PolarNEWS Magazin - 27 - D

polarreisen

Bild nächste Seite: Karupelv Valley Project / Olivier Gilg

sein, wie Untersuchungen in der kanadischen

Arktis-Inselwelt zeigten. Die Eulenweibchen

flogen auf ihren Erkundungsflügen

bis zu 100 Tage lang kreuz

und quer durch die Landschaft und legten

dabei sehr grosse Strecken zurück; die

Rekordhalterin brachte es auf über 4000

Kilometer!

Sobald ein Gebiet entdeckt war, in dem

die Lemmingdichte über vier Individuen

pro Hektare betrug, begannen sie genau

da mit dem Nestbau. Ein solchermassen

neu bezogenes Brutgebiet befand sich

meistens weit entfernt vom Brutgebiet

des vorangegangenen Jahres. Die kürzeste

Distanz zwischen altem und neuem

Brutort mass 18 Kilometer, die längste

stolze 2224 Kilometer (durchschnittliche

Entfernung: 725 Kilometer).

Spontane Wanderungen

Man nennt das nomadisches Zugverhalten.

Dabei ist nichts gleich wie im Vorjahr!

Der Vogel fliegt im Frühling und

Herbst weite Strecken, um die günstigsten

Brut- und Überwinterungsgebiete zu

finden, und hält sich bei den vielen Zwischenstopps

nur kurze Zeit auf. Klar ist

einzig, dass die Prärielandschaften im

Westen Kanadas die höchste Dichte an

überwinternden Schnee-Eulen in ganz

Nordamerika aufweisen.

Und manchmal wird diese «höchste Dichte»

noch übertroffen. Ungefähr alle vier

Jahre kommt es in den nordamerikanischen

Überwinterungsgebieten zu sogenannten

Irruptionen: Schlagartig tauchen

immer mehr Eulen in einem Gebiet auf

und lassen sich an den unmöglichsten Orten

nieder, zum Beispiel in hektischen

Stadtzentren oder auf driftenden Eisschollen

auf den Grossen Seen. Allein auf

dem Logan International Airport in Boston

zählt man in «guten» Wintern bis zu

23 Schnee-Eulen nur auf dem Flughafengelände!

In jüngster Zeit waren die beiden aufeinanderfolgenden

Winter 2013/2014 und

2014/2015 solche Irruptionsereignisse.

Auch der letzte Winter, 2017/18, bescherte

den USA eine bemerkenswerte Zahl an

überwinternden Schnee-Eulen. Etliche

hundert Vögel wurden im Mittleren Westen

sowie im Osten Amerikas gesichtet.

Sogar aus den südlichen Bundesstaaten

Oklahoma und Texas hat man Beobachtungen

gemeldet.

Den Grund für eine sprunghafte Zuwanderung

von irruptiven Schnee-Eulen sehen

Zoologen in einer grossen Zahl von

Jungeulen dank optimalen Nahrungsressourcen

in den Brutgebieten. Gibt es viel

zu essen im Norden, dann gedeiht der

Nachwuchs prächtig – und viele Eulen

wandern im Winter in den Süden und

nehmen ihre vielen Jungtiere mit.

Dieser Zusammenhang zwischen einem

reichhaltigen Nahrungsangebot im Brutgebiet

und dem sprunghaften Auftauchen

vieler Schnee-Eulen im winterlichen Süden

wurde erst 2016 in einer Studie eindeutig

belegt. In all den Jahren vorher

ging man vielfach vom genauen Gegenteil

aus, dass die Eulen nämlich aus Nahrungsmangel

quasi aus der Arktis flüchten

würden.

Schnee-Eulen fliegen aber noch viel weiter

nach Süden als nur bis zur Höhe Boston:

Zahlreiche Knochenfunde und altsteinzeitliche

Höhlenmalereien belegen,

dass die Schnee-Eule in vorgeschichtlicher

Zeit auch in Mittel- und Südeuropa,

in der Schweiz und in Deutschland, anzutreffen

war.

Die südlichsten, rund 12’000 Jahre alten

Funde stammen aus der Gorham-Höhle in

Gibraltar, aus der süditalienischen Region

Apulien und aus der Devetschka-Höhle im

Norden Bulgariens.

Kein Fan von Volièren

Wir modernen Menschen können kaum

auf eine Schnee-Eule auf dem Komposthaufen

warten… Was die Schweiz betrifft,

finden sich zwar Meldungen im

Archiv der Schweizerischen Vogelwarte

über angebliche Sichtungen von Schnee-

Eulen sowie Hinweise in der Literatur,

jedoch «liegen keine unanfechtbaren

Feststellungen aus der Schweiz vor», wie

sich die Fachwelt vorsichtig ausdrückt.

Würde tatsächlich eine Schnee-Eule in

der Schweiz beobachtet, dann müsste

man allerdings eher an einen sogenannten

Gefangenschaftsflüchtling denken als an

einen Wildvogel. Denn hier und dort wird

eine Schnee-Eule in einer Volière gehalten

– und das Risiko ist gegeben, dass irgendwann

einer dieser Vögel aus der

menschlichen Obhut ausbüxt…

Hingegen sind in Deutschland einige

«unanfechtbare Feststellungen» als Wildvögel

anerkannt worden. Mehr als 50

deutsche Nachweise sind belegt, die

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