PolarNEWS Magazin - 27 - D

polarreisen

Text: Christian Hug

In der Antarktis wird alles Mögliche mit allen

möglichen Mitteln erforscht. In Dutzenden

von Stationen sammeln Wissenschaftler aus

dem ganzen Rest der Welt auch während der

tiefsten Südpolarnacht Unmengen von Daten,

die sie dann auswerten und interpretieren.

Man könnte meinen, wir wissen inzwischen

so ziemlich alles über diesen kalten Kontinent.

Aber weit gefehlt, die Antarktis hält

immer noch grosse und grossartige Überraschungen

parat: Ein Team von amerikanischen,

englischen und französischen Forschern

entdeckte auf den Danger-Inseln 1,5

Millionen Adélie-Pinguine, von denen niemand

gewusst hatte, dass die dort sind. Und

das ausgerechnet vor der Antarktischen Halbinsel,

wo seit jeher wegen der vergleichsweise

besseren Wetter- und Versorgungsbedingungen

am meisten Forschungseinrichtungen

stationiert sind – und wo von allen antarktischen

Gewässern die meisten Touristen- und

Fischereischiffe verkehren. Wie konnte man

bloss eineinhalb Millionen 70 Zentimeter

grosse, brütende Pinguine übersehen? Die

Antwort in aller Kürze: wegen dem Packeis.

Aber von Anfang an. Die Danger-Inseln sind

eine Gruppe von sieben kleinen Inseln plus

zwei aus dem Meer ragende Felsengruppen

ganz am nördlichsten Zipfel der Antarktischen

Halbinsel, westlich der Halbinsel gelegen

und deshalb geografisch dem Weddell-

Meer zugehörig. Es sind dies die Inseln

Brash, Heroína, Comb, Beagle, Platter, Darwin

und Earle sowie die Dixey- und die Scud-

Felsen, allesamt in einem Gebiet von 35 Kilometern

Durchmesser gelegen.

Zusammen werden sie als Danger Islands

(Gefahren-Inseln) bezeichnet, weil ihr Entdecker

James Clark Ross am 28. Dezember 1842

mit seinen beiden Schiffen «Erebus» und

«Terror» beinahe eine von den Inseln gerammt

hätte. Denn da trieb überall dermassen

viel Packeis im Wasser, dass der Späher das

Festland erst im letzten Moment erkannte.

Sicherlich hat James Clark Ross schon damals

Adélie-Pinguine entdeckt, doch man verfolgte

andere Ziele, als deren Population zu zählen.

Während vieler Jahrzehnte waren die

Danger-Inseln deshalb bloss eine Randnotiz

der Antarktisforschung, und sie blieben das,

was sie schon immer waren: das ganze Jahr

über von einem wahren Panzer aus Packeis

umgeben und darum für Schiffe so gut wie

nicht zugänglich. Die Drift im Weddell-Meer

Flugaufnahmen mit Drohnen zeigen

klar erkennbar die Nester der Adélies

auf den Danger-Inseln (Karte oben).

treibt immer neuen Nachschub an Eis zu den

Danger-Inseln. Pro Jahr schafft durchschnittlich

ein einziges Schiff die Fahrt zu dieser

Inselgruppe, meist nur bis zur Heroína-Insel.

Penibel ausgezählt

Erst in den 1950er-Jahren begann sich die

Wissenschaft für die Danger-Inseln zu interessieren.

Eine «Volkszählung» der Adélie-

Pinguine wurde erstmals im Südwinter

1996/97 durchgeführt, aber nur auf der Heroína-Insel.

Während einer Fahrt mit dem Schiff

durch den Archipel 2008/09 schätzte man die

Anzahl Nester auf den Inseln auf 200’000,

was nach Adam Riese 400’000 erwachsene

Pinguine ergibt – die Küken wurden nicht

mitgezählt.

Erst im Dezember 2015, in einem Südsommer

mit wenig Eis in der Gegend, fuhr ein Team

unter amerikanischer Leitung mit der MV

«Hans Hansson» für neun Tage zu den Inseln

und ging der Sache gründlich nach: Denn

Satellitenbilder der Nasa zeigten deutlich,

dass da noch mehr Pinguine rumwuselten,

als man bisher angenommen hatte. Aber wie

viele?

Das fanden die Forscher vor Ort mit dreierlei

Verfahren heraus: Sie zählten intakte Nester

auf Panoramabildern, die am Boden gemacht

wurden. Sie zählten Pinguine auf Fotos,

die von Drohnen stammten. Und sie

zählten Nester von Hand. Die Zähl-Ergebnisse

wurden miteinander verglichen, und

wenn die Abweichung zwischen den einzelnen

Verfahren mehr als fünf Prozent betrug,

begann das Prozedere von vorne.

Es dauerte zwei Jahre, bis das Resultat feststand:

Auf den Danger-Inseln befinden sich

751’527 Adélie-Brutpaare, also 1’503’054 Individuen.

Das ist fast das Achtfache der

Schätzung von vor zehn Jahren.

Nun musste noch der wissenschaftliche Bericht

geschrieben und von vielen Fachleuten

abgesegnet werden. Im August des letzten

Jahres wurde der Bericht der Zeitschrift «Nature»

als «Scientific Report» eingereicht,

letzten Mai wurde er schliesslich veröffent-

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