Chronik 2018

vanleeuwen.pia

100 Jahre DGVS

Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten


Harro Jenss

Guido Gerken

Markus M. Lerch

100 Jahre

Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

D G V S

August Dreesbach Verlag


Danksagung

Die DGVS Chronik wäre ohne die Mitwirkung zahlreicher Zeitzeugen recht unvollständig

geblieben. Wir möchten an dieser Stelle den folgenden Personen für ihre

Informationen und geduldigen Auskünfte danken: Wolfgang F. Caspary, Meinhard

Classen, Ulrich Robert Fölsch, Wolfgang Gerok, Harald Goebell, Paul Georg Lankisch,

Michael Lamm, Rüdiger Nilius, Gustav Paumgartner, Ernst-Otto Riecken,

Jürgen F. Riemann, Julius Schoenemann, Fam. Axel Starck, Georg Strohmeyer,

Rebecca Schwoch und Stefan Zeuzem.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beteiligten Archive und Bibliotheken

waren stets zur Hilfe bereit. Ihnen gebührt großer Dank.

Ein besonderer Dank gilt Diana Kühne und den Mitarbeiterinnen in der Geschäftsstelle

der DGVS für ihre unermüdliche Mitarbeit.


Inhalt

7 ...... 100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und

Stoffwechselkrankheiten. Vorwort der Herausgeber

10....... 100 Jahre DGVS. Vorgeschichte

20 ...... Die Gründung der DGVS

34 ...... Gastroenterologen 1933 – 1945. Entrechtung –

Vertreibung – Anpassung – Verstrickung

60 ...... Neuanfang – Die DGVS in der Bundesrepublik

82 ...... Die Gesellschaft für Gastroenterologie der DDR

98 ...... Entwicklungen. Von den 1970ern bis zum Gastro-Haus

106 ...... Die DGVS im 21. Jahrhundert

118 ...... Die DGVS in Gegenwart und Zukunft

124 ...... Meilensteine und bedeutende Beiträge für das Gebiet der Gastroenterologie

und Stoffwechselforschung 1835 bis 1989

138 ...... Daten und Fakten zur Geschichte der DGVS

166 ...... Quellenverzeichnis

166 ...... Literaturverzeichnis

174 ...... Bildnachweise


»Nur wer die Vergangenheit

kennt, hat eine Zukunft«

Wilhelm von Humboldt


100 Jahre Deutsche Gesellschaft

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

Vorwort der Herausgeber

Vorwort

Im Jahre 2013 feiert unsere Fachgesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs-

und Stoffwechselkrankheiten, ihren 100. Geburtstag. Diesen Jahrestag

haben wir zum Anlass für eine Rückschau auf die Entwicklung unseres Faches

und der Gesellschaft genommen. Das Ergebnis halten Sie in Form eines Buches in

Händen, das die Geschichte der DGVS erzählt und das in Zusammenarbeit mit

Neumann & Kamp Historische Projekte erstellt wurde. Die Aufarbeitung von 100

Jahren DGVS hat nicht nur die Höhepunkte und Verdienste unserer Fachgesellschaft

berücksichtigt, sondern erinnert auch an die nach 1933 vertriebenen und

aus der Fachgesellschaft ausgeschlossenen Gastroenterologen jüdischer Herkunft

und stellt sich der Verstrickung von Gastroenterologen im Dritten Reich.

Die Innere Medizin in Deutschland hat, länger als vergleichbare Gesellschaften

im Ausland, die Einheit ihres Faches als Ziel verteidigt und tut dies noch

heute. Die Anfänge der Spezialisierung zur Gastroenterologie gehen zurück ins

19. Jahrhundert. Friedrich Theodor von Frerichs begann in Breslau im Jahr 1858

sein Werk Klinik der Leberkrankheiten, und Carl Anton Ewald gab im Jahr 1879 den

ersten Band seiner Klinik der Verdauungskrankheiten heraus. Ismar Boas, ein Schüler

Ewalds, ließ sich im Jahr 1886 als erster Spezialarzt für Magen- und Darmkrankheiten

mit eigenem Labor in Berlin nieder und veröffentlichte 1890 sein

Lehrbuch Allgemeine Diagnostik und Therapie der Magenkrankheiten. Den ersten

Lehrstuhl für Gastroenterologie bekleidete im Jahr 1889 in New York Max Einhorn,

ein Schüler von Gustav Langmann und Hospitant bei Carl A. Ewald in Berlin.

Bereits 1897 gründete sich in den USA die American Gastroenterological Association

unter Beteiligung von Max Einhorn und John C. Hemmeter, der in

Deutschland zur Schule gegangen war. Die Japanische Gesellschaft für Gastroenterologie

wurde 1902 durch Shokichi Nagayo, der in Deutschland studiert und hier

zehn Jahre gelebt hatte, ins Leben gerufen. Trotz dieser deutschen Führungsrolle

bei der Entwicklung des Faches erfolgte die Gründung der DGVS im Jahr 1913 im

Vergleich zu den USA und Japan relativ spät. Dies war nicht zuletzt dem Widerstand

von Kollegen zu verdanken, die die Einheit der Inneren Medizin gefährdet

sahen und sich erst im Jahr 1912 auf die Erste Tagung für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten,

also einen »Spezialkongress«, verständigen konnten. Mit

ähnlicher Zielsetzung (und genauso wenig Erfolg) haben spätere Gastroenterologen

versucht, die Verselbstständigung der Endokrinologie und Diabetologie aus

dem Verbund der DGVS zu verhindern, so zum Beispiel 1952 Gerhardt Katsch als

Präsident.

7


Einen offiziellen Facharzt für Magen-Darm-Krankheiten gibt es seit dem

Bremer Ärztetag 1924 – und dieser wurde während des Ärztetages 1949 in Hannover

wieder abgeschafft. Die berufspolitischen Aktivitäten der DGVS beherrschten

deshalb über viele Jahre die Wiederanerkennung der eigenen Subspezialisierung,

die mit der Einführung des Facharztes für Gastroenterologie 1968 endlich gelang.

Interessanterweise verstanden sich zunächst weder die Gesellschaft für Innere

Medizin (erster Kongress 1882) noch die Gesellschaft für Verdauungs- und

Stoffwechselkrankheiten (erster Kongress 1914) als deutsche Organisationen im

nationalen Sinne und haben das Attribut erst in den Namen aufgenommen (Deutsche

Gesellschaft für Innere Medizin 1920, DGVS 1938), nachdem die deutsche

Sprache in der Folge des Ersten Weltkrieges ihre Bedeutung als Lingua franca der

medizinischen Wissenschaft zu Gunsten des Englischen verloren hatte. Deshalb

überrascht es nicht, dass DGVS-Kongresse auch in Wien, Budapest und Amsterdam

stattfanden. Im Jahr 1922 war beschlossen worden, die Jahrestagung im

Wechsel zwischen Berlin und Wien auszurichten, was schließlich durch das

NS-Regime unterbunden wurde. Auch heute noch führt die DGVS die Tradition einer

internationalen Ausrichtung mit zahlreichen ausländischen Mitgliedern und

einer Fachzeitschrift, der Zeitschrift für Gastroenterologie, fort, die gleichzeitig das

offizielle Organ der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie

und der Ungarischen Gesellschaft für Gastroenterologie ist.

Von Anfang an war die DGVS als interdisziplinäre Fachgesellschaft angelegt,

die sich seit der Grundsatzrede von Ismar Boas beim Kongress 1920 um die Einbeziehung

von Grundlagenwissenschaftlern und Kollegen aus klinischen Partnerdisziplinen

bemühte. Dies erklärt, warum in der 100-jährigen Geschichte fünf Chirurgen,

ein Radiologe (Robert Prévôt, 1961), ein Biochemiker (Robert Ammon,

1969) und ein Pathologe (Volker Becker, 1973) der DGVS vorstanden.

Ähnlich wie die DGVS erlebten auch ihre Publikationsorgane eine wechselvolle

Geschichte. Diese reicht vom 1895 gegründeten Archiv für Verdauungskrankheiten

mit Einschluss der Stoffwechselpathologie und der Diätetik, das nach der

Flucht der Familie Karger in die Schweiz heute noch als Digestion fortgeführt wird,

über die 1938 in Leipzig gegründete Deutsche Zeitschrift für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

bis zu der nach dem Mauerbau erforderlichen Gründung der

Zeitschrift für Gastroenterologie im Jahr 1963. Letztere feiert 2013 ihren 50. Geburtstag

und ist ein essenzieller Bestandteil der Aktivitäten der DGVS mit ihren 5.000

Mitgliedern sowie Mitteilungsorgan ihrer verschiedenen Fachgruppen und Verbände.

Das Beste, was wir von der Geschichte haben,

ist der Enthusiasmus, den sie erregt.

(Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre)

8


Möge die hier vorgelegte Chronik der DGVS nicht nur an die Höhen und Tiefen

unserer Fachgesellschaft in den ersten 100 Jahren seit ihrer Gründung erinnern,

sondern auch den Enthusiasmus weitergeben, mit dem unsere Vorgänger

sich für den Fortschritt des Wissens über die Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

und für das Wohl ihrer Patienten eingesetzt haben.

Vorwort

Harro Jenss

Archivar der DGVS

Guido Gerken

Kongresspräsident

der DGVS 2013

Markus M. Lerch

Präsident

der DGVS

9


10


1 Cappell MS, Waye JD, Farrar JT,

Sleisenger MH. Fifty landmark

discoveries in gastroenterology

during the past 50 years, A brief

history of modern gastroenterology

at the millennium, Part I,

Gastrointestinal procedures and

upper gastrointestinal disorders,

Part II, Gastrointestinal motility,

nutrition, and diseases of

the lower tract, liver and pancreas.

Gastroenterol Clin North

Am 2000; 29 (1 / 2): 223 – 263,

513 – 550.

100 Jahre DGVS

Vorgeschichte

Kapitel 1

2 Hemmeter JC. XXXVI. Kleine Mitteilungen.

Arch f Verdauungskr

1896; 2: 510. Hemmeter erwähnt

den aus Gießen stammenden Arzt

Dr. med. Heinrich Salzer, der in

Baltimore »den gastroenterologischen

Verein [gründete], welcher

[...] sich speciell mit der Therapie

und Chirurgie gastroenterologischer

Krankheiten« befasste. Vgl.

zur Biografie Hemmeters: Hemmeter

JC. Autoergographie. In:

Grote LR, Hg. Die Medizin der

Gegenwart in Selbstdarstellungen,

Band III. Leipzig 1924; 1 – 62.

3 Leven KH, Hg. Antike Medizin,

Ein Lexikon. München 2005;

208 – 209.

Über viele Jahrhunderte stellte das Abdomen einen unsichtbaren Raum dar, in

dem die Verdauungsorgane spezifischen Untersuchungen nicht zugänglich waren.

Erst die Etablierung der Grundlagenfächer wie Physik, Chemie, Physiologie,

Physiologische Chemie und technische Neuerungen in der zweiten Hälfte des 19.

Jahrhunderts ermöglichten wichtige Erkenntnisfortschritte für das pathophysiologische

Verständnis von Erkrankungen der Verdauungs- und Stoffwechselorgane.

Neue diagnostische Möglichkeiten reichten weit über die bisherige Methode

der Palpation des Abdomens hinaus. Die Einführung des weichen Magenschlauches

um 1875 eröffnete das Studium der Magenphysiologie. 1895 machte die Entdeckung

der »X-Strahlen« durch Wilhelm Conrad Röntgen die visuelle Darstellung

des Magen-Darm-Traktes erstmals möglich. In der zweiten Hälfte des 20.

Jahrhunderts revolutionierten die vollflexiblen Endoskope und die bildgebenden

Methoden wie Ultraschall, Computer- und Kernspintomografie die gastroenterologische

Diagnostik. Die Transparenz und die differenzierte Betrachtung der Verdauungsorgane

einschließlich minimalinvasiver, interventioneller und therapeutischer

Verfahren ist heute selbstverständlich. Die visuelle Wende hat neben Wort,

Maß und Zahl das Bild gesetzt. Im gleichen Zeitraum erhielt die Pharmakotherapie

eine wissenschaftliche Fundierung. Virologische und molekularbiologische Verfahren

eröffneten zudem neue Therapiemöglichkeiten. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts

gilt daher zu Recht als das »goldene Zeitalter« der Gastroenterologie.1

Der Terminus »Gastroenterologie« wurde 1896 – vermutlich erstmals – von

John C. Hemmeter, einem Deutschamerikaner, der an der Universität von Maryland

in Baltimore lehrte, im Archiv für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

erwähnt.2 Wenn auch die entscheidenden Fortschritte erst mit Beginn der naturwissenschaftlichen

Methodik möglich wurden, bestand ein Interesse für die Abläufe

im Gastrointestinaltrakt bereits weit vor der Antike.

Der Darm in der Geschichte der Medizin

Der Darm spielte in der Geschichte der Medizin eine wichtige Rolle, »zum einen

aufgrund häufiger Erkrankungen wie Dysenterie, Geschwüre, Ileus oder Koliken,

zum andern als Passage, durch die Heilmittel in den Körper eingebracht werden

konnten (Zäpfchen, Klistiere)«.3 Über die genauen Vorgänge im Inneren des Körpers

konnte über Jahrhunderte nur spekuliert werden, doch boten sich – in Form

von Klistieren, einer strengen Diät oder auch des Verabreichens von Brechmitteln

– bereits sehr früh therapeutische Maßnahmen an, die Linderung versprachen.4

11


4 Garrison FH. History of Gastroenterology.

American Journal

of Digestive Disease 1934; 1:

893 – 898.

Als eines der ältesten medizinischen Lehrwerke gilt das ab dem dritten

Jahrtausend v. Chr. verfasste Huáng Dì Nèi Jīng (Das klassische Lehrwerk der Inneren

Medizin des Gelben Kaisers). Den Verfassern des Werkes war über den Dünndarm

bereits bekannt, dass er »16 Krümmungen [macht] und [...] 2 Löcher [hat], von

denen eines mit dem Magen, das andere mit dem Dickdarm kommuniziert. Er

empfängt die Nahrung, verdaut sie und verwandelt sie in Chylus.«5 Die umfangreichste

Quelle zur ägyptischen Medizin ist das ca. 1.500 v. Chr. verfasste Papyrus

Ebers, auf welchem Krankheiten detailliert dargestellt und beinahe 900 Arzneimitteltherapien

beschrieben werden. Auf dem Papyrus wird unter anderem auf

die Behandlung von Patienten mit einer Obstipation eingegangen.6

Die medizinischen Erkenntnisse der griechischen und römischen Antike resultierten

aus empirischen Beobachtungen. Wichtigster Vertreter der antiken römischen

Medizin ist Galenos aus Pergamon (etwa 129 – 216 n. Chr.), der eine detaillierte

Qualitäten- und Säftelehre entwickelte. Er ordnete dabei den Körpersäften

(Blut, gelbe und schwarze Galle, Schleim) jeweils ein Organ, ein Klima und eine

Jahreszeit zu. Krankheiten seien auf ein schlechtes Mischverhältnis dieser Säfte

zurückzuführen. Die grundlegende Idee von »Verdauung« im Altertum war, dass

man sie als »ein dem Kochen vergleichbares Garmachen der Speisen dachte«.7

Die von Galenos entwickelte Humoralpathologie blieb bis weit in das 18. Jahrhundert

hinein das Paradigma, das die Medizin der westlichen Welt dominierte.

Die Übersetzung medizinischer Texte aus dem Griechischen in semitische

Sprachen ermöglichte der arabisch-islamischen Welt eine breite Rezeption der

antiken Medizin. Nach der islamischen Expansion folgte auf der Iberischen Halbinsel

eine Blütezeit der Medizin des arabisch-islamischen Mittelalters – das Wissen

der Antike wurde assimiliert und ergänzt. Diese Phase des wissenschaftlichen

und kulturellen Austausches wurde durch die »Reconquista« ab 718 zwar beendet,

bildete jedoch das »wesentliche Fundament der scholastischen Medizin des

westlichen Mittelalters«.8

Magen und Darm im Mittelalter und in der

Neuzeit in Zentraleuropa

Die westlichen Gelehrten des Mittelalters konzentrierten sich auf die Exegese und

Überlieferung der alten Meister und entwickelten kaum eigene Ideen. Es gab nur

wenige neue Behandlungsansätze in der Medizin im Allgemeinen, geschweige

5 Puschmann T, Begr, Neuburger

M, Pagel J, Hg. Handbuch der

Geschichte der Medizin, Band 1,

Altertum und Mittelalter, Band

2, Neuere Zeit. Hildesheim, New

York 1971; 24.

6 Pietsch W. Anschauungen

über die Bedeutung von Leber

und Galle im Altertum bis Galen.

Rostock 1935; 11.

7 Puschmann T, Neuburger

M, Pagel J, Hg. Handbuch der

Geschichte der Medizin; 682.

8 Eckart WU. Geschichte der

Medizin. Berlin 1990; 82.

◀◀ Der Papyrus Ebers (etwa 1610

v. Chr.) ist eine medizinische Handschrift

aus dem alten Ägypten,

benannt nach Georg Ebers, der sie

um 1872 für die Leipziger Universitätsbibliothek

in Theben erwarb.

Neben einem großen Spektrum an

Beschreibungen von Krankheiten

– der Papyrus enthält ein eigenes

Kapitel über Darmkrankheiten und

Parasiten – und deren Symptomen

und Diagnosen finden sich auch

Anweisungen für Behandlungen

sowie für die Zubereitung von

Heilmitteln. Dazu werden Zaubersprüche

zur Unterstützung des

Heilerfolges angegeben.

◀ Galenos von Pergamon war ein

griechischer Arzt und Anatom,

der während des 2. und 3. Jahrhunderts

n. Chr. lebte. Galenos’

systematisch ausgebautes Werk

war derart umfangreich und philosophisch

abgesichert, dass es 1.400

Jahre Geistesgeschichte brauchte,

es kritisch zu widerlegen. Seine

Fassung der Humoralpathologie

hatte als Krankheitskonzept

Bestand bis ins 19. Jahrhundert.

Auf der Abbildung ist ein Schema

von Galenos’ Säftelehre dargestellt.

12


9 Ebd.; 65 ff.

10 Zit. nach Strickerschmidt H.

Geerdete Spiritualität bei Hildegard

von Bingen. Berlin 2006; 139.

11 Scheuchzer JJ. Physica, oder

Natur-Wissenschaft, Erster Teil.

Zürich 1709; 29.

12 Rothschuh KE. Geschichte der

Physiologie. Berlin 1953; 45.

denn für Magen-Darm- und Stoffwechselkrankheiten im Besonderen. Zwischen

dem 6. und dem 12. Jahrhundert entwickelten sich die Klöster zu den wichtigsten

medizinischen Zentren. Hier wurden – zunächst aus rein literarischem Interesse

– medizinische Texte gesammelt. Die gesammelten Erkenntnisse kamen jedoch

bald zur Anwendung, da die Klöster für die Gesundheit ihrer Bewohner verantwortlich

waren.9 Bis heute ist eine der bekanntesten Vertreterinnen der monastischen

Medizin die Äbtissin Hildegard von Bingen. Sie hat zwar im engeren Sinne

keine eigenen medizinischen Forschungen betrieben, allerdings kommt ihr das

Verdienst zu, bereits bekannte Behandlungsmethoden aus unterschiedlichen

Quellen zusammengetragen zu haben. Unter anderem beschäftigte sie sich mit

der Wirkungsweise der eingenommenen Nahrung auf den Magen und riet dazu:

»Das erste Frühstück soll aus einer warmen Speise bestehen, die aus Früchten

und Mehl zubereitet wurde, damit der Magen warm wird, denn wenn der Mensch

zuerst ein kaltes Essen oder Trinken zu sich nimmt, macht er dadurch seinen Magen

kalt und ein kalter Magen kann nicht gut verdauen«.10

Kapitel 1

▶ Hildegard von Bingen war eine

Benediktinerin, die um 1150 lebte.

Sie galt als eine der wichtigsten

Universalgelehrten ihrer Zeit und

beschäftigte sich – neben der Theologie,

Ethik, Musiktheorie und

Kosmologie – auch mit medizinischen

Fragen. Sie sammelte bereits

bekannte Behandlungsmethoden

aus verschiedenen Quellen.

▶▶ Die Medizinschule in Salerno

hatte ihre Glanzzeit vom 10. bis

zum 13. Jahrhundert. Zahlreiche

griechisch-arabische Texte wurden

hier ins Lateinische übersetzt.

Diese Darstellung stammt aus dem

Qānūn at-Tibb (Kanon der Medizin)

von Avicenna, in dem dieser

über griechische, römische und persische

Medizintraditionen schrieb.

Beginn einer »modernen« Medizin

Erst nach dem Mittelalter lassen sich im Schatten der weiterhin dominanten Humoralpathologie

neuartige Ansätze für die Erforschung des Darmtraktes erkennen.

Das alte Wissen wurde nicht mehr per se als wahr und gültig anerkannt, sondern

vermehrt in Zweifel gezogen und empirisch untersucht. Ein Ergebnis war die

»Iatrochemie« im ausgehenden 16. Jahrhundert. Dieser Ansatz ging davon aus,

dass sich die Verdauung als Prozess chemischer Zersetzung beschreiben lässt. Die

Iatrophysik des 17. Jahrhunderts konzeptualisierte den Körper dagegen – nach

dem Vorbild der Mechanik – als Maschine. Nach diesem Verständnis funktionierte

die Verdauung wie folgt: Die »Zähne sind so vil als Messer und Mühlsteine, so

die vorgelegten Speisen zerschneiden oder zermalmen, der Schlund ein Trichter,

durch welchen die Speisen hinuntergebracht werden in den Magen, diser ein

kunstlicher Hafen, so die Speisen kochet, die Gedärm ein subtiles Sieb«.11 Hier ist

bereits ein erstes Aufkeimen des wissenschaftlich-methodischen Denkens der

modernen Medizin zu erkennen; der Blick in das Körperinnere war den Medizinern

jedoch weiterhin nicht möglich. Falsche Schlussfolgerungen waren die Folge.12

Jenseits der Schilderungen der Patienten sowie der oberflächlichen Beobachtung

durch die Ärzte waren die »versenkten Welten der Anatomie«13 dem

13


14

◀ Andreas Vesalius lebte im 16.

Jahrhundert. Er war ein flämischer

Anatom und gilt als Begründer

der neuzeitlichen Anatomie sowie

des morphologischen Denkens in

der Medizin. Gegen den Widerstand

verschiedener Autoritäten,

hauptsächlich der Kirche, begann

er, öffentliche Sektionen vorzunehmen.

Mit dieser Methode erregte

er großes Aufsehen, seine Ergebnisse

aber wurden schnell Standard

für die Medizin.


13 Eich W. Medizinische Semiotik

(1750 – 1850). Freiburg 1986; 53.

14 Reiser SJ. Medicine and the

reign of technology. Cambridge

1978; 13.

15 Gerabek WE, Haage BD, Keil

G, Wegner W, Hg. Enzyklopädie

der Medizingeschichte. Berlin

2005; 1500.

16 Ebd.; 216.

17 Premuda L. Die anatomisch-klinische

Methode. Gesnerus 1987;

44: 15 – 32.

medizinischen Blick verschlossen. Der Hauptgrund hierfür war, dass Leichenöffnungen

durch ein Edikt des Papstes Bonifatius VIII. seit 1300 mit dem Kirchenbann

belegt waren. Erst die päpstlichen Ausnahmegenehmigungen für die

Universitäten Bologna (1484) und Padua (1534) machten die Anfänge einer systematischen

Erforschung der menschlichen Anatomie möglich.

Eine herausragende Rolle in der Erforschung der menschlichen Anatomie

spielte der flämische Arzt Andreas Vesalius (1514 – 1564), der bedeutendste Anatom

des 16. Jahrhunderts. In seinem Werk De humani corporis fabrica libri septem

aus dem Jahr 1543 beschrieb er die menschliche Anatomie so detailliert, wie es vor

ihm noch kein anderer Wissenschaftler vermocht hatte.14 Im Gegensatz zu seinen

Zeitgenossen orientierte sich Vesalius nicht allein an den Texten Galenos’, wie es

bisher in der Medizin üblich war, sondern einzig an dem, was sich ihm im Rahmen

von Sektionen darbot. Auf diese Weise widerlegte er die antiken Autoritäten

in zahlreichen Punkten. Neben dem verbesserten anatomischen Wissen gilt Vesalius

deshalb als zentrale Figur der Medizingeschichte, weil er die empirische Bestätigung

und beständige Überprüfung bestehenden Wissens zentral in den medizinischen

Erkenntnisprozess einbezog. Für die heutige Gastroenterologie hatten

die Erkenntnisse von Vesalius weitreichende Konsequenzen. In der Folge beschrieb

etwa Johann Georg Wirsung 1642 den bei Sektionen entdeckten und nach

ihm benannten Ductus pancreaticus.15 1686 machte Johann Konrad Brunner auf

die Brunnerschen Drüsen aufmerksam, die bereits sieben Jahre zuvor von seinem

Schwiegervater, dem Anatomen Johann Jakob Wepfer, beschrieben worden waren,

die aber von der medizinischen Fachwelt zunächst weitgehend unbeachtet

geblieben waren.16

Einen weiteren Schritt in Richtung einer modernen Medizin vollzog Giovanni

Battista Morgagni (1682 – 1771). Er wandte sich strikt gegen die holistischen

und unspezifischen Erklärungsprinzipien der Humoralpathologie und setzte sich

stattdessen leidenschaftlich für die lokalistische und strukturelle Solidarpathologie

ein.17 Konnte sich die Krankheit gemäß den Erklärungsprinzipien der Humoralpathologie

noch weitgehend frei im Körper bewegen, wies ihr die Solidarpathologie

fortan in Form der Organe einen festen Sitz im Körper zu. So beschrieb

Morgagni zum Beispiel als erster die chronische Pankreatitis anhand von Sektionsbefunden.

Diese Aufwertung der festen Strukturen des Körpers führte dazu,

dass die einzelnen Organe zunehmend Gegenstand spezifischer Untersuchungen

Kapitel 1

▶ Johann Konrad Brunner.

▶▶ Giovanni Battista Morgagni.

▶▶▶ Johann Jakob Wepfer.

15


18 Glisson F. Anatomia hepatis.

Den Haag 1681.

wurden. So beschrieb Francis Glisson bereits 1681 die Anatomie der Leber.18 Als

spätere Weiterentwicklung dieses lokalistischen Krankheitsverständnisses sind

die zellularpathologischen Arbeiten Rudolf Virchows (1821 – 1902) zu nennen. Die

Grundidee Virchows hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt und findet sich

in Lehrbüchern zur Pathologie ebenso wieder, wie in molekularbiologischen Ansätzen

zur Entstehung von Entzündungen und Krebserkrankungen.

19 Göckenjan G. Kurieren und

Staat machen, Gesundheit und

Medizin in der bürgerlichen Welt.

Frankfurt / M 1985; 193.

Blick ins Innere des Menschen

Neben den Leichenöffnungen, die sich bis zum 19. Jahrhundert zu einem systematischen

Bestandteil der medizinischen Forschung entwickelten, wurde das

Körperinnere von Patienten durch die Entwicklung zahlreicher neuer Instrumente

zugänglich. Hierdurch wurde für den medizinischen Erkenntnisgewinn sowohl

in der Forschung als auch in der Behandlung eine völlig neuartige Basis geschaffen.

Es stand nun nicht mehr nur die Beschreibung morphologischer Veränderungen

im Vordergrund, sondern vielmehr auch die Untersuchung physiologischer

oder pathophysiologischer Mechanismen sowie der Organfunktionen.

Ein frühes Werkzeug der Medizin war die Magensonde. Ausgehend von ersten

Geräten, die bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt wurden,

konnten die zunächst noch sehr unhandlichen und wenig anwendungsfreundlichen

Instrumente durch den Einsatz von Gummi in den Folgejahren nachhaltig

verbessert werden. Mehr oder weniger zufällig entdeckte Charles Goodyear 1839

das Verfahren der Vulkanisation und war so in der Lage, elastischen Gummi herzustellen.

Vor dem Hintergrund dieser technischen Entwicklung konnte Carl A.

Ewald 1875 in seinen Forschungen einen weichen Magenschlauch einsetzen. Dieser

passte sich der menschlichen Anatomie besser an und war in der Lage, sowohl

die Unannehmlichkeiten der Untersuchung zu mildern als auch dem Arzt Analysen

der Magenfunktion zu ermöglichen.

Neben der sukzessiven Entwicklung der technischen Hilfsmittel für die Patientenuntersuchung

entstand im 19. Jahrhundert eine weitere – aus heutiger

Sicht selbstverständliche – Art der Diagnostik: die körperliche Untersuchung. Neben

einer oberflächlichen Beobachtung durch den Arzt erfolgte der Zugang zur

Krankheit lange Zeit in erster Linie über die Schilderungen des Patienten. Die Tatsache,

dass die Patienten häufig sozial über den sie behandelnden Ärzten standen

sowie das geltende Schamempfinden verhinderten eine körperliche Untersu-

◀ Klistiere zählen zu den ältesten

Darmeinlauf-Methoden. Der

Einlauf erfolgt aus einem Behälter,

der erhöht gehalten oder aufgehängt

wird. Im Altertum wurden

Einläufe vielfach mittels Flaschenkürbissen

oder geschnitzten Holzgefäßen

durchgeführt. Die abgebildete

Klistierspritze stammt aus

dem 17. Jahrhundert.

16


20 Enzyklopädie der Medizingeschichte.

Berlin 2005; 411.

21 Lesch JE. Mani N. Die historischen

Grundlagen der Leberforschung,

Band II. (Baseler Veröffentlichungen

zur Geschichte der

Medizin und Biologie, Fac. XXI.)

Basel, Stuttgart 1967; 373 – 395,

hier 373. 1790 – 1855. Cambridge

1984.

22 Franken FH. Friedrich Theodor

Frerichs (1819 – 1885), Leben

und hepatologisches Werk. Freiburg

1994.

23 Ewald CA. Friedrich Theodor

von Frerichs. In: Allgemeine

Deutsche Biographie 1885; 21:

782 – 790.

24 Mani N. Die historischen

Grundlagen der Leberforschung,

Band II. Baseler Veröffentlichungen

zur Geschichte der Medizin

und Biologie. Fac. XXI. Basel, Stuttgart

1967; 373 – 395, hier 373.

chung. Das erlebte Leiden des Patienten stand somit im Mittelpunkt der ärztlichen

Konsultation.

Dies änderte sich erst mit dem Bedeutungszuwachs der Krankenhausmedizin.

In den in großem Umfang neu entstehenden Kliniken trafen die Ärzte erstmals

in größerer Zahl auf Patienten, die den unteren sozialen Schichten angehörten

und zuvor eher die Dienste der Laientherapeuten in Anspruch genommen

hatten. Im Gegensatz zur früheren Krankenbettmedizin, innerhalb derer der

Kranke zu Hause in seinem Bett thronte und den Ärzten gnädig Audienz erteilte,

waren die Abläufe in den Kliniken nun ganz nach den Bedürfnissen der Mediziner

organisiert. So war die Grundlage dafür geschaffen, dass sich die körperliche Untersuchung

als Zugang zur Krankheit etablierte. Der Patient hatte seinen Körper

stumm darzubieten, während der Arzt die Diagnose vornahm.19

Bei der Weiterentwicklung der medizinischen Forschungsmethodik kam

Claude Bernard (1813 – 1878) eine zentrale Rolle zu.20 Sein erklärtes Ziel war es,

eine wissenschaftliche Methodik für die Medizin zu etablieren. Seine Ergebnisse

erlangte er durch experimentelle Forschung im Labor, einschließlich umfangreicher

Tierversuche, welche für ihn das Zentrum medizinischer Wissensproduktion

darstellten.21 Während der französischen Physiologie das Verdienst zukommt, experimentelles

Arbeiten in die Medizin integriert zu haben, ist die deutsche medizinische

Forschung, vor allem prominent vertreten durch Johannes Müller

(1801 – 1858), dafür bekannt, dass sie die Vorgänge im Körper vorrangig anhand

chemischer und physikalischer Zusammenhänge zu erkären versuchte. Eine zentrale

Rolle für die moderne Medizin besaßen dabei die neu entstandenen Laboratorien,

die den forschenden Ärzten eine naturwissenschaftliche Basis gaben. Das

Handbuch der Physiologie des Menschen von Johannes Müller, das zwischen 1837

und 1840 erstmals herausgegeben wurde, war ein erstes wegweisendes Ergebnis

der neuen Methodik. Aus ihr folgte etwa die Entdeckung der exokrinen Drüsenstrukturen

in Magen und Pankreas durch Rudolf Heidenhain (1834 – 1897).

Kapitel 1

Friedrich Theodor von Frerichs

Im Bereich der Gastroenterologie und Hepatologie war Friedrich Theodor von Frerichs

(1819 – 1888) bedeutender Repräsentant des neuen Paradigmas.22 Er war seit

1859 ärztlicher Leiter der Medizinischen Klinik der Charité in Berlin. Von Frerichs

war in Göttingen von Friedrich Wöhler für die Chemie begeistert worden, hatte

▶ Moderne Krankenbehandlung

im 19. Jahrhundert: In Krankenhäusern

werden körperliche Untersuchungen

durchgeführt. Die Diagnose

allein über Befragungen der

Patienten wird abgelöst. Hier das

Allgemeine Krankenhaus München

von 1813.

▶▶ Claude Bernard (1813 – 1878)

spielte für die Weiterentwicklung

der medizinischen Methode eine

zentrale Rolle. Er stellte Experimente

und auch umfangreiche

Tierversuche ins Zentrum seiner

medizinischen Wissensproduktion.

17


Über die Galle in physiologischer und pathologischer Beziehung gearbeitet und verfasste

in Rudolf Wagners Handwörterbuch der Physiologie das Kapitel über die Verdauung.

Damit schuf er ein »classisches Werk«, das »mit einem Schlage die Lehre

von der Verdauung auf ein vollkommen neues Niveau gehoben« hat, so sein späterer

Schüler Carl Anton Ewald.23 Für die damalige Zeit einzigartig und wegweisend

war von Frerichs zweibändiges Werk Klinik der Leberkrankheiten (1858), mit

dem er der modernen Hepatologie den Weg bereitete. Er nutzte bei voraussetzungsloser

Beobachtung des Kranken alle »Hilfsmittel der physikalischen, chemischen

und mikroskopischen Forschungsweise sowie das experimentelle Verfahren,

um Materialien für den Aufbau einer wissenschaftlichen Medizin zu

sammeln.«24 Wegen der grundlegenden Bedeutung seines wissenschaftlichen

Denkens und Arbeitens sowie wegen der Neuorientierung der klinischen Medizin

wurde von Frerichs als der »geistige Urheber« und Wegbereiter des neuen Fachgebietes

Gastroenterologie / Hepatologie bezeichnet.25

Carl Anton Ewald

Als Mitarbeiter von Frerichs’ war Carl Anton Ewald (1845 – 1915) ebenso wie dieser

naturwissenschaftlich orientiert und hatte sich frühzeitig mit der Physiologie und

Pathologie der Verdauung befasst. Ewald prägte viele seiner Mitarbeiter im Inund

Ausland. Zu ihnen gehörten neben Ismar Boas, Hermann Strauß und Leopold

Kuttner auch die ersten Gastroenterologen in den USA (wie Max Einhorn, John

Conrad Hemmeter, Julius Friedenwald, Bertram Wilton Sippy und Morris Manges),

die bei ihm hospitiert hatten.26

Während von Frerichs und Ewald als wichtige Repräsentanten der modernen

Medizin wegweisende Impulse für die Entwicklung der Gastroenterologie

lieferten, war es Ismar Boas, der als Begründer der Gastroenterologie gilt.27 Er war

nicht allein ein Forscher und emsiger Lehrer in dem neuen Fachgebiet, sondern er

gründete mit dem Archiv für Verdauungskrankheiten die erste Fachpublikation der

noch jungen Disziplin. Die Fachzeitschrift entwickelte sich erfolgreich auf hohem

wissenschaftlichen Niveau und war national sowie international ein führendes

Publikationsorgan für gastroenterologische Forschungsergebnisse.28 Darüber hinaus

kam Ismar Boas das Verdienst zu, mit der Gesellschaft für Verdauungs- und

Stoffwechselkrankheiten die erste subdisziplinäre Fachgesellschaft innerhalb der

Inneren Medizin gegründet zu haben.

25 Riecken EO. 70 Jahre Verhandlungen

der Deutschen Gesellschaft

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten,

Begrüßung zur

39. Tagung, Berlin 4. – 6. Oktober

1984. Z Gastroenterol 1985;

23: 1 – 5.

26 Jenss H. Carl Anton Ewald

(1845 – 1915), Wegbereiter der

Gastroenterologie. Freiburg 2009.

27 Jenss H. Ismar Boas, Erster

Spezialarzt für Magen- und Darmkrankheiten,

Begründer der Gastroenterologie.

(Jüdische Miniaturen,

Band 96.) Berlin 2010. Vgl.

Hoenig LJ, Boyle JD. The life and

death of Ismar Boas. J Clin Gastroenterol

1988; 10: 16 – 24.

28 Boas I. Einleitung zum 15.

Band. Arch f Verdauungskr 1909;

15: 15. Vgl. Boas I. Geleitwort zum

50. Bande. Arch f Verdauungskr

1931; 50:1 – 5.

29 Pagel JP. Biographisches Lexikon

hervorragender Ärzte des

neunzehnten Jahrhunderts. Berlin,

Wien 1901. Reprint Leipzig

1989; 995.

30 Neuburger M. Hermann Nothnagel,

Leben und Wirken eines

deutschen Klinikers. Wien, Berlin,

Leipzig, München 1922.

31 Schmidt G. Hermann Nothnagel

(1841 – 1905), Versuch einer

Würdigung zum 150. Geburtstag.

Z ärztl Fortbild (Jena) 1991; 85:

1213 – 1220.

32 Neuburger M. Hermann Nothnagel.

237 – 239 und 439 – 443.

33 Nothnagel H. Über die

Methode des klinischen Unterrichts,

Prof. Nothnagels

Antrittsvorlesung an der Wiener

Medizinischen Fakultät,

Originalstenogramm. Wiener

Med Wochenschr 1882; 32:

1247 – 1251.

◀◀◀ Friedrich Theodor von Frerichs

◀◀ Ismar Boas in jungen Jahren.

◀ Carl Anton Ewald

18


Adolf Kußmaul (1822 – 1902) beschäftigte sich als breit ausgebildeter Internist bereits

während seines Ordinariates in Freiburg 1867 mit Magenerkrankungen. Seine Arbeit Über

die Behandlung der Magenerweiterung durch eine neue Methode mittels Magenpumpe, die 1869

im Deutschen Archiv für Klinische Medizin erschienen war, war bahnbrechend, sowohl in

therapeutischer (zur Entlastung des Magens bei stenosierenden Prozessen) als auch in diagnostischer

Hinsicht – zumal jetzt Magensaftanalysen zur Bestimmung des Salzsäuregehaltes

im Magen bei Gesunden und Kranken möglich waren. Kußmaul hatte als erster 1868

die starre Spiegelung von Speiseröhre und Magen angewandt. Seine Arbeiten gaben einen

wichtigen Anstoß zur Erforschung der Magenkrankheiten und zur Weiterentwicklung der

Oesophago-Gastroskopie. Sie stellten einen wichtigen Schritt auf dem Weg in die Spezialisierung

dar, auch wenn sich Kußmaul als Internist verstand, der »Abspaltungen« von der

Inneren Medizin ablehnte und der sich aus diesem Grunde 1895 an der von Boas vorgeschlagenen

Herausgeberschaft des Archivs für Verdauungskrankheiten nicht beteiligen wollte.

Kapitel 1

Wilhelm Olivier von Leube (1842 – 1922), seit 1874 Leiter der Medizinischen Klinik in

Erlangen und seit 1885 in Würzburg tätig, beschäftigte sich als Internist frühzeitig mit den

Magen- und Darmkrankheiten. Insbesondere benutzte er die Magensonde zu diagnostischen

Zwecken.29 Er verfasste die breit rezipierten Schriften Die Krankheiten des Magens

und Darms (1878) und Die Magensonde: die Geschichte ihrer Entwicklung und ihre Bedeutung in

diagnostisch-therapeutischer Hinsicht (1879). 1901 wurde von Leube wegen seiner Verdienste

zum Ehrenmitglied der American Gastroenterological Association ernannt.

Hermann Nothnagel (1841 – 1905) war zunächst enger Mitarbeiter Ernst von Leydens

in Berlin.30 Mit diesem wechselte er nach Königsberg und wurde dort habilitiert. Auf Betreiben

von Kußmaul übernahm Nothnagel 1872 in Freiburg eine Professur für Arzneimittellehre

und die Leitung der Medizinischen Poliklinik; nach einer Zwischenstation in Jena wurde

er 1882 zum ärztlichen Vorstand der 1. Medizinischen Universitätsklinik in Wien berufen.31

Wegweisend für die Gastroenterologie waren seine 1884 publizierten Beiträge zur Physiologie

und Pathologie des Darmes und Die Erkrankungen des Darmes und des Peritoneums von

1898. Nothnagels Haltung war von Menschlichkeit und hohem Rechtsempfinden gekennzeichnet;

er gehörte 1891 in Wien zu den Gründern des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus

und hat öffentlich und konsequent gegen den Antisemitismus Stellung bezogen.32 In

seiner berühmten Wiener Antrittsvorlesung vom 16. Oktober 1882 formulierte er jene Sätze,

die später immer wieder zitiert wurden: »[…] mit Kranken, nicht mit Krankheiten hat es die

Klinik zu tun […] Nur ein guter Mensch kann ein grosser Arzt sein«33.

Franz Riegel (1843 – 1904) beschäftigte sich in seinen Arbeiten vornehmlich mit der

funktionellen Diagnostik der Magenkrankheiten mittels differenzierter Analyse der Magensäuresekretion.

Er vertrat die Auffassung, dass für die Chronifizierung des Magenulcus eine

Hyperazidität notwendig sei, und entdeckte die hemmende Wirkung des Atropins auf die

Magensaftsekretion. Große Anerkennung erwarb er sich durch den Beitrag Die Erkrankungen

des Magens in Nothnagels Handbuch der Speciellen Pathologie und Therapie (1897). Riegel

gehörte zu den ersten Mitherausgebern des Archivs für Verdauungskrankheiten.

19


20


1 Boas I. Über Ziele und Wege der

Verdauungspathologie. Arch f Verdauungskr

1896; 1: 1. Vgl. Boas

I. Zum 25-jährigen Bestehen des

Magen-Darmspezialismus, Rückblicke

und Ausblicke. Arch f Verdauungskr

1911; 17: 511 – 532.

2 Frerichs FT. Eröffnungsrede,

Erster Congress für Innere Medizin.

In: Lasch HG, Schlegel B, Hg.

Hundert Jahre Deutsche Gesellschaft

für Innere Medizin, Die

Eröffnungsreden der Vorsitzenden

1882 – 1982. München 1982; 3 – 7.

Die Gründung der DGVS

Kapitel 2

3 Boas I. Über Ziele und Wege der

Verdauungspathologie; 1.

4 Boas I. Autoergographie. In:

Grote LR, Hg. Medizin der Gegenwart

in Selbstdarstellungen, Band

7. Leipzig 1928; 83.

5 Jenss H. Carl Anton Ewald

(1845 – 1915), Wegbereiter der

Gastroenterologie. Freiburg 2009;

26 – 29. Vgl. Ewald CA [Vortrag].

Ansprache über Anlaß und Ziele

der Tagung, 1. Tagung über Verdauungs-

und Stoffwechselkrankheiten,

Bad Homburg 1914. In:

Verhandlungen der Ersten Tagung

über Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.

Berlin 1916; 4 – 7.

»Zwei Richtungen stehen sich in der modernen Heilkunde gegenüber: die eine bestrebt,

die Unität der Wissenschaft zu erhalten und jede Spaltung und Zerklüftung zu verhüten,

die andere, getragen von dem Gedanken, den Rohbau des medicinischen Gebäudes

durch Detailarbeit zu verfeinern und auszugestalten […] die Trennung einzelner

Disciplinen [wird] dem Grundstock der Wissenschaft nicht schaden, wohl aber wird die

Einzelforschung, im kleinsten Punkt die größte Kraft sammelnd, koncentrierter an Ergebnissen,

welche wiederum der Gesamtwissenschaft zu gute kommen.«1 Mit dieser

Programmatik fasste Ismar Boas 1896 eine Debatte zusammen, die das Spannungsfeld

zwischen Einheit der Inneren Medizin und Spezialisierung mit fachlichen

Schwerpunkten wesentlich berührte. 14 Jahre zuvor hatte Friedrich Theodor

von Frerichs in seiner Eröffnungsrede zum ersten Kongress für Innere Medizin in

Wiesbaden zwar die Erfolge durch die Arbeitsteilung und den Ausbau von Einzelfächern

gewürdigt, aber gleichzeitig die Einheit der Inneren Medizin beschworen

und von der Einheitsidee des menschlichen Organismus gesprochen.2 Ebenso

vertrat Boas einen ganzheitlichen Ansatz, blickte weit über die Organgrenzen hinaus

und plädierte für »die Schärfung des Blickes für das Ganze, in der Erkennung,

daß nicht Krankheit, sondern der Kranke Gegenstand ärztlicher Fürsorge«3

ist. Allerdings waren nach seiner Meinung Fortschritt in der Wissenschaft und

Qualität nur durch Spezialisierung und Konzentration zu erreichen. Boas hatte

bereits 1886 aus seinen Überlegungen eine praktische Konsequenz gezogen und

sich in einem kühnen Schritt als »Specialarzt für Magen-Darm-Krankheiten« in

der Berliner Friedrichstraße niedergelassen.

Für Boas selbst war diese Bezeichnung eine »abgekürzte Nomenklatur«; das

Spezialfach umfasse den »gesamten Verdauungsapparat, die Leber und die Gallenwege,

das Pankreas und die Erkrankungen des Peritoneums« sowie auf die

»engen Beziehungen zwischen Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten«.4 Mit

seinem mutigen Schritt in die Spezialisierung realisierte er eine ärztliche Differenzierung,

wie sie sich in vielen Bereichen am Ende des 19. Jahrhunderts vollzog;

und er antizipierte eine Entwicklung, die 38 Jahre später, 1924, mit der Einführung

eines Facharztes für Magen-Darm- und Stoffwechselerkrankungen eine Bestätigung

fand. Boas’ Vorschläge waren zunächst umstritten. So distanzierte sich sein

Mentor Carl Anton Ewald, obwohl selbst Wegbereiter der Gastroenterologie, mit

deutlichen Worten von seinem Schüler, vertrat offensiv die Einheit der Inneren

Medizin und lehnte explizit eine eigenständige Spezialisierung ab; erst später korrigierte

Ewald seine Haltung gegenüber dem neuen Fach.5

21


6 Boas I. Autoergographie; 86.

Die Gründung der Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

vollzog sich organisatorisch – in Analogie zur Begründung des Ersten Congresses

für Innere Medizin – in zwei Schritten: »Neben der Begründung des Archivs

schwebte mir seit langem der Gedanke eines Kongresses vor, in welchem die

wichtigsten Themata der Verdauungs- und Stoffwechselpathologie in Form von

Referaten und Diskussionen behandelt werden sollten. In dieser Hinsicht waren

uns die Vereinigten Staaten von Nordamerika durch die Gründung der Gastro-Enterological

Society [1897] vorangegangen.«6

Zunächst konstituierte sich 1913 ein fünfköpfiger Vorstand für die Erste Tagung

ueber Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten mit Carl Anton Ewald (Berlin)

als erstem und Adolf Schmidt (Halle) als zweitem Vorsitzenden; dem Gremium

gehörten ferner Ismar Boas (Berlin), Hugo Starck (Karlsruhe) und Curt Pariser (Bad

Homburg) an.7 Neben dem Vorstand waren ein beratender Ausschuss und ein

Schriftführer vorgesehen. Eine gemeinsame Sitzung erfolgte während des ersten

Kongresses 1914.

Es war der zweite Pfingstfeiertag 1912, als sich in Bad Homburg erstmals die

Initiatoren des ersten Kongresses für das neue Fachgebiet trafen und die Tagung

für 1914 beschlossen.8 Curt Pariser gelang die Vermittlung zwischen den führenden

Persönlichkeiten, 1913 den ersten Vorstand zu gründen und die Voraussetzungen

für die ersten Schritte zur Realisierung der Veranstaltung zu schaffen.9 Die

neue Vereinigung verstand sich, ganz im europäischen Sinne, als übernational.

Eine Festlegung auf eine Nation wurde nicht erwähnt, den Zusatz »Deutsch« erhielt

die Gesellschaft erst 25 Jahre später nach der 14. Tagung 1938. Die Tagungen

sollten – einer Anregung des Berliner Internisten Paul F. Richter folgend – ab 1923

abwechselnd in Berlin und Wien stattfinden, zudem wurde 1928 in Amsterdam

(Vorsitz Albert Abraham Hijmans van den Bergh) und 1930 in Budapest (Vorsitz

Alexander Baron von Korányi) getagt.10 Inhaltlich verfolgte die Gesellschaft seit

ihren Anfängen insbesondere unter Einbeziehung der Chirurgen und Pathologen

einen interdisziplinären Ansatz.11 Bei der 9. Tagung 1929 in Berlin hatte deshalb

der aus Österreich stammende Chirurg Hans von Haberer das Amt des Vorsitzenden

inne.12

Die Bestrebungen um das Spezialfach Gastroenterologie fanden 1924 während

des 43. Deutschen Ärztetages in den Leitsätzen zur Facharztfrage (Bremer

Richtlinien) ihren Niederschlag: Es wurde der Facharzt für »Magen-, Darm- und

7 Tagesnachrichten, Tagung für

Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.

