobachtung,

dass die Debatte über die aktuelle Flüchtlingsthematik

oftmals vorbehaltsbeladen und anonymisiert im Internet

geführt wird, suchten die fünf Autorinnen on- und offline

nach Antworten. Entstanden ist ein Blog, der Interviewsequenzen

mit eigenrecherchierten Informationen verbindet.

Mussten tatsächlich Supermärkte nach Einbruchsserien

durch Flüchtlinge schließen? Kamen 2016 jeden Monat

80.000 Flüchtlinge in Deutschland an? Bekommen Flüchtlinge

5 Euro Taschengeld am Tag? Die Dresdner Autorinnen

fanden diese und weitere Aussagen im Netz, verfolgten die

teils hitzigen Debatten darüber und wollten wissen, was Tatsachen

und was Fake News sind. Hierfür glichen sie weit verbreitete

Annahmen mit vorhandenen Befunden und Daten

ab. Auf dieser Basis suchten sie das Gespräch mit Menschen

auf der Straße – mit Besuchern eines Einkaufszentrums

ebenso wie mit Teilnehmern von Pegida-Demonstrationen.

Die Schülerinnen wollten wissen, wie weit sich Gerüchte verbreitet

haben und ob Falschinformationen ein Grund für die

Angst vor einer multikulturellen Gesellschaft sind. Ein Video

dokumentiert die Antworten, die den Zuschauer nachdenklich

zurücklassen und zur eigenen Reflexion anregen.

Der Jury gefiel besonders die lebensweltlich aktuelle Perspektive,

mit der die Autorinnen das zugrundeliegende

allgemeine Wettbewerbsthema bearbeiteten. Dank einer

engagierten und couragierten Datenerhebung, -auswertung

und -aufbereitung ermöglichen sie es dem Publikum, eigene

Sichtweisen zu hinterfragen und das persönliche Informationsverhalten

auf den Prüfstand zu stellen.

»Wir sind Eins!«

Einreichung von Elisabeth Koch, Larissa Witczak, Jessica

Thalmeir, Anne Müller, Julia Clengel und Clara Trautmann

aus der Jahrgangsstufe 10 vom Semper Gymnasium Dresden

Im dritten Preisträgerbeitrag thematisieren die sechs Autorinnen

die positiven und negativen Aspekte bei der Integration

von Flüchtlingen. Ausgehend von der Beobachtung,

dass Deutschland zwar vielfältig ist, aber trotzdem Vorbehalte

und Ressentiments bestehen, suchen sie nach praktischen

Antworten auf die Wettbewerbsfrage nach Wegen zu

einer funktionierenden multikulturellen Gesellschaft.

Ein Interview mit einer Flüchtlingsfamilie gibt wertvolle Einsichten,

die – um weitere Aspekte ergänzt – beim Zuschauer

am Ende zu eigenen Schlussfolgerungen über das Gelingen

eines wertschätzenden Miteinanders führen. Im Video

schildert ein kleiner Junge seinen Alltag in Dresden: Schule,

Fußballtraining, ein bisschen YouTube, Abendbrot und ab

ins Bett. Es wird sofort klar, dass das, was so gewöhnlich wie

selbstverständlich klingt, es eben ganz und gar nicht ist. Der

Junge ist mit seiner Schwester und deren kleiner Familie aus

seiner syrischen Heimat nach Deutschland geflohen. Seine

Eltern musste er zurücklassen, seine Träume und Hoffnungen

hat er mitgebracht. Dank der interessierten und überlegten

Gesprächsführung gelingt es den Schülerinnen, Einblicke

in das Leben von Menschen zu geben, deren Flucht zwar

vorbei ist, deren Einfinden in eine neue Kultur aber gerade

erst beginnt.

Die Autorinnen bereichern ihren Beitrag um eigene Ansichten

zum Thema Toleranz und blicken dabei auch durchaus

kritisch auf bestehende Fallstricke für das Entstehen eines

tragfähigen Gemeinschaftsgefühls unter Menschen unterschiedlicher

Herkunft und Religion. Trotzdem berührt das

abschließende Plädoyer des syrischen Jungen, das namensgebend

für den Beitrag war: »Egal ob Syrer, Afghane oder

Deutscher – wir sind alle Menschen, wir sind alle eins.«

Die Beiträge sind abrufbar unter:

www.frauenkirche-dresden.de/friedenswettbewerb/rueckblick

38 39


Friedenswettbewerb

Visionen nachspüren

Dr. Anja Häse

Lutherdenkmal

Das Nachdenken über die Frage, inwiefern

Luthers Haltung als Visionär im

Glauben heute noch zeitgemäß ist,

eröffnet das Gespräch.

1

Die drei Preisträgergruppen waren zu einem

Erlebnistag in die Frauenkirche eingeladen.

Der erste Teil widmete sich dem Erkunden

der Frauenkirche entlang von Spuren

visionärer Gedanken und Taten.

12

2

Was Menschen bewegen können, die ihr Engagement auf

eine konkrete Vorstellung von Zukunft ausrichten, hat der

Wiederaufbau der Frauenkirche eindrücklich gezeigt. Darüber

hinaus begegnet man im Gotteshaus und in dessen

Umfeld Spuren, die Geschichten von Visionen erzählen.

Der Erfahrungsweg begann auf dem Neumarkt am Lutherdenkmal

und führte danach entlang verschiedener Stationen

durch die Frauenkirche.

11

Installation »Monument«

Die Jugendlichen positionieren sich, ob von

der Bus-Inststallation des deutsch-syrischen

Künstlers Manaf Halbouni auf dem

Neumarkt eine visionäre Kraft ausgeht.

