19.09.2018 Aufrufe

syndicom magazin Nr. 7 - Gestalte mit uns die Arbeit von morgen

Das syndicom-Magazin bietet Informationen aus Gewerkschaft und Politik: Die Zeitschrift beleuchtet Hintergründe, ordnet ein und hat auch Platz für Kultur und Unterhaltendes. Das Magazin pflegt den Dialog über Social Media und informiert über die wichtigsten Dienstleistungen, Veranstaltungen und Bildungsangebote der Gewerkschaft und nahestehender Organisationen.

Das syndicom-Magazin bietet Informationen aus Gewerkschaft und Politik: Die Zeitschrift beleuchtet Hintergründe, ordnet ein und hat auch Platz für Kultur und Unterhaltendes. Das Magazin pflegt den Dialog über Social Media und informiert über die wichtigsten Dienstleistungen, Veranstaltungen und Bildungsangebote der Gewerkschaft und nahestehender Organisationen.

MEHR ANZEIGEN
WENIGER ANZEIGEN

Sie wollen auch ein ePaper? Erhöhen Sie die Reichweite Ihrer Titel.

YUMPU macht aus Druck-PDFs automatisch weboptimierte ePaper, die Google liebt.

<strong>syndicom</strong><br />

<strong>Nr</strong>. 7 September–Oktober 2018<br />

<strong>magazin</strong><br />

<strong>Gestalte</strong><br />

<strong>mit</strong> <strong>uns</strong><br />

<strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong><br />

<strong>von</strong> <strong>morgen</strong>


Anzeige<br />

Wer ist fairsicherung?<br />

Seit über 25 Jahren sind wir Problem löser im<br />

Versicherungs- und Vorsorgewesen<br />

Wir beraten, unabhängig und fair, KMU-Betriebe, soziale Institutionen, Nonprofit-<br />

Organisationen, Verbände und Vereine, Selbständig erwerbende und Privatpersonen.<br />

fairsicherungsberatung ist der Nachhaltigkeit verpflichtet. Ökonomische, ökologische,<br />

soziale und ethische Werte stehen bei <strong>uns</strong> im Einklang.<br />

Unser Credo<br />

• Unser Handeln ist auf optimale Lösungen für<br />

<strong>uns</strong>ere Kunden ausgerichtet.<br />

• Wir tragen für <strong>uns</strong>ere <strong>Arbeit</strong> und den <strong>uns</strong> anvertrauten<br />

Aufgaben Verantwortung. Dabei handeln<br />

wir immer nach ökonomischen, ökologischen,<br />

sozialen und ethischen Grundsätzen.<br />

• Wir sind an keine Versicherungsgesellschaften,<br />

Vorsorgeeinrichtungen und Banken gebunden.<br />

• Mann und Frau erhalten bei <strong>uns</strong> den gleichen Lohn<br />

für <strong>die</strong> gleiche <strong>Arbeit</strong>. Unser Lohngefälle beträgt<br />

1:3. Flexible <strong>Arbeit</strong>szeiten unter Beachtung einer<br />

gesunden Work-Life-Balance werden gelebt und<br />

gefördert.<br />

Photo by Tony Stoddard on Unsplash<br />

Was bietet fairsicherung?<br />

Beratung<br />

Um Ihre Situation einzuschätzen, führen wir im persönlichen<br />

Gespräch eine Risiko- und Bedarfsanalyse<br />

durch. Im zweiten Schritt prüfen wir Ihre bestehenden<br />

Versicherungsbestände. Gemeinsam definieren<br />

wir danach Ihr zukünftiges Versicherungskonzept,<br />

welches wir regelmässig prüfen und anpassen. Bei<br />

Änderungen des Marktes oder der Rahmenbedingungen,<br />

passen wir Ihre Verträge in Absprache <strong>mit</strong><br />

Ihnen an <strong>die</strong> neuen Risiko- und Marktgegebenheiten<br />

an. Im Schadenfall koordinieren wir sämtliche anfallenden<br />

Aktivitäten für Sie.<br />

Die <strong>von</strong> den Versicherungsgesellschaften bezahlten<br />

Courtagen und Provisionen werden <strong>uns</strong>eren Kunden<br />

vergütet, indem sie <strong>mit</strong> dem Honorar verrechnet werden.<br />

Profitieren Sie zusätzlich <strong>von</strong> <strong>uns</strong>eren Rahmenvertragslösungen:<br />

• Hausratversicherung<br />

• Privathaftpflicht<br />

• Risikolebensversicherungen<br />

• Unfallversicherung für Privathaushalte<br />

• Gebäude<br />

• Bauversicherung<br />

• Pensionskassenlösungen für Selbständigerwerbende<br />

• Krankentaggeld<br />

Details zu den einzelnen Produkten finden Sie unter<br />

www.fairsicherung.ch<br />

Neu können auch Sie <strong>von</strong> fairsicherung profitieren.<br />

Unser Mandatsleiter/-innen beraten Sie gerne in<br />

allen Versicherungs- und Vorsorgefragen.<br />

Wir sind gerne für Sie da!<br />

Melden Sie sich für einen Termin per E-Mail an<br />

fair@fairsicherung.ch oder per Telefon 031 378 10 10.<br />

fairsicherungsberatung AG • Holzikofenweg 22 • 3007 Bern • T +41 31 378 10 10 • fair@fairsicherung.ch • fairsicherung.ch


Inhalt<br />

4 Teamporträt<br />

5 Kurz und bündig<br />

6 Die andere Seite<br />

7 Gastautor<br />

8 Dossier: Neue <strong>Arbeit</strong><br />

16 <strong>Arbeit</strong>swelt<br />

17 GAV für <strong>die</strong> Callcenter<br />

22 Hände weg <strong>von</strong> den FlaM<br />

24 Das Zukunftsprojekt<br />

26 Freizeit<br />

27 1000 Worte<br />

28 Bisch im Bild<br />

30 Aus dem Leben <strong>von</strong> ...<br />

31 Kreuzworträtsel<br />

32 Inter-aktiv<br />

Liebe Leserinnen und Leser<br />

Wie wird <strong>uns</strong>ere <strong>Arbeit</strong> in Zukunft aussehen?<br />

Wenn in den grossen Industrieländern bis 2020<br />

tatsächlich 5 Millionen <strong>Arbeit</strong>splätze verschwinden,<br />

wie es das World Economic Forum voraussagt,<br />

werden wir dann mehr Gelegenheit für<br />

Aus- und Weiterbildung und andererseits mehr<br />

Freizeit haben? Oder bleiben durch <strong>die</strong> Digitalisierung<br />

noch mehr <strong>Arbeit</strong>ende auf der Strecke?<br />

Wenn wir jetzt entschlossen handeln, können<br />

wir verhindern, dass <strong>die</strong> auf Internet-Plattformen<br />

verteilte <strong>Arbeit</strong> weiter Prekarität erzeugt.<br />

Was <strong>die</strong> Weiterentwicklung der traditionellen<br />

Berufsbilder betrifft, engagiert sich <strong>syndicom</strong><br />

schon jahrelang – zusammen <strong>mit</strong> Mitgliedern –<br />

in den paritätischen Berufsbildungsstellen. Zum<br />

Beispiel in der grafischen Industrie (S. 13). Denn<br />

wer sonst als jene, <strong>die</strong> <strong>die</strong>se Berufe ausüben,<br />

soll definieren, wie sich <strong>die</strong> Aus- und Weiterbildung<br />

bestmöglich entwickeln kann, um künftigen<br />

Bedürfnissen Rechnung zu tragen?<br />

In <strong>die</strong>sem Sinne laden wir alle <strong>uns</strong>ere Leserinnen<br />

und Leser ein, sich am Projekt «Wir machen<br />

Zukunft» (S. 24) zu beteiligen. Wie sollte <strong>die</strong> Gewerkschaft<br />

der vierten industriellen Revolution<br />

begegnen? Was kann sie für dich, an deinem<br />

<strong>Arbeit</strong>splatz, in der Öffentlichkeit, in der Politik<br />

noch unternehmen? Wir brauchen deine Fragen,<br />

deine Anregungen und Vorschläge. Schicke sie<br />

bis 30. September an Redaktion@<strong>syndicom</strong>.ch.<br />

Wir werden dir antworten, denn nur gemeinsam<br />

gestalten wir <strong>die</strong> Gewerkschaft des digitalen<br />

Zeitalters.<br />

4<br />

8<br />

22<br />

Sylvie Fischer, Chefredaktorin


4<br />

Teamporträt<br />

Weiterkämpfen bis zum GAV<br />

Luca Thürler (51 Jahre)<br />

Geboren in Olten, aufgewachsen in<br />

Chur, arbeitet seit 1999 als Typograf/<br />

CTP-Operator bei Tamedia Zürich<br />

(direkte Übertragung digitaler Originale<br />

auf Druckplatten <strong>mit</strong> dem «Computer<br />

to Plate»- oder CTP-Verfahren). Seit<br />

zwei Jahren ist er Vizepräsident der<br />

Betriebskommission und seit 1991 Mitglied<br />

<strong>von</strong> <strong>syndicom</strong>.<br />

Marco Günther (43 Jahre)<br />

Geboren in Deutschland in Finsterwalde<br />

(Brandenburg), lernte Energieelektroniker<br />

und arbeitet seit 2012 als Elektroni<br />

ker im Technischen Dienst <strong>von</strong><br />

Tamedia Zürich. Seit zwei Jahren ist er<br />

Mitglied der Betriebskommission und<br />

seit <strong>die</strong>sem Jahr gehört er <strong>syndicom</strong><br />

an.<br />

Balz Grassi (45 Jahre)<br />

Geboren in Zürich in eine Druckerfamilie,<br />

absolvierte erst eine Ausbildung<br />

als Motorradmechaniker. Seit 2000 ist<br />

er bei Tamedia Zürich als Speditions<strong>mit</strong>arbeiter<br />

angestellt. Er präsi<strong>die</strong>rt <strong>die</strong><br />

Betriebskommission seit zwei Jahren<br />

und ist seit 2002 Mitglied <strong>von</strong> <strong>syndicom</strong>.<br />

Text: Sylvie Fischer<br />

Bild: Tom Kawara<br />

«In den Druckzentren<br />

waren 90 % bei den<br />

Protesten dabei.»<br />

«Vor zwei Jahren sind der Präsident<br />

und mehrere Mitglieder der Betriebskommission<br />

<strong>von</strong> Tamedia Zürich zurückgetreten<br />

und riefen Jüngere auf,<br />

sich zu engagieren. Für <strong>uns</strong> war es<br />

keine einfache Zeit: Tamedia hatte<br />

sich aus dem <strong>Arbeit</strong>geberverband<br />

Viscom zurückgezogen, weshalb wir<br />

seit 2016 nicht mehr durch einen Gesamtarbeitsvertrag<br />

geschützt sind.<br />

Die Vereinbarungen zum 13. Monatslohn,<br />

5 Wochen Ferien, zu Schichtzuschlägen<br />

oder Mindestlöhnen sind<br />

in einem Betriebsreglement festgehalten,<br />

das noch auf dem alten GAV<br />

basiert. Das Reglement muss aber<br />

bis April 2019 neu verhandelt werden.<br />

Wir wissen nicht, was dann sein<br />

wird – sicher ist einzig, dass man<br />

<strong>die</strong> Vorteile für <strong>die</strong> Mitarbeitenden<br />

beschränken will und dass <strong>die</strong> Verhandlungen<br />

schwierig werden.<br />

Gleichzeitig werden <strong>die</strong> Leute vor<br />

Ort immer mehr unter Druck gesetzt<br />

und mussten zum Beispiel eine Erhöhung<br />

der Wochenarbeitszeit um<br />

2 Stunden akzeptieren. Die Freizeit<br />

wird eingeschränkt, da auch am<br />

Samstag gearbeitet werden muss.<br />

Viele Mitarbeitende sind an ihre<br />

Grenzen gelangt.<br />

Deshalb beschlossen wir, zusammen<br />

<strong>mit</strong> <strong>syndicom</strong> zwei öffentliche<br />

Aktionen durchzuführen: Bei der<br />

ersten trugen <strong>die</strong> Leute der Druckzentren<br />

in Zürich, Bern und Bussigny<br />

rote Schirmmützen und forderten<br />

da<strong>mit</strong> eine Rückkehr unter den GAV,<br />

bei der zweiten liessen wir <strong>die</strong> Angestellten<br />

einen übergrossen GAV<br />

unterzeichnen, auf dem nur <strong>die</strong><br />

Unter schrift der <strong>Arbeit</strong>geber fehlte.<br />

Über 90 % der Angestellten haben<br />

sich an den Aktionen beteiligt.<br />

Der Entscheid für <strong>die</strong> Proteste fiel<br />

nach einer Sitzung <strong>mit</strong> der Direktion,<br />

wo wir <strong>uns</strong>ere Forderungen präsentieren<br />

wollten. Sie nahmen <strong>uns</strong>er Papier<br />

entgegen und erklärten: ‹Unsere<br />

Antwort ist Nein› – und das, ohne es<br />

überhaupt gelesen zu haben.<br />

Diese Aktionen zeigen der Direktion,<br />

dass <strong>die</strong> Mitarbeitenden <strong>uns</strong><br />

breit unterstützen, obwohl <strong>die</strong> zweite<br />

Aktion in der Ferienzeit lag. Weitere<br />

Proteste sind schon geplant. Wir werden<br />

weiterkämpfen, bis wir wieder<br />

einen GAV haben. Die Direktion hat<br />

noch nicht reagiert. Wenn es einen<br />

Warnstreik gäbe, würde <strong>die</strong>s sicher<br />

ganz schnell ändern.»


Kurz und<br />

bündig<br />

Investitionen der Publica unter Kritik \ Wiedereinstellungen bei der SDA \<br />

Nachzahlungen für Postauto-Chauffeure \ Weiterentwicklung des GAV Swisscom<br />

\ Jugendkonferenz 2018 \ Solidaritätsfonds für das Giornale del Popolo<br />

5<br />

ETH-ProfessorInnen kritisieren<br />

Pensionskasse Publica<br />

166 Persönlichkeiten der Eidgenössischen<br />

Technischen Hochschulen (ETH),<br />

darunter 128 Professorinnen und Professoren,<br />

kritisieren <strong>die</strong> Pensionskasse des<br />

Bundes, Publica, für ihre Investitionen<br />

in Firmen aus dem Bereich der klimaschäd<br />

lichen fossilen Energien. Dies betrifft<br />

Kapital in Höhe <strong>von</strong> 800 Millionen<br />

Franken, fast 2 % der Gesamtanlagen<br />

(40 Milliarden Franken). Die WissenschaftlerInnen<br />

fordern, dass Publica<br />

<strong>die</strong>se Investitionen beendet, unter anderem<br />

auch, weil sie ein finanzielles<br />

Risiko bedeuten. Publica hat für den<br />

Herbst eine Antwort in Aussicht gestellt.<br />

Wiedereinstellungen bei SDA<br />

Die Einigungsstelle hat <strong>die</strong> Ergebnisse<br />

ihrer Schlichtung <strong>mit</strong>geteilt. Erstmals in<br />

der Geschichte der Me<strong>die</strong>nbranche<br />

werden entlassene Redaktorinnen und<br />

Redaktoren, <strong>die</strong> älter als 60 sind, zu den<br />

gleichen Konditionen wie zuvor wieder<br />

eingestellt. Sie erhalten aus ser dem<br />

einen Kündigungsschutz bis zur ordentlichen<br />

Pensionierung. Der Sozialplan<br />

wurde deutlich verbessert, und es wird<br />

ein Härtefonds eingerichtet. Mitarbeitende,<br />

<strong>die</strong> ihr Pensum reduzieren mussten,<br />

werden bei Neubesetzungen vorrangig<br />

berücksichtigt.<br />

Lohnnachzahlungen für<br />

Postauto-FahrerInnen<br />

Mehrere Postauto-Fahrerinnen und<br />

-Fahrer haben <strong>mit</strong> ihrem Juli-Gehalt<br />

Nachzahlungen in Höhe <strong>von</strong> einigen<br />

Hundert bis mehreren Tausend Franken<br />

erhalten. <strong>syndicom</strong> hatte darauf bestanden,<br />

dass der GAV-Artikel, der ein<br />

Gebiet <strong>von</strong> 8 Kilometern Radius als<br />

Dienst ort definiert, nicht zulässig ist.<br />

PostAuto hat nun in <strong>die</strong> Auszahlung der<br />

Zeitzuschläge und Mahlzeitenspesen<br />

bei Pausen ausserhalb des Dienstortes<br />

eingewilligt. Die Zahlung erfolgt rückwirkend<br />

bis 1. 1. 2016. Bei auswärtigen<br />

Einsätzen ist in jedem einzelnen Fall zu<br />

prüfen, ob <strong>die</strong> Wegzeiten und Autospesen<br />

geschuldet sind. Möchtest du wissen,<br />

ob <strong>die</strong>s bei dir der Fall ist? Wende<br />

dich an sheila.winkler@<strong>syndicom</strong>.ch.<br />

Anforderungen an den<br />

künftigen GAV Swisscom<br />

An den 29 Info-Lunches, an denen der<br />

GAV Swisscom 2018 vorgestellt wurde,<br />

wurden Inputs für seine Weiterentwicklung<br />

gesammelt. Zu den Themen<br />

und Forderungen aus den Workshops<br />

gehören <strong>die</strong> deutliche Verkürzung der<br />

heutigen 40-Stunden-Woche, mehr<br />

Jobsharing und Teilzeitarbeit, <strong>die</strong> Möglichkeit<br />

einer unbezahlten Auszeit für<br />

alle Mitarbeitenden (und nicht nur für<br />

das Kader) sowie ein besserer Schutz<br />

für Angestellte ab 50 Jahren.<br />

Jugendkonferenz <strong>syndicom</strong><br />

Die Jugendkonferenz 2018 <strong>von</strong> <strong>syndicom</strong><br />

findet am 22. und 23. September<br />

im Pfadiheim in Bern statt. Thema ist<br />

Gleichstellung und Diskriminierung am<br />

<strong>Arbeit</strong>splatz. Die Konferenz wird sich<br />

<strong>mit</strong> Strategien für <strong>die</strong> Jungen beschäftigen,<br />