Arch f Verdauungskr.

1913; 19: 812.

8 Ewald CA. [Vortrag]. Eröffnungsrede,

1. Tagung, Bad Homburg

1914. In: Verhandlungen der

Ersten Tagung über Verdauungsund

Stoffwechselkrankheiten. Berlin

1916; 6.

9 Boas I. Autoergographie; 87.

10 Ebd.

11 Boas I. Eröffnungsrede, 2.

Tagung, Bad Homburg 1920 [Vortrag].

In: Classen M, Hg. Tagungen

der Deutschen Gesellschaft

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten,

Band 1, 1914 – 1969.

Gräfelfing 1987; 17.

12 v. Haberer H. Eröffnungsrede,

9. Tagung, Berlin 1929 [Vortrag].

In: Ebd.; 59 – 61.

13 Taunusbote, 20.04.1914

14 Opitz K. Rechte und Pflichten

der Ärzte und Zahnärzte, Auf

Grund amtlichen Materials. Berlin

1926; 29.

15 Ebd.; 28 – 29.

16 Boas I. Autoergographie; 87.

17 Verh Ges Verd Stoffwechselkr,

V. Tagung in Wien 1925. Leipzig

1926.

18 Verh Ges Verd Stoffwechselkr.

IX. Tagung in Berlin 1929. Leipzig

1930; 36.

19 Verh Ges Verd Stoffwechselkr.

X. Tagung in Budapest 1930. Leipzig

1931; 29.

20 Ebd.

◀◀ Kurhaus und Kurpark Bad

Homburg. Hier fand die erste

Tagung der DGVS 1914 statt.

◀ Titelseite des Programms der

ersten Tagung über Verdauungsund

Stoffwechselkrankheiten. Verschiedene

Szenen in antikisierender

Manier zeigen verspielt-ironisch

verschiedene Größen und Pioniere

der Gastroenterologie, u. a. Ismar

Boas und Carl Anton Ewald (oben

links) sowie Hermann Strauß (darunter).

Ebenso können Anspielungen

auf Max Einhorn und den

Namen Carl von Noordens entdeckt

werden. Das Blatt ist C. P.

(Curt Pariser) gewidmet.

22


Die Tageszeitung Der Taunusbote berichtete ausführlich

über den Kongress. Als Vorankündigung heißt es

am 20. April 1914: »Nach Abschluss des wissenschaftlichen

Teiles Vorschläge von Referats-Themata für

die nächste Tagung und Anträge aus der Versammlung.

Sitzung des Vorstandes und des erweiterten

Ausschusses. Kaffee im ›Blauen Saal‹ mit Konzert

der städtischen Kapelle. Für die Herren und Damen,

die ein Interesse an der Besichtigung der Kur- und

Badeeinrichtungen und der Sehenswürdigkeiten der

Stadt haben, wird ein Rundgang veranstaltet. Die

Sitzungen finden teils im ›Theater‹, teils im ›Goldsaal‹

des Kurhauses statt. Während der Sitzungen

besuchen die Damen der Kongressteilnehmer unter

der Führung der Damen von hießigen Ärzten das Schloss, die Erlöserkirche, den Kurpark

und die übrigen sehenswerten Bauten und Anlagen der Stadt und die Saalburg.«13 Auch

zum Abschluss am 24. April wurde wieder ausführlich berichtet.

Kapitel 2

Stoffwechselkrankheiten« eingeführt.14 Als Voraussetzungen für den Facharzttitel

galt, dass der Anwärter über die notwendigen Techniken und besonderen Kenntnisse

für das Fach verfügte und dass er eine mindestens dreijährige praktische

Ausbildung absolviert hatte; diese sollte in der Regel an Kliniken einer Universität

oder an, von anerkannten Fachärzten geleiteten, gesonderten Abteilungen größerer

Krankenhäuser erfolgen.15 Der Qualifikationsnachweis war der ärztlichen

Standesvertretung vorzulegen.

Im Oktober 1925 schließlich, anlässlich der 5. Tagung in Wien unter Leitung

von Leopold Kuttner (Berlin), entstand aus den Tagungen die mit Satzung und Geschäftsordnung

versehene Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.15

Zudem wurde ein Generalsekretariat eingerichtet; zum Generalsekretär

wählte die Gesellschaft Reinhard von den Velden (Berlin) und zum Schatzmeister

den Berliner Krebsforscher Ferdinand Blumenthal.17

Die Gesellschaft wuchs rasch: 1925 gehörten ihr 150 Mitglieder an, vier Jahre

später wurden bereits 398 Mitglieder gezählt18, und während der zehnten Tagung

1930 in Budapest waren es schon 472.19 Auf Anregung von Hermann Strauß wurde

zur Feier der zehnten Tagung ein einmaliger Preis mit 1.000 RM aus dem Vermögen

der Gesellschaft gestiftet, der »Boas-Preis«; als Preisaufgabe wurde folgendes

Thema gewählt: Die bakterielle und abakterielle Genese von Pankreaserkrankungen.

Preisträger waren Dr. Kaczander (Berlin) mit 700 RM und cand. med. Neter (Mannheim)

mit 300 RM. 1930 wurden Alexander von Korányi (Budapest), Knud Faber

(Kopenhagen), Albert Abraham Hijmans van den Bergh (Utrecht), Elliott P. Joslin

(Boston) und Max Einhorn (New York) zu Ehrenmitgliedern ernannt.20

23


21 Grosche H. Geschichte der

Stadt Bad Homburg vor der Höhe,

Band III, Die Kaiserzeit. Frankfurt

1986; 202 – 203.

Erste Tagung für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

im April 1914 in Bad Homburg

Welche Gründe für die Wahl des Kurhauses Bad Homburg als Ort für die ersten

drei Tagungen (1914, 1920, 1922) bestimmend waren, ist unbekannt. Ob mit Bad

Homburg – im Vergleich zum Tagungsort des Kongresses für Innere Medizin in

Wiesbaden – der Eigenständigkeit der neuen Vereinigung Ausdruck verliehen

werden sollte, muss spekulativ bleiben. Sicher ist jedoch, dass der sehr aktive Bad

Homburger und frühere Berliner Magen-Darm-Arzt und Diätetiker Curt Pariser

eine wesentliche Mittlerfunktion einnahm. Er leitete in Bad Homburg seit 1900

eine weithin geschätzte Spezialkuranstalt für Magen-Darm-Krankheiten, verfügte

über viele Beziehungen zu den damaligen führenden Gastroenterologen und

war seit seiner Berliner Tätigkeit mit Ismar Boas bekannt. Bad Homburg wurde

wegen seiner Mineralquellen und Kurkliniken in den 25 Jahren vor dem Ersten

Weltkrieg von vielen Kurgästen aus Deutschland sowie vor allem aus Russland

besucht und dadurch zunehmend bekannt.21 Mit dem Kurhaus standen angemessene

Tagungsmöglichkeiten zur Verfügung. Boas nannte den Tagungsort 1920 einen

»angesehenen Platz unter den zahlreichen Fachversammlungen der Medizin«.22

Der erste Kongress im April 1914 im Bad Homburger Kurhaus war erfolgreich.

Er wurde von etwa 300 Ärzten und klinischen Lehrern aus dem In- und Ausland

besucht, und Boas stellte zufrieden fest, dass die Referate und die »anschließenden

Diskussionen auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau standen«.23

Für die Kurstadt Bad Homburg stellte der Kongress ein besonderes Ereignis dar,

über das in der lokalen Presse wiederholt berichtet wurde.24 Persönlichkeiten wie

die Professoren Carl Anton Ewald (Berlin), Ismar Boas (Berlin), Adolf Schüle (Freiburg),

Knud Faber (Kopenhagen), Leopold Kuttner (Berlin), Adolf Schmidt (Halle),

Hermann Strauß (Berlin), Hugo Starck (Karlsruhe), Ferdinand Blumenthal (Berlin),

Theodor Rosenheim (Berlin) und Gustav Singer (Wien) wurden als »weit berühmte

Ärzte«25 namentlich genannt und öffentlich begrüßt. Für die erste Tagung

hatte Ismar Boas 10.000 Mark gespendet, um von den Zinsen dieses Kapitals alle

zwei Jahre einen Preis für die beste und praktisch wertvollste Arbeit auf dem Gebiet

der Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten stiften zu können. Ewald hielt

die Eröffnungsrede und bekannte sich zu dem neuen Fachgebiet: »Es ist nicht zu

leugnen, dass die Wissenschaft als solche nach einer immer mehr zunehmenden

22 Boas I. Eröffnungsrede, 2.

Tagung, Bad Homburg 1920; 15.

23 Boas I. Die erste Tagung für

Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

in Bad Homburg.

Arch f Verdauungskr 1914; 20:

421 – 422.

24 Taunusbote, Homburger Tagblatt

[Zeitung]. 20. April 1914

(Nr. 91). 24. April 1914 91), 24.

April 1914 (Nr. 95), 27. April 1914

(Nr. 97).

25 Taunusbote [Zeitung]. 24.

April 1914 (Nr. 95).

26 Ewald CA. Eröffnungsrede, 1.

Tagung, Bad Homburg 1914; 5.

27 Verhandlungen der Ersten

Tagung über Verdauungs- und

Stoffwechselkrankheiten. Berlin

1916; 7 – 31, 61 – 94 und 121 – 154.

28 Boas I. Eröffnungsrede, 2.

Tagung, Bad Homburg 1920;

15 – 17.

29 Verh Ges Verd Stoffwechselkr,

X. Tagung 1930. Leipzig 1931;

27 – 28.

30 Jenss H. Carl Anton Ewald.

31 Strauß H. Carl Anton Ewald,

Nachruf. Berl Klin Wochenschr

1915; 52: 1054 – 1056.

32 Boas I. Autoergographie.

33 Jenss H. Ismar Boas. Teichmann

W. Ismar Boas – eine biographische

Skizze. Freiburg 1992.

34 Boas I, Levy-Dorn M. Zur Diagnostik

von Magen- und Darmkrankheiten

mittels Röntgenstrahlen.

Dtsch Med Wochenschr 1898;

24: 18 – 19.

◀ Im Boas-Archiv, dem Archiv

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten,

finden sich viele

Werbeanzeigen für Medikamente,

Bade- und Kurhäuser, die sich auf

die Behandlung von Magen- und

Darmkrankheiten spezialisiert hatten.

So hat auch Curt Pariser das

hohe Ansehen des Archivs genutzt

und Anzeigen für sein Kurhaus in

Bad Homburg geschaltet.

24


35 Boas I. Therapie und Therapeutik,

Ein Mahnruf an Ärzte, Kliniker

und Pharmakologen. Berlin 1930.

36 Letter Lenox Hill Hospital,

New York, an I. Boas vom 18.

Oktober 1937. Leo Baeck Institute,

New York, 4. Karte Ismar

Boas, AR-C.525 1374.

37 Schäfer PK. Exil und Tod des

Ismar Boas. Verdauungskrankheiten

2003; 21: 135 – 144.

38 Kleeberg J. Zur 100. Wiederkehr

des Geburtsjahres von Prof.

Dr. I. Boas (Berlin). Gastroenterologia

1958; 89: 359 – 363.

Avery H. Tribute to Ismar Boas

(1858 – 1938). Gastroenterologia

1958; 90: 49 – 53.

39 Tagesnachrichten, Tagung für

Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.

Arch f Verdauungskr

1913; 19: 812. Vgl. Boas I. Nachruf

auf Adolf Schmidt. Arch f Verdauungskr

1919; 25: 1 – 2.

40 Schultze F. Nachruf auf Adolf

Schmidt. Chronik der Universität

Bonn für das Jahr 1918 / 1919.

Bonn 1919; 17.

41 Ebd.; 17 – 18.

42 von Noorden C. Adolf Schmidt

– Nachruf. In: Adolf Schmidt’s Klinik

der Darmkrankheiten. München

und Wiesbaden 1921; I – VII.

43 Ebd.

44 Schmidt A. Die schweren entzündlichen

Erkrankungen des

Dickdarmes. Arch f Verdauungskr

1916; 22: 1 – 25.

45 Nachtigal J. Der Deutsche

Medizinische Fakultätentag,

1913 – 1972 [Dissertation]. Erlangen

1973; 11, 76 – 79.

46 Klimpel V. Ärzte-Tode. Würzburg

2005; 15 – 17.

Spezialisierung hindrängt und keine Widerstände duldet […] Es kann fraglich sein,

ob die immer weiter getriebene Spezialisierung in der ärztlichen Praxis wünschenswert

und unbedingt zu billigen ist […] Die wissenschaftliche Arbeit gewinnt

naturgemäß durch die Beschränkung auf ein kleines Gebiet.«26 Die drei Hauptreferate

der ersten Tagung repräsentierten jenes Spektrum der Forschungsbereiche,

die die neue Gesellschaft inhaltlich vertrat: Adolf Schmidt befasste sich mit den

Schweren entzündlichen Dickdarmerkrankungen, Georg Rosenfeld referierte über

Wandlungen in der Behandlung des Diabetes, ergänzt durch ein Koreferat von Carl

von Noorden über Gicht und Diabetes; das dritte Referat hielt Gustav von Bergmann

über Die Bedeutung der Radiologie für die Diagnostik der Erkrankungen des

Verdauungskanals.27 Die Referate und Diskussionsbeiträge wurden in einer eigenen

Reihe als Verhandlungen des Kongresses für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

im Auftrag des Vorstandes vom jeweiligen Schriftführer der Tagung

herausgegeben. Ab 1925 gab der Generalsekretär der Gesellschaft den jeweiligen

Verhandlungsband heraus.

Der Erste Weltkrieg führte zu einer Unterbrechung der geplanten Veranstaltungen

und der engen internationalen Verbindungen, die nach 1918 erst allmählich

wiederhergestellt wurden. Die zweite Tagung fand daher erst Ende September

1920 erneut in Bad Homburg statt. Ismar Boas, Vorsitzender dieses Kongresses,

hielt eine programmatische Eröffnungsrede, in der er abermalig die Argumente

und die Ziele der Spezialisierung benannte und für ein interdisziplinäres Vorgehen,

insbesondere für eine enge Kooperation mit der Chirurgie, eintrat.28 Zehn

Jahre später, 1930, befand sich die Gesellschaft mit nahezu 500 Mitgliedern auf

dem Höhepunkt ihrer Aktivitäten. Anlässlich der zehnten Tagung in Budapest beschäftigte

sich der Stoffwechselforscher Alexander von Korányi in seiner Eröffnungsrede

mit der Spezialisierung ohne »der Einheit des Organismus«29 zu

widersprechen, mit der Interdisziplinarität der Gesellschaft sowie mit der Internationalisierung

der Wissenschaft, für die die Gesellschaft seit ihrer Gründung

stand. Die neu ernannten Ehrenmitglieder aus New York, Boston, Utrecht, Kopenhagen

und Budapest spiegelten das Bemühen um internationale Kontakte wider.

Kapitel 2

▶ + ▶▶ Das Kaiserin-Augusta-Hospital

liegt in Berlin-Mitte und

wurde 1868 auf Initiative der

Kaiserin als kleines Krankenhaus

errichtet. 1888 wurde Carl Anton

Ewald ärztlicher Leiter der Abteilung

Innere Medizin. Später übernahm

die nahe gelegene Charité

den zivilen Krankenhausbetrieb.

25


Carl Anton Ewald

1845 – 1915

Carl Anton Ewald, der bedeutende Wegbereiter der Gastroenterologie, wurde von einer Zeit

geprägt, in der es durch einen enormen Wissenszuwachs in der Chemie, Physik und Physiologie

zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel in der Medizin kam. Aus der weitgehend

spekulativen Medizin entwickelte sich eine angewandte Wissenschaft. Nicht mehr

die Phänomenologie der Krankheiten stand im Vordergrund, sondern deren Ursachen; pathophysiologische

Hintergründe und veränderte Organfunktionen wurden erstmals, zumindest

teilweise, mittels naturwissenschaftlicher Verfahren begreiflich und nachweisbar.

Ewald, 1845 in Berlin geboren, hatte sich bereits während seines Medizinstudiums

bei Eduard Pflüger in Bonn mit Fragen der Physiologie und der physiologischen Chemie

beschäftigt.30 Nach Eintritt in die I. Medizinische Klinik der Charité Berlin 1871 und als Mitarbeiter

von Frerichs widmete sich Ewald zunehmend Fragen der Verdauungsphysiologie

und -pathologie.31 Er untersuchte systematisch die Magensekretion, den Magen inhalt sowie

die Magenentleerung. Dabei bediente er sich konsequent der damals verfügbaren technischen

sowie chemisch-analytischen Methoden. Ewald begründete – zeitgleich mit Leopold

Oser aus Wien – die Sondierung des Magens mit einem weichen Gummischlauch.

Durch diesen Meilenstein wurde die Analyse der Magensekretion maßgeblich erleichtert.

Die Standardisierung der Funktionsuntersuchung des Magens mittels eines Probefrühstücks

geht auf die Kooperation zwischen Ewald und Boas zurück.

Ewald hielt an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin frühzeitig Vorlesungen

über die Lehre von der Verdauung und publizierte diese 1879 als Einleitung zu seinem synoptischen

Werk Klinik der Verdauungskrankheiten. Als Band 2 folgte 1888 Die Krankheiten des

Magens, bei dem es sich um das erste Spezialbuch in dem neuen Fachgebiet handelte. Der

dritte Band erschien 1902 unter dem Titel Die Krankheiten des Darmes und des Bauchfells.

1913 publizierte er Die Leberkrankheiten. Ewald fasste mit diesen Werken seine eigenen Erkenntnisse

und vor allem das damals noch sehr verstreute Wissen um die Verdauungskrankheiten

zusammen und machte es verfügbar.

1874 habilitiert, leitete Ewald ab 1876 die Frauen-Siechen-Anstalt in Berlin. 1882

wurde er zum Extraordinarius der Berliner Universität ernannt. Er war seit 1888 als Nachfolger

Hermann Senators ärztlicher Leiter der Abteilung Innere Medizin am Augustahospital

Berlin, eine Funktion, die er bis zu seinem Tod 1915 innehatte.

1901 wurde Ewald in Würdigung seiner Verdienste mit der Ehrenmitgliedschaft der

American Gastroenterological Association (AGA) ausgezeichnet. Über lange Zeit war er

Schriftleiter der angesehenen Berliner Klinischen Wochenschrift. Neben seiner medizinischen

Tätigkeit widmete er sich sozialen und sozialhygienischen Fragen. So förderte er die

Schaffung von Ferienkolonien für Berliner Jugendliche und unterstütze den Kampf gegen

Tuberkulose bei Kindern.

Es ist Ewalds Verdienst, die Aufmerksamkeit auf Fragen der Verdauungsphysiologie

und -pathologie gelenkt und wichtige Grundlagen zur funktionellen Diagnostik geschaffen

zu haben. Gleichwohl vermochte es Ewald aufgrund seines Selbstverständnisses zunächst

nicht, das neue Fachgebiet als eigenständig anzusehen und jene Entwicklung, die Ismar

Boas antizipierte, offen zu unterstützen.

26


Ismar Isidor Boas

1858 – 1938

Boas wurde 1858 in Posen-Westpreußen in einer jüdischen Familie geboren. Während des

Studiums interessierte er sich für die Physiologie und Pathologie der Verdauung. Innovativ,

unabhängig denkend und keiner Tradition verpflichtet, eröffnete Boas 1886 mit 28 Jahren

in der Berliner Friedrichstraße als erster Spezialarzt für Magen- und Darmkrankheiten eine

Praxis und parallel eine Poliklinik mit einem kleinen Labor. So etablierte er die Gastroenterologie

als neues Fachgebiet der Inneren Medizin und prägte sie maßgeblich bis 1933.32

Neben seiner praktischen Tätigkeit als Arzt forschte er gemeinsam mit seinem Mentor

Carl A. Ewald über die Magensekretion, eignete sich die neuen chemischen und bakteriologischen

Methoden an und betrieb ein umfassendes Literaturstudium.33 Er gründete

1895 / 96 das Archiv für Verdauungskrankheiten und gab Anstoß zur ersten Tagung über Verdauungskrankheiten.

In Berlin hielt er zahlreiche Fortbildungskurse über Magen-Darm-

Krankheiten ab. Eine große Zahl in- und ausländischer Ärzte hospitierte bei ihm.

Wissenschaftlich beschäftigte sich Boas mit Fragen der Magenfunktion. Er war an

der Einführung des Ewald-Boasschen Probefrühstücks wesentlich beteiligt und arbeitete

zu Problemen des Magenulcus sowie des Magenkarzinoms. Er beschrieb den Nachweis okkulten

Blutes im Stuhl (Guajak-Test) als diagnostische Methode zur frühen Erkennung von

Tumorerkrankungen des Gastrointestinaltraktes und machte 1903 die Colitis ulcerosa in

Deutschland bekannt. Boas erkannte frühzeitig den Wert der radiologischen Magen- Darm-

Darstellung.34 Stets plädierte er für eine fundierte wissenschaftliche Medizin, für ein kritisches

Hinterfragen der gewonnenen Erkenntnisse und für eine Überprüfung der Wirksamkeit

von Arzneimitteln durch unabhängige Institute.35 Damit antizipierte er Prinzipien der

evidenzbasierten Medizin. Seine Lehrbücher, vor allem seine Diagnostik und Therapie der

Magenkrankheiten (1890), erlebten zahlreiche Auflagen in Deutsch und Englisch. Wegweisend

sind zudem Die Lehre von den okkulten Blutungen (1914) und seine Publikationen zum

Magenulcus. 1901 wurde Boas korrespondierendes Mitglied der American Gastroenterological

Association und 1910 Ehrenmitglied.

Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde Boas 1933 gezwungen, die Schriftleitung

des Archivs abzugeben. Er emigrierte 1936 nach Wien. 1937 würdigte ihn das Lenox Hill Hospital

(das frühere Deutsche Krankenhaus) in New York mit einem Relief über dem Max Einhorn-Auditorium

neben Portraits von Kußmaul und Ewald.36

Ismar Boas nahm sich im März 1938 nach dem »Anschluss« Österreichs an das

Deutsche Reich das Leben.37 Sein Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee

in Berlin. Seine Ehefrau Sophie Boas, geb. Asch, floh 1938 nach Holland. Sie wurde im

März 1943 nach Sobibor deportiert und ermordet. Der Sohn Kurt Boas, Dermatologe in

Sachsen, wurde 1935 im KZ Sachsenburg inhaftiert, seine Spur verliert sich nach 1938. Eine

Tochter emigrierte im Januar 1939 in die USA.

Ismar Boas wurde trotz seiner Verdienste zunächst vergessen. Es waren Julius Kleeberg

(Jerusalem) und der Engländer Harold Avery, die 1958 an Boas erinnerten.38 Die DGVS

ehrte Boas 1992 mit einer Gedenktafel in der Berliner Charité. Diese wurde nach Umbauarbeiten

im Jahr 2013 an prominenter Stelle zum 75. Jahrestag des Todes von Boas und zum

100. Jahrestag der Gründung der DGVS wieder angebracht. Die alljährlich von der DGVS verliehene

Boas-Medaille sowie der Boas-Preis erinnern an den großen Forscher und Lehrer

der Gastroenterologie.

Kapitel 2

27


Adolf Schmidt

1865 – 1918

In der »Tagesnachricht« des Archivs für Verdauungskrankheiten, in der 1913 zur Ersten Tagung

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten eingeladen wurde, wird Adolf Schmidt

neben dem Vorsitzenden Carl A. Ewald als zweiter Vorsitzender genannt.39 Schmidt, 1865 in

Bremen geboren, war an den Medizinischen Kliniken in Breslau bei F. von Müller, in Berlin

bei C. Gerhardt und vor allem in Bonn bei F. Schultze zum Internisten ausgebildet und 1894

in Bonn habilitiert worden.40 Von 1907 bis 1918 hatte Schmidt das Amt des Ordinarius für

Innere Medizin an der Universität Halle inne und übernahm zum 1. Juni 1918 die Leitung

der Medizinischen Klinik an der Universität Bonn.41

Adolf Schmidt beschäftigte sich frühzeitig gemeinsam mit seinem Kollegen Julius

Strasburger mit der Pathologie des Dickdarms, der funktionellen Darmdiagnostik und besonders

mit dem Problem der intestinalen Dyspepsie.42 Seine Beiträge trugen wesentlich

zur Verbesserung und Verfeinerung der Darmdiagnostik in der damaligen Zeit bei. Er entwickelte

eine spezielle Probekost (Schmidt-Strasburger Diät) zur standardisierten Stuhluntersuchung

und befasste sich mit den schweren entzündlichen Dickdarmerkrankungen.

1903 veröffentlichte er zusammen mit Strasburger das Werk Die Faezes des Menschen im

normalen und krankhaften Zustande mit besonderer Berücksichtigung der klinischen Untersuchungsmethoden.

Schmidts im gleichen Jahr erschienene Funktionsprüfung des Darmes mittels

Probekost war zur damaligen Zeit wegweisend und wurde 1906 ins Englische übersetzt.

1912 / 13 folgte die Klinik der Darmkrankheiten, 1921 in zweiter Auflage von Carl von Noorden

herausgegeben.43 1914 hielt Schmidt anlässlich der Ersten Tagung für Verdauungs- und

Stoffwechselkrankheiten in Bad Homburg den Hauptvortrag über Die schweren entzündlichen

Erkrankungen des Dickdarmes, in dem er sich eingehend mit der Colitis ulcerosa auseinandersetzte.44

Schmidt gehörte ab 1905 zu den Mitherausgebern des Archivs für Verdauungskrankheiten.

Adolf Schmidt – wissenschaftspolitisch engagiert – begründete 1913 den Medizinischen

Fakultätentag in Halle, an dem unter seinem Vorsitz Vertreter von 20 Medizinischen

Fakultäten Deutschlands teilnahmen.45 Die Adolf Schmidt-Medaille verleiht der Medizinische

Fakultätentag seit dem Jahr 2000.

Am 11. November 1918 nahm sich Adolf Schmidt mit 52 Jahren aus offensichtlicher

Enttäuschung über den Ausgang des Ersten Weltkrieges das Leben.46

28


Curt Pariser

1863 – 1931

Curt Pariser, 1863 in Breslau geboren und mosaischer Konfession, studierte an der Friedrich-Wilhelms-Universität

Berlin Medizin und war durch seine Lehrer naturwissenschaftlich

geprägt.47 Seit 1896 betrieb er als »Specialarzt für Magen-Darm-Krankheiten« eine

Praxis in Berlin.48 Frühzeitig befasste sich Pariser mit Fragen der Diätetik und publizierte

1896 die Schrift Skizze einer allgemeinen Diätetik für Magenkranke, die im Archiv für Verdauungskrankheiten

von Bruno Oppler, einem Boas-Schüler, besprochen wurde.49 1900 wechselte

er nach Bad Homburg und eröffnete das Sanatorium Pariser-Dammert (Clara Emilia),

»Spezialkuranstalt für Magen- und Darmkrankheiten, Stoffwechsel- und Ernährungsstörungen«.50

Die Einrichtung wurde rasch bekannt; Curt Pariser zählte »viele Persönlichkeiten

aus höchsten Berliner Gesellschaftskreisen«51 zu seinen Patienten. 1912 erschien sein

an Ärzte und Patienten adressiertes Praktisches Diätetisches Kochbuch für Magen-, Darm- und

Stoffwechselleidende, in dem er die von ihm selbst inaugurierten »Homburger Diäten« beschrieb.

Das Buch erschien 1933 als Lehrbuch der praktischen Diätetik von Ludwig von

Roemheld in dritter Auflage.52

Schon in Berlin hatte sich Curt Pariser für den Centralverein deutscher Staatsbürger

jüdischen Glaubens engagiert und sich aktiv gegen den Antisemitismus im deutschen Kaiserreich

gewandt.53 Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er 1919 als Vertreter der Deutschen

Demokratischen Partei (DDP) in die Stadtverordnetenversammlung Bad Homburgs gewählt.

Bedingt durch die Inflation musste Pariser 1920 seine Kuranstalt aufgeben. Er zog

zurück nach Berlin, wo er am 27. Dezember 1931 starb.54

Seit 1912 gehörte Curt Pariser neben Ismar Boas zu den Initiatoren der Ersten Tagung

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten, die im April 1914 in Bad Homburg stattfand,

und war Mitglied des ersten Vorstands, der sich 1913 konstituierte. Boas würdigte Curt Pariser

mit folgenden Worten: »Ich muß hier der geschickten Initiative des Herrn Dr. Curt

Pariser, damals in Homburg, gedenken, der es verstand, die führenden Männer auf diesen

Gebieten zusammenzubringen und die Widerstände und Bedenken, die einzelne darunter

geltend machten, erfolgreich zu überwinden.«55

Kapitel 2

29


Hugo Starck

1871 – 1956

Hugo Starck als weiteres Mitglied des Vorstandes der Ersten Tagung über Verdauungs- und

Stoffwechselkrankheiten hatte sich besonders den Oesophagusveränderungen gewidmet.

»Die früheren Lehrbücher der Verdauungskrankheiten begannen meist mit dem Magen, als

gäbe es gar keine Speiseröhre«56, stellte er 1952 in seinem letzten großen Buch Krankheiten

der Speiseröhre fest. Hugo Starck, Sohn einer Juristenfamilie, berührte mit seinen Arbeiten

zur menschlichen Speiseröhre seinerzeit ein bislang kaum erforschtes Gebiet der Medizin.

Er studierte in Heidelberg und wurde ein Schüler Wilhelm Erbs (1840 – 1921). 1893 – 1894

hospitierte er in Berlin u.a. bei dem Internisten Ernst von Leyden57, der als Nachfolger von

Friedrich Theodor von Frerichs Direktor der I. Medizinischen Klinik der Charité war.58 Zurück

in Heidelberg nahm Starck eine Assistentenstelle bei dem berühmten Chirurgen Vinzenz

Czerny (1842 – 1916) an. Seine Habilitationsschrift erschien im Jahr 1900 unter dem

Titel Die Divertikel der Speiseröhre.

1905 übernahm Hugo Starck eine Stelle an der Medizinischen Klinik des Städtischen

Krankenhauses in Karlsruhe, deren Leitung ihm später übertragen wurde. Starck forschte

inzwischen über die Fremdkörperentfernungen aus der Speiseröhre und widmete sich den

Divertikeln und Stenosen des Oesophagus. Seine bekannteste Erfindung ist der Starcksche

Dilatator. Mit der regenschirmartigen Konstruktion konnte er Patienten mit einer Achalasie

und Stenosen nach Verätzungen behandeln.59

Selbst Leiter eines Krankenhauses, setzte sich Starck neben seiner Forschungsarbeit

für die Anliegen der leitenden Ärzte ein und war 1912 Gründungsmitglied des Verbandes

der Krankenhausärzte Deutschlands e.V., deren Vorsitz er in den Jahren 1934 – 1938 sowie

1951 / 52 übernahm.60 Hugo Starck blieb über die Jahre hinweg ein international

bekannter Spezialist, der sich selbst jedoch, in der Tradition als Erb-Schüler, in erster Linie

als Neurologe und Internist verstand.

30


47 Pariser C. Vita. In: Phthisis

pulmonum als Nachkrankheit

zu geschwürigen Processen des

Darmtractus [Dissertation]. Berlin

1886.

48 Berliner Adressbuch, Unter

Benutzung amtlicher Quellen.

Berlin 1896 – 1943.

49 Pariser C. Skizze einer allgemeinen

Diätetik für Magenkranke.

Berlin 1896. Vgl. die Rezension

dieser Schrift durch B. Oppler

in: Arch f Verdauungskr 1896; 2:

278 – 279.

50 Grosche H. Geschichte der

Stadt Bad Homburg vor der Höhe.

In: Magistrat der Stadt Bad Homburg

v d H, Hg. Sonderband:

Geschichte der Juden in Bad Homburg

vor der Höhe 1866 – 1945.

Frankfurt / M 1991; 32 – 34.

51 Herz YS. Meine Erinnerung

an Bad Homburg und seine

600jährige jüdische Gemeinde

(1335 – 1942). Rechovot (Israel)

1981; 269.

52 Roemheld L. Praktische Diätetik

für Ärzte und Patienten, 3.

erweiterte und neubearbeitete

Auflage des »praktischen diätetischen

Kochbuches« von Dr. Curt

Pariser. Leipzig 1933.

53 Pariser C. Antisemitismus –

Anarchismus. Im deutschen Reich.

Zeitschrift des Centralvereins

deutscher Staatsbürger jüdischen

Glaubens 1895; 1 (5): 205 – 230.

54 Grosche H. Geschichte. In:

Geschichte der Juden; 36. Vgl.

Nachruf. Dem Andenken Dr. Curt

Parisers. Dem Schöpfer der Homburger

Diäten. o. V. Taunusbote

29.12.1931 (Nr. 303).

55 Boas I. Autoergographie; 87.

56 Starck H. Die Krankheiten der

Speiseröhre [Vorwort], Ein Lehrbuch

für Studierende, den praktischen

Arzt und den Spezialisten.

Darmstadt 1952.

57 Vgl. Privatarchiv Starck.

58 Schadewaldt, H. Leyden, Ernst

von. In: Neue Deutsche Biographie

1985; 14: 428 – 429.

59 Classen M, Tytgat GNJ, Lightdale

C, Hg. Gastroenterologische

Endoskopie, Das Referenzwerk zur

endoskopischen Diagnostik und

Therapie. Stuttgart 2003; 8.

60 Vgl. Haenisch G, Schriefers

H, Norden G. 100 Jahre VLK, Zur

Geschichte und Zukunft des Verbandes

der Leitenden Krankenhausärzte

Deutschlands e.V. In:

Arzt und Krankenhaus 2012; 9:

262 ff.

Deutsche Medizin als Magnet 1875 – 1914

In hoher Anzahl kamen in jenen Jahrzehnten zwischen 1875 und 1914 Studierende

und junge Ärzte nach Deutschland, um sich in der neu entstehenden Fachdisziplin

ausbilden zu lassen. Die Wertschätzung aus dem Ausland beschränkte sich dabei

keineswegs auf die Gastroenterologie, sondern umfasste seit der zweiten Hälfte

des 19. Jahrhunderts die gesamte medizinische Wissenschaft.

Die Gründe für die Vorreiterrolle Deutschlands sind vielfältig: Die rasche

Dynamik der Wissenschaftsdifferenzierung mit zunehmender Spezialisierung

vor dem Hintergrund des immensen Wissenszuwachses, neue Methoden, der klinische

Unterricht, die Ausstattung von Laboratorien und Kliniken wurden ebenso

zur Erklärung herangezogen wie die zunehmende Selbstwahrnehmung der deutschen

Universitäten als Forschungseinrichtungen. Die Vorreiterrolle bei dieser

Neuausrichtung der Universitäten hatte dabei zunächst Halle, später Göttingen

und zuletzt ab 1810 Berlin. Auch die Konvergenz mit staatlichen Modernisierungsinteressen

ist in diesem Kontext von Bedeutung.61 Als weiterer Grund wird die

Existenz akademischer Institutionen genannt, welche die Mobilität von Lehrern

und Schülern förderte und somit zu einem regelmäßigen und befruchtenden Austausch

beitrug. Zudem sorgte die dezentrale Wissenschaftslandschaft in Deutschland

dafür, dass Universitäten mit gut ausgestatteten Laboratorien, qualifizierten

Mitarbeitern und einem angemessenen Zeitbudget um ihr Personal werben

mussten. Der hohe Wettbewerb der deutschen Universitäten untereinander trug

dazu bei, die Berufsrolle des Wissenschaftlers zu realisieren und die fachliche Spezialisierung

voranzutreiben. Das führte zu einer gravierenden Transformation, die

die akademische Karriere in Deutschland durchlief.62 Diese Entwicklung legte

nahe, sich am Ende der Ausbildung für ein Fachgebiet zu entscheiden. Generalisten

verloren in Deutschland zugunsten von Spezialisten zunehmend an Bedeutung.63

Darüber hinaus gab es an den in großer Anzahl entstehenden Laboratorien

die Möglichkeit, sich völlig losgelöst von der Tätigkeit als praktischer Arzt, ausschließlich

der medizinischen Forschung zu widmen.

Neben diesen strukturellen Gründen sei jedoch daran erinnert, dass es herausragender

Persönlichkeiten bedurfte, das Potenzial dieser Gegebenheiten optimal

auszunutzen. Es ist nicht zuletzt ihren unermüdlichen Anstrengungen zu verdanken,

dass Deutschland zu jener Zeit als das Zentrum der Weltmedizin

wahrgenommen wurde. »In those days a young man’s education really wasn’t

complete unless he went to Europe – particulary to Germany – for a year or two of

postgraduate study, just opposite of what happens now«64, so James D. Boyle im

Rückblick auf die Situation Ende des 19. Jahrhunderts. Während die Ausbildung in

den Grundlagenfächern gewöhnlich im Heimatland absolviert wurde, erfolgte die

Facharztausbildung in Deutschland. Ein Großteil der jungen Ärzte kehrte nach abgeschlossener

Weiterbildung zurück in die Heimat. Die Erfahrungen, die sie in

Deutschland gesammelt hatten, hatten nicht selten gravierende Auswirkungen

auf die wissenschaftliche und organisatorische Weiterentwicklung der Medizin in

ihren Heimatländern. Als Beispiel sei nur Iwan Pawlow (Nobelpreis 1904) aus

Russland genannt, der von 1884 bis 1886 bei Rudolf Heidenhain in Breslau seine

»post doc-Jahre« am physiologischen Institut verbrachte.

Kapitel 2

31


Im Gegensatz zur europäischen Medizin, die sich seit dem 18. Jahrhundert

an verschiedenen Zentren mit großer Dynamik weiterentwickelte, befand sich

die Medizin Nordamerikas im gleichen Zeitraum auf einem vergleichsweise niedrigen

Niveau. Angezogen von Berlin und Wien kamen in den letzten Jahrzehnten

des 19. Jahrhunderts viele amerikanische Mediziner an die deutschen Universitäten.

Schätzungen gehen davon aus, dass in der Zeit zwischen 1870 und 1914 etwa

10.000 Amerikaner an den deutschen Universitäten immatrikuliert waren. Die

Mehrheit von ihnen hatte ihr medizinisches Grundstudium bereits in den USA absolviert.

Europa war aufgrund der Spezialisierungsmöglichkeiten gerade für ihre

postgradualen Studien überaus attraktiv. In diesem Kontext wurde in Berlin die

Anglo-American Medical Association gegründet, die für die jungen Amerikaner

Vermittlungsdienste übernahm sowie Fortbildungen mit deutschen Dozenten

und die Teilnahme an deren Ferienkursen organisierte.65 Um dem großen Interesse

an Fortbildung entgegenzukommen, hatte sich 1880 in Berlin die Dozentenvereinigung

für ärztliche Ferienkurse (Fortbildung) gebildet.66 Indem die meisten der

amerikanischen Mediziner nach einer gewissen Zeit wieder in die USA zurückkehrten,

übten sie ab 1880 einen starken Einfluss auf die amerikanische Medizinerausbildung

aus.67 Auch auf inhaltlicher Ebene erhielt die amerikanische Medizin

wichtige Impulse aus Europa. Im Bereich der Gastroenterologie war Max Einhorn

eine Schlüsselfigur. Einhorn wurde 1862 nahe Grodno (Polen) geboren, begann in

Kiew das Medizinstudium und wechselte 1881 nach Berlin, wo er bei Paul Ehrlich

und dem Biochemiker Ernst Salkowski experimentell arbeitete. Er ging 1885 nach

New York an das Deutsche Hospital (später Lenox Hill Hospital) und bekleidete

seit 1889 an der New York Postgraduate Medical School den ersten Lehrstuhl für

Gastroenterologie in den USA.68 Beeinflusst von Ewald, in dessen Praxis und Labor

in Berlin er 1888 vorübergehend arbeitete und dessen Kurs über Magenkrankheiten

er besuchte, leistete Einhorn mit seinen Arbeiten wichtige Beiträge vor allem

zur Diagnostik von Magen-Darm-Krankheiten. Gemeinsam mit dem Deutschamerikaner

John C. Hemmeter, der ebenfalls bei Ewald in Berlin hospitiert hatte,

mit Julius Friedenwald, Jacob Kaufmann und anderen gründete Einhorn am 3.

Juni 1897 in Philadelphia die American Gastroenterological Association (AGA).69

Es sei auch Samuel James Meltzer genannt, der in Königsberg und Berlin studierte,

dort 1882 sein Medizinstudium beendete und frühe Untersuchungen zur Oesophagusmotilität

anstellte; Meltzer spielte seit 1883 in den USA eine wichtige Rolle

bei der Entwicklung der experimentellen Forschung, wurde führender Physiologe

und war 1904 Präsident der AGA.70

Während der Einfluss der deutschen Medizin auf die USA bis 1914 allgemein

bekannt ist, werden die Beziehungen zu anderen Erdteilen sehr viel seltener erwähnt.

Bereits einige Jahre bevor man in Deutschland die Gesellschaft für Verdauungs-

und Stoffwechselkrankheiten ins Leben rief, wurde in Japan 1898 mit der

Gesellschaft zum Studium der Verdauungskrankheiten eine ähnliche Organisation

geschaffen.71 Gründer war der berühmte Kliniker und Arzt Shokichi Nagayo,

der sein Medizinstudium in München, Würzburg und Berlin absolviert hatte. Er

war einige Jahre in Würzburg bei von Leube tätig und vertiefte seine Kenntnisse

über Verdauungskrankheiten, bevor er nach zehn Jahren Aufenthalt wieder nach

61 Tuchman AM. From the lecture

to the laboratory, The institutionalization

of scientific medicine

at the University of Heidelberg.

In: Coleman W, Holmes F, Hg.

The investigative enterprise,

experimental physiology in nineteenth-century

medicine. Berkeley

1988; 65 – 99.

62 Stichweh R. Zur Entstehung

des modernen Systems wissenschaftlicher

Disziplinen – Physik in

Deutschland 1740 – 1890. Frankfurt

/ M 1984.

63 Ben-David J. Scientific productivity

and academic organization

in nineteenth-century medicine.

American Sociological Review

1960; 25: 828 – 843.

64 Boyle JD. The American Gastroenterological

Association,

History of its first seventyfive

years. Gastroenterology 1973; 65:

1021 – 1106. Vgl. Baron JH. European

roots of American gastroenterology.

The Ismar Boas Lecture

of the 56th Annual Meeting of

the German Society of Gastroenterology.

Z Gastroenterol 2001; 39:

853 – 860.

65 Bonner TN. American doctors

and German universities, A chapter

in international intellectual

relations 1870 – 1914. Lincoln

1963; hier 39, 85 – 86.

66 Munk F. Das medizinische

Berlin um die Jahrhundertwende.

München, Berlin 1956; 161 – 164.

67 Bonner TN. The German model

of training physicians in the United

States, 1870 – 1914, How closely

was it followed? Bulletin of

the History of Medicine 1990; 64

(1): 18 – 34.

68 Einhorn M. Autoergographie.

In: Grote LR, Hg. Die Medizin der

Gegenwart in Selbstdarstellungen,

Band 8. Leipzig 1929; 1 – 5.

69 Friedenwald J. The early history

of the Gastroenterological Association,

Its aims, adversitities, aspirations,

and success. Gastroenterology

1962; 42: 722 – 733.

70 Kirsner JB. The development of

American Gastroenterology. New

York 1990; 169 – 171.

71 Fujikawa Y. Geschichte der

Medizin in Japan. Tokyo 1911.

32


72 Minami D. In memoriam Shokichi

Nagayo. Internationale Beiträge

zur Pathologie und Therapie

der Ernährungsstörungen 1911;

3 (2): 10 f.

73 Rüegg W. Hg. Geschichte der

Universität in Europa, Band 3,

Vom 19. Jahrhundert zum Zweiten

Weltkrieg 1800 – 1945. München

2004; 191 ff.

Kapitel 2

▶ Das Lenox Hill Hospital ist

ein Krankenhaus im New Yorker

Stadtteil Manhattan und

wurde im Jahr 1860 gegründet.

In Deutschland bekannt als die

Wirkungsstätte von Max Einhorn,

dem Mitbegründer der American

Gastroenterological Society

(AGA), gilt Lenox Hill als der Ort,

an dem gastroenterologische Tradition

gepflegt wird. Das berühmte

Relief, das die Pioniere Kußmaul,

Boas und Ewald zeigt, schmückt

die Pforten zum Einhorn-Auditorium

und ist bis heute erhalten.

Japan zurückkehrte. Ähnlich wie Ismar Boas in Berlin war Nagayo in Tokio der

erste Spezialist für Magen-Darm-Krankheiten. Wenige Jahre nach seiner Rückkehr

gründete er ein Sanatorium und schuf mit dem Japanischen Verein für die

Erforschung der Verdauungskrankheiten die erste gastroenterologische Fachgesellschaft

in Japan.72 Nagayo war nur einer von vielen hundert Japanern, die

entweder an deutschen Universitäten studierten oder nach abgeschlossenem

Studium ihre klinische und wissenschaftliche Weiterbildung absolvierten. Die japanischen

Schüler von Robert Koch, Paul Ehrlich, Emil von Behring und Rudolf

Virchow haben nicht nur in ihrem Heimatland die wissenschaftliche Entwicklung

nachhaltig geprägt, sondern auch international entscheidende Beiträge geleistet.

Grundlage dieser Entwicklung war die Iwakura Mission von 1873, die die führenden

westlichen Länder, einschließlich der USA, besucht hatte. Nach Abschluss der

Mission übernahm die japanische Regierung das deutsche System der Medizinund

Wissenschaftsorganisation und initiierte den umfangreichen Austausch von

Professoren und Studierenden. Eine ähnliche, wenn auch nicht so systematisch

geplante Orientierung auf die Vorbildfunktion des deutschen (und österreich-ungarischen)

Medizin- und Wissenschaftssystems lässt sich im zaristischen Russland

nachvollziehen.73

33


34


1 Teicher W. Untersuchungen zur

ärztlichen Spezialisierung im Spiegel

des Reichsmedizinalkalenders

am Beispiel Preußens im ersten

Drittel des 20. Jahrhunderts [Dissertation].

Mainz 1992; 79 − 156.

2 Strauß H. Autobiographische

Notizen, Heft 3; 45. Unveröffentlicht.

Privatbesitz Frau Hallmann-Strauß.

Kopie im Besitz des

Mitautors Harro Jenss.

3 Ebd.; 43. Vgl. Verh Ges Verd

Stoffwechselkr, XII, (12. und 13.

April 1934). Ordentliche Mitgliederversammlung,

XII. Tagung in

Wiesbaden. Leipzig 1934; 11.

Gastroenterologen 1933 – 1945

Entrechtung – Vertreibung – Anpassung – Verstrickung

Kapitel 3

4 Ebd.; 11. Vgl. zu von den

Velden: Beckmann P. Zum 70.

Geburtstag Prof. R. von den Veldens.

Dtsch Med Wochenschr

1950; 75: 1699. Vgl. UA HUB PA UK

V 008, Band I Bl. 8.

5 Siehe zu Blumenthal: Jenss H,

Reinicke P. Ferdinand Blumenthal,

Kämpfer für eine fortschrittliche

Krebsmedizin und Krebsfürsorge.

Berlin 2012. Zu Wolff vgl. Reinwein

H. Eröffnungsansprache, 64.

Kongreß der Deutschen Gesellschaft

für Innere Medizin 1959. In:

Lasch HG, Schlegel B, Hg. Hundert

Jahre Deutsche Gesellschaft für

Innere Medizin, Die Kongress-Eröffnungsreden

der Vorsitzenden

1882 – 1982. München 1982; 697.

6 Verhandlungsband (Verh Ges

Verd Stoffwechselkr, XI. Tagung in

Wien 1932. Leipzig 1933; 15 − 22),

der in der Bibliothek der DGVS-Geschäftsstelle

entdeckt wurde und

der die originalen handschriftlich

eingetragenen Streichungen im

Mitgliederverzeichnis enthält.

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg

zum Reichskanzler ernannt. Nach der »Machtübergabe« begannen die Nationalsozialisten,

das politische und gesellschaftliche System Deutschlands grundlegend

zu verändern. Bereits im März 1933 wurde das »Gesetz zur Behebung der Not

von Volk und Reich« erlassen; das »Ermächtigungsgesetz« war ein weiterer

Schritt in die Diktatur. Für die Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

bedeuteten die nationalsozialistische Rassenideologie und die NS-

Gesetzgebung im ersten Halbjahr 1933 eine tiefgreifende Zäsur. Viele Gas troenterologen

waren jüdischer Herkunft und so direkt betroffen.1

Ausschluss der jüdischen Mitglieder aus der Gesellschaft

Hermann Strauß, gewählter Vorsitzender der geplanten 12. Tagung der Gesellschaft

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten im September 1933 in Berlin,

stellte verbittert fest, dass »der Begriff der Collegialität von nun an die Rasse gebunden

war«2. Am 29. April 1933 wurde er gezwungen, sein Amt abzugeben. Mit

Strauß mussten – neben dem Ehrenmitglied Ismar Boas – drei weitere der sechs

Vorstandsmitglieder die Gesellschaft verlassen: Ferdinand Blumenthal, Paul Oswald

Wolff und Otto Porges. Daraufhin traten der Vorstand und der Ausschuss zurück;

der geplante Kongress fiel aus. Die 12. Tagung fand erst im April 1934 gemeinsam

mit der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden statt.3 Den

Vorsitz übernahm Carl Hegler aus Hamburg; Generalsekretär blieb für eine Übergangszeit

Reinhard von den Velden, der in der Folge – ein Großvater war Jude –

ausscheiden und später nach Argentinien emigrieren musste.4 Der Stellvertreter

von den Veldens, Paul Oswald Wolff, musste, wie der Schatzmeister der Gesellschaft,

der bekannte Berliner Krebsforscher Ferdinand Blumenthal, wegen seiner

jüdischen Herkunft sein Amt niederlegen und verließ Deutschland bereits 1933.5

Im selben Jahr wurden mindestens 100 Mitglieder der Gesellschaft für Verdauungs-

und Stoffwechselkrankheiten wegen ihrer jüdischen Herkunft aus dem Mitgliederverzeichnis

getilgt.6

Im Oktober 1933 wurde das Schriftleitergesetz erlassen: Jüdische Mediziner

wurden von der Schriftleitung der wissenschaftlichen Fachzeitschriften ausgeschlossen.

