PolarNEWS Magazin - 27 - D

polarreisen

seinen unvergleichlichen wissenschaftlichen

Möglichkeiten im Winter in die zentrale

Arktis.

Was zeichnet MOSAiC gegenüber diesen

Expeditionen aus?

Ganz klar die Grössenordnung. Es ist die

grösste Forschungsexpedition in die zentrale

Arktis, die es je gegeben hat. Wir arbeiten

mit über sechzig Institutionen aus siebzehn

Ländern zusammen. Allein die Anzahl der

Leute, die mitfahren, sprengt alle Dimensionen.

Es hat auch noch nie so einen vergleichbaren

Einsatz von fünf Eisbrechern gegeben,

die wir in einer ausgefeilten Choreografie

einsetzen, sodass wir immer zum richtigen

Zeitpunkt wieder Nachschub an Treibstoff

und Lebensmitteln bekommen und Personal

austauschen können. Ausserdem hat es noch

nie einen vergleichbaren Einsatz von Forschungsflugzeugen

in der zentralen Arktis

gegeben. Normalerweise haben unsere Flugzeuge

gar nicht die Reichweite, um längere

Messzeiten in der Zentralarktis zu verbringen.

Dies alles zusammen wird zu einem

Durchbruch im Verständnis des arktischen

Klimasystems führen.

Wie gross ist die Eisscholle, auf der Sie

sich einrichten werden?

Kurz gesagt: Wir suchen nach etwas Grossem

und Stabilem. Unser Plan ist es, im offenen

Wasser oder in sehr dünnem neuen Meereis

an einer massiven älteren Eisscholle festzumachen.

Die sollte einen Durchmesser von

mehreren Kilometern haben und mindestens

eineinhalb Meter dick sein.

Wie bereitet man sich auf so eine

Expedition vor?

Wir haben noch gefühlt zweitausend Dinge

zu tun, bevor es losgeht. Die «Polarstern»

wird randvoll mit Ausrüstung sein. Neben

den Containern für die Messinstrumente

nehmen wir zum Beispiel auch Pistenbullys

und neuartige, extra gebaute Eisfräsen mit,

um damit die Landebahn auf dem Eis zu

bauen. Wir werden Tetris spielen müssen,

um alles irgendwie an Bord unterzukriegen.

Momentan entwickeln wir dafür die Konzepte

und schliessen Verträge mit unseren

logistischen Partnern ab. Es wird auch eine

ganz neue psychologische Erfahrung für

uns, dass wir mit einem Forschungsschiff so

lange im Eis festsitzen. Es ist wichtig, dass

das Team an Bord die ganze Zeit gute Stimmung

behält, wenn es von Dunkelheit und

Kälte umgeben tausende von Kilometern

durch die Arktis driftet. Aber ich bin mir sicher,

dass das kein grosses Problem wird.

Als Wissenschaftler leben wir an Bord davon,

dass wir täglich neue Messdaten bekommen

und uns damit beschäftigen.

Und wie sieht es mit Eisbären aus?

Wir müssen selbstverständlich alle Leute,

die das Schiff verlassen, vor Eisbären schützen.

Jede Gruppe auf dem Eis wird deshalb

bewaffnet sein. Gerade während der Polarnacht

können wir Eisbären nur mit Infrarotsichtgeräten

aufspüren. Das ist für uns völlig

neu, denn bei bisherigen Expeditionen haben

wir nur im Hellen auf dem Meereis gearbeitet.

Bereiten Ihnen diese Gefahren Angst?

Angst haben wir grundsätzlich nicht. Wir

treffen Vorkehrungen, um das Risiko der

Expedition für alle Teilnehmer zu minimieren.

Wir entwickeln Konzepte für alle denkbaren

Szenarien, die wir als potenzielle Gefahrenquellen

verstehen. Deshalb wird es

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