PolarNEWS Magazin - 27 - CH

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fieder ist entsprechend angepasst. Wie

sonst gelänge es diesen Eulen, für die Familie

an die 1500 Lemminge ans Nest zu

schaffen, bevor die Jungen ausfliegen? In

guten Lemmingjahren zählt das Gelege

der Schnee-Eule 6 bis 10 Eier, sogar Gelege

mit 14 Eiern wurden festgestellt. Dies

ergibt eine hungrige Grossfamilie.

Die Nester der Schnee-Eulen ähneln sich

rund um die Arktis. Die Vögel kratzen

eine simple, kleine, halbwegs runde Mulde

von gut 30 Zentimetern Durchmesser

in sandigen oder torfigen Boden. Meistens

liegen diese weniger als 10 Zentimeter

tiefen Nestmulden leicht erhöht, zum

Beispiel auf einer höheren Stelle des arktischen

Strukturbodens – dort, wo die

Winterwinde den Schnee meistens schon

etwas verweht haben, wenn die Eulen ihren

Neststandort früh im Jahr auswählen.

Ein freier Ausblick auf die Umgebung

scheint für die Weibchen ein ganz wichtiges

Kriterium. Da sie es sind, die auf den

Eiern sitzen werden, ist Vorsicht geboten:

Feinde sollten aus möglichst grosser Distanz

erspäht werden können. Selbst die

Männchen halten während ihrer Jagdflüge

zur Brutzeit ständig ein wachsames

Auge auf ihr Weibchen und das Nest.

Sonnenanbeterin

Am Nest oder auf anderen Erhebungen in

der Tundra thronen Schnee-Eulen oft wie

weisse Marmorsäulen, unbeweglich,

scheinbar konzentriert – und der Sonne

zugewandt. Dieses Verhalten fiel unlängst

kanadischen Forschern auf. Fast

die Hälfte von 710 beobachteten Schnee-

Eulen in der Prärieprovinz Saskatchewan

wandten sich an sonnigen Tagen mit dem

Gesicht der Sonne zu, wenn sie auf dem

Boden oder auf einer Warte sassen. Das

kann kein Zufall sein, sagten sich Karen

Wiebe und Alexander Chang von der

Universität Saskatchewan, und ihr Forschergeist

begann sich zu regen.

In der Fachliteratur wurde die Hypothese

beschworen, es handle sich um einen

Balzvorgang: Die fast weissen, von der

Sonne beschienenen Gefieder seien für

Artgenossen optimal sichtbar. Einer solchen

Aussage wollten Wiebe und Chang

aber nicht recht glauben, denn ihre eigenen

Untersuchungen aus den beiden Wintern

2014 bis 2016 ergaben weitere, viel

einleuchtendere Resultate.

Ein gewichtiges Argument gegen die

Balz-Hypothese war die Feststellung,

dass sich alle Eulen – Männchen wie

Weibchen – in einem Landschaftssektor

zur Sonne hin wandten, ungeachtet ihrer

Nachbarn in Sichtweite, die sich ja ebenfalls

sonnten. Die Weibchen himmelten

also gar keine Männchen an, wie dies bei

einer Balz zu erwarten wäre, sondern

blinzelten selber in die Sonne.

Und noch etwas: Verzog sich die Sonne

und drehte der Wind auf, dann richteten

sich die Hälfte der Eulen nach dem Wind

aus oder setzten sich in eine Bodenmulde.

– Was ist es nun, das Hunderte von Eulen

ihr Gesicht dem Licht zuwenden lässt?

Etwa ein Jagdverhalten? Kann nicht sein,

fanden Wiebe und Chang, denn direktes

Sonnenlicht blendet und die Eulen könnten

ihre Beute gar nicht aufspüren. Nach

sorgsamem Durchdenken der Fakten gelangten

die beiden Wissenschaftler zum

Schluss, dass sich Schnee-Eulen möglicherweise

aus Gründen der Wachsamkeit

und des Wärmehaushalts der Sonne zuwenden.

Am Schluss ist klar geworden, weshalb

eine sonnenanbetende, weisse Schnee-

Eule auf der grünen Tundra, die unseren

Wanderer erschreckte, keineswegs ein

Geist aus einem Inuit-Märchen hätte sein

können.

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