So wurde Ismar Boas Ende 1933 aus seiner 37-jährigen Redaktionsleitung

für das Archiv gedrängt.

Hegler stellte während der Tagung 1934 in Wiesbaden fest: »Begreiflicherweise

ist in diesem Jahr die Zahl der nichtdeutschen Besucher unserer Tagung

35


7 Verh Ges Verd Stoffwechselkr,

XII. Tagung in Wiesbaden (12.

bis 14. April 1934), Leipzig 1934,

Eröffnungsansprache II; 9.

sehr viel geringer als früher.«7 Die ausgeschlossenen als »nicht-arisch« klassifizierten

Ärzte wurden von Hegler mit keinem Wort erwähnt. Im Vergleich zum

Jahr 1932 verlor die Gesellschaft bis 1938 nahezu 50 Prozent ihrer Mitglieder.8

Während der Vorstandssitzung 1934 wurde die Frage nach der Auflösung der GVS

und ein Anschluss an die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin erörtert. Man

entschied sich für den Erhalt der eigenständigen Gesellschaft für Verdauungsund

Stoffwechselkrankheiten.9

Hegler verkündete, dass es besser sei, »Bestimmungen über die Tätigkeit

wissenschaftlicher Gesellschaften seitens der Regierung« abzuwarten und selbst

»keinerlei bindende Entschlüsse zu fassen«10. Er beauftragte den bisherigen Generalsekretär

Reinhard von den Velden mit der Wahrnehmung der Interessen der

Gesellschaft. Der zurückgetretene Schatzmeister Ferdinand Blumenthal übergab

das Vermögen der Gesellschaft an von den Velden »zu treuen Händen«, der ausdrücklich

die Arbeit Blumenthals würdigte.11

Während der 14. Tagung 1938 äußerte der Vorsitzende Erich Grafe in seiner

Eröffnungsansprache: »Ehe wir uns nun dem Gegenstand unserer heutigen Verhandlung

zuwenden, wollen wir des Mannes gedenken, der gerade in diesen Tagen

eine neue ungeheure Tat für unser Volk ohne Krieg vollbringt und der auch

unserer Arbeit neue Ziele wies und gleichzeitig die Möglichkeit schuf, ihnen nachzustreben.

Unser Führer und Reichskanzler Adolf Hitler Sieg Heil!«12 Grafe spielte

mit der »ungeheuren Tat für unser Volk ohne Krieg« zweifellos auf das »Münchner

Abkommen« an, das sechs Tage später unterzeichnet wurde. Um die Sudetenkrise

zu lösen, gaben die Regierungen Frankreichs, Italiens und Großbritanniens Hitler,

was er forderte – den freien Einmarsch in die mehrheitlich von Sudetendeutschen

bewohnten Teile der Tschechoslowakischen Republik.

Das offene Bekenntnis zu Hitler und seiner Außenpolitik der aggressiven

Provokation darf zwar einerseits nicht zu hoch bewertet werden – solche Formeln

finden sich in beinahe allen halb-offiziellen oder offiziellen Reden praktisch aller

damals bereits vollständig »gleichgeschalteten« Organisationen. Es zeigt aber andererseits

den erfolgreichen Vollzug der »Gleichschaltung« und der Einführung

des Führerprinzips.

In diesem Sinne wurde zeitgleich der Name der Gesellschaft geändert. Beim

Kongress 1938 in Stuttgart (abgehalten gemeinsam mit der Deutschen Pathologischen

Gesellschaft) wurde zunächst noch von der »Gesellschaft für Verdauungs-

8 Vgl. Mitgliederlisten. In: Verh

Ges Verd Stoffwechselkr, XI.

Tagung in Wien 1932. Leipzig

1933; 15 – 22 und XIV. Tagung

in Stuttgart 1938, Leipzig 1939;

XII – XVI.

9 Verh Ges Verd Stoffwechselkr,

XII. Tagung in Wiesbaden, Ordentliche

Mitgliederversammlung; 11.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Verh Ges Verd Stoffwechselkr,

XIV. Tagung in Stuttgart (22. bis

24. September 1938), Leipzig

1939, Eröffnungsansprache I; 4.

13 Verh Ges Verd Stoffwechselkr

zum Teil gemeinsam mit der Deutschen

Pathologischen Gesellschaft,

XIV. Tagung in Stuttgart (22. bis

24. September 1938). Leipzig

1939: Im Titel des Verhandlungsbandes

fehlt der Zusatz »Deutsche«,

im Inhaltsverzeichnis (Seite

V) wird er genannt.

14 Verhandlungen in Deutsche

Zeitschrift f Verdauungs- und

Stoffwechselkr, Sonderband: Verhandlungen

der Deutschen Gesellschaft

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten,

XV. Tagung in

Bad Kissingen (28. – 30. September

1950). Leipzig 1952.

◀ Mit dem Gesetz zur Wiederherstellung

des Berufsbeamtentums

vom 7. April 1933 änderte sich das

Leben an den damals 23 deutschen

Universitäten entscheidend. Jüdische

Mitarbeiter wurden entlassen,

für die »arischen« Dozenten

bedeuteten die freien Stellen neue

Aufstiegschancen. Vor allem jüngere

Hochschullehrer traten in die

Partei ein, manche aus Karrieregründen,

andere aus ideologischer

Motivation. An einzelnen Universitäten

waren schon im Sommer

1933 rund ein Viertel der Dozenten

der NSDAP beigetreten.

36


15 Gutmann I, Hg. Enzyklopädie

des Holocaust, Die Verfolgung

und Ermordung der europäischen

Juden, Band 1. Berlin 1993; 326,

330, 342. Strauß HA, Hg. Essay

on the history, persecution and

emigration on german jews. New

York 1987; 144, 151.

16 Kümmel WF. Die Ausschaltung.

In: Medizin im Dritten Reich. Bleker

J, Jachertz N, Hg. Köln 1989;

30 – 31.

17 Schwoch R, Hg. Berliner jüdische

Kassenärzte und ihr Schicksal

im Nationalsozialismus, Ein

Gedenkbuch. Berlin 2009.

18 Auch Klinikärzte waren betroffen:

Im April 1933 führte der

Erlass des »Gesetzes zur Wiederherstellung

des Berufsbeamtentums«

zur Entlassung aller Beamten

»nicht-arischer Abstammung«

aus dem öffentlichen Dienst. Siehe

»Gesetz zur Wiederherstellung

des Berufsbeamtentums« vom 7.

April 1933 (RGBl. I; 175 – 177). Vgl.

Walk J, Hg. Das Sonderrecht für

Juden im NS-Staat, Eine Sammlung

gesetzlicher Maßnahmen

und Richtlinien, Inhalt und Bedeutung.

Zweite Aufl. Heidelberg

1996; I / 46.

19 Rohrbach JM. Augenheilkunde

im Nationalsozialismus. Stuttgart

2007; 97.

20 Schwoch R. Approbationsentzug

für jüdische Ärzte – »Bestallung

erloschen«. Deutsches Ärzteblatt

2008; 105 (39): 2043 – 2044.

21 RGBl. I, 1933; 222. Barkai A.

Die Heimat vertreibt ihre Kinder,

Die nationalsozialistische Verfolgungspolitik

1933 bis 1941. In:

Stiftung Jüdisches Museum Berlin

und Stiftung Haus der Geschichte

der Bundesrepublik Deutschland,

Hg. Heimat und Exil, Emigration

der deutschen Juden nach 1933.

Frankfurt / M 2006; 15.

und Stoffwechselkrankheiten« gesprochen. Parallel taucht in einem Dokument

auch eine neue Bezeichnung auf: »Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und

Stoffwechselkrankheiten«.13

Ein Jahr nach dieser Tagung, am 1. September 1939, überfiel das Deutsche

Reich die Polnische Republik – der Zweite Weltkrieg begann. Während des Krieges

und in der Nachkriegszeit sollten keine Tagungen mehr stattfinden. Erst im

September 1950 kamen die Gastroenterologen erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg

zur 15. Tagung unter dem Vorsitz von Hans Heinrich Berg in Bad Kissingen

zusammen.14

Jüdische Gastroenterologen als Opfer des NS-Regimes

Der Zeitabschnitt 1933 bis 1945 weist zahlreiche unterschiedliche Teilaspekte auf,

die im Folgenden beleuchtet werden sollen. Sie zeigen Zustimmung und Ablehnung

der Politik der Nationalsozialisten, Mitgliedschaften in der NSDAP und Parteiuntergruppierungen.

Des Weiteren können Tätigkeiten als beratende Internisten

und Beteiligungen an Menschenversuchen in Konzentrationslagern aufgezeigt

werden. Zentrale Bedeutung für die Zeit zwischen 1933 und 1945 kommt dem

Schicksal der jüdischen Ärztinnen und Ärzte zu.

1933 lebten rund 570.000 Menschen, die nach den damals gängigen »rassischen«

Kriterien als Juden galten, im Deutschen Reich – weniger als ein Prozent

der Gesamtbevölkerung.15 Etwa sechzehn Prozent aller in Deutschland tätigen

Mediziner waren Juden; zwei Drittel von ihnen waren niedergelassen.16 In Berlin

war der Anteil der jüdischen Ärzteschaft mit fast 60 Prozent besonders hoch. Dort

waren unter den bisher 2.018 recherchierten jüdischen Kassenärzten 41 Fachärzte

für Magen- und Darmkrankheiten, deren Kurzbiografien dokumentiert sind.17

Diesen jüdischen Magen- und Darmspezialisten in Berlin wurde – wie all

ihren jüdischen Kollegen – kurz nach der »Machtübergabe« an die Nationalsozialisten

durch weitgehende Entrechtungsmaßnahmen die wirtschaftliche Grundlage

entzogen.18 Dies war bedingt durch die neu gefasste »Verordnung über die Zulassung

zur Kassenpraxis«, in deren Folge die Mehrheit der jüdischen Kassenärzte

ihre Zulassung verlor,19 womit ihnen einzig die Behandlung von Privatpatienten

geblieben war.20 Eine Ausnahmeregelung galt zunächst noch für diejenigen, die

sich vor 1914 niedergelassen hatten oder als Frontsoldaten sowie in Seuchenlazaretten

im Ersten Weltkrieg gedient hatten.21 Diese Ausnahme beruhte jedoch

Kapitel 3

▶ + ▶▶ Um die jüdischen Ärzte im

Reich zu diffamieren und ihrer Existenzgrundlage

zu berauben, betrieben

die Nazis ab dem Frühjahr

1933 aggressiv Propaganda. Was

mit Boykotten und Feme-Schildern

begann, weitete sich schnell zu

Berufsverboten und dem Entzug

der Approbation aus.

37


22 Schwoch R. Approbationsentzug

für jüdische Ärzte; 2043.

23 Martin Goldner in einer persönlichen

Mitteilung vom 4. Nov.

1986. In: Voswinckel P. Von der

ersten hämatologischen Fachgesellschaft

zum Exodus der

Hämatologie aus Berlin. In: Fischer

W, Hierholzer K, Hubenstorf M,

Walther PTh, Winau R, Hg. Exodus

von Wissenschaften aus Berlin.

Berlin 1994; 560. Martin Goldner,

aus einer jüdischen Familie

stammend, war Assistenzarzt bei

v. Bergmann und hatte diesem für

dessen Werk Funktionelle Pathologie

wesentlich zugearbeitet.

Vgl. v Bergmann G. Rückschau,

Geschehen und Erleben auf meiner

Lebensbühne. München 1953;

211. G. v. Bergmann (1878 − 1955)

war einer der führenden Internisten

seiner Zeit. Er hatte sich mit

der Ulcuskrankheit beschäftigt

und die Theorie einer spasmogenen

und neurogenen Ursache vertreten.

Er arbeitete vor allem zu

Fragen der Leib-Seele-Einheit und

gilt als Mitbegründer der psychosomatischen

Medizin. Bergmann

war Herausgeber eines vielbändigen

Handbuchs der Inneren

Medizin und war Vorsitzender der

6. Tagung der Gesellschaft für Verdauungs-

und Stoffwechselkrankheiten

1926 in Berlin; er gehörte

dem Ausschuss der Gesellschaft

über viele Jahre an. Nach Leitungsfunktionen

in Hamburg-Altona,

Ordinariaten in Marburg

und Frankfurt war v. Bergmann

von 1927 bis 1946 Ordinarius für

Innere Medizin und Ärztlicher

Leiter der II. Medizinischen Klinik

der Friedrich-Wilhelms-Universität

Berlin.

24 Schleiermacher S, Schagen U,

Hg. Die Charité im Dritten Reich.

Paderborn 2008; 51 − 53.

25 v Bergmann G. Rückschau;

205 − 205, 279.

26 Nissen R. Helle Blätter – dunkle

Blätter, Erinnerungen eines Chirurgen.

Stuttgart 1969; 130. Rudolf

◀ Mitgliederliste der Gesellschaft

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

von 1932. In dieser

Version aus dem Archiv der DGVS

sind die jüdischen Mitglieder, die

die Gesellschaft verlassen mussten,

rot ausgestrichen.

38


Nissen (1896 − 1981) hoch angesehener

Chirurg und Oberarzt bei

F. Sauerbruch in Berlin, emigrierte

1933 in die Türkei, weil er wegen

seiner jüdischen Abstammung mit

seiner Entlassung rechnen musste.

Seit 1939 war er zunächst in Boston

und danach in New York tätig.

Von 1952 bis 1967 leitete er die

Universitätsklinik für Chirurgie

in Basel.

27 »IV. VO zum Reichsbürgergesetz«

vom 25. Juli 1938 (RGBl. I;

969 f.). In: Walk J, Hg. Das Sonderrecht;

II / 510.

28 Benz W. Der Holocaust.

Sechste Aufl. München 2005; 34.

29 Hahn J, Schwoch R. Anpassung

und Ausschaltung. Berlin 2009; 12.

30 Schwoch R. Approbationsentzug

für jüdische Ärzte; 2044. Man

geht von einer Anzahl von 285

verbliebenen »Krankenbehandler«

aus.

nicht etwa auf Respekt vor Person und Leistung, sondern auf der Erwägung, dass

im Falle einer sofortigen Ausschaltung aller Ärzte, die als »nicht-arisch« angesehen

wurden, die flächendeckende Gesundheitsversorgung der Bevölkerung in

größeren Städten wie Berlin nicht hätte aufrechterhalten werden können. 1933

waren in Berlin von insgesamt etwa 3.600 Kassenärzten rund 2.000, also knapp

zwei Drittel, betroffen.22

Auch in den Universitätskliniken und großen Krankenhäusern erfolgte die

Entlassung jüdischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rasch und reibungslos.

Am 1. April 1933, dem Tag des Boykotts jüdischer Geschäfte sowie jüdischer Arztund

Rechtsanwaltspraxen, vollzog in der Charité Berlin der Ärztliche Leiter der II.

Medizinischen Universitätsklinik Gustav von Bergmann eine Verwaltungsanordnung:

Die jüdischen Mitarbeiter mussten an diesem Tag das Klinikgelände verlassen.23

Bereits im März 1933 wurde innerhalb der Medizinischen Fakultät der Charité

über die Kündigung der Ärztinnen und Ärzte jüdischer Herkunft diskutiert.24

Von Bergmann kam als damaligem Prodekan der Fakultät eine wichtige Rolle zu;

er galt als liberal und gegenüber den Nationalsozialisten als distanziert.25 Rudolf

Nissen, Oberarzt an der Chirurgischen Klinik der Charité und 1933 in die Emigration

getrieben, kannte von Bergmann seit 1927 persönlich: Er benannte dessen

Begabungen und Verdienste für die klinische Medizin, er hielt ihn für geschickt in

der Hochschulpolitik, aber »er blieb auch stumm, als seine ›nichtarischen‹ Assistenten

die Klinik verlassen mussten«26.

Durch die Nürnberger Rassegesetze vom September 1935 wurden Juden für

weitgehend »vogelfrei« erklärt. Die endgültige »Ausschaltung« erfolgte mit der

vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. Juli 1938. Diese setzte den

Schlusspunkt, indem die »Bestallungen (Approbationen) jüdischer Ärzte … am 30.

September 1938«27 für erloschen erklärt wurden. Dies bedeutete für die verbliebenen

3.152 jüdischen Ärzte das endgültige Berufsverbot.28 Nur einer begrenzten

Zahl von ihnen war es gestattet, als »jüdische Krankenbehandler« ausschließlich

jüdische Patienten zu behandeln. Doch ihre Anzahl ging rapide zurück: Im Oktober

1938 waren es noch etwa 70029, und bis zum Ende des Jahres sank ihre Zahl

auf unter 300.30

Jedes Einzelschicksal der Vertriebenen war mit unermesslichem Leid und

Unrecht verbunden. Lebensgeschichten wurden zerstört, viele Menschen wurden

in das Ausland verdrängt, erlebten nicht selten eine Odyssee und waren gezwungen,

einen vollständigen Neuanfang zu suchen. Manche, wie Ismar Boas, sahen

keinen anderen Ausweg als den Freitod. Nicht wenige, denen die Emigration

nicht gelang oder sie für sich ablehnten, wurden, wie Hermann Strauß, deportiert

und sind in einem KZ umgekommen.

Von den 41 jüdischen Berliner Magen-Darm-Ärzten gelang 20 zwischen 1933

und 1939 die Emigration ins Ausland: Neun gingen in die USA, fünf nach Großbritannien,

jeweils eine Person nach Italien, Ecuador, Brasilien, Norwegen und

Schweden; zudem gibt es einen jüdischen Arzt, bei dem als Emigrationsziel »Ausland«

vermerkt ist. Demgegenüber teilten acht Gastroenterologen den Schicksalsweg

von Millionen im Zweiten Weltkrieg ermordeter Juden: Sie wurden deportiert,

starben im KZ Theresienstadt oder wurden in einem Vernichtungslager im

Kapitel 3

39


31 Schwoch R, Hg. Berliner jüdische

Kassenärzte.

Osten ermordet. Weitere vier zerbrachen an dem nationalsozialistischen Terror

und begingen zwischen 1937 und 1943 Selbstmord. Ferner sind vier jüdische Magen-Darm-Spezialisten

in den Akten als »verstorben« vermerkt, das Schicksal der

übrigen Mediziner ist nicht sicher dokumentiert.31

Neben den individuellen Schicksalen steht der Verlust von Wissenschaftlern

und Ärzten, die für Innovation und Fortschritt standen. Die Brüche in der Forschungskontinuität

und deren Folgen sind für das Fachgebiet der Gastroenterologie

bisher nur selten thematisiert und kaum systematisch untersucht worden.32

Opferbiografien

Die Gesamtzahl der aus Deutschland vertriebenen und deportierten jüdischen

Gastroenterologen seit April 1933 ist bisher nicht bekannt. Stellvertretend sollen

hier die Schicksale einzelner bekannter, aber auch unbekannter Magen-Darm-Ärzte

jüdischer Herkunft aufgezeigt und an die Persönlichkeiten erinnert werden.

Der Ordinarius für Innere Medizin der Universität Freiburg und bekannte

Stoffwechselforscher Siegfried Thannhauser (1885 – 1962) musste 1935 Deutschland

verlassen. Er emigrierte in die USA, wurde durch die Rockefeller Foundation unterstützt

und arbeitete später am New England Medical Center der Tufts University

in Boston. Er ist nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Nach ihm benannt

ist die Thannhauser-Medaille, die die DGVS seit 1969 für herausragende

Leistungen gastroenterologischer und hepatologischer Forschung verleiht. Zudem

stiftet die Falk Foundation e. V. seit 1973 den Thannhauser-Preis für wegweisende

Arbeiten auf dem Gebiet der Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.33

Julius Strasburger (1871 – 1934), Ärztlicher Leiter der Medizinischen Poliklinik

und des Instituts für Physikalische Therapie der Universität Frankfurt / M, Mitherausgeber

des Archivs für Verdauungskrankheiten, der gemeinsam mit Adolf

Schmidt über Dickdarmerkrankungen geforscht hatte, musste nach einer Denunziation

und wegen eines jüdischen Großelternteils 1934 die Klinik verlassen.34

Viktor van der Reis (1889 – 1957) war an der Greifswalder Universität 1922 habilitiert

worden. Seine 1925 erschienene Monografie Die Darmbakterien des Erwachsenen

und ihre klinische Bedeutung war bahnbrechend und gilt heute als

Grundlage der modernen Mikrobiomforschung. Van der Reis hatte 1927 gemeinsam

mit dem Optiker Bernhard Schmidt ein biegsames Gastroskop entwickelt.

Zudem erfand er mit der Darmpatrone eine Methode zur gezielten mikrobiologi-

32 Cappell MS. The effect of

nazism on medical progress in

gastroenterology, The inefficiency

of evil. Dig Dis Sci 2006; 51:

1137 – 1158.

33 Zöllner N, Hofmann AF. Siegfried

Thannhauser (1885 – 1962),

Ein Leben als Arzt und Forscher in

bewegter Zeit. Freiburg 2001.

34 Möbus-Weigt G. Der Frankfurter

Internist und physikalische

Therapeut Julius Strasburger

(1871 – 1934 ) [Dissertation].

Frankfurt / M 1996; 72 – 80. Vgl.

Heupke W. Julius Strasburger zum

Gedächtnis. Arch f Verdauungskr

1934; 56: 352 − 354.

◀ Der Stürmer war eine der

bekanntesten Wochenzeitschriften

im »Dritten Reich«. 1923 von

Julius Streicher gegründet, hetzte

das Blatt mit drastischen Titeln

und Abbildungen gegen Juden

und befeuerte mit brutalen Karikaturen

den Antisemitismus in der

Bevölkerung. Der Stürmer – der

nie offizielles NS-Organ war –

bekämpfte nach eigener Aussage

die »jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung.«

Julius Streicher

wurde nach Ende des Zweiten

Weltkrieges bei den Nürnberger

Prozessen zum Tode verurteilt.

40


35 van der Reis V. Demonstration

des optischen Prinzips eines biegsamen

Gastroskopes. Medizinischer

Verein Greifswald, 14. Jan.

1927. Med. Klinik 1927; 23: 534.

van der Reis V. Die Darmbakterien

und ihre klinische Bedeutung.

Ergeb Inn Med Kinderheilkd 1925;

27: 77 − 168. Vgl. Ewert G, Ewert

R. Emigranten der Medizinischen

Universitätsklinik Greifswald in

der Zeit des Nationalsozialismus,

Viktor van der Reis, Alfred Lublin,

Heinrich Lauber. Berlin 2011;

13 − 40.

36 Schwoch R, Hg. Berliner jüdische

Kassenärzte und ihr Schicksal

im Nationalsozialismus; 237.

37 Ebd.; 824.

38 Ebd.; 198.

38 Auswertung der Ergebnisse aus

Schwoch R, Hg. Berliner jüdische

Kassenärzte und ihr Schicksal im

Nationalsozialismus.

▶ Einer von zahlreichen deutschen

Medizinern, die Opfer des NS-Regimes

wurden, war Siegfried Thannhauser.

Bis 1933 war er einer der

führenden Stoffwechselforscher im

Deutschen Reich, dann wurde er

degradiert. Thannhauser konnte

1935 in die USA emigrieren, wo er

in Boston weiter forschte.

schen Untersuchung des Dünndarms. Seit 1928 leitete er die Medizinische Klinik

des Städtischen Krankenhauses in Danzig. 1939 wurde er unmittelbar nach der

Besetzung der Stadt durch die Wehrmacht verhaftet und konnte, nach erfolgreicher

Flucht auf dem Transport ins Konzentrationslager Stutthof, mit Hilfe von

Freunden über Italien nach Brasilien ausreisen. Seit 1943 Direktor des Institut Pinheiros

in São Paulo zog er es nach dem Krieg vor, nicht nach Deutschland zurückzukehren.35

Alfred Frank (1882 – 1943), Internist und Facharzt für Magen- und Darmkrankheiten

und ab 1939 als »Krankenbehandler« tätig, wurde am 12. März 1943 mit

dem 36. Transport in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet.36

Ebenso der aus Breslau stammende Max Schreuer (1874 – 1943), der ab 1941 in

seiner Profession bleibend als »Krankenbehandler« für Magen- und Darmkrankheiten

in Berlin jüdische Patienten behandelte. Auch er fiel dem Rassenwahn zum

Opfer und wurde am 3. Oktober 1942 mit dem dritten großen Alterstransport in

das KZ Theresienstadt deportiert, wo er acht Monate später umkam.37

Hans Ury (1873 – 1937), ein bekannter Berliner Gastroenterologe, Mitglied der

Gesellschaft sowie Schüler und enger Mitarbeiter von Ismar Boas, teilte das

Schicksal seines Lehrers. Der niedergelassene Facharzt für Magen- und Darmkrankheiten

und Röntgenarzt beging 1937 Selbstmord.

Ismar Isidor Boas (1858 – 1938), der Gründer der DGVS und langjährige Schriftleiter

des Archivs, nahm sich in Wien das Leben.

Rudolf Ehrmann (1879 – 1963), Ärztlicher Direktor von 1917 bis 1933 in der Abteilung

für Innere Medizin I im Städtischen Krankenhaus Neukölln, gelang es

noch im Kriegsjahr 1939 über Großbritannien in die USA zu emigrieren. Dort gehörte

er zu den gefragtesten Ärzten und war u. a. Hausarzt von Albert Einstein und

Fritz Kreisler.38

Einen besonderen Schicksalsweg ging Felix Meyer (1876 – 1955). Er hatte in

Würzburg studiert und war seit 1919 als Internist und Facharzt für Magen- und

Darmkrankheiten tätig. Von 1939 bis 1943 wirkte er als »Krankenbehandler« auf

dem Gebiet der Inneren Medizin. Doch auch ihn ereilte das Schicksal von so vielen

– er wurde am 15. Oktober 1943 mit dem 97. Alterstransport in das KZ Theresienstadt

deportiert. Diese unvorstellbare Zeit überlebte er jedoch und kehrte 1945

nach Berlin zurück, wo er bereits im selben Jahr wieder als Internist und Facharzt

für Magen- und Darmkrankheiten praktizierte.39

Kapitel 3

▶▶ Viktor van der Reis war Gastroenterologe

in der Freien Stadt

Danzig. Als Danzig 1939 an das

Deutsche Reich angeschlossen

wurde, wurde van der Reis verhaftet.

Auf dem Transport ins KZ

Stutthof konnte er fliehen und

erreichte schließlich Brasilien. 1943

wurde er Direktor des Institut Pinheiros

in São Paulo. Im Bild: van

der Reis in Brasilien (links).

41


Hermann Strauß (1868 – 1944) stammte aus Heilbronn und hatte eine hochkarätige

Ausbildung bei Ewald im Augustahospital in Berlin, bei Riegel in Gießen

und seit 1895 bei Hermann Senator in der III. Medizinischen Klinik der Charité

absolviert.40 Er gehörte um 1900 in der Charité Berlin zur Gruppe sehr engagierter

jüdischer Ärzte, die eine Fülle originärer Beiträge zur Fortentwicklung der Medizin

lieferten. Strauß befasste sich zunächst mit Funktionsuntersuchungen der Niere.

Die Strauß-Kanüle wurde von ihm entwickelt, womit er die Voraussetzungen für

eine unkomplizierte Blutentnahme, für Blutanalysen in großem Umfang und für

die Infusionstherapie schuf.41 Strauß gilt als Erstbeschreiber der kochsalzarmen

Diät. 1897 wurde er mit seinen Arbeiten zur funktionellen Diagnostik der Magenerkrankungen

an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin habilitiert und 1902

zum a.o. Professor ernannt. Seit 1900 widmete er sich vornehmlich den Magen-Darm-Krankheiten,

stellte die Laevuloseprobe zur Leberfunktionsuntersuchung

vor und konstruierte das Straußsche Procto-Sigmoidoskop.42 1910 erschien

sein Werk Die Procto-Sigmoskopie und 1922 Erkrankungen des Rectum und Sigmoideum.

Fragen der Diätetik interessierten ihn ebenso wie die Fortschritte in der Diabetestherapie;

er gehörte zu den ersten deutschen Ärzten, die Anfang der 1920er

Jahre Insulin anwandten. Strauß war seit 1910 Mitherausgeber des Archivs und

veröffentlichte zudem selbst in der Nachfolge von Albert Albu die Sammlung

zwangloser Abhandlungen aus dem Gebiete der Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.

Publizistisch hochaktiv verfasste er 26 Monografien und viele wissenschaftliche

Fachbeiträge. Eine breite Aufklärung war ihm ein wichtiges Anliegen,

so dass er eine Reihe allgemeinverständlicher Schriften verfasste.

Hermann Strauß übernahm 1910 die Stelle des Leitenden Arztes der Abteilung

Innere Medizin am Jüdischen Krankenhaus Berlin und war an den Planungen

eines Neubaus entscheidend beteiligt, der 1914 bezogen wurde. Dieser verfügte

über eine modern eingerichtete Abteilung, in der Strauß bis 1942 unter

zunehmend schwierigen Bedingungen tätig war. Eine Emigration lehnte er ab.

Hermann und Elsa Strauß wurden am 31. Juli 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert.

Dem Ältestenrat des KZ angehörend, half er dort medizinisch, soweit es ihm

möglich war. Am 17. Oktober 1944 starb er im KZ Theresienstadt an den Folgen eines

Herzinfarktes. Seine Ehefrau überlebte, starb aber im Juni 1945 an den Folgen

der Haft.

40 Jenss H. Hermann Strauß,

Internist und Wissenschaftler

in der Charité und im Jüdischen

Krankenhaus Berlin, Mit einem

Beitrag über Elsa Strauß. (Jüdische

Miniaturen Band 95.) Berlin 2010.

41 Cameron JS. One man and his

needle – Hermann Strauss. Seminars

in Dialysis 2006; 19: 559−561.

42 Stelzner FH. Strauß’ Beitrag zur

Entwicklung des Rekto-Sigmoidoskops.

Med Welt 1963; N.F. 13:

286 – 294.

43 Sachse C, Walker M. Naturwissenschaften,

Krieg und Systemverbrechen,

Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft

im internationalen

Vergleich 1933 – 1945. In: Grüttner

M, Hachtmann R, Jarausch KH,

John J, Middell M, Hg. Gebrochene

Wissenschaftskulturen,

Universität und Politik im 20. Jahrhundert.

Göttingen 2010; 178.

44 Ebd.; 180.

◀ Hermann Strauß Ende der

1920er Jahre. Gewählt als designierter

Vorsitzender der 12. Tagung

in Berlin musste er 1933 sein Amt

vorzeitig niederlegen.

42


45 Kupplich Y. Funktion und Leistungen

der Beratenden Internisten

im Heeressanitätsdienst der deutschen

Wehrmacht 1939 – 1945

[Dissertation]. Leipzig 1996. Vgl.

auch BArch-RH 12 – 23, 221, 947.

46 Neumann A. »Arzttum ist

immer Kämpfertum«, Die Heeressanitätsinspektion

und das Amt

»Chef des Wehrmachtssanitätswesens«

im Zweiten Weltkrieg

(1939 – 1945). Düsseldorf 2005;

105.

47 Ebd.; 199−200. Vgl. BArch-MA,

RH 12−23, 247: G. Katsch: »Wenn

irgendmöglich, sollten Ulcuskuren

in Feld- und Kriegslazaretten

durchgeführt werden, wo etwas

Frontgeist herrscht und die Rückkehr

zur alten Truppe, zu alten

Kameraden in Aussicht steht.«

48 Gutzeit K. Aussichten und

Durchführung der vergleichenden

Therapie und Prophylaxe im

Kriege. Der Deutsche Militärarzt

1941; 6: 14−19. Vgl. BArch-MA

12−23, 286, 1214.

49 BArch-MA RH 12 – 23 / 247:

Teilnehmer der 3. Arbeitstagung

Ost der Beratenden Internisten,

24. – 26.5.1943; Berg bedankt sich

ausdrücklich für die Einladung:

»Mit grosser Freude werde ich

kommen. U. a. interessiert mich

natürlich auch das Thema der

Einsatzmöglichkeit Ulcuskranker«.

Brief H. H. Berg an StA Dr.

Fähndrich, Dienststelle Beratender

Internist der Heeressanitätsinspektion,

vom 11. Mai 1943. Ebd.

50 BArch-MA RH 12 – 23 / 2076.

51 BARch-MA, RH 12 – 23 / 256;

Katsch an Gutzeit, 26.3.1940.

Vgl. die Berichte von G. Katsch

als Beratender Internist, RH

12 – 23, 70.

52 BArch-MA, RH 12 – 23 / 256; Gutzeit

an Berg, 4.4.1940.

53 Mitscherlich A, Mielke F, Hg.

Medizin ohne Menschlichkeit.

Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses.

Frankfurt / M 1960;

286.

54 Leyendecker B. Die Wirkung

einer Fußnote aus Mitscherlichs

und Mielkes Dokumentation über

den Nürnberger Ärzteprozess,

Hans Voegt im Netzwerk der

Hepatitisforscher vor und nach

1945. In: Oehler-Klein S, Roelcke

V, Hg. Vergangenheitspolitik in

der universitären Medizin nach

1945; 65 – 96. Vgl. Leyendecker

B, Klapp BF. Deutsche Hepatitisforschung

im Zweiten Weltkrieg;

261−293.

Anpassung – Verstrickung – Grenzüberschreitungen

Neben den Gastroenterologen, die Opfer des NS-Regimes wurden, gab es zahlreiche,

die eng mit dem Staat zusammenarbeiteten. Ihr Handeln war geprägt von

Anpassung und zum Teil von direkter Verstrickung. Diese Problematik ist abgesehen

von den individuellen Haltungen im Kontext der Wechselwirkungen zwischen

Wissenschaft und Politik zu betrachten; »die Politik stellt Finanzen und

Infrastruktur bereit; die Wissenschaft liefert Expertise in vielfältigster Form: Gutachten,

Beratung, Fachpersonal für beliebige politische Problemlagen bzw. neue

oder verbesserte Technologien«.43 Im NS-Staat wurden durch die Ideologie von

Volk und Rasse die ethisch-moralischen Grenzen verschoben und Kontrollmechanismen

außer Kraft gesetzt. In diesem Umfeld, zumal während des Krieges,

war es Wissenschaftlern und Ärzten vorstellbar, »alle gegebenen Möglichkeiten,

die in der Logik ihrer wissenschaftlichen Denkbewegungen und Suchstrategien

sinnvoll erschienen, auch tatsächlich auszuprobieren«44.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges übernahmen die führenden Internisten

neben ihrer Hochschul- und Klinikarbeit die Funktion der sogenannten Beratenden

Ärzte der verschiedenen Wehrkreiskommandos. Hans Wilhelm Bansi, Hans

Heinrich Berg, Hans Eppinger, Erich Grafe, Ferdinand Hoff, Gerhardt Katsch,

Heinz Kalk, Helmuth Reinwein, Richard Siebeck und Franz Volhard gehörten zum

Kreis der Beratenden Internisten.45 Ihre Berichte und Erfahrungen mit den erkrankten

Soldaten und der jeweiligen Behandlung wurden von der Heeressanitätsinspektion

gesammelt und analysiert.46 So hat sich Gerhardt Katsch in dieser

Funktion zur Verwendung Magenkranker und zu ihrer Unterbringung in Lazaretten

geäußert und auf das Problem der Hypochonder hingewiesen.47 Kurt Gutzeit,

neben seiner Tätigkeit als Leiter der Medizinischen Klinik der Universität Breslau

Beratender Internist beim Heeressanitätsinspekteur in Berlin, betrachtete den

»Krieg mit seinem charakteristischen Massenanfall gleicher Erkrankungen« als

»nie wiederkehrende Gelegenheit«48, Erfahrungen durch eine »vergleichende

Therapie« zu gewinnen. Die Beratenden Ärzte partizipierten – zumindest teilweise

– bis 1944 an jenen Fachtagungen der Wehrmachtsärzte, bei denen über Ergebnisse

der »Kriegsforschung« einschließlich der Menschenversuche berichtet wurde.49

So haben Katsch und Kalk an der 4. Arbeitstagung Ost der Beratenden Ärzte

im Mai 1944 teilgenommen, bei der über die Sulfonamidversuche an KZ-Insassen

berichtet wurde.50 Die Funktion des »Beratenden« wurde von den einzelnen Internisten

unterschiedlich ausgeführt. Katsch – militärisch ausgerichtet – führte

regelmäßige Lazarettbesuche durch und gab straffe Anweisungen, er wünschte

sich zudem ein »sinnvolles Kommando«.51 Berg beschränkte sich auf eine konsiliarische

Tätigkeit, wofür er von Gutzeit kritisiert und ermahnt wurde.52

Drei exemplarische »Forschungsprojekte«, bei denen die beteiligten Mediziner

ethische Grundsätze weitgehend ignoriert haben, sollen im Folgenden skizziert

werden.

Kapitel 3

Hepatitis epidemica – Virusforschung und Menschenversuche

In einer Fußnote in Medizin ohne Menschlichkeit haben Alexander Mitscherlich

und Fred Mielke auf die Arbeit von Hans Voegt Zur Ätiologie der Hepatitis epidemica

43


55 Voegt H. Zur Aetiologie der

Hepatitis epidemica. Münch med

Wschr 1942; 89 (4): 76 − 79.

von 1942 hingewiesen: »Der Beitrag stellt im übrigen ein sehr deutliches Beispiel

für die Taktik der Verschleierung dar, ob es sich um freiwillige oder unfreiwillige

Versuche handelt. Nachdem bei einer ersten Versuchsreihe ausdrücklich die freiwillige

Teilnahme betont wird, findet sie bei einer zweiten mit sechs Personen

keine Erwähnung.«53 Voegt war Assistenzarzt bei Kurt Gutzeit in der Medizinischen

Universitätsklinik in Breslau und war von diesem zur Klärung der Genese

der epidemischen Hepatitis angeregt worden. Zum damaligen Zeitpunkt wurde

zwar bereits deren Virusursache diskutiert, diese war aber noch nicht bewiesen.

Brigitte Leyendecker hat seit den 1980er Jahren die Umstände der Hepatits A-Forschung

zwischen 1941 und 1945 erforscht und damit erstmals umfangreich bekannt

gemacht.54 Bei seinen Versuchen hatte Voegt, neben sich selbst und drei

freiwilligen Studenten, sechs Patientinnen und Patienten mit infiziertem Material

von Hepatitis epidemica-Kranken peroral, subkutan und intramuskulär exponiert.55

Wie die zweite Versuchsgruppe der Patienten rekrutiert wurde und ob die

Betroffenen ihre Zustimmung zu dem Versuch erteilt hatten oder überhaupt erteilen

konnten, bleibt in dem Beitrag Voegts verborgen. Leyendecker hat anhand

von Briefen, die Gutzeit im Oktober 1941 erhalten hat, dokumentiert, dass es sich

bei den Versuchspersonen um psychiatrische Patienten aus der Breslauer Nervenklinik

handelte.56

Versuche an Menschen waren keine Erfindung der Nationalsozialisten. In

der Zeit der Weimarer Republik wurden sie heftig diskutiert. Eine Richtlinie des

Reichsinnenministeriums vom Februar 1931 hatte für Human experimente die informierte

Zustimmung der Patienten oder ihrer gesetzlichen Vertreter explizit zur

Bedingung gemacht.57 Während des Zweiten Weltkrieges wurden diese Regeln so

nicht mehr angewandt, denn Hepatitis epidemica galt als kriegswichtig und es

bestand an der Forschung zu dieser Krankheit ein besonderes Interesse. Gutzeit,

Voegt und Arnold Dohmen, der aus der Medizinischen Klinik Hamburg-Eppendorf

kam und an die Militärärztliche Akademie Berlin kommandiert war, verfolgten

ihre Hepatitis-Experimente 1943 mit Zustimmung der SS-Führung weiter und

führten 1944 Infektionsversuche an elf jüdischen Kindern und Jugendlichen im

Alter von 8 bis 16 Jahren durch. Die Kinder waren zuvor von Arnold Dohmen im

KZ Auschwitz selektiert und in das KZ Sachsenhausen gebracht worden58; sie

wurden peroral und intramuskulär mit Hepatitis-infiziertem Material exponiert,

zudem wurde bei einem der Kinder eine Leberpunktion (zur damaligen Zeit bei

der üblichen Verwendung der Iversen-Roholm-Nadel nicht risikolos) vorgenommen.59

Glücklicherweise wurden alle elf Jugendlichen 1945 aus dem KZ Sachsenhausen

befreit.

1981 – 36 Jahre nach Kriegsende – erwähnte Friedrich Deinhardt anlässlich

eines Symposiums die ausschließliche Freiwilligkeit bei den ersten Voegtschen

Hepatitis-Versuchen in Breslau.60 Die heute bekannten Fakten zu den Experimenten

durch die Gruppe um Gutzeit zeigt die Dimension der Grenzüberschreitungen

an jenen Menschen, die Deinhardt in seinem Vortrag gerade als grundsätzlich

»niemals echt freiwillige«61 Versuchspersonen bezeichnete: psychiatrische Patienten,

Gefangene und Kinder. Die Max-Planck-Gesellschaft bekannte sich 2001 in

Anwesenheit von Saul Oren-Hornfeld, der 1943 / 44 zu den Hepatitis epidemi-

56 Leyendecker B. Hepatitis-Humanexperimente

im Zweiten

Weltkrieg. Zeitschrift für die

gesamte Hygiene und ihre Grenzgebiete

1989; 35: 756 − 760, hier

757, 759. Die erklärenden Briefe

an Gutzeit finden sich in den

Akten der Heeressanitätsinspektion

(»Ikterusforschung«) im Bundesarchiv-Militärarchiv

Freiburg:

RH 12 – 23 / 386: Brief Dr. Voegt

und Dr. Kuhlmann, Medizinische

Klinik Breslau an Gutzeit vom 11.

bzw. 14. Oktober 1941.

57 »Richtlinien für neuartige

Heilbehandlung und Vornahme

wissenschaftlicher Versuche am

Menschen vom 28.2.1931«.

Reichsgesundheitsblatt 1931;

6: 174. Vgl. Steinmann R. Die

Debatte über Medizinische Versuche

am Menschen in der Weimarer

Zeit [Dissertation]. Tübingen

1975.

58 Ebd.; 758.

59 Leyendecker B, Klapp BF.

Deutsche Hepatitisforschung im

Zweiten Weltkrieg. In: Wert des

Menschen; 274−260. Vgl. Ley A,

Morsch G. Medizin und Verbrechen.

Das Krankenrevier des KZ

Sachsenhausen 1936 – 1945. Berlin

2007; 338 − 361.

60 Deinhardt F. Experiment am

Menschen – Ein Beispiel an der

Virushepatitis-Forschung. In: Martini

GA, Deinhardt F, Hg. Medizin

und Gesellschaft, Ethische Verantwortung

und Ärztliches Handeln.

Stuttgart, Frankfurt / M 1982;

134 − 135.

61 Ebd.

62 Sachse C, Hg. Die Verbindung

nach Auschwitz, Biowissenschaften

und Menschenversuche an

Kaiser-Wilhelm-Instituten, Dokumentation

eines Symposiums,

Band 6 der Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft

im Nationalsozialismus.

Göttingen 2003;

7. Oren-Hornfeld S. Die 11 von

Sachsenhausen. In: Ebd.; 94 – 100.

Oren-Hornfeld S. Wie brennend

Feuer, Ein Opfer medizinischer

Experimente im Konzentrationslager

Sachsenhausen erzählt. Berlin

2005.

63 Neumann A. »Arzttum ist

immer Kämpfertum«; 266. Siehe

BArch-MA RH 12 – 23 / 1837 und

1649.

64 Neumann A. »Arzttum ist

immer Kämpfertum«; 267.

44


65 Ebd.; 268. Siehe BArch-MA RH

12 – 23, 1649 und 1837.

66 Neumann A. »Arzttum ist

immer Kämpfertum«; 269. Vgl.

BArch-MA, RH 12 – 23, 1837: G.

Katsch an Gutzeit vom 4.7.1942

über »Sparsame Auffütterung von

schwer hungergeschädigten russischen

Kriegsgefangenen«.

67 BArch-MA 12 – 23 / 1805

(»Ueber das Ernährungsoedem«

von Heinrich Berning).

68 von den Bussche H, Hg. Medizinische

Wissenschaft im »Dritten

Reich«, Kontinuität, Anpassung

und Opposition an der Hamburger

Medizinischen Fakultät. Berlin,

Hamburg 1989; 265.

69 Ebd.; 265. Vgl. BArch-MA RH

12 – 23, 1805. Auch Berning H.

Zur Klinik von Oedemzuständen

bei Resorptionsstörungen und

falscher Ernährung. Z f klin Med

1944; 143: 1 – 28.

70 Berning H. Truppenärztlich

Wichtiges über die Oedemkrankheit.

Der Deutsche Militärarzt

1942; 7: 733 − 735.

71 BArch-MA RH 12 – 23, 1805.

Besondere Bedeutung kommt

in diesem Zusammenhang der

Personalbeurteilung Bernings

durch Berg vom 3.4.1944 für den

Beauftragten für Medizinische

Wissenschaft und Forschung

(Paul Rostock) bei dem Bevollmächtigten

für das Sanitäts- und

Gesundheitswesen (Karl Brandt)

zu. Vgl. BA R 9361 / II, 69376. Vgl.

Helmholz S, Schmiedebach HP,

Lohse AW. Forschung um jeden

Preis? Martini-Stiftung, Die Preisträger

in den Jahren 1933 – 1945.

Hamburger Ärzteblatt 2012; 66

(2): 12 – 17.

72 Vgl. Mattes JB. Die Stationsbenennungen

des Klinikums der

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

im Breisgau, Erinnerungskultur,

kollektives Gedächtnis und

Umgang mit nationalsozialistischer

Vergangenheit. Frankfurt / M

2008; 151 − 153.

73 Mitscherlich, Mielke. Medizin

ohne Menschlichkeit; 76 − 90.

74 Ebd.; 81.

Kapitel 3

75 Ebd.; 77 – 84.

▶ 1938 erschien die erste Ausgabe

der Deutschen Zeitschrift für Verdauungs-

und Stoffwechselkrankheiten.

45


76 Ebd.; 83. »Der Durst nimmt

schwer erträgliche Formen an.

Patient liegt apathisch, ganz

bewegungsarm, mit halbgeschlossenen

Augen da. Er nimmt wenig

Anteil an seiner Umgebung. Er

bittet nur, wenn er aufwacht, um

Wasser. Das Aussehen ist sehr

schlecht und verfallen, der Allgemeinzustand

besorgniserregend.«

(Versuchsprotokoll von W. Beiglböck).

Ebd.; 86.

77 Ebd.; 84.

78 Ebd.; 87.

79 Ebd.; 89.

80 Ebd.; 153.

81 Eppinger H. Eröffnungsansprache

des Vorsitzenden, 53. Kongress

der Gesellschaft für Innere

Medizin, Wiesbaden. In: Hundert

Jahre Gesellschaft für Innere Medizin,

Eröffnungsreden. München

1982; 585 – 595, hier 592. Vgl.

Druml W. Die Wiener Klinische

Wochenschrift 1938 – 1945. Wiener

Klin Wochenschr 1996; 108:

381 – 384. Eppinger hatte im Mai

1938 die Schriftleitung der Wiener

Klinischen Wochenschrift übernommen

und sich pronationalsozialistisch

geäußert.

82 Spiro H. Eppinger of Vienna,

Scientist or Villain? J Clin Gastroenterol

1984; 6: 493 – 497.

83 Cobet R. In memoriam Kurt

Gutzeit. Med Klinik 1957; 52:

2155 – 2156. Parade GW. Nachruf

für Kurt Gutzeit. Münch Med

Wochenschr 1958; 100: 92 – 93.

Schulz HU. »Gutzeit, Robert Julius

Kurt«. In: Neue Deutsche Biographie

1966; 7: 353 – 354.

84 Wilhelm Stepp war durch seine

Arbeiten über Vitamine bekannt

geworden. Vgl. Wolf G, Carpenter

KJ. Early research into the vitamins.

The work of Wilhelm Stepp.

JN 1997; 127: 1255 – 1259.

85 Gutzeit K. Die Gastroskopie im

Rahmen der klinischen Magendiagnostik.

Ergeb Inn Med Kinderheilk

1929; 35: 1 – 99.

◀ Ein Propagandaplakat vom

Juli 1943 betont die Leistung und

Bedeutung der deutschen Wissenschaft

für den Sieg.

◀◀ Während der NS-Zeit und

besonders während des Krieges

führten einige Gastroenterologen

medizinische Versuche durch, ohne

sich an die Standards der medizinischen

Ethik zu halten. Einer von

ihnen war der Hamburger Mediziner

Arnold Dohmen, der an Kindern

aus dem KZ Auschwitz mit

Hepatitis experimentierte.

