Nachbarschaft / dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 73 (4/2018)

derive

Ist Nachbarschaft mehr als ein räumliches Nebeneinander? Die Beiträge zum dérive-Schwerpunktheft Nachbarschaft (Heft 73, Oktober-Dezember 2018) setzen sich mit der Frage, welche Potenziale und Chancen auf der Ebene der Nachbarschaft für Demokratisierung und Teilhabe, für die Stärkung der StadtbürgerInnenschaft und des sozialen Zusammenhalts sowie für nachhaltigen sozialen und wirtschaftlichen Wandel vorhanden sind, auseinander. Welche politischen, wirtschaftlichen und planerischen Strukturen fördern eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen selbstorganisierten Initiativen, Politik und Verwaltung? Welche KomplizInnenschaften lassen sich auf lokaler Ebene schließen, um gemeinsam lebenswerte Stadtteile zu schaffen? Wie kann eine Ökonomie des Alltags aussehen, die lokale Strukturen stärkt, sinnstiftende Tätigkeit befördert und sich am Bedarf der Nachbarschaften orientiert? Welche Räume braucht eine lebendige Zivilgesellschaft? Die inhaltliche Reise geht vom Nordbahnviertel in Wien über das Kottbusser Tor und den Mehringplatz in Berlin, Brooklyn und die Kleinstädte Neuenglands bis zu den Comunas in Venezuela. Das Heft kann hier https://shop.derive.at/collections/einzelpublikationen/products/heft-73 bestellt werden.

LEONHARD PLANK

FOUNDATIONAL

Economy

Die Infrastruktur des alltäglichen Lebens

Alltagsökonomie, Infrastruktur,

kollektiver Konsum, Wertschöpfung, Finanzialisierung,

Commons, Munizipalismus, De-Growth

Crest Hardware Art Show, 2012

(siehe auch den Artikel Die Nachbarschaft

zusammenschrauben S. 45-52); Foto: Garrett Ziegler

»Paving for Pizza« heißt die marketingtechnisch zweifellos

erfolgreiche Kampagne der seit kurzem weltweit größten Pizza-

Kette Domino’s. Dabei stellen die Pizzabäcker aus Michigan

ausgewählten US-Gemeinden in Aussicht, sich einmalig mit

5.000 US-Dollar an der Reparatur von Schlaglöchern und

anderen Straßenunebenheiten zu beteiligen. Ganz ohne Gegenleistung

geht das freilich nicht: Im Gegenzug müssen die ausgebesserten

Stellen mit dem Logo der Pizza-Kette sowie dem

Spruch »Oh yes we did« versehen werden. Im Gegensatz

zu kreativen Aktionen von BürgerInnen (z.B. Bepflanzung der

Schlaglöcher, Graffiti), die auf das Fehlen regelmäßiger

Instandhaltung von Straßen hinweisen, hat es diese Kampagne

zu nationaler Aufmerksamkeit gebracht. Vermutlich nicht

zuletzt, weil sie exemplarisch die Vorstellungen der Trump-

Administration und ihres Infrastructure Incentives Program verkörpert.

Damit sollen signifikante, private Kapitalströme durch

Public-Private-Partnerships zur Modernisierung der maroden

US-Infrastruktur aktiviert werden.

Aber auch auf dieser Seit des Atlantiks ist im Bereich

der Infrastruktur nicht alles rosig. Dies trifft nicht zuletzt die

kommunale Ebene in Österreich und Deutschland. Am Beispiel

Deutschland lässt sich dies auch grob quantifizieren. Auf Basis

des jüngsten Kommunalpanels 2018 schätzen die Kreditanstalt

für Wiederaufbau (KfW) und das Deutsche Institut für Urbanistik

(Difu) den Investitionsrückstand auf rund 159 Milliarden

Euro. In etwa 48 Milliarden Euro entfallen dabei auf den

Bereich Schulen und Bildungsinfrastruktur. Die notwendigen

Investitionen des Bundes und der Länder (z.B. Breitbandausbau,

Verkehrsinvestitionen für eine Mobilitätswende oder Spitäler)

sind hier noch gar nicht berücksichtigt. Auch wenn diese

Investitionsrückstände räumlich unterschiedlich stark ausgeprägt

sind, kann festgehalten werden, dass Deutschland insgesamt

von seiner Substanz lebt.

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dérive N o 73 — NACHBARSCHAFT

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