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polarreisen

Geschichte

Vierfache Odyssee

für eine falsche These

Kapitän George W. DeLong trieb mit der «Jeannette» fast zwei Jahre lang im Packeis.

Seinen Tod fand er aber auf dem Festland. Das war das Ende einer Ära.

Text: Christian Hug

Dienstag, 8. Juli 1879, 16 Uhr im Hafen von

San Francisco: Mehr als zehntausend Schaulustige

jubeln, als der mit einem Dampfmotor

ausgerüstete Dreimastsegler «Jeannette» den

Anker lichtet. Kapitän George Washington

DeLong und seine tapferen Männer werden

endlich den Nordpol erobern, soviel ist klar,

und sie werden auch beweisen, dass der Nordpol,

ja das ganze Nordpolarmeer ein offenes,

warmes Meer ist. Vielleicht kommen die

Männer mit unbekannten Tieren zurück, die

sie hoch im Norden entdecken werden. Vielleicht

sogar mit sonnengebräunten Nordpol-

Eingeborenen in Baströcken. So steht es jedenfalls

in der Zeitung geschrieben, genauer

im «New York Herald», und der gibt schliesslich

nur die Meinung von Wissenschaftlern

wieder.

Tatsächlich sind zu dieser Zeit Forscher aus

allen Fachrichtungen der Erdkunde felsenfest

davon überzeugt, dass das Nordpolarmeer

nicht von einer meterdicken Eiskappe zugedeckt

ist, sondern offenes, warmes Gewässer

sein muss. Nach allem, was man zur Zeit über

die Erde weiss, scheinen diese Theorien dazu

sogar logisch. Zum Beispiel diese: Wenn im

Nordpolarsommer die Sonne 24 Stunden auf

das Meer niederscheint, kann sich gar kein

Eis bilden. Oder diese: Die Meeresströmungen

halten das Wasser derart in Bewegung,

dass eine Eisbildung unmöglich ist. Eine andere:

Eine so grosse Menge an Salzwasser

kann gar nicht gefrieren. Allen Theorien gemeinsam

ist die Annahme, dass das offene

Nordpolarmeer lediglich von einem zirkumpolaren

Ring aus Eis umgeben ist, quasi als

Übergangszone. Wer also zum Nordpol will,

muss lediglich diesen Eisgürtel durchbrechen

und hat danach freie Fahrt mit dem Schiff.

Besonders beflügelt ist die Expedition von

Kapitän DeLong und der «Jeannette» von einer

weiteren Theorie des offenen Meeres: der

Lehre des Kuroshio.

Warme Meeresströmung

Kuroshio ist der Name einer ausgedehnten

Warmwasser-Strömung im Pazifik. Sie bildet

sich bei den Philippinen, fliesst der Ostküste

Japans entlang und von dort weiter zwischen

Ostrussland und Alaska durch die Beringsee

und unter dem Eisring hindurch Richtung

Nordpolarmeer. Der springende Punkt: Das

warme Kuroshio-Wasser bringt den Eisgürtel

der Tschuktschensee zum Schmelzen oder

macht das Eis zumindest weich und brüchig.

Dieser Strom ist das Gegenstück zum ebenfalls

warmen Golfstrom auf der anderen Seite

der Erdkugel. Und weil die beiden Ströme im

Nordpolarmeer zusammenfliessen, haben

wir gleich einen weiteren Grund, warum das

Nordpolarmeer nicht eisbedeckt sein kann...

Wer also den richtigen Zeitpunkt erwischt,

kommt verhältnismässig locker durch den

Eisring und von dort zum Nordpol.

Einer der grössten Verfechter der Kuroshio-

Theorie ist gleichzeitig einer der angesehensten

Kartografen der Welt: der Deutsche August

Petermann (siehe «Vergessene Helden,

PolarNEWS Nr. 12).

Er geht sogar noch einen Schritt weiter, indem

er frei erfundene Karten veröffentlicht, auf

denen er Grönland und das quasi gegenüberliegende

Wrangel-Land als einheitliche, quer

über den Nordpol verlaufende Landmasse

einzeichnet. Petermann behauptet: Wer den

Eisring in der Beringsee durchbrochen hat,

kann danach bequem zum Nordpol laufen.

Deshalb ist es auch gut möglich, dass am

Nordpol Menschen leben.

All diese Theorien zu beweisen, ist die Aufgabe

von Kapitän George DeLong. Er soll den

Eisring in der Tschuktschensee durchbrechen

und zum Nordpol segeln. DeLongs Expedition

gilt auch als Alternative zu den bisherigen

Nordpol-Expeditionen, die alle auf der europäischen

Seite über Grönland gestartet waren

– und scheiterten.

DeLongs Schiff ist bestens gewappnet für

diese Fahrt. Unter dem Namen «Pandora»

war es schon bei der Suche nach dem in der

Nordwestpassage verschollenen Sir John

Franklin im Einsatz und ist somit Arktis-geprüft.

Das ursprünglich englische Schiff wurde

in San Francisco für DeLongs Expedition

zusätzlich ausgebaut und in «Jeannette» umgetauft,

benannt nach der Schwester desjenigen

Mannes, der das ganze Unternehmen finanziert:

des Amerikaners Gordon Bennett

junior (auch wenn der amerikanische Kongress

extra ein Gesetz verabschiedete, das

DeLongs Vorhaben zu einer offiziellen

Staats-Expedition machte).

Gordons Vater, Gordon Bennett senior, war

der Gründer der Zeitung «New York Herald»

und gilt als Erfinder des Boulevard-Journalismus.

Sex and Crime, das war neu, aber es verkauft

sich seither bestens, genau so wie Sensationen

und Abenteuer. In Zeiten wie diesen,

wo auf den Landkarten noch viele weisse

Flecken sind und die Industrialisierung gerade

erst begonnen hat, gieren die Leser nach

spektakulären Geschichten, und genau die

liefert ihnen auch der Junior, seit er die Zeitung

übernommen hat. Der Erfolg des «New

York Herald» machte sowohl den Vater als

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