sich gegen Ungleichbehandlung<br />

zu wehren und <strong>die</strong> Gleichstellungspolitik<br />

voranzutreiben. Die Jungen werden<br />

auch ihren Beitrag zur Lohngleichheitsdemo<br />

vom 22. September vorbereiten<br />

und natürlich an der Demo teilnehmen.<br />

Anmeldungen online: bit.ly/2MDJXIB.<br />

Ein Solidaritätsfonds für das<br />

Giornale del Popolo<br />

Nach dem Konkurs des Giornale del<br />

Popolo wurde zur Unterstützung des<br />

Personals der katholischen Tageszeitung<br />

ein Verein gegründet. Die Beschaffung<br />

der Mittel läuft nach einem<br />

Aufruf befriedigend. Eine Kommission<br />

aus VertreterInnen <strong>von</strong> Redaktion und<br />

Gewerkschaften wurde gebildet. Diese<br />

hat einen Verteilschlüssel für <strong>die</strong> gesammelten<br />

Gelder an <strong>die</strong> ehemaligen<br />

Angestellten ausgearbeitet. Eine Anzahlung<br />

<strong>von</strong> 5000 Franken haben <strong>die</strong>se<br />

bereits erhalten; der Rest wird in zwei<br />

Raten ausgezahlt.<br />

Agenda<br />

September<br />

Noch bis zum 16.<br />

«museum schaffen»<br />

In <strong>die</strong> ehemalige Loki-Montagehalle<br />

Winterthur lädt das «museum schaffen»<br />

ein: «Zeit. Zeugen. <strong>Arbeit</strong>.», eine<br />

performative Ausstellung zum Wandel<br />

der <strong>Arbeit</strong>, ist als Betriebsbesichtigung<br />

konzipiert. «SchichtarbeiterInnen» berichten<br />

<strong>von</strong> persönlichen Erfahrungen.<br />

Man lässt sich bewegen und reflektiert<br />

den eigenen Werdegang.<br />

museum schaffen Winterthur, Lokstadt<br />

Halle Rapide, vis-à-vis Zürcherstr. 42<br />

15.–27.<br />

«10 Jahre<br />

Fotografieren macht Schule»<br />

Die Wanderausstellung wandert in das<br />

Mythenforum Schwyz, wo sie 153 Fotografien<br />

<strong>von</strong> 52 Mitwirkenden zeigt.<br />

Die Bilder sind allesamt <strong>mit</strong> digitalen<br />

Kameras entstanden und laden <strong>die</strong><br />

kleinen und grossen Besuchenden ein,<br />

sich <strong>mit</strong> den Gestaltungs<strong>mit</strong>teln und<br />

der Bildsprache der Fotografie zu befassen.<br />

22.<br />

Nationale Demo für<br />

Lohngleichheit<br />

Eine breite Allianz aus Gewerkschaften<br />

und Frauenorganisationen ruft auf zur<br />

nationalen Kundgebung in Bern. Bauen<br />

wir Druck auf, da<strong>mit</strong> es endlich vorwärts<br />

geht. 13.30 Uhr Treffpunkt auf<br />

der Schützenmatte Bern, 15 Uhr<br />

Schlusskundgebung auf dem Bundesplatz.<br />

Du kannst als <strong>syndicom</strong>-Mitglied<br />

gratis anreisen.<br />

Oktober<br />

4.<br />

Zusatzkurs Social Media<br />

Der Workshop «So funktioniert Social<br />

Media für Publisher und Journalisten»<br />

vom Verband SFJ findet Anklang. Ein<br />

Zusatzkurs wird am 4. Oktober angeboten.<br />

Anmelden: bit.ly/2LjcFcX<br />

<strong>syndicom</strong>.ch/agenda


6 Die andere<br />

Roland A. Müller<br />

Seite<br />

Jurist und Rechtsanwalt, ist seit 2007 in der Geschäftsleitung<br />

des Schweizerischen <strong>Arbeit</strong>geberverbands, seit 2013<br />

dessen Direktor. Müller ist Titularprofessor für <strong>Arbeit</strong>s­ und<br />

Sozialversicherungsrecht an der Uni Zürich.<br />

1<br />

«Sozialpartnerschaft sollte <strong>von</strong> Vertrauen<br />

geprägt sein»: Was meinen Sie<br />

da<strong>mit</strong>?<br />

Früher haben sich <strong>die</strong> Sozialpartner<br />

vorwiegend hinter verschlossenen<br />

Türen verständigt. Dadurch sind tragfähige<br />

Kompromisse entstanden.<br />

Diese gelebte Sozialpartnerschaft war<br />

stark <strong>von</strong> Vertrauen und Lösungsorientierung<br />

geprägt. Leider haben<br />

sich <strong>die</strong> Gewerkschaften vermehrt<br />

da<strong>von</strong> verabschiedet. Im Wettbewerb<br />

um Mitglieder suchen sie verstärkt<br />

das mediale Rampenlicht.<br />

2<br />

Welches wären <strong>die</strong> «lebensnahen<br />

Lösungen», für <strong>die</strong> Sie plä<strong>die</strong>ren?<br />

Die Branchen­ und innerbetrieblichen<br />

Sozialpartner sind am Puls der<br />

<strong>Arbeit</strong>swelt und kennen <strong>die</strong> wahren<br />

Bedürfnisse ihrer Klientel. Aus einem<br />

Austausch fernab <strong>von</strong> ideologischen<br />

Grabenkämpfen resultieren pragmatische<br />

und praktikable Lösungen.<br />

Ihr Verständigungswille ist zentral<br />

für eine funktionierende Sozialpartnerschaft<br />

und entscheidend für das<br />

Erfolgsmodell Schweiz.<br />

3<br />

Ist <strong>die</strong> Partnerschaft gescheitert,<br />

wenn <strong>Arbeit</strong>nehmende für eine Verbesserung<br />

der sozialen Abfederung<br />

streiken? So wie bei der SDA?<br />

Eine Sozialpartnerschaft, <strong>die</strong> auf Vertrauen<br />

und Dialog beruht, erhält <strong>mit</strong><br />

einem Streik einen herben Dämpfer.<br />

Streik ist eine Belastung für <strong>die</strong> Beziehungen,<br />

im Falle eines GAV kann er<br />

gar einen Vertragsbruch darstellen.<br />

Meist verständigen sich <strong>die</strong> Parteien<br />

in der Folge dann unter Ausschluss<br />

der Öffentlichkeit auf eine Lösung –<br />

so geschehen im Fall der SDA.<br />

4<br />

Welche Vorteile haben Gesamtarbeitsverträge?<br />

Die tragende Säule eines GAV ist <strong>die</strong><br />

Friedenspflicht, welche Streiks untersagt.<br />

GAV zeigen Lösungen der Streitschlichtung<br />

auf, <strong>die</strong> beiden <strong>die</strong>nen,<br />

<strong>Arbeit</strong>nehmenden und <strong>Arbeit</strong>gebern.<br />

Text: Sina Bühler<br />

Bild: Johanna Bossart<br />

5<br />

Und welches könnten <strong>die</strong> Schwierigkeiten<br />

sein?<br />

Da GAV einen Eingriff in <strong>die</strong> unternehmerische<br />

Freiheit darstellen,<br />

müssen sie auch <strong>die</strong> Interessen der<br />

<strong>Arbeit</strong>geberseite berücksichtigen.<br />

Letztlich sind sie das Resultat einer<br />

gelebten Sozialpartnerschaft, bei der<br />

sich alle Parteien lösungsorientiert<br />

an einen Tisch setzen.<br />

6<br />

Was stört Sie an den Gewerkschaften?<br />

Dass sie auf partnerschaftliche Lösungen<br />

pochen, solche aber häufig<br />

über den politischen Prozess erschweren.<br />

Ich wünschte, sie würden<br />

wieder mehr auf <strong>die</strong> Sozialpartnerschaft<br />

setzen. Und sie sollten offener<br />

sein, für neue Entwicklungen, und<br />

nicht nur auf Besitzstandswahrung<br />

bedacht. Ich wünsche mir starke Gewerkschaften,<br />

<strong>die</strong> als zuverlässige<br />

Partner auftreten, um in einer konstruktiven<br />

Sozial partnerschaft <strong>die</strong><br />

Herausforderungen <strong>uns</strong>erer Zeit zu<br />

meistern.


Gastautor<br />

Bei ihren 1.-August-Reden haben<br />

zweifellos wieder viele VolksvertreterInnen der<br />

Rechten den Grundsatz <strong>von</strong> Treu und Glauben<br />

beschworen und <strong>die</strong> Vorteile der Sozialpartnerschaft<br />

für <strong>uns</strong>er Land gelobt. Dabei steht es<br />

nicht so gut um <strong>die</strong>se beiden Werte. Man konnte<br />

das an den Entlassungswellen sehen, sei <strong>die</strong>s<br />

bei Tamedia, der SDA oder auch Nestlé. Die meisten<br />

<strong>die</strong>ser <strong>Arbeit</strong>splätze wurden nämlich nicht<br />

gestrichen, weil <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>geber in Schwierigkeiten<br />

sind und ihre Belegschaft verringern müssen,<br />

um nur überleben zu können. Vielmehr sind<br />

es <strong>Arbeit</strong>geber, denen es bestens geht und <strong>die</strong><br />

nur ein Ziel vor Augen haben: Rentabilität und<br />

Dividenden steigern, auch wenn <strong>die</strong>se schon<br />

jetzt deutlich über dem Branchendurchschnitt<br />

liegen. Aber das hat einige nicht abgehalten, ihr<br />

Personal ohne jeden Respekt zu behandeln.<br />

Sie stellen ihre Leute vor vollendete Tatsachen,<br />

behaupten, es gäbe keine Optionen mehr, weigern<br />

sich zu verhandeln und lassen so jeden<br />

Rest <strong>von</strong> Treu und Glauben schnöde fallen. Und<br />

wenn <strong>die</strong> Angestellten <strong>die</strong> Courage haben, sich<br />

zu wehren, wird ihnen vorgeworfen, <strong>die</strong> Öffentlichkeit<br />

skrupellos unter Druck zu setzen. Diese<br />

anstössigen Praktiken führen zu sozialen Schäden<br />

und Folgekosten, <strong>die</strong> <strong>von</strong> den Verantwortlichen<br />

nicht übernommen werden. Erst werden<br />

sie auf <strong>die</strong> betroffenen <strong>Arbeit</strong>nehmenden überwälzt<br />

und dann auf <strong>die</strong> Gemeinschaft. Um dem<br />

ein Ende zu setzen, müssen <strong>die</strong> Sanktionen bei<br />

missbräuchlicher Massenentlassung deutlich<br />

verschärft werden. Aktuell beträgt <strong>die</strong> Entschädigung<br />

maximal zwei Monatslöhne für jede entlassene<br />

Person. Diese Sanktionen müssen wirklich<br />

abschreckend werden, wie <strong>die</strong>s ein Vorstoss<br />

verlangt, den ich im Nationalrat eingereicht hatte<br />

und der <strong>von</strong> Mathias Reynard (SP/VS) übernommen<br />

wurde. Es versteht sich <strong>von</strong> selbst,<br />

dass <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>geber der Rechten eine Verschärfung<br />

der Sanktionen ablehnen und dabei ihre<br />

schönen Worte über Treu und Glauben und <strong>die</strong><br />

Sozialpartnerschaft geflissentlich vergessen.<br />

Treu und Glauben sind<br />

nur schöne Worte<br />

Jean Christophe Schwaab, Dr. iur.,<br />

Alt-Nationalrat (SP/VD), ehemaliger<br />

Präsident der Kommission für Rechtsfragen<br />

des Nationalrats, Gemeinderat<br />

und Vorsteher der Abteilung Soziales,<br />

<strong>Arbeit</strong> und industrielle Betriebe in<br />

Bourg-en-Lavaux (VD). Geboren 1979,<br />

verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft in<br />

Riex. Autor zahlreicher wissenschaftlicher<br />

Artikel zum <strong>Arbeit</strong>srecht.<br />

7


Dossier<br />

Wie Berufe untergehen oder neu erfunden werden.<br />

Weshalb <strong>die</strong> Plattformarbeit <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>nehmenden prekarisiert.<br />

Wie <strong>syndicom</strong> sehr alten Professionen zu einer Zukunft verhilft:<br />

das Beispiel der grafischen Industrie.<br />

9<br />

Zusammen<br />

schaffen wir<br />

neue Berufe


10 Dossier<br />

Wie Berufe verschwinden, sich wandeln<br />

oder ganz neu entstehen<br />

Die Digitalisierung verändert <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>swelt<br />

rasant – <strong>die</strong> Anforderungen an <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>nehmenden<br />

steigen ebenso rasant. Der Wandel<br />

bringt zwar auch Chancen <strong>mit</strong>. Doch da<strong>mit</strong> alle<br />

profitieren können, müssen jetzt <strong>die</strong> Rahmenbedingungen<br />

angepasst werden.<br />

Text: Basil Weingartner<br />

Bilder: Bertrand Rey<br />

Wo in Autowerkstätten früher geschraubt und geölt wurde,<br />

werden heute immer öfter Kabel eingesteckt und Daten<br />

ausgelesen. Und wenn <strong>die</strong> Mechanik durch moderne<br />

Technik abgelöst wird, ändern sich auch <strong>die</strong> Berufsbilder.<br />

So wurde aus dem Automechaniker der Automobil-Mechatroniker.<br />

Und wurden Dächer früher schlicht <strong>mit</strong> Ziegeln<br />

gedeckt, erzeugen <strong>die</strong> Dächer heute <strong>mit</strong> eingebauten<br />

Solar zellen gleich noch Strom. Und immer mehr Dachdeckerinnen<br />

lassen sich zu Solartechnikerinnen weiterbilden.<br />

Während neue Berufsbilder entstehen, wandeln sich<br />

andere Tätigkeiten – <strong>die</strong> Netzelektrik etwa wird durch <strong>die</strong><br />

vielfältigere Verwendung der Leitungen immer komplexer<br />

–, oder sie verschwinden. Der Grund ist auch hier der<br />

Fortschritt – und <strong>die</strong> Digitalisierung im Speziellen.<br />

Auch <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong> am Rückbau ist einmal zu Ende<br />

Seit 33 Jahren verbinden rund 1600 <strong>uns</strong>cheinbare, meist<br />

nur kühlschrankgrosse Schaltkästen <strong>die</strong> Schweiz. Untergebracht<br />

sind sie in Kellern <strong>von</strong> Bürogebäuden oder in<br />

Beton häuschen am Strassenrand. Wenn sich ein Liebespaar<br />

über hundert Kilometer Entfernung Gute Nacht sagt,<br />

zwei ältere Menschen am Nach<strong>mit</strong>tag einen Schwatz am<br />

Telefon halten oder jemand eine Notrufnummer wählt –<br />

alle Festnetzverbindungen wurden lange Zeit ausschliesslich<br />

über <strong>die</strong> Aussenzentralen der sogenannten Festnetzplattform<br />

der Swisscom weiterverbunden. Bald werden<br />

<strong>die</strong>se Zentralen allesamt verschwunden sein.<br />

Ihr Verschwinden steht auch für den Wandel in der <strong>Arbeit</strong>swelt.<br />

Denn da<strong>mit</strong> in der Schweiz über Festnetz telefoniert<br />

werden kann, arbeiten im Hintergrund Technikerinnen<br />

und Techniker. Vor zehn Jahren waren es noch 145<br />

Personen. Heute sind es noch 40. Schon vor einiger Zeit<br />

wurde parallel zur bestehenden eine neue Festnetzplattform<br />

aufgebaut, über <strong>die</strong> immer mehr Gespräche laufen.<br />

Das neue System leitet <strong>die</strong> Gespräche vollständig digitalisiert<br />

und automatisiert weiter. Nun braucht es statt 1600<br />

Aussenstandorten schweizweit nur noch zwei – und für<br />

den Unterhalt nur noch 20 Personen.<br />

Abgestellt werden soll das alte System in den nächsten<br />

3 bis 5 Jahren, sagt René Hirt. Der Personalvertreter ist bei<br />

Swisscom auch stellvertretender Leiter des Plattformteams.<br />

Er selbst werde bald pensioniert, sagt Hirt, der <strong>syndicom</strong>-Mitglied<br />

ist. Für seine Mitarbeiter habe der technische<br />

Wandel aber konkrete Folgen. «Die verbleibenden<br />

Mitarbeiter sind sich bewusst, dass manche <strong>von</strong> ihnen irgendwann<br />

keinen Job mehr haben werden.» Man informiere<br />

das Personal transparent, jüngere Mitarbeiter würden<br />

umgeschult. Der Rest werde dereinst für den Rückbau<br />

zuständig sein. «Doch auch <strong>die</strong>ser ist einmal vorbei.»<br />

Als Personalvertreter mache ihm der Wandel schon gewisse<br />

Sorgen. Wichtig sei es, <strong>die</strong> Mitarbeiter frühzeitig<br />

vorzubereiten, sie weiterzubilden. Auch im eigenen Konzern<br />

erkennt er <strong>die</strong>sbezüglich noch Nachholbedarf. Denn<br />

eines ist für Hirt klar: «Aufzuhalten ist der technologische<br />

Wandel nicht.» Und der Takt der Veränderungen werde<br />

immer schneller.<br />

Roboter erbringen zunehmend auch Dienstleistungen<br />

Der Wandel, der bei der Swisscom passiert, findet ähnlich<br />

auch sonst statt. Man spricht <strong>von</strong> der Industrie 4.0. Der<br />

Ausdruck spielt einerseits auf <strong>die</strong> Hauptursache des Wandels<br />

an, auf <strong>die</strong> Digitalisierung. Andererseits drückt er<br />

aus, dass wir <strong>uns</strong> <strong>mit</strong>ten in der vierten industriellen Revolution<br />

befinden. Nach der Erfindung des mechanischen<br />

Webstuhls im Jahr 1784, nach der Einführung der Massenproduktion<br />

um das Jahr 1880 und nach dem Siegeszug der<br />

Elektronik ab den 1970er-Jahren sorgt <strong>die</strong>smal der<br />

flächen deckende Einzug <strong>von</strong> Informations- und Kommunikationstechnologie<br />

für einen Umbruch <strong>von</strong> <strong>Arbeit</strong>swelt<br />

und Gesellschaft.<br />

Die Revolution basiert auf dem starken technologischen<br />

Fortschritt in mehreren Bereichen. Die enormen<br />

Verbesserungen <strong>von</strong> digitalen Speicherme<strong>die</strong>n und Prozessoren<br />

schaffen völlig neue Anwendungsmöglichkeiten<br />

für Software – etwa in der Kommunikation und in der<br />

Automati sierung. Gleichzeitig entwickelt sich auch <strong>die</strong><br />

künstliche Intelligenz. Maschinen und Software sind zunehmend<br />

in der Lage, <strong>uns</strong>trukturierte Informationen<br />

auto nom zu verstehen und zu verarbeiten. Manche Software<br />

kann Informationen in Texten schon so gut verstehen<br />

wie ein 10-jähriges Kind. Und Computer verfügen zunehmend<br />

über <strong>die</strong> Fähigkeit, selber dazuzulernen.<br />

Weil parallel auch in der Sensorik grosse Fortschritte<br />

erzielt wurden, können Roboter oder Software immer anspruchsvollere<br />

Aufgaben selbständig oder semiautonom,<br />

also in Zusammenarbeit <strong>mit</strong> Menschen, erledigen. Waren<br />

solche Anwendungen bisher in erster Linie in der industriellen<br />

Produktion im Einsatz, ist das immer häufiger<br />

auch im Dienstleistungssektor der Fall. Zentral für <strong>die</strong> In-<br />