2

1

3

Neumarkt

Lutherdenkmal 1

Installation »Monument« 2

Blick zur »Flamme der Versöhnung« 3

innerhalb der Kirche

Erkundung des Kirchenraumes 4

Mitte des Raumes 5

Kanzel 6

Erkundung der Unterkirche 7

Altes Turmkreuz 8

Bildnis Hugo Hahns 9

Glockenstube 10

Weg zur Aussichtsplattform 11

Auf der Kuppel 12

9

10

4

5

7

8

6

Flamme der Versöhnung

Das bewusste Erinnern an Situationen, in

denen im eignen Leben Versöhnung geschah,

leitet über zur Überlegung, welche Möglichkeit

es gibt, selbst versöhnend zu wirken.

3

40 41


Friedenswettbewerb

Erkundung des Kirchenraumes

Die persönliche Begegnung mit dem

Kirchenraum geschieht in der Stille.

Ein Plan regt durch konkrete Handlungsimpulse

zur inhaltlich vertiefenden

Annäherung an.

7

Erkundung der Unterkirche

In kleinen Gruppen tauschen sich

die Schülerinnen und Schüler in der

Unterkirche über die Frage aus, was über

den Tod hinausreicht.

4

Mitte des Raumes

5

Die Jugendlichen senden einen Klang aus.

Dabei spüren sie der Frage nach, was im

Mittelpunkt ihres eigenen Lebens steht.

6

Altes Turmkreuz

Kanzel

Wie man der eigenen Stimme Gestalt

geben kann, erproben die Jugendlichen

in der Kanzel. Sie lesen Texte laut vor –

jeder auf seine Weise.

Beim Entzünden eines Lichts denken

die Jugendlichen an lieb gewonnene

Menschen ebenso wie jene, die das Leben

schwer machen.

8

42 43


Friedenswettbewerb

9

Bildnis Hugo Hahns

Am Bildnis Hugo Hahns, der sich als

Pfarrer der Frauenkirche gegen das

NS-Regimes gestellt hatte, denken die

Jugendlichen darüber nach, wo es heute

Mut zum Widerstand braucht.

11

12

Glockenstube

Die Schülerinnen und Schüler betrachten die

Friedensglocke Jesaja und lesen ein für diese

Glocke verfasstes Gedicht, das die Vision von

Frieden beschreibt.

10

Weg zur Aussichtsplattform

Der sich im Kuppelinneren windende

Weg nach oben ist der Besinnung auf den

eigenen Lebensweg in der Orientierung auf

Zukunft hin gewidmet.

Auf der Kuppel

Nach Einsichten und Weitblicken werden

die Eindrücke des Erfahrungsweges in Worte

gefasst.

44 45


Friedenswettbewerb

Kapitel

Friedensfragen stellen

Dr. Anja Häse

Was motiviert junge Menschen, sich am

Friedenswettbewerb an der Frauenkirche

zu beteiligen? Natürlich ist die

Auseinandersetzung mit der vorgegebenen

Fragestellung spannend – aber auch ein

ganz besonderes Treffen im zweiten Teil des

Erlebnistages.

Sich mit dem Wettbewerbsthema zu befassen, ist für die

eigene Positionsbestimmung im gesellschaftlichen und weltpolitischen

Gesamtzusammenhang gewinnbringend. Darüber

hinaus die Chance zu erhalten, eine persönliche Begegnung

mit dem Friedensnobelpreisträger Frederik Willem de

Klerk zu erleben, ragt an Bedeutsamkeit und Einzigartigkeit

natürlich heraus.

In der Unterkirche der Frauenkirche trafen die 19 Schülerinnen

und Schüler mit dem ehemaligen südafrikanischen

Präsidenten zusammen. Während des Treffens erhielten die

Jugendlichen zunächst ihre Urkunden, die vom Friedensnobelpreisträger

persönlich übergeben wurden. Diese besondere

Ehrung wurde fotografisch dokumentiert und bleibt

sicher lebenslang und eindrücklich in Erinnerung.

Anschließend durften die Schülerinnen und Schüler Frederik

Willem de Klerk persönlich im exklusiven Gespräch zu

seinem politischen Wirken, seinen Überzeugungen sowie

Beweggründen für Entscheidungen befragen und sich

gemeinsam mit ihm zum Thema Frieden austauschen. Die

Jugendlichen hatten sich darauf intensiv vorbereitet. Im Rahmen

des Erlebnistagprogramms trugen sie ihre verschiedenen

Fragen zusammen und trafen gemeinsam eine Auswahl,

um das folgende Gespräch zu strukturieren. Später kamen

natürlich noch spontane Fragen und Themen hinzu.

Mit großer Wertschätzung und im Bewusstsein der einmaligen

Situation nutzen die Jugendlichen die Möglichkeit, eine

Persönlichkeit, die Weltgeschichte geschrieben hat, näher

kennen zu lernen. Jede Antwort des Politikers zeugte davon,

dass er seine jungen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner

ernst nahm und in der Verantwortung für eine

zukünftige friedliche Welt sieht.

Als Ehrengäste saßen diese dann am Abend in den vorderen

Bankreihen des Hauptraums der Frauenkirche und lauschten

der Rede des Friedensnobelpreisträgers. Unweit von ihnen

war ein durchsichtiger Globus platziert – die »WunschWelt«.

Die »WunschWelt«

Am Abend der Friedensnobelpreisträgerrede stand sie

vor der Chorbalustrade, sonst ist sie im Hauptkuppelraum

der Frauenkirche zu finden: die »WunschWelt« –

eine transparente Weltkugel, in der die Hoffnungen und

Wünsche der Preisträgerinnen und Preisträger der drei

bisherigen Friedenswettbewerbe für eine friedlichere

Welt aufbewahrt sind. Die Jugendlichen senden auf diese

Weise eine symbolische Friedensbotschaft der jungen

Generation von der Kirche über die Stadt Dresden in die

Welt hinaus.

