PolarNEWS Magazin - 27 - CH

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jährlichen Eisverlust durch die Schmelze

berechnen können. Derzeit verliert Grönland

durch die Schmelze und das Kalben der

Gletscherzungen jährlich eine Masse von Eis,

die dem Sechsfachen des gesamten Alpen-Gletschereises

entspricht. Gleichzeitig erhebt sich

die Landmasse Grönlands einen Zentimeter pro

Jahr aus der Erdkruste, weil weniger Gewicht

auf den Boden drückt.

Man kann Prozesse nur verstehen, wenn

man vor Ort ist und über längere Zeiträume

Daten erfasst.

Genau. Und wir erkennen Prozesse, wenn sie an

anderen Orten beginnen. Zum Beispiel in der

Westantarktis. Hier haben Forscher gemessen,

dass sich gewisse Meeresströmungen ebenfalls

um zwei Grad erwärmt haben. Da kommen jetzt

ähnliche Prozesse wie in Grönland ins Rollen.

Grosse Teile des Eises der Westantarktis liegen

direkt auf dem Meeresgrund, nicht auf dem

Kontinentalsockel. Das warme Wasser wird wie

in Grönland von unten her dieses Eis abschmelzen

und die Fliessbewegungen der Gletscher

beschleunigen. Hier erwarten wir in den nächsten

Jahrzehnten grosse Veränderungen.

Uns erreichen Meldungen, dass sich

der Meeresspiegel in einem Jahr um so und

so viele Millimeter gehoben hat. Wie kann

man das so präzise herausfinden, wo es

doch im Meer meterhohe Wellen gibt?

Durch die Laser-Messungen von Satelliten:

Mehrere Satelliten messen täglich tausende

von Messpunkten auf dem Meer und auf dem

Land genauso und errechnen aus all diesen Daten

einen Mittelwert. Alleine die Menge dieser

Messungen und die Anzahl Messpunkte ergeben

ein recht präzises Abbild – auch von Meeresströmungen.

Wie ist es möglich, dass in gewissen

Regionen der Welt der Meeresspiegel

bereits um mehrere Dezimeter angestiegen

ist, während in anderen Regionen an

demselben Meer nichts passiert ist?

Das ist die Anziehungskraft der Masse, im

Grunde reine Physik: Grosse Masse hat grosse

Anziehungskraft. Wo grössere Masse vorhanden

ist, wird mehr Wasser angezogen. Ein

schönes Beispiel ist der Mond: Er verursacht

durch seine Anziehungskraft die Gezeiten der

Meere, das sind die Wasserbewegungen der

Ozeane. Schmilzt nun eine grosse Masse von

Eis ab, kann in dieser Region der Meeresspiegel

sehr lokal weniger stark ansteigen.

Der Anstieg des Meeresspiegels ist also eine

regionale Angelegenheit.

Ja. Angenommen, es schmilzt in der Antarktis

so viel Eis weg, dass es reichen würde, dass

alle Meere dieser Welt um einen Meter ansteigen,

dann würde der Meeresspiegel aufgrund

der kleineren Masse in der Antarktis dort nur

um einen halben Meter steigen, während er bei

uns aufgrund der grösseren Landmasse um

eineinhalb Meter ansteigen würde.

Klimawandel-Gegner sagen:

Es gab immer wieder Ereignisse, die

auch erdgeschichtlich gesehen sehr

kurzfristig auftraten.

Das gab und gibt es tatsächlich. Wenn sie Eis

betreffen, nennt man solche Ereignisse nach

ihren Entdeckern Dansgaard-Oeschger-Events

und Heinrich-Ereignisse, die sind für die Zeit

von vor 110’000 Jahren bis heute wissenschaftlich

nachgewiesen.

Und?

In der nördlichen Hemisphäre stellen sie sich als

Perioden schneller Erwärmung dar, gefolgt von

«Wir müssen jetzt anfangen,

uns vorzubereiten.»

einer langsamen Abkühlung über einen Zeitraum

von Jahrhunderten, wobei das während

der letzten Kaltzeit vorkam. Die globale Erwärmung

betrug bis zu acht Grad Celsius und wurde

vermutlich von einer Veränderung der Meeresströme

verursacht. Erdgeschichtlich gesehen

ist das ein sehr starker Einfluss auf das Klima,

aber mit verhältnismässig kurzen Auswirkungen.

Die heutige Erwärmung dagegen hat in

knapp einem Jahrhundert massive Einflüsse auf

unser Weltklima mit sehr langfristigen Auswirkungen.

Ich sage immer: Drei heisse Sommer

machen noch keinen Klimawandel. Wir müssen

über Zeiträume von Jahrzehnten und Jahrhunderten

denken. Immerhin wird in der Schweiz

seit 1850 alles Mögliche regelmässig gemessen.

Diese Daten sind heute äusserst wertvoll. Heute

nennen wir das Monitoring.

Und die viel zitierte Kleine Eiszeit

im Mittelalter?

Wir Klimatologen nennen das Klima-Variabilität.

Das kommt vor. Dauerte aber nur ein paar

Jahrzehnte.

Und dass es vor 140’000 Jahren schon zwei

Grad wärmer war als heute und der

Meeresspiegel höher?

Auch das stimmt. Der Meeresspiegel war sechs

Meter höher als heute. Nur hat sich dieser Zustand

damals in den 20’000 Jahren davor kontinuierlich

aufgebaut, das kann man heute alles

berechnen. Die prognostizierten zwei Grad

Erwärmung, die uns heute betreffen, sind innerhalb

der letzten 85 Jahre entstanden. Das

schafft die Natur alleine nicht in diesem Tempo.

Und so schnell können unsere Gletscher

nicht reagieren. Sie können in diesem Tempo

gar nicht so viel Eis abschmelzen, wie sie vor

140’000 Jahren während 20’000 Jahren abgeschmolzen

haben.

Das klingt nach einer guten Nachricht.

Ja. Aber beruhigend ist das nicht, denn das Abschmelzen

des entsprechenden Eises ist quasi

fest gebucht. Der Meeresspiegel wird wahrscheinlich

auf dieselbe Höhe steigen, wie er vor

140’000 Jahren war.

Konrad Steffen

Wie lange wird das dauern?

Meine Berechnungen zeigen: Wenn das Eis

weiterhin in diesem Tempo schmilzt, wie es

das heute tut, ist in 7000 Jahren das Eis in

Grönland weg. Erdgeschichtlich gesehen ist

das ein Lidschlag.

Ein Horrorszenario der Klimatologen

besagt, dass das Marine Förderband

gänzlich zum Erliegen kommen könnte.

Das heutige Klima würde dann quasi

global kollabieren.

Der Klimawandel hat heute bereits Auswirkungen

auf das Marine Förderband, wie wir

anhand des Irmingerstroms gesehen haben.

Aber nach dem heutigen Stand der Forschung

wird das Marine Förderband nicht in sich zusammenbrechen.

Weil zu wenig Eis schmelzen

kann, als dass das Förderband zusammenbrechen

kann.

Ist wenigstens das eine gute Nachricht?

Ja, wenn man so will... Aber das ändert nichts

daran, dass der Meeresspiegel global ansteigen

und die Küstenregionen überschwemmen

wird. Das wird zu Völkerwanderungen in einem

Ausmass führen, wie wir sie in unserer

ganzen Geschichte noch nie gesehen haben.

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