Menschen<br />

müssen das<br />

können, was<br />

Maschinen<br />

nicht können.


dustrie 4.0 ist auch <strong>die</strong> zunehmende Vernetzung <strong>von</strong> Informationen<br />

und Gegenständen. Produktionsanlage, Produkte,<br />

Logistik, Marketing, Verkauf und Dienstleistung<br />

– alle sind <strong>mit</strong>einander verknüpft. Auch Forschungsprozesse<br />

können effizienter und flexibler gestaltet werden.<br />

Dazu tragen auch neue Technologien wie etwa 3D-Drucker<br />

bei.<br />

Zentral ist auch, dass sich <strong>die</strong> Entwicklungen in den<br />

einzelnen Bereichen gegenseitig antreiben. Werden etwa<br />

bei den Prozessoren Fortschritte erzielt, beschleunigt<br />

<strong>die</strong>s auch <strong>die</strong> Entwicklung der intelligenten Vernetzung –<br />

und anschliessend umgekehrt. Dieser Mechanismus<br />

sorgt für eine immer grösser werdende Beschleunigung<br />

der Digitalisierung.<br />

Ohne Fachhochschul-Abschluss kein Job<br />

Bereits in den vergangenen zwei Jahrzehnten gingen<br />

350 000 <strong>Arbeit</strong>splätze verloren; gleichzeitig wurden aber<br />

860 000 Stellen neu geschaffen. Der Bundesrat ortet nebst<br />

Chancen auch viele Risiken. Dies aus guten Gründen: Die<br />

neu geschaffenen Stellen entsprechen vom Anforderungsprofil<br />

her nicht den wegfallenden. Die Stellen verlagern<br />

sich in Branchen, in denen gut ausgebildete Personen<br />

gefragt sind. Und auch innerhalb der bestehenden Branchen<br />

werden <strong>die</strong> Anforderungen an <strong>die</strong> Angestellten<br />

immer grösser. «Für Personen ohne Fachhochschul-Abschluss<br />

wird es immer schwieriger, bei <strong>uns</strong> eine Stelle zu<br />

finden», sagt Swisscom-Manager René Hirt. «Was früher<br />

kompliziert war, ist heute komplex.»<br />

«Die Anforderungen sind gestiegen – und wir stehen<br />

erst am Anfang des Wandels», sagt auch Vera Rentsch, Leiterin<br />

des kantonalen Berufsberatungs- und Informationszentrums<br />

(BIZ) Bern. Dieses berät und begleitet Jugendliche<br />

und Erwachsene bei der Berufswahl und der<br />

Karriereplanung. Kognitive, analytische und soziale Fähigkeiten<br />

würden immer wichtiger, sagt Rentsch. Kreative<br />

Tätigkeiten nähmen zu, repetitive fielen weg. «Reines Faktenwissen<br />

verliert an Relevanz.» Menschen müssen das<br />

können, was Maschinen nicht können.<br />

Die Effizienzgewinne sollen auf alle verteilt werden<br />

Nur wenn <strong>die</strong> Effizienzsteigerungen nicht nur den <strong>Arbeit</strong>gebern<br />

und ihren Investoren zugutekommen, profitieren<br />

alle da<strong>von</strong>. Etwa durch eine Senkung der <strong>Arbeit</strong>szeit, <strong>die</strong><br />

auch <strong>Arbeit</strong>splätze erhalten würde. Eine weitere Massnahme<br />

kann <strong>die</strong> gesetzliche Verankerung des Rechts auf<br />

Weiterbildung sein. Für Berufsberaterin Rentsch ist es<br />

unerlässlich, dass sich <strong>Arbeit</strong>nehmende auch nach der<br />

Ausbildung immer weiterbilden. Diese Notwendigkeit zu<br />

ver<strong>mit</strong>teln, sei Teil einer zeitgemässen Ausbildung. «Laufbahngestaltungsfähigkeiten»<br />

nennt sie das. Dazu gehöre<br />

unter anderem, sich über <strong>die</strong> ständige Veränderung des<br />

eigenen Berufes im Klaren zu sein, anstehende Veränderungen<br />

frühzeitig zu erkennen und sich auf <strong>die</strong>se vorzubereiten<br />

– auch indem man vom <strong>Arbeit</strong>geber Weiterbildungen<br />

einfordere.<br />

Elf neue Berufslehren seit 2003<br />

Die Veränderungen der Technologie bilden sich in den<br />

Berufs profilen bisher nur bedingt ab. Zwar wurden in den<br />

letzten 15 Jahren gemäss Angaben des Staatssekretariats<br />

für Bildung, Forschung und Innovation elf neue Berufslehren<br />

<strong>mit</strong> Fähigkeitszeugnis bewilligt. Wenige Neuerungen stehen<br />

aber in Zusammenhang <strong>mit</strong> dem Wandel. So kann man seit<br />

dem Jahr 2009 etwa eine Lehre als Bühnentänzer machen.<br />

2014 kam <strong>die</strong> Lehre als Entwässerungstechnologin hinzu.<br />

Dort lernt man, Rohre, Kanäle und Leitungen zu unterhalten,<br />

zu prüfen und zu reinigen, auch <strong>mit</strong> ferngesteuerten Kameras<br />

und Robotern. Zumindest in einem gewissen Zusammenhang<br />

<strong>mit</strong> dem technologischen Wandel stehen <strong>die</strong> Ausbildungsgänge<br />

Hotel­Kommunikationsfachmann, Fachfrau<br />

Kundendialog oder Systemgastronomie­Fachmann. Konkret<br />

zeigt sich <strong>die</strong> technologische Transformation dagegen in der<br />

Automobilbranche. Wer bisher eine vierjährige Automechanikerlehre<br />

absolvierte, macht heute eine Lehre als Automobil­<br />

Mecha tronike rin. Denn <strong>die</strong> Mechanik unter der Motorhaube<br />

wurde zu grossen Teilen durch Software ersetzt.


12<br />

Dossier<br />

Kein Vertrag, keine Versicherung, kein Kündigungsschutz<br />

Die Digitalisierung verändert nicht nur Anforderungen<br />

und Tätigkeitsprofile, sie pflügt <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>swelt auch<br />

sonst stark um. Neue <strong>Arbeit</strong>szeitmodelle entstehen: Teilweise<br />

oder ganz <strong>von</strong> zu Hause arbeiten wird für immer<br />

mehr Angestellte zum Standard. «Home Office» kann den<br />

Bedürfnissen der Angestellten entsprechen: Diese werden<br />

autonomer, Grossraumbüro-Hektik und Pendlerwege<br />

entfallen. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass <strong>die</strong> berufliche<br />

Tätigkeit immer weiter ins Privatleben vordringt.<br />

Der Gesetzgeber kann hier durch klare Vorgaben und <strong>die</strong><br />

Pflicht zur <strong>Arbeit</strong>szeiterfassung Gegensteuer geben. Doch<br />

jüngste Entscheide des Bundesparlaments zeigen, dass<br />

<strong>die</strong> Entwicklung derzeit in <strong>die</strong> andere Richtung geht.<br />

Auch im Bereich des Datenschutzes bringt <strong>die</strong> Industrie<br />

4.0 Risiken <strong>mit</strong> sich – auch für <strong>die</strong> Angestellten. Durch<br />

<strong>die</strong> Möglichkeit, grosse Datenmengen auszuwerten, können<br />

auch <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>sleistungen immer genauer analysiert<br />

werden. Dadurch drohen am <strong>Arbeit</strong>splatz Überwachung<br />

und Vorschriften in bisher unbekanntem Ausmass.<br />

Die Digitalisierung ist weiter dabei, <strong>die</strong> Anstellungsmodelle<br />

zu verändern. Über Online-Plattformen wird<br />

Crowdworking möglich. Personen arbeiten – <strong>von</strong> unterschiedlichen<br />

Orten aus – zeitlich befristet und ohne Anstellung<br />

an einem gemeinsamen Projekt. Solche Modelle<br />

sind in der Schweiz bereits etablierter als in anderen Ländern<br />

(S. 15). Modelle wie Crowdworking können für <strong>die</strong><br />

<strong>Arbeit</strong>skräfte neue Freiheiten schaffen. Es droht aber<br />

auch eine Prekarisierung. Etwa weil Geschäftsrisiken an<br />

<strong>die</strong> Mitarbeitenden ausgelagert werden. So auch bei den<br />

Velokurieren. Hier drängen neue Firmen auf den Markt,<br />

deren Kuriere zwar einen <strong>Arbeit</strong>splan haben und per App<br />

Aufträge erhalten, aber dennoch als Selbständige arbeiten.<br />

Dabei entgehen den Angestellten Sozialleistungen<br />

und Versicherungsschutz. Auch ein Kündigungsschutz<br />

existiert nicht.<br />

Home Office und<br />

Online­Plattformen<br />

machen <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong><br />

autonomer. Doch es<br />

droht Prekarisierung.<br />

Das neue Modell hat auch Auswirkungen auf <strong>die</strong> alteingesessenen<br />

Mitbewerber. «Die Billigkonkurrenz bereitet<br />

mir Kopfzerbrechen», sagt Peter Tomasek, der in Basel<br />

eine Velokurierfirma <strong>mit</strong> 60 Angestellten betreibt. Er wirft<br />

der Konkurrenz unlautere Geschäftspraktiken vor. Und<br />

tatsächlich urteilte das Bundesgericht im Vorjahr, dass<br />

<strong>die</strong> «selbständigen» Fahrer eines Zürcher Taxiunternehmers<br />

sozialversicherungsrechtlich als «<strong>uns</strong>elbständig<br />

Erwerbs tätige» zu betrachten sind. Für das Velokuriergewerbe<br />

existiert kein Urteil. Tomasek hofft, dass in der<br />

Branche ein Umdenken stattfindet. Denn <strong>die</strong> Billigkonkurrenz<br />

bringe <strong>die</strong> sowieso schon tiefen Margen weiter<br />

unter Druck. Über <strong>Arbeit</strong> können sich <strong>die</strong> Velokuriergeschäfte<br />

aber nicht beklagen. Immer mehr Menschen kaufen<br />

im Internet ein. Auch hier ist <strong>die</strong> Digitalisierung in vollem<br />

Gang.<br />

https://bit.ly/2LeBKGd


Dossier<br />

Z. B. grafische Industrie:<br />

Unser Engagement für neue Berufe<br />

13<br />

Diesen Sommer haben <strong>die</strong> allerersten<br />

Interactive Media Designer ihre Ausbildung<br />

beendet. Ab 2019 werden <strong>die</strong> Druck­ neu als<br />

Me<strong>die</strong>ntechnologinnen ausgebildet. Bildung<br />

steht auch heute noch im Zentrum der <strong>Arbeit</strong><br />

<strong>von</strong> <strong>syndicom</strong>.<br />

Text: Michael Moser<br />

Nach vier Jahren Lehrzeit beendeten <strong>die</strong>sen Sommer <strong>die</strong><br />

ersten Interactive Media DesignerInnen EFZ ihre Ausbildung<br />

und treten nun, als erste AbgängerInnen ihres Berufes,<br />

in <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>swelt ein. Interactive Media Designer gestalten<br />

<strong>die</strong> digitale Welt. Sie gestalten alles, was <strong>uns</strong> im<br />

Alltag digital begegnet. Von Apps über Benutzeroberflächen<br />

bis hin zur interaktiven Grafik im Fernsehen. Sie definieren,<br />

wie <strong>die</strong> digitale Welt in <strong>uns</strong>erem Alltag aussieht,<br />

und oft auch, wie sie funktioniert. Neben der reinen Gestaltung<br />

hinterfragen <strong>die</strong> Interactive Media Designer, wie<br />

etwa das Anwendungsverhalten ist und wie sich ihre Werke<br />

möglichst benutzerfreundlich aufbauen und gestalten<br />

lassen.<br />

Ein Beispiel zur Veranschaulichung<br />

Wie sich <strong>die</strong> Digitalisierung und so<strong>mit</strong> auch <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong> der<br />

Interactive Media Designer bereits in <strong>uns</strong>erem Alltag etabliert<br />

hat, zeigt etwa der SBB-Fahrplan. Wo früher fast in<br />

jedem Haushalt ein gedrucktes Kursbuch stand, wischen<br />

wir heute nur kurz <strong>mit</strong> dem Finger über das Smartphone<br />

und erhalten <strong>die</strong> gewünschte Verbindung binnen Zehntelsekunden,<br />

tagesaktuell und erst noch inklusive eventueller<br />

Verspätungen.<br />

Für <strong>die</strong> Nutzer der App ist das ein einmaliges Umgewöhnen,<br />

und nachdem man sich <strong>die</strong> App zweimal erklären<br />

liess, beherrscht man sie, als hätte es nie etwas anderes<br />

gegeben. Für <strong>die</strong> Berufsleute der grafischen Branche<br />

aber liegen zwischen dem gedruckten Fahrplan und der<br />

digitalen App vier neue Berufe, etliche Berufsrevisionen<br />

und unzählige Weiterbildungen und Software-Updates,<br />

welche ihre Berufswelt in den letzten 50 Jahren komplett<br />

umgestaltet haben.<br />

Gewerkschaftliche Mitgestaltung<br />

deines Berufs<br />

<strong>syndicom</strong> trägt in der Paritätischen Berufsbildungsstelle für<br />

visuelle Kommunikation (PBS) fünf Berufsbilder <strong>mit</strong>: Interactive<br />

Media Designer, Polygrafin, Druck­/Me<strong>die</strong>ntechnologe,<br />

Printme<strong>die</strong>nverarbeiterin und Printme<strong>die</strong>npraktiker. Die Lehrinhalte<br />

werden im Zusammenspiel <strong>von</strong> Bund, Kantonen, Berufsschulen<br />

sowie der Organisationen der <strong>Arbeit</strong>swelt definiert<br />

und gestaltet. Mit dem aktiven Engagement einer<br />

Gewerkschaft in <strong>die</strong>sem Prozess kann <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>swelt bereits<br />

in ihren Grundanlagen <strong>mit</strong>gestaltet werden. Organisierte Mitglieder<br />

tragen in <strong>Arbeit</strong>sgruppen sowohl zu Revisionen wie<br />

auch zur Weiterentwicklung <strong>von</strong> Berufen bei. Interessierte<br />

Berufsleute, <strong>die</strong> selber aktiv an der Entwicklung ihrer Berufe<br />

<strong>mit</strong>arbeiten möchten, können sich gerne beim Autor melden.<br />

Dagegen hatte bis Mitte des 20. Jahrhunderts <strong>die</strong> Technologie<br />

des Buchdrucks, seit ihrer Erfindung durch Gutenberg<br />

vor 500 Jahren, kaum eine Änderung erlebt. Im<br />

Bleisatz musste jeder einzelne Buchstabe gesetzt und<br />

beim Fahrplanwechsel jede geänderte Abfahrtszeit <strong>von</strong><br />

Hand ausgewechselt werden. Anstatt <strong>mit</strong> Blei wird heute<br />

<strong>mit</strong> Code und Software gestaltet, und zwar responsiv, also<br />

so, dass <strong>die</strong> Darstellung sich allen möglichen Ausgabegeräten<br />

automatisch anpasst. Dass <strong>die</strong>s einen enormen<br />

Wandel in den Berufsbildern und der Ausbildung <strong>mit</strong> sich<br />

brachte, versteht sich daher <strong>von</strong> selbst.<br />

Die Gewerkschaft ist Trägerin der Berufsbilder<br />

Bei allen Veränderungen und Berufsrevisionen immer dabei<br />

war <strong>die</strong> Gewerkschaft, <strong>die</strong> zusammen <strong>mit</strong> dem <strong>Arbeit</strong>geberverband<br />

seit dem 19. Jahrhundert und der Gründung<br />

des Schweizerischen Typographenbundes Trägerin<br />

der Berufsbilder der grafischen Industrie ist. So prägten<br />

1000 verloren<br />

plötzlich den Job,<br />

weil es den Beruf<br />

nicht mehr gab.


