Nachbarschaft / dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 73 (4/2018)

derive

Ist Nachbarschaft mehr als ein räumliches Nebeneinander? Die Beiträge zum dérive-Schwerpunktheft Nachbarschaft (Heft 73, Oktober-Dezember 2018) setzen sich mit der Frage, welche Potenziale und Chancen auf der Ebene der Nachbarschaft für Demokratisierung und Teilhabe, für die Stärkung der StadtbürgerInnenschaft und des sozialen Zusammenhalts sowie für nachhaltigen sozialen und wirtschaftlichen Wandel vorhanden sind, auseinander. Welche politischen, wirtschaftlichen und planerischen Strukturen fördern eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen selbstorganisierten Initiativen, Politik und Verwaltung? Welche KomplizInnenschaften lassen sich auf lokaler Ebene schließen, um gemeinsam lebenswerte Stadtteile zu schaffen? Wie kann eine Ökonomie des Alltags aussehen, die lokale Strukturen stärkt, sinnstiftende Tätigkeit befördert und sich am Bedarf der Nachbarschaften orientiert? Welche Räume braucht eine lebendige Zivilgesellschaft? Die inhaltliche Reise geht vom Nordbahnviertel in Wien über das Kottbusser Tor und den Mehringplatz in Berlin, Brooklyn und die Kleinstädte Neuenglands bis zu den Comunas in Venezuela. Das Heft kann hier https://shop.derive.at/collections/einzelpublikationen/products/heft-73 bestellt werden.

Kunstinsert

Herwig Turk

Unstable Grounds |

Unsicherer Boden | Terra Mobile |

Majava Tla

Der Foto- und Konzeptkünstler Herwig Turk arbeitet seit vielen Jahren im Spannungsfeld von

Wissenschaft, Biologie und Natur und realisiert Projekte in unterschiedlichen Kontexten. In

großformatigen Fotografien untersucht er u.a. die Komplexität von Landschaftsräumen, die von

den Eingriffen von Technik und Infrastruktur gekennzeichnet sind und somit das widersprüchliche

Verhältnis von naturräumlichen Bedingungen und Fragen der Nutzung sichtbar machen.

2016 setzte Herwig Turk mit seiner Arbeit Linescape in der Galerie Kargl in Wien Robert

Smithsons monumentale Erdskulptur Spiral Jetty zu den Überformungen im benachbarten

militärischen Sperrgebiet in der Wüste im Südwesten der USA, die für menschliche Eingriffe

wie Atomversuche oder zielgerichtete Bombardierungen zu Trainingszwecken genutzt werden,

in Bezug. Seit zwei Jahren befasst sich Herwig Turk intensiv mit der Flusslandschaft des

Tagliamento im Norden der friulanischen Tiefebene. Dieses Terrain ist voller Widersprüche und

Gegensätze: Einem scheinbar naturbelassenen Flussbett, dem Lebensraum seltener Tier- und

Pflanzenarten, stehen Uferzonen gegenüber, die im Zeichen der Regulierung stehen und entsprechend

devastiert sind. Viele Brücken und Festungsanlagen zeugen von den Anstrengungen,

den Tagliamento als Hindernis zu überwinden und unter Kontrolle zu bringen. Schleusen,

Kanäle und Rohrleitungen verweisen auf die Ausbeutung seiner Wasserressourcen. In dieser

»Vorvergangenheit einer Landschaft in der Region um Gemona gibt es keine Stabilität. Der

Fluss strömt, der Verkehr rollt, die Berge falten.«

Das meist ausgetrocknete Flussbett des Tagliamento befindet sich im Bereich des durch das

Erdbeben von 1976 immer noch gezeichneten Gebietes, das Friaul erschüttert und entvölkert

hat. Abgesehen von Gemona, das als (zweifelhaftes) Vorzeigebeispiel wiederaufgebaut wurde

und zu einer Touristenattraktion wurde, ist die Gegend weitgehend von Abwanderung betroffen.

Verfallende Gebäude, die provisorisch gestützt werden, erzählen von einer instabilen Situation

und der ungewissen Zukunft dieser Region. Für das Insert wählte Herwig Turk Fotos aus, die

der scheinbaren Leere des Flussbetts gewidmet sind und dabei gleichzeitig von der Fülle angelagerter

Aspekte zeugen. Ein Mikrokosmos von Vegetationsinseln nistet sich im Kies ein. Autobahnen

und scheinbar überdimensionierte Brücken führen über das trockene Flussbett des

Tagliamento. Nur in einem Foto zeigt Herwig Turk das seltene Ereignis des wildes Wasser

führenden Stromes. Menschen sind auf seinen Fotografien keine zu sehen. Ihre Präsenz zeigt

sich nur indirekt, in Form der Infrastruktur.

Vom 15. 11. bis zum 9. 12. 2018 findet die Ausstellung Unstable Grounds, produziert

von UNIKUM im Raum für Fotografie, www.unikum.ac.at, St. Ruprechter Straße 10,

Klagenfurt, statt.

Barbara Holub/ Paul Rajakovics

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dérive N o 73 — NACHBARSCHAFT

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