46


86 Leopold Lichtwitz

(1876 – 1943), ausgewiesener

Stoffwechselforscher und Verfasser

des Lehrbuchs Klinische Chemie,

wurde 1933 wegen seiner

jüdischen Herkunft entlassen.

Er emigrierte im gleichen Jahr in

die USA. In New York wurde er

Leiter der Medizinischen Klinik

am Montefiore Hospital New

York und lehrte klinische Medizin

an der Columbia University.

Lichtwitz war 1933 designierter

Vorsitzender des 45. Kongresses

der Deutschen Gesellschaft für

Innere Medizin, durfte den Vorsitz

jedoch nicht übernehmen. Vgl.

Kagan SR. Jewish Medicine. Boston

1952; 321.

87 Gutzeit K. Über die Gastroenteritis,

Entzündung des Magen-

Darmkanals und ihre Folgeerscheinungen.

(Klinische Lehrkurse

der Münchener Medizinischen

Wochenschrift, Band 12.) München

1933.

88 Georg Klemperer war in den

1920er Jahren renommierter Internist,

der sich mit Ernährungsfragen,

Arzneimitteltherapie und

psychosomatischen Aspekten

befasste. Wolf U. Leben und Wirken

des Berliner Internisten Georg

Klemperer (1865 – 1946). [Dissertation].

Aachen 2003.

89 Nach dem Zweiten Weltkrieg

erschien die Reihe als Klinik der

Gegenwart, 1955 herausgegeben

von K. Gutzeit, R. Cobet und

H. E. Bock.

90 Heinrich Teitge, internistisch

ausgebildet u.a. in der I. Medizinischen

Klinik der Charité in Berlin

bei W. His, wurde am 1.4.1933

Oberarzt in der IV. Medizinischen

Klinik des Städtischen Krankenhauses

Moabit in Berlin bei Viktor

Schilling. Seit 1935 war er

Ärztlicher Leiter der Abteilung

Innere Medizin am Urbankrankenhaus

Berlin. Vgl. UA HUB PA

UK T010 Band I Bl. 1 – 14 u. Bl.

26. Teitge war seit dem 1.10.1930

SS- und NSDAP-Mitglied und seit

1931 NS-Zellenobmann in der

Charité. Vgl. UA HUB PA UK Band

I, Bl. 26 und BA (ehem. BDC) R

4901 / 13278. Im Januar 1943

wurde Teitge Leiter der Hauptabteilung

Gesundheitswesen im

Generalgouvernement und Leitender

SS-Arzt beim Höheren SS- und

Polizeiarzt OST. Friedmann T, Hg.

Prof. Heinrich Teitge, SS-Brigadeführer,

Chefarzt der Gesundheitskammer

im Generalgouvernement

1943 – 1945. Haifa 2002.

ca-Versuchen gezwungen wurde, zur Verantwortung für die Verbrechen, die während

des »Dritten Reiches« von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen an

Menschen verübt wurden.62

Ernährungsforschung und Hungerversuche

im Zweiten Weltkrieg

Während des Krieges sollte die Truppenverpflegung gemäß wissenschaftlicher

Erkenntnisse zur »optimalen« Ernährung gestaltet werden; mit dieser Zielsetzung

war eine Arbeitsgemeinschaft »Ernährung der Wehrmacht« gegründet worden,

um unter anderem Forschungsarbeiten zur Leistungssteigerung durch

zweckmäßige Ernährung durchzuführen.63 In diesem Kontext wurden auch Untersuchungen

zu Mangelerscheinungen bei unzureichender oder fehlender Nahrung

interessant.64 Alexander Neumann hat dokumentiert, dass Ernährungsversuche

mit Kriegsgefangenen, Untersuchungen zum Hungerödem und zur

Wirkung verschiedener Eiweißzubereitungen zu jener Zeit »keine Seltenheit«65

waren. Nach seinen Angaben hat sich 1942 auch Gerhardt Katsch an solchen Untersuchungen

beteiligt.66

Während des Krieges erforschte Heinrich Berning, Mitarbeiter bei Hans

Heinrich Berg in der I. Medizinischen Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, an

Lazarettkranken in Hamburg die Ödemkrankheit und deren Folgen.67 Durch spätere,

eingehende Analysen der Berningschen Arbeiten wurde deutlich, dass Berning

ein Forschungsprojekt im Auftrag der Wehrmacht durchführte und dass er

seine Erkenntnisse 1941 / 42 an 56 sowjetischen Kriegsgefangenen durch gezielte

Hungerversuche gewann, von denen zwölf während des Beobachtungszeitraumes

starben.68 Zur damaligen Zeit war bereits bekannt, dass der Ödemkrankheit

mit einer hochwertigen Eiweißzufuhr zu begegnen war; dennoch hat Berning die

Nahrungszufuhr, zumindest teilweise, mehr an Forschungszwecken als an therapeutischen

Notwendigkeiten ausgerichtet und die unterernährten Kriegsgefangenen

umfangreich mittels Kolonkontrasteinlauf, Sternalpunktionen und

Belastungstests untersucht.69 Er selbst hat 1942 die günstige Prognose der Ödemkrankheit

bei frühzeitiger Erkennung und Behandlung beschrieben.70 Gemeinsam

verfassten Berg und Berning den Beitrag Qualitative und quantitative Ernährungsschädigungen

in dem vom Heeressanitätsinspekteur 1944 herausgegebenen Buch

Innere Wehrmedizin. Nach den zur Verfügung stehenden Quellen ist davon auszugehen,

dass Berg über die Umstände der Experimente Bernings vollständig informiert

war.71

Meerwasserversuche und Hans Eppinger

Hans Eppinger war in den 1930er Jahren der führende Hepatologe und publizierte

1937 das damalige Standardwerk Die Leberkrankheiten. Nach Ordinariaten für Innere

Medizin in Freiburg (1926 – 1930) und danach in Köln wechselte Eppinger als

Leiter der I. Medizinischen Universitätsklinik nach Wien.72 Auf der Basis bekannter

Dokumente besteht kein Zweifel daran, dass Hans Eppinger 1944 als Gutachter

an der Planung von Experimenten beteiligt war, die die Trinkbarmachung von

Meerwasser zum Ziel hatten.73 Hierbei handelte es sich um eine kriegswichtige

Kapitel 3

47


91 Gutzeit K, Teitge H. Die Gastroskopie,

Lehrbuch und Atlas. Berlin,

Wien 1937.

Frage, da für in Seenot geratene, abgestürzte Piloten der Mangel an Süßwasser

eine Gefahr darstellte. Die Versuchsanordnung sah verschiedene Gruppen von

Versuchspersonen vor: Eine Gruppe sollte dursten, eine andere erhielt Meerwasser,

eine weitere konnte eine definierte Trinkwassermenge zu sich nehmen, eine

vierte Gruppe erhielt Meerwasser mit einem speziellen Zusatz (Berka-Verfahren).74

Die Leitung der Untersuchungen übernahm mit Eppingers Zustimmung

sein Oberarzt Wilhelm Beiglböck aus der I. Medizinischen Universitätsklinik

Wien; Testpersonen, die aus dem KZ Buchenwald in das KZ Dachau verlegt wurden,

waren als »Zigeuner« definiert.75 Beiglböck war sich der Qualen vor allem bei

den Durstversuchen bewusst und hat selbst den durch das Dursten verursachten

Zustand der Versuchspersonen beschrieben.76 Zu Todesfällen ist es nicht gekommen,

und Beiglböck versicherte, »dass ich die Versuche so abgebrochen habe,

dass die kritische Grenze in keinem Versuch überschritten wurde«77. Die Meerwassertrink-

und Durstversuche waren hinsichtlich des Versuchsansatzes im

Nürnberger Ärzteprozess umstritten; ein Gutachter wie Franz Volhard vermochte

in den Versuchen kein »Verbrechen gegen die Humanität«78 zu erkennen. Art und

Auswahl der Versuchspersonen, die zudem unter rassischen Gesichtspunkten zusammengestellt

wurden, waren aber im höchstem Maße fragwürdig. Insbesondere

wegen der Freiwilligkeitsproblematik wurde Wilhelm Beiglböck zu einer fünfzehnjährigen

Haftstrafe verurteilt.79

Hans Eppinger, 1945 seiner Ämter enthoben, entging diesen Prozessen, indem

er sich im September 1946 in Wien selbst das Leben nahm. Einerseits hatte

Eppinger jüdische Mitarbeiter wie Hans Popper gefördert, andererseits sah er bei

deren Vertreibung nach dem »Anschluss« Österreichs im März 1938 tatenlos zu.80

Ohne Zweifel äußerte er sich mit nationalsozialistischem Vokabular im Sinne der

herrschenden Ideologie, wenn er von Männern sprach, »die Träger dieser Führerrolle

in einer kommenden Zeit«81 zu sein hätten. Vor allem löste seine Beteiligung

an den Planungen für die geschilderten Humanversuche im KZ Dachau in den

1980er Jahren internationale Diskussionen aus.82

92 Vgl. Anmerkung 84.

93 Teitges Habilitation 1936 an

der Berliner Universität, für die

G. v. Bergmann das Hauptgutachten

erstellte, erfolgte gegen den

Widerstand des Pharmakologen

W. Heubner, der Bedenken an der

wissenschaftlichen Qualifikation

Teitges äußerte. Vgl. UA HUB PA

UK T 010 Band III Bl. 3 – 38, hier

Bl. 22. Das Habilitationsverfahren

wurde aus Kreisen der NSDAP

beeinflusst. Vgl. UA HUB PA UK T

010 Band III Bl. 5 u. Bl. 10.

94 Voswinckel P, Hg. Biographisches

Lexikon der hervorragenden

Ärzte der letzten fünfzig Jahre von

Isidor Fischer, Band 3. Hildesheim

2002; 563.

95 Vgl. BArch-MA RH 12 – 23 / 215,

286 (Vergleichende Therapie).

96 Leyendecker B, Klapp BF. Deutsche

Hepatitisforschung im Zweiten

Weltkrieg. In: Ärztekammer

Berlin in Zusammenarbeit mit

der Bundesärztekammer, Hg. Der

Wert des Menschen. Berlin 1989;

261 – 293. Auch BArch-MA sowie

RH 12 – 23 / 230, 237, 247, 386.

97 Mitscherlich, Mielke. Medizin

ohne Menschlichkeit; 127 – 129

und 285.

98 UA Münster, Bestand 9 ( Kurator,

Sachakten, Akte: Berufungen

der Med. Fak. 1951 bis 1955),

Nr. 1972.

99 von Bergmann G. Rückschau,

Geschehen und Erleben auf meiner

Lebensbühne. München

1953; 279.

100 Berg HH. Eröffnungsrede,

15. Tagung, Bad Kissingen 1950.

In: Classen M, Hg. Tagungen der

Deutschen Gesellschaft; 95.

101 Ebd.; 96.

102 Boyle JD. The American Gastroenterological

Association. The

first seventyfive years. Gastroenterology

1973; 65: 1021 − 1106,

hier 1073.

48


Kurt Gutzeit

1893 – 1957

Kurt Gutzeit83, 1893 geboren, wuchs in Berlin auf und studierte dort Medizin. 1920 wurde er

Assistenzarzt in der Medizinischen Universitätsklinik Jena bei Roderich Stintzig. Dessen

Nachfolger Wilhelm Stepp84 folgte Gutzeit 1926 an die Medizinische Universitätsklinik

Breslau. In Jena 1923 mit einer Arbeit über die Eiweißverteilung im tierischen Organismus

habilitiert, wandte sich Gutzeit in den 1920er Jahren den Erkrankungen des Magen-Darmkanals

zu. Er gehörte zu den wenigen Gastroenterologen jener Zeit, die die starre Gastroskopie

praktizierten und mit dieser Methode besondere Expertise erlangten.85

Im Mai 1933 erhielt Gutzeit die ärztliche Leitung der I. Medizinischen Klinik am

Städtischen Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Berlin, nachdem der Stoffwechselforscher

Leopold Lichtwitz86 als rassisch Verfolgter sein Amt niederlegen musste. 1934 wurde Gutzeit

als Ordinarius für Innere Medizin und Leiter der Medizinischen Klinik an die Universität

Breslau berufen; dieses Amt hatte er bis 1945 inne.

1933 erschien seine Arbeit Über die Gastroenteritis, Entzündung des Magen-Darmkanals

und ihre Folgeerscheinungen.87 1934 übernahm Gutzeit die Schriftleitung der Zeitschrift

Therapie der Gegenwart, gegründet und bisher herausgegeben von Georg Klemperer88, der

1933 wegen seiner jüdischen Herkunft ausscheiden musste. Zugleich folgte Gutzeit Georg

und Felix Klemperer in der Herausgabe der sehr anerkannten vielbändigen Reihe Neue

Deutsche Klinik.89

1937 publizierte Gutzeit gemeinsam mit Heinrich Teitge90 Die Gastroskopie, Lehrbuch

und Atlas.91 Das Werk, 1954 in zweiter Auflage herausgegeben, umfasste methodische Fragen

und ausführliche, reich illustrierte endoskopische Befunddarstellungen der verschiedenen

Magenerkrankungen. Es basierte auf umfangreichen Vorarbeiten Gutzeits92 und auf

Teilen der Berliner Habilitationsschrift Ergebnisse gastroskopischer Untersuchungen93 Teitges.

Gutzeit war Mitglied der SS und trat 1937 in die NSDAP ein.94 Mit Beginn des Krieges

nahm er neben seiner Breslauer Kliniktätigkeit die Funktion des einflussreichen Beratenden

Internisten beim Heeressanitätsinspekteur an der Berliner Militärärztlichen Akademie

ein; von hier initiierte er die »vergleichende Therapie« in den Kriegslazaretten.95 Durch eingehende

Quellenarbeit hat Brigitte Leyendecker Ende der 1980er Jahre die Verantwortung

Gutzeits für die Hepatitis A-Versuche an psychiatrischen Patienten und an KZ-Insassen

dokumentiert.96

Zwischen 1945 und 1948 wurde Gutzeit von den Alliierten in Internierungshaft genommen

und bei dem Nürnberger Ärzteprozess als Zeuge gehört, jedoch nicht angeklagt.97

Ab 1949 leitete er ein Sanatorium in Bayreuth und 1957 eine Kurklinik in Bad Wildungen.

Die Medizinische Fakultät der Universität Münster empfahl Gutzeit 1953 auf Platz eins der

Berufungsliste für die Nachfolge Fritz Schellongs als Lehrstuhlinhaber und Leiter der Medizinischen

Universitätsklinik; eine Berufung Gutzeits erfolgte jedoch nicht.98 Bis in die

1980er Jahre unterlag die Rolle Gutzeits im »Dritten Reich« mehr der Verschwiegenheit als

kritischer Betrachtung.

Kapitel 3

49


Umgang mit der NS-Vergangenheit bis in die 1960er Jahre

Die DGVS-Präsidenten zwischen 1950 und 1969 gehörten zu den Generationen, die

zwischen 1887 und 1908 geboren waren, ihre medizinische Ausbildung vor der

Zeit des Nationalsozialismus erhalten hatten und wesentlich durch den Ersten

Weltkrieg sowie durch Erfahrungen in der Weimarer Republik geprägt waren. Sie

kannten die vertriebenen jüdischen Kolleginnen und Kollegen von den gemeinsamen

Kongressen und durch die Publikationen in den Fachzeitschriften und sie

erlebten deren Ausschluss aus der Fachgesellschaft 1933. Nach 1945 waren sie in

leitenden Positionen an Universitätskliniken und großen Städtischen Krankenhäusern

tätig und hatten als Repräsentanten der DGVS maßgeblich Einfluss auf

den Umgang mit der Vergangenheit zwischen 1933 und 1945. Sie waren jedoch

nicht in der Lage, offen über das Geschehene zu sprechen; es waren Erfahrungen,

die für sie möglicherweise unaussprechlich waren. Ohne Zweifel wurde mit dem

Wiederaufbau der Kliniken, der Wiederaufnahme der Forschungsaktivitäten und

der Wiederherstellung internationaler Kontakte Großes geleistet. Die Vergangenheit

wurde mit Schweigen und, wenn nötig, mit Apologetik übergangen. Erst mit

wachsendem Abstand zu den Kriegsereignissen und nach mehreren Generationswechseln

begann ab den 1970er Jahren eine Periode zunehmender kritischer Aufarbeitung

der NS-Vergangenheit, die freilich nicht abgeschlossen ist.

Für die erste Phase nach 1945, jenen Zeitraum des Schweigens, sind die Memoiren

von Gustav von Bergmann, 1953 publiziert, exemplarisch. Auf den 318 Seiten

erwähnt er die Geschehnisse seit 1933 und die Vertreibung seiner jüdischen

Mitarbeiter mit keinem Wort: Ȇber die gottlob vergangene Zeit will ich nichts

sagen, ich will nur das erzählen, was mich und meine Familie betroffen hat […]an

jene sich überstürzenden Geschehnisse darf ich für mich und die Meinen nur mit

einer Art Dankbarkeit zurückdenken, denn von meiner engeren Familie und von

meinen engeren Freunden habe ich niemanden verloren, und niemand aus diesem

Personenkreis ist dem Dritten Reich gegenüber in eine verhängnisvolle Situation

gekommen.«99

Hans Heinrich Berg, von 1934 bis 1960 Ordinarius für Innere Medizin an der

Universität Hamburg, fand bei der ersten Tagung der Gesellschaft für Verdauungs-

und Stoffwechselkrankheiten nach dem Zweiten Weltkrieg 1950 in Bad Kissingen

ebenfalls keine Worte für die Vergangenheit. Er sprach lediglich allgemein

von »einem Jahrzehnt, angefüllt durch düstere und schmerzlichste Ereignisse«100.

Auf das Schicksal der jüdischen Gastroenterologen ging er nicht ein; bei

dem Gedenken an die seit 1938 Verstorbenen nannte er zwar den früheren langjährigen

Generalsekretär der Gesellschaft von den Velden, dessen Emigration erwähnte

er nicht.101 Berg hatte wegweisend und international anerkannt zur Röntgentechnik

und radiologischen Diagnostik des Intestinaltraktes geforscht und

seit den 1920er Jahren im Archiv publiziert, zu dessen Mitherausgeberkreis er seit

1934 gehörte. Er erhielt 1958 als einer der wenigen Deutschen nach Adolf Kußmaul,

Wilhelm v. Leube, Carl Anton Ewald, Ismar Boas und Bernhard Naunyn die

Ehrenmitgliedschaft der American Gastroenterological Association (AGA).102 Als

Oberarzt in der II. Medizinischen Klinik der Charité Berlin erlebte Berg seit 1927

die Entwicklung in der Gastroenterologie sehr direkt mit. Berg selbst hatte wäh-

103 Richard Schatzki (1901 − 1992)

war 1926 / 27 für 15 Monate Mitarbeiter

Bergs in der Frankfurter

Medizinischen Universitätsklinik.

Er musste 1933 in die USA emigrieren

und war in Boston und später

in Cambridge / USA tätig; von ihm

stammt die radiologische Beschreibung

von Oesophagus- und

Magenvarizen; eine Ringstruktur

im distalen Oesophagus ist nach

ihm benannt. Vgl. Schatzki SC.

Richard Schatzki, M. D. A. biography.

A J R 1988; 150: 508 − 509

und Haubrich WS. Schatzki of

Schatzki ring. Gastroenterology

2006; 131: 1668. Alice Ettinger

(1899 − 1993) wurde 1932

von H. H. Berg von Berlin nach

Boston geschickt, um dort die

Röntgentechnik der Zielaufnahmen

bekannt zu machen. Ettinger

kehrte nicht nach Deutschland

zurück. Sie wurde Ende der

1950er Jahre Inhaberin des ersten

Lehrstuhls für Radiologie an der

Tufts University School of Medicine

in Boston. Vgl. www.nlm.nih.

gov/changingthefaceofmedicine/

physicians/biography_105.html

(5.2.2013).

104 Nissen R. Helle Blätter –

dunkle Blätter; 301.

105 So hat H. Kalk anlässlich seiner

Eröffnungsrede zur 20. Tagung

1959 von »völlig ungerechtfertigten

Beschuldigungen« gegenüber

Kurt Gutzeit gesprochen. Kalk

bezeichnete Gutzeit als »hervorragenden

Forscher, begeisterten

akademischen Lehrer und großen

Arzt«. In: Classen M, Hg. Tagungen

der Deutschen Gesellschaft;

129.

106 Martini P. Eröffnungsansprache

des Vorsitzenden, 1948. In:

Hundert Jahre Deutsche Gesellschaft

für Innere Medizin, Eröffnungsreden;

597 − 609. Vgl.

Thannhauser SJ. Paul Martini

zum 70. Geburtstag. Dtsch Med

Wochenschr 1959; 84: 154 – 155.

Paul Martini war von 1932 bis

1959 Ordinarius für Innere Medizin

an der Universität Bonn und

verhielt sich distanziert gegenüber

dem Nationalsozialismus. Von ihm

stammt das Werk Methodenlehre

der therapeutischen Untersuchung,

in dem er Prinzipien kontrollierter

Studien und evidenzbasierter

Medizin vorwegnahm. P. Martini

war seit 1929 Mitglied der Gesellschaft

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.

50


107 Mitscherlich, Mielke. Medizin

ohne Menschlichkeit. Eine

Auswahl der Nürnberger Prozessdokumente

hatten die Verfasser

erstmals 1947 als Broschüre mit

dem Titel Diktat der Menschenverachtung

veröffentlicht. Der

Abschlussbericht über den Nürnberger

Ärzteprozess erschien 1949

mit dem Titel Wissenschaft ohne

Menschlichkeit im Verlag Lambert

Schneider, Heidelberg. Vgl. Peter

J. Der Nürnberger Ärzteprozess

im Spiegel seiner Aufarbeitung

anhand der drei Dokumentensammlungen

von Alexander Mitscherlich

und Fred Mielke. Zweite

Aufl. Münster 1998; 37 − 57.

108 Exemplarisch seien genannt

und auf die in den Publikationen

enthaltenen Bibliografien

verwiesen: Bleker J, Jachertz N,

Hg. Medizin im Dritten Reich.

Köln 1989. von den Bussche H,

Hg. Medizinische Wissenschaft

im »Dritten Reich«, Kontinuität,

Anpassung und Opposition an der

Hamburger Medizinischen Fakultät.

Berlin, Hamburg 1989. Jütte

R, Eckart WU, Schmuhl H-W, Süß

W, Hg. Medizin und Nationalsozialismus,

Bilanz und Perspektiven

der Forschung. Göttingen 2011.

Eckart WU. Medizin in der NS-Diktatur,

Ideologie, Praxis, Folgen.

Wien 2012. Eckart WU, Neumann

A, Hg. Medizin im Zweiten Weltkrieg,

Militärmedizinische Praxis

und medizinische Wissenschaft im

»Totalen Krieg«. Paderborn 2006.

Schleiermachen S, Schagen U, Hg.

Die Charité im Dritten Reich, Zur

Dienstbarkeit medizinischer Wissenschaft

im Nationalsozialismus.

Paderborn 2008. Oehler-Klein S,

Roelcke V, Hg. Vergangenheitspolitik

in der universitären Medizin

nach 1945, Institutionelle

und individuelle Strategien im

Umgang mit dem Nationalsozialismus.

Stuttgart 2007.

109 Seidler E. Jüdische Kinderärzte

1933 – 1945, Entrechtet/Geflohen/Ermordet.

Erw Neuaufl, Basel

2007. Rohrbach JM, Süsskind D,

Hennighausen U. Jüdische Augenärzte

im Nationalsozialismus –

eine Gedenkliste. Klin Monatsbl

Augenheilk 2011; 228: 70 – 83.

Kirschel M, Moll F, Bellmann J,

Scholz A, Schultheiss D, Hg. Urologen

im Nationalsozialismus,

Zwischen Anpassung und Vertreibung.

Berlin 2011.

rend seiner Tätigkeit in Frankfurt mit Richard Schatzki einen wichtigen Schüler

und in Berlin mit Alice Ettinger eine aufstrebende Mitarbeiterin; beide stammten

aus jüdischen Familien und wurden später in den USA bekannte Radiologen.103

Rudolf Nissen, der schon erwähnte bekannte Chirurg, berichtete in seinen

Erinnerungen über eine Begegnung mit Berg, den er 1948 während seiner Deutschlandreise

in Hamburg besuchte: »Eine letzte Besprechung hatte ich noch mit H. H.

Berg, der zu meiner Berliner Zeit Oberarzt von G. v. Bergmann und jetzt Direktor

der Hamburger Medizinischen Universitätsklinik war. Es war sicher gut gemeint,

als er die Barbarei der Nazis und ihre Rückwirkungen im akademischen Sektor zu

bagatellisieren suchte. Er konnte umso weniger überzeugen, als ich am Tag zuvor

in einer Buchhandlung das Werk Das Diktat der Menschenverachtung von A. Mitscherlich

und F. Mielke fand, das der Verkäufer unter dem Ladentisch hervorholte.

Es war eine grausige Lektüre.«104

Die Ergebnisse des Nürnberger Ärzteprozesses waren in der Fachgesellschaft

nicht Gegenstand eines Diskurses. Vielmehr wurde Kritik selbst an jenen,

die für verbrecherische Humanversuche mitverantwortlich waren, als unberechtigt

zurückgewiesen.105 Dass eine reflektierende Betrachtung der Rolle der Mediziner

im »Dritten Reich«, Selbstkritik und Erinnerung an die emigrierten Kollegen

auch kurz nach 1945 möglich waren, hat der Bonner Internist Paul Martini mit

seiner Eröffnungsrede zum 54. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere

Medizin 1948 bewiesen.106

Es ist verstörend, dass von denjenigen Medizinern, die für Versuche mit

wehrlosen Menschen im Dritten Reich verantwortlich waren, keine Worte der

Scham, des Bedauerns oder der Entschuldigung überliefert sind.

Allgemein gab es in Deutschland in den ersten 20 Jahren nach dem Zweiten

Weltkrieg – abgesehen von der grundlegenden Publikation Medizin ohne Menschlichkeit107,

herausgegeben und kommentiert von Mitscherlich und Mielke – weder

eine öffentliche Auseinandersetzung noch eine wissenschaftliche Beschäftigung

mit der Medizin während der Zeit des Nationalsozialismus. Seit etwa 1980

ist eine große Zahl von Veröffentlichungen erschienen, die sich um eine Aufarbeitung

der Verfehlungen und Verbrechen von Medizinern im Nationalsozialismus

und um eine Aufklärung der Entwicklungen in den medizinischen Fakultäten und

wissenschaftlichen Institutionen seit 1933 bemühen.108 Die in diesem Kontext

publizierten Einzelstudien zu den Spezialfächern Pädiatrie, Urologie und Augenheilkunde

können als vorbildlich gelten.109

Kapitel 3

51


1 Schäfer PK, Sauerbruch T. Rudolf

Schindler (1888 – 1968 ) – »Vater«

der Gastroskopie. Z Gastroenterol

2004; 42: 550 – 556. Rudolf

Schindler (1888 – 1968) entwickelt

die Gastroskopie in Deutschland

zur Routinemethode und wird in

den USA zum »Vater« der Gastroskopie.

In: Scholz A, Heidel CP, Hg.

Emigrantenschicksale. Einfluss der

jüdischen Emigranten auf Sozialpolitik

und Wissenschaft in den

Aufnahmeländern. (Medizin und

Judentum, Band 7.) Frankfurt / M

2004.

Rudolf Schindler und das

Gastroskop

Ein Blick in die Geschichte der Endoskopie

2 Kment A. Die Geschichte der

Gastroskopie. [Dissertation]. München

1973. Vgl. Neumann HA,

Hellwig A. Vom Schwertschlucker

zur Glasfiberoptik, Die Geschichte

der Gastroskopie. München 2001.

Vgl. F. Digestive endoscopy in the

second millenium. From the Lichtleiter

to echoendoscopy. Stuttgart

2006.

3 Kelling G. Zur Oesophagoskopie

und Gastroskopie. Arch f Verdauungskr

1896; 2: 321 – 331 und

490 – 495, hier 495.

Das partiell flexible Wolf-Schindler1-Gastroskop aus dem Jahre 1932 stellte einen

grundlegenden Fortschritt in der modernen Entwicklung der Endoskopie dar und

blieb für mehr als ein Vierteljahrhundert ein Standardinstrument.2 Erst zu Beginn

der 1960er Jahre wurde es durch die Glasfiber-Endoskope ersetzt.

1896 hatte Georg Kelling nach einer Periode umfangreicher Untersuchungen

der Magenfunktion mittels weicher Magensonden und kurz nach der Erstbeschreibung

der Röntgenstrahlen vorausgesagt: »Es ist mir nicht zweifelhaft, dass

im Laufe der Zeit in den meisten Fällen die Gastroskopie den Sieg davontragen

wird, denn sie ist in der Hand des geübten Arztes eine ungefährliche Methode. In

sehr vielen Fällen wird man außerdem von innen mehr sehen, als wenn man den

Magen von außen betrachtet […]. Wollen wir versuchen, von der chemischen Aera

der Magendiagnostik zur physikalischen überzugehen«.3 Zunächst stand jedoch

die Röntgendiagnostik des Gastrointestinaltraktes im Vordergrund. Das Potential

der Endoskopie war früh erkannt, insbesondere zur sicheren und frühzeitigen Diagnose

benigner oder maligner Schleimhautveränderungen. Technische Fragen,

wie etwa die Suche nach optischen Systemen zur Bildübertragung aus dem Magen

oder die Suche nach einer adäquaten Lichtquelle waren über lange Zeit

bestimmende Faktoren, die der Herstellung praktikabler Endoskope entgegenstanden.

Erst mit der Einführung vollflexibler Glasfiberinstrumente kam die Endoskopie

sehr rasch im klinischen Alltag umfassend zur Anwendung.

52


4 Vilardell F. Digestive endoscopy.

Vgl. Walk L. The history of

gastroscopy. Clio Medica 1966; 1:

209 – 222. Vgl. Lux G, Demling L.

100 Jahre Gastroskopie. Fortschr

Med 1983; 101: 107 – 112.

5 Mann G. Der Frankfurter Lichtleiter,

Neues über Philipp Bozzini

und sein Endoskop. Med hist J

1973; 8: 105 – 130, hier: 105.

6 Kilian G. Zur Geschichte der

Oesophago- und Gastroskopie.

Dtsch Ztschr f Chir 1901; 58:

499 – 512, hier 500.

7 Neumann HA, Hellwig A. Vom

Schwertschlucker zur Glasfiberoptik;

37.

8 Rosenheim Th. Ueber die Besichtigung

der Cardia nebst Bemerkungen

ueber Gastroskopie.

Dtsch Med Wochenschr 1895;

21: 740 – 744. Vgl. Rosenheim

Th. Ueber Gastroskopie. Berl Klin

Wochenschr 1896; 33: 275 – 278

und 325 – 327.

Forschende Mediziner, Instrumentenbauer sowie Hersteller optischer Geräte

aus Deutschland waren in der Entwicklung von Endoskopen zwischen 1890

und 1933 führend. Georg Wolf aus Berlin wurde als Konstrukteur neuer Instrumente

zu einem wichtigen Partner jener Ärzte, die sich mit der Verbesserung der

Endoskope befassten. Mitbedingt durch die Kontinuitätsbrüche während des Nationalsozialismus

und der Vertreibung vieler Wissenschaftler verlagerten sich die

Schwerpunkte der Endoskopieforschung seit 1933 in die USA und nach Japan.

▶ Den Beginn der Endoskopie

markieren Adolf Kußmaul und

Julius Müller, die – inspiriert von

einem Schwertschlucker – 1868

ein starres Rohr einführen. Die

Sichtverhältnisse sind aber noch

zu schlecht, um diagnostische

Ergebnisse zu erhalten. 1881 präsentieren

der österreichische Instrumentenbauer

Josef Leiter und

die Chirurgen Johann von Mikulicz-Radecki

und Viktor von Hacker

ein starres Gastroskop mit eigener

Lichtquelle.

Die Vorgeschichte der Gastroskopie4

1806 hatte der Frankfurter Philipp Bozzini seinen Lichtleiter mit Spiegel- und

Röhrensystem und einfacher Kerze zur Inspektion von Körperhöhlen vorgestellt,

der als »Urtyp der weitverzweigten Endoskopiefamilie« gilt.5 Die erste Sondierung

von Oesophagus und Magen mit einem starren Rohr nahmen Adolf Kußmaul und

Julius Müller6 – inspiriert durch die Darbietung eines Schwertschluckers – 1868

vor. In dieser frühen, experimentellen Phase konnten kaum verwertbare diagnostische

Ergebnisse erwartet werden, die Sichtverhältnisse waren unzureichend

und das Risiko einer Oesophagusperforation war hoch.

Der österreichische Instrumentenbauer Josef Leiter und die Chirurgen Johann

von Mikulicz-Radecki und Viktor von Hacker setzten 1881 ein Gastroskop

ein, dessen Lichtquelle aus einem wassergekühlten Platindraht bestand, der von

einer Batterie zum Glühen gebracht wurde.7 Die Einführung der »Edison-Lampe«

(1879) und deren spätere Miniaturisierung stellten einen großen Fortschritt bei

der Suche nach einer integrierbaren Lichtquelle dar. Ein weiterentwickeltes Gastroskop

präsentierte 1895 / 96 Theodor Rosenheim.8 An der Gerätespitze befand sich

eine elektrische Glühlampe, das Gerät enthielt einen Kanal zur Luftinsufflation,

und eine Gummikappe an der Spitze des Gerätes sollte Traumatisierungen des Gewebes

verhindern. Rosenheim erhielt seine internistische Ausbildung bei Hermann

Senator in der III. Medizinischen Klinik der Charité Berlin, wurde dort habilitiert

und gehörte nach seiner Kliniktätigkeit neben Boas, Strauß, Albu und Elsner

zu den bekannten Berliner Spezialärzten für Magen-Darm-Krankheiten. Weitere

Varianten von Gastroskopen wurden neben anderen von Georg Kelling, der frühzeitig

für flexible Geräte plädierte, von Leopold Kuttner, einem Ewald Schüler, von

Alexander Stieda und Karl Loening sowie von Martin Sussmann, der Kellings Idee

biegsamer Instrumente aufnahm, entwickelt.

53


9 Elsner H. Ein neues Gastroskop.

Arch f Verdauungskr 1908; 14:

327 – 328.

10 Elsner H. Die Gastroskopie.

Leipzig 1911.

11 Hoffmann M. Optische Instrumente

mit beweglicher Achse und

ihre Verwendung für die Gastroskopie.

Münch Med Wschr 1911;

58: 2446 – 2448.

12 Schindler R. History of gastroscopy.

In: Schindler R. Gastroscopy,

The endoscopic study of gastric

pathology. Second ed., Chicago

1950; 9.

13 Ebd.

14 Ebd.; 10.

Einen weiteren wichtigen Beitrag lieferte Hans Elsner9, der in Berlin ein enger

Mitarbeiter von Ismar Boas war und 1906 dessen Poliklinik übernahm. Sein

Gastroskop wies einen Außendurchmesser von 11 mm auf. Es war das bis dahin

dünnste Instrument, verfügte über eine verbesserte Optik und trug an der Gerätespitze

einen Gummifinger, der das Verletzungsrisiko minimieren sollte. 1911 publizierte

er sein Lehrbuch Die Gastroskopie10, in dem er seine Ergebnisse und Vorstellungen

zur Gastroskopie formulierte. Im gleichen Jahr machte Michael

Hoffmann11, Assistenzarzt der Münchener Universitätsaugenklinik, seine Forschungsergebnisse

über hintereinandergeschaltete Prismen und optische Instrumente

mit einer beweglichen Achse und ihren Einsatz für die Gastroskopie bekannt;

das Prismensystem entstand in Kooperation mit der Firma Zeiss, das

Gastroskop wurde von Georg Wolf konstruiert.

Um organische Veränderungen bei Magenkranken in der Zeit nach dem Ersten

Weltkrieg sicher auszuschließen und Magenbefunde zu objektivieren, hatte

sich Rudolf Schindler an die früheren Publikationen über die Endoskopie erinnert

und war auf das Gastroskopie-Buch von Elsner gestoßen.12 Es war ein altes, zehn

Jahre unbenutztes Elsner-Gastroskop, das Schindler Anfang der 1920er Jahre in

einem Laden fand und rasch einsetzte.13 Er konstruierte selbst ein verbessertes

Modell, war begeistert von den Möglichkeiten der Methode und erstaunt über die

gute Beurteilbarkeit der Magenmukosa und der Pylorsufunktion; nach kurzer Zeit

hatte er bereits mehr als 400 Gastroskopien durchgeführt.14 Ausführlich berichtete

er im Boas-Archiv über seine Erfahrungen und Probleme mit der starren Gastroskopie.15

1923 erschien Schindlers Lehrbuch und Atlas der Gastroskopie, das seine

besondere Attraktivität durch die reiche Illustration und die als Aquarell wiedergegebenen

Befundabbildungen erzielte. Im gleichen Jahr veröffentlichte er erstmals

in den USA, in den Archives of Internal Medicine, seine endoskopischen Befunde

bei 30 Patienten mit einem Magenkarzinom.16 Das semiflexible Gastroskop

entstand nach vierjähriger Kooperation zwischen Schindler und Georg Wolf als

sechster Prototyp 1932.17

Rudolf Schindlers Biografie18

Rudolf Schindler wurde am 10. Mai 1888 in Berlin als Sohn eines Bankiers und einer

künstlerisch begabten Mutter geboren. Nach dem Medizinstudium in Freiburg

und Berlin wurde seine weitere Ausbildung durch den Ersten Weltkrieg un-

15 Schindler R. Probleme und

Technik der Gastroskopie mit der

Beschreibung eines neuen Gastroskops.

Arch f Verdauungskr 1922;

30: 133 – 166.

16 Schindler R. Gastroscopy in

thirty cases of neoplasm. Arch

Intern Med 1923; 32: 635 – 638.

17 Schindler R. Editorial, Georg

Wolf. Am J Dig Dis 1938 / 39; 5:

817 – 818. Schindler R. Ein völlig

ungefährliches flexibles Gastroskop.

Münch Med Wochenschr

1932; 79: 1268 – 1269.

◀ Schindlers Lehrbuch erzielte

seine besondere Attraktivität

durch die reiche Illustration und

die als Aquarelle wiedergegebenen

Befundabbildungen.

◀◀ Rudolf Schindler setzte die

starre Gastroskopie in den 1920er

Jahren umfangreich ein. 1923

erschien sein Lehrbuch und Atlas

der Gastroskopie, es wurde das

Standardwerk für die folgenden

Jahrzehnte.

54


18 Schäfer PK, Sauerbruch T.

Rudolf Schindler (1888 – 1968),

»Vater« der Gastroskopie. Vgl.

Davis AB. Rudolf Schindler’s role

in the development of gastroscopy.

Bull Hist Med 1972; 46:

150 – 170. Gordon ME. Kirsner jb.

Rudolf Schindler, Pioneer endoscopist,

Glimpses of the man and his

work. Gastroenterology 1979; 77:

354 – 361.

19 Schindler R. Gastroscopy. Acknowledgments;

XI.

20 Sauerbruch F. Gastroskopie mit

tödlichem Ausgang. Zbl Chir 1924;

51: 38 – 39. Schindler R. Gastroscopy;

11.

21 Schäfer PK, Sauerbruch T.

Rudolf Schindler (1888 – 1968),

»Vater« der Gastroskopie; 553.

22 Schindler R. Results of the

questionnaire on fatalities in gastroscopy.

Am J Dig Dis 1940; 7:

293 – 295.

23 Kenamore B, Scheff H,

Womack NA. Study of gastric lesions

by means of biopsy specimens

removed endoscopically. Arch Surg

1946; 52: 50 – 58.

24 Davis AB. Rudolf Schindlers role

in the developement of gastroscopy;

159.

25 Schäfer PK. Sauerbruch T.

Rudolf Schindler (1888 – 1968),

»Vater« der Gastroskopie; 553.

26 Davis AB. Rudolf Schindlers role

in the developement of gastroscopy;

159.

▶ + ▶▶ Das semiflexible Gastroskop

von Georg Wolf und Rudolf

Schindler.

terbrochen. Seine internistische Ausbildung erhielt Schindler im Städtischen

Krankenhaus München-Schwabing; 1924 ließ er sich in München mit eigener Praxis

nieder. Nach den ersten Publikationen wurde seine gastroenterologisch-endoskopische

Praxis in den Folgejahren zu einem Anziehungspunkt für in- und

ausländische Ärzte, die seine Methode der Gastroskopie erlernen wollten; darunter

waren 1925 die Ärztin Marie Ortmayer und im Jahr darauf Walter L. Palmer,

beide aus Chicago.19

Schindler setzte sich offen mit den Limitationen und den Gefahren starrer

Gastroskope auseinander. Komplikationen und Warnungen, wie jene durch Ferdinand

Sauerbruch 1924, waren für ihn Motivation, die eingesetzten Geräte zu verbessern

und zu perfektionieren.20 Zwischen 1928 und 1932 entwickelten Schindler

und sein kongenialer Partner, der Berliner Instrumentenbauer Georg Wolf, das

semiflexible Gastroskop. Der flexible Abschnitt bestand aus einer Stahldrahtspirale,

die mit zwei Gummischichten bedeckt war. Dazwischen befand sich ein Kanal zur

Luftinsufflation sowie ein Kabel für das an der Gerätespitze befindliche Glühlämpchen.

In der zentralen Achse der beiden Geräteabschnitte waren 51 gereihte optische

Elemente (Sammellinsen) angeordnet. Am distalen, durch einen Gummiball

geschützten Geräteende, befand sich eine Seitblickoptik (Prisma als Ende des optischen

Systems).21 Dieser Gerätetyp wurde mit Modifikationen zum Routinegastroskop

bis Ende der 1950er Jahre. Frühzeitig hat Schindler die Ergebnisse und die

Sicherheit der Gastroskopie evaluiert. 1940 veröffentlichte er eine Auswertung

von 22.351 Gastroskopien durch verschiedene Untersucher und berichtete von

acht Magenperforationen, eine davon mit tödlichem Ausgang (Letalität 0,004 Prozent).22

Die Entnahme von Biopsien zur histologischen Verifizierung von Magenschleimhautveränderungen

wurde seit den 1940ern Bestandteil der Endoskopie.23

Am 31. Januar 1934 wurde Rudolf Schindler aufgrund einer Denunziation

und nach einer angeblichen kritischen Äußerung über die NSDAP von der Gestapo

in »Schutzhaft« genommen.24 Bis zum 6. April 1934 war er im Münchener Zentralgefängnis

inhaftiert.25 Mit Hilfe einer Einladung als Visiting Professor of Medicine

an der Universität Chicago durch Marie Ortmayer, Walter L. Palmer und andere

Unterstützer einschließlich des Refugee Physicians’ Fund emigrierte Rudolf

Schindler mit seiner Familie – wegen seiner jüdischen Herkunft im NS-Staat zusätzlich

bedroht – im Sommer 1934 in die USA.26 Hier wurde er bald zu einem der

führenden Gastroskopiker, machte Chicago zum »Mekka der Gastroskopie«, be-

55


56

◀ Das semiflexible Wolf-Schindler-Gastroskop

blieb – mit Modfikationen

– bis Ende der 1950er

Jahre ein Standardinstrument

der Gastroskopie. Hier sieht man

Rudolf Schindler 1937 in Chicago

mit seinem Gastroskop unter dem

Arm.


27 Gerstner P. The American

Society for Gastrointestinal

Endoscopy: a history. Gastrointest

Endosc 1991; 37 (2, Suppl.):

1 – 26, hier 1 – 3.

28 Gordon ME, Kirsner JB. Rudolf

Schindler, Pioneer Endoscopist;

360.

29 Dagradi AE, Stempien StJ.

In Memoriam Rudolf Schindler.

Gastrointest Endosc 1968; 15:

121 – 122.

30 Henning N. In memoriam

Prof. Dr. med. Rudolf Schindler

(1888 – 1968). Münch Med

Wochenschr 1969; 111: 885 – 887.

31 Lamm H. Biegsame optische

Geräte. Ztschr f Instrumentenkunde

1930; 50: 579 – 581.

32 Anonymous. Dr. H. Lamm.

Obituary. Texas Medicine 1975;

71 (3): 120. Die biographischen

Angaben basieren auf einer persönlichen

Mitteilung des Sohnes

von H. Lamm an den Verfasser

(H. J.) vom 22.6.2013.

schäftigte sich intensiv mit der Morphologie und Pathologie der Magenschleimhaut,

insbesondere der Gastritis und war organisatorisch aktiv. Schindler gründete

den American Gastroscopic Club, dem er 1941 als erster Präsident vorstand.27

Der »Club« nannte sich später American Gastroscopic Society, aus der 1961 die

American Society of Gastrointestinal Endoscopy (ASGE) hervorging. 1953 wurde

zu seinen Ehren der »Schindler Award« von der Society eingeführt, er selbst erhielt

diesen Preis durch die ASGE 1962.

1943 wechselte er nach Los Angeles, lehrte an der Loma-Linda-Universität

und befasste sich weiter mit Problemen der Gastroskopie. Schindler war eine vielseitige

Persönlichkeit, verfolgte mehrere Hobbys, sprach sieben Sprachen und

war musikalisch hochbegabt.28 1964 starb seine Ehefrau Gabriele Schindler, die

auch in den USA seine Endoskopieassistentin war.

1965 kehrte Schindler nach Deutschland zurück und lebte wieder in München;

als er am 6. September 1968 starb, war er in den USA hochgeehrt.29 Norbert

Henning nannte ihn einen »Klassiker der medizinischen Forschung«.30

Die Entwicklung eines verbesserten Endoskopes, das mehr Sicherheit bot,

die Verbreitung der Gastroskopie und seine Beiträge zur endoskopischen Morphologie

der Magenmukosa sind Schindlers bleibende Verdienste.

▶ Rudolf Schindler war bis 1933

am Schwabinger Krankenhaus in

München tätig. Wegen Kritik an

Adolf Hitler wurde er verhaftet

und saß bis Sommer 1934 in Haft.

Anschließend konnte er mit seiner

Familie in die USA emigrieren,

wo er zunächst Visiting Professor

an der Universität von Chicago

wurde.

▶▶ Der Instrumentenbauer Georg

Wolf.

Entwicklung der Endoskopie nach 1957

Der 22-jährige Münchener Medizinstudent Heinrich Lamm (1908 – 1974) wurde

durch Schindlers Demonstration der Gastroskopie angeregt, 1930 als erster die

Idee zu entwickeln, biegsame Glasfaserbündel zur Bildübertragung gastroskopischer

Befunde einzusetzen und dadurch vollflexible Geräte zu ermöglichen.31 Aus

welchen Gründen Lamm keine Unterstützung für die praktische Umsetzung seiner

Erkenntnisse fand und warum Schindler dessen grundsätzlich neues Konzept

nicht weiter in seine Forschung einbezog, ist im Detail nicht eindeutig dokumentiert.

Heinrich Lamm war nach Examen und Promotion 1933 in Berlin im Jüdischen

Krankenhaus in Breslau tätig; 1937 musste er Deutschland wegen seiner

jüdischen Herkunft verlassen, emigrierte in die USA, arbeitete seit 1938 in Texas

als Chirurg in einem Hospital und fand keine Möglichkeit mehr, seine Ideen über

den Einsatz von Glasfasern weiterzuverfolgen.32

Nach Lamms Publikation zur Transmission von Bildern über Kurven und

Biegungen durch Glasfaserbündel vergingen 27 Jahre bis zu Basil Hirschowitz’

57


33 Hirschowitz BI, Peters CW, Curtiss

LE. Preliminary report on a

long fiberscope for examination

of the stomach and duodenum.

Univ Mich Med Bull 1957; 23:

178 – 180.

34 Edmonson JM. History of instruments

for gastrointestinal

endoscopy. Gastrointest Endosc

1991; 37 (2): 27 – 56, hier 46. Vgl.

Hecht J. City of Light. The story of

fiber optics. New York 2004, 61 f.

35 Strauß H. Zur Methodik der

Rectoskopie. Berl Klin Wochenschr

1903; 40: 1100 – 1104. Strauß

H. Die Prokto-Sigmoskopie und

ihre Bedeutung für die Diagnostik

und Therapie der Krankheiten

des Rektum und des Sigmoideum.

Leipzig 1910.

Mitteilung von 1957 über ein vollflexibles Glasfiber-Gastroskop, mit dem auch das

Duodenum sondiert werden konnte, das besser patientenverträglich war und ein

geringeres Verletzungsrisiko aufwies.33 Die Beiträge des Physikers Lawrence Curtiss

zum verbesserten Einsatz optischer Fasern schufen die Voraussetzung für das

neue Gerät.34

Mit der Serienproduktion von Fiberskopen seit 1960 begann der »Durchbruch«

für die Endoskopie nicht nur des oberen Gastrointestinaltraktes. Die endoskopische

Evaluierung des Dickdarms war bei Verwendung starrer Geräte auf

das Rektum und distale Sigma bis 25 cm Höhe begrenzt. Bereits 1903 hatte Hermann

Strauß (Berlin) in Kooperation mit den Instrumentenherstellern Louis und

Heinrich Löwenstein den Prototyp eines »Recto-Sigmoskopes« mit der Möglichkeit

zur Luftinsufflation sowie Biopsiezangen entwickelt und 1910 sein Lehrbuch

Die Prokto-Sigmoskopie publiziert.35 Erst 1968 wurde die flexible Sigmoidoskopie

von Bergein F. Overholt und 1969 die flexible Koloskopie durch Hiromi Shinya

und William I. Wolff in den USA eingeführt.36 Peter Deyhle und Ludwig Demling

aus Erlangen beschrieben 1971 die erstmalige Polypektomie im rechtsseitigen Kolon.37

1979 haben Peter Frühmorgen und Ludwig Demling durch eine Auswertung

von 35.892 Koloskopien und 7.365 Polypektomien aus 27 Kliniken gezeigt, dass es

sich um eine sichere diagnostische und therapeutische Methode handelt, wobei

sie gleichzeitig eine enge Korrelation zwischen Expertise des Untersuchers und

Häufigkeit der Komplikationen dokumentiert haben.38 Heute ist die Koloskopie

als Vorsorgemaßnahme zur Senkung der Inzidenz des Kolonkarzinoms in

Deutschland erfolgreich etabliert.