14<br />

Dossier<br />

<strong>syndicom</strong> und ihre vielen Vorgängerorganisationen den<br />

Weg der Berufe vom Schriftsetzer zum Interactive Media<br />

Designer durch <strong>die</strong>sen Wandel entscheidend <strong>mit</strong>, und immer<br />

im Sinne der Berufsleute.<br />

Als in den 1990er-Jahren <strong>mit</strong> dem Wechsel vom Filmsatz<br />

zum Desktop-Publishing am Computer Hunderte <strong>von</strong><br />

Berufsleuten ihre Stelle verloren, weil ihre Unternehmen<br />

den technologischen Wandel nicht überlebten, organisierte<br />

<strong>die</strong> Gewerkschaft <strong>die</strong> Umschulung <strong>von</strong> etwa tausend<br />

Berufsleuten, <strong>die</strong> plötzlich <strong>mit</strong> einem Beruf auf dem<br />

<strong>Arbeit</strong>smarkt standen, den es so nicht mehr gab.<br />

So war und ist Bildung und Weiterbildung auch heute<br />

noch ein zentraler Pfeiler der Gewerkschaftsarbeit <strong>von</strong><br />

<strong>syndicom</strong> in der grafischen Branche. Mit Helias führt <strong>syndicom</strong><br />

darum auch heute noch <strong>die</strong> Weiterbildungsplattform<br />

weiter, <strong>die</strong> in den 90er-Jahren gegründet wurde, um<br />

eben jene Berufsleute auf den Computer umzuschulen.<br />

Heute sehen <strong>die</strong> Kurse ähnlich aus, aber <strong>die</strong> Programmversionen<br />

sind um 20 Ziffern höher. Mit der vollständigen<br />

Verlagerung <strong>von</strong> <strong>Arbeit</strong>en in <strong>die</strong> rein digitale Welt findet<br />

nun erneut ein struktureller Wandel in der Branche statt.<br />

Die Unterstützung <strong>uns</strong>erer Mitglieder in <strong>die</strong>ser Phase der<br />

Digitalisierung ist gerade deshalb wieder aktueller denn<br />

je.<br />

Digitaldruck bietet heute <strong>die</strong> Möglichkeit, jedes Produkt<br />

zu individualisieren und so zu etwas Einzigartigem zu machen.<br />

So kann der Nutzen des Druckens <strong>von</strong> einer reinen<br />

Verbreitung <strong>von</strong> Information zu etwas Grösserem erweitert<br />

werden.<br />

Dass <strong>die</strong> Leute, <strong>die</strong> einen Beruf ausüben, bei dessen<br />

Weiterentwicklung aktiv beteiligt sind, ist <strong>die</strong> Grundidee<br />

des gewerkschaftlichen Engagements in der Berufsbildung.<br />

Hinweis:<br />

Der Autor hat seine Masterarbeit zur technologischen und<br />

strukturellen Veränderung der grafischen Branche und der<br />

Auswirkung auf ihre Berufe in der Schweiz zwischen 1965<br />

und 2015 geschrieben. Die <strong>Arbeit</strong> kann bei Interesse beim<br />

Autor bezogen werden: michael.moser@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

bit.ly/2KRmHli<br />

Der Drucker: ein archetypisch «analoger» Beruf wurde<br />

komplett umgekrempelt<br />

Mit der Weiterentwicklung zum Me<strong>die</strong>ntechnologen<br />

befindet sich auch der Beruf des Drucktechnologen momentan<br />

in Revision. Ab 2019 heisst der Beruf neu Me<strong>die</strong>ntechnologin/Me<strong>die</strong>ntechnologe,<br />

und <strong>die</strong> Ausbildung ist<br />

vermehrt technologieübergreifend ausgerichtet. Das<br />

heisst, ein urtypisch analoger Beruf, der nämlich Information<br />

und Gestaltung auf Papier festhält, soll weiter an <strong>die</strong><br />

Gegebenheiten der digitalen Welt angepasst werden.<br />

Mit der digitalen Welt verändern sich <strong>die</strong> Ansprüche<br />

an <strong>die</strong> zukünftigen Me<strong>die</strong>ntechnologInnen in vielen Bereichen.<br />

Die Branche hat das Monopol auf <strong>die</strong> Verbreitung<br />

<strong>von</strong> Information verloren. Die möglichst schnelle Verbreitung<br />

<strong>von</strong> Information in gedruckter Form in einer möglichst<br />

hohen Quantität wird daher wohl der Vergangenheit<br />

angehören. Das Internet ist dafür schlichtweg besser<br />

geeignet.<br />

Das bedeutet aber keineswegs das Ende des Druckens.<br />

Es wird in Zukunft bloss niemand mehr drucken, weil er<br />

muss, sondern nur noch, weil er oder sie will. Das ist nicht<br />

per se eine negative Entwicklung und ein Verlust <strong>von</strong> Aufträgen,<br />

sondern auch <strong>die</strong> Chance für den Beruf, sich neu<br />

zu positionieren und sich weiterzuentwickeln. Gerade der<br />

Die Leute, <strong>die</strong> einen<br />

Beruf ausüben,<br />

sollen bei dessen<br />

Weiterentwicklung<br />

aktiv beteiligt sein.<br />

Fotostrecke<br />

Der Walliser Fotograf Bertrand Rey hat <strong>die</strong>se Reportage zum<br />

Thema neue Berufe bebildert. Die Aufnahmen wurden zusammen<br />

<strong>mit</strong> dem Solarinstallateur <strong>von</strong> Sunwatt in Le Brassus<br />

(VD) und Plan­les­Ouates (GE), den Netzelektrikern der Firma<br />

Duvoisin­Groux in Saint­Cergue (VD) und den Entwässerungstechnologen<br />

des Unternehmens Cand­Landi an einem Nestlé­<br />

Standort in La Claie­aux­Moines (VD) realisiert. Dabei sind<br />

das Titelbild, <strong>die</strong> Fotos auf den Seiten 8 bis 14 und das kleine<br />

Foto unter dem Inhaltsverzeichnis entstanden. Wir danken<br />

den genannten Unternehmen für ihre Unterstützung.<br />

Bertrand Rey realisiert seit vielen Jahren interessante <strong>Arbeit</strong>en<br />

<strong>mit</strong> Einzel­ und Gruppenporträts für <strong>die</strong> Tagespresse<br />

(Reportagen) und Zeitschriften oder im Auftrag. Unter anderem<br />

hat er für das Musée de la Vigne et du Vin in Sierre (VS)<br />

Winzerinnen und Winzer bei der <strong>Arbeit</strong> porträtiert und eine<br />

Reportage über den neuen Campus Energypolis der EPFL in<br />

Sion bebildert.<br />

www.bertrandrey.com


15<br />

Management statt Administration, Informatik statt Unterhaltung:<br />

5 Millionen Jobs werden verschwinden<br />

Beschäftigungsaussichten nach Berufsgruppen, verlorene/zusätzliche <strong>Arbeit</strong>splätze 2015–2020 (Prognose 2016)<br />

–4 759 000<br />

5 Millionen<br />

Jobs werden<br />

verschwinden<br />

7,1<br />

Mio.<br />

2<br />

Mio.<br />

Büro und Verwaltung<br />

–1609 000<br />

Produktion und Fertigung<br />

–497 000<br />

Bauwesen und Rohstoffindustrie<br />

–151000 K<strong>uns</strong>t, Design, Me<strong>die</strong>n, Unterhaltung und Sport<br />

–109 000 Recht<br />

–40 000 Montage und Wartung<br />

Betriebswirtschaft und Finanz +492 000<br />

Management +416 000<br />

Informatik und Mathematik +405 000<br />

Architektur und Ingenieurwesen +339000<br />

Verkauf und verwandte Tätigkeiten +303 000<br />

Aus- und Weiterbildung +66 000<br />

Quelle: WEF-Report «Future of Jobs» über 15 grosse Industrie- und Schwellenregionen <strong>mit</strong> total 13 Millionen Beschäftigten<br />

Die Dienstleistungsgesellschaft wächst<br />

immer noch weiter ...<br />

Beschäftigte Personen, in Tausend<br />

Wir werden in mehreren Berufen tätig sein<br />

Anteil der Personen in Prozent, <strong>die</strong> mehr als eine berufliche<br />

Tätigkeit ausüben<br />

4000<br />

12<br />

3500<br />

3000<br />

2500<br />

2000<br />

Dienstleistungen<br />

11<br />

10<br />

9<br />

8<br />

7<br />

6<br />

Frauen<br />

Total<br />

1500<br />

Bau und Industrie<br />

5<br />

4<br />

1000<br />

3<br />

500<br />

Landwirtschaft und Rohstoffe<br />

2<br />

1<br />

Männer<br />

0<br />

0<br />

1960<br />

1965<br />

1970<br />

1975<br />

1980<br />

1985<br />

1990<br />

1995<br />

2000<br />

2005<br />

2010<br />

2015<br />

1991<br />

1993<br />

1995<br />

1997<br />

1999<br />

2001<br />

2003<br />

2005<br />

2007<br />

2009<br />

2011<br />

2013<br />

2015<br />

2017<br />

... und <strong>die</strong> Industrie reduziert sich um <strong>die</strong> Hälfte<br />

Die Schweiz ist bei <strong>die</strong>ser Entwicklung schon weiter<br />

Beschäftigung nach<br />

Sektoren 1960–2016,<br />

in Prozent<br />

Dienstleistungen<br />

Bau und Industrie<br />

Landwirtschaft<br />

14,5<br />

39<br />

21,2<br />

3,1<br />

46,5 75,7<br />

7,6%<br />

10% 4,4%<br />

4,0%<br />

5,5% 3,8%<br />

1960 2016 Schweiz<br />

EU<br />

Quelle: BFS März 2018 (neue Berechnungsmethode ab 1991)<br />

Quelle: Schweizerische <strong>Arbeit</strong>skräfte-Erhebung (SAKE), Bundesamt für Statistik,<br />

Mehrfacherwerbstätigkeit in der Schweiz, 2017<br />

Lockruf der Crowd<br />

<strong>Arbeit</strong> wird mehr und<br />

mehr über Internet-<br />

Plattformen ver<strong>mit</strong>telt<br />

Wöchentliches<br />

Crowdworking<br />

Monatliches<br />

Crowdworking<br />

Crowdworking<br />

im letzten Jahr<br />

Crowdworking<br />

suchend<br />

0% 5% 10 % 15 % 20% 25% 30% 35% 40%<br />

Grossbritannien<br />

Schweden<br />

Niederlande<br />

Deutschland<br />

Österreich<br />

Schweiz<br />

Quelle: Crowdwork in der Schweiz, Stu<strong>die</strong> in<br />

Zusammenarbeit <strong>mit</strong> der Gewerkschaft <strong>syndicom</strong><br />

und der Stiftung sovis, Bern, November 2017


16<br />

Eine bessere<br />

<strong>Arbeit</strong>swelt<br />

Jetzt ist es genug!<br />

Nationale Grossdemo<br />

am 22. September<br />

1981 wurde <strong>die</strong> Gleichstellung der Geschlechter<br />

in der Bundesverfassung<br />

verankert. Zehn Jahre später streikten<br />

<strong>die</strong> Frauen in der Schweiz – weil es so<br />

langsam vorwärtsging da<strong>mit</strong>. «Wenn<br />

Frau will, steht alles still!», hiess es,<br />

und eine halbe Million Frauen streikten.<br />

2018 ist der Gleichstellungsartikel<br />

schon 37 Jahre alt, <strong>die</strong> Politiker<br />

und Politikerinnen in Bern debattieren<br />

über das Gesetz und machen nicht<br />

vorwärts: Statt <strong>von</strong> Lohnkontrollen,<br />

weil den Frauen national jedes Jahr<br />

7 Milliarden Franken ent gehen, reden<br />

sie weiter <strong>von</strong> «Freiwilligkeit». Aber<br />

das reicht nicht, wie wir sehen!<br />

Die Löhne müssen für alle, für<br />

Männer und Frauen, fair sein und fair<br />

bleiben! Kämpfen wir gegen Dumping<br />

und schlechte Praktiken. In der Druckbranche<br />

etwa sind noch immer grosse<br />

Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern<br />

vorhanden. Darum gehen<br />

wir an <strong>die</strong> Gross demo der Gewerkschaften<br />

und Frauenorganisationen:<br />

am 22. 9. in Bern. Helft <strong>mit</strong>, zu mobilisieren,<br />

und kommt solidarisch <strong>mit</strong> euren<br />

<strong>Arbeit</strong>skolleginnen, <strong>mit</strong> Partnern<br />

und Familie!<br />

Patrizia Mordini<br />

Gleichstellungsgesetz: Die Politik muss jetzt wirklich vorwärts machen. (© Margaretha Sommer)<br />

bit.ly/2MobZbI<br />

Die FlaM schützen <strong>uns</strong>.<br />

Schützen wir sie auch!<br />

Nach dem Nein zum EWR nahm der<br />

Bundesrat <strong>mit</strong> der EU Verhandlungen<br />

auf, um in wichtigen Wirtschaftssektoren<br />

trotzdem noch einen diskriminierungsfreien<br />

Marktzugang für<br />

Schweizer Unternehmen zu sichern.<br />

Das Abkommen sicherte auch <strong>die</strong><br />

Personen freizügigkeit zwischen der<br />

Schweiz und den EU-Ländern. Die<br />

Stimmbevölkerung nahm <strong>die</strong> bilateralen<br />

Verträge im Jahr 2000 an.<br />

Die Gewerkschaften verknüpften<br />

ihre Zustimmung <strong>mit</strong> der Forderung,<br />

dass <strong>mit</strong> der Personenfreizügigkeit<br />

auch <strong>die</strong> üblichen Löhne und <strong>Arbeit</strong>sbedingungen<br />

in der Schweiz vor missbräuchlicher<br />

Unterbietung geschützt<br />

werden müssten. Genau dafür schuf<br />

der Bundesrat 2004 <strong>die</strong> «flankie renden<br />

Massnahmen» (FlaM).<br />

Mit dem Abschluss des neuen GAV<br />

der Netzinfrastruktur-Branche, für<br />

den <strong>die</strong> Sozialpartner <strong>die</strong> Allgemeinverbindlich<br />

keit beantragt haben, gewinnen<br />

<strong>die</strong> FlaM auch für <strong>syndicom</strong><br />

an Bedeutung. Dagegen ist <strong>die</strong> <strong>von</strong> den<br />

Bundesräten Schneider-Ammann und<br />

Cassis beabsichtigte Schwächung der<br />

flankierenden Massnahmen, welche<br />

<strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>nehmenden in der Schweiz<br />

schützen, realitätsfremd und gefährlich.<br />

Giorgio Pardini, Leiter Sektor ICT<br />

und Mitglied der Geschäftsleitung


3500 Beschäftigte profitieren per sofort <strong>von</strong> schweizweit<br />

geregelten <strong>Arbeit</strong>sbedingungen.<br />

17<br />

Endlich ein Gesamtarbeitsvertrag<br />

für <strong>die</strong> Callcenter der Schweiz<br />

Am 8. Juni 2018 hat der Bundesrat <strong>die</strong> Allgemeinverbindlichkeit<br />

des GAV Contact- und Callcenter-Branche beschlossen.<br />

Am 8. Juni, kurz vor Feierabend, geht<br />

bei <strong>syndicom</strong> überraschend ein E-Mail<br />

ein. Vom Staatssekretariat für Wirtschaft,<br />

Ressort Gesamtarbeitsverträge.<br />

Kurz und knapp besagt <strong>die</strong> Mitteilung:<br />

der Bundesrat habe heute <strong>die</strong><br />

Allgemeinverbindlich erklärung des<br />

GAV für <strong>die</strong> Contact- und Call center-<br />

Branche beschlossen. Sie trete in Kraft<br />

am 1. Juli 2018.<br />

Für wen gilt der Gesamtarbeitsvertrag<br />

und was regelt er?<br />

An den allgemeinverbindlichen Teil<br />

des branchenweiten GAV müssen sich<br />

seit dem 1. Juli alle Unternehmen in<br />

der Schweiz halten, <strong>die</strong> mehr als zwanzig<br />

Mitarbeitende beschäftigen und<br />

für Dritte Contact- und Call center-<br />

Dienst leistungen erbringen.<br />

Leitende und beaufsichtigende Angestellte<br />

sind nicht unterstellt, für <strong>die</strong><br />

anderen Mitarbeitenden gelten <strong>die</strong> Bestimmungen:<br />

so <strong>die</strong> Regelung des<br />

Beschäf tigungs grades, <strong>die</strong> verlängerten<br />

Kündigungsfristen, <strong>die</strong> 42-Stunden-<br />

Woche, Mindestlöhne, bis 5 Wochen<br />

Ferien, bezahlte Feiertage und<br />

Absenzen, Lohnfortzahlung bei Krankheit<br />

und Unfall, Sozialplan bei wirtschaftlichen<br />

Entlassungen in grösserer<br />

Anzahl.<br />

Dass der Vertrag eingehalten wird,<br />

dafür sorgen jetzt Kontrollen<br />

Entscheidend ist ab jetzt, dass <strong>syndicom</strong><br />

im Auftrag der Vertragsparteien<br />

kontrollieren kann, ob <strong>die</strong> Unternehmen<br />

den Gesamtarbeitsvertrag einhalten.<br />

Dank dem Bundesratsbeschluss<br />

kann <strong>syndicom</strong> auch in<br />

Unternehmen kontrollieren, <strong>die</strong> sich<br />

bisher nicht über einen Verband am<br />

GAV beteiligen wollten – denn <strong>die</strong> allgemeinverbindlichen<br />

Artikel gelten<br />

jetzt auch für sie.<br />

Die paritätische Kommission, in<br />

der alle Vertragsparteien vertreten<br />

sind, stellt sicher, dass es in der Branche<br />

keine <strong>uns</strong>aubere Konkurrenz <strong>mit</strong><br />

Lohn- und Sozialdumping gibt. In<br />

ihrem Auftrag kann <strong>die</strong> bei <strong>syndicom</strong><br />

angesiedelte GAV-Vollzugsstelle auf<br />

Verdacht hin verlangen, dass das Unternehmen<br />

<strong>die</strong> Belegschaft deklariert<br />

– <strong>mit</strong> Lohn- und weiteren Daten.<br />

Bei einer ersten Kontrolle am<br />

Schreibtisch wird der Inspektor <strong>die</strong><br />

Daten unter <strong>die</strong> Lupe nehmen und<br />

vielleicht feststellen, dass das Unternehmen<br />

nicht allen Mitarbeitenden<br />

den Mindestlohn zahlt: Das wäre ein<br />

klares Indiz, dass der GAV nicht respektiert<br />

wird. Dann begibt sich der Inspektor<br />

zur Beweis aufnahme vor Ort<br />

ins Unternehmen, wo er seine Investigationen<br />

der Lohnbücher und <strong>Arbeit</strong>szeitrapporte<br />

vornimmt. Er berichtet<br />

an <strong>die</strong> paritätische Kom mis sion, <strong>die</strong><br />

dann über <strong>die</strong> Firma richtet und z. B.<br />

eine Busse sprechen kann.<br />

Doch am Beginn <strong>die</strong>ser jahrelangen<br />

Geschichte, wie damals noch <strong>die</strong><br />

Gewerkschaft Kommunikation ansetzte,<br />

<strong>die</strong> Callcenter-Branche kollektiv<br />

zu organisieren, waren viele Verhandlungen<br />

nötig, ein klares Ziel vor<br />

Augen und ein langer Atem.<br />

Zunächst gab es nicht einmal einen<br />

<strong>Arbeit</strong> geber-Verband<br />

Damals sah sich Avocis/Capita vor <strong>die</strong><br />

Wahl gestellt, entweder einen Gesamtarbeitsvertrag<br />

abzuschliessen oder<br />

einen schweren Image-Schaden zu riskieren.<br />

Die Offenheit für einen ersten<br />

GAV entsprang also prinzipiell dem<br />

Eigen interesse.<br />

Die Gründung des <strong>Arbeit</strong>geberverbandes<br />

in der Branche war dagegen<br />

weitsichtiger. Die Akteure waren Peter<br />

Weigelt und Milo Stössel <strong>von</strong> Contactswiss<br />

auf der einen sowie Giorgio Pardini<br />

und Daniel Münger <strong>von</strong> <strong>syndicom</strong><br />

auf der anderen Seite.<br />

Am 1. September 2015 konnte der<br />

erste Branchen-Gesamtarbeitsvertrag<br />

in Kraft treten. Doch vorerst fehlte<br />

ihm <strong>die</strong> nötige Abdeckung.<br />

Erst als <strong>mit</strong> dem Branchenverband<br />

CallNet.ch und seinem Präsidenten<br />

Dieter Fischer eine Einigung gelang<br />

und CallNet.ch per 1. Juli 2017 dem<br />

GAV beitrat, stand dem Gesuch um <strong>die</strong><br />

Allgemeinverbindlicherklärung endlich<br />

nichts mehr im Weg. In regem<br />

Aus tausch <strong>mit</strong> dem SECO wurde <strong>die</strong><br />

Publi kation des Gesuchs vorbereitet.<br />

Dann ging es auf einmal schnell<br />

Es folgte noch eine Einsprache des<br />

Personalverbandes Transfair – eingereicht<br />

fast ohne ein einziges Mitglied<br />

in der Branche. Sie wurde abgelehnt.<br />

Und plötzlich also das E-Mail des<br />

SECO, welches der Bundeskanzler per<br />

offiziellem Brief bestätigte. Noch ein<br />

paar Tage später erscheint <strong>die</strong> Meldung<br />

im Handelsamtsblatt.<br />

Und schliesslich folgte der schriftliche<br />

Bundesratsbeschluss im Bundesblatt,<br />

der den Gesamtarbeitsvertrag<br />

in seinen allgemeinverbindlichen<br />

Bestimmungen zum Gesetz erhebt.<br />

So kann eine Branche geschaffen<br />

werden, <strong>die</strong> gute <strong>Arbeit</strong>splätze bietet<br />

und Zukunft hat.<br />

Daniel Hügli, Zentralsekretär ICT<br />

Ab jetzt wird auch kontrolliert, dass <strong>die</strong> Unternehmen den Gesamtarbeitsvertrag einhalten.<br />