Im Innern dieses besonderen Globus kann man neben orangen

Papierkranichen, dem internationalen Friedenssymbol

gegen Atomkrieg, und bunten Papp-Würfeln, die einzelne

chemische Elemente darstellen, seit diesem Jahr auch grüne

Schlüssel erkennen.

In Anerkennung von Frederik Willem de Klerks Rolle als

Schlüsselperson für den Frieden in seinem Land und in unserer

Welt wurde für den Friedenswettbewerb 2017 das Symbol

des Schlüssels ausgewählt. Dabei greift der Schlüssel auch die

vom Friedensnobelpreisträger gestellte Wettbewerbsfrage auf.

Schlüssel, die nach außen ähnlich aussehen und eine grundsätzlich

gleiche, klar definierte Aufgabe haben, öffnen doch

je nach ihrem individuellen Zuschnitt völlig unterschiedliche

Räume und Bereiche.

In Umsetzung dieses Gedankens, selbst zu Schlüsselpersonen

zu werden, schrieben die Jugendlichen ihre persönlichen

Friedenswünsche im Rahmen des Programmes in der Frauenkirche

auf und bereicherten die »WunschWelt« entsprechend.

Diese Tradition werden die Gewinner die nächsten

Friedenswettbewerbe fortsetzen.

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Rubriktitel

Friedenswettbewerb

»Frieden ist ein

Synonym für Glück«

Die Fragen stellte

Grit Jandura.

Eva Kratzsch (17) und Frederik Mallon (16) gehören zu den

Preisträgern des diesjährigen Friedenswettbewerbs. Gemeinsam

mit sechs weiteren Jugendlichen gestalteten sie den Beitrag

»Von der Mauer zur Brücke«. Er thematisiert auf Basis

eigener Erfahrungen, wie trennend Vorurteile sind und was

man durch einen zugewandten Umgang miteinander gewinnen

kann. Im Interview berichten sie, wie sie auf ihre Idee

gekommen sind, was sie vom Friedensnobelpreis halten und

was Frieden für sie ganz persönlich bedeutet.

Warum habt ihr euch am Friedenswettbewerb der Stiftung

Frauenkirche Dresden beteiligt?

Frederik Mallon: Im vergangenen Jahr waren wir in Israel zu

einem Schüleraustausch. Dort waren wir damit konfrontiert,

dass es eben nicht selbstverständlich ist, im Frieden zu leben.

Eva Kratzsch: Unsere Lehrerin sprach uns an, dass wir doch

unsere Erfahrungen aus dem Austausch einbringen könnten.

Zunächst waren wir skeptisch, weil wir schulisch gerade sehr

eingespannt waren. Dann überwog aber doch der Wunsch zu

zeigen, wie man Frieden erreichen kann.

Wie seid ihr auf die Idee für euren Beitrag gekommen, wie

muss man sich den Arbeitsprozess vorstellen?

Eva Kratzsch: Eigentlich wollten wir in den Winterferien die

Hauptarbeit leisten: in der ersten Woche das Konzept, in der

zweiten die Umsetzung. Das hat nicht ganz geklappt und die

Ferien waren schneller vorüber als gedacht. Doch das hat

uns nicht entmutigt und wir haben fortan unter dem Motto

gearbeitet: Unter Druck reifen Diamanten. Uns war die Symbolik

ganz wichtig, sodass man einen roten Faden erkennt.

Wir kamen auf Kartons, die man sowohl als Mauer als auch

als Brücke stapeln kann. Danach haben wir noch die Plakatidee

dazu gesponnen.

Eure Einreichung wurde ja nicht im Klassenverband erstellt.

Wie setzte sich euer Team zusammen?

Frederik Mallon: Wir waren zunächst 13 Leute, die alle an

dem deutsch-israelischen Schüleraustausch teilgenommen

hatten. Da die 12. Klassen aber mitten in den Abi-Vorbereitungen

steckten, haben sich die acht verbleibenden Schüler

der 10. und 11. Klassen zusammengetan.

Warum habt ihr euch für die Präsentationsform Video

entschieden?

Eva Kratzsch: Dass es ein Film wird, war uns von Anfang an

klar. Durch vorherige schulische Projekte hatten wir schon

einige Erfahrungen gesammelt. Die Voraussetzungen waren

auch gut, weil wir das Equipment hatten und Unterstützung

von einem Freund erhielten, der sich mit Schnitt und Vertonung

gut auskennt.

Neben der Symbolik der Mauer bzw. der Brücke nutzt ihr

im Video Statements zu Toleranz und Frieden. Was war die

Motivation?

Eva Kratzsch: Wir haben nach einem Weg gesucht, wie wir

Schüler und Lehrer am besten zum Nachdenken anregen

können. Wenn man so durch das Schulhaus geht, denkt man

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Friedenswettbewerb

über diese Themen ja nicht nach. Aber wenn etwas Neues da

ist und das dann vielleicht auch noch wo hängt, wo es eigentlich

nicht hängen darf, ändert sich das. Deshalb haben wir

mit der Schulleitung gesprochen, sodass wir z.B. auch Plakate

an Fenster hängen durften.

Und ist der Plan aufgegangen?

Eva Kratzsch: Es erregte schon Aufmerksamkeit, dass an den

Mensafenstern Sprüche hingen. Da haben viele draufgeschaut

und wir wurden auch deswegen angesprochen. Das

hat uns sehr gefallen, weil sich die Leute Gedanken gemacht

haben.

Habt ihr auch selbst Sätze, die euch besonders nahe gehen?

Frederik Mallon: Ich würde alle unterschreiben. Wir haben

sie ja bewusst ausgewählt.