In der Erlangener Medizinischen Universitätsklinik war unter Ludwig Demling

in der Nachfolge Norbert Hennings zwischen 1966 und 1986 ein Zentrum für

Endoskopieforschung entstanden, aus dem wegweisende neue Methoden

hervorgingen, die heute weltweit Anwendung finden. Nachdem 1973 die Papillotomie

eingeführt wurde, haben Meinhard Classen und Ludwig Demling 1974

zeitgleich mit Keiichi Kawai aus Japan erstmalig über die endoskopische Sphinkterotomie

und Konkrementextraktion aus dem Ductus choledochus berichtet.39

Aus der Vielzahl der in Erlangen entwickelten neuen Verfahren und Instrumente

seien exemplarisch der mechanische Lithotriptor, das Erlanger Papillotom, die

perorale Cholangioskopie, die Gallenwegsdrainagen sowie die Untersuchungen

zur Enteroskopie und zum therapeutischen Einsatz des Laserlichtes genannt.

36 Overholt BF. Clinical experience

with the Fibersigmoidoscope.

Gastrointest Endosc 1968;

15: 27. Wolff WI, Shinya H. Colonofiberoscopy.

JAMA 1971; 217:

1509 – 1512.

37 Deyhle P, Seuberth K, Jenny

S, Demling L. Endoscopic polypectomy

in the proximal colon.

Endoscopy 1971; 3: 103 – 105.

38 Frühmorgen P, Demling L.

Complications of diagnostic and

therapeutic colonoscopy in the

Federal Republic of Germany.

Result of an enquiry. Endoscopy.

1979; 11: 146 – 150.

39 Classen M, Demling L. Endoskopische

Sphinkterotomie der

Papilla Vateri und Steinextraktion

aus dem Ductus choledochus.

Dtsch Med Wochenschr 1974; 99:

496 – 497.

◀◀ + ◀ In den USA wurde Schindler

der führende Endoskopiker, er

machte Chicago zum »Mekka der

Gastroskopie« und gründete den

American Gastroscopic Club, aus

dem später die American Society

of Gastrointestinal Endoscopy

(ASGE) hervorging. Nach ihm

wurde der »Schindler Award«

benannt. Hier sieht man ihn bei

der Arbeit mit seiner Frau Gabriele

als Endoskopieassistentin.

58


40 Classen M. In Memoriam

Prof. Dr. med. Ludwig Demling

(4.8.1921 – 13.10.1995). In: Das

Wiener Endoskopiemuseum,

Eröffnungssymposium 1996.

(Schriftenreihe der Internationalen

Nitze-Leiter Gesellschaft, Band 1.)

Wien 1997; 17 – 19.

Ludwig Demling40 und seine Schüler haben seit Anfang der 1970er Jahre in

Deutschland wesentlich zur Fortentwicklung und zur raschen Verbreitung der endoskopischen

Methoden beigetragen.

Der seit Anfang der 1980er Jahre eingeführte Charged Couple Device-Sensor

(CCD) oder die Chip-Technologie ermöglichen die heutige Video-Endoskopie. Seit

der ersten Vorstellung eines Videogerätes 1983 in den USA hat sich das Potential

der Endoskopie mit sehr schneller Dynamik erweitert. Geräteinnovationen und

moderne optische Techniken erlauben heute exaktere Aussagen zur Oberflächenfeinstruktur

der Mukosa des Gastrointestinaltraktes und erweitern das Spektrum

der Diagnostik und der endoskopisch-therapeutischen Optionen. Beginnend mit

dem weichen Magenschlauch von Carl Anton Ewald 1875 waren das Vordringen in

die verborgenen Räume des Abdomens und die Entwicklung der Endoskopie immer

ein Spiegelbild des allgemeinen technologischen Fortschritts.

▶ + ▶▶ 1960 begann die Serienproduktion

von Fiberskopen,

vollflexiblen Endoskopen, die auf

Glasfasertechnik basieren. Diese

neuen Endoskope ermöglichten

einen schonenderen Einsatz mit

weniger Komplikationen, zudem

konnten bisher nicht einsehbare

Abschnitte des Verdauungstraktes

endoskopisch untersucht werden.

Jetzt setzt sich die Endoskopie

als Untersuchungs- und Behandlungsmethode

flächendeckend

durch. Hier ein flexibles Endoskop

von Anfang der 1970er Jahre und

eine Anwendungssituation in den

1980er Jahren.

59


60


1 Europäisches Observatorium

für Gesundheitssysteme, Hg.

Gesundheitssysteme im Wandel –

Deutschland. o. O. 2000; 16.

2 Statistisches Bundesamt, Hg.

Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik

Deutschland. Wiesbaden

1953; 82.

3 Kröner HP. Die Emigration

deutschsprachiger Mediziner im

Nationalsozialismus. In: Berichte

zur Wissenschaftsgeschichte, Sonderheft

12, 1989; 15.

Neuanfang – die DGVS in der

Bundesrepublik

Kapitel 4

4 Statistisches Jahrbuch für die

Bundesrepublik Deutschland

1957; 78.

Die größten Herausforderungen für die deutsche Gesellschaft nach dem Kriegsende

im Mai 1945 bestanden in der Beseitigung der Kriegsschäden und dem Neubeginn

nach den Verbrechen des Nationalsozialismus. Für die meisten Menschen

standen die Alltagssorgen im Vordergrund. So mussten Wohnraum, ausreichend

Nahrung und Brennmaterial, zumal im eisigen Winter 1946 / 47, beschafft werden.

Hinzu kam die notwendige Integration der Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen

Ostgebieten. Da die Londoner Außenministerkonferenz 1947 an der fehlenden

Einigung zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion scheiterte, zeichnete

sich immer mehr die politische Teilung Deutschlands zwischen den drei

Besatzungszonen unter amerikanischer, britischer und französischer Führung einerseits

und der sowjetischen Besatzungszone andererseits ab. Die Teilung

Deutschlands wurde 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland

endgültig besiegelt.

Ein wesentlicher Schritt für die Normalisierung des Alltags bedeutete 1950

die Abschaffung der Lebensmittelkarten in der Bundesrepublik; dies war ein deutliches

Zeichen für die Verbesserung der allgemeinen Lebensumstände. Die Menschen

sehnten sich nach den schrecklichen Erfahrungen des Krieges nach Normalität

und Wohlstand. Das sogenannte Wirtschaftswunder hielt in Deutschland

Einzug und führte vor diesem Hintergrund zu einem prosperierenden, Konsumgestützten

Aufschwung, der breite Bevölkerungsschichten betraf.

Ebenso wie die Gesellschaft sahen sich auch die Ärztinnen und Ärzte in den

ersten Nachkriegsmonaten und -jahren mit drängenden praktischen Problemen

konfrontiert. Gerade die erste Zeit direkt nach Kriegsende war von »Ad-hoc-Maßnahmen

zur Verhinderung von Epidemien und der Verteilung der sehr begrenzten

Mittel geprägt«.1 Die medizinische Versorgung in Deutschland litt dabei vor allem

an einem Mangel an Ärzten. So gab es in der BRD 1950 67.000 Ärzte, 4.500 davon

waren in West-Berlin tätig.2 Auch unter der Ärzteschaft hatte der Krieg viele Opfer

gefordert, zudem waren die meisten Ärzte jüdischer Herkunft entweder ausgewandert

oder von den Nationalsozialisten deportiert und in den Konzentrationslagern

ermordet worden. Es wird geschätzt, dass etwa neun- bis zehntausend

deutschsprachige Mediziner, mit einem hohen Anteil an Fachärzten, unter nationalsozialistischer

Herrschaft das Land verlassen mussten.3 Nach Kriegsende stieg

die Zahl der Ärzte zwischen 1950 und 1955 auf 75.000 an.4

Vor diesem Hintergrund galt es in der Medizin nach 1945 zahlreiche Probleme

zu lösen: so etwa Fragen der medizinischen Grundversorgung angesichts der

61


5 Kater MH. Medizin und Mediziner

im Dritten Reich, Eine

Bestandsaufnahmen. In HZ 1987;

244: 299 – 352, hier 315.

Folgen von Unterernährung, Kriegsverletzungen, fehlender medizinischer Infrastruktur

und mangelnder Versorgung mit Medikamenten. Die Arbeiten der Fachgesellschaften,

auch der DGVS, wurden dabei zunächst von organisatorischen

Aufgaben dominiert: Es standen die Neuorganisation der medizinischen Aus- und

Weiterbildung sowie die Wiederaufnahme der Fachkongresse, die Positionierung

des Fachgebietes im Rahmen der Facharztqualifikation und die Wiederanknüpfung

der internationalen Kontakte im Vordergrund.

Aufarbeitung der Vergangenheit

»Insgesamt waren zwei Drittel aller deutschen Ärzte institutionell in irgendeiner

Form an das Dritte Reich gebunden«, betont der Historiker Michael Kater.5 Die

meisten von ihnen waren Mitglieder der NSDAP, mehr als jeder zweite Arzt6, viele

auch im NS-Ärztebund (NSDÄB), der 1933 aus den beiden größten Berufsorganisationen,

dem Hartmannbund und dem Deutschen Ärztevereinsbund, hervorgegangen

war. Rund ein Drittel der Ärzte im Deutschen Reich waren hier Mitglied.7

Die SA war die zahlenmäßig drittwichtigste Organisation für nationalsozialistische

Ärzte, hier waren 26 Prozent der Mediziner involviert, sieben Prozent gehörten

der SS an.

Diese Verwicklung war nach Kriegsende Anlass für den sogenannten Ärzteprozess

zwischen Dezember 1946 und August 1947. Nach den Gerichtsverhandlungen

gegen die angeklagten Hauptkriegsverbrecher und Organisationen des Nationalsozialismus

in den Nürnberger Prozessen8 wurde in diesem zweiten großen

Verfahren Anklage gegenüber zwanzig Medizinern erhoben. Die Ärzte wurden

folgender Vergehen beschuldigt: Menschenversuche in Konzentrationslagern,

Euthanasiemorde an Kranken und Behinderten, Zwangssterilisationen sowie

Aufbau einer Skelettsammlung an der Universität in Straßburg, für die Gefangene

in Auschwitz ermordet worden waren. Alle Angeklagten plädierten auf »nicht

schuldig«, sieben von ihnen wurden zum Tode verurteilt.9 Über diesen Prozess

hinaus mussten sich jene Mediziner, die Mitglied in einer der NS-Organisationen

gewesen waren, einem Entnazifizierungsverfahren stellen, das im Regelfall mit

Freisprüchen oder mit geringen Geldstrafen endete. Nur in Einzelfällen wurden

Haftstrafen oder Berufsverbote ausgesprochen.

Das öffentliche Interesse in Deutschland an den Nürnberger Prozessen und

an den hier deutlich gewordenen ethischen Fragen war gering. In Tages- und Wo-

6 Gezählt wurden diejenigen, die

ab 1936 in der Reichsärztekammer

(RÄK) zwangskorporiert waren,

und die deutsche Reichsbürgerschaft

hatten. Ebd.; 311.

7 Hauenstein E. Ärzte im Dritten

Reich. Weiße Kittel mit braunen

Kragen. Online in https://www.

thieme.de/viamedici/zeitschrift/

heft0502/3_topartikel.html,

(18.2.2013).

8 Fischer T, Lorenz MN, Hg. Lexikon

der Vergangenheitsbewältigung

in Deutschland, Debatten-

und Diskursgeschichte des

Nationalsozialismus nach 1945.

Bielefeld 2007; 21.

9 Hauenstein. Ärzte im Dritten

Reich.

◀◀ Am 8. Mai kapitulierte

Deutschland bedingungslos vor

den Alliierten. In Europa war der

Krieg beendet. Deutschland und

große Teile Europas lagen in Schutt

und Asche. Hier ein Blick auf das

zerstörte Schwabinger Krankenhaus

in München.

◀ Sofort nach Kriegsende begannen

die Siegermächte, das

NS-Regime zu demontieren. Alle

Mitglieder der NSDAP und ihrer

Gliederungen mussten sich einem

Entnazifizierungsverfahren unterziehen.

Die Verfahren wurden

schon bald vom Ost-West-Konflikt

überschattet. Wichtiger als eine

Strafe war, die beiden deutschen

Staaten wieder handlungsfähig zu

machen. Die meisten ehemaligen

Nazis wurden amnestiert, freigesprochen

oder zu niedrigen Geldstrafen

verurteilt.

62


10 Peter J. Der Nürnberger Ärzteprozeß

im Spiegel seiner Aufarbeitung

anhand der drei Dokumentensammlungen

von Alexander

Mitscherlich und Fred Mielke.

Münster 1998; 126.

11 Fischer, Lorenz. Lexikon der

Vergangenheitsbewältigung; 23.

12 Vgl. Verh Ges Verd Stoffwechselkr,

XV. Tagung in Bad Kissingen

(28. bis 30. September 1950),

Gräfelfing 1953 bis XVIII. Tagung,

in Bad Homburg (3. bis 5. Oktober

1955), Gräfelfing 1956 und

Creutzfeldt W, Martini GA, Strohmeyer

G. Meilensteine der Gastroenterologie

und Stoffwechselforschung

in den deutschsprachigen

Ländern, Freiburg 1997; 10.

▶ Auch im NS-System verstrickte

Mediziner mussten sich im Nürnberger

Ärzteprozess 1946 / 1947

rechtfertigen. Angeklagt waren 20

KZ-Ärzte sowie ein Jurist und zwei

Verwaltungsfachleute als Organisatoren

von Medizinverbrechen.

Von den 23 Angeklagten wurden

sieben zum Tode verurteilt, fünf zu

lebenslangen Haftstrafen und vier

zu Haftstrafen zwischen 10 und 20

Jahren. Sieben Angeklagte wurden

freigesprochen.

chenzeitungen gab es dazu nur vereinzelte Beiträge, die Berichterstattung erfolgte

weitestgehend in reinen Fachzeitschriften. Doch auch in englischsprachigen Publikationen

fanden die Prozesse wenig Resonanz. Bald geriet die Auseinandersetzung

mit der 12-jährigen Nazi-Herrschaft in den Hintergrund oder wurde mit

Schweigen übergangen.10 Der politische Klimawandel im Kontext des Kalten

Krieges begünstigte darüber hinaus die Freilassung der meisten Verurteilten, die

größtenteils ohne Einschränkung ihre Karrieren fortsetzen konnten.11

Wie nahezu die gesamte Gesellschaft hat auch die DGVS in der ersten Nachkriegsperiode

keine aktiven Bemühungen unternommen, die möglichen Verstrickungen

einzelner Mitglieder im NS-Regime systematisch aufzuarbeiten. Hans

Heinrich Berg hatte sich nach 1945 für die Neugründung der DGVS in den westlichen

Besatzungszonen bzw. in der BRD engagiert. Schriftführer der Gesellschaft

wurde 1950 Hans Wilhelm Bansi, der das Amt 1955 an den damaligen stellvertretenden

Schatzmeister Gustav Adolf Martini, einem Schüler Bergs, übertrug.12

Hinweise darauf, dass das Verhalten einzelner Gesellschaftsmitglieder während

der NS-Zeit von der Gesellschaft problematisiert oder offiziell thematisiert wurde,

sind nicht bekannt.

Differenzierte biografische Skizzen der DGVS-Präsidenten zwischen 1950

und 1964, wie Hans Heinrich Berg, Gerhardt Katsch, Kurt Beckmann, Norbert

Henning, Heinz Kalk, Hans Wilhelm Bansi und Robert Mark existieren bisher

nicht. Sie alle waren seit 1939 »Beratende Internisten« der Wehrmacht in verantwortungsvoller

Position; ihre politischen Einstellungen, ihr Wissen um ethische

Grenzüberschreitungen und mögliche Verstrickungen der deutschen Mediziner

in der Zeit zwischen 1933 und 1945 sind bisher allenfalls punktuell bekannt. Es ist

– aus heutiger Sicht – unverständlich, dass sie nach 1945 in ihren Ansprachen keine

Worte des Bedauerns über die Vertreibung und das Schicksal ihrer jüdischen

Kolleginnen und Kollegen gefunden haben.

Besonders fällt dies in der Rede Hans Heinrich Bergs anlässlich der ersten

Tagung der DGVS in der Nachkriegszeit vom 28. bis 30. September 1950 in Bad Kissingen

auf.

Der Kongress war monothematisch ausgerichtet und widmete sich den Leberkrankheiten.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass während des Kongresses

mit Hans Voegt, Friedrich Meythaler und Arnold Dohmen Ärzte Referate hielten,

die in der NS-Zeit tief in der Durchführung von Hepatitis A-Experimenten an psy-

Kapitel 4

▶▶ Hier stehend beim Ärzteprozess

Oskar Schröder, er initiierte

die Meerwasserversuche im KZ

Dachau. Schröder wurde 1947 zu

lebenslanger Haft verurteilt und

1954 vorzeitig entlassen.

63


chiatrischen Patienten, Soldaten und jüdischen Kindern verstrickt waren. Die Tagung

in Bad Kissingen wurde von 470 Teilnehmern besucht, unter ihnen auch

erste ausländische Gäste.13

Deutschland als Forschungsstandort der Medizin

Bis 1933 war Deutschland einer der weltweit führenden Standorte der medizinischen

Forschung. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1950, ihrem

Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung der Wissenschaft und besonders mit der

Vertreibung führender Forscher endete diese Vorreiterstellung jäh.

Der Notwendigkeit, an den internationalen Standard wieder anzuknüpfen,

war man sich in der Nachkriegszeit auch in der DGVS bewusst. So stellte Berg in

seiner Ansprache auf der ersten DGVS-Tagung nach dem Krieg 1950 die wiederherzustellende

Internationalität der Gesellschaft in den Mittelpunkt seines Vortrages.

Für ihn bedeutete die Tagung den Versuch, »der Tradition der Gesellschaft eingedenk

zu handeln, welche, engen Grenzen immer abhold, den internationalen wissenschaftlichen

Zusammenhang vielleicht mehr als andere gepflegt hat«.14 Bereits

bei dieser ersten Tagung nach der Neugründung der Gesellschaft waren

wissenschaftliche Vertreter aus Österreich, aus der Schweiz, aus Schweden und

aus Spanien anwesend. Dies war zwar bereits ein Anfang, allerdings sollte die

Wiederherstellung der verlorenen Internationalität die Arbeit der DGVS noch

mehrere Jahre mitbestimmen. Berg selbst hat seine internationalen Verbindungen

nach dem Zweiten Weltkrieg dazu genutzt, um die Kontakte insbesondere

nach Nord- und Südamerika sowie nach Schweden und England wieder zu beleben.15

Der Verlust an Forschungskompetenz und -möglichkeiten durch die vertriebenen

Ärzte konnte zunächst nicht kompensiert werden.

13 Markoff N. Bericht über die

15. Tagung der Deutschen Gesellschaft

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.

Bad Kissingen

1950. Gastroenterologia

1950 / 51; 76: 224 – 227.

14 Berg HH. Eröffnungsansprache.

In: Verh Dtsch Ges Verd Stoffw

Krankh. Sonderband, Leipzig

1952; 19.

15 Hornborstel H. In memoriam

Hans Heinrich Berg (1889 – 1968).

Münch Med Wochenschr 1969;

111: 2679 – 2681, hier 2680. Vgl.

Prévôt R. Hans Heinrich Berg

(Nachruf). Fortschr Röntgenstr

1969; 110: 762 – 764.

16 Opitz K. Rechte und Pflichten

der Ärzte und Zahnärzte,

Auf Grund amtlichen Materials.

Berlin 1926; 29. Vgl. Martini GA,

Dölle W. Entwicklung der Gastroenterologie.

In: Classen M, Hg.

Internisten und Innere Medizin im

20. Jahrhundert. München 1994;

264 – 288.

17 Vgl. Pfaffenzeller R. Die Entwicklung

des Facharztwesens in

Deutschland unter besonderer

Berücksichtigung der Kriterien

und der Gründe für die Etablierung

eines Fachgebietes. München

1994; 24.

18 Eröffnungsansprache zur 20

Tagung. In: Classen M, Hg. Tagungen

der Deutschen Gesellschaft;

131.

19 Mitteilungen des Verbandes

Deutscher Gastroenterologen. In:

Gastroenterolgia 1962; 97: 63.

Facharztausbildung

1924 hatten die Ärztekammern, die als Berufsvertretung der Ärzte eine verbindliche

Ausbildungsordnung schaffen sollten, auf dem 43. Deutschen Ärztetag in Bremen

die erste Facharztordnung, die Bremer Richtlinien, verabschiedet.16 In die

Liste der dort aufgeführten 14 Facharztbezeichnungen war auch der Facharzt für

Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten mit einer dreijährigen Ausbildungszeit

aufgenommen worden. Allerdings sollten sich, so die Richtlinie, die Fachärzte

◀ Wilhelm Beiglböck (hinten stehend)

habilitierte 1939 und wurde

1940 Oberarzt unter Hans Eppinger.

Ab Mai 1941 arbeitete Beiglböck

als Stabsarzt der Luftwaffe.

1944 wurde er außerplanmäßiger

Professor an der Universität Wien.

1944 leitete Beiglböck die Versuche

zur Trinkbarmachung von

Meerwasser an »Zigeunern« im

Konzentrationslager Dachau. Das

Bild zeigt ihn bei der Urteilsverkündung.

Beiglböck bekam 15 Jahre

Gefängnis, wurde allerdings bereits

im Jahr 1951 entlassen. Er setzte

seine Karriere als Mediziner fort.

64


20 DGVS Archiv: Protokoll über

die Mitgliederversammlung,

17.10.1959.

21 Mitteilungen des Verbandes

Deutscher Gastroenterologen. In:

Gastroenterologia 1962; 97: 62.

22 Ebd.; 1961; 96: 209.

23 Ebd.; 1962; 97: 61.

24 Matakas F. Worauf wartet

eigentlich noch die Bundesärztekammer?

In: Gastroenterologia

1963; 99: 211 – 212, auch ebd.

1962; 98: 399 – 404.

25 Knuth P. Situation der internistischen

Weiterbildung in

Deutschland. In: Deutsche Medizinische

Wochenschrift 2000; 125:

734 – 737, 734.

26 Hornbostel H. In memoriam

Hans Heinrich Berg (1889 – 1968).

Münch Med Wochenschr 1969;

111: 2679 – 2681. Vgl. Martini GA.

Hans Heinrich Berg, 1889 – 1968.

Der Internist 1969; 10: 110 – 115.

27 Zur Berufung Bergs an die

Hamburger Universität vgl. van

den Bussche H, Hg. Medizinische

Wissenschaft im »Dritten Reich«.

Kontinuität, Anpassung und

Opposition an der Hamburger

Medizinischen Fakultät. Hamburger

Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte

Band 5. Berlin / Hamburg

1989; 79 – 80.

28 Berg HH. Röntgenuntersuchungen

am Innenrelief des Verdauungskanals.

Leipzig 1930.

29 Prévôt R. In memoriam Hans

Heinrich Berg. Fortschr Röntgenstr

1969; 110: 762 – 764, hier 763. Vgl.

Vogt H. Die Röntgendiagnostik

der internen Medizin. Eine historische

Studie. Der Internist 1972;

13: 218 – 223.

30 Boas I. Buchbesprechung: Hans

Heinrich Berg, Röntgenuntersuchungen

am Innenrelief des Verdauungskanals.

Leipzig 1930. Arch

f Verdauungskr 1930; 47: 304.

auf ihre Aufgaben in ihrem Spezialfach beschränken und jede Form von hausärztlichen

Tätigkeiten dem praktischen Arzt überlassen.17 Das Führen von mehreren

Gebietsbezeichnungen war ebenfalls untersagt worden. An diesem Beschluss änderte

sich während der NS-Zeit wenig.

Der Bruch für die Weiterbildung zum Facharzt für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten

geschah auf dem 52. Ärztetag 1949 in Hannover, auf dem die

Ausbildung aus der Liste der Facharztbezeichnungen gestrichen wurde. Für die

DGVS war dies ein herber Rückschlag; die Gesellschaft reagierte mit Unverständnis

auf die Entscheidung. Aus ihrer Sicht war es »unbegreiflich« und »reaktionär«,

den gastroenterologischen Facharzt abzuschaffen.18 So plädierte Heinz Kalk, Präsident

der 20. Tagung der DGVS 1959 in Kassel, für die Einrichtung von gastroenterologischen

Sonderabteilungen an Kliniken und Krankenhäusern. Diese seien

alleine deshalb notwendig, um Forschung und Ausbildung und damit letztendlich

die Versorgung der Patienten zu verbessern. Ein Antrag auf Wiedereinführung des

Gebietes Gastroenterologie wurde 1956 auf dem Ärztetag in Münster abgelehnt.

Ursächlich für diese Entscheidung war die fortbestehende Einheitsidee der Inneren

Medizin mit der Befürchtung einer »Spaltung« durch die Anerkennung von

Spezialgebieten.

Dass im Geburtsland der Fachrichtung Gastroenterologie keine eigene

Facharztbezeichnung mehr geführt werden konnte, wurde von den Gastroenterologen

mit Sorge gesehen.19 Auf ihrer Mitgliederversammlung 1959 sprach sich die

DGVS einstimmig für die Wiedereinführung des Facharzttitels aus.20 Hans Wilhelm

Bansi setzte sich in den darauf folgenden Jahren besonders im Sinne der

Gesellschaft in dieser Frage ein. Zu diesem Zweck gründete sich ein Spezialausschuss

in Hamburg, dem Vertrauensmänner aus den Reihen der DGVS angehörten.

Die Mitglieder dieses Ausschusses waren von der DGVS angewiesen, den Kontakt

mit den zuständigen Landesärztekammern zu suchen.21 Die Wiedereinführung

der Facharztbezeichnung war außerdem oberstes Ziel des Verbandes Deutscher

Gastroenterologen, der im Einvernehmen mit der DGVS 1956 gegründet wurde.22

Der erste Vorsitzende F. Matakas versuchte über die Bundesärztekammer und

über die Europäische Vereinigung der Fachärzte, welche 1962 eine Sektion Gastroenterologie

unter dem Vorsitz des Verbandes schuf, auf das Problem hinzuweisen

und eine Lösung zu finden.23 Zu dieser Zeit war die BRD das einzige Land innerhalb

der EWG, in dem die Fachgebietsbezeichnung nicht anerkannt war. Die Entscheidung

des Deutschen Ärztetages wurde unter dem Aspekt der bevorstehenden

europäischen Harmonisierung mit dem Hinweis kritisiert, dass zukünftig der

bestehende Bedarf an Gastroenterologen von Ärzten aus den anderen EWG-Ländern

gedeckt werden müsse.24 Angesichts der anhaltenden Proteste verabschiedete

der Ärztetag 1968 in Wiesbaden eine Muster-Weiterbildungsordnung, in

welcher das Teilgebiet unter dem neuen Namen »Gastroenterologie« wieder eingeführt

wurde. Die Fachrichtung blieb Teil der Inneren Medizin, so konnte die Gebietsbezeichnung

erst nach erfolgter Weiterbildung in der Inneren Medizin erworben

werden.25

In den Universitätskliniken und großen städtischen Krankenhäusern etablierte

sich die Gastroenterologie / Hepatologie nach dem Zweiten Weltkrieg erst

Kapitel 4

65


allmählich. Auch die DGVS war Anfang der 1960er Jahre eine vergleichsweise kleine

Fachgesellschaft mit 371 Mitgliedern (1961). Nach den vielversprechenden Anfängen

der Disziplin zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielten in Deutschland erst

seit Ende der 1960er Jahre zunehmend Lehrstühle für Innere Medizin einen eindeutig

gastroenterologischen / hepatologischen oder endoskopischen Schwerpunkt.

In der Hamburger Medizinischen Universitätsklinik folgte auf Hans Heinrich

Berg Heinrich Bartelheimer, der sich mit Pankreaserkrankungen befasste.

Den Lehrstuhl für Innere Medizin in Marburg besetzte mit Gustav Adolf Martini

ein ausgewiesener Gastroenterologe und international bekannter Hepatologe,

dessen Schüler in den 1970er Jahren wiederum eigenständige Universitätskliniken

für Gastroenterologie / Hepatologie übernahmen: so etwa Wolfgang Dölle in

Tübingen, Georg Strohmeyer in Düsseldorf, Ernst-Otto Riecken in Berlin und Harald

Goebell in Essen. Daneben bestanden gastroenterologisch und hepatologisch

ausgerichtete medizinische Universitätskliniken in Freiburg (Wolfgang Gerok),

Göttingen (Werner Creutzfeldt), Frankfurt (Werner Siede), Würzburg (Hans Adolf

Kühn), Lübeck (Ulrich Ritter), Hannover (Friedrich Werner Schmidt) und in Mainz

(Karl-Hermann Meyer zum Büschenfelde). Norbert Henning hatte sich entsprechend

seinem Forschungsgebiet in Erlangen der Weiterentwicklung der Endoskopie

gewidmet. An den großen Städtischen Kliniken in Kassel (Heinz Kalk) und

Stuttgart-Bad Canstatt (Klaus Heinkel und Ludwig Demling) waren weitere Zentren

entstanden, in denen die Weiterentwicklung der Endoskopie einen Schwerpunkt

bildete.

31 Berg HH. Röntgenuntersuchungen

am Innenrelief des Verdauungskanals.

Leipzig 1930. Hier:

Kap. VIII. Kritik und Bewertung

der Befunde am Innenrelief und

Kap. IX Ausblick und Schluß,

179 – 187.

32 Van den Bussche. Medizinische

Wissenschaft im »Dritten

Reich«; 165.

33 Massarrat S. Konjetzny, A German

surgeon of the past century

and his pioneering hypothesis of

a bacterial Aetiology for gastritis,

peptic ulcer and gastric cancer. Z

Gastroenterol 2005; 43: 411 – 413.

34 Prévôt R. In memoriam Hans

Heinrich Berg; 763.

35 Boyle JD. The American Gastroenterological

Association, The

first seventy-five years. Gastroenterology

1973; 65: 1021 – 1106,

hier 1073.

36 Berning H. »Ueber das Ernährungsoedem«.

BArch-MA RH

12 – 23 / 1805.

37 BArch-MA RH 12 – 23 / 425

Schreiben des Wehrkreisarztes

X, Hamburg, vom 30.11.1942

an den Heeressanitätsinspekteur

[Vorläufiger Bericht über klinische

Untersuchungen an ernährungsgestörten

sowjetischen Kriegsgefangenen.

»Die Untersuchungen

sind in der Zeit September 1941

bis August 1942 unter Leitung

des Beratenden Internisten im

Wehrkreis X Oberstabsarzt Prof.

Dr. H. H. Berg durchgeführt

worden«]. Vgl. RH 12 – 23 / 227

(Schreiben des Heeressanitätsinspekteurs

vom 18. Okt. 1941 an

den Wehrkreisarzt X / Stalag X

D Wietzendorf, Nachrichtlich an

den Beratenden Internisten Wehrkreiskommando

X, zur Geheimhaltungspflicht

über die o.g.

Untersuchungen). Vgl. besonders

die Beurteilung Heinrich Bernings

durch Berg vom 3. März 1944; BA

R 9361 / II 69376.

38 Vgl. das von H. H. Berg persönlich

unterzeichnete »Gutachten

über den Ernährungszustand der

Kriegs- usw. -gefangenen in den

Lagern Russenlager Bremen-Blumenthal,

Arbeitserziehungslager

und KL« vom 4. März 1944. AGN 6.

4. 14. 5 (6 u. 7).

66


▲ Hans Heinrich Berg (2. v. r.)

im Gespräch mit Gustav v. Bergmann

(mitte)

Hans Heinrich Berg

Hans Heinrich Berg26, geboren 1889, erlebte den Ersten Weltkrieg, den Zusammenbruch

des Kaiserreiches und die Instabilität der Weimarer Republik. Seit 1931 in leitender ärztlicher

Funktion war er im NS-Staat mit radikal veränderten Rahmenbedingungen und der

Außerkraftsetzung bisher geltender Normen konfrontiert. Zwischen 1945 und 1960 gehörte

Berg zu den einflussreichen Internisten der Bundesrepublik und war maßgeblich an der

Neuorganisation und Ausrichtung der DGVS beteiligt.

Nach dem Medizinstudium in Freiburg, Edinburgh und München begann Berg 1914

seine Assistentenzeit bei Gustav von Bergmann in Hamburg-Altona. Diesen begleitete er

nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg an die Medizinischen Universitätskliniken

Marburg und Frankfurt sowie 1927 als Oberarzt an die II. Medizinische Universitätsklinik

der Charité nach Berlin. 1926 habilitierte Berg mit der Arbeit Die direkten Röntgensymptome

des Ulcus duodeni und ihre klinische Bedeutung. 1931 übernahm er die Ärztliche Direktion der

Medizinischen Klinik am Städtischen Krankenhaus Dortmund. Seit dem 1. Januar 1935 leitete

er als Ordinarius für Innere Medizin die I. Medizinische Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf.27

1945 vorübergehend suspendiert, setzte er Anfang 1947 seine bisherige

Tätigkeit als Direktor der Hamburger Medizinischen Universitätsklinik bis zu seiner Emeritierung

1959 fort.

Berg hatte sich seit Anfang der 1920er Jahre mit morphologischen Veränderungen

und Fragen der Röntgendiagnostik gastrointestinaler Erkrankungen beschäftigt. Die Arbeiten

aus Schweden von Gösta Forssell und Ǻke Ǻkerlund aufnehmend, entwickelte er mit

Kreativität und technischem Verständnis eine Kombination von Durchleuchtungs- und

Aufnahmeverfahren, um durch gezielte Momentaufnahmen die Detaildiagnostik zu optimieren.

Die Weiterentwicklung der Methode ermöglichte

ihm eine exakte Beschreibung von Reliefveränderungen

des Magen-Darmkanals – zur damaligen Zeit ein wegweisender

Fortschritt. Seine Beiträge erhielten rasch nationale

und internationale Anerkennung. Bergs Monografie

Röntgenuntersuchungen am Innenrelief des Verdauungskanals.

Ein Beitrag zur Klinischen Röntgendiagnostik insbesondere

von Entzündung, Geschwür und Krebs28 aus dem Jahre

1929 wurde ein »Standardwerk gastroenterologischer

Röntgendiagnostik«29. So wurde das Werk u. a. von Ismar

Boas im Archiv 1930 sehr positiv besprochen und ausdrücklich

gewürdigt.30 Die Prinzipien der radiologischen

Detaildiagnostik wurden später ebenso für den Dickdarm

und die Gallenwege angewandt. Wichtige Ziele für Berg

waren neben der Aufschlüsselung der Organfunktion die

möglichst genaue Abbildung morphologischer Veränderungen sowie die Klärung ihrer Dignität.31

Der Radiologe Robert Prévôt führte gemeinsam mit Berg die Studien zur Röntgendiagnostik

in den 1930er Jahren in Hamburg als DFG-gefördertes Forschungsprojekt fort.32 In

dem Chirurgen Georg Ernst Konjetzny33, der sich eingehend mit entzündlichen Magenschleimhautveränderungen

und der Ulcusentstehung befasste, fand Berg einen weiteren

Kooperationspartner, mit dem er zusammen den gastroenterologischen Schwerpunkt am

Hamburger Universitätsklinikum begründete und konsequent förderte.

Kapitel 4

67


Es waren besonders Bergs Verbindungen nach England, Nord- und Südamerika sowie

nach Skandinavien, die der DGVS in den 1950er Jahren neue internationale Kontakte

ermöglichten. Berg wurde zu ausländischen Gastvorlesungen eingeladen und erhielt Ehrungen

wie die Silvanus Thompson-Medaille der englischen Röntgen-Gesellschaft34 in London

und 1958 die für einen Deutschen seltene Ehrenmitgliedschaft der American Gastroenterological

Association (AGA), die zuletzt Ismar Boas 1910 und Bernhard Naunyn 1914

verliehen worden war.35

So unumstritten Bergs wissenschaftliche Leistungen sind, sein Engagement in den

Jahren 1933 bis 1945 ist dagegen nicht so eindeutig zu beurteilen. Mit Beginn des Zweiten

Weltkrieges wurde Berg »Beratender Internist der Wehrmacht« im Wehrkreis X einschließlich

großer Reservelazarette, Kriegsgefangenen- und Arbeitslager. Über das als geheim eingestufte

wehrmedizinische Forschungsprojekt über Unterernährung und Hungerödem

seines Mitarbeiters Heinrich Berning36 an schwerkranken, untergewichtigen sowjetischen

Kriegsgefangenen war Berg informiert.37 Einerseits formulierte Berg Empfehlungen für die

Verbesserung der katastrophalen Ernährungssituation der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter

mit hochwertigen Eiweißprodukten und gesteigerter Kalorienzahl sowie für eine

gerechte Verteilung der Nahrungsmittel.38 Andererseits bestanden von seiner Seite offenbar

keine Einwände gegen jene Untersuchungen Bernings an wehrlosen Kriegsgefangenen,

die eine Verletzung ethischer Regeln bedeuteten. Der NSDAP ist Hans H. Berg nicht beigetreten.

Zwischen 1934 und 1938 war er förderndes Mitglied der SS ohne Rechte und Pflichten.

Nach 1945 wurde er als nicht belastet entnazifiziert.39

Als Vorsitzender leitete Hans H. Berg 1950 die erste Tagung der DGVS nach dem

Zweiten Weltkrieg und den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin 1954.

Für sein wissenschaftliches Lebenswerk, seine Initiativen und organisatorischen Beiträge

auf dem Gebiet der Gastroenterologie gebührt Berg hohe Anerkennung. Aus heutiger Sicht

ist es allerdings unverständlich, dass er öffentlich keine Worte für das Schicksal der aus

Deutschland vertriebenen jüdischen Ärzte und Wissenschaftler fand und dass die Grenzüberschreitungen

während des Dritten Reiches von ihm nicht als solche erkannt wurden.

68


Norbert Henning

1896 – 1985

Die Verbreitung der Endoskopie, seine frühe Forschung über morphologische Veränderungen

der Magenschleimhaut und seine vielfältigen Initiativen zur Positionierung der Gastroenterologie

in Deutschland nach 1945 kennzeichnen das Lebenswerk Norbert Hennings.40

1929 – die Gastroskopie war noch weit davon entfernt, eine Routinemethode zu sein, die

radiologische Diagnostik des Magen-Darm-Traktes erlebte gerade ihren Aufschwung –

schrieb Henning: »Die noch junge röntgenologische Schleimhautdiagnostik der Gastritis

bedarf zu ihrer Vertiefung der Ergänzung durch die Gastroskopie, der einzigen Methode, die

auch feinere Schleimhautveränderungen in vivo erkennen lässt«.41

Norbert Henning, 1896 geboren, nahm 18-jährig am Ersten Weltkrieg teil, studierte

ab 1918 Medizin in Leipzig, Göttingen und Freiburg, war kurzzeitig Assistenz arzt in Karlsruhe,

wechselte 1923 zu dem Infektiologen Ulrich Friedemann42 an das Städtische Rudolf-Virchow-Krankenhaus

in Berlin und war von 1927 bis 1936 in der Medizinischen Klinik der

Universität Leipzig bei Paul Morawitz tätig.43 Mit der Arbeit Die Bakterienbesiedlung des gesunden

und kranken Magens wurde er 1929 in Leipzig habilitiert.

1933 trat Henning der NSDAP bei und wurde Sturmbannarzt der SA.44 1934 erklärte

ihn der Rektor der Leipziger Universität wegen Unterstützung jüdischer Kollegen für politisch

»unzuverlässig«, Henning wurde aus der NS-Dozentenschaft und aus der SA ausgeschlossen.

Ab 1936 leitete er die Medizinische Klinik am Stadtkrankenhaus Fürth. In den

Jahren bis 1945 näherte er sich in Fürth der dortigen NS-Elite an. Im Entnazifizierungsverfahren

nach Kriegsende konnten ihm keine konkreten Verfehlungen nachgewiesen werden.45

Nach dem Prozess nahm er seine Funktion im Stadtkrankenhaus Fürth wieder auf.

1949 wurde er Direktor der Medizinischen Poliklinik der Universität Würzburg und von

1953 bis 1966 war er Ordinarius für Innere Medizin und Leiter der Medizinischen Klinik in

Erlangen. Auf Henning geht die »Erlanger Schule« zurück, ein Zentrum endoskopischer

Forschung, die – zwischen 1966 und 1986 fortgeführt von seinem Schüler Ludwig Demling46

und dessen Mitarbeitern – eine Vielzahl weltweit bedeutsamer endoskopischer Innovationen

ermöglichte.

Henning47 wandte sich seit Ende der 1920er Jahre in der Leipziger Klinik der Gastroskopie

zu, gewann rasch Expertise und stellte 1931 eine »Apparatur zur endoskopischen

Fotografie der Magenschleimhaut« vor.48 Rudolf Schindlers und Georg Wolfs Entwicklung

eines semiflexiblen Gastroskopes verfolgte er mit besonderem Interesse; frühzeitig erhielt

Henning einen Prototypen des neuen Gerätes, mit dem er praktische Erfahrungen sammelte.49

Er schlug Modifikationen des Instrumentes vor und beschäftigte sich mit den Limitationen

desselben; er war überzeugt, dass mit der Neuentwicklung »eine weitere Verbreitung

der Gastroskopie einsetzen wird«.50 1935 erschien Hennings Lehrbuch der Gastroskopie.

Neben der technischen Weiterentwicklung der Endoskope standen für Henning die

morphologischen Veränderungen der Magenschleimhaut, besonders die Frage nach dem

Substrat der Gastritis, im Vordergrund. Gemeinsam mit Richard Schatzki, damaliger Leiter

der Röntgenabteilung der Medizinischen Klinik von Morawitz, publizierte er 1933 über ein

Gastroskopisches und röntgenologisches Bild der Gastritis ulcerosa.51 Kurze Zeit später war

Schatzki wegen seiner jüdischen Herkunft zur Emigration in die USA gezwungen.52 Die

Summe seiner Gastritis-Forschung veröffentlichte Henning 1934 in der Monografie Die

Kapitel 4

69


Entzündung des Magens.53 Seine Kenntnisse zum endoskopischen Bild der Gastritis basierten

auf 1.400 Gastroskopien, deren Befunde er mit Röntgenbildern verglich; die makroskopische

Diagnostik wurde durch histologische Untersuchungen an Resektaten magenoperierter

Patienten ergänzt.54 Neben Fragestellungen aus dem Bereich der Gastroenterologie

beschäftigte sich Henning mit hämatologischen Problemen, zu denen er publizierte.55

Nach 1949 regte Henning in Würzburg und besonders in Erlangen eine Vielzahl klinisch

experimenteller Arbeiten an, die sich den morphologischen Untersuchungen am

Magen mit neuen Methoden wie Biopsie und Zytodiagnostik, der Dokumentation verschiedener

Magenfunktionen, der Leberdurchblutung und den Verbesserungen der Pankreasund

der Stuhldiagnostik widmeten.56 1949 wurde sein Lehrbuch der Verdauungskrankheiten

veröffentlicht.

Um die aktuellen Kenntnisse der klinischen und wissenschaftlichen Gastroenterologie

zu verbreiten, fanden seit 1960 in Erlangen jährlich gastroenterologische Fortbildungskurse

statt, die zu einem Anziehungspunkt für in- und ausländische Ärzte wurden.57

1967 gründete Norbert Henning die Deutsche Gesellschaft für gastroenterologische Endoskopie

als nationale Sektion der Société Européenne d’Endoscopie digestive.58

Henning folgte Paul Morawitz nach dessen Tod 1936 in der Schriftleitung des Boas

Archivs, bis der Karger Verlag 1938 nach Basel auswandern musste. 1955 trat er in die

Schriftleitung des Archiv-Nachfolgeorgans, Gastroenterologia, ein und begründete 1963 die

Zeitschrift für Gastroenterologie.

Die wissenschaftlichen Beiträge Hennings und seine Aktivitäten führten nach 1950

zur Wiederherstellung internationaler Kontakte; 1962 leitete er als Präsident den Weltkongress

für Gastroenterologie in München.59 Ohne Zweifel hat Henning die deutsche Tradition

der Gastroenterologie nach 1945 »wieder ins Leben gerufen«.60 Er selbst gehörte zu dieser

Tradition, hatte seit 1928 im Boas-Archiv publiziert und war mit den damals führenden

Wissenschaftlern und Ärzten im Gebiet der Gastroenterologie bekannt. Als Präsident der

18. Tagung der DGVS 1955 am Gründungsort Bad Homburg benannte Henning Forschungsdefizite

in der deutschen Gastroenterologie, das Jahr 1933 und das Schicksal der vertriebenen

jüdischen Kollegen blieben unerwähnt.61

70


39 Vgl. dazu auch den Spruchkammerakt

zu Berg in Hamburg:

StA HH, 221 – 11, Ed 3853- Vgl.

BA R 9347.

40 Heinkel K, Schmid E. Zum

80. Geburtstag von Herrn Professor

Dr. med. Norbert Henning. Z

Gastroenterol 1976; 14: 454 – 470.

41 Henning N. Ueber chronische

Gastritis. Münch Med Wochenschr

1929; 76: 220 – 222.

42 Ulrich Friedemann

(1877 – 1949) war a.o. Professor

für Hygiene an der Friedrich-Wilhelms-Universität

Berlin und

seit 1915 Ärztlicher Direktor der

Abteilung für Infektionskrankheiten

am Berliner Rudolf-Virchow-Krankenhaus.

1933 wurde

ihm aus rassischen Gründen die

Lehrerlaubnis entzogen, Friedemann

emigrierte zunächst nach

London, später in die USA. Vgl.

Kagan SR. Jewish Medicine. Boston

1952; 259.

43 Norpoth L. Professor Dr. med.

Norbert Henning 65 Jahre alt

(12.7.1896). Dtsch Med Wochenschr

1961; 86: 1357 – 1358.

44 Professorenkatalog der Universität

Leipzig. www.uni-leipzig.

de/unigeschichte/professorenkatalog/leipzig/Henning_471/

(2.7.2013).

45 Zur Maßregelung Hennings in

Leipzig vgl. Norpoth L. Norbert

Henning 65 Jahre alt; 1358. Zu

seiner späteren Haltung vgl. zum

Spruchkammerverfahren: StA

München, SpK Karton 678.

46 Classen M. In memoriam

Prof. Dr. med. Ludwig Demling

(4.8.1921 – 13.10.1995). In: Das

Wiener Endoskopiemuseum,

Eröffnungsymposium 1996.

(Schriften der Internationalen Nitze-Leiter

Forschungsgesellschaft,

Band 1.) Wien 1997; 17 – 19.

Kapitel 4

▶ Trotz zahlreicher persönlicher

Kontakte zwischen Forschern war

die deutsche Wissenschaft und

damit auch die Gastroenterologie

nach dem Krieg zunächst international

isoliert. In den 1950er Jahren

trat eine Normalisierung ein. So

waren Hans H. Berg, Norbert Henning,

Heinz Kalk, Gerhardt Katsch

und Leo Norpoth Herausgeber der

Gastroenterologia.

71


Die Weiterentwicklung der gastroenterologischen Wissenschaft

Die ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren durch den Wiederaufbau

der Kliniken, die Förderung der Grundlagenforschung, die Entwicklung neuer

Methoden und Technologien und den wieder erweckten Dialog mit Wissenschaftlern

aus anderen Ländern gekennzeichnet. Es wurden mehrere Sonderforschungsbereiche

und Forschergruppen neu etabliert und innerhalb der gastroenterologischen

Abteilungen entwickelten sich eigene Forschungsschwerpunkte.

Gleichzeitig stellten sich Fragen nach der Kooperation zwischen Grundlagenforschern

und klinischen Wissenschaftlern, nach der Vereinbarkeit von hochrangiger

Forschung und gleichzeitiger Krankenversorgung, nach der Institutionalisierung

und Würdigung klinischer Forschung überhaupt sowie nach gezielter

Forschungsförderung. Forschungsdurchbrüche oder Pionierleistungen blieben in

der westdeutschen Gastroenterologie allerdings aus. Junge Wissenschaftler

wechselten zu Forschungsaufenthalten vorübergehend vor allem in die USA und

nach England; nach ihrer Rückkehr bedurfte es der nachhaltigen Fortführung und

Weiterentwicklung ihrer Projekte, die über Drittmittel zu finanzieren waren.

Die Schwerpunkte der Forschung lassen sich in den Tagungsprogrammen

der DGVS seit 1950 ablesen. Das Spektrum der Themen nahm rasch zu, die Ergebnisse

der Grundlagenforschung spielten eine zunehmende Rolle, neue Untersuchungsmethoden

führten mit einer eigenen Dynamik zu einem neuen Verständnis

pathophysiologischer Abläufe, zu einem neuen Krankheitsverständnis und

zur Neudefinition mancher Krankheitsbegriffe. Mit einer Vielzahl von Einzelthemen

wurden die Tagungen der DGVS parallel dazu inhaltlich umfangreicher.