(© Alexander Stertzik)<br />

bit.ly/2vC4u5O


18 <strong>Arbeit</strong>swelt<br />

«PostAuto erhöht <strong>die</strong> niedrigsten Löhne zuerst und<br />

schafft so Lohngerechtigkeit <strong>von</strong> unten her.» David Roth<br />

Wird der Postbote der<br />

Zukunft eine Drohne<br />

steuern?<br />

Die Art, wie wir kommunizieren und<br />

wie wir konsumieren, hat sich <strong>mit</strong> der<br />

technischen Entwicklung grundlegend<br />

verändert. Auch <strong>die</strong> Logistikbranche<br />

hat <strong>die</strong>sen grundlegenden Wandel erlebt,<br />

und sie wird sich weiterhin verändern.<br />

Was für <strong>uns</strong> heute wie eine<br />

mögliche oder wahrscheinliche Entwicklung<br />

aussieht, mag das infolge<br />

<strong>die</strong>ses drastischen Umbruchs schon<br />

bald nicht mehr sein.<br />

Die Frage, ob der Logistik<strong>die</strong>nstleister<br />

der Zukunft eine Drohne be<strong>die</strong>nen<br />

wird, können wir schon jetzt <strong>mit</strong><br />

Nein beantworten: denn das wird <strong>die</strong><br />

künstliche Intelligenz übernehmen.<br />

Diese Antwort eröffnet jedoch neue<br />

Perspektiven, auch hinsichtlich der<br />

Berufsbilder. Die zunehmende Informatisierung<br />

und Robotisierung der<br />

<strong>Arbeit</strong>splätze in der Logistik ist eine<br />

Chance, <strong>die</strong> Berufsprofile der Zukunft<br />

neu zu erfinden: in Zusammenarbeit<br />

<strong>mit</strong> den Sozialpartnern und im Interesse<br />

der gesamten Gesellschaft.<br />

Ohne <strong>die</strong>ses Bewusstsein aufseiten<br />

der Firmen, welche <strong>die</strong> Ausbildungen<br />

auf einem veralteten Stand belassen,<br />

besteht <strong>die</strong> Gefahr einer sozialen<br />

Ausgrenzung der nächsten Generation.<br />

Es ist an der Zeit, Räume für Weiterbildung<br />

entlang des gesamten beruflichen<br />

Werdegangs zu schaffen,<br />

um <strong>die</strong> Menschen auf eine positive,<br />

schöpferische Art in <strong>die</strong> Veränderungen<br />

einzubeziehen.<br />

Matteo Antonini ist Leiter des Sektors Logistik<br />

und Mitglied der Geschäftsleitung<br />

Ein langer Weg bis zu gerechten<br />

Löhnen bei PostFinance<br />

Bei PostFinance läuft einiges anders als im Stammhaus.<br />

Nicht unbedingt besser.<br />

Erst drei Monate nach dem Resultat<br />

der Lohnverhandlungen <strong>mit</strong> dem<br />

Post-Stammhaus wurde auch endlich<br />

bei PostFinance <strong>die</strong> Lohnerhöhung<br />

festgelegt. Nach wie vor weigert sich<br />

PostFinance aber, ein transparentes<br />

und gerechteres System der Lohnverteilung<br />

einzuführen.<br />

PostFinance stellt sich stur<br />

Das letzte Angebot aus den Lohnverhandlungen<br />

<strong>mit</strong> PostFinance konnte<br />

<strong>syndicom</strong> nicht akzeptieren und<br />

wandte sich an <strong>die</strong> Schlichtungsbehörde.<br />

Das war <strong>die</strong> richtige Entscheidung.<br />

Die erreichten 1,0 Prozent fallen<br />

merklich höher aus als <strong>die</strong> <strong>von</strong><br />

PostFinance vor der Schlichtungsbehörde<br />

angebotenen 0,4 Prozent.<br />

Dennoch kann <strong>die</strong> Gewerkschaft<br />

<strong>syndicom</strong> nicht vollkommen zufrieden<br />

sein. Es ist bedauerlich, dass der<br />

in den übrigen Konzernteilen angewendete<br />

Verteilmechanismus <strong>von</strong> der<br />

PostFinance-Führung prinzipiell abgelehnt<br />

wird.<br />

PostFinance hat sogar behauptet,<br />

es seien «kapitale Denkfehler», dass<br />

man Anspruch auf Lohnerhöhung<br />

habe und man <strong>die</strong> Verteilung <strong>mit</strong> den<br />

Gewerkschaften bespräche. Hier<br />

muss PostFinance wohl beim<br />

Post-Konzern in den Nachhilfeunterricht.<br />

Bei Post und PostAuto gehts<br />

Im April kam im Stammhaus und bei<br />

PostAuto ein neues System der Lohnerhöhung<br />

zur Anwendung. Dieses<br />

wurde auf Druck <strong>von</strong> <strong>syndicom</strong> eingeführt.<br />

Das Verteilungsprinzip ist noch<br />

nicht perfekt, aber <strong>die</strong> vorliegenden<br />

Resultate sind vielversprechend.<br />

Kurz zusammengefasst: Je tiefer<br />

man innerhalb der Funktionsstufe<br />

positio niert ist, desto höher ist <strong>die</strong><br />

Lohnerhöhung. Auch langjährige Mitarbeitende<br />

profitieren. Von der individuellen<br />

Lohnerhöhung sind sie nicht<br />

mehr ausgeschlossen, wie es vorher an<br />

vielen Orten der Fall war.<br />

Transparenz dank Lohnrechner<br />

Zudem wissen nun alle Personen, wie<br />

viel Geld für individuelle Lohnerhöhungen<br />

im eigenen Team zur Verfügung<br />

steht. Jetzt können sie <strong>mit</strong> den<br />

Vorgesetzten auf Augenhöhe diskutieren<br />

und auch <strong>die</strong> Vorgesetzten erhalten<br />

eine gewisse Orientierungshilfe.<br />

<strong>syndicom</strong> bekam <strong>von</strong> vielen Seiten<br />

Lob für den Online-Lohnrechner. Wir<br />

verbessern ihn weiter und sind weiterhin<br />

froh um eure Rückmeldungen.<br />

David Roth<br />

PostFinance-Chef Hansruedi Köng wünscht keine Diskussion über <strong>die</strong> Lohnverteilung. (© Die Post)<br />

https://bit.ly/2Bf7JX5


«Teilzeitarbeit wird gelobt für <strong>die</strong> vielen sozialen Vorteile.<br />

Es wird Zeit, dass wir auch <strong>die</strong> Kehrseite sehen.» Christian Capacoel<br />

19<br />

Unterbeschäftigung<br />

und überdehnte Flexibilität<br />

In der Post-Zustellung wird <strong>die</strong> Teilzeitarbeit sehr mangelhaft<br />

umgesetzt, das zeigt jetzt eine Umfrage <strong>von</strong> <strong>syndicom</strong>.<br />

kurzfristig bekannt gemacht werden.<br />

Ein gutes Viertel der Teilzeit-ZustellerInnen<br />

erhalten den Dienstplan nur<br />

eine Woche im Voraus oder gar erst in<br />

der Einsatzwoche selbst.<br />

Und ein Drittel möchte mehr arbeiten,<br />

um das Einkommen zu verbessern,<br />

darf aber nicht. Das alles verursacht<br />

Unsicherheit und Stress.<br />

Teilzeit wird gelobt – zu Unrecht?<br />

Teilzeitarbeit scheint viele Vorteile zu<br />

haben. Sie befördere <strong>die</strong> Rückkehr ins<br />

Erwerbsleben nach einem Unterbruch<br />

bei Frauen wie Männern. Sie fördere<br />

<strong>die</strong> «Life-Work-Balance». Für <strong>die</strong> Unternehmen<br />

scheint sie sich immerhin<br />

auszuzahlen: Stu<strong>die</strong>n zeigen geringere<br />

Fehlzeiten, niedrigere Fluktuation<br />

und höhere Produktivität des Teilzeitpersonals.<br />

Doch Teilzeitarbeitende<br />

haben häufig ungesicherte <strong>Arbeit</strong>sverhältnisse,<br />

sie nehmen eine geringere<br />

soziale Absicherung und schlechtere<br />

Weiterbildungsmöglichkeiten hin.<br />

Ein heisses Thema: Über tausend Personen haben den Fragebogen ausgefüllt. (© Die Post)<br />

«Ich würde gern mehr arbeiten. Doch<br />

eine fixe Pensumserhöhung wird mir<br />

verwehrt. Dabei muss ich immer wieder<br />

Mehrarbeit leisten.» Oder: «Ich arbeite<br />

Teilzeit, da<strong>mit</strong> ich mehr Zeit für<br />

meine Familie habe. Aber wenn ich<br />

<strong>die</strong> Einsatzpläne so kurzfristig erhalte,<br />

dann kann ich nichts planen.»<br />

Diese und ähnliche Aussagen sind<br />

immer wieder an <strong>syndicom</strong> herangetragen<br />

worden. Wir wollten es genau<br />

wissen. Deshalb haben wir eine Umfrage<br />

gestartet. Über 1000 Betroffene<br />

haben daran teilgenommen, ein sehr<br />

hoher Rücklauf, der für sich spricht.<br />

Die Teilzeitpensen werden viel zu<br />

wenig respektiert<br />

Die breit abgestützte nationale Umfrage<br />

bei den ZustellerInnen offenbart,<br />

dass <strong>die</strong> Umsetzung der Teilzeit im Bereich<br />

Zustellung mangelhaft ist. Sehr<br />

viele KollegInnen <strong>mit</strong> Teilzeitpensum<br />

beklagen, dass <strong>die</strong>ses <strong>von</strong> der Post<br />

nicht respektiert wird. So haben rund<br />

drei Viertel der KollegInnen angegeben,<br />

dass sie Dienstpläne erhalten, <strong>die</strong><br />

nicht ihrem Beschäf tigungs grad entsprechen.<br />

Weit verbreitet ist auch der Missstand,<br />

dass <strong>die</strong> Einsatzpläne nur (sehr)<br />

Hilf <strong>mit</strong>, dass es besser wird<br />

Für <strong>syndicom</strong> ist klar: Wir brauchen<br />

Massnahmen, um <strong>die</strong> Teilzeitarbeit<br />

besser zu schützen. <strong>syndicom</strong> ruft deshalb<br />

regionale <strong>Arbeit</strong>sgruppen ins Leben.<br />

In 2 bis 3 Gesprächen wollen wir<br />

<strong>mit</strong> betroffenen ZustellerInnen pragmatische<br />

Lösungen entwickeln, <strong>die</strong><br />

sich in der Praxis umsetzen lassen.<br />

Wer also bei der Post in der Zustellung<br />

arbeitet und etwas für bessere<br />

Teilzeitarbeit machen will, meldet<br />

sich bei Matteo Antonini! Wir freuen<br />

<strong>uns</strong> auf dich.<br />

Christian Capacoel<br />

matteo.antonini@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

https://bit.ly/2KSDXqm<br />

Tugenden für den<br />

Streik und das Leben<br />

Die Westschweizer Tamedia-Redaktionen<br />

zeigten <strong>mit</strong> ihrem Streik seit<br />

Juli Mut und Solidarität. Mut braucht<br />

es, einem vermeintlich allmächtigen<br />

<strong>Arbeit</strong>geber Stopp zu sagen: gegen <strong>die</strong><br />

Einstellung des Matin, gegen <strong>die</strong> Entlassung<br />

der 41 KollegInnen und für<br />

echte Mitwirkung.<br />

Solidarität funktioniert: denn auch<br />

<strong>die</strong> Redaktionen der anderen Zeitungen<br />

beteiligen sich am Streik, der zu<br />

Redaktionsschluss sistiert ist. Die Personalkommissionen<br />

aller Redaktionen<br />

und der Editorial Services solidarisieren<br />

sich. Solidarität gefällt den<br />

Mächtigen nicht. In Frankreich sollte<br />

ein Gesetz das Engagement für Migran<br />

tInnen ohne Aufenthaltstitel unter<br />

Strafe stellen. Das französische Verfassungsgericht<br />

urteilte aber im Juni:<br />

Wer MigrantInnen ohne Bleiberecht<br />

uneigennützig, ohne Gegenleistung<br />

hilft, darf dafür nicht bestraft werden.<br />

Es begründet <strong>die</strong>s <strong>mit</strong> der «Fraternité»<br />

– der Solidarität, welche einen der drei<br />

Staatsgrundsätze darstellt.<br />

Solidarität in allen Lebenslagen:<br />

innerhalb der Gewerkschaft, um sich<br />

gemeinsam für <strong>uns</strong>ere Branchen einzusetzen;<br />

in den Betrieben, wenn<br />

überrissene Renditeziele gegen <strong>die</strong><br />

Me<strong>die</strong>n vielfalt, gegen Informationsfreiheit<br />

und <strong>die</strong> Rechte der <strong>Arbeit</strong>nehmenden<br />

prallen; international, wenn<br />

es darum geht, sich für Menschen in<br />

Not zu engagieren.<br />

Stephanie Vonarburg leitet <strong>die</strong> Branche Presse<br />

und elektronische Me<strong>die</strong>n und ist Mitglied der GL.


