PolarNEWS Magazin - 27 - D

polarreisen

Die «Jeannette» in Fahrt. Mit dem Schiff sind auch sämtliche Fotografien gesunken: Es existieren keine Bilder von der Expedition.

auch den Sohn zu zwei der reichsten Männer

der Welt.

Deshalb hatte Junior ein offenes Ohr, als im

Winter 1874 George DeLong in sein mit

weissem Marmor ausgekleidetes Büro in

New York reinschneite und ihm nassforsch

erklärte, dass er den Nordpol erobern wolle

und finanzielle Unterstützung brauche.

DeLong konnte sich dieses Auftreten leisten,

denn er war zu dieser Zeit ziemlich berühmt.

Er hatte sich ein halbes Jahr zuvor als Erster

Offizier des Schiffes «Juanita» durch ausserordentliche

Unerschrockenheit hervorgetan:

Während einer Such-Aktion nach dem verschollenen

Expeditionsschiff «Polaris» vor

Grönland meldete er sich freiwillig für eine

mehrwöchige, lebensgefährliche Suchfahrt

durch das Packeis in einem kleinen Beiboot

der «Juanita». DeLong wurde dafür in den

Zeitungen als Held gefeiert. Der rothaarige,

blauäugige, stämmige Schnurrbart-Träger

mit dem warmen Blick und dem kantigen

Kinn, verheiratet und Vater einer Tochter, galt

mit seinen 28 Jahren als äusserst zielstrebig

und ehrgeizig. Sein Lebensmotto: Do it now!

In den Augen von Gordon Bennett war De-

Long genau der richtige Mann, um den Nordpol

zu erobern und dem «New York Herald»

sensationelle Storys beziehungsweise neue

Auflagenrekorde zu bescheren. Bennett besuchte

den Kartographen August Petermann

in Deutschland und liess sich von ihm dessen

Theorien erklären. Zudem übernahm er sämtliche

Kosten der «Jeannette»-Expedition und

liess im übrigen Kapitän DeLong freie Hand.

Am 8. Juli 1879, nach fünf Jahren Vorbereitungszeit

und ausführlichen Begleitartikeln

im «New York Herald», geht das Abenteuer

also endlich los. An Bord der Kapitän und 32

bewährte Männer, darunter zwei Inuit-Hundeschlittenführer

und zwei chinesische Köche.

Die «Jeannette», 44,5 Meter lang und 7,6

Meter breit, ist beladen mit 135 Tonnen Kohle

und ausgerüstet unter anderem mit einer

Dunkelkammer, einem tragbaren Observatorium,

einer gut sortierten Bibliothek, einer

Die Odyssee der Mannschaft in vier Teilen: Einer schlimmer als der andere.

Orgel und Chemikalien, in denen gefundene

Pflanzen und Tiere konserviert werden sollen.

Plus Girlanden aus Bogenlampen gegen

die arktische Nacht aus dem Atelier des späteren

Glühlampen-Erfinders Thomas Alva Edison

(die dann allerdings in der klirrenden

Kälte nicht funktionierten).

Der Proviant reicht für drei Jahre, so lange

soll die Reise höchstens dauern. Unter anderem

700 Kilo Butter, 750 Kilo Bohnen, 50

Kilo Tabak zum Rauchen und 900 Kilo Tabak

zum Kauen. Plus 25 Tonnen Pemmikan: Die

fade schmeckende, schmierige Mischung aus

zerstossenem Dörrfleisch, Beeren und Fett

58

PolarNEWS

Weitere Magazine dieses Users