Eva Kratzsch: Mich hat der Gedanke »Mitgefühl ist die

Grundlage des Weltfriedens« besonders bewegt. Mitgefühl

ist die Grundlage, um sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen.

Neben der Toleranz ist das das Wichtigste.

Die Wettbewerbsaufgabe wurde vom Friedensnobelpreisträger

Frederik de Klerk gestellt. Hattet ihr zuvor von ihm

schon einmal gehört?

Eva Kratzsch: Eine Freundin von mir hatte im Spanischunterricht

einen Vortrag über ihn gehalten. Daher kannte ich

den Namen – mehr aber nicht.

Das hat sich durch den Friedenswettbewerb sicher geändert.

Was ist euch von dem, was ihr in der Zwischenzeit in Erfahrung

gebracht habt, am meisten in Erinnerung geblieben?

Frederik Mallon: Mich beeindruckt, dass Frederik de Klerk

uneigennützig gehandelt hat. Er hat sich mit Nelson Mandela

dafür eingesetzt, die Rassentrennung abzuschaffen, obwohl

er als Weißer davon ja keinen Vorteil hatte. Er hätte ja die

Situation auch so belassen können, wie sie war. Das hat er

aber nicht getan. Das finde ich stark und deshalb hat er den

Friedensnobelpreis so verdient.

Ist denn ein solcher Preis heutzutage noch wichtig?

Frederik Mallon: Ich würde fast sagen, wir brauchen diese

Ehrungen mehr denn je. Frieden ist immer wichtig, aber das

ist uns und anderen oft gar nicht bewusst. So viele Menschen

ignorieren außerdem die Situation in anderen Ländern

und meinen, es gehe sie nichts an, wenn z.B. in Syrien Krieg

herrscht. Deshalb ist es richtig, Menschen zu ehren, die sich

für Frieden engagieren.

Friedensnobelpreisträger haben große Ziele, die von manchen

als Visionen, von anderen als Träumereien bezeichnet

werden. Wie seht ihr das?

Eva Kratzsch: Egal wie man es nennt, ich finde es eine

wichtige Leistung, dass Friedensnobelpreisträger sich ihren

Themen tiefgründig annehmen und damit auch andere Menschen

zum Nachdenken anregen. Sicher mag manches erst

in Zukunft realisierbar sein und Energie und Kraft erfordern.

Aber wenn z.B. eine völlig multikulturelle Gesellschaft

erreicht werden könnte, wäre das doch perfekt!

Was bedeutet Frieden für euch?

Frederik Mallon: In Gesellschaftskunde haben wir uns

gerade mit der klassischen Definition beschäftigt. Aber für

mich geht Frieden weit darüber hinaus. Ob Menschen wirklich

in Frieden miteinander leben, kann man daran nicht

messen. Jeder sollte für sich selbst prüfen, ob er im Frieden

ist. Wenn dem so ist, kann er doch die Augen aufmachen

und schauen, wie es seinem Nachbarn und anderen

Menschen auf der Welt geht: Haben sie auch das Privileg, im

Frieden zu leben oder befinden sie sich im Krieg und was

kann ich selbst tun? Für mich ist das die Quintessenz, dass

man aus dem eigenen Frieden heraus anderen die Möglichkeit

gibt, das zu übernehmen.

Eva Kratzsch: Frieden bedeutet, dass man sicher leben kann

und das ist ein riesiges Geschenk. Deshalb ist Frieden für

mich ein Synonym für Glück.

Was verbindet ihr konkret mit der Frauenkirche?

Frederik Mallon: Natürlich ist die Frauenkirche erst einmal

groß und schön und eindrucksvoll. Sie ist aber auch ein Friedenssymbol.

Sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und

erst nach vielen Jahren wieder aufgebaut. Für mich zeigt das,

dass man nicht aufgeben soll. Auch nach totaler Zerstörung

kann es einen Neuanfang geben.

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Impulsbeiträge

Diversität als Vorzug

Impulsrede von Dr. Sylke Tempel †

Chefredakteurin der Zeitschrift

IP – Internationale Politik

Es ist eine große Freude und Ehre, heute Abend hier sein zu

dürfen. Erlauben Sie mir auch, Mr. President, Ihnen, sicherlich

auch im Sinne der hier Anwesenden, sagen zu dürfen:

Sie sind ein Quell der Inspiration.

Als Sie und der mittlerweile verstorbene Präsident Nelson

Mandela das Apartheid-Regime beendeten, als hier in Dresden,

in Leipzig, in Ost-Berlin – und zuvor schon in Danzig

und anderen Städten – die Menschen auf die Straßen gingen,

um Freiheit und Mitsprache zu fordern, da wurde ein neues

Kapitel in der Geschichte eingeläutet. Als Studentin der Politischen

Wissenschaften war ich damals genauso enthusiastisch

wie viele andere über diese Ära des Aufbruchs, über das

Ende der Konfrontation zwischen Ost und West, zwischen

Demokratien (und zuweilen weniger demokratischen Verbündeten)

und autoritären, kommunistischen Staaten. Wir

waren überzeugt: Nun begann das Zeitalter der Demokratie.

In der Tat war das ja zu betrachten: Staaten, die vier Jahrzehnte

scheinbar unverbrüchlich, wiewohl eher gezwungen

als freiwillig und unter Aufgabe eines Teils ihrer Souveränität

Mitglied des Warschauer Pakts waren, wandelten sich zu

Demokratien, die sich, nun als gänzlich souveräne Staaten

und aus freiem Willen dazu entschlossen, gleichberechtigter

Teil der Europäischen Union und des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses

zu werden. Auch in Asien, Afrika und

Lateinamerika forderten demokratische Bewegungen ernsthafte

Reformen in ihren Ländern.