20 <strong>Arbeit</strong>swelt<br />

«Kann Tamedia Le Matin wirklich nicht stemmen? Sie hat in<br />

zehn Jahren fast 1,5 Milliarden Gewinn gemacht.» Christian Capacoel<br />

Sand im Getriebe der<br />

Gewinnmaschine Tamedia<br />

Was Tamedia besonders auszeichnet unter den Verlegern,<br />

ist das rücksichtslose Vorgehen – zuletzt zu beobachten bei<br />

Le Matin. Journalistinnen und Drucker werden jetzt deutlich.<br />

Für <strong>die</strong> Streikenden der Tamedia-Redaktionen<br />

in der Roman<strong>die</strong> war es ein<br />

Moment der Hoffnung. Die Streikversammlung<br />

hatte gerade Nuria Gorrite,<br />

Regierungsratspräsidentin der Waadt,<br />

und ihren Ratskollegen Philippe<br />

Leuba, Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements,<br />

begrüsst, <strong>die</strong> ihre Ver<strong>mit</strong>tlung<br />

im Konflikt angeboten hatten.<br />

Nach drei Tagen Streik <strong>mit</strong><br />

Kündigungsdrohungen und Kriminalisierung<br />

schien <strong>die</strong> Ver<strong>mit</strong>tlung<br />

durch <strong>die</strong> Politik eine gangbare Option<br />

zu sein.<br />

Auch wenn <strong>die</strong> Streikenden nicht<br />

danach gefragt hatten. Die Politiker<br />

strahlten Selbstbewusstsein aus. Sie<br />

versicherten den KollegInnen des<br />

­Matin, sie seien <strong>die</strong> einzige Chance auf<br />

eine einvernehmliche Lösung. So<br />

stimmte <strong>die</strong> Belegschaft der Mediation<br />

zu und sistierte den Streik. In der<br />

Hoffnung, Tamedia würde unter dem<br />

Einfluss der Politik wieder Verhandlungen<br />

aufnehmen, statt nur Beschlüsse<br />

zu diktieren.<br />

Tamedia versprach <strong>die</strong> Kündigungen<br />

bis zum Mediationsende zurückzunehmen<br />

und auf Repression zu verzichten.<br />

Das allein würde zwar weder<br />

<strong>die</strong> Schliessung noch den Abbau verhindern,<br />

aber zumindest hätten <strong>die</strong><br />

KollegInnen ein oder zwei Monate<br />

weiter den Lohn.<br />

Tamedia zeigte sich in den Verhandlungen<br />

unnachgiebig. Wie schon<br />

im Konsultationsverfahren, das dem<br />

Streik vorangegangen war, stellte sie<br />

sich auf den Standpunkt, zur Einstellung<br />

der Printausgabe und Erhaltung<br />

nur einer Online-Kleinredaktion<br />

existierten keine Alternativen.<br />

«Arme» Tamedia<br />

Der akkumulierte Verlust <strong>von</strong> 34 Mio.<br />

Franken der letzten zehn Jahre sei zu<br />

gross. Tamedia erweckte den Eindruck,<br />

sich Le­ Matin nicht leisten zu<br />

können. Das stimmt nicht. Der Tamedia-Gewinn<br />

im gleichen Zeitraum beträgt<br />

nahezu 1,5 Milliarden Franken.<br />

Geld ist vorhanden. Geld, <strong>mit</strong> dem<br />

man einen guten Sozialplan alimentieren<br />

oder Zeit für Verhandlungen gewinnen<br />

könnte, statt durch Rücksichtslosigkeit<br />

<strong>die</strong> Eskala tion zu<br />

fördern.<br />

Tamedia spielt <strong>mit</strong> der Regierung<br />

Die Mediation durch <strong>die</strong> Waadtländer<br />

Regierung liess Tamedia kurzerhand<br />

platzen. Sie sehe keine Notwendigkeit,<br />

weiter zu diskutieren. Alternativen<br />

seien keine in Sicht und <strong>die</strong> Mediation<br />

sei nicht branchengerecht. Nun<br />

versucht Tamedia, <strong>die</strong> Kündigungen<br />

wirksam zu machen und den Streikenden<br />

Lohnkürzungen aufzuerlegen.<br />

Die juristischen Abklärungen laufen.<br />

Am Ende bleibt der Eindruck,<br />

dass Tamedia <strong>die</strong> Politik benutzt hat,<br />

um den Streik zu stoppen.<br />

Weitere Konflikte im Haus<br />

Die Berner Redaktionen <strong>von</strong> Bund und<br />

Berner­Zeitung, <strong>die</strong> aufgrund der neuen<br />

Mantelredaktion in Zürich <strong>mit</strong><br />

Kündigungen rechnen müssen, solidarisierten<br />

sich in einem Brief. Tamedia<br />

reagierte und versuchte <strong>die</strong> Initiative<br />

zu unterdrücken. Ohne Erfolg.<br />

Und auch beim Zürcher Tages-Anzeiger<br />

wächst <strong>die</strong> Erkenntnis heran, dass<br />

es sie treffen könnte.<br />

Am 8. August teilte Tamedia <strong>mit</strong>,<br />

bei den Editorial Services in Zürich<br />

und Bern nun doch 31 Personen entlassen<br />

zu wollen (siehe Link).<br />

Die Drucker in Aktion<br />

Die Drucker sind einen Schritt weiter.<br />

Sie fordern Tamedia auf, sich wieder<br />

dem Gesamtarbeitsvertrag der grafischen<br />

Industrie anzuschliessen. Tamedia<br />

weigert sich, darüber zu sprechen.<br />

So veranstalteten <strong>die</strong> KollegInnen<br />

zuerst eine «Chäppli-Aktion». Die<br />

Druckzentren in Bern, Zürich und<br />

Bussigny zogen unter dem Motto<br />

«Ohne GAV lupft’s mer de Huet» im<br />

Betrieb rote Mützen an. Tamedia reagierte<br />

nicht. Die Kollegen suchten<br />

deshalb <strong>die</strong> Öffentlichkeit.<br />

Und wieder machten alle drei<br />

Tame dia-Druckzentren <strong>mit</strong>. Gleichzeitig<br />

veranstalteten sie Protest-Pausen<br />

und forderten <strong>die</strong> Leitung auf, ihre<br />

Unterschrift unter einen symbolischen,<br />

übergros sen Gesamtarbeitsvertrag<br />

zu setzen (s. auch S. 4).<br />

Dann unterschreibt eben <strong>die</strong><br />

Belegschaft den GAV<br />

Die Chefs zeigten kein Gehör. Dafür<br />

unterschrieben über 120 Mitarbeitende<br />

<strong>die</strong> symbolischen Verträge und<br />

setzten da<strong>mit</strong> ein starkes Zeichen, das<br />

<strong>von</strong> der Öffentlichkeit nicht ignoriert<br />

wurde. Ein Fernseh-, ein Radio- und<br />

über 30 Textbeiträge bestätigten <strong>die</strong><br />

Kolleginnen und Kollegen in ihrer<br />

Haltung, ihren Kampf öffentlich zu<br />

machen. Tamedia hat nun <strong>die</strong> nächste<br />

Gelegenheit, zu zeigen, dass sie auch<br />

zu deeskalierenden Konzernhandlungen<br />

in der Lage ist.<br />

Christian Capacoel<br />

Ein grosses Me<strong>die</strong>necho bestärkt <strong>die</strong> Kolleginnen und Kollegen. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

https://bit.ly/2MbgANG


«Wenn es <strong>uns</strong> nicht gehen soll wie den indischen Fahrern,<br />

müssen wir das Uber-Modell aufhalten.» Dominik Fitze<br />

21<br />

Uberisierung und<br />

Widerstand in In<strong>die</strong>n<br />

Weltweit breitet sich <strong>die</strong> «Gig-Economy»<br />

aus. Auf Plattformen wie Uber<br />

bieten <strong>Arbeit</strong>nehmende ihre Dienstleistungen<br />

an – meist deklariert als<br />

selbständige <strong>Arbeit</strong>. Die Plattformen<br />

folgen meist derselben Logik:<br />

Investoren geld hilft <strong>die</strong> Plattform aufbauen.<br />

Am Anfang werden etablierte<br />

Anbieter unterboten – <strong>mit</strong> genug Kapital<br />

ausgerüstet geht das. <strong>Arbeit</strong>nehmenden<br />

wird versprochen, es könne<br />

in wenigen Stunden auf der Plattform<br />

gutes Geld ver<strong>die</strong>nt werden.<br />

Was <strong>die</strong>s für <strong>Arbeit</strong>ende bedeuten<br />

kann, zeigte im Frühling der Streik der<br />

Uber-FahrerInnen in In<strong>die</strong>n. Uber versprach<br />

ein Mittelklasseeinkommen,<br />

und Hunderttau sende nahmen Kredite<br />

auf, um sich ein Auto und ein Smartphone<br />

zu kaufen. Doch bald begann<br />

Uber, 30 Prozent des Umsatzes als Gebühr<br />

abzuziehen, senkte <strong>die</strong> Tarife.<br />

Statt den versprochenen 50 blieben<br />

oft nur 5 Franken Lohn pro Tag. Und<br />

das, obwohl Uber in In<strong>die</strong>n letztes Jahr<br />

mehr als 300 Millionen Franken Gewinn<br />

machte. Dagegen regt sich Widerstand.<br />

100 000 Uber-FahrerInnen in<br />

ganz In<strong>die</strong>n streikten im März mehrere<br />

Tage lang. Im Juni kam es erneut zu<br />

Streiks. Bisher ist Uber nicht kompromissbereit.<br />

Das Geschäftsmodell <strong>von</strong><br />

Uber gibt es auch in Europa und der<br />

Schweiz. Als Gewerkschaft sind wir gefordert:<br />

Da<strong>mit</strong> es <strong>uns</strong> nicht geht wie<br />

den indischen Uber-FahrerInnen.<br />

Dominik Fitze, Zentralsekretär Jugend<br />

Schluss <strong>mit</strong> den ärgerlichen<br />

«Mystery-Kunden»<br />

Testkunden, <strong>die</strong> versteckte, personalisierte Kontrollen der<br />

Chauffeure vornehmen, sind kein gutes Evaluierungssystem.<br />

In der Schweiz sind Bus- und Carfahrer<br />

und -fahrerinnen ganz besonders <strong>von</strong><br />

verdeckten Leistungstests (SQDQ) betroffen.<br />

Seit zehn Jahren setzt PostAuto<br />

200 Test- oder Mystery-Kunden ein,<br />

um <strong>die</strong> Qualität des Fahrpersonals zu<br />

beurteilen.<br />

Dabei werden <strong>die</strong>se Personen, <strong>die</strong><br />

inkognito unterwegs sind, dafür bezahlt,<br />

anhand einer detaillierten Kriterienliste<br />

Fragen zu Fahrstil, Verhalten<br />

oder auch Erscheinung des<br />

Fahrpersonals zu beantworten.<br />

Ab 2019 verzichtet PostAuto auf<br />

<strong>die</strong>se Praxis, <strong>die</strong> <strong>von</strong> <strong>syndicom</strong> bereits<br />

seit der Einführung als ärgerlich und<br />

unfair bemängelt wird.<br />

Kaum nachvollziehbare Resultate<br />

Die Resultate der Erhebungen kamen<br />

oft Wochen oder Monate später bei<br />

den Betroffenen an, wodurch <strong>die</strong>se sie<br />

kaum mehr nachvollziehen konnten.<br />

Weiter hat <strong>syndicom</strong> <strong>die</strong> unprofessionelle<br />

statistische Auswertung kritisiert.<br />

Das Personal war umso unzufriedener,<br />

als <strong>die</strong>ses willkürliche und<br />

unfaire Beurteilungssystem als Kriterium<br />

für <strong>die</strong> individuelle Lohnerhöhung<br />

verwendet wurde.<br />

Im Frühling 2016 hat das Bundesamt<br />

für Verkehr selbst ein neues Testkunden-System<br />

in den Unternehmen<br />

des öffentlichen Regionalverkehrs<br />

<strong>von</strong> mehreren Schweizer Kantonen<br />

eingeführt (BE, FR, JU, NE, SG, TG und<br />

<strong>die</strong> beiden Appenzell). Die restlichen<br />

Kantone sollten bis Juli ebenfalls eingebunden<br />

werden. Das Ziel bestand<br />

darin, <strong>die</strong> Pünktlichkeit, Sauberkeit<br />

und <strong>die</strong> Informationen für <strong>die</strong> Reisenden<br />

zu beurteilen. Die Gewerkschaft<br />

des Verkehrspersonals (SEV) protestierte<br />

dagegen in den Bahnhöfen. Sie<br />

kritisierte den Einsatz eines Druck<strong>mit</strong>tels<br />

gegen Unternehmen des öffentlichen<br />

Verkehrs, <strong>von</strong> denen Bund<br />

und Kantone eine Optimierung der<br />

Kosten verlangen.<br />

Scheinselbständige Tester<br />

Was für ein Management-Instrument<br />

sind Mystery-Kunden, wenn <strong>die</strong> Resultate<br />

<strong>von</strong> den Mitarbeitenden als willkürlich<br />

wahrgenommen werden,<br />

wenn <strong>die</strong> Mitarbeitenden nicht in das<br />

Verfahren einbezogen werden, und<br />

wenn sich <strong>die</strong> Erhebungen auf Nebensächliches<br />

beziehen?<br />

In der Schweiz sind Personen, <strong>die</strong><br />

als Mystery-Kunden eingesetzt werden,<br />

oft Scheinselbständige, <strong>die</strong> auf<br />

Plattformen <strong>von</strong> internationalen Konzernen<br />

eingeschrieben sind. Einige<br />

habe keinerlei Garantie, konkret beschäftigt<br />

zu werden.<br />

Sylvie Fischer<br />

Die Beurteilungen der Testkunden sind bis heute lohnwirksam. (© Die Post)<br />

https://bit.ly/2vEo3ex


22 Politik<br />

Finger weg <strong>von</strong> den<br />

Flankierenden!<br />

Die rechte Mehrheit im<br />

Bundesrat spielt falsch:<br />

SVP und FDP nehmen <strong>die</strong><br />

Verhandlungen <strong>mit</strong> der EU<br />

zum Vorwand für eine<br />

Attacke auf <strong>die</strong> Löhne und<br />

<strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>sbedingungen<br />

in der Schweiz<br />

Text: Bo Humair<br />

Bild: Schweizerisches Sozialarchiv<br />

Bürgerliche Bundesräte legen Feuer<br />

an den sozialen Frieden<br />

Die Schweizer<br />

Massnahmen<br />

könnten für immer<br />

mehr EU-Länder<br />

sogar zum Vorbild<br />

werden.<br />

FDP-Wirtschaftsminister Johann<br />

Schneider-Ammann möchte <strong>die</strong><br />

Massnahmen, <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>ende in der<br />

Schweiz vor Lohn- und Sozialbeschiss<br />

schützen, in sieben Punkten<br />

aufweichen. So steht es in vertraulichen<br />

Papieren seines Departements.<br />

Angeblich, um der EU entgegenzukommen.<br />

Die das in <strong>die</strong>ser Form<br />

aber gar nie gefordert hatte. Bis<br />

FDP-Aussenminister Ignazio Cassis<br />

ohne Not und gegen einen Beschluss<br />

des Bundesrates <strong>die</strong> FlaM<br />

zur Verhandlung feilbot.<br />

Staatssekretär Robert Balzaretti,<br />

der Schweizer Chefunterhändler,<br />

räumt ein, dass man in den Gesprächen<br />

über ein Rahmenabkommen<br />

<strong>mit</strong> der EU, das bis Ende Jahr stehen<br />

sollte, den Schweizer Lohnschutz<br />

noch gar nicht traktan<strong>die</strong>rt hat. Für<br />

immer mehr EU-Länder und immer<br />

mehr europäische Parteien könnten<br />

<strong>die</strong> Schweizer Massnahmen sogar<br />

zum Vorbild werden, im EU-Wahlkampf<br />

2019. Erst kürzlich haben<br />

sich <strong>die</strong> Mitgliedstaaten auf eine<br />

verschärfte Entsenderichtlinie<br />

inner halb der EU geeinigt. Sie<br />

kommt dem Prinzip der Schweizer<br />

Gewerkschaften, Schweizer Löhne<br />

für <strong>Arbeit</strong> in der Schweiz zu fordern,<br />

sehr nahe.<br />

Dennoch wollte Schneider-Ammann<br />

<strong>mit</strong> <strong>Arbeit</strong>gebern, Kantonen<br />

und Gewerkschaften über <strong>die</strong> Revision<br />

der FlaM sprechen. Angeblich,<br />

um sie zu sichern. Doch dann entwischte<br />

ihm <strong>die</strong> Bemerkung, <strong>die</strong><br />

heute gültige 8-Tage-Regel sei Makulatur.<br />

Diese Regel verlangt, dass<br />

entsandte <strong>Arbeit</strong>ende aus der EU<br />

acht Tage vor <strong>Arbeit</strong>santritt den<br />

Schweizer Behörden gemeldet werden<br />

müssen, da<strong>mit</strong> <strong>die</strong> Kantone den<br />

<strong>Arbeit</strong>svertrag kontrollieren können.<br />

Diese Praxis verhindert jedes<br />

Jahr Tausende Fälle <strong>von</strong> Lohnbeschiss,<br />

wie <strong>die</strong> Statistik des SECO<br />

zeigt. Indem Schneider-Ammann sie<br />

öffentlich beerdigte, enthüllte er<br />

seine wahre Absicht und stellte <strong>die</strong><br />

Signale klar auf Sozialabbau und<br />

Lohndumping. Darauf weigerte sich<br />

der SGB, an <strong>die</strong>sen Gesprächen teilzunehmen.<br />

Schneider-Ammann tobte. Der<br />

Affront war stark und für Berner<br />

Verhältnisse schroff. Also auf Höhe<br />

der Sache, um <strong>die</strong> es da geht. Denn<br />

<strong>die</strong> flankierenden Massnahmen<br />

sind <strong>die</strong> Grundlage des sozialen<br />

Kompromisses, auf dem <strong>die</strong> moderne<br />

Schweiz seit der Jahrtausendwende<br />

steht – und der sie noch reicher<br />

gemacht hat.<br />

Schluss <strong>mit</strong> der Baracken-Schweiz<br />

Damals öffnete sich das Land seinen<br />

Nachbarn, <strong>mit</strong> denen es heute<br />

pro Werktag für eine Milliarde Franken<br />

Güter und Dienstleistungen<br />

tauscht. Im Jahr 2000 stimmte das<br />

Volk den bilateralen Verträgen 1<br />

und der Personenfreizügigkeit zu.<br />

Das setzte dem menschenverachtenden<br />

Saisonnierstatut und anderen<br />

Kontingentslösungen ein Ende. Mit<br />

aggressiver Anwerbung hatte <strong>die</strong><br />

Schweiz Hunderttausende <strong>Arbeit</strong>er<br />

ins Land geholt. Bleiben durften sie<br />

aber höchstens 9 Monate pro Jahr,<br />

um ihre Integration zu verhindern.<br />

Die Familie musste draussen bleiben,<br />

ein Stellenwechsel war verboten.<br />

Das war <strong>die</strong> Baracken-Schweiz,<br />

<strong>die</strong> Schweiz der versteckten Kinder<br />

und der rechtlosen <strong>Arbeit</strong>enden. In<br />

Krisen wie Mitte der 1970er-Jahre<br />

wurde eine Viertelmillion Menschen<br />

einfach wieder weggeschickt – exportierte<br />

<strong>Arbeit</strong>slosigkeit.<br />

Die Gewerkschaften, <strong>die</strong> in den<br />

ausländischen Kolleginnen und


Wieder wird lauthals gemotzt über angeblichen Druck der EU, «rote Linien» und <strong>die</strong> flankierenden<br />

Massnahmen. In Wahrheit hat das <strong>mit</strong> der EU wenig zu tun, <strong>mit</strong> Innenpolitik und Konzernprofiten<br />

aber alles. Denn nicht in Brüssel sitzen <strong>die</strong> Feinde <strong>von</strong> korrekten Löhnen, Gesamtarbeitsverträgen<br />

und <strong>Arbeit</strong>s markt kontrollen in der Schweiz, sondern an der Bahnhofstrasse und im Bundeshaus.<br />