47 Schnalke Th. Norbert Henning

und die Entwicklung der modernen

Gastroskopie. In: Meilensteine

der Endosokpie. (Schriften

der Internationalen Nitze-Leiter

Forschungsgesellschaft, Band 2.)

Wien.2000; 273 – 288.

48 Henning, N. Eine neue Apparatur

zur endoskopischen Photographie

der Magenschleimhaut. Arch

Verdauungskr 1931; 49: 28 – 33.

49 Henning N. Erfahrungen

mit dem flexiblen Gastroskop

nach Wolf-Schindler. Münch

Med Wochenschr 1932; 79:

1269 – 1270.

50 Ebd.; 1270.

51 Henning N, Schatzki R. Gastroskopisches

und röntgenologisches

Bild der Gastritis ulcerosa.

Fortschr Geb Röntgenstr 1933; 48:

177 – 185.

52 Schatzki SC. Richard Schatzki,

M.D., A Biography. Am J Roentgenol

1988; 150: 508 – 509.

53 Henning N. Die Entzündung

des Magens. Leipzig 1934.

54 Ebd.; V (Vorwort).

Verstetigung und Wachstum der Gesellschaft

ab den 1970er Jahren

Abgesehen von der Facharztdebatte war die DGVS in den ersten Nachkriegsjahrzehnten

in erster Linie eine wissenschaftliche Tagungsgesellschaft. Seit Mitte der

1950er Jahre bewegten sich die Mitgliederzahlen der Gesellschaft etwa um 370.

Der alltägliche Verwaltungsbetrieb konnte im Ehrenamt bewältigt werden, weswegen

Meinhard Classen, ab 1974 Nachfolger von Ulrich Ritter und Gustav Adolf

Martini im Amt des Ständigen Schriftführers der DGVS, noch seine Halbtagssekretärin

mit der Verwaltung der DGVS beauftragte. Mit der Amtszeit Classens begann

jedoch das ständige Wachstum der Gesellschaft. So wurden erstmals mehr als 400

◀ Vom 28. bis zum 30. September

– traditionell im Herbst – fand im

Jahr 1950 die erste DGVS-Jahrestagung

nach dem Zweiten Weltkrieg

statt. Sie wurde in Bad Kissingen

abgehalten. Noch war es eine

gemeinsame Tagung der Gastroenterologen

aus Ost- und Westdeutschland.

72


55 Hagel KH. Personalbibliographie

von Professoren und Dozenten

der Medizinischen Klinik und

Poliklinik der Universität Erlangen-Nürnberg

im ungefähren Zeitraum

1900 – 1965 [Dissertation].

Erlangen 1968;; 52 – 68, hier 68.

56 Heinkel K, Schmid E. Henning;

458.

57 Ebd.; 459.

58 Classen M, Henning H, Hg. 20

Jahre gastroenterologische Endoskopie

1967 – 1987. Gräfelfing

1990; 7 – 8.

59 Ottenjann R. Bericht über den

Weltkongress für Gastroenterologie

vom 13. bis 19. Mai 1962 in

München. Ztschr Ernährungswissenschaft

1962; 3: 122 – 132.

60 Norpoth L. Norbert Henning

65 Jahre alt; 1358.

61 Henning N. Eröffnungsansprache

zur 18. Tagung, Bad

Homburg, 3. – 5. Oktober 1955.

In: Classen M, Hg. Tagungen der

Deutschen Gesellschaft; 115 – 117,

hier 117.

62 Zeitzeugengespräch Wolfgang

F. Caspary, 13.2.12013.

63 DGVS Archiv: Bestand Fusion

DGGE /DGVS.

Mitglieder registriert. Seit Beginn der 1970er Jahre fanden jährliche Tagungen

statt, die Präsenz der Gesellschaft in der Fachwelt wurde gesteigert.62

Die Glasfasertechnik führte zum Routineeinsatz zunächst der Ösophago-Gastro-Duodenoskopie

einschließlich der Biopsie, seit Beginn der 1970er Jahre

gefolgt von ERCP und Koloskopie. Zusätzlich zur diagnostischen Endoskopie entwickelten

sich interventionelle Verfahren wie Polypektomie, Behandlung von

Ösophagusvarizen, endoskopische Blutstillung und Papillotomie einschließlich

Konkremententfernung aus den Gallengängen. Die Instrumentarien wurden stetig

mit einer großen Dynamik weiterentwickelt. Die Einführung dieser neuen endoskopischen

Techniken gelang in Deutschland relativ früh und die wissenschaftlichen

Beiträge zur klinischen Anwendung der Endoskopie aus deutschen Kliniken

und Universitäten erreichten sehr rasch ein international hohes wissenschaftliches

Niveau. Diese Entwicklung stellte die DGVS allerdings auch vor große Herausforderungen.

Beginn der Professionalisierung der DGVS

Ende der 1960er Jahre flammte in der Gastroenterologie eine Diskussion auf, wie

sie Ismar Boas am Ende des 19. Jahrhunderts auch für die Innere Medizin angestoßen

hatte. Ging es damals um die Etablierung der Gastroenterologie als eigenständige

Disziplin, so gab es nun darüber Auseinandersetzungen, inwieweit die Spezialgebiete

der Gastroenterologie, die sich inzwischen herausgebildet hatten, als

eigenständige Disziplinen angesehen werden müssten. Für die DGVS bedeutete

dies, dass die Gesellschaft mit Emanzipationsbestrebungen verschiedener Teilgebiete

konfrontiert wurde. Den Ausgangspunkt bildete die Endoskopie. Schon lange

galt sie für die Diagnose und Therapie von Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

als unverzichtbar, doch war das Verhältnis zwischen klinischen

Gastroenterologen und Endoskopikern keineswegs immer harmonisch. Immer

wieder gab es Spannungen, die sich in der Hauptsache auf einen klassischen Gegensatz

innerhalb der Medizin zurückführen ließen: So verstanden sich die Gastroenterologen

als akademische Vertreter der Inneren Medizin, während sie die

manipulativen Techniken der Endoskopiker einer handwerklichen Tradition zurechneten.63

Diese Spannungen ließen sich auch auf institutioneller Ebene nachvollziehen.

So organisierten sich die Endoskopiker zur besseren Verfolgung ihrer speziel-

Kapitel 4

▶ Hans Wilhelm Bansi war während

des Krieges »Beratender

Internist« der Wehrmacht. Nach

1945 prägte er die westdeutsche

Gastroenterologie maßgeblich, er

war Schriftführer und Tagungspräsident

der DGVS. Zudem setzte

er sich für die Wiedereinführung

der Facharztbezeichnung in den

1960er Jahren ein.

73


64 Zeitzeugengespräch Meinhard

Classen, 18.12.2012.

len Interessen seit 1967 in der von Norbert Henning in Wiesbaden gegründeten

»Deutschen Gesellschaft für gastroenterologische Endoskopie (DGGE)«, die eine

nationale Sektion der »Organisation Mondial d’Endoscopie Digestive« war. Im

gleichen Jahr gründete Ludwig Demling die »Deutsche Gesellschaft für Endoskopie

und Bildgebende Verfahren« (heute dge-bv). Die Unabhängigkeit und die Bemühungen

um Anerkennung und Abgrenzung ließen sich ab 1970 auch auf den

Tagungen der DGVS beobachten. Die Endoskopiker begannen, sich in eigenen Vortragssälen

zu versammeln, um Themen, die sie besonders interessierten, besprechen

zu können.64 Für die DGVS galt es in jenen Jahren daher, eine Abspaltung und

vollständige Trennung der Endoskopie von der Gastroenterologie zu verhindern.65

So versuchte der Ständige Schriftführer der DGVS, Meinhard Classen –

selbst ein führender Endoskopiker – seit seiner Amtsübernahme, die DGGE wieder

enger an die DGVS zu binden. Diese Bestrebung gelang und fand ihren Abschluss

1987, als die DGGE unter dem Namen »Sektion Endoskopie« in die DGVS reintegriert

wurde. Mit der Schaffung der »Sektion Endoskopie« wurde der Disziplin die

Bedeutung zuerkannt, die ihr klinisch und wissenschaftlich zukam. Die Gesellschaft

hatte die für sie bedrohliche Spaltung abgewandt und die Endoskopie hatte

ihre Heimat in der DGVS wiedergefunden.66

Neben der Reintegration der Endoskopiker gab es Bestrebungen seitens der

DGVS, andere medizinische Disziplinen enger an die Gesellschaft zu binden. Mitte

der 1970er Jahre beschlossen der Vorstand und der Beirat, die Chirurgen inhaltlich

und organisatorisch besser zu integrieren. Dieser Schritt gelang in erster Linie

über eine stärkere Beteiligung von Chirurgen an der Gesellschaftsarbeit und an

den Kongressen.67 So wurden in den folgenden Jahren verschiedene Chirurgen

Kongresspräsidenten, etwa Christian Herfahrt 1988 anlässlich der 43. Tagung oder

Hans Günther Beger 1994 in Ulm – womit eine alte Tradition der DGVS, gemeinsame

Tagungen mit anderen Fachgesellschaften zu veranstalten, fortgeführt wurde.

Aber auch indem die verschiedenen Schwerpunkte, die Chirurgie, die Onkologie

oder die Hepatologie, angemessen im Selektionskomitee für die Tagungsvorträge

vertreten waren, wurde für deren bessere Integration in die Gesellschaft gesorgt.68

Ebenso wurde auf eine angemessene Repräsentation der niedergelassenen Gastroenterologen

in diesem Zusammenhang geachtet.

Die DGVS bemühte sich ferner um die Integration der sich differenzierenden

Spezialisierungsgebiete durch die Etablierung von Arbeitsgruppen, die Anfang

65 Zeitzeugengespräch Wolfgang

Gerok, 30.11.2012.

66 Zeitzeugengespräch Markus

Lerch, 11.12.2012.

67 Zeitzeugengespräch Wolfgang

F. Caspary, 13.2.2013.

68 DGVS Archiv: Protokoll Vorstandssitzung,

20.4.1993. Protokoll

Vorstandssitzung, 28.4.1992.

◀ Mit der Satzung von 1952 gibt

sich die Gesellschaft eine neue

Struktur, beispielsweise wird das

Amt des Generalsekretärs abgeschafft,

stattdessen übernimmt

der Schriftführer die Leitung der

Gesellschaft.

74


69 DGVS Archiv: Protokoll Vorstandssitzung,

8.2.1979.

70 Ebd.

71 DGVS Archiv: Protokoll Mitgliederversammlung,

9.9.1983.

der 1980er Jahre auf den Tagungen nach und nach institutionalisiert wurden.69

Hierzu zählten etwa die »Arbeitsgruppe für Gastroenterologische Immunologie«

(1979)70, die »Arbeitsgruppe für Hepatologie« (1983)71 sowie weitere ständige Arbeitsgemeinschaften

und Arbeitskreise wie der »Arbeitskreis gastrointestinale

Motilität« (1981), der sich jedoch später verselbständigte und heute als »DGNM«

firmiert, oder wie die »AGIO«, die »Arbeitsgemeinschaft Gastrointestinale Onkologie«.

Insgesamt gesehen ging die Strategie der DGVS auf. So setzte sie zunehmend

auch in anderen Bereichen, die sich von der Pankreasforschung über die Ernährungsmedizin

bis hin zur Sonografie erstreckten, auf interne Arbeitsgemeinschaften,

um einer fachmedizinischen Schwerpunktsetzung stets einen gas troenterologischen

Bezugspunkt zu liefern.

Mit den verschiedenen Arbeitsgruppen und -gemeinschaften verdeutlichte

die DGVS ihr neues Selbstverständnis: Vom Tagungsverein war sie zu einer wissenschaftlichen

Gesellschaft geworden, die aktiv um die Deutungshoheit und die

Forschungsschwerpunkte innerhalb der Medizin kämpft. Die Ausdifferenzierung

unter dem Dach der Gesellschaft zeigt, dass das Stoffwechselsystem bei einer

Vielzahl von Krankheiten eine Rolle spielt.

Die neue Strategie und das neue Selbstbewusstsein machte sich auch bei

den Mitgliederzahlen bemerkbar, bis Anfang der 1980er Jahre verdoppelte sich

die Mitgliederzahl auf mehr als 800.

Kapitel 4

75


Vom Archiv für Verdauungskrankheiten

bis zur Zeitschrift

für Gastroenterologie

»Die Begründung und der weitere Ausbau der funktionellen Methodik durch eine

große Reihe deutscher und ausländischer Forscher in der Magenpathologie […]

legten mir den Gedanken nahe, ein Zentralorgan für die Forschungen auf dem Gebiete

der Verdauungskrankheiten zu schaffen. Ich setzte mich im Jahre 1895 mit

führenden Männern auf diesem Gebiete in Verbindung und lud sie zur Mitarbeit

bzw. zur Mitherausgeberschaft ein. Die meisten sagten zu, einige wenige, darunter

Leube, Kußmaul, und, was mir besonders schmerzlich war, mein Lehrer Ewald

lehnten ab«1, so Ismar Boas in seiner Autobiografie. Das erste Heft des Archivs für

Verdauungskrankheiten mit Einschluß der Stoffwechselpathologie und Diätetik

(»Boas Archiv«) erschien im Frühjahr 1896 im Verlag von Samuel Karger, Berlin.

Die Zeitschrift war anfänglich umstritten, zumal eine Zersplitterung der Fachliteratur

und eine erneute »Abspaltung« in der Inneren Medizin befürchtet wurden.2

Carl A. Ewald kritisierte die neue Fachzeitschrift heftig und prophezeite ihr ein

baldiges Ende.3 Zu den ersten Mitherausgebern gehörten 1896 Wilhelm Fleiner

(Heidelberg), Joseph von Mering (Halle), Friedrich von Müller (Marburg), Carl von

Noorden (Frankfurt am Main), Leopold Oser (Wien), Franz Penzoldt (Erlangen),

Fritz Riegel (Gießen), Samuel S. Rosenstein (Leyden), Julius Schreiber (Königsberg)

und Berthold Stiller (Budapest).4 Sie alle waren führende Internisten der

Universitätskliniken, die sich zu jenem frühen Zeitpunkt mit Verdauungs- und

Stoffwechselkrankheiten beschäftigt und dazu teilweise monografisch publiziert

hatten. 1901 kamen Max Einhorn (New York), John C. Hemmeter (Baltimore), Her-

◀ 1896 publizierte Ismar Boas

die erste Ausgabe des Archivs für

Verdauungskrankheiten mit Einschluss

der Stoffwechselpathologie

und der Diätetik.

76


1 Boas I. Autoergographie. In:

Grote LR, Hg. Die Medizin der

Gegenwart in Selbstdarstellungen.

Band 7. Leipzig 1928; 84.

2 Ebd.; 85.

3 Ewald CA. Kritiken und Referate.

Berl Klin Wochenschr 1895;

32: 573.

4 Archiv f Verdauungskr 1896: 1;

Titelseite.

5 Archiv f Verdauungskr 1901: 7;

Titelseite.

6 Boas. Autoergographie; 85.

7 Boas I. Einleitung zum XV. Band.

Arch f Verdauungskr 1909; XV.

8 Boas. Autoergographie; 85.

9 Ebd.; 85 – 86.

10 Boas I. Geleitwort zum 50.

Bande. Arch f Verdauungskr 1931;

50: 1 – 5.

11 Ebd.; 4.

12 Ebd.; 4 – 5.

▶ Ismar Boas blieb bis 1934

Schriftleiter des Archivs, dann trat

das Schriftleitergesetz der Nationalsozialisten

in Kraft: Wegen

seiner jüdischen Herkunft musste

Boas von seinem Amt zurücktreten.

Hier die erste Ausgabe ohne

Boas als Schriftleiter.

▶▶ Das Archiv erschien im Berliner

Karger Verlag. 1937 verlässt

die Familie Karger samt Verlag

Deutschland. Neuer Firmensitz

wird Basel in der Schweiz. 1938

erscheint schon in Basel mit dem

63. Band die letzte Ausgabe der

Zeitschrift unter dem Titel Archiv

für Verdauungskrankheiten, Stoffwechselpathologie

und Diätetik.

▶▶▶ Im September 1938 erscheint

das erste Heft der neu gegründeten

Deutschen Zeitschrift für

Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

einschließlich Theorie

und Praxis der Krankenernährung.

Herausgeber waren der Internist

Max Bürger und der Kinderkliniker

Werner Catel.

mann Nothnagel (Wien) und Ottomar Rosenbach (Berlin) als Mitherausgeber hinzu.5

Dieser Kreis wurde wiederum 1910 um Iwan Pawlow (St. Petersburg), Georg

Kelling (Dresden), Friedrich Martius (Rostock), Albert Mathieu (Paris), Oscar Minkowski

(Greifswald/ Breslau) und Hermann Strauß (Berlin) erweitert. Das Gremium

war von Boas bewusst international zusammengesetzt worden.

Ziel des Fachorgans war die Publikation von Originalbeiträgen neben ausführlichen

Referaten der weltweit erschienenen Fachliteratur, um das vorhandene

Wissen in dem neuen Fachgebiet der Gastroenterologie einschließlich der

Stoffwechselerkrankungen verfügbar zu machen. Boas nannte das Archiv »Quellund

Zentralorgan für die in- und ausländische Literatur«6. An anderer Stelle bezeichnete

er es als »wertvolles Nachschlagewerk für alle diejenigen, welche sich

über die Fortschritte auf diesem Gebiete der Wissenschaft zu informieren den

Wunsch haben«7. Besonders Boas’ Berliner Mitarbeiter Paul Cohnheim, Hans Elsner

und Hans Ury haben über viele Jahre unzählige Literaturreferate verfasst,

Boas selbst hat zudem ungezählte Beiträge, Buchbesprechungen und Literaturberichte

geschrieben.8 Das Archiv entwickelte sich nach kurzer Zeit zu dem führenden

und international anerkannten Publikationsorgan der Gastroenterologie. Bei

allem Erfolg der Zeitschrift hat Boas jedoch immer wieder zur Kritik, Selbstkritik

und Erneuerung aufgefordert, die »Hypertrophie der Veröffentlichungen«9 benannt,

Bescheidenheit, richtige Fragestellungen und methodisch exaktes Vorgehen

angemahnt. In seinem Geleitwort zum 50. Band der Zeitschrift sprach er 1931

nicht ohne Stolz von der »Lebenszähigkeit«10 des Archivs. Die verstärkte Berücksichtigung

der Stoffwechselerkrankungen wurde geplant; als Zeichen dafür hieß

die Zeitschrift seit 1931 Archiv für Verdauungskrankheiten, Stoffwechselpathologie

und Diätetik.11 Außerdem sollte die Einbeziehung der Abdominalchirurgen Wilhelm

Anschütz, Paul Clairmont, Hans von Haberer und Victor Schmieden in den

Herausgeberkreis die wichtige Zusammenarbeit mit den Kollegen des Nachbarfaches

unterstreichen.12

Seit der Gründung des Archivs hatte Boas die alleinige Schriftleitung inne.

Das Schriftleitergesetz vom Oktober 1933, das Juden von der Schriftleitung der

Fachzeitschriften ausschloss, zwang Boas, sein Amt niederzulegen. Daher wurde

der Internist Paul Morawitz, der von Greifswald nach Leipzig gewechselt war, Anfang

1934 sein Nachfolger. Ohne auf die politischen Hintergründe einzugehen, hat

Morawitz Boas’ 38-jährige, unermüdliche Arbeit für die Zeitschrift mit eindrückli-

77


13 Schmidt C. Leben und Werk

von Paul Morawitz unter besonderer

Berücksichtigung seiner Leipziger

Tätigkeit als Ordinarius und

Direktor der Medizinischen Klinik

[Dissertation]. Leipzig 1999.

14 Morawitz P. Dem Begründer

des Archivs für Verdauungskrankheiten.

Arch f Verdauungskr 1934;

55: 1 – 2.

15 Deutsche Zeitschrift f Verdauungs

Stoffwechselkr 1938: 1.

16 Schultz U. Dichtkunst, Heilkunst,

Forschung: Der Kinderarzt

Werner Catel. In: Reform und

Gewissen »Euthanasie« im Dienst

des Fortschritts. (Beiträge zur

natio nalsozialistischen Gesundheits-

und Sozialpolitik, Band 2.)

Berlin 1985; 107 – 124.

chen Worten öffentlich und mit hohem Respekt gewürdigt – für die NS-Zeit eine

ungewöhnliche Geste.14 Nach Morawitz’ Tod 1936 übernahmen Norbert Henning

(Leipzig), Alfred Luger (Wien) und Rudolf Staehelin (Basel) die Schriftleitung.

1937 / 38 emigrierte die Verlegerfamilie Karger wegen der antisemitischen Repressalien

der Nationalsozialisten in die Schweiz; in diesem Jahr wurde das bisherige

Archiv in Gastroenterologia umbenannt.

Die Deutsche Zeitschrift für Verdauungs- und

Stoffwechselkrankheiten seit 1938

Im September 1938 wurde das erste Heft der neu gegründeten Deutschen Zeitschrift

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten einschließlich Theorie und Praxis der

Krankenernährung veröffentlicht; Herausgeber waren der Internist Max Bürger

und der Kinderkliniker Werner Catel aus Leipzig.15 Während das Archiv bewusst

international ausgerichtet war, wurde im Titel der neuen Zeitschrift der nationale

Charakter betont. Nach 1945 wurde bekannt, dass Werner Catel tief im NS-Staat

verstrickt war und als einer der drei Gutachter des »Reichsausschusses zur Erfassung

erb- und anlagebedingter schwerer Leiden für die Ermordung behinderter

Kinder« Verantwortung trug.16

Die Deutsche Zeitschrift für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten wurde

nach dem Zweiten Weltkrieg 1949 von Max Bürger fortgeführt und nach der Unterbrechung

durch den Krieg erneut herausgegeben. Zu dem Mitarbeiterkreis gehörten

unter anderem Hans W. Bansi und Hans H. Berg (Hamburg), Heinrich Bredt

(Leipzig), Norbert Henning (Fürth), Nicola G. Markoff (Chur) und Jan Waldenström

(Malmö).17 Mit der Gründung der selbständigen Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR 1965 wurde die Zeitschrift deren offizielles Organ. Das Fachblatt

erschien unter dem alten Titel bis 1988 und wurde von 1989 bis 1991 als Gastroenterologisches

Journal unter der Chefredaktion von Klaus-Ulrich Schentke (Dresden)

fortgesetzt.18

Gastroenterologia 1939 – 1967

»Der neue Titel, unter dem der 64. Band des Boasschen Archivs erscheint, soll zum

Ausdruck bringen, dass die gegenwärtigen Herausgeber den internationalen Charakter

des Archivs stärker betonen möchten. Schon der verdiente Gründer des

Archivs, I. Boas, hat auf die Berücksichtigung des internationalen Schrifttums von

17 Deutsche Zeitschrift f Verdauungs-

und Stoffwechselkr,

Sonderband (Verhandlungen

der Deutschen Gesellschaft für

Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten,

XV. Tagung in Bad

Kissingen, 28. – 30. September

1950). Leipzig 1952. Vgl. Petersen

HCh, Zankel S. Werner Catel - ein

Protagonist der »Kindereuthanasie«

und seine Nachkriegskarriere.

Med hist J 2003; 38: 139 – 173.

18 Teichmann W. Zum 25jährigen

Bestehen der Gesellschaft für

Gastroenterologie der DDR, IV,

Geschichte der Gesellschaft für

Gastroenterologie der DDR. Gastroenterol

J 1990; 50 (4): 157 – 162.

◀◀◀ Das Archiv erschien ab Herbst

1938 (Vol. 64) als Gastroenterologia

und hatte einen betont internationalen

Charakter, der sich

auch im englischen und französischen

Titel widerspiegelt: Journal

international de Gastroenterologie

/ International Journal of Gastroenterology.

◀◀ Mit Band 8 von 1944 erschien

die vorerst letzte Ausgabe der

Deutschen Zeitschrift für Verdauungs-

und Stoffwechselkrankheiten.

Wegen des Kriegsverlaufs

wurde das Erscheinen eingestellt.

◀ Stolz eröffnete Max Bürger im

Februar 1949 nach kriegsbedingter

Pause den 9. Band der Deutschen

Zeitschrift für Verdauungs- und

Stoffwechselkrankheiten: »Daß

diese Möglichkeit durch die Lizenzerteilung

wieder geschaffen wurde,

danken wir dem verständnisvollen

Eingehen der entsprechenden Verwaltungsstellen

der Sowjetischen

Militäradministration.«

78


19 Vorwort, ohne Verfasser. Gastroenterologia

1939; 64: ohne Seite.

20 Michaud L. Rudolf Staehelin.

28. August 1875 – 26. März

1943. Gastroenterologia 1943; 68:

1 – 4. Vgl. Löffler W. Necrologia,

Rudolf Staehelin zum Andenken.

1875 – 1943. Cardiologia 1943; 6:

335 – 336.

21 Gastroenterologia 1939; 64

(Titelseite).

22 Gastroenterologia 1947; 72

(Titelseite).

23 Gastroenterologia 1955; 84

(Titelseite).

24 Gastroenterologia 1958; 89

(Titelseite).

25 Kleeberg J. Zur 100. Wiederkehr

des Geburtsjahres von Professor

Dr. I. Boas (Berlin). Gastroenterologia

1958; 89: 359 – 363.

Avery H. Tribute to Ismar Boas

(1858 – 1958). Gastroenterologia

1958; 90: 49 – 53.

26 The Editors and the Publishers.

Introduction. Digestion 1968; 1: 1.

Vgl. Karger Th. Publisher’s note.

Digestion 1996; 57: 286.

27 Digestion 1968; 1 (Titelseite).

28 Henning N. Zur Einführung. Z

Gastroenterol 1963; 1: 4.

▶ Der Plan, die Deutschen Zeitschrift

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

trotz der

Teilung Deutschlands als Zentralorgan

aller deutschen Gastroenterologen

zu erhalten, scheitert.

1963 hebt Norbert Henning für

Westdeutschland die Zeitschrift

für Gastroenterologie aus der

Taufe.

▶▶ Das ehemalige Archiv bzw.

die Gastroenterologia erscheint ab

1968 unter dem Titel Digestion.

International Journal of Gastroenterology

in englischer Sprache. Die

Zählung der Bände beginnt wieder

bei 1.

▶▶▶ Mit der Gründung der Gesellschaft

für Gastroenterologie der

DDR wurde die Deutsche Zeitschrift

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

offizielles

Organ der Gesellschaft.

Anfang an großen Wert gelegt«, so betonten die Herausgeber der ersten Schweizer

Ausgabe des Archivs.19 Das Blatt sollte Arbeiten in englischer und französischer

Sprache aufnehmen. Rudolf Staehelin20 (Basel), prägte als »Redactor« die Zeitschrift

bis zu seinem Tod 1943. Danach übernahmen Arthur Hurst (London) und

Wilhelm Löffler (Zürich) diese Funktion. Zu den Mitherausgebern gehörten neben

Ǻke Ǻkerlund (Stockholm), Max Einhorn (New York), Knud Faber (Kopenhagen),

Albert Abraham Hijmans van den Bergh (Utrecht), Julius Kleeberg (Jerusalem),

Hugo Salomon (Buenos Aires), Hermann Strauß (Berlin), der bis 1942 im Berliner

Jüdischen Krankenhaus tätig sein konnte, und schließlich Walter Zweig, der von

Wien nach London emigriert war.21 Weitere Mitherausgeber waren Julius Friedenwald

(Baltimore) und Nana Svartz (Stockholm). Die Zeitschrift war offi zielles

Organ der Schweizerischen Gesellschaft für Gastroenterologie und seit 1947 auch

Organ der British Society of Gastroenterologists. Daher wurde der Untertitel dreisprachig

geführt: International Review of Gastroenterology / Revue internationale

de Gastroentérologie / Internationale Zeitschrift für Gastroenterologie.22 Die

Beteiligung Norbert Hennings an der Schriftleitung von Gastroenterologia 1955

war Ausdruck der Wiederaufnahme deutscher Mediziner in die wissenschaftliche

Gemeinschaft; gleichzeitig wurden Hans Heinrich Berg, Gerhardt Katsch, Heinz

Kalk und Leo Norpoth Mitherausgeber der Zeitschrift.23 Gastroenterologia wurde

1958 offizielles Organ der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.24

Es war mehr als ein »Zufall«, dass im gleichen Jahr in der Zeitschrift

mit den Beiträgen von Julius Kleeberg und Thomas Avery an den 100. Geburtstag

von Ismar Boas erinnert wurde.25

Die englische Sprache war für die Kommunikation in der wissenschaftlichen

Gemeinschaft zunehmend bestimmend. Seit 1968 wurde die bisher dreisprachige

Gastroenterologia als Digestion, International Journal of Gastroenterology

in englischer Sprache fortgeführt.26 Ludwig Demling (Erlangen) gehörte 1968 als

erster deutscher Vertreter neben Michel Demole, Hermann Kapp und René Lambert

dem internationalen Herausgebergremium an.27 Später prägte Werner

Creutzfeldt (Göttingen) die Zeitschrift mit.

Zeitschrift für Gastroenterologie seit 1963

Die Initiativen Norbert Hennings führten 1963 zur Gründung der Zeitschrift für

Gastroenterologie.28 Der Mauerbau 1961 hatte die Verbindungen zur DDR und zur

79


29 Vgl. Matakas F. Der Facharzt

für Gastroenterologie (Mitteilungen

des Verbandes Deutscher

Gastroenterologen). Gastroenterologia

1962; 98: 399 – 402. Vgl.

Kaufmann W. Warum erstreben

wir praktizierenden Gastroenterologen

die Wiedereinführung

unseres Facharzttitels und auch

eine wissenschaftliche Gesellschaft

nur für Gastroenterologie. (Mitteilungen

des Verbandes Deutscher

Gastroenterologen). Gastroenterologia

1962; 98: 396 – 398.

30 Henning N. Zur Einführung. Z

Gastroenterol 1963; 1: 4.

31 Z Gastroenterol 1963; 1 (Titelseite).

Deutschen Zeitschrift für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten vollständig

unterbrochen. Die westdeutschen Wissenschaftler waren bestrebt, ihre Forschungsentwicklung,

neben der in der Schweiz erscheinenden stark international

ausgerichteten Gastroenterologia, sichtbar zu machen und das Profil der Gastroenterologie

in der BRD zu schärfen. Das Fach befand sich zwischen 1950 und 1968

durch die Abschaffung des Facharztes für Magen- und Darmkrankheiten 1949 in

einer komplizierten Situation; ein abnehmendes Interesse an dem Fach Gastroenterologie

verbunden mit einem Mangel gut ausgebildeten Nachwuchses wurde

befürchtet. Die Mitgliederzahlen der DGVS stagnierten bis 1970. Der Verband Deutscher

Gastroenterologen kämpfte seit Ende der 1950er Jahre um die Wiedereinführung

des Facharztes für Gastroenterologie.29

In diesem Kontext erfolgte die Neugründung der Zeitschrift durch Norbert

Henning als Herausgeber; seine beiden Erlanger Mitarbeiter, Klaus Heinkel und

Harald Schoen, übernahmen die Schriftleitung. Das Fachblatt sollte »Zentrum eines

Gedankenaustausches für die forschend und praktisch tätigen Gastroenterologen«

sein und ermöglichen, »mit den Forschergruppen anderer Länder wieder

in friedlichen Wettstreit zu treten«.30 Die Zeitschrift wurde anfänglich wesentlich

durch den Erlanger Kreis um Henning getragen. Dem ersten Redaktionskomitee

gehörten neben den Pathologen Kurt Elster und Siegfried Witte (Erlangen) der

Chirurg Ludwig Zuckschwerdt (Hamburg) sowie Gustav Adolf Martini (Hamburg/

Marburg) an.31 Die Zeitschrift war offizielles Organ der DGVS sowie der Österreichischen

und Ungarischen Gesellschaft für Gastroenterologie. Henning folgten

als Herausgeber Georg Strohmeyer, Wolfgang F. Caspary, Guido Adler und derzeitig

Thomas Seufferlein.

2013 kann die Zeitschrift für Gastroenterologie (ZfG) auf ihr 50-jähriges Bestehen

zurückblicken – ein Zeitraum, in dem sie sich als moderne Fachzeitschrift fest

etabliert hat und in dem sie in den relevanten Datenbanken gelistet wird. Wie der

gegenwärtige Herausgeber betont, will die Zeitschrift als Organ der Fachgesellschaft

»wissenschaftlich interessante Beiträge aus dem gesamten Spektrum der

Gastroenterologie veröffentlichen, aber auch Forum für alle Gastroenterologen im

deutschsprachigen Raum sein. Die ZfG will jungen Gastroenterologen ermöglichen,

ihre erste Originalarbeit oder Kasuistik in einer wissenschaftlichen Zeitschrift

zu publizieren und viele namhafte Gastroenterologen sind diesen Weg gegangen.

Dieses Ziel lässt sich aber nicht mit einer vorrangigen Maximierung des

◀◀ Mit Band 48 (1988) erschien

der letzte Band der Deutschen

Zeitschrift für Verdauungs- und

Stoffwechselkrankheiten.

◀ Die ehemalige Deutsche Zeitschrift

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

erschien von

nun an als Gastroenterologisches

Journal. Die Zeitschrift blieb allerdings

das Organ der Gesellschaft

für Gastroenterologie der DDR,

auch behielten die Herausgeber

die Nummerierung der Bände

bei. Nach der Wiedervereinigung

wurde das Journal 1991 eingestellt.

80


32 Seufferlein Th. 50 Jahre ZfG. Z

Gastroenterol 2013; 51: 339 – 340.

33 Ebd.; 339.

Impactfaktors vereinbaren«.32 Die Publikation von Leitlinien im Rahmen der

Qualitätssicherung stellt eine weitere Aufgabe der ZfG dar, die zudem eine Plattform

für Diskussionen um den Paradigmenwechsel in der Medizin und um berufspolitische

Problemstellungen bieten möchte.33

Eine 2011 geschlossene Vereinbarung zwischen dem Thieme Verlag, Stuttgart,

und der DGVS hat nicht nur die Zusammenarbeit für die nächsten 20 Jahre

geregelt, sondern auch eine Miteignerschaft der DGVS an der ZfG ermöglicht. Die

Geschichte vom Boas Archiv bis zur Zeitschrift für Gastroenterologie stellt auf eindrückliche

Weise ein Spiegelbild der wissenschaftlichen Entwicklung des Fachgebietes

und des zeitgeschichtlichen Kontextes dar.

▶ Die Zeitschrift für Gastroenterologie

änderte ihr Layout mehrfach,

hier das aktuelle Erscheinungsbild.

Die Zeitschrift erscheint im Thieme

Verlag.

81


82


1 Ernst AS. »Die beste Prophylaxe

ist der Sozialismus«, Ärzte und

medizinische Hochschullehrer in

der SBZ / DDR 1945 – 1961. Münster

1997; 339.

2 Jessen R. Akademische Elite und

kommunistische Diktatur, Die ostdeutsche

Hochschullehrerschaft

in der Ulbricht-Ära. Göttingen

1999; 13.

Die Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR

Kapitel 5

▶ Gründung der Deutschen Demokratischen

Republik am 7.10.1949.

Im Gebäude der Deutschen Wirtschaftskommission

in Berlin fand

am 7.10.1949 die 9. Tagung des

Deutschen Volksrates statt, auf der

die DDR gegründet wurde.

▶▶ Seit dem Beginn der 1950er

Jahre flohen hunderttausende

DDR-Bürger in den Westen.

Ihr Fluchtweg führte meist über

Berlin, da dort die Grenze relativ

einfach zu überwinden war. In der

Nacht vom 12. auf den 13. August

1961 begannen Grenztruppen der

DDR mit den Vorbereitungen für

den Bau der Berliner Mauer.

Nach 1945 war die Situation in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und ab

1949 in der DDR durch begrenzte Ressourcen, Mangel an Material und Personalknappheit

gekennzeichnet. Diese Tatsachen, besonders der Ärztemangel und

die dramatischen gesundheitlichen Nachkriegsprobleme, zwangen die Sowjetische

Militäradministration (SMAD) und die deutschen Organe der Gesundheitsverwaltung

bei der Reorganisation, bei den ursprünglich geplanten grundlegenden

Veränderungen des Gesundheitswesens sowie bei der Entnazifizierung

Kompromisse zu machen. Um Ärzte für die Gesundheitsversorgung in der SBZ zu

halten, wurden Notlösungen und Ausnahmeregelungen getroffen.1 Administration

und Partei waren auf Fachkräfte und Expertenwissen angewiesen. Kompetente

Ärzte wurden für den Wiederaufbau und den Aufbau einer neuen Gesellschaft

dringend gebraucht. Wie der Historiker Ralph Jessen bemerkt, war der von der

SED intendierte Wandlungsprozess »langwieriger und widersprüchlicher, als es

das Bild eines rücksichtslosen ›Sturms auf die Festung Wissenschaft‹ suggeriert.

In der Praxis überschnitt sich die totalitäre Gesellschaftspolitik der SED-Führung

nämlich immer wieder mit historischen Kontinuitäten, notgedrungenem Pragmatismus

und den unerwarteten Folgen diktatorischer Allmachtsansprüche.«2

Die wechselseitige Indienstnahme von Politik und Wissenschaft schuf gleichzeitig

Räume für die, durch die NS-Zeit belasteten, Wissenschaftler, Angebote des

Systems anzunehmen und so ihre Nachkriegskarrieren zu begründen.

40 Jahre nach Gründung der DDR, im Jahr 1989, verdrängte die Diskussion

um eine Aufarbeitung politischer Verwicklungen einzelner Personen beinahe jene

Leistungen, die die Mitglieder der Gesellschaft für Gastroenterologie in der DDR

unter schwierigen Rahmenbedingungen vor der Wiedervereinigung erbracht hat-

83


ten. Unter dem provozierenden Titel Westkongresse – Waschanlagen für belastete

DDR-Mediziner stellten Autoren wie Manfred Mörl und Julius Schoenemann den

vermeintlich unbedarften Umgang westdeutscher Medizinverbände mit Fachkollegen

aus der ehemaligen DDR zur Diskussion. Sie vertraten die Meinung, dass

viele erfolgreiche Karrieren im SED-Staat nicht allein auf Sachverstand und Fleiß

basierten, sondern erst durch linientreue Gefolgschaft in Gang gekommen seien.3

In diesem Kontext wurde nach ethischen, moralischen und fachlichen Tabubrüchen

gegenüber Kollegen und Patienten gefragt. Seit 1990 wurde versucht herauszufinden,

wer im SED-Staat Unrecht getan hatte oder wer durch die ungerechten

Verhältnisse begünstigt worden war. Fortan sollten nur fachliche Qualifikation

und persönliche Integrität die einzigen Voraussetzungen für Verantwortung in

Forschung und Lehre sein.

3 Mörl M, Schoenemann J, Theuer

D. Westkongresse – Waschanlagen

für belastete DDR-Mediziner? In:

Fortschritt der Medizin 1990: 108

(27); 18. Ferner: Bräutigam HH.

Waschanlagen für das Ansehen.

In: Die ZEIT, 12.10.1990.

4 Bürger M. Geleitwort Oktober

1948. Deutsche Zeitschrift f Verdauungs

Stoffwechselkr 1949:

9 (1 / 2).

Die Nachkriegszeit bis zum Mauerbau – Allgemeine Entwicklung

Für die medizinische Forschung war die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen

zunächst eher theoretischer Natur. In der Praxis wurde die Zusammenarbeit

– sofern diese im Chaos der direkten Nachkriegszeit überhaupt möglich

war – fortgesetzt. So wurden zahlreiche Fachartikel geschrieben und 1949

erschien die erste Nachkriegsausgabe der Deutschen Zeitschrift für Verdauungsund

Stoffwechselkrankheiten. Ziel der Zeitschrift, so definierte es ihr Herausgeber

Max Bürger, blieb der Austausch neuester Erkenntnisse auf dem Gebiet der Verdauungs-

und Stoffwechselerkrankungen, die aus allen medizinischen Fachrichtungen

gewonnen werden konnten. Zur Gründung 1938 und zur Vergangenheit

der Zeitschrift äußerte sich Bürger mit keinem Wort. In einem Halbsatz erwähnte

er anschließend, dass man mit dem Sammelorgan »die oft künstlich gezogenen

Grenzen [...] zu überbrücken« beabsichtige.4 Die »Brücke« funktionierte tatsächlich

über die Sektorengrenzen hinweg, und auch nach der Gründung der DDR im

Oktober 1949 als zweiter deutscher Staat hielt der Austausch zwischen Ost und

West weiter an. Indessen spitzte sich die politische Lage zu, der Korea-Krieg und

der Konflikt um die Westintegration der Bundesrepublik offenbarten einen immer

tiefer werdenden Riss zwischen den beiden Teilen. Zahlreiche Bürgerinnen

und Bürger der DDR flohen zuerst über die Sektorengrenze, später über Berlin in

den Westen. Bis 1961 verließen etwa 7.500 Ärztinnen und Ärzte das Gebiet der SBZ/

DDR, nahezu die Hälfte von ihnen nach 1954; in Relation zu den Fachleuten von

◀◀ + ◀ Nach dem Krieg wurden

in West- und Ostdeutschland,

ganz nach der Tradition der DGVS,

die gastroenterologischen Gesellschaften

weitergeführt, im Osten

zunächst in der Sektion Innere

Medizin der Gesellschaft für Klinische

Medizin der DDR. Hier

Beitragsmarken und eine Mitgliederkarte.

84


Kapitel 5

▶ 1948 führte Max Bürger in Leipzig

mit Band 9 die 1938 gegründete

Deutsche Zeitschrift für

Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

fort, die damals als

Ersatz für das Archiv gegründet

wurde. In den ersten Jahren nach

dem Krieg ist sie Forum der deutschen

Gastroenterologie, bis im

August 1961 die Teilung Deutschlands

mit dem Bau der Berliner

Mauer buchstäblich zementiert

wird.

85


5 Ernst AS. Die beste Prophylaxe

ist der Sozialismus; 54.

1946 war das mehr als die Hälfte des ärztlichen Personals.5 Diese Abwanderung

führte zu einer weiteren Verschärfung der ohnehin schlechten Situation des Gesundheitswesens.

»Von den 137.000 Krankenhaus-Betten der Vorkriegszeit waren

in der Sowjetischen Besatzungszone nur noch 60.000 vorhanden [...], von den

6.500 Ärzten Berlins waren noch etwa 2.500 tätig.«6 Die Situation in der Lehre war

ebenso dramatisch und wurde dadurch erschwert, dass im Zuge der Entnazifizierungsverfahren

bis 1948 medizinische Hochschullehrer suspendiert wurden; für

das Jahr 1947 betrug der Anteil der DDR-Medizin-Ordinarien mit Mitgliedschaften

in NS-Verbänden 37,6 Prozent, für 1952, nachdem zuvor freigestellte Wissenschaftler

wieder eingestellt worden waren, 48,6 Prozent.7 Kompromisse bei der Entnazifizierung

durch Einzelfallentscheidungen und Wiedereinstellungen sowie die Anwerbung

auswärtiger Hochschullehrer milderten den Mangel in gewissem Maße.8

Als am 13. August 1961 der Bau der Berliner Mauer begann, hatte das für die

in der DDR verbliebenen Wissenschaftler und Mediziner gravierende Folgen. Sie

wurden von der westlichen Hemisphäre isoliert, so dass Entwicklung und Weiterbildung

im Austausch mit den Kollegen jenseits der Grenzen unmöglich wurden.

Gerade für junge, ambitionierte DDR-Mediziner, die sich bis dahin noch nicht etabliert

hatten, bedeutete die Schließung der Grenzen eine tiefe Zäsur. Viele von ihnen

waren nicht gewillt, in die SED einzutreten und im Sinne des Einparteienstaates

politisch zu agieren – in der Regel eine Voraussetzung für eine akademische

Karriere.

Das einstige verbindende Fachorgan, die Deutsche Zeitschrift für Verdauungsund

Stoffwechselkrankheiten, blieb in der DDR, Verlag und Herausgeber waren in

Leipzig ansässig. Die westlichen Kollegen riefen eine eigene Fachzeitschrift ins

Leben und 1963 erschien in der Bundesrepublik die erste Ausgabe der Zeitschrift

für Gastroenterologie. In ihrem Vorwort betonte der Herausgeber Norbert Henning,

dass man »mit den Forschergruppen anderer Länder wieder in friedlichen Wettstreit«

treten wolle und »daß wir nicht mit irgendeinem anderen Blatt schädigend

konkurrieren [...]«.9

6 Schoenemann J. Chronik der

Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR. Stuttgart 2004; 3.

7 Ernst AS. Die beste Prophylaxe

ist der Sozialismus; 147.

8 Ernst AS. Die beste Prophylaxe

ist der Sozialismus; 148 – 170.

9 Henning, N. Zur Einführung.

Zeitschrift für Gastroenterologie

1963; 1: 4.

Fachgesellschaft

Die Forschung auf dem Gebiet der Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen

wurde in der jungen DDR wesentlich von Persönlichkeiten wie Gerhardt Katsch

(1887 – 1961), der 1952 Präsident der gesamtdeutschen DGVS war, und dessen

◀ 1965 gründete sich die Arbeitsgemeinschaft

für Gastroenterologie

und Ernährung, die im Juni

1969 einen neuen Namen erhielt:

Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR. Martin Gülzow war der

erste Präsident der Gesellschaft.

86


10 Schoenemann J. Chronik der

Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR; 8.

11 Classen M, Hg. Tagungen der

Deutschen Gesellschaft; 106.

12 Teichmann W. Zum 25jährigen

Bestehen; 157 – 162.

13 Ebd.; 160.

14 Schoenemann J. Chronik der

Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR; 12.

15 Schoenemann J. Chronik der

Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR; 12.

Greifswalder Schüler Martin Gülzow (1910 – 1976) geprägt. Obschon die höchsten

Stellen den Kontakt der DDR-Wissenschaftler zu den westlichen Fachgesellschaften

unterbinden wollten – viele von ihnen waren genötigt worden, ihren Austritt

zu erklären – mochte die Mehrheit sich damit nicht einfach abfinden und beschwor

den Verbleib in oder den Anschluss an die medizinischen Gesellschaften

der Bundesrepublik.10 Anlässlich der 16. Tagung der Deutschen Gesellschaft für

Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten fand Tagungspräsident Katsch folgende

Worte: »Über dem Eingang zu unserem Kongresslokal steht in großer Schrift

ein Willkommensgruß für die ›Gesamtdeutsche Tagung der Deutschen Gesellschaft

für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten‹. […] Diese Betonung des

gesamtdeutschen Charakters unserer Gesellschaft und unserer Tagung berührt

mich, wie wahrscheinlich viele oder die meisten von Ihnen. Denn gerade im gegenwärtigen

Zustand […] mit innerdeutschen Grenzen und herben Spannungen,

gibt es wenig gesamtdeutsche Einrichtungen, auch wenn die Zusammengehörigkeit

unseres Kreises in Arbeiten und Streben uns selbstverständlich ist und keiner

Betonung bedürfte.«11

Die Zusammenarbeit war bald nur noch sehr eingeschränkt möglich und

Gülzow initiierte im Januar 1964 einen Zusammenschluss von Ärzten, die sich im

Rahmen ihrer Tätigkeiten mit gastroenterologischen und ernährungswissenschaftlichen

Themen auseinandersetzten. Am 19. Mai 1965 gründete sich die Arbeitsgemeinschaft

für Gastroenterologie und Ernährung in der Rostocker Universitätsbibliothek,

die auf ihrer konstituierenden Sitzung 18 Mitglieder zählte.12 Bis

zum Ende des Jahres traten der Arbeitsgemeinschaft 124 Mitglieder bei. Im Juni

1969 erhielt die Arbeitsgemeinschaft den neuen Namen »Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR«. Zum ersten Präsidenten wählten die Mitglieder Martin Gülzow.

Die Gesellschaft bildete ein Forum für die Gastroenterologen in der DDR, organisierte

Tagungen und themenspezifische Symposien und orientierte sich mit

ihrer inhaltlichen Themenstellung an den internationalen Forschungstendenzen.

Innerhalb der Gesellschaft gründeten sich Arbeitsgruppen, wie die Arbeitsgemeinschaft

endoskopierender Gastroenterologen (1969). Nach dem Beschluss des

Gesundheitsministeriums der DDR zur Subspezialisierung 1974 erarbeitete die Gesellschaft

Entwürfe zum Abschnitt »Verdauungssystem« des Weiterbildungskataloges

für den Facharzt für Innere Medizin, zum Ausbildungsprogramm für die

Subspezialisierung Gastroenterologie sowie Empfehlungen für die Organisation

Kapitel 5

▶ Programm des 5. Gastroenterologen-Kongresses

im September

1973 in Leipzig. Die Leitung des

Kongresses oblag Hans Petzold.

Hauptthemen waren Gallenwegs-,

Pankreas- und Oesophaguserkrankungen.

▶▶ Der 8. Gastroenterologen-Kongress

fand vom 21. bis 23. April

1980 mit internationaler Beteiligung

in Dresden statt. Die Themen

waren: Dringliche Gastroenterologie,

entzündliche Pankreaserkrankungen

und Nuklearmedizin in der

Gastroenterologie.

87


16 Ebd.; 24.

17 Teichmann W. Zum 25jährigen

Bestehen; 160.

und Ausstattung gastroenterologischer Zentren und endoskopischer Funktionseinheiten.13

Fortbildungen für das Endoskopie-Fachpersonal standen ebenfalls

auf der Agenda der Gesellschaft.