Es ist mittlerweile fast schon ein Allgemeinplatz geworden,

Francis Fukuyamas Idee eines »Endes der Geschichte« –

worunter er das Ende einer ideologischen Herausforderung

für die liberale, marktwirtschaftliche Ordnung des Westens

verstand – als einen der größeren intellektuellen Irrtümer

zu bezeichnen und als viel zu optimistische Einschätzung

dessen, was nun kommen würde. Ich bin immer noch der

Überzeugung, dass Francis Fukuyama damals nicht falsch

lag – denn der Sozialismus als »Gegenmodell« zur liberalen

Ordnung des Westens hatte sich als grandioser Fehlschlag

erwiesen, als Modell, das weder Gerechtigkeit, noch Freiheit

gebracht hatte. Allzu komfortabel in unserer Freude über

einen demokratischen Aufbruch jedoch haben wir einiges

übersehen: Im Juni 1989, als die Proteste für Demokratie,

Freiheit und Menschenrechte in der DDR, in der Tschechoslowakei

und Ungarn immer mehr Fahrt aufnahmen, wurden

die Demonstrationen von Studenten, die auf dem Platz des

Himmlischen Friedens ebenfalls Menschenrechte und mehr

Freiheit einforderten, von den Panzern des Regimes brutal

beendet. Wohl sahen wir in den frühen Neunzigern endlich

eine Annäherung von Israelis und Palästinensern und einen

Friedensvertrag zwischen Israel und Jordanien – und gleichzeitig

auch Selbstmordattentate radikaler Islamisten gegen

Zivilisten, die jetzt zum Signum des frühen 21. Jahrhunderts

geworden zu sein scheinen. Während frühere Teilrepubliken

der Sowjetunion wie die baltischen Staaten, die Ukraine

oder Weißrussland unabhängig wurden und sich jedenfalls

teilweise mit Erfolg auf den Weg in die Demokratie begaben,

fand mitten in Europa, im ehemaligen Jugoslawien, ein

furchtbarer Bürgerkrieg inklusive ethnischer Säuberungen

statt.

Und doch war Optimismus das überwiegende Gefühl dieses

demokratischen Jahrzehnts, das wir auch als den Anbruch

des vielleicht langsamen, aber doch sicheren Zusammenwachsens

verstanden. Würde die Globalisierung nicht

Unerwartet ist der nachfolgende Beitrag von Dr. Sylke Tempel

(* 30. Mai 1963; † 5. Oktober 2017) zu ihrem Vermächtnis

geworden. Die wissenschaftlich fundierte außen- und

sicherheitspolitische Stimme der herausragenden politischen

Journalistin mag nach ihrem Unfalltod verstummt sein, ihr

überzeugendes Engagement für eine allgemein verständliche

Entschlüsselung komplexer außenpolitischer Herausforderungen

und die Überzeugung, dass der Diversität der Vorzug gehört,

überdauert – wie die hier dokumentierte Impulsrede zeigt.

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Impulsbeiträge

Grenzen aufweichen, Wohlstand bringen, eine Mittelklasse

schaffen, die dann sicherlich auch in den autokratischen

Staaten mehr Gehör und mehr Beteiligung fordern würde?

Würden die nicht-demokratischen Staaten denn etwa nicht,

vielleicht auf Umwegen, vielleicht manchmal mit Rückschlägen,

aber doch unausweichlich »wie wir« werden?

Wir lagen falsch. Oder jedenfalls nicht wirklich richtig. Ja,

wir sehen neue ideologische Herausforderungen für die

westliche liberale Demokratie – auch wenn keine davon eine

wirkliche Alternative bietet. Aber jede dieser Herausforderung

zielt auf ein Kernelement der liberalen Demokratie.

Autoritarismus versucht zum Zwecke des Regimeerhalts

natürlich das für die demokratische Ordnung unerlässliche

Prinzip der Gewaltenteilung abzuschaffen. Dieses Prinzip

ist es ja, das ungezügeltem Machtstreben Einhalt gebietet. In

einigen autoritären Staaten herrscht auch die Überzeugung,

dass »Identität«, die Frage, wer sich zu einer Gesellschaft

zugehörig fühlen darf und wer nicht, von oben dekretiert

werden könne, anstatt diese so wichtige Frage der Identität

in einer offenen, freien und zivilen Debatte unter den Bürgern

selbst immer wieder neu zu erörtern. Autoritäre Führer

tendieren dazu, ihre Gesellschaft als »authentisch« zu sehen,

geformt von einer ganz spezifischen Kulturgeschichte, die so

einmalig ist, dass diese Gesellschaft damit auch »unveränderbar«

wird – was dazu führt, äußere Einflüsse und sehr oft

auch Reformforderungen oder Änderungswünsche im Inneren

als »fremd« und schädlich zu bezeichnen. In diesem Sinn

ist Russlands Präsident Wladimir Putin, der westliche, für

äußere Einflüsse durchaus offene und in ihrer Natur in ständiger

Veränderung begriffene Gesellschaften als »dekadent«

bezeichnet, ein typischer autoritärer Führer.

China fordert den Westen auf einem anderen Gebiet: Indem

es eine seit der Industriellen Revolution wachsende Überzeugung

infrage stellt, nämlich, dass Innovation mit Freiheit,

Marktwirtschaft und folglich mit Demokratie einhergehen

müsse und dass der Individualismus (zutiefst verbunden

natürlich mit den unveräußerlichen Rechten des Individuums)

der Schlüssel auch zum wirtschaftlichen Erfolg des

Westens gewesen sei.