23<br />

In den 1970ern<br />

schickten wir eine<br />

Viertelmillion<br />

Menschen einfach<br />

wieder weg – und<br />

exportierten <strong>die</strong><br />

<strong>Arbeit</strong>slosigkeit.<br />

Kollegen lange eine unerwünschte<br />

Konkurrenz gesehen hatten, setzten<br />

sich ab den späten 80er-Jahren für<br />

ihre rechtliche Gleichstellung und<br />

<strong>die</strong> Personenfreizügigkeit ein. Ohne<br />

den aktiven Zuspruch der Gewerkschaften<br />

wären <strong>die</strong> bilateralen Verträge<br />

nie zustande gekommen. Im<br />

Gegenzug musste der Bundesrat<br />

flankierende Massnahmen einrichten,<br />

<strong>die</strong> Schwarz arbeit und Lohndrückerei<br />

verhindern. In mehreren<br />

Abstimmungen bestätigte das hiesige<br />

Stimmvolk <strong>die</strong> vertragliche Erweiterung<br />

der Bilateralen und ihre<br />

Ausdeh nung auf neue EU-Mitgliedsländer,<br />

und seit 2004 wurden <strong>die</strong><br />

Flankierenden viermal verschärft.<br />

Ohne FlaM gibt es keine bilateralen<br />

Verträge <strong>mit</strong> der EU mehr.<br />

Im Kern geht es bei den FlaM<br />

also nicht um Immigration. Die<br />

Zuwande rung folgt, <strong>von</strong> wenigen<br />

Flüchtlingen abgesehen, den Bedürfnissen<br />

der <strong>Arbeit</strong>geber. Sie<br />

machen <strong>die</strong> Immigration. Selbst in<br />

Zeiten strenger Kontingentierung<br />

haben <strong>die</strong> Patrons alle <strong>Arbeit</strong>enden<br />

bekommen, <strong>die</strong> sie brauchten – notfalls<br />

via Kontingentsschacher und<br />

Korruption.<br />

Nicht <strong>die</strong> Ausländer stören sie ...<br />

Vielmehr sind <strong>die</strong> FlaM ein Mass dafür,<br />

wie zivilisiert der <strong>Arbeit</strong>smarkt<br />

und <strong>die</strong> Gesellschaft der Schweiz <strong>die</strong><br />

Beziehungen zwischen Kapital und<br />

<strong>Arbeit</strong> regeln.<br />

Darum möchten SVP, Grossbanken,<br />

etliche Grosskonzerne, ein<br />

Teil der <strong>Arbeit</strong>geberlobbys und der<br />

neoliberalen Eiferer-Flügel der FDP<br />

um Stefan Brupbacher, Generalsekretär<br />

<strong>von</strong> Schneider-Ammann, <strong>die</strong><br />

Flankierenden kippen (Brup bacher<br />

beriet früher Novartis-Chef Daniel<br />

Keine schleichende Rückkehr zum unwürdigen Saisonnierstatut! (© Schweizerisches Sozialarchiv)<br />

Vasella). Sie wissen, dass <strong>die</strong>s ein<br />

Bruch des Schweizer Gesellschaftsvertrages,<br />

also des sozialen Friedens<br />

wäre. Doch sie suchen für ihre neoliberale<br />

Revolution bewusst <strong>die</strong> Konfrontation<br />

<strong>mit</strong> den Gewerkschaften.<br />

Die SVP machte schon 2014<br />

klar, was sie an den Bilateralen<br />

stört. Die Ausländer? Ach was! Die<br />

FlaM, wie SVP-Banker Thomas Matter<br />

im «Blick» bekannte: <strong>die</strong> Einschränkung<br />

der Schwarzarbeit, <strong>die</strong><br />

tripartiten und sozialpartnerschaftlichen<br />

<strong>Arbeit</strong>smarktkontrollen. Matter<br />

bekämpft, was der Ausbeutung<br />

der <strong>Arbeit</strong>en den Grenzen setzt.<br />

Avenir Suisse, der Thinktank<br />

der Konzerne, beklagte <strong>die</strong> wachsende<br />

Zahl <strong>von</strong> Mindestlöhnen –<br />

<strong>die</strong>se Neoliberalen wollen einen<br />

fetten Tiefstlohnsektor. Darum verlangte<br />

Avenir Suisse den rabiaten<br />

«Rückbau der FlaM».<br />

... sondern der Gesellschaftsvertrag<br />

Das waren nur Vorgeplänkel. Brupbacher<br />

organisiert jetzt, zusammen<br />

<strong>mit</strong> einigen <strong>Arbeit</strong>gebervertretern,<br />

<strong>die</strong> Offensive des rechten Blocks.<br />

Zuerst jammerte <strong>die</strong> SVP über <strong>die</strong><br />

wachsende Zahl Gesamtarbeitsverträge.<br />

Dann kam Cassis ins Spiel,<br />

schliesslich sekun<strong>die</strong>rte der offenbar<br />

überfahrene Schneider-Ammann.<br />

Für <strong>die</strong> Gewerkschaften gilt<br />

es, zweierlei zu verhindern: Den Sozialabbruch,<br />

aber auch <strong>die</strong> nationalistische<br />

Regression. Die Falle ist<br />

gestellt.<br />

bit.ly/2wofaFJ


24 50 Fragen und 100 Versuche, zu antworten:<br />

Das Zukunftsprojekt des <strong>syndicom</strong>-Magazins<br />

Wir machen Zukunft<br />

Die nächsten 10 Jahre werden <strong>die</strong> Welt stärker<br />

verändern als <strong>die</strong> letzten 100 Jahre, sagen<br />

Sciencefiction-Autoren und Futurologen. Vermutlich<br />

haben sie Recht.<br />

Nur verschleiert <strong>die</strong> Rede <strong>von</strong> den nächsten<br />

zehn Jahren das Entscheidende. Erstens hat<br />

<strong>die</strong> Zukunft längst begonnen. Und zweitens ist<br />

an <strong>die</strong>ser laufenden Veränderung nichts<br />

zwangsläufig – sie wird gemacht. Ob Algorithmen<br />

und Roboter bezahlte <strong>Arbeit</strong> und da<strong>mit</strong><br />

Wohlstand und Sicherheit zerstören, oder<br />

ob sie mehr Freizeit, mehr soziale Gerechtigkeit<br />

und neue Entfaltungsmöglichkeiten<br />

bieten, wird gerade in Verwaltungsräten und<br />

Regierungspalästen entschieden.<br />

Wie wir <strong>die</strong> Technik nutzen, darüber entscheiden<br />

wirtschaftliche und politische<br />

Machtverhältnisse, gesellschaftliche Visionen<br />

und <strong>uns</strong>ere Bereitschaft, für <strong>die</strong> Gestaltung<br />

der Zukunft Konflikte zu führen, notfalls auch<br />

sehr harte.<br />

Aus <strong>uns</strong>erer eigenen Geschichte, der Geschichte<br />

der Gewerkschaften und der <strong>Arbeit</strong>endenbewegung,<br />

wissen wir, dass es auf <strong>uns</strong><br />

ankommt. In Zeiten grosser gesellschaftlicher<br />

Umbrüche haben wir starken Einfluss ausgeübt,<br />

etwa <strong>die</strong> AHV und andere Sozialversicherungen<br />

durchgesetzt, kürzere <strong>Arbeit</strong>s zeiten<br />

und längere Ferien erzwungen, einen ausgebauten<br />

Service public und den Schutz der<br />

Wir machen Zukunft!<br />

<strong>Arbeit</strong>enden vor <strong>Arbeit</strong>geberwillkür errungen.<br />

Voraussetzung dafür war <strong>die</strong> Fähigkeit, <strong>uns</strong> zu<br />

organisieren. Und <strong>die</strong> richtigen Themen auf <strong>die</strong><br />

Agenda zu setzen.<br />

Das ist heute nicht anders. Wir können das.<br />

Die Futurologen, aber auch <strong>die</strong> Wissenschaftlerinnen,<br />

<strong>die</strong> Konzerne und manchmal sogar<br />

<strong>die</strong> Politikerinnen und Politiker stützen ihre<br />

<strong>Arbeit</strong> stark auf <strong>uns</strong>ere Exper tise ab: auf Umfragen<br />

und Sorgenbarometer, auf Social Media<br />

und <strong>die</strong> ausgeklügelten Vorschlagssysteme<br />

der Unternehmen.<br />

Wir wissen, wie man <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>swelt besser<br />

organisiert, denn wir schaffen <strong>mit</strong> <strong>uns</strong>erer<br />

<strong>Arbeit</strong> Tag um Tag den ökonomischen Wert.<br />

Wir haben es in der Hand, entgrenzte <strong>Arbeit</strong>szeiten,<br />

Datenklau und prekäre (Heim-)<strong>Arbeit</strong>sformen<br />

zu verhindern. Unsere Erfahrung lehrt<br />

<strong>uns</strong>, wie man Solidarität organisiert … und<br />

noch einiges mehr.<br />

Darauf setzen wir bei <strong>uns</strong>erem Projekt «Wir<br />

bauen Zukunft». Wir zählen auf eure Kompetenzen<br />

und auf <strong>uns</strong>ere kollektive Intelligenz.<br />

In einem ersten Schritt wollen wir gemeinsam<br />

50 Fragen an <strong>die</strong> Zukunft und 100 mögliche<br />

Antworten formulieren. Etwa: Wie soll<br />

sich <strong>die</strong> Gewerkschaft für <strong>die</strong> digitale Epoche<br />

neu aufstellen? Welche politischen Forderungen<br />

wollen wir durchsetzen? Wie verhindern<br />

wir, dass wir Algorithmen auf zwei Beinen,<br />

Datensklaven oder verlängerte<br />

Roboterteile werden?<br />

Wie erstreiten wir mehr<br />

Gerechtigkeit, Autonomie,<br />

Solidarität? Was muss <strong>die</strong><br />

Gewerkschaft für dich tun?<br />

Was können wir für Gleichstellung<br />

und Ökologie tun?<br />

Es soll ein offenes, kollektives<br />

Brainstorming darüber<br />

werden, wie wir leben und<br />

arbeiten wollen.<br />

Schickt eure Fragen,<br />

Lösungs modelle, Thesen an<br />

redaktion@<strong>syndicom</strong>.ch.


Recht so!<br />

25<br />

Fragen an den <strong>syndicom</strong>-Rechts<strong>die</strong>nst:<br />

Guten Tag<br />

In <strong>uns</strong>erem Betrieb wird gestreikt, <strong>mit</strong> Unterstützung der<br />

Gewerkschaft <strong>syndicom</strong>. Ich bin mir nicht ganz sicher,<br />

ob ich <strong>die</strong>sen Streik unterstützen will. Ich habe gelesen,<br />

dass Streiken verboten ist, und befürchte daher, dass ich<br />

meine Stelle verliere, wenn ich am Streik teilnehme.<br />

<strong>Arbeit</strong>s kollegen haben mir allerdings ver sichert, dass<br />

Streiken erlaubt ist. Nun bin ich verun sichert und bitte euch<br />

um Klärung <strong>die</strong>ser Frage.<br />

Antwort des <strong>syndicom</strong>-Rechts<strong>die</strong>nstes<br />

In Art. 28 der Bundesverfassung ist<br />

<strong>die</strong> Zulässigkeit des Streiks ausdrücklich<br />

festgehalten. Der Streik ist ein<br />

Grundrecht, das jedem <strong>Arbeit</strong>nehmer<br />

und jeder <strong>Arbeit</strong>nehmerin zusteht.<br />

Aber nicht jeder Streik ist «erlaubt».<br />

Mehrere Voraus setzungen müssen<br />

erfüllt sein: Erstens muss der Streik<br />

<strong>von</strong> einer Gewerk schaft getragen werden<br />

und klar <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>sbeziehungen<br />

betreffen, dann darf keine Friedenspflicht<br />

im GAV dem Streik entgegenstehen,<br />

und weiter muss er das «letzte<br />

Mittel» sein, darf also nicht leichtfertig<br />

und ohne vorangehende Verhandlungen<br />

ergriffen werden. Wenn <strong>syndicom</strong><br />

einen Streik unterstützt und ihn<br />

<strong>mit</strong>trägt, dann dürfen <strong>die</strong> <strong>Arbeit</strong>nehmenden<br />

da<strong>von</strong> aus gehen, dass <strong>die</strong>ser<br />

zulässig ist. Wir haben gut geprüft,<br />

ob alle Voraus setzungen erfüllt sind.<br />

Gibt es Punkte, welche ich unbedingt beachten muss,<br />

falls ich mich dazu entscheide, am Streik teilzunehmen?<br />

Wo<strong>mit</strong> muss ich rechnen?<br />

Du musst dir bewusst sein, dass der<br />

<strong>Arbeit</strong> ge ber für <strong>die</strong> Dauer des Streiks<br />

den Lohn verweigern darf. <strong>syndicom</strong><br />

unterstützt <strong>die</strong> streikenden Mitglieder<br />

aus dem Streikfonds. Das Streik-<br />

Geld ist aber weniger als der Lohn.<br />

Ich habe gehört, dass ich <strong>mit</strong> der Kündigung rechnen muss<br />

und sogar fristlose Kündigungen ausge sprochen werden<br />

können.<br />

Es kann nie ganz ausgeschlossen werden,<br />

dass es zu Kündigungen kommt.<br />

Die Erfahrung zeigt jedoch, dass <strong>die</strong>s<br />

kaum je der Fall ist. Je geschlossener<br />

ein Streik durchgeführt wird, desto<br />

geringer ist das Risiko <strong>von</strong> «Strafaktionen»<br />

der Betriebe. Werden doch<br />

Kündigungen ausgesprochen, sichert<br />

<strong>syndicom</strong> den betroffenen Mitgliedern<br />

<strong>die</strong> nötige rechtliche Unter stützung<br />

zu. Die Kündigungen wären<br />

zwar gültig und beenden das <strong>Arbeit</strong>sverhältnis,<br />

doch sind sie missbräuchlich<br />

bzw. bei fristloser Kündigung<br />

ungerecht fertigt und ziehen hohe finan<br />

zi elle Ansprüche der entlassenen<br />

KollegInnen nach sich, welche <strong>syndicom</strong><br />

für <strong>die</strong> Mitglieder durchsetzt.<br />

<strong>syndicom</strong>.ch/recht/rechtso


26<br />

Freizeit<br />

Tipps<br />

Neue Kurse: PK, Krankenkasse<br />

und Ausländerpolitik<br />

Viele <strong>Arbeit</strong>ende wissen nicht genau,<br />

worauf sie achten müssen,<br />

wenn sie den Vorsorgeausweis ihrer<br />

Pensionskasse lesen. Geht es dir<br />

auch so? Der Movendo-Kurs «Wie<br />

funktioniert meine Pensionskasse?»<br />

sollte das Ganze leichter machen.<br />

Am 2. Oktober um 9.15 Uhr wird Referentin<br />

Sia Lim vom SEV im Hotel<br />

Ambassador Bern erklären, wie <strong>die</strong><br />

2. Säule aufgebaut ist.<br />

Die Rechtsgrundlagen der Pensionskassen<br />

werden vorgestellt und<br />

<strong>die</strong> verschiedenen Leistungsarten<br />

im Detail erklärt. Die Teilnehmenden<br />

nehmen den Vorsorgeausweis<br />

ihrer Pensionskasse <strong>mit</strong> und lernen,<br />

ihn zu lesen. Der Kurs ist kostenlos<br />

für <strong>syndicom</strong>-Mitglieder (410 Franken<br />

für <strong>die</strong> anderen).<br />

Die Kranken- und <strong>die</strong> Unfallversicherung<br />

sichern <strong>uns</strong> finan ziell ab.<br />

Der Kurs «Krankenkasse und Unfallversicherung<br />

– ein Überblick» gibt<br />

ein für alle Mal klare Sicht über <strong>die</strong><br />

Funktionsweise der beiden Versicherungen,<br />

<strong>die</strong> rechtliche Situation<br />

und <strong>die</strong> Lohnfortzahlung bei Krankheit<br />

oder Unfall (am 4. Oktober im<br />

Hotel Ge rolds wil, Geroldswil, kostenlos<br />

für <strong>syndicom</strong>-Mitglieder).<br />

Die Schweizer Migrations- und<br />

Ausländerpolitik ist charakterisiert<br />

durch ein duales System. Für EU-<br />

Staatsangehörige gilt Personenfreizügigkeit.<br />

Für <strong>die</strong> anderen gilt das<br />

neue Ausländergesetz. Was läuft auf<br />

der Dauerbaustelle Ausländerpolitik?<br />

(Kurs «Migrationspolitik und<br />

Migrationsrecht: Fakten, Wertungen,<br />

Perspektiven», 8./9. November<br />

in Männedorf ZH, Hotel Boldern,<br />

Kursgebühr, Verpflegung und Übernachtung<br />

für Mitglieder kostenlos,<br />

sonst 820/140/170 Franken).<br />

<strong>syndicom</strong>.ch/<strong>mit</strong>gliederservice/<br />

aus-und-weiterbildung<br />

10 Jahre nach der Finanzkrise<br />

Kurztagung: KURZSEMINAR Nachdenken<br />

über den nächsten Crash<br />

Vor genau 10 Jahren, am 15. September<br />

2008, ging <strong>die</strong> US-Investment<br />

bank Lehman Brothers pleite.<br />

Es war der Höhepunkt einer der<br />

grössten Finanzkrisen der Geschichte.<br />

Innerhalb <strong>von</strong> wenigen Wochen<br />

mobilisierten Nationalbanken und<br />

Regierungen <strong>die</strong> unglaubliche Summe<br />

<strong>von</strong> 11 324 Mrd. US-Dollar (rund<br />

20 % des Welt-BIP), um <strong>die</strong> Finanzmärkte<br />

vor dem Kollaps zu bewahren.<br />

Doch wurde da<strong>mit</strong> <strong>die</strong> Krise<br />

eher verschoben als bewältigt.<br />

Was also droht, wenn <strong>die</strong> Wirtschaft<br />

demnächst in eine neue Rezession<br />

gerät? Wie kann und soll<br />

sich <strong>die</strong> Linke darauf vorbereiten?<br />

Mit Attac Schweiz lädt das<br />

Denknetz, der linke, sozial kritische<br />

Thinktank der Schweiz, zu einem<br />

Kurzseminar zu <strong>die</strong>sem Thema. Es<br />

findet statt am Samstag, 15. September,<br />

<strong>von</strong> 13.45 Uhr bis 18 Uhr in Zürich,<br />

Ladenlokal, Langstrasse 200,<br />

Ecke Neugasse.<br />

Die ReferentInnen sind: Joachim<br />

Bischoff, Soziologe aus Hamburg,<br />

Mitglied der <strong>Arbeit</strong>sgruppe Alternative<br />

Wirtschaftspolitik («Memorandum-Gruppe»)<br />

und Autor diverser<br />

Bücher (u. a. «Ist der Kapitalismus<br />

am Ende?», «Europas Rechte»);<br />

Min Li Marti, Nationalrätin SPS;<br />

Markus Flück, Attac Schweiz und<br />

Denknetz-Fachgruppe Politische<br />

Ökonomie.<br />

Die Eintritt ist frei, Kollekte wird<br />

organisiert. Unterstützt <strong>von</strong> Multiwatch,<br />

Décroissance Bern, Junge<br />

Grüne Schweiz, SP Schweiz,<br />

SP Kanton Zürich, Juso Schweiz.<br />

Anmeldung per E-Mail an tagung@<br />

denknetz.ch bis am 7. September.<br />

Bitte Name und Anzahl Personen<br />

angeben (Platzzahl beschränkt).<br />

© Films for the Earth<br />

Filmfestival «Filme für <strong>die</strong><br />

Erde» am 21. September<br />

Die Themen des Festivals «Filme für<br />

<strong>die</strong> Erde» sind hochaktuell: Waldbrände,<br />

Trockenheit und Überschwemmungen<br />

als Folgen des<br />

Klima wandels, Vogel- und Insektensterben.<br />

Das 8. Umweltfilmfestival<br />

zeigt an einem Tag 7 Filme parallel<br />

in 20 Städten der Schweiz und in<br />

Liechtenstein.<br />

Den Auftakt bildet am Mittag<br />

«The Empire of Red Gold», der <strong>die</strong><br />

unbekannte Geschichte der weltweit<br />

meistkonsumierten Frucht, der<br />

Tomate, aufdeckt. «Blue Heart» zeigt<br />

mutige Menschen, <strong>die</strong> für <strong>die</strong> letzten<br />

wilden Flüsse Europas kämpfen.<br />

«The Messenger» beleuchtet <strong>die</strong><br />

Schönheit und Bedeutung der gefährdeten<br />

Singvögel und <strong>die</strong> globalen<br />

Ursachen für ihren dramatischen<br />

Rückgang. Das Highlight am<br />

Abend ist <strong>die</strong> Premiere «The Human<br />

Element»: Mit sensationellen Aufnahmen<br />

dokumentiert der weltbekannte<br />

Fotograf James Balog, wie<br />

<strong>die</strong> Umweltveränderungen sich auf<br />

Natur und Menschen auswirken.<br />

Der Verein Filme für <strong>die</strong> Erde ist<br />

eine <strong>von</strong> der Unesco ausgezeichnete<br />

Initiative, <strong>die</strong> Erwachsene und Jugendliche<br />

gemeinsam bewegen will,<br />

da<strong>mit</strong> Visionen für eine nachhaltigere<br />

Gesellschaft entstehen.<br />

Die Festivalorte: Affoltern, Basel,<br />

Bern, Biel, Chur, Genf, Horgen, Interlaken,<br />

Konstanz, Luzern, Rheinfelden,<br />

Solothurn, St. Gallen, Thun,<br />

Winterthur, Zug und Zürich. Nur<br />

Schulkino in: Balzers, Schaan, Steffisburg<br />

und Wolfhalden.<br />

https://bit.ly/2LcOugq<br />

denknetz.ch/<strong>die</strong>-naechste-krise


1000 Worte<br />

Ruedi Widmer<br />

27


28 Bisch im Bild Im Juli und August 2018 engagierte sich <strong>syndicom</strong><br />

an der Seite der Angestellten der grafischen Industrie, <strong>die</strong> den GAV zurückfordern,<br />

zusammen <strong>mit</strong> den Streikenden des Matin und den Protestierenden aus weiteren<br />