Die DDR-Gesellschaft sah sich nicht als Gegenorganisation zur westdeutschen

DGVS. Martin Gülzow versuchte, den Kontakt mit der DGVS aufrecht zu erhalten,14

was am besten über den Besuch der westdeutschen Tagungen gelang.

Die Teilnahme von DDR-Gastroenterologen an den westdeutschen Tagungen wurde

vom Staat nur für »verlässliche« Personen, im Sinne der Parteilinie, unterstützt.

Trotz ihrer Isoliertheit zur westlichen Medizin erfuhr die Gesellschaft für

Gastroenterologie der DDR Anerkennung außerhalb der Staaten des Warschauer

Pakts. Sie trat den internationalen Dachverbänden bei, 1970 der »Weltorganisation

für Gastroenterologie« (OMGE) und 1972 der »Europäisch-Mediterranen Gesellschaft

für Gastroenterologie« (ASNEMGE). Die neue Gesellschaft stand, wie alle

anderen medizinischen Verbände und Institutionen der DDR, eben auch unter der

Einflussnahme von Staat und Partei.

Im Laufe der Zeit wuchs die Gesellschaft der DDR. Während der Mitgliederversammlung

1977 wurde beschlossen, anderes medizinisches Fachpersonal, sogenannte

»Mittlere Fachkräfte« wie Diätberater und Endoskopieassistenten, als

außerordentliche Mitglieder aufzunehmen, die eine eigene Arbeitsgruppe bildeten.

Außerdem waren Ärzte verschiedener Fachrichtungen hinzugekommen, wie

etwa Chirurgen und Pathologen, sodass die Mitgliedszahl um 1977 bei etwa 300

lag.15 Mit den außerordentlichen Mitgliedern hatte die Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR im Jahr 1984 – sechs Jahre vor ihrer Auflösung – 761 Mitglieder.

18 Schoenemann, J. Chronik der

Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR; 7.

19 BArch DQ 109 / 278, ohne Blattzählung.

20 Schoenemann J. Chronik der

Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR; 6.

Forschung

In den Fokus des Ministeriums für Gesundheitswesen (MfG) rückten neben der

Gesellschaft für Gastroenterologie der DDR auch Forschung und Lehre auf dem

Gebiet der Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten sowie der Ernährungswissenschaft.

1969 wurde im Rahmen der »Sozialistischen Großforschung« das »Forschungsprojekt

Gastroenterologie der DDR« initiiert. Die Projektleitung wurde an

der Universität Rostock angesiedelt, von dort sollte die gastroenterologische Forschung

gebündelt und koordiniert werden. 30 Einrichtungen waren zunächst an

dem Projekt beteiligt. Die Leitung erhielt in diesen frühen Jahren Martin Gülzow.16

Teilprojekte bezogen sich anfänglich auf die Pankreatologie, Magenkrankheiten

und enterale Absorptionsstörungen. Ab 1981 wurde die Gastroenterologie in der

DDR zur medizinischen Hauptforschungsrichtung (HFR), in der die Pankreatitis,

funktionelle Erkrankungen und im hepatologischen Gebiet Fragen der Zellschädigung

und der Chronifizierung bearbeitet wurden. Seit 1982 übernahm die Gesellschaft

für Gastroenterologie in der DDR die Organisation klinischer Therapiestudien

sowie das Führen eines Registers seltener Erkrankungen.17

Den ambitionierten Zielen, die das Ministerium für Gesundheitswesen für

die gastroenterologische Forschung vorgegeben hatte, stand allerdings der bereits

erwähnte allgegenwärtige Mangel an Personal, Instrumenten und aktuellen internationalen

Erfahrungswerten entgegen. Auch der Bezug von »ausländischen Publikationen«

– zu denen medizinische Fachzeitschriften aus der BRD zählten – war

88


22 Teichmann W. Zum 25jährigen

Bestehen; 162.

23 Gesetzblatt der DDR, 1968.

Teil II, Nr. 127 vom 13.12.1968.

Verordnung über die wissenschaftlichen

Mitarbeiter an den

wissenschaftlichen Hochschulen –

Mitarbeiterverordnung.

24 Vgl. Statistisches Jahrbuch

1982; 53.

schwierig, da diese häufig im Zoll »verloren gingen«.18 Doch diejenigen Medien

aus dem Westen, die den DDR-Wissenschaftlern zur Verfügung standen, verhalfen

ihnen zu Vorteilen gegenüber den Kollegen aus den anderen Ostblockstaaten. Am

besten zugänglich waren Westpublikationen für die Mitarbeiter der Ost-Berliner

Charité, die als Hauptstadtinstitution eine Sonderrolle genoss. Problematischer

war der freie Zugang zu aktueller Forschungsliteratur in den anderen Universitätskliniken;

unten in der Hierarchie standen die Polikliniken.

Wie auch die Bundesrepublik haderte die DDR mit dem Verlust des internationalen

Rufes Deutschlands als Wissenschaftsstandort. Insbesondere die Gastroenterologie,

die über Jahrzehnte eine deutsche Paradedisziplin war, sollte wieder

an die Spitze geführt werden. 1967 musste die »Problemkommission für Gastroenterologie«

in ihrer Analyse zur Forschertätigkeit feststellen, dass die gastroenterologische

Ausbildung und Forschung »nicht entsprechend dem internationalen

Höchststand entwickelt [ist]«, ergänzte aber, dass »die DDR-Forschung [...] trotz

mancher hinderlicher Umstände eine beachtliche Position wieder errungen

[hat].«19 Auch wenn sie wegen mangelnder Gelder und schlechter Grundausstattung

nicht an den westlichen Standard anknüpfen konnte, erzielte die

gastroenterologische Forschung der DDR – dank großen Engagements und Improvisation

– eindrucksvolle Ergebnisse. Exemplarisch sind der Bereich der pädiatrischen

Gastroenterologie und das Thema »Malabsorption und Eiweißexsudation

in den Dünndarm« zu nennen, auf beiden Gebieten wurde in Jena gearbeitet.

1968 bedeutete die III. Hochschulreform schließlich die endgültige Anpassung

der Hochschulen an das System.20 Die experimentelle und klinische Forschung

wurde sukzesszive von den medizinischen Bereichen, die ebenfalls im

Zuge der Reform aus den Fakultäten hervorgegangen waren, zur Akademie der

Wissenschaften (AdW) verlagert. Diese genoss aufgrund ihres privilegierten Standes

in der Folgezeit internationale Anerkennung. Die universitäre Forschung

musste hingegen auf ihre hauseigenen Gelder zurückgreifen und konnte nur in

einem finanziell streng reglementierten Rahmen Forschungsarbeit betreiben.

Während des 7. Gastroenterologenkongresses der DDR 1977 wurde beschlossen,

zur Würdigung langjähriger und verdienstvoller Arbeit im Rahmen der Gesellschaft

die »Boas-Medaille« zu verleihen.22

Kapitel 5

▶ + ▶▶ Seit 1962 fanden alle zwei

Jahre in Bad Berka die »Berkaer

Gespräche« in enger Zusammenarbeit

mit der Gesellschaft für Gastroenterologie

und der Sektion für

Endoskopie statt. Nach der Auflösung

der Gesellschaft 1990 wurden

die Tagungen von 1994 bis 2002

als selbstständige Veranstaltungen

weitergeführt. Die klassischen

Dichter auf den Programmen sollten

die Assoziation zur »humanistischen«

Umgebung Weimars

wecken.

89


Ausbildung

Für Medizinstudenten gab es neun Ausbildungsorte in der DDR. Die Universitäten

Rostock, Greifswald, Berlin, Leipzig, Jena, Halle-Wittenberg und die Medizinischen

Akademien Dresden, Erfurt und Magdeburg. Einen Studienplatz zu bekommen

war schwierig, gesellschaftliches und politisches Engagement im Sinne der

DDR-Regierung war hilfreich. Neben exzellenten schulischen Leistungen war bei

den männlichen Bewerbern eine vorherige dreijährige NVA-Dienstzeitverpflichtung

Voraussetzung. Auch die Herkunft der Eltern war in der vermeintlich klassenlosen

Gesellschaft ein Kriterium: Arbeiterkinder erhielten in der Regel leichter

einen Studienplatz als die Kinder aus Akademikerfamilien.

Die Parteiführung sah für Akademiker aller Fachrichtungen »marxistisch-leninistische

Pflichtveranstaltungen« (ML) sowie Unterricht in russischer

Sprache vor, um auf Grundlage der sozialistischen Weltanschauung international

bestehen zu können. Wer dann an den Universitäten Karriere machen wollte, hatte

klare Vorgaben zu erfüllen: »Voraussetzungen der Tätigkeit der wissenschaftlichen

Mitarbeiter sind ein hohes sozialistisches Staatsbewusstsein und die Bereitschaft

und Fähigkeit zur sozialistischen Erziehung der Studenten.«23

25 Vgl. Weil F. Zielgruppe Ärzteschaft,

Ärzte als inoffizielle

Mitarbeiter des Ministeriums für

Staatssicherheit der DDR. Göttingen

2008; 15.

26 Zeitzeugengespräch mit Rüdiger

Nilius, 6.2.2013.

27 Ebd.

28 Zeitzeugengespräch mit Julius

Schoenemann, 12.12.2012.

29 Vgl. Schoenemann J. Chronik

der Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR; 7 f.

Medizinische Betreuung und klinische Praxis

Um die Gesundheit der DDR-Bürger kümmerten sich Anfang der 1970er Jahre etwas

mehr als 27.000 Ärzte – fast doppelt so viele wie 1960.24 Mitte der 1980er Jahren

zählte die DDR-Ärzteschaft rund 40.000.25

In den Abteilungen für Innere Medizin der Kliniken gab es stets Sektionen

für Gastroenterologie, allerdings war das Fachgebiet nicht in dem Maße autark

wie in der BRD – die »Gesamtheit der Inneren Medizin« war in der DDR stark ausgeprägt.26

Die Charité in Ost-Berlin arbeitete auf internationalem Niveau. In den

Universitätskliniken Leipzig, Rostock und Jena war die Situation weniger günstig

– das Berliner Klinikum wurde bei der Verteilung der knappen Ressourcen eindeutig

bevorzugt – aber moderne Medizin im Sinne eines »Tagesgeschäftes« wurde

auch hier praktiziert. Unterschiede in der Patientenbehandlung zwischen Ost

und West gab es nur bei wenigen Krankheiten, für deren Behandlung modernste

Technik oder in der DDR nicht verfügbares Gerät oder Medikamente notwendig

waren.

◀◀ Das erste bilaterale Symposium

mit Gastroenterologen der DDR

und der ČSSR wurde 1973 in Karlsbad

veranstaltet. Bis 1989 fanden

acht dieser Symposien im Wechsel

in Karlsbad und in Bad Berka statt.

◀ Die Gründung und die erste

gemeinsame Veranstaltung der

Arbeitsgemeinschaft endoskopierender

Gastroenterologen fand

1967 in Magdeburg statt. Es

folgten neun Fortbildungs- bzw.

Arbeitstagungen mit Themen aus

dem Gesamtgebiet der gastroenterologischen

Endoskopie.

90


30 Weil F. Zielgruppe Ärzteschaft;

35.

31 Ebd.; 40 f.

32 Ebd.; 44 f.

33 Zeitzeugengespräch Harald

Goebell, 7.12.2012.

34 Ebd.

35 Vgl. Goebell, Eröffnungsrede

zur Tagung 1990.

36 Zeitzeugengespräch mit Julius

Schoenemann, 12.12.2012.

37 Schoenemann J. Chronik der

Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR; 32.

38 Zeitzeugengespräch mit Rüdiger

Nilius, 6.2.2013.

39 Ries W. Max Bürger

(1885 – 1966), Internist, Pathophysiologe,

Alternsforscher. In:

Sudhoffs Klassiker der Medizin.

NF 5. Leipzig 1985; 7 – 47. Vgl.

Domagk G. Nationalpreisträger

Prof. Dr. Max Bürger 70 Jahre.

Zum 16. November 1955. Wiss Z

Karl-Marx-Univ Leipzig. Math-naturwiss

R 1954 / 55; 4: 415 – 416.

40 Bürger M, Brandt W. Über das

Glucagon (die hyperglykämisierende

Substanz des Pankreas).

Z exper Med 1935; 96: 375 – 397.

41 Berger E. Zur Sozialgeschichte

des Krankenhauses – wer

bürgt für die Kosten? 125 Jahre

Stadt-Krankenhaus Osnabrück,

180 Jahre Städtische Gesundheitspolitik.

Bramsche 1990; 198 – 228,

bes. 222. Vgl. Bürger M. Der Krankenhausneubau

in Osnabrück.

Med. Welt 1931; 5: 1699 – 1700.

42 Forsbach R. Medizinische

Fa kul tät der Universität Bonn im

Dritten Reich. München 2006;

153.

43 Ries W. Max Bürger; 17.

Institutionelle Qualitätsunterschiede ergaben sich zwischen den Universitätskliniken

und den kleineren Krankenhäusern beziehungsweise den Polikliniken;

von dort mussten die Patienten wegen fehlender Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten

oft an die Universitätskliniken überwiesen werden. Die

Ressourcenknappheit war das Hauptproblem der DDR-Medizin. Aus diesem

Grund konnten moderne Verfahren wie die flexible Endoskopie im Vergleich zur

BRD erst später eingeführt werden. Praktisch mit allem musste sparsam umgegangen

werden. Improvisation war in vielen Situationen notwendig.27

Reisefreiheit

Ebenfalls im Zuge der oben erwähnten III. Hochschulreform wurden die leitenden

Stellen an den Instituten der Universitäten und im Gesundheitswesen mit

SED-Mitgliedern besetzt, die eine linientreue Leitung im Sinne des Staates garantierten.

Wer sich anpasste und die »Voraussetzungen« erfüllte, erhielt im Gegenzug

Privilegien. Am wichtigsten waren die Reisen zu westdeutschen und internationalen

Tagungen, von denen die Besucher mit einem Wissensvorsprung und

einem gewissem Bekanntheitsgrad zurückkehrten. Dieser »Klassenunterschied«

schuf Asymmetrien zwischen den Wissenschaftlern: Wer nicht reiste, hatte keine

Reputation im Ausland und konnte so auch später nicht auf Kosten der Tagungsveranstalter

eingeladen werden, was dem SED-Staat kostbare Devisen einsparte

und dem betreffenden Wissenschaftler erneute Reisen ohne größere Widerstände

gestattete. Diejenigen, die bis 1990 den Status eines Reisekaders und damit bereits

Bekanntheitsgrad im Ausland hatten, profitierten beruflich schneller und leichter

von der Wiedervereinigung Deutschlands als jene Kollegen, die diesen Vorteil

nicht genossen. Zum Reisekader kam, wer politische Mitarbeit leistete und durch

den Staatssicherheitsdienst eine positive Einschätzung erhielt.28

Gleichwohl bedeutete eine erteilte Reisegenehmigung für eine Tagung nicht

automatisch die Linientreue des jeweiligen Kandidaten. Die DDR-Delegationen zu

westdeutschen und ausländischen Tagungen setzten sich in der Regel aus einem

besonders zuverlässigen Delegationsleiter, einer Mehrzahl Linientreuer, aber

auch Ärzten mit größerer Distanz zum Regime zusammen.29 Eine engmaschige

Überwachung durch die Staatssicherheit war praktisch immer gewährleistet.

Kapitel 5

Mediziner als Stasi-Zuträger

Misstrauen und Unsicherheit prägten lange das Klima im Gesundheitswesen der

DDR. Teile des medizinischen Fachpersonals waren aktiv an den Bespitzelungsaktionen

der Stasi beteiligt: Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bediente sich

seit den 1950er Jahren innerhalb der Ärzteschaft und des Pflegepersonals gezielt

Inoffizieller Mitarbeiter (»IM«) und weitete dieses Netzwerk in den folgenden

Jahrzehnten aus. 1974 verzeichnete die »Hauptabteilung XX« des MfS mehr als

2.000 Mitarbeiter im Gesundheitswesen; darunter befanden sich 852 Ärzte.30 Inwieweit

Gastroenterologen in die Stasi-Mitarbeit eingebunden waren, ist bisher

nicht untersucht worden. Fest steht jedoch, dass die meisten »IM« in dem Fachgebiet

der Inneren Medizin tätig waren, wobei berücksichtigt werden muss, dass es

sich um die größte medizinische Fachgruppe handelte.31 Das besondere Interesse

91


des MfS, Ärzte als Informanten zu gewinnen, ergab sich aus deren Stellung. Gerade

als Arzt konnte man aufgrund des besonderen Vertrauensverhältnisses zum

Patienten tiefen Einblick in dessen Privatleben erhalten.

Während das MfS zahlreiche Personen aus der Ärzteschaft und dem gesamten

Gesundheitswesen verpflichtete, flohen gut ausgebildete Mediziner in den

Westen. Ärzte und Wissenschaftler verließen die DDR hauptsächlich über Botschaften

und die Ständige Vertretung der BRD in Berlin oder kehrten von genehmigten

Auslandsreisen nicht zurück. Deswegen »ging es der Staatssicherheit

hauptsächlich um die Unterbindung wissenschaftlicher sowie persönlicher Kontakte

zwischen Ost und West.« Republikflucht und Ausreisewilligkeit wurden die

Hauptthemen des MfS für die Ärzteschaft und spätestens ab Mitte der 1980er Jahre

war das Netz der Inoffiziellen Mitarbeiter so eng geknüpft, dass es keine größere

Einrichtungen wie Universitäten und Krankenhäuser ohne »IM« gab.32

Neben den abgewanderten Medizinern, den aktiven SED-Mitgliedern sowie

den IM darf aber nicht vergessen werden, dass viele DDR-Bürger – unter ihnen

auch Ärzte – nicht mit den politischen Prinzipien des SED-Staates konform gingen,

sich, soweit es eben ging, distanzierten und versuchten, sich mit der Situation

zu arrangieren.

Wiedervereinigung und erste gesamtdeutsche Tagung 1990

Im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands kam es zu mehreren Treffen beider

deutscher Fachgesellschaften, in deren Folge die Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR Ende 1990 aufgelöst und ihren Mitgliedern der Beitritt zur DGVS empfohlen

wurde. Auf der ersten gesamtdeutschen Tagung im Oktober 1990 in Essen

konnte die DGVS schließlich fast 300 Besucher aus den Neuen Bundesländern begrüßen.

Die Zusammenführung beider Fachgesellschaften wird von den Beteiligten

bis heute als großartig und im Wesentlichen als ein schönes Ereignis erinnert.

Doch während die Hochschulen ihr Personal begutachteten und es in Einzelfällen

vor sogenannte Ehrenkommissionen treten ließen, um sich gegebenenfalls von

Mitarbeitern und auch Ordinarien zu trennen, blieb eine Aufarbeitung in der DGVS

– also eine Überprüfung hinsichtlich Verwicklungen einzelner neuer Mitglieder in

das DDR-Regime – aus. Die Kollegen aus der DDR wurden uneingeschränkt als ein

Gewinn für die Fachgesellschaft angesehen und integrierten sich schnell.33 Der

44 Karl Matthes wurde 1945

Direktor der Medizinischen Universitätsklinik

Erlangen und war

von 1952 – 1962 Ärztlicher Direktor

der Medizinischen Klinik der

Universität Heidelberg. Vgl. Wormer

EJ. Matthes, Karl. In: Neue

Deutsche Biographie 1990. Band

16. 400 – 401. Matthes hatte 1935

unter P. Morawitz in Leipzig als

erster das Messprinzip der Sauerstoffsättigung

(Pulsoxymetrie)

beschrieben.

45 Ries W. Max Bürger; 29. Vgl.

Matthes K. Moderne Methoden

der Kreislaufforschung. In: Wiss Z

Karl-Marx-Univ. Leipzig. Mathnaturwis.

R 1954 / 55; 4: 525 – 529,

hier 525.

46 Siede W, Meding G. Zur

Ätiologie der Hepatitis epidemica.

Klin Wochenschr 1941; 20:

1065 – 1067. Vgl. Siede W. Hepatitis

epiudemica. Leipzig 1951.

47 Vgl. Verh Ges Verd Stoffwechselkr

zum Teil gemeinsam mit der

Internationalen und Deutschen

Sportärzteschaft. XIII. Tagung in

Berlin (28. und 29. Juli 1936).

Leipzig 1937.

48 Matthes K, Schlaudraff K. Über

das Verhalten des systolischen

Blutdrucks beim Menschen im

akuten Sauerstoffmangel. Luftfahrtmedizin

1943; 8: 161 – 170.

Matthes K. Untersuchungen über

das Wirkungsbild gefäßaktiver

Pharmaka beim Menschen. Naunyn-Schmiedebergs

Arch exper

Path Pharm 1944; 203: 194 – 205.

49 Ries W. Max Bürger; 29.

50 Thom A. Max Bürger - Bewährung

in konfliktgeladener Zeit.

Z gesamte Inn Med 1986; 41:

555 – 558.

◀ Im Jahr 2004 verfasste Julius

Schoenemann im Auftrag der DGVS

eine Chronik der Gesellschaft für

Gastroenterologie der DDR. In dieser

kurzen aber sehr aufschlussreichen

Publikation stellt der Autor

die Entstehung und Entwicklung

der Gesellschaft sowie ihre Aktivitäten

und Errungenschaften dar.

Er beleuchtet aber auch die entstehende

Asymmetrie zwischen den

beiden deutschen Staaten kritisch.

92


51 Gerhardt Katsch. In: Ewert R,

Ewert G, Lerch MM. Geschichte

der Inneren Medizin an der

Universität Greifswald. 2. bearbeitete

Aufl. Greifswald 2009;

87 – 107. Vgl. auch Alvermann D,

Garbe I, Herling M, Hg. Gerhardt

Katsch. Greifswalder Tagebuch

1946 – 1947. Kiel 2007; 29 – 49.

52 Ewert G, Ewert R. Gerhardt

Katsch. Tagebuchaufzeichnungen

1914 und 1949, Biographische

Skizzen. Greifswald 2008; 22.

53 Katsch G. Garzer Thesen, Zur

Ernährungsführung der Zuckerkranken.

Klin. Wochenschr 1937;

16: 399 – 403.

54 Alle Angaben nach Alvermann

D, Garbe I, Herling M, Hg. Gerhardt

Katsch; 37 – 39.

55 Ebd.; 36 / 37.

56 BArch-MA RH 12 – 23 / 247 und

RH 12 – 23 / 70.

57 BArch-MA RH 12 – 23 / 256.

(Schreiben G. Katsch an K. Gutzeit,

den Beratenden Internisten

bei der Heeressanitätsinspektion

in Berlin vom 26. März 1940).

58 BArch-MA RH 12 – 23 / 286 und

RH 12 – 23 / 221 und 1837.

59 Alvermann D, Garbe I, Herling

M; 42 / 43.

60 Garbe I. Die Staatsmacht und

das Recht der Gnade. Zeitgeschichte

regional, Mitteilungen

aus Mecklenburg-Vorpommern

2003; 7 (2): 56 – 62.

damalige Vorstand sah es nicht als Aufgabe der DGVS an, die Mitglieder der Gesellschaft

für Gastroenterologie der DDR auf ihre Vergangenheit hin zu überprüfen.34

Die Funktion eines »Richters« könne und dürfe die DGVS nicht übernehmen, so

die Überzeugung des Tagungspräsidenten Harald Goebell im Jahr 1990.35 Allerdings

ergaben sich Diskussionen um mögliche individuelle politische Verwicklungen

in den SED-Staat oder auch über eine zu groß Nähe zur Staatspartei. Zu

gleicher Zeit wurden an den Universitäten »Ehren-« und »Rehabilitierungskommissionen«

ins Leben gerufen, die darüber entschieden, ob Mitarbeiter aus politischen

Gründen ihren Arbeitsplatz räumen mussten, wobei die SED-Parteimitgliedschaft

ein entscheidendes Kriterium war. Inwieweit dieses Kriterium

sinnvoll und ausreichend war, bleibt zu diskutieren. Trotz allem Misstrauen muss

erwähnt werden, dass es keinen systematischen Missbrauch von Patienten in der

DDR gegeben hat; vielmehr hat sich die große Mehrheit der Mediziner trotz aller

Ressourcenknappheit für bestmögliche Problemlösungen eingesetzt. Die tagesaktuelle

Diskussion darüber, inwieweit klinische Arzneimittelprüfungen in der DDR,

die im Auftrag westlicher Pharmaunternehmen durchgeführt wurden, den damaligen

oder heutigen ethischen Standards entsprachen und in welchem Umfang sie

die Gastroenterologie betrafen, ist noch nicht abgeschlossen.

Als rund 300 Kollegen aus der DDR 1990 zum Kongress nach Essen eingeladen

wurden, fanden Rundtischgespräche bezüglich der Zukunft der Gesellschaften

statt. Da unter den Gesprächspartnern aus der DDR SED-Funktionäre, gar

MfS-Mitarbeiter vermutet wurden, kam es zum Eklat: Eine Gruppe aus der DDR in

den Westen geflohener Gastroenterologen protestierte öffentlich und drohte mit

dem Austritt aus der DGVS.36 Diese Drohung wurde allerdings nicht in die Tat umgesetzt,

da die »so belasteten dem Kongress [in der Mehrzahl] fernblieben und

anschließend auch keinerlei Funktionen in der DGVS ausübten.«37 Von Seiten der

Vorstände der ehemaligen Gesellschaft der DDR konnte diese Reaktion nicht

nachvollzogen werden, sondern wurde vielmehr als eine Kampagne gegen einzelne

Funktionäre der ehemaligen Gesellschaft für Gastroenterologie der DDR verstanden.38

Heute, 23 Jahre nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Gesellschaften

für Gastroenterologie, ist diese Episode nahezu vergessen. Die Integration

der Gastroenterologen aus der früheren DDR unter dem Dach der DGVS verlief

seit 1990 erfolgreich.

Kapitel 5

93


Max Bürger

1885 – 1966

In der Biografie Max Bürgers spiegeln sich, wie in jenen von Gerhardt Katsch und Hans

Heinrich Berg, exemplarisch die zeitgeschichtlichen Ereignisse zwischen 1885 und den

1960er Jahren wider: Alle drei Gastroenterologen hatten sich in drei grundsätzlich unterschiedlichen

politischen Systemen zu orientieren und waren mit vielfältigen Entscheidungen

bezüglich ihres jeweiligen Verhaltens und ihrer Anpassungsmöglichkeiten konfrontiert.

Bürger39 hatte sein Medizinstudium im Wilhelminischen Kaiserreich in Würzburg,

Kiel, Berlin und München absolviert und trat 1911 seine erste Assistentenstelle in der Medizinischen

Klinik des Städtischen Krankenhauses Hamburg-Altona bei dem Stoffwechselforscher

Friedrich Umber an. Nach vorübergehender Tätigkeit in den Instituten für Bakteriologie

und Physiologie in Straßburg wechselte Bürger im Sommer 1914 an die Medizinische

Universitätsklinik in Königsberg zu Alfred Schittenhelm, dem er nach dem Ersten Weltkrieg

nach Kiel folgte. Während des Krieges beschäftigte sich Bürger als Truppenarzt mit

ernährungsphysiologischen Fragen, definierte den Eiweißmangel als Ursache des Hungerödems

und wurde 1918 in Kiel mit der Arbeit Epidemisches Oedem und Enterokolitis

habilitiert. Seine Arbeitsgebiete bezogen sich auf Stoffwechselkrankheiten, Ernährungsstörungen,

die Osmotherapie, den Muskelstoffwechsel sowie auf sportphysiologische Untersuchungen.

Er gehörte zu jener Gruppe von Wissenschaftlern, die als Gegenspieler des

Insulins eine »hyperglykämische Substanz« – das Glucagon – beschrieben.40 1924 veröffentlichte

er erstmals die Pathologisch-physiologische Propädeutik, die er 1936 erweitert als

Einführung in die Pathologische Physiologie herausgab.

1929 übernahm Bürger die Ärztliche Leitung der Medizinischen Klinik am Stadtkrankenhaus

Osnabrück, setzte zahlreiche Innovationen durch, beeinflusste wesentlich

die Gestaltung des Klinikneubaus und etablierte eine zur damaligen Zeit moderne Aufnahmestation.41

1931 erfolgte seine Berufung als Ärztlicher Leiter der Medizinischen Universitäts-Poliklinik

Bonn. 1937 wurde Bürger als Nachfolger von Paul Morawitz Ordinarius für

Innere Medizin und Ärztlicher Direktor der großen Medizinischen Universitätsklinik Leipzig.

Den Nationalsozialisten stand er zunächst mit Distanz und Vorbehalten gegenüber; so

duldete er in Bonn keine Hakenkreuzfahne auf dem Dach seiner Klinik.42 Offensichtlich im

Zusammenhang mit der Berufung nach Leipzig beantragte Bürger jedoch im Sommer 1937

die Aufnahme in die NSDAP.43 Dies hinderte ihn nicht, in seiner einflussreichen Leipziger

Position seinen Schüler Karl Matthes44 gegen rassistische Anfeindungen zu schützen.45

Untersuchungen zur Stoffwechselphysiologie und -pathologie, besonders zum Eiweiß-

und Kohlenhydratstoffwechsel, zur Kreislaufregulation und zunehmend Untersuchungen

zu Problemen der Gerontologie bestimmten die Beiträge Bürgers. Sein Mitarbeiter

Werner Siede widmete sich nach einer 1938 im Erzgebirge ausgebrochenen Gelbsuchtepidemie

konsequent der Hepatitis-Forschung, beschrieb die Hepatitis epidemica als nosologische

Einheit und vertrat frühzeitig das Konzept der Virusätiologie.46

Bürger war im Juli 1936 Vorsitzender der 13. Tagung der Gesellschaft für Verdauungs-

und Stoffwechselkrankheiten in Berlin, die im Zusammenhang mit den Olympischen

Spielen gemeinsam mit Sportärzten stattfand und bei der Fragen des Stoffwechsels

die Thematik dominierten.47 Während des Zweiten Weltkriegs wurden an der Leipziger

94


Klinik luftfahrtmedizinisch relevante DFG-geförderte Untersuchungen über das Blutdruckverhalten

bei Sauerstoffmangel in der Unterdruckkammer und über die Wirkungen gefäßaktiver

Pharmaka beim Menschen durchgeführt.48

1938 rief Bürger gemeinsam mit dem Leipziger Pädiater Werner Catel die Deutsche

Zeitschrift für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten ins Leben, die in Konkurrenz zu dem

Archiv für Verdauungskrankheiten erstmals kurz nach der 14. Tagung der Gesellschaft erschien.

1949 gab Bürger die Zeitschrift neu heraus.

Im Oktober 1945 wurde Bürger wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft vom Direktorat

der Leipziger Klinik entbunden, durfte jedoch wissenschaftlich weiterarbeiten und erhielt

von den staatlichen Stellen Forschungsaufträge; im September 1947 erfolgte allerdings seine

Wiedereinsetzung in die früheren Funktionen durch einen Beschluss der Deutschen

Zentralverwaltung für Volksbildung und der Sowjetischen Militäradministration (SMAD).49

Das Bestreben, den renommierten Wissenschaftler an der Leipziger Klinik halten zu wollen,

die schwierige Gesundheits- und Versorgungssituation sowie der notwendige Wiederaufbau

der weitgehend zerstörten Klinik dürften diese Entscheidung beeinflusst haben. Bis

zu seiner Emeritierung 1957 leitete Bürger die Leipziger Medizinische Universitätsklinik.

Weiteres Renommee erlangte Bürger durch seine Publikationen, die zu Standardwerken

avancierten: 1951 erschien zunächst in Stuttgart und zwei Jahre später, 1953, als Lizenzausgabe

in Berlin Bürgers Lehrbuch Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Es steht neben

seinen zahlreichen anderen Monografien wie Einführung in die Innere Medizin (1952), Klinische

Fehldiagnosen (1953) und Altern und Krankheit (1947).

Max Bürger gehörte zwischen 1930 und 1957 zu den einflussreichsten Internisten

Deutschlands, wobei er trotz zunehmender Differenzierung des Fachgebietes und Subspezialisierung

der Idee der Einheit der Inneren Medizin nahe stand. Politisch hat sich Bürger

ohne Zweifel mit den verschiedenen Systemen vor und nach 1945 arrangiert, gleichwohl

scheint ihm seine Persönlichkeit eine beträchtliche Unabhängigkeit bewahrt zu haben.50

Kapitel 5

95


Gerhardt Katsch –

Biografische Skizze

Gerhardt Katsch51, geboren 1887, wuchs in Berlin in einer Künstlerfamilie auf, besuchte das

dort französische Gymnasium und studierte zunächst in Paris Biologie, Physik und Philosophie.

1906 nahm er in Marburg das Medizinstudium auf und wechselte später nach Berlin.

Dort erhielt er 1912 die Approbation und promovierte mit seiner Arbeit Beitrag zum Studium

der Magenmotilität. Sein Doktorvater war Adolf Bickel, der in Berlin Pathophysiologie lehrte

und sich mit der Regulation der Peristaltik im Gastrointestinaltrakt beschäftigte.

Im gleichen Jahr wurde Katsch Assistenzarzt bei Gustav von Bergmann in der Medizinischen

Klinik Hamburg-Altona. Von 1914 bis 1917 nahm Katsch als Sanitätsarzt am aktiven

Militärdienst im Ersten Weltkrieg teil und wurde 1917 in Marburg, wo auch von Bergmann

in der Zwischenzeit arbeitete, auf der Grundlage seiner bisherigen Publikationen

habilitiert.52 Als von Bergmann 1920 die Leitung der Medizinischen Universitätsklinik in

Frankfurt am Main übernahm, folgte Katsch als Oberarzt seinem klinischen Lehrer.

Pankreaserkrankungen, Diabetes mellitus sowie funktionelle Aspekte der Magen-Darm-Erkrankungen

faszinierten Katsch schon frühzeitig und blieben bis 1957 seine Arbeitsschwerpunkte.

Gerhardt Katsch war sehr erfolgreich und wurde neben Hans Heinrich Berg der bekannteste

und erfolgreichste Schüler Gustav von Bergmanns. 1921 wurde Katsch in Frankfurt

am Main eine außerordentliche Professur übertragen, 1926 bis 1928 leitete er die Abteilung

für Innere Medizin am Hospital Zum Heiligen Geist in Frankfurt. 1928 wurde er auf den

Lehrstuhl für Innere Medizin an die Universität Greifswald berufen.

In Greifswald entfaltete Katsch umfangreiche Aktivitäten, insbesondere für die Betreuung

von Patienten mit Diabetes mellitus. So wurde 1930 nach Katschs Initiativen ein

Diabetikerheim als Privatstiftung unter der Schirmherrschaft der Inneren Mission in Garz

auf Rügen eröffnet, zur damaligen Zeit eine in Europa führende und vorbildhafte Einrichtung

für die Diabetikerfürsorge, in der Diät, Insulingabe, körperliche Tätigkeit und konsequente

Schulung entscheidende Elemente der Therapie waren.53

Ohne Zweifel war Katsch einer der führenden Diabetologen und Pankreasforscher

seiner Zeit; er gehört neben Oscar Minkowski und Karl Stolte zu den Begründern der Diabetologie

in Deutschland.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 trat

Katsch dem Stahlhelm und dem Nationalsozialistischen Fliegerkorps (NSFK) bei, wurde

später förderndes Mitglied der SS und beantragte 1937 die NSDAP Mitgliedschaft, die er erst

1943 erhielt.54 In der Klinik hat er versucht, den Mitarbeitern, die jüdischer Herkunft waren

und denen der Verlust der Anstellung drohte, zu helfen, soweit es ihm möglich war.55

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Katsch Beratender Internist für den

Wehrkreis II, führte Lazarettbesuche durch und beschäftigte sich vor allem mit der Behandlung

Ulcuskranker, die er in »Spezialtruppenteilen« betreut wissen wollte.56 An einem

aktiven Kommando als Sanitätsoffizier zeigte er sich ausdrücklich interessiert.57 Er beteiligte

sich an der »vergleichenden Therapie« während des Krieges und hat sich mit den Folgen

der Unterernährung russischer Kriegsgefangener befasst.58

Am Ende des Krieges gehörte Katsch zu jenen drei Parlamentären, die der Roten

Armee erfolgreich das Angebot einer kampflosen Übergabe der Stadt Greifswald überbrachten,

was der Stadt, im Gegensatz zu Nachbarstädten wie Demmin und Anklam, den

96


Untergang im russischen Granatfeuer ersparte und seine standrechtliche Erschießung hätte

zur Folge haben können.59 In der Nachkriegszeit wurde Katsch in der SBZ und in der

späteren DDR rasch zur führenden Persönlichkeit auf dem Gebiet der Gastroenterologie

und vor allem der Diabetologie. Mit Unterstützung der Sowjetischen Militäradministration

wurde bereits 1947 in Karlsburg ein weiteres Diabetesinstitut eingerichtet, das in der Folge

zum Zentralinstitut für Diabetesforschung der DDR wurde und heute als Forschungsinstitut

unter Katschs Namen fortbesteht. Mit dem Ausbau der Diabetikerheime gelang ihm

eine wegweisende Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis. 1952 war Gerhardt

Katsch Präsident der 16. Tagung für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten in Essen

/ Bad Neuenahr. In seiner Eröffnungsrede thematisierte er explizit den gesamtdeutschen

Aspekt und die Notwendigkeit des Brückenschlages zwischen den beiden Teilen

Deutschlands.

In der DDR genoss er wegen seiner Stellung als Wissenschaftler und Arzt Privilegien.

Einen Ruf an die Universität Mainz lehnte er ab. Er engagierte sich stark für die Wiedereröffnung

und den Ausbau der Universität sowie für den Erhalt der zivilen Medizinerausbildung

in Greifswald. Von 1954 bis 1957 bekleidete Katsch das Amt des Rektors der Greifswalder

Universität und organisierte 1956 deren 500-Jahrfeier mit großem Aufwand. Sein

Wirken wurde mit der Verleihung zahlreicher Preise und Ehrenmitgliedschaften gewürdigt.

Katsch bewies Unabhängigkeit und Courage, als er 1955 für mehrere, aus politischen

Gründen verurteilte Studenten Gnadengesuche an den damaligen Präsidenten der DDR

richtete.60

Gerhardt Katsch gehörte zu jener Generation, die zwei Weltkriege und die Umbrüche

vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, von dieser zum NS-Staat und nach 1945 den

Übergang zur späteren DDR erlebte und die den schmalen Grad zwischen bewahrter Eigenständigkeit

und Anpassung zu bewältigen hatte. Er starb 1961 in Greifswald.

Kapitel 5

97


98


1 DGVS Archiv: Protokoll Vorstandssitzung,

8.2.1979.

2 Vgl. DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

21.9.1988.

3 DGVS Archiv: Protokoll Vorstandssitzung,

8.2.1979.

4 DGVS Archiv: Beiratssitzung,

30.9.1977, 31. Tagung in Lübeck.

5 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

12.4.1988.

Entwicklungen. Von den 1970ern

bis zum Gastro-Haus

Kapitel 6

Die zweite Phase der Professionalisierung

Die DGVS wuchs im Laufe der Jahre immer weiter und erreichte 1987 die Schwelle

von 1.000 Mitgliedern. Meinhard Classen hatte als Schriftführer der DGVS bis zum

Ende seiner Amtszeit 1985 wichtige Entscheidungen getroffen und Weichenstellungen

vollzogen. Sein Nachfolger wurde Wolfgang F. Caspary aus Frankfurt.

Die Amtszeit Casparys (1985 – 1991) markierte die zweite Phase der Professionalisierung

der DGVS. Die Themen und notwendigen Änderungen, die bereits unter

Classen diskutiert worden waren, mussten in die Realität umgesetzt werden.

Gleichzeitig ergaben sich, etwa durch die deutsche Wiedervereinigung und die

damit einhergehende Zunahme der Mitgliederzahlen, neue organisatorische Herausforderungen.

Während der Wandel vom Tagungsverein zur wissenschaftlichen

Fachgesellschaft seit Mitte der 1970er Jahre relativ langsam mit einigen wenigen

Gremien begonnen hatte – die wichtigsten waren das Thannhauser-Komitee,

das Programmkomitee und das Weiterbildungskomitee – folgte nun die Ausdifferenzierung

der internen Organisationsstrukturen sowie der unterschiedlichen

Arbeitsgruppen und der Arbeitsgemeinschaften während der Tagungen.

Berufspolitische Konflikte

Ein deutlicher Hinweis auf den Wandel des Selbstverständnisses der DGVS Ende

der 1970er und Anfang der 1980er Jahre war die wachsende Bedeutung der Berufsfragen.

Ursprünglich war hierfür das Weiterbildungskomitee zuständig, das 1979

in Komitee für Berufsfragen1 und wenig später in Kommission für Berufsfragen2

umbenannt wurde. Es wurde nach Vorschlägen aus dem Beirat erweitert.3

Zentrales Thema in der Weiterbildungsfrage war die Auseinandersetzung

der Gesellschaft mit der Bundesärztekammer über die Statuten zur medizinischen

Ausbildung zum Internisten und zur Weiterbildung zum Gastroenterologen. Hierfür

hatte das Weiterbildungskomitee bereits 1976 unter der Leitung von Hans-

Adolf Kühn Richtlinien für den Inhalt der Weiterbildung auf dem Teilgebiet Gastroenterologie

für die Verhandlungen mit der Bundesärztekammer erstellt.4 Seit Anfang

der 1980er Jahre favorisierte die Ärztekammer eine Vereinbarung, die einem Kandidaten

eine hohe Anzahl an Endoskopie- und Koloskopie-Untersuchungen vorschrieb,

um den Facharzttitel »Internist« führen zu dürfen. Die DGVS lehnte gemeinsam

mit der DGIM die Neuregelung ab, denn kaum eine Klinik hätte diese

Zahl in sechs oder sieben internistischen Weiterbildungsjahren vermitteln können.5

99


6 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

21.9.1988.

Diese ersten Auseinandersetzungen verloren die Gastroenterologen und Internisten

jedoch, obwohl die DGVS und die DGIM versuchten, mit einem Gespräch

Einfluss auf den Vorsitzenden der Bundesärztekammer, Hans Joachim Sewering,

zu nehmen. So wurde die aus Sicht der DGVS ungünstige Weiterbildungsordnung

1988 beschlossen.6 Im Jahr 1990 plante die Bundesärztekammer die Fortschreibung

der Weiterbildungsordnung für das »Teilgebiet Gastroenterologie« und jene

zum Arzt für Innere Medizin. Die DGVS beschloss ihrerseits, auf ihrer vorherigen

Position zu beharren, und setzte sich weiterhin dafür ein, dass die gemäß dem

Weiterbildungskatalog zu erbringenden endoskopischen und anderen Leistungen

nicht zahlenmäßig definiert werden sollten. Dass die Bundesärztekammer die

Bezeichnung »Ergänzende Weiterbildung Gastroenterologie« einführte und damit

die von vielen als diskriminierend empfundene Bezeichnung »Teilgebiet Gastroenterologie«

ersetzte, wurde als Erfolg verbucht.7 1993 führte die Kommission

für Berufsfragen der DGVS die Verhandlungen mit der Bundesärztekammer fort:

Wolfgang F. Caspary, Michael Manns und Jürgen Riemann für die DGVS setzten

sich in den Gesprächen für eine Novellierung der Weiterbildungsordnung für das

Spezialgebiet Gastroenterologie ein.8

Das zweite zentrale Thema neben der Weiterbildung war für die Kommission

für Berufsfragen in den 1990er Jahren die schrittweise Erarbeitung eines Gebührenordnungskatalogs

für operativ-endoskopische Verfahren. Die Kommission

wollte »mit diesem Katalog erreichen, dass die Ärztekammer zur Kenntnis nimmt,

dass Internisten und Gastroenterologen operativ-endoskopische Verfahren

durchführen.«9

1993 erfolgte durch den damaligen Präsidenten und Vorsitzenden der Kommission

für Berufsfragen, Wolfgang F. Caspary, eine Initiative, um schwierige interventionelle

endoskopische Verfahren zu definieren. Zudem diskutierten die

Mitglieder die »Formulierung schwieriger und aufwendiger gastroenterologisch-hepatologischer

Krankheitsbilder«.

7 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

9.4.1991.

8 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

23.9.1993; Vorstandssitzung,

20.4.1993.

9 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

24.4.1990.

10 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

28.9.1989.

Anstieg des Verwaltungsaufwands

Mit den zusätzlichen Aufgaben und durch die zahlreichen neuen Kommissionen

und Arbeitsgruppen stieg der Verwaltungsaufwand der Gesellschaft deutlich an.

Die Mitgliedszahlen waren bis 1989 um weitere 20 Prozent angestiegen.10 Bereits

im September 1981 hatte der Vorstand angesichts der Zuwächse beschlossen, für

◀◀ Programm zur 40. Tagung der

DGVS im Jahr 1985 in Freiburg.

Tagungspräsident war Wolfgang

Gerok.

◀ Die Fortschritte der gastroenterologischen

Endoskopie waren

die Tagungsbände der Deutschen

Gesellschaft für gastroenterologische

Endoskopie (DGGE). Die DGGE

wurde 1967 gegründet und 1987

als »Sektion Endoskopie« in die

DGVS integriert.

100


11 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

17.9.1981.

12 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

28.4.1992.

13 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

28.4.1992.

14 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

5.4.1989; ferner: Vorstandssitzung

4.10.1990.

15 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

28.9.1989.

16 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

19.9.1991; ferner: Vorstandssitzung

4.10.1990.

Schreibarbeiten im Sekretariat des Schriftführers einen monatlichen Betrag von

1.000 DM zur Verfügung zu stellen.11 Da die Mitgliederzahlen weiterhin zunahmen,

seit 1989 um weitere 30 Prozent auf 1.650 im Jahr 199112, wurde bald deutlich,

dass dieser Betrag kaum ausreichte. Aus diesem Grund schuf die Gesellschaft

1992 eine eigene Halbtagsstelle »zur Bewältigung der erheblichen sekretariellen

Arbeit«.13

Die personelle Größe der Komitees spiegelte das stetige Wachstum der DGVS

wider. Das Selektionskomitee, das die vorgeschlagenen Tagungsbeiträge bewertete

und zum Vortrag auswählte, bestand in den 1980er Jahren aus sieben Mitgliedern.

Jedes Jahr im Herbst schieden zwei Mitglieder aus und wurden durch zwei

neue ersetzt. »In Anbetracht der erheblichen Zunahme der Vortragsanmeldungen«,

so hieß es damals, »erscheint das Selektionskomitee häufig überfordert

in der Beurteilung und Entscheidung über die Wertigkeit der zahlreichen Vorträge.«

Daher wurde erwogen, die Zahl der Mitglieder auf etwa zehn bis zwölf zu erhöhen,

unter denen die verschiedenen Fachrichtungen durch jeweils eigene Vertreter

beteiligt sein sollten. Darüber hinaus legte die DGVS fest, dass einem

Gutachter ein maximales Arbeitspensum von 50 Vortragsanmeldungen zugemutet

werden sollte.14

Gleichzeitig mit der Vergrößerung der DGVS-Administration entstand eine

Art Gegenbewegung zum Wachstumskurs. Hier wurde argumentiert, dass es

dringend notwendig sei, die Komplexität der Organisation zu reduzieren. Der Vorstand

wollte zu diesem Zweck beispielsweise die verschiedenen Preiskomitees

der DGVS zusammenfassen.15 Im April 1991 beschloss daraufhin der Beirat während

seiner Sitzung in Wiesbaden, dass es fortan nicht mehr für jeden Preis ein

eigenes Komitee geben sollte, sondern lediglich insgesamt zwei, die für die Vergabe

aller Preise zuständig sein sollten.16

Kapitel 6

▶ Am Donnerstag, den 9. November

1989 um 21:15 Uhr überquert

die erste DDR-Bürgerin die offene

Grenze zwischen Ost- und Westberlin.

Die deutsche Teilung ist

damit Geschichte, doch der lange

Prozess der gegenseitigen Annäherung

und Aufarbeitung beginnt

erst. Nicht nur für die Mitglieder

der DGVS stellt sich die Frage, wie

mit Kollegen aus Ostdeutschland

umgegangen werden soll, die in

der DDR Mitglieder der SED oder

gar Mitarbeiter des MfS gewesen

sind.

▶▶ Im Zuge der Wiedervereinigung

Deutschlands kommt es zu

mehreren Treffen beider deutscher

Fachgesellschaften, in deren Folge

sich die Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR Ende 1990

auflöst und ihren Mitgliedern

empfiehlt, der DGVS beizutreten.

Auf der ersten gesamtdeutschen

Tagung im Oktober 1990 in Essen

begrüßt die DGVS schließlich fast

300 Besucher aus den Neuen Bundesländern.

Die Steuerprüfung – Nachzahlung und schwierige Finanzlage

Seit den 1960er Jahren war die Anzahl der Tagungsteilnehmer stetig gestiegen. Sie

behielt jedoch einen Umfang, der es den jeweiligen gastgebenden Tagungspräsidenten

weiterhin ermöglichte, die Organisation selbst durchführen zu können.