Der politische Islam schließlich ist der dritte ideologische

Herausforderer, der wiederum auf ein Kernelement

der westliche Ordnung zielt, nämlich die Trennung von

Staat und Religion und damit auf eine Trennung zwischen

absoluten Wahrheiten, in deren Besitz nur Gott sein kann

und relativen Wahrheiten oder besser Evidenzen unserer

irdischen Welt, die so lange richtig bleiben, bis sie als falsch

widerlegt sind.

Diese äußeren Herausforderungen scheinen mit einer

Wirrnis in unseren eigenen Gesellschaften einherzugehen:

Ist denn die Demokratie nicht einfach nur eine andere politische

Ordnung, so gut oder so schlecht wie viele andere?

Ist der Prozess der Konsensfindung nicht oft ein allzu langsamer

und mühseliger? Zuweilen scheint es, als litten wir

unter Demokratie-Müdigkeit. Als könnten wir nicht mehr

sagen, was eigentlich unseren Kern ausmacht.

Das bringt mich zu dem Thema, über das Sie, Mr. President,

heute nicht nur zu meiner großen Freude in der Frauenkirche

gesprochen haben: Diversität.

Wenn wir Diversität als Vorzug verstehen – und es ist meine

tiefe Überzeugung, dass Diversität wesentlich zur Standfestigkeit

und Stärke unserer Gesellschaften beiträgt – dann

müssen wir auch wissen, was unsere Gesellschaften im

Innersten zusammenhält. Dann brauchen wir ein andauerndes,

offenes und ziviles Gespräch darüber, was das für uns

»Nicht-Verhandelbare« ist. »Soziale Kohäsion«, das ist die

Frage nach unserem »Betriebssystem«, der Software unserer

Gesellschaften, unserer politischen Kultur, nach dem, was

wir als unsere Identität verstehen und nach dem, was sie uns

wert ist.

Gerade im Kontext mit den ideologischen Herausforderungen,

denen wir uns zu stellen haben, müssen wir uns aber

auch mit unserer »politischen Hardware« beschäftigen,

den Fundamenten unserer Ordnung. Und hier sind einige

Widersprüchlichkeiten zu finden, die bislang ausschließlich

in Demokratien aufs Schönste gemeistert wurden.

In marktwirtschaftlich organisierten Demokratien haben wir

den Widerspruch zu lösen, dass wir Pluralismus, Diversität,

ja eine Ungleichheit der Talente brauchen, um den notwendigen

Wettbewerb überhaupt herstellen zu können; dass

wir dies aber mit dem Traum von Gleichheit in Einklang

zu bringen haben. Der Sozialismus hat die Verwirklichung

der ultimativ gerechten Gesellschaft versprochen, stattdessen

aber einen Feudalismus der Nomenklaturen geschaffen.

In Demokratien wird dieser Widerspruch gelöst durch

eine Garantie auf Gleichheit vor dem Gesetz. Das Prinzip

der Rechtsstaatlichkeit ist es, das uns diese Gleichheit und

Freiheit sichert und schützt. Sogenannte »illiberale Demokratien«,

in denen die Unabhängigkeit der Justiz vehement

attackiert oder sogar abgeschafft wird, hören auf, Demokratien

zu sein. Schon lange aber wird uns das Recht nicht in

Stein gemeißelt direkt von Gott überbracht. Es ist vielmehr

ein Produkt der friedlich ausgetragenen Debatte in unseren

Gesellschaften über das, was wir als rechtens und als zumutbar

empfinden. Aus diesem Grund können die Identitäten

der einzelnen Bürger wie auch der Gesellschaft als Ganzes

fluid und doch erkennbar bleiben.

Demokratien haben auch das »Gottes- oder Religions-Paradox«

gelöst. Anders als viele glauben mögen, ist Gott nicht

tot, wie Nietzsche einst proklamierte, auch nicht in säkularen

Gesellschaften. Aber Gott ist auch nicht Teil des Institutionengefüges,

denn ihn kann man nicht aus dem Amt wählen.

(Und nicht in, sondern friedlich aus dem Amt wählen ist ein

Kernelement der Demokratien.) Darum geht es in der Trennung

von Religion und Staat, von göttlicher und weltlicher

Macht: ein System zu schaffen, in dem es keine absoluten

Wahrheiten im öffentlichen Raum gibt, aber in dem jedes

einzelne Individuum sich dafür entscheiden kann, an diese

absoluten Wahrheiten zu glauben, so lange eines klar ist: Das

weltliche Gesetz steht über dem religiösen Gesetz.

Das schönste Paradox der Demokratie ist aber die anthropologische

Einsicht, die ihr zugrunde liegt: Dass der Mensch

nämlich weder gänzlich gut, noch böse ist, sondern ein

zugleich frei denkendes wie beständig irrendes Geschöpf.

Deshalb müsste, so dachten vor allem die schottischen Aufklärer,

ein System geschaffen werden, das nicht auf Perfektion,

sondern auf einem dem Menschen inhärenten Unvollständigen

aufgebaut ist, auf dem Mangel an Perfektion. Auf Korrektur.

Die Demokratie ist deshalb so resilient, weil sie die Fähigkeiten

wie die Irrtumsfähigkeit des Menschen gleichermaßen

ernst nimmt und deshalb die Möglichkeit zur Korrektur ihr

wichtigstes Kernelement ist. Das macht sie zur besten politischen

Ordnung, die der Mensch je geschaffen hat.

Sie, Mr. President, haben das auf das Schönste ausgedrückt,

als sie sagten: »Ich habe getan, was ich für richtig hielt. Wir

hatten einen großen Fehler zu korrigieren, denn alles andere

wäre ein Desaster gewesen.«

Autoritäre Führer halten Demokratien oft für schwach. Aber

die Macht der Demokratie ist nicht die des Schwertes, sondern

die der Überzeugung; eine Macht, die aus Geduld für

einen manchmal langen, zuweilen mühseligen und doch

selbstbewussten Prozess entsteht, Konsens darüber zu finden,

wo wir übereinstimmen, und wo nicht. Was wir akzeptieren

und was wir korrigieren wollen. Das Wichtigste aber

ist: Die Zeit für Korrektur ist immer: Jetzt.