Redaktionen sowie am Präsentationstag für Lernende bei Swisscom.<br />

1<br />

3<br />

2<br />

4<br />

5


1, 2 Die Aktion in Zürich zählte viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer<br />

aus dem Tamedia-Druckzentrum, <strong>die</strong> ihre Forderung nach einem<br />

GAV zum Ausdruck brachten. (© Christian Capacoel)<br />

3 Die Unterschriftensammlung im Tamedia-Druckzentrum <strong>von</strong><br />

Bussigny (VD) dauerte bis zum frühen Abend. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

4, 5 Im Tamedia-Druckzentrum in Bern wurden nicht nur<br />

Unterschriften gesammelt, es wurde auch gegrillt. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

6, 7 Die Kundgebung in Lausanne gegen das Aus der gedruckten<br />

Ausgabe <strong>von</strong> Le Matin und <strong>die</strong> Entlassungen führte <strong>die</strong> Avenue<br />

de la Gare hinauf. Auf zahlreichen Plakaten und Transparenten<br />

wurde <strong>die</strong> Haltung der Verlegerin angeprangert. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

8, 9 Am 9. August konnte <strong>syndicom</strong> in Bern den Swisscom-Lernenden<br />

<strong>die</strong> Vorteile einer Mitgliedschaft in der Gewerkschaft vorstellen.<br />

(© Alexander Egger)<br />

29<br />

6<br />

7<br />

8<br />

9


30<br />

Aus dem<br />

Leben <strong>von</strong> ...<br />

Van Tuan Tran<br />

Gute Chancen in einem völlig neuen Beruf<br />

Der 1981 in Wittenbach (SG) geborene<br />

Van Tuan Tran absolvierte zuerst eine<br />

Lehre als Autolackierer und arbeitete<br />

drei Jahre in <strong>die</strong>ser Branche. Danach<br />

liess er sich bei Swisslife intern zum<br />

Vorsorgeberater ausbilden und war bis<br />

2009 in <strong>die</strong>sem Unternehmen tätig.<br />

Es folgte eine Reise nach Vietnam, wo<br />

er Verwandte hat und seine heutige<br />

Ehefrau kennenlernte. Zurück in der<br />

Schweiz, arbeitete er erst temporär bei<br />

Sika, bis allen temporär Angestellten<br />

gekündigt wurde. Im Juli 2012 wurde er<br />

als Spleissergehilfe bei Cablex eingestellt.<br />

Und 2015 nahm er schliesslich<br />

eine Lehre als Netzelektriker <strong>mit</strong><br />

Schwerpunkt Telekommunikation<br />

in Angriff, <strong>die</strong> er in <strong>die</strong>sem Sommer<br />

erfolgreich abgeschlossen hat.<br />

Text: Sylvie Fischer<br />

Bild: Tom Kawara<br />

Nach 3 Jahren Einsatz<br />

haben wir eine faire<br />

Spesenvergütung<br />

auch für <strong>die</strong> Lernenden<br />

Der Beruf des Netzelektrikers – meine<br />

zweite EFZ-Ausbildung – interessierte<br />

mich, weil es eine völlig neue<br />

Lehre war. Sie wurde erst vor vier<br />

Jahren aufgegleist und für mich war<br />

<strong>die</strong>s eine Chance, mir gute <strong>Arbeit</strong>sperspektiven<br />

zu eröffnen. Neu können<br />

sich Netzelektriker spezialisieren<br />

auf Energie, Telekommunikation<br />

– wofür ich mich entschieden habe –<br />

oder Fahrleitung. Dabei lernt man,<br />

Niederspannungs- und Hochspannungskabelanlagen<br />

zu verlegen,<br />

einzu ziehen, zu warten sowie Freileitungen<br />

instand zu halten, wo<strong>mit</strong><br />

ich mich nur in der Lehre beschäftigt<br />

habe. Ein weiterer Bereich ist <strong>die</strong><br />

Installa tion <strong>von</strong> Schalt- und Transformatorenstationen,<br />

öffent lichen<br />

Beleuchtungen sowie Fahrleitungsanlagen<br />

des öffentlichen Verkehrs.<br />

In <strong>die</strong>sen drei Jahren wird alles behandelt,<br />

was <strong>mit</strong> Strom zu tun hat.<br />

Mir hat es sehr gefallen, einen so<br />

breiten Überblick über <strong>die</strong>se Branche<br />

zu erhalten. Jetzt kann ich <strong>die</strong><br />

Verbindungen zwischen den einzelnen<br />

Bereichen besser verstehen.<br />

Weil ich bereits eine Lehre absolviert<br />

hatte, war ich vom allgemeinbildenden<br />

Unterricht befreit.<br />

Heute arbeite ich in der LWL-<br />

(Licht wellenleiter-)Spleissung. Es<br />

geht darum, zwei Teilstücke <strong>von</strong><br />

Glasfasern sicher und sauber <strong>mit</strong>einander<br />

zu verbinden. LWL ist <strong>die</strong> modernste<br />

Technologie für <strong>die</strong> Übertragung<br />

<strong>von</strong> digitalen Daten, <strong>die</strong> <strong>die</strong><br />

höchste Übertragungsrate bietet.<br />

Ich würde <strong>die</strong>sen sehr interessanten<br />

Beruf allen Jugendlichen empfehlen,<br />

auch wenn er anspruchsvoll<br />

ist, weil man dabei überall in der<br />

Schweiz, drinnen und draussen, bei<br />

jedem Wetter und manchmal auch<br />

nachts zum Einsatz kommt.<br />

Ich bin seit Lehrbeginn Mitglied<br />

<strong>von</strong> <strong>syndicom</strong>, weil ich <strong>die</strong> Situation<br />

der Lernenden verbessern wollte.<br />

Damals erhielten <strong>die</strong> anderen Mitarbeitenden<br />

350 Franken Spesenvergütung,<br />

<strong>die</strong> Lernenden aber nur<br />

175 Franken.<br />

Mit der Gewerkschaft haben wir<br />

<strong>uns</strong> drei Jahre lang eingesetzt und<br />

<strong>uns</strong> auch <strong>mit</strong> dem CEO <strong>von</strong> Cablex,<br />

Daniel Binzegger, getroffen. Da <strong>die</strong><br />

Lernenden einmal pro Woche in der<br />

Berufs schule sind, schien es mir<br />

gerecht, wenn sie 80 % der Spesenvergütung<br />

erhalten. Mit dem neuen<br />

GAV ist das nun Tatsache geworden<br />

und <strong>die</strong> Lernenden profitieren seit<br />

August <strong>von</strong> <strong>die</strong>ser Regelung.<br />

Ohne <strong>die</strong> Hilfe <strong>von</strong> <strong>syndicom</strong>, <strong>die</strong><br />

<strong>die</strong> Gespräche <strong>mit</strong> Cablex organisiert<br />

hat, wären wir nicht ans Ziel gekommen.<br />

Auch andere Punkte wie etwa<br />

Vaterschaftsurlaub, Ferientage oder<br />

auch Löhne wurden verbessert. Ich<br />

habe meine Kollegen und Kolleginnen<br />

<strong>von</strong> einem Beitritt zur Gewerkschaft<br />

überzeugt, denn wenn man<br />

nicht gemeinsam handelt, erreicht<br />

man nichts. Die Lernenden bekommen<br />

viel mehr Unterstützung und<br />

Hilfe <strong>von</strong> der Gewerkschaft, als sie<br />

<strong>die</strong> Mitgliedschaft kostet.<br />

www.netzelektriker.ch


Impressum<br />

Redaktion: Sylvie Fischer, Giovanni Valerio,<br />

Marc Rezzonico, Marie Chevalley<br />

Tel. 058 817 18 18, redaktion@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

Lektorat deutsch: Rieke Krüger<br />

Porträts, Zeichnungen: Katja Leudolph<br />

Fotos ohne ©Copyright-Vermerk: zVg<br />

Layout und Druck: Stämpfli, Bern<br />

Adressänderungen: <strong>syndicom</strong>, Adressverwaltung,<br />

Monbijoustrasse 33, Postfach, 3001 Bern<br />

Tel. 058 817 18 18, Fax 058 817 18 17<br />

Inserate: priska.zuercher@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

Abobestellung: info@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

Abopreis ist im Mitgliederbeitrag inbegriffen. Für<br />

Nicht<strong>mit</strong>glieder: Fr. 50.– (Inland), Fr. 70.– (Ausland)<br />

Verlegerin: <strong>syndicom</strong> – Gewerkschaft Me<strong>die</strong>n und<br />

Kommunikation, Monbijoustrasse 33, Postfach,<br />

3001 Bern<br />

Das <strong>syndicom</strong>-Magazin erscheint sechsmal im Jahr.<br />

Ausgabe <strong>Nr</strong>. 8 erscheint am 9. November 2018.<br />

Redaktionsschluss: 1. Oktober 2018<br />

31<br />

Das <strong>syndicom</strong>-Kreuzworträtsel<br />

Für alle, <strong>die</strong> sich verwöhnen wollen:<br />

Zu gewinnen gibt es ein beliebtes Cold<br />

Pack, gespendet <strong>von</strong> <strong>uns</strong>erer Dienstleistungspartnerin<br />

KPT. Das Lösungswort<br />

wird in der nächsten Ausgabe zusammen<br />

<strong>mit</strong> dem Namen der Gewinnerin<br />

oder des Gewinners veröffentlicht.<br />

Lösungswort und Absender auf einer<br />

A6-Postkarte senden an: <strong>syndicom</strong>-<br />

Magazin, Monbijoustrasse 33, Postfach,<br />

3001 Bern. Einsendeschluss: 16. 10. 18.<br />

Der Gewinner<br />

Die Lösung des <strong>syndicom</strong>-Kreuzworträtsels<br />

aus dem <strong>syndicom</strong>-Magazin<br />

<strong>Nr</strong>. 6 lautet: GRATIS.<br />

Gewonnen hat Werner Steiner aus<br />

Frutigen. Die Hotelcard <strong>uns</strong>erer<br />

Partnerin Hotelcard ist unterwegs.<br />

Wir gratulieren herzlich!<br />

Anzeige<br />

Spezialofferte<br />

Bestellen Sie Ihre AgipPLUS-Karte<br />

RABATT: - 4,5 Rp/Lt. Treibstoff (Bleifrei und Diesel)<br />

Jahresgebühr CHF 10.- offeriert<br />

-4.5<br />

Montliche Rechnungsgebühr CHF 2.50 offeriert<br />

Verlangen Sie Ihren Kartenantrag beim Zentralsekretariat<br />

Rp pro Liter<br />

+41 (0)58 817 18 18 - mail@<strong>syndicom</strong>.ch


32 Inter­aktiv<br />

<strong>syndicom</strong> social<br />

LeMatin.ch: Meilenstein <strong>von</strong> Apple 3.8.2018<br />

an der Wall Street<br />

Am Donnerstag hat Apple an der Wall Street Geschichte<br />

geschrieben und als erstes privat geführtes Unter nehmen<br />

<strong>die</strong> Bewertungsmarke <strong>von</strong> 1 Billion Dollar an der Börse geknackt.<br />

Dieser Erfolg krönt <strong>die</strong> jahrzehntelangen Entwicklungsarbeiten<br />

eines Konzerns, dessen Produkte <strong>uns</strong>er<br />

Verhältnis zur Technik revolutioniert haben.<br />

rts.ch: <strong>Nr</strong>. 1 der Hitparade 3.8.2018<br />

ohne eine einzige verkaufte CD<br />

Der Song «079» der Berner Lo &<br />

Leduc hält sich seit 20 Wochen an<br />

der Spitze der Schweizer Hitparade<br />

und bricht den Rekord <strong>von</strong> DJ Bobo.<br />

Die Rapper haben keine einzige CD<br />

verkauft. Alles lief über soziale<br />

Me<strong>die</strong>n und <strong>von</strong> Smartphone zu<br />

Smartphone …<br />

Künstliche Intelligenz versteht noch nichts 15.07.2018<br />

<strong>von</strong> Fussball<br />

Goldman Sachs hatte <strong>mit</strong>hilfe <strong>von</strong> künstlicher Intelligenz<br />

den Gewinner der Fussball­WM 2018 vorausgesagt.<br />

Gewonnen hätte demnach … Brasilien. Voll daneben!<br />

@<strong>syndicom</strong>: Der meistgelesene 31.7.2018<br />

Post im Juli war …<br />

«Westschweizer Redaktionen <strong>von</strong> Tamedia<br />

treten in den Streik» vom 3. Juli wurde 2792<br />

Mal angeklickt. An zweiter Stelle noch ein<br />

Tamedia­Bericht <strong>mit</strong> 2282 Mal. Vielen Dank!<br />

Viviane Hösli @VivianeHoesli 5.7.2018<br />

Mein Paps fragt mich gerade ob er sein @tagi­Abo<br />

verlängern soll oder ob er aus #Solidarität <strong>mit</strong> den<br />

streikenden #Tamedia­Angestellten vorerst darauf<br />

verzichten soll.<br />

Was meint ihr dazu, @<strong>syndicom</strong>_de?<br />

#ENOUGH18 25.7.2018<br />

Reserviere dir den 22. September in<br />

deiner Agenda und folge dem Hashtag<br />

#enough18! An <strong>die</strong>sem Tag findet in Bern<br />

eine Grossdemo statt, welche <strong>die</strong> schon<br />

längst überfällige Lohngleichheit einfordert.<br />

Wir werden zusammen <strong>mit</strong> dir<br />

vor Ort sein – und wenn du Mitglied bist,<br />

wird dir <strong>die</strong> Fahrt <strong>mit</strong> den öV offeriert!<br />

Sergio Ferrari @sergiooferrari 26.7.2018<br />

Solidarität <strong>mit</strong> den Entlassenen der Presseagentur TELAM!<br />

Protestschreiben <strong>von</strong> <strong>syndicom</strong> an <strong>die</strong> Adresse des<br />

argentinischen Präsidenten. @inside_sda @<strong>syndicom</strong>_fr<br />

@<strong>syndicom</strong>_de @CTAGlobal.<br />

<strong>syndicom</strong>.ch: 31.7.2018<br />

Teilzeitarbeit belastet<br />

<strong>syndicom</strong> @<strong>syndicom</strong>_de 26.7.2018<br />

Wir suchen per 1. 11. oder n. Vereinbarung<br />

engagierte Persönlichkeit in den Rechts<strong>die</strong>nst<br />

(50–60%). <strong>syndicom</strong>.ch/ueber<strong>uns</strong>/offen…<br />

#Stellenangebot #<strong>syndicom</strong><br />

Unsere aktuelle Umfrage – <strong>mit</strong> 1000<br />

Teilnehmenden! – hat gezeigt, dass<br />

Teilzeitarbeit (zu) grosse Flexibilität<br />

verlangt und Stress macht. In Teilzeit<br />

an gestellte ZustellerInnen<br />

und BriefträgerInnen haben unter<br />

Planungs <strong>uns</strong>icher heit und Unterbeschäftigung<br />

zu leiden.<br />

«1918.CH – 100 Jahre Landesstreik» 31.7.2018<br />

Die Stadt Olten steht seit Ende Sommer im Mittelpunkt<br />

eines grossen mehrsprachigen, nationalen Theater ereignisses:<br />

«1918.CH – 100 Jahre Landesstreik»! Aufführungen<br />

nur noch bis zum 23. September in der ehema ligen<br />

SBB­Hauptwerkstätte in Olten. Hingehen!<br />

LeTemps.ch: Google testet 3.8.2018<br />

eine zensierte Suchmaschine<br />

Der amerikanische Internet­Riese will nach<br />

8 Jahren Exil wieder zurück nach China.<br />

Dazu will er sich offenbar den Behörden<br />

beugen und eine zensierte Version <strong>von</strong><br />

Google anbieten. «Don’t be evil»? Nicht nur<br />

intern gibt das Konflikte.

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!