Unterstützung erhielten diese von einem Kongresssekretär, der vom Tagungspräsidenten

bestimmt wurde, sowie durch eine hauptberufliche Schreibkraft, die für

je anderthalb Jahre eingestellt wurde. Doch parallel zum Wachstum der Gesell-

101


17 DGVS Archiv: Beiratssitzung,

17.4.1985.

schaft mussten auch die Organisationsstrukturen für die Kongresse neu ausgerichtet

werden. So verpflichtete die DGVS 1984 einen Dienstleister zur Planung der

40. Tagung in Berlin.17 Neben den Kongressen wurden die Industrieausstellungen

für die Gesellschaft immer bedeutender, denn diese konnten Einnahmen für die

DGVS generieren. Doch der wirtschaftliche Erfolg hatte weitreichende Konsequenzen:

Im Rahmen einer Steuerprüfung im Jahr 1987 sah das Finanzamt die

Einnahmen aus diesen Veranstaltungen wegen ihrer Höhe als betriebswirtschaftliche

Erlöse an und verpflichtete die DGVS, sie rückwirkend für die Jahre 1982 bis

1987 zu versteuern. Die Steuerschuld belief sich auf 410.000 DM. Obwohl sämtliche

Rücklagen der DGVS in die Steuernachzahlung flossen, bestanden Ende 1988

noch knapp 200.000 DM an Verbindlichkeiten. Um diese tilgen zu können, wurde

eine Sonderumlage für die Mitglieder in Höhe von 80 DM bzw. 200 DM notwendig.18

Die dadurch erzielten Mehreinnahmen von 142.500 DM reichten gemeinsam

mit den Kongressüberschüssen aus den Jahren 1988 und 198919 aus, um die Steuerschulden

zu begleichen. So konnte der Schatzmeister der Mitgliederversammlung

im September 1989 wieder einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen.20

Nachdem die DGVS die steuerlichen Fallstricke mit viel Lehrgeld hatte bezahlen

müssen, entwickelten sich die Kongresse sowohl wissenschaftlich als

auch im Hinblick auf die Teilnehmerzahlen erfolgreich weiter. Die organisatorische

Neuausrichtung durch Einschaltung eines Kongressdienstleisters vermied

weitere steuerrechtliche Probleme. Die Firma Hinte war künftig für die Ausrichtung

sowohl der Tagung als auch der Industrieausstellung verantwortlich, die

wissenschaftliche Organisation allerdings verblieb bei der DGVS. Die Zusammenarbeit

dauerte bis 1994 an.

18 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

21.9.1988.

19 DGVS Archiv: Vorstandsitzung,

5.4.1989.

20 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

28.9.1989.

21 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

12.4.1994.

22 DGVS Archiv: Außerordentliche

Vorstandssitzung, 26.1.1998.

Die Gastro-Orga GmbH

Nach der Kündigung der Zusammenarbeit mit dem Kongressdienstleister im Jahr

1994 – der Vertrauensmann der DGVS hatte die Firma verlassen – musste eine

neue Möglichkeit gefunden werden, dass »die finanzielle Gesamtverantwortung

für den Komplex der nicht-gemeinnützigen Einnahmen von der neu zu beauftragenden

Organisationsfirma in ähnlicher Weise übernommen wird, wie dies durch

die Firma Hinte gewährleistet war.«21 Hierfür beauftragte die DGVS das Unternehmen

Interplan mit der Ausrichtung der künftigen Kongresse – zunächst in gewohnter

Manier.22 Parallel erwog die DGVS die Gründung einer eigenen Organisa-

◀◀ Verhandlungsband der

DGVS-Tagung von 1990.

◀ Die erste DGVS Leitlinie zur Diagnostik

und Therapie der Helicobacter-pylori-Infektion

erschien in

der Zeitschrift für Gastroenterologie

im Jahr 1996 (Z Gastroenterol

1996; 34: 392 – 401). Treibende

Kraft bei diesem Schritt zur Qualitätssicherung

der Diagnose und

Behandlung war Wolfgang F.

Caspary.

102


23 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

11.3.1996.

24 DGVS Archiv: Protokoll Telefonkonferenz

des Vorstandes der

DGVS, 5.2.1997.

25 DGVS Archiv: Gesellschafterversammlung

der Gastro-Orga GmbH

Mölln, 17.9.1997.

26 DGVS Archiv: Mitgliederversammlung

der DGVS, 18.9.1997.

27 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

9.4.1991.

tionsfirma. »Eine solche GmbH könnte eine 100%ige Tochter der Gesellschaft sein

und die finanzielle Abwicklung der Jahreskongresse übernehmen«, hieß es in der

Vorstandssitzung. »Hierbei soll gewährleistet werden, dass die finanzielle Verantwortung

für die Abwicklung [...] steuerlich einwandfrei verläuft. Eine solche

GmbH könnte den Arbeitsaufwand des jeweiligen Präsidenten, die steuerlich einwandfreie

Absetzbarkeit der entstandenen Unkosten und die Zusammenarbeit

mit der Industrie optimieren.« Letztendlich plädierte der Vorstand für diesen Vorschlag

und beauftragte die Gesellschaftsmitglieder Paul G. Lankisch und Harald

Henning mit der Erarbeitung eines Konzepts.23

Anfang 1997 konnten die Pläne in die Realität umgesetzt werden. Nach zahlreichen

Besprechungen mit den Justiziaren der DGVS sowie der Ausarbeitung und

Genehmigung von Gesellschaftsvertrag und Geschäftsordnung24 fand am 8. April

1997 die erste ordentliche Sitzung der neu gegründeten Gastro-Orga GmbH im

Rahmen der Vorstandssitzung in Wiesbaden statt. Am 28. August 1997 wurde die

»Gastroenterologie-Organisationsgesellschaft Mölln mbH (Gastro-Orga)« schließlich

ins Handelsregister eingetragen.25 Geschäftsführer war Harald Henning aus

Mölln, stellvertretender Geschäftsführer wurde Burkhard Göke aus Marburg.26

Um den Status der Gemeinnützigkeit der DGVS zu erhalten, jedoch zugleich

eine finanzielle Grundlage für die Umsetzung weiterer Projekte zu schaffen, wurde

mit der Gastro-Orga GmbH eine Struktur geschaffen, die nun zwar im Interesse

der DGVS agierte, jedoch rechtlich und steuerlich von dieser getrennt war. Zudem

war mit dem Kongressdienstleister Interplan ein kompetenter langfristiger Partner

für die weitere Professionalisierung der Kongressorganisation gefunden.

Kapitel 6

Übergang des Schriftführeramts von Caspary auf Manns 1992

Anfang der 1990er Jahre, zeitgleich mit dem Beginn der Neuorganisation der Kongresse,

fand ein Führungswechsel in der DGVS statt. 1991 gab Wolfgang F. Caspary

bekannt, dass er das Amt des Schriftführers nach Ablauf seiner Amtszeit nicht

weiterführen werde. 1992 ging das Amt des Schriftführers auf Michael Manns

über.27

Jedoch setzte Wolfgang F. Caspary seine Arbeit für die Gesellschaft auch

nach 1992 fort und übernahm die Schriftleitung der Zeitschrift für Gastroenterologie

von Georg Strohmeyer. 2002 erstellten Caspary und Peter Frühmorgen im Rahmen

des DRG-Evaluationsprojekts Gastroenterologie in Zusammenarbeit mit der

DRG-Research-Group in Münster den »Kodierleitfaden«. Dieser Leitfaden enthielt

eine Anleitung zur korrekten Abbildung von verschiedenen Krankheitsbildern

des Verdauungssystems im DRG-System. Später wurde dieser auf Initiative von

Ulrich Rosien und Bora Akoglu in Zusammenarbeit mit der DRG-Research-Group

weitergeführt und weiterentwickelt.

Caspary erarbeitete ferner zusammen mit Jürgen Riemann Vorschläge zur

Ergänzung des neuen ICPM-GE-Katalogs, der die revidierten Prozedurenschlüssel

enthielt. In der ursprünglichen Fassung hatten spezifisch-gastroenterologische

Prozeduren praktisch völlig gefehlt.

In Michael Manns’ erstem Jahr als Schriftführer führte die DGVS unter dem

Vorsitz von Gustav Paumgartner äußerst erfolgreich ihre 47. Jahrestagung in der

103


28 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

28.4.1992.

bayerischen Landeshauptstadt München durch. Es trafen sich – neben den zahlreichen

Programmteilnehmern – acht Arbeitsgruppen.28 An einer Video-Demonstration

nahmen mehr als 800 Besucher teil und bereits an den ersten zwei Tagen

des Kongresses hatten sich etwa 1.300 Teilnehmer registriert.29

Für Manns und die DGVS stellte der stete personelle Zuwachs eine organisatorische

Herausforderung dar. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten war

die DGVS so klein gewesen, dass sich zumindest die aktiven Mitglieder alle kannten

und so zwischen diesen fast schon eine familiäre Atmosphäre geherrscht hatte.

Mit zunehmender Größe und Professionalisierung der Gesellschaft wurde die

DGVS anonymer. Neben einer weniger persönlichen Stimmung auf den Kongressen

ergaben sich daraus ganz praktische Probleme. Bisher wurden zum Beispiel

säumige Beitragszahler vom Vorstand der Gesellschaft auf den Kongressen persönlich

erinnert. Jetzt wurde es notwendig, das Verfahren zu automatisieren und

Mitgliedern, die mehrmals ihre Beiträge nicht bezahlt hatten, die Mitgliedschaft in

der DGVS zu entziehen.30

29 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

8.10.1992.

30 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

23.9.1993.

31 DGVS Archiv: Außerordentliche

Sitzung des Vorstandes der DGVS,

25.1.1999.

Eine neue Idee: Das Gastro-Haus

Im Jahr 1999 stellte der neue Schatzmeister Paul G. Lankisch fest, dass die DGVS

für den Status der Gemeinnützigkeit ein zu großes Vermögen besaß. Natürlich

wollte die Gesellschaft den Status der Gemeinnützigkeit in jedem Fall erhalten.

Aus diesem Grund musste der Vorstand die steuerlich unbedenkliche Bildung von

Rücklagen in die Wege leiten. Voraussetzung für diese Rücklagenbildung war die

Definition und Umsetzung eines gemeinnützigen Zweckes.31 Es wurden Beratungen

in Vorstand und Beirat anberaumt, um die Frage zu erörtern, wofür die Rücklage

zu bilden sei. Ein Vorschlag, wie das Geld sinnvoll investiert werden konnte,

wurde besonders lange und intensiv diskutiert: die Gründung eines »Gastro-Hauses«

mit einem hauptamtlichen Geschäftsführer als »Zentrale der DGVS«. An diesem

großen Projekt sollten sich auch die Gastro-Liga, die Arbeitsgemeinschaft

leitender gastroenterologischer Krankenhausärzte sowie andere Gruppierungen

beteiligen. Der Vorteil einer solchen Zentralisierung lag klar auf der Hand: Sie bedeutete

einen weiteren Schritt in Richtung eines einheitlichen Auftretens der

Gastroenterologen und war notwendig, um die Handlungsfähigkeit und den

»Wirkungsgrad« der DGVS insgesamt zu verbessern.

◀ 2002 erstellten Wolfgang F.

Caspary und Peter Frühmorgen im

Rahmen des DRG-Evaluationsprojekts

Gastroenterologie in Zusammenarbeit

mit der DRG-Research-Group

von Norbert Roeder in

Münster den Kodierleitfaden.

104


32 DGVS Archiv: Vorstandssitzung,

22.9.1999.

Obwohl die Idee zu diesem Zeitpunkt noch nicht völlig ausgereift war, fand

sie große Zustimmung unter den Mitgliedern der Gesellschaft. Es wurde der

grundsätzliche Beschluss gefasst, dass für die DGVS ein Geschäftsführer eingestellt

und eine Geschäftsstelle eingerichtet werden sollte. Die Erarbeitung eines

endgültigen Konzeptes für den Erwerb der Geschäftsstelle und die Installation des

Geschäftsführers wurde dem Vorstand übertragen.32 Der Vorstand widmete sich

dieser Aufgabe in gewissenhafter Weise.

Kapitel 6

▶ Logo in den 1980er Jahren.

▶▶ Logo der DGVS aus den 1990er

Jahren.

▶▶▶ Das aktuelle Logo stammt

aus dem Jahre 2004.

105


106


1 DGVS Archiv: Protokoll, Vorstandssitzung

22.9.1999.

2 Lankisch PG. Nachruf auf Professor

Dr. Harald Henning. Z Gastroenterol

2015; 53: 344 – 345.

3 DGVS Archiv: Protokoll, Vorstandssitzung

9.4.2002.

Die DGVS im 21. Jahrhundert

Kapitel 7

Neue Strukturen, neue Initiativen 2000 – 2010

Am Beginn des neuen Jahrhunderts war evident, dass die DGVS vor dem Hintergrund

rasch zunehmender Mitgliederzahlen, vor allem wegen neuer Anforderungen

durch den Fortschritt in der Medizin und im Wissenschaftsbetrieb sowie im

Gesundheitswesen einer weiteren Professionalisierung und Profilierung bedurfte.

Organisatorisch war bereits im September 1999 eine zentrale Geschäftsstelle mit

einer hauptamtlichen Geschäftsführung der DGVS angedacht worden, um die Aktivitäten

der Gesellschaft zu bündeln, ihre Handlungsfähigkeit und ihren Wirkungsgrad

zu optimieren und nach außen zu repräsentieren.1 Die bisherige Geschäftsstelle

war in Mölln bei Harald Henning2 angesiedelt, der 1997 die

Geschäftsführung der Gastro-Orga übernommen hatte. Die Suche nach einem

geeigneten Standort in Berlin nahm Zeit in Anspruch. Interimistisch fungierte

Julius Schoenemann zwischen 2000 und 2003 als Geschäftsführer der DGVS. In

dieser Übergangsphase bestand das Sekretariat (Frau Zubert) der Geschäftsstelle

in Mölln neben einem Kölner Büro bis 2003 fort.3

Nachdem Michael Manns, Sekretär der DGVS seit 1992, die Weichen für die

Neuorganisation der DGVS gemeinsam mit dem Vorstand der Gesellschaft gestellt

hatte, gab er im September 2000 seinen Rücktritt bekannt. Seine Nachfolge übernahm

am 1.1.2001 Wolff Schmiegel, Bochum, der seit 1998 gemeinsam mit Michael

Manns als dessen Stellvertreter die Neuorientierung mit initiierte. Wolff Schmiegel

wird bis 2009 mit Beharrlichkeit, Weitsicht, hoher Überzeugungs- und Durchsetzungskraft

die Entwicklung der DGVS im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts

mit einer Vielzahl von Neuerungen und umgesetzten Ideen nachhaltig

prägen. Neben den internen strukturellen Veränderungen der DGVS standen Fragen

der Weiterbildungsinhalte, der Novellierung der Musterweiterbildungsordnung

der Bundesärztekammer, der Qualitätssicherung, der Leitlinienerstellung,

der Abbildungsqualität gastroenterologischer Leistungen innerhalb des DRG-Systems

und die Öffentlichkeitsarbeit im Fokus. Für Wolff Schmiegel war zudem die

Fortentwicklung, systematische Organisation und Förderung sowie die Etablierung

neuer wissenschaftlicher Arbeitsgemeinschaften innerhalb der DGVS ein

wichtiges Anliegen, zumal diese nahezu alle wissenschaftlichen Felder und klinischen

Behandlungsgebiete der Gastroenterologie/Hepatologie vertreten, aktuelle

Forschungsansätze diskutieren und neue Forschungsprojekte anstoßen. So unterstützte

er gezielt die Gründung zahlreicher neuer Arbeitsgruppen; auf seine Anre-

107


4 DGVS Archiv, Protokoll, Vorstandssitzung

20.3.2007/Beiratssitzung

17.4.2007.

gung wurden 2007 die AG Neuroendokrinologie/Stoffwechsel einschließlich Diabetes

mellitus und Adipositas, die AG Geriatrische Gastroenterologie und die AG

Gastroenterologische Palliativmedizin ins Leben gerufen.4 Nach einer Initiative

Wolff Schmiegels werden seit 2007 jährliche monothematisch ausgerichtete

Spring Conferences durchgeführt, um auch außerhalb der DGVS-Jahrestagungen

den wissenschaftlichen Austausch zu ermöglichen. Die thematische Sichtbarkeit

soll die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaften würdigen und stärken.5

Am nachhaltigsten und im Gesamtmaßstab am bedeutsamsten sind Wolff

Schmiegels Initiativen und Beiträge zur Einführung der Dickdarmkrebs-Vorsorge

und der Darmkrebs-Früherkennungskoloskopie, zumal diese für die Patientenversorgung

von unschätzbarem Wert ist. Die 1999 unter Schmiegels Leitung erarbeitete

S3-Leitlinie der DGVS zum Kolorektalen Karzinom und das unter seiner

Federführung 2002 für den Gemeinsamen Bundesausschuss erstellte Gutachten

zum Kolorektalen Karzinom wurden Grundlage für die Etablierung des Dickdarmkrebs-Vorsorgeprogramms

in Deutschland. Als erstes Land weltweit hat Deutschland

im Oktober 2002 die Früherkennungs-Koloskopie als Bestandteil in das

gesetzliche Krebsvorsorgeprogramm implementiert und mit gesetzlichen Qualifikationsvorgaben

zur Durchführung der Untersuchung verknüpft. Die Ergebnisse

der Vorsorge-Koloskopie werden in einem Nationalen Register systematisch dokumentiert

und analysiert. Durch die Detektion und die endoskopische Entfernung

von Adenomen entfaltet die Vorsorge-Koloskopie ihren hohen Nutzen im

Sinne einer primären Prävention. Die Daten aus den ersten zehn Jahren dieser

Früherkennungsmaßnahme legen nahe, dass in diesem Zeitraum 180.000 Neuerkrankungen

an einem Kolon-Karzinom verhindert worden sind.

Die Früherkennungs-Koloskopie einschließlich der Qualitätsstandards

hatte und hat für die alltägliche Arbeit, vor allem der niedergelassenen Gastroenterologen,

eine eminente Bedeutung und prägt seit 2002 ihr Tätigkeitsprofil

nach haltig.

Im Kontext der Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft Gastroenterologische

Onkologie, gegründet 1980 (AGO; seit 2007 Arbeitsgemeinschaft für Gastrointestinale

Onkologie, AGiO) bemühte sich Wolff Schmiegel um eine interdisziplinäre

Kooperation mit der von der DGHO gegründeten Arbeitsgemeinschaft Internistische

Onkologie (AIO). Nicht einfache Gespräche führten nach einer Initiative des

DGIM-Präsidenten Volker Diehl dazu, dass sich die AIO anderen onkologisch aktiven

Teilgebieten der Inneren Medizin öffnete und sich eine offene Zusammenarbeit

entwickelte. Der Sitz der AGO wechselte 2001 von Bochum zu Guido Adler

nach Ulm. 2002 machten Vorstand und Beirat der DGVS den Weg frei für die Zertifizierung

der AGO-Fortbildungsveranstaltungen.6 Im Folgejahr führte die AGO das

Zertifikat Onkologische Gastroenterologie ein, das durch Seminarmodule erreicht

werden kann. Dieses Format fand unter den Mitgliedern unserer Fachgesellschaft

große Resonanz. Die interdisziplinäre Erarbeitung der S3-Leitlinien zum exokrinen

Pankreaskarzinon (G. Adler/T. Seufferlein), zum Magenkarzinom (M. Möhler)

und zum hepatozellulären Karzinom (T. Greten/N. Malek) dokumentierten die Aktivität

der DGVS in diesen Themenfeldern. Als Sekretär der DGVS hat Wolff Schmiegel

kontinuierlich für die strukturellen und inhaltlichen Voraussetzungen gesorgt,

5 DGVS Archiv, Protokoll, Vorstandssitzung

28.1.2007/Vorstandssitzung

20.3.2007/Beiratssitzung

17.4.2007.

6 DGVS Archiv, Protokoll, Beiratssitzung

9.4.2002/Vorstandssitzung

11.9.2002.

108


7 DGVS Archiv: Protokoll, Telefonkonferenz

DGVS Vorstand

30.4.2002 und Vorstandssitzung

5.7.2002.

8 DGVS Archiv: Protokoll, Beiratssitzung

29.4.2003 und Sondersitzung

des DGVS-Vorstands

4.6.2003.

9 DGVS Archiv: Protokoll, Sondersitzung

des DGVS Vorstands

4.6.2003.

10 DGVS Archiv: Protokoll, Vorstandssitzung

13.9.2000.

11 DGVS Archiv: Protokoll, Vorstandssitzung

13.2.2002.

damit die gastroenterologische Onkologie eine der klinischen Haupttätigkeiten in

der Gastroenterologie darstellt.

Das Gastro-Haus am Olivaer Platz 7 in Berlin

und neue Geschäftsführung

2002 wird mit dem Erwerb von Räumlichkeiten am Olivaer Platz 7 in Berlin die

entscheidende Voraussetzung für eine zentrale Geschäftsstelle der DGVS in der

Bundeshauptstadt geschaffen.7

Mit dem 1. Juni 2003 übernahm Diana Kühne, Juristin und Betriebswirtin

(VWA), hauptamtlich die Geschäftsführung der DGVS sowie der Gastro-Orga.8 Die

Geschäftsstellen in Mölln und Köln wurden in das Berliner Büro übernommen.

Während der erstmals im Gastro-Haus in Berlin am Olivaer Platz 7 stattfindenden

Sitzung des DGVS-Vorstandes am 4.6.2003 wurde die neue Geschäftsstelle in Betrieb

genommen – ein Symbol für einen strukturellen Neubeginn, wenn auch zunächst

unter einfachen Bedingungen mit der Suche nach »einer Halbtagskraft als

Sekretärin« als Angestellte der DGVS.9 Rasch entwickelte die neue Geschäftsführerin

die Geschäftsstelle zu einer Zentrale für vielfältige Koordinationsaufgaben,

das Managen von Projekten, Treffen der DGVS- Gremien, der Kongress- und Seminarorganisation

und der äußerst wichtigen Koordination der Leitlinienarbeit. In

den folgenden zehn Jahren wurde aus den bescheidenen Anfängen ein hochprofessionelles

Büro, in dem die Geschäftsführerin von sechs Mitarbeiterinnen unterstützt

wurde.

Kapitel 7

Bundesverband

Nahezu zeitgleich entstanden Initiativen, neben der DGVS als wissenschaftlicher

Fachgesellschaft eine berufsständische Vertretung der Gastroenterologie (Bundesverband

Gastroenterologie Deutschland e. V.) als »Dachorganisation« zu etablieren,

um den zahlreichen berufspolitischen Aufgaben, die sich aus dem immer

anspruchsvolleren Gesundheitsmarkt ergaben, gerecht zu werden.10 Während

sich die DGVS satzungsgemäß als gemeinnützige wissenschaftliche Fachgesellschaft

rein berufspolitischen Aufgaben nicht widmen konnte und kann, sollte es

Aufgabe des Bundesverbandes sein, standespolitische und wirtschaftliche

Aspekte aller im Fachgebiet Gastroenterologie tätigen Ärztinnen und Ärzte zu vertreten.

Der Bundesverband wurde im Dezember 2000 gegründet, sein Vorstand

setzt sich wie folgt zusammen: zwei Vertreter des DGVS-Vorstandes, ein Vertreter

der Gastro- Liga, ein Vertreter der Arbeitsgemeinschaft universitärer Gastroenterologen

(AUG), ein Vertreter der Arbeitsgemeinschaft leitender gastroenterologischer

Krankenhausärzte (ALGK), ein Vertreter des Berufsverbandes Deutscher

Internisten, Sektion Gastroenterologie (BDI) und ein Vertreter des Berufsverbandes

Niedergelassener Gastroenterologen (bng).

Finanziert wird der Bundesverband über eigens erhobene Mitgliederbeiträge.

Die Gründung des neuen Verbandes war nicht unumstritten. So berichtete der

langjährige Schatzmeister der DGVS während der Vorstandssitzung im Februar

2002, dass die Gründung der Interessenvertretung zunächst zu einem verstärkten

Austritt von Mitgliedern aus der DGVS geführt habe.11 In der Folgezeit entwickelte

109


12 DGVS Archiv: Protokolle

der Mitgliederversammlung

2000 – 2004.

sich der Bundesverband zu einem festen Bestandteil der berufsständischen Vertretung

der Gastroenterologen in Deutschland.

Neuordnung der Vorstandsarbeit der DGVS

Der Erwerb des Gastro-Hauses und die Einführung einer hauptamtlichen Geschäftsführung

bezogen sich auf eine grundsätzliche Veränderung des administrativen

Umfeldes der DGVS. Auch für die Arbeit des DGVS-Vorstandes sollte ein

Wandel erfolgen, insbesondere um eine stärkere Kontinuität in der Leitung der

Fachgesellschaft und die Durchsetzung langfristiger Konzepte zu ermöglichen. So

wurde bereits im September 2000 aus der Mitte der Mitgliederversammlung von

Wolfgang E. Schmidt eine Änderung der Geschäftsordnung vorgeschlagen, nach

der die Amtszeit des Präsidenten der DGVS auf sechs Jahre zu verlängern sei.12 Es

sollte knapp zehn Jahre dauern, bis diese Diskussion zu Änderungen der bisherigen

Organisation der Vorstandsarbeit führte. Herbert Koop wurde 2009 während

seiner Kongresspräsidentschaft aktiv und schlug in einem Plädoyer für eine Qualitätsoffensive

die Trennung der Ämter (Kongresspräsident und Präsident der

Fachgesellschaft für das Tagesgeschäft und die Außenvertretung) vor.13 Herbert

Koops Konzept sah zudem eine Erweiterung des Vorstandes um drei Mitglieder

vor, die die bedeutsamen Schwerpunkte Leitlinien, Fort- und Weiterbildung sowie

Öffentlichkeitsarbeit vertreten sollten. Diese Gedanken wurden 2010 vom

DGVS-Vorstand aufgenommen und von Guido Adler formuliert: Trennung der

Funktion des für das Tagesgeschäft Verantwortlichen von der Funktion des Kongresspräsidenten

und klar definierte Aufgabenverteilung innerhalb eines mehrköpfigen

Vorstandes.14 Die neue Struktur wurde 2011 mit der DGVS-Präsidentschaft

von Markus Lerch und dem Kongresspräsidenten Peter Malfertheimer

erstmals umgesetzt. Der Geschäftsverteilungsplan des Vorstandes:

13 Koop H. Plädoyer für eine

Qualitätsoffensive. Z Gastroenterol

2009; 47: 1123.

14 DGVS Archiv: Protokolle, Beiratssitzung

13.4.2010.

▹▹

▹▹

▹▹

▹▹

▹▹

Präsident der DGVS, (Vorsitzender des Vorstandes), Amtszeit

3 Jahre, einmalige Wiederwahl möglich; zuständig für das

Tagesgeschäft, aktuelle Stellungnahmen, Außendarstellung,

Kongresspräsident,

Schatzmeister,

Vorstandsmitglied 1 (Schwerpunkt: Leitlinien),

Vorstandsmitglied 2 (Schwerpunkt: Fort- und Weiterbildung),

◀ Kaufvertrag Gastro-Haus, Tobias

Seidel, Peter Layer, Wolff Schmiegel.

2002 zog die DGVS an den

Olivaer Platz 7 in Berlin.

110


15 DGVS Archiv: Protokolle

der Mitgliederversammlung

2000 – 2004.

16 DGVS Archiv: Protokoll, Vorstandssitzung

12.8.2006/Vorstandssitzung

28.11.2006.

17 DGVS Archiv: Protokoll der Mitgliederversammlung

2010.

18 DGVS Archiv: Protokoll der Mitgliederversammlung

2012.

▹▹

▹▹

▹▹

▹▹

Vorstandsmitglied 3 (Schwerpunkt: Öffentlichkeitsarbeit),

Vorsitzender Sektion Endoskopie,

Sekretär Sektion Endoskopie,

Vorsitzender des Bundesverbandes Gastroenterologie

Deutschland (formal als ständiger Gast).

Kapitel 7

Wissenschaftliche Tagungen und Fortbildung

Bei der Gestaltung und Durchführung der DGVS-Jahrestagungen wurde eine Tradition

aufgenommen, die bereits während der Ersten Tagung über Verdauungsund

Stoffwechselkrankheiten 1914 in Bad Homburg von Ismar Boas wiederholt

propagiert wurde: die interdisziplinäre Kooperation mit den Chirurgen. Während

Wolfgang Fleigs Präsidentschaft 2004 fanden erstmals im Rahmen des DGVS-Kongresses

Arbeitsgruppentreffen der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie

(DGAV) statt.15 Ein erster gemeinsamer Kongress DGVS/DGAV erfolgte

mit der Jahrestagung 2006 in Hannover; dieses Format wurde 2007 in Bochum

während der Kongresspräsidentschaft von Wolff Schmiegel fortgesetzt.16 2008

fand der gemeinsame Kongress unter dem neuen Kongress-Logo Viszeralmedizin

statt; die Jahrestagungen der DGVS waren nun fest mit der Herbsttagung der DGAV

sowie ihren Arbeitsgemeinschaften verbunden.

Eine weitere Veränderung betraf die Präsentation der eingereichten Abstracts.

Während der Kongresspräsidentschaft von Peter Layer 2012 in Hamburg

wurde erstmals allen Abstract-Autoren die Möglichkeit eingeräumt, ihre zusammenfassenden

Darstellungen als wissenschaftliche Kurzvorträge zu präsentieren.

Damit wurde eine attraktive Möglichkeit für den wissenschaftlichen Nachwuchs

geschaffen, die eigene Arbeit – nicht nur als Poster – einem breiteren Fachpublikum

vorzustellen.

Die gezielte Nachwuchsförderung der DGVS rückte auch bei anderen Themen

zunehmend in den Fokus: 2010 wurde erstmals ein Karriereforum im Rahmen

des Kongresses veranstaltet, welches in den Folgejahren an Bedeutung und

Umfang gewann.17 Zudem wurde ein Mentorenprogramm für Medizinstudenten

ins Leben gerufen, das sich großer Beliebtheit erfreut und den Nachwuchs bereits

während des Studiums für die Gastroenterologie begeistern soll.18

Die bereits erwähnten, von Wolff Schmiegel 2007 begründeten jährlichen

Spring Conferences stellen eine wertvolle Plattform besonders für jüngere Wis-

▶ 1992 stiftete die DGVS eine

Gedenktafel für Ismar Boas, die in

der Klinik für Innere Medizin der

Charité in Berlin montiert wurde.

Nach Bauarbeiten wurde die Tafel

entfernt und im Frühjahr 2013 in

einem Festakt wieder platziert.

111


19 Sackett DL, Rosenberg W. Evidence

based medicine. What it is

and what it isn’t. BMJ 1996 January

13; 312(7023): 71 – 72.

senschaftler dar, über die sie zwischen den DGVS Jahrestagungen zu den eigenen

wissenschaftlichen Arbeiten referieren und diskutieren können. Die Themenfindung

erfolgt jährlich durch Ausschreibung unter den Arbeitsgemeinschaften der

DGVS.

Zu dem Fortbildungsangebot der DGVS gehört seit 2003 das Seminar zur Erlangung

des Zertifikates Onkologische Gastroenterologie. Dieses sehr erfolgreiche

Seminarkonzept wurde in den folgenden Jahren um die Themen Hepatologie,

chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sowie um das Seminar Ernährungsmedizin

erweitert. Diese Fort- und Qualifizierungsangebote stoßen auf eine sehr

breite Resonanz, sind außerordentlich erfolgreich, und die Wartezeiten für Interessenten

der nächsten Kurse sind immer noch lang.

Der im Jahr 2008 erstmals von Paul G. Lankisch und Helmut Messmann

organisierte Intensivkurs Gastroenterologie, der Prüflingen eine Auffrischung des

Wissens und Orientierung für die Prüfung im Schwerpunkt Gastroenterologie

vermittelt, ist ein weiteres erfolgreiches Fortbildungsformat und wird inzwischen

jährlich an den Standorten Lüneburg und Augsburg ausgerichtet.

20 Boas I. Therapie und Therapeutik.

Ein Mahnruf an Ärzte, Kliniker

und Pharmakologen. Berlin: Verlag

von S. Karger, 1930.

Leitlinien als Instrumente der Qualitätssicherung

Mehr als andere medizinische Fachgesellschaften widmete und widmet sich die

DGVS der Aufgabe, Leitlinien für die Optimierung der Krankenbehandlung zu erstellen.

Leitlinien sollen den Stand des gegenwärtigen Wissens widerspiegeln und

als Handlungsempfehlung dienen, um die ärztliche Versorgung zu verbessern

und auf eine gesicherte Grundlage zu stellen. Galt in früherer Zeit in erster Linie

die Erfahrung des einzelnen Arztes als Kriterium für die Entscheidungen über Diagnostik

und Therapie, so soll zukünftig die bestmögliche Evidenz aus systematischer

Forschung in jede individuelle Entscheidung des Arztes einbezogen werden.19

Hierbei handelt es sich um ein Prinzip, auf dessen notwendige Anwendung

bereits der »Vater« unseres Faches, Ismar Boas, in seiner wissenschaftskritischen

Schrift Therapie und Therapeutik. Ein Mahnruf an Ärzte, Kliniker und Pharmakologen

1930 verwiesen hat.20

Inhaltlich enthalten die Leitlinien die Darstellung eines Krankheitsbildes,

bewährte und durch hochwertige klinische Studien belegte Diagnose- und Therapieverfahren

für die jeweilige Krankheit sowie Hinweise zum Umgang mit den

Patienten und die Aufklärung über die Krankheit und deren Behandlung. Eine re-

◀ + ◀◀ 2007 fand in Berlin die

erste DGVS Spring Conference statt.

Die Veranstaltung, die seitdem

jährlich wiederholt wird, steht

immer unter einem besonderen

Motto. Thema der ersten Konferenz

war »Intestinal Infection«.

◀◀ DGVS Spring Conference 2012

in Berlin.

◀◀◀ Tagungsbände erscheinen als

Sonderausgaben der Zeitschrift für

Gastroenterologie, hier der Band

zur 64. Tagung 2009 in Hamburg.

112


21 Vgl. Hart D. Ärztliche Leitlinien-Definitionen,

Funktionen,

rechtliche Bewertungen. Gleichzeitig

ein Beitrag zum medizinischen

und rechtlichen Standardbegriff.

MedR 1998; 16/1: 8 – 16.

22 Fishman L. Methoden zur

Aktualisierung von medizinischen

Leitlinien. Eine quantitative

und qualitative Analyse. Berlin

2012; 16.

23 Eine Übersicht über die DGVS

Leitlinien findet sich unter http://

www.dgvs.de.

24 Caspary WF, Arnold R, Bayerdörffer

E, Behrens R, Birkner B,

Braden B, Domsche W, Labenz

J, Koletzko S, Malfertheimer P,

Menge H, Rösch W, Schepp W,

Strauch M, Stolte M, Diagnose

und Therapie der Helicobacter

pylori Infektion. Leitlinie der

Deutschen Gesellschaft für Verdauungs-

und Stoffwechselkrankheiten.

Z Gastroenterol 1996; 34:

392 – 401.

25 Koop H. Plädoyer für eine

Qualitätsoffensive. Z Gastroenterol

2009; 47: 1123.

gelmäßige Aktualisierung der Leitlinien stellt sicher, dass diese stets dem aktuellen

Forschungsstand entsprechen. Im Gegensatz zu Richtlinien sind Leitlinien

rechtlich nicht bindend, allerdings muss der Arzt erklären, warum er sich im Einzelfall

gegen die Empfehlungen einer vorliegenden Leitlinie entschieden hat.21

Wenngleich das Erstellen von Leitlinien erst in den 1990er Jahren systematisiert

wurde, so lassen sich erste Anfänge sehr viel früher datieren. Bereits 1912

veröffentlichte die Arzneimittelkommission des Deutschen Kongresses für Innere

Medizin eine Positiv- und Negativliste für verschiedene Medikamente.22 Der wesentliche

Unterschied zu den heutigen Leitlinien besteht darin, dass sie von einzelnen

Experten oder Expertengruppen nach deren eigenen Maßgaben erstellt

wurden.

Die DGVS hat zahlreiche Leitlinien zu unterschiedlichen Themen erstellt.23

Die erste Leitlinie entwickelte Wolfgang Caspary 1996 zur Diagnostik und Therapie

des Helicobacter pylori.24 Diese entsprach zwar noch nicht den heute gängigen

Qualitätsrichtlinien der evidenz-basierten Medizin, die die Leitlinien in drei

unterschiedlich anspruchsvolle Klassifikationsstufen unterteilen. Die erste Leitlinie

zeigt, dass sich die DGVS bereits zu einem frühen Zeitpunkt intensiv mit Fragen

der Qualitätssicherung befasste. Die 1999 unter Leitung von Wolff Schmiegel

erstellte S3-Leitlinie zum Kolorektalen Karzinom war für die weitere Entwicklung

wegweisend. Eine hohe Qualität der Leitlinien und ihre stete Aktualisierung sind

explizites Ziel der DGVS.25

2001 wurde unter Federführung von Wolfgang Fleig eine Kommission eingerichtet,

die die wachsende Zahl der gastroenterologischen Leitlinien koordinieren

und Qualitätsansprüche sicherstellen sollte.

Wegen der steigenden Bedeutung der Leitlinienentwicklung wurden 2010

im Rahmen der Umstrukturierung des DGVS-Vorstandes die Aufgaben dieser

Kommission in die Vorstandsarbeit integriert. Seitdem widmet sich mit Stefan

Zeuzem ein Vorstandsmitglied schwerpunktmäßig den Leitlinien.

Kapitel 7

Öffentlichkeitsarbeit

Durch den breit gefächerten Gesundheitsmarkt, in dem zahlreiche Disziplinen um

die öffentliche Darstellung und um die Versorgung der Patienten konkurrieren,

zählt die Öffentlichkeitsarbeit für die DGVS seit einigen Jahren zu den wichtigsten

Aktivitäten. Wie anderen medizinischen Fachgesellschaften ist ihr daran gelegen,

▶ Blick aufs Podium der 66. Jahrestagung

der DGVS 2011 in Leipzig.

Innerhalb der letzten 12 Jahre war

das die dritte Tagung in Leipzig,

der Stadt in der einst Max Bürger

geforscht hat und die Deutsche

Zeitschrift herausgegeben wurde.

In den 80 Jahren zuvor fand noch

nie eine DGVS-Tagung

in Leipzig statt.

113


26 Zeitzeugengespräch Meinhard

Classen, 18.12.2012.

der Bevölkerung ein positives und klar identifizierbares Bild ihrer Disziplin zu

vermitteln. Als besonderes Beispiel hierfür kann Ludwig Demlings Geschick bei

der Vermittlung gastroenterologischer Inhalte gelten: während einer Fernsehsendung

(»Praxis – Das Gesundheitsmagazin«) führte er eine Endoskopie am eigenen

Leib durch, um so die Zuschauer von der Unbedenklichkeit dieser Technik zu

überzeugen.26

Seit den 1980er Jahren kümmert sich die DGVS systematisch um die Öffentlichkeit:

Während der 38. DGVS-Jahrestagung 1983 in München wurde erstmals

eine Pressekonferenz abgehalten. Nach der guten Resonanz seitens der Tagespresse

verstärkte die DGVS die Pressarbeit und informierte die Öffentlichkeit kontinuierlich

über ihre Arbeit.27

Seit 2011 ist die PR der DGVS weiter intensiviert worden. Im Vorstand ist sie

durch Peter Galle vertreten. Unter seiner Leitung wurde eine professionelle

Presse agentur verpflichtet; regelmäßig werden Presseerklärungen zu wichtigen

populären Themen publiziert. Für die DGVS stellt sich diese Aufgabe in besonderer

Weise, da ihr Forschungs- und Behandlungsgebiet äußerst vielfältig ist. Dem

medizi nischen Laien fehlt oft die Orientierung sowie das Wissen über einzelne

Krankheitsbilder und die Vorstellung, was sich hinter der Bezeichnung »Gastroenterologie,

Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten« verbirgt.28

27 DGVS Archiv: Protokoll, Vorstandssitzung

16.8.1984.

28 Zeitzeugengespräch, Markus

Lerch, 11.12.2012.

29 DGVS Archiv: Protokoll, Vorstandssitzung

16.8.2001.

Weiterbildung

Die Definition von Weiterbildungsinhalten hat seit jeher eine besondere Bedeutung

für die DGVS, zumal sich in ihnen das Tätigkeitsspektrum des Schwerpunktes

abbildet. Zudem ist der Katalog der fachspezifischen Leistungen einschließlich hochspezialisierter

interventioneller Prozeduren ein wichtiges Element innerhalb des

Fallpauschalensystems und der ambulanten Vergütungssysteme. 2001 wurde

eine Arbeitsgruppe eingerichtet, deren Zweck es war, Vorschläge zur Weiterbildungsordnung

der Bundesärztekammer zu erarbeiten, deren Verabschiedung

2002 bevorstand. Dabei war es explizites Ziel, die verschiedenen Teilgebiete, wie

die gastroenterologische Onkologie, stärker zu berücksichtigen und zu integrieren.29

Die von der DGVS mitgestaltete Weiterbildungsordnung wurde im Mai 2003

von der Bundesärztekammer verabschiedet. Eine Neuerung war, dass den Gastroenterologen

künftig die fachgebundene MRT als Zusatzweiterbildung offen

◀ Seit 2004 finden die Jahrestagungen

der DGVS gemeinsam mit

der chirurgischen Schwestergesellschaft

DGAV (Deutsche Gesellschaft

für Allgemein- und Viszeralchirurgie)

statt.

114


30 DGVS Archiv: Protokolle

der Mitgliederversammlung,

2000 –2004.

31 DGVS Archiv: Protokoll der Mitgliederversammlung

2005.

32 DGVS Archiv: Protokoll der Mitgliederversammlung

2010.

stand. Äußerst wichtig war, dass nach Initiativen Wolff Schmiegels die medikamentöse

Tumortherapie in die gastroenterologische Weiterbildung aufgenommen

wurde.30

Während der Mitgliederversammlung im September 2005 forderte Herbert

Koop, dass sich die DGVS um eine Novellierung und Neustrukturierung der aktuellen

Weiterbildungsordnung bemühen sollte.31 Daraufhin wurde eine Weiterbildungskommission

gegründet, die ab 2006 unter dem Vorsitz von Wolff Schmiegel

und Markus Lerch Vorschläge erarbeitete, die zu wesentlichen Teilen in die Musterweiterbildungsordnung

eingeflossen sind, die vom 113. Deutschen Ärztetag

2010 in Dresden beschlossen wurde. Die neue Weiterbildungsordnung sollte sicherstellen,

dass die geforderten Untersuchungszahlen für die Weiterbildungsassistenten

erreichbar blieben. Zudem wurde festgeschrieben, dass die Proktologie

Teil der gastroenterologischen Weiterbildung blieb und dass die medikamentöse

Tumortherapie integraler Bestandteil der Gastroenterologie wurde.32 Die feste

Verankerung der chemo- und immuntherapeutischen Behandlungen maligner

Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes, des Pankreas und der Leber erforderte

jahrelange Diskussionen nicht nur mit anderen, sich abgrenzenden Fachgebieten,

sondern auch im Kreis der deutschen Gastroenterologen selbst. Die Tatsache, dass

die medikamentöse Krebsbehandlung heute weder aus dem Tätigkeitsspektrum

noch aus der Weiterbildungsordnung für die Gastroenterologen wegzudenken ist,

geht auf die Aktivitäten Wolff Schmiegels zurück.

Die nächste Novelle der Musterweiterbildungsordnung ist für 2014 geplant.

Auch hier hat sich die DGVS im Verbund mit allen anderen gastroenterologischen

und internistischen Gruppierungen für eine Weiterentwicklung der Weiterbildungsordnung

eingesetzt. Seit 2011 gehört der Themenbereich der Fort- und Weiterbildung

in den Verantwortungsbereich des Vorstandes. Unter dem Vorsitz von

Axel Dignaß wird intensiv an den als notwendig erachteten Veränderungen für

die kommenden Weiterbildungsordnungen gearbeitet.

Kapitel 7

Einführung des g-DRG-Systems

Während der Mitgliederversammlung im September 2001 berichtete Peter Frühmorgen

in seiner Funktion als Vorsitzender der Kommission für Berufsfragen über

das neue DRG-System, dessen Einführung in Deutschland kurz bevorstand. Seit

2004 werden stationäre Leistungen, die in Kliniken erbracht werden, nach einem

▶ Der Bundesverband Gastroenterologie

Deutschland e. V., initiiert

im Jahr 2000, ergänzt die Arbeit

der wissenschaftlichen Fachgesellschaft

DGVS. Er vertritt die Interessen

der Gastroenterologen in

berufsspezifischen Belangen.

115


pauschalisierten Entgeltsystem und nicht mehr nach Tagessätzen abgerechnet.

Auf Grundlage der International Classification of Diseases (ICD), die gegenwärtig in

der zehnten Version zur Anwendung kommt, sowie des Operationen- und Prozedurenschlüssels

(OPS) wird für einzelne Fallgruppen die Kostenerstattung festgelegt,

die das Krankenhaus zur Abrechnung einreichen kann. Organisiert wird das

DRG-System von dem in Siegburg ansässigen »Institut für das Entgeltsystem im

Krankenhaus« (InEK GmbH). Die Erfassung der behandelten Fallgruppen im

Krankenhaus, die Kodierung, stellt eine zusätzliche Belastung für die im Krankenhaus

tätigen Kolleginnen und Kollegen dar. Zudem ergaben sich vielfältige Fragen

im Kontext der Kodierqualität. Von 2007 bis 2010 erreichte die Kommission für

Berufsfragen unter Ulrich Rosien durch überarbeitete Kodierleitfäden sowie jährliche

DRG-, NUB- und OPS-Anträge eine ständige Verbesserung der Kodierqualität

in der Gastroenterologie.

Mit der zunehmenden Ausdifferenzierung des DRG-Systems zeigte sich

rasch, dass genuine gastroenterologische Leistungen bisher im System nicht kostendeckend

abgebildet sind und dass die Gastroenterologie – im Gegensatz zu anderen

Fachgesellschaften – es bisher nicht verstanden hat, den Aufwand ihrer

Leistungen, insbesondere in der Endoskopie, dem InEK gegenüber geltend zu machen.

Ein Hauptgrund hierfür liegt, trotz eines erfolgreichen Benchmarking Projektes

von Ulrich Rosien, in der mangelhaften Dokumentation von Personal- und

Sachkosten für die gastroenterologischen Leistungen in den etwa 200 für das

InEK kalkulierenden Krankenhäusern.

Diese fehlende Dokumentationsbereitschaft bzw. -qualität führt dazu, dass

die Leistungen anderer Fächer erheblich besser vergütet werden und innerhalb

des Systems profitieren. Ebenfalls ist es bisher nicht gelungen, eine nachhaltige

Differenzierung zwischen zeitaufwendigen teuren Eingriffen und einfachen

»Massenleistungen« innerhalb der Gastroenterologie zu erreichen. Da die Auseinandersetzung

mit der Kostenabbildung im DRG-System eine höchst relevante und

genuine Aufgabe der Fachgesellschaft ist, bedarf es in diesem Kontext für die

DGVS noch vieler gezielter Aktivitäten.

Seit 2011 bedienen sich der Vorstand und die Kommission für Berufsfragen

der DGVS, derzeit unter der Leitung von Wolfgang Schepp, professioneller externer

Beraterfirmen, um Änderungen im DRG-System, bei den OPS-Codes für hochspezialisierte

interventionelle endoskopische Verfahren und bei den Anträgen für

besondere Zusatzleistungen (NUB-Entgelte) zu erwirken.33

33 DGVS Archiv: Kommission für

Berufsfragen der DGVS, Innovationen

in der Gastroenterologie

fördern: Anträge auf neue Untersuchungs-

und Behandlungsverfahren

stellen, 2007.

116


Kapitel 7

▶ Das Gastro-Haus: Heimat der

DGVS und zahlreicher weiterer

Organisationen der Gastroenterologie.

117


118


Die DGVS in Gegenwart

und Zukunft

Kapitel 8

Nach über 100-jährigem Bestehen ist die Deutsche Gesellschaft für Verdauungsund

Stoffwechselkrankheiten heute eine der größten und aktivsten medizinischen

Fachgesellschaften Deutschlands. Die hohe Zahl der Mitglieder – inzwischen

über 5.000 – spricht für die große Attraktivität der DGVS. In der Zukunft

wird sie sich allerdings einigen großen Herausforderungen stellen müssen, die

insbesondere durch die Webfehler des deutschen Gesundheitssystems begründet

sind.

◀ Beim Gastro-Lauf anlässlich

der Jahrestagung 2012 in Hamburg

zeigen sich die Teilnehmer

von ihrer sportlichen Seite.

Wirtschaftliche Grundlagen

Die verschiedenen Aktivitäten der DGVS finanzieren sich aus Mitgliedsbeiträgen

und aus Zuwendungen Dritter. Bei letzteren handelt es sich vorwiegend um Hersteller

medizinischer Geräte und Pharmafirmen, die im Bereich der Gastroenterologie

Schwerpunkte gesetzt haben. Durch die langjährige und umsichtige Haushaltsführung

des Schatzmeisters Peter Layer und die Überschüsse aus den

Kongresseinnahmen, die die jeweiligen Präsidenten erwirtschaften konnten,

steht die DGVS als gemeinnütziger eingetragener Verein heute auf einer soliden

finanziellen Grundlage. Da sich der deutsche wie auch internationale Gesundheitsmarkt

aber in immer schnelleren Zyklen verändert, ist das finanzielle Engagement

Dritter, das wesentliche Aktivitäten der DGVS gegenfinanziert und ermöglicht,

ähnlichen Zyklen unterworfen und lässt sich kaum langfristig planen.

Auch die Beziehung zwischen Unternehmen im Gesundheitsmarkt und einzelnen

Ärzten, wie auch ihren Fachgesellschaften, werden zunehmend durch den Gesetzgeber,

die Rechtsprechung, die öffentliche Wahrnehmung, aber auch durch

das Selbstverständnis der Beteiligten verändert und reguliert. Dies erfordert von

der DGVS einen hohen Grad an Flexibilität, sich