Vielen Dank.

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Impulsbeiträge

Der Beitrag der Wirtschaft

für den Frieden in Afrika

Impulsrede von Dr. Stefan Liebing

Präsident des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft

Die Organisatoren haben mir eine sehr schwierige Aufgabe

gestellt, denn ich glaube nicht, dass es auch nur möglich ist,

dem, was wir in der wunderbaren Rede Frederik Willem de

Klerks gehört haben, noch das kleinste Bisschen hinzuzufügen.

Vielmehr werde ich ein paar Gedanken dazu äußern,

was die deutsche Industrie und der deutsche Handel beitragen

können, Frieden auf dem afrikanischen Kontinent zu

verbreiten.

Während wir hier sitzen, sind ungefähr 65 Millionen

Migranten gerade auf dem Weg von Afrika – vom Süden

in den Norden. Viele sind in Flüchtlingscamps stecken

geblieben: ungefähr eine Million in Äthiopien, in Kenia, in

Uganda und in vielen anderen Orten. Gleichzeitig haben

Sie, Herr Präsident, richtigerweise gesagt, die Demografie

ist das Schicksal und der Schlüsselpunkt. Wir erwarten, dass

sich die Bevölkerung in Afrika bis 2026 verdreifacht. Nigeria

beherbergt heute schon mehr Menschen als Russland – und

morgen, d.h. in 30 Jahren, wird Nigeria mehr Einwohner

haben als Russland und die Vereinigten Staaten zusammen.

Ich glaube, das ist uns nicht ganz bewusst. Wir denken nicht

darüber nach, was das für die Entwicklung auf dem Flüchtlingsgebiet

in der Zukunft heißt.

Wenn Sie sich Afrika als einen Kontinent der Krisen, Korruption,

Krankheiten und fehlender Infrastruktur vorstellen,

dann liegen Sie wahrscheinlich richtig. Aber wenn Sie

gleichzeitig an ein Afrika als ein Kontinent des Wohlstandes,

des Wachstums denken – sechs der zehn Länder auf der Welt

mit dem größten relativen Wachstum liegen auf dem afrikanischen

Kontinent –, wenn Sie an eine wachsende Mittelklasse

von etwa 300 Millionen Menschen denken, wenn Sie

über 100 IT-Startup-Zentren und -Parks auf dem afrikanischen

Kontinent denken, dann liegen Sie genauso richtig.

Es gibt beides. Deshalb bin ich überzeugt, dass die nächste

Runde der aufstrebenden Länder, der sogenannten Tigerstaaten,

aus Afrika kommt. Wir wissen vielleicht noch nicht,

welche Länder das sein werden; wir wissen auch noch nicht

genau, wann das alles losgeht, aber davon bin ich überzeugt:

Wir können es uns nicht mehr leisten, auf dem afrikanischen

Kontinent nicht aktiv zu sein.

Wenn wir die eben beschriebene Flüchtlingsentwicklung

abfedern möchten, dann gibt es zwei Faktoren: Wir brauchen

Sicherheit und Frieden für alle. Niemand will sein Zuhause

verlassen, außer man fürchtet um sein Leben und das Leben

seiner Kinder. Wir brauchen Arbeitsplätze und Möglichkeiten

für die Menschen, ihre Zukunft auch zuhause zu

entwickeln.

Was die Sicherheit angeht, ist es nicht meine Aufgabe, mich

damit zu beschäftigen. Dafür gibt es sehr fähige Politiker, die

auch heute hier anwesend sind. Daher werde ich kurz über

Arbeitsplätze sprechen. Es ist interessant, dass wir in den

letzten 10 Jahren in der deutschen Industrie eine Erfolgsgeschichte

geschrieben haben, die aber den meisten gar nicht

bewusst ist: Wir haben die Anzahl an Arbeitsplätzen verdoppelt,

die deutsche Investoren in Afrika geschaffen haben –

200.000 direkte, eine Million indirekte Jobs. Wir haben das

Handelsvolumen verdoppelt. Wir haben das Volumen der

Direktinvestitionen von Deutschland in Afrika verdoppelt –

Südafrika spielt hier natürlich eine sehr wichtige Rolle.

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Impulsbeiträge

In Bezug auf deutsche Direktinvestitionen stehen wir heute

auf dem afrikanischen Kontinent genau da, wo Deutschland

bezogen auf chinesische Investitionen erst 2005 stand.

Die interessante Frage ist jetzt also: Werden wir die Erfolgsgeschichte

des chinesischen Wachstums für die deutsche

Industrie in den nächsten 10 bis 15 Jahren in Afrika wiederholen?

Ich glaube, das ist der einzige Weg. Wir haben keine

Wahl: Wir müssen diese Arbeitsplätze schaffen. Wir müssen

die Welt weiterentwickeln. Wir brauchen Kapital und

Knowhow, wenn wir die Flüchtlingskrise abfedern wollen.

Auf drei Feldern müssen wir Hausaufgaben machen – und

nur, wenn wir diese parallel erledigen, haben wir eine Chance

auf Erfolg. Ich fange mit meiner eigenen Hausaufgabe an.

Die deutsche Industrie hat bisher nicht verstanden, was in

Afrika passiert. Das hat mit der sogenannten Mittelstandsstruktur

zu tun, also mit mittelgroßen, familiengeführten,

weltmarktführenden Nischenunternehmen. Auf der Suche

nach neuen Märkten haben sie vielleicht nicht dieselben

Strategieteams wie große französische oder britische Konglomerate.

