PolarNEWS Magazin - 27 - D

polarreisen

Forschung

Geht in die Kälte:

Expeditionsleiter Markus Rex.

«Wir kommen in Gebiete

jenseits unserer Vorstellungskraft»

Ab Herbst 2019 driftet der deutsche Forschungseisbrecher «Polarstern» ein Jahr lang

durch das Nordpolarmeer. Auf der MOSAiC-Expedition erforschen Wissenschaftler die

zentrale Arktis im Jahresverlauf. Ein Gespräch mit Expeditionsleiter Markus Rex.

Interview: Sebastian Grote/AWI

Herr Rex, warum lassen Sie sich

zusammen mit anderen Wissenschaftlern

ein Jahr lang im Nordpolarmeer

einfrieren?

Keine andere Region der Erde hat sich in den

vergangenen Jahrzehnten so schnell erwärmt

wie die Arktis. Hier befindet sich

quasi das Epizentrum der globalen Erwärmung.

Gleichzeitig verstehen wir diese Region

bisher kaum. Vor allem im Winter ist

uns die zentrale Arktis nahezu unbekannt.

Wir wollen erstmals umfassend die dortigen

Prozesse im Klimageschehen erkunden.

Was erhoffen Sie sich davon?

Die Arktis ist eng gekoppelt an das Wettergeschehen

in unseren Breiten. Wir sehen

schon jetzt Klimaveränderungen in der Ark-

tis, die auch das Wetter und Klima bei uns

beeinflussen. Gerade Anfang des Jahres

hatten wir einen Extremfall: In der Zentralarktis

war es wärmer als in Deutschland.

Wir werden unser Klima nicht korrekt vorhersagen

können, wenn wir keine zuverlässigen

Prognosen für die Arktis bekommen.

Deshalb brauchen wir viele Messdaten, die

wir nur vor Ort machen können.

Reichen die bisherigen Expeditionen

dafür nicht aus? Warum muss es ein

ganzes Jahr sein?

Wenn wir an die Arktis denken, stellen wir

uns oft das Nordkap oder Spitzbergen vor.

Das sind Regionen, die wir ohne Probleme

ganzjährig erreichen. Diese Orte liegen aber

noch relativ weit im Süden. Auf der MO-

SAiC-Expedition dagegen kommen wir in

Gebiete, die jenseits unserer Vorstellungskraft

liegen, weil sie so gut wie niemand im

Winter erreicht hat. Wir werden uns die ganze

Zeit nördlich des 80. Breitengrades aufhalten.

Einen Grossteil der Zeit befinden wir

uns sogar im direkten Polbereich nördlich

des 87. Breitengrades. Das ist sogar so weit

im Norden, dass wir kaum noch Polarlichter

sehen werden. Dort ist das Eis im Winter

selbst für einen Eisbrecher zu dick. Der Weg

über die Drift ist die einzige Möglichkeit,

die Zentralarktis im Winter zu erreichen.

So wie es der norwegische Polarforscher

Fridtjof Nansen schon vor 125 Jahren

vorgemacht hat.

Genau! Nansen hat damals in einer spektakulären

und immer noch wegweisenden Expedition

erstmalig diese Eisdrift gezeigt.

Damit hat er eine Pionierleistung vollbracht.

Niemand vor ihm ist so weit im Norden ge-

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