Daher werden Geschäftsentscheidungen oftmals

auf Basis von Medienberichten getroffen. Während der

Ebola-Krise haben mich viele Unternehmer angerufen und

gefragt: »Können wir nach Johannesburg?« Das Ganze hörte

erst auf, als wir der BILD-Zeitung gesagt haben, dass München

näher an Monrovia liegt als Johannesburg an Nairobi.

Die Menschen hier sind nach wie vor schnell verunsichert

und zögern mit Investments, wenn sie von einer Krise hören.

Wir müssen also unsere Wahrnehmung verändern und

bereit sein, auf diesem vielversprechenden Kontinent Risiken

einzugehen. Das ist die Hausaufgabe für die deutsche

Industrie und ich freue mich sehr, dass der Präsident diese

Sichtweise teilt.

Die deutsche Regierung hat auch Hausaufgaben. Ich hatte

vor kurzem die Ehre, Kanzlerin Merkel und zwei Bundesminister

zu treffen, um zu besprechen, wie anlässlich der

G20-Präsidentschaft ein Rahmen geschaffen werden kann,

der Mittelständlern das Eingehen wirtschaftlicher Risiken

erleichtert. Erneuerbare Energien sind beispielsweise etwas,

mit dem wir uns in diesem Land einen Namen gemacht

haben. Im letzten Jahr wurden dreizehn neue Windparks in

Südafrika gebaut – keiner von ihnen aber wurde von einem

deutschen Investor entwickelt. Da läuft etwas falsch. Wir

brauchen mehr Garantien, ein besseres Finanzierungsinstrumentarium

und wir müssen einen tragfähigen Weg finden,

mit den BRICS-Staaten in Wettbewerb treten zu können,

die mit anderen Regeln spielen als die OECD-Länder. Wir

brauchen einen rechtlichen Rahmen und eine regulatorische

Basis, mit der uns die deutsche Regierung hilft, Arbeitsplätze

vor Ort zu schaffen.

Und der dritte Teil der Hausaufgabe liegt bei unseren Freunden

in Afrika. Weiterhin gibt es Korruption, zivile Unruhen, instabile

Regierungen und Probleme mit der Rechtsstaatlichkeit.

Als ich vor zwei Wochen den Präsidenten von Burkina Faso in

Berlin empfing, wünschte er sich mehr Investoren für sein

Land. Ich habe ihm gesagt, dass afrikanische Delegationen hier

wöchentlich nach deutschem Kapital fragen. Die Konkurrenz

ist also groß. Je besser die Rahmenbedingen sind, die unsere

afrikanischen Freunde schaffen, je schneller Reformen durchgesetzt

werden, desto einfacher wird es sein, deutsche Investoren

zu finden und damit Arbeitsplätze von deutschen Firmen

schaffen zu lassen.

Wenn wir unsere Hausaufgaben auf diesen drei Feldern

machen, dann können wir etwas bewirken. Ich bin überzeugt,

dass wir es uns nicht leisten können, es in den kommenden

Monaten und Jahren nicht zu tun.

Lassen Sie mich mit den Worten eines afrikanischen Freundes

schließen, der neulich zu mir sagte: »Afrika ist der Kontinent

der Zukunft. Stellen wir sicher, dass es das nicht die

nächsten 100 Jahre bleibt.«

Friedensnobelpreisträger

der vergangenen 25 Jahre

2017 Internationale Kampagne zur

Abschaffung von Atomwaffen

2016 Juan Manuel Santos

2015 Quartett für nationalen Dialog

2014 Kailash Satyarthi und Malala Yousafzai

2013 Organisation für das Verbot chemischer Waffen

2012 Europäische Union

2011 Ellen Johnson Sirleaf, Leymah Gbowee und

Tawakkol Karman

2010 Liu Xiaobo

2009 Barack Obama

2008 Martti Ahtisaari

2007 Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen

und Albert Arnold (Al) Gore Jr.

2006 Muhammad Yunus und Grameen Bank

2005 Internationale Atomenergie-Organisation und

Mohamed ElBaradei

2004 Wangari Muta Maathai

2003 Shirin Ebadi

2002 Jimmy Carter

2001 Vereinte Nationen und Kofi Annan

2000 Kim Dae-jung

1999 Ärzte ohne Grenzen

1998 John Hume und David Trimble

1997 Internationale Kampagne für das Verbot von

Landminen und Jody Williams

1996 Carlos Filipe Ximenes Belo und José Ramos-Horta

1995 Joseph Rotblat und die »Pugwash Conferences on

Science and World Affairs«

1994 Yasser Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin

1993 Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk

1992 Rigoberta Menchú Tum

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Dank

Die Stiftung Frauenkirche Dresden dankt

für die freundliche Unterstützung

Impressum

Veröffentlicht von

Stiftung Frauenkirche Dresden

Georg-Treu-Platz 3

01067 Dresden

stiftung@frauenkirche-dresden.de

Geschäftsführung

Pfarrer Sebastian Feydt

Dipl. rer. pol. Christine Gräfin von Kageneck

Frank Richter

Redaktion

Grit Jandura

Text

Dr. Anja Häse

Grit Jandura

Grafisches Konzept & Umsetzung

ressourcenmangel dresden GmbH

Druck

Druckerei Thieme Meißen GmbH

Ein besonderer Dank gilt allen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Frauenkirche Dresden,

die wesentlich zum Gelingen dieser Veranstaltungsreihe beitragen.

Fotos

Susann Hehnen

Oliver Killig

FW de Klerk Foundation

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© 2017 · Stiftung Frauenkirche Dresden · www.frauenkirche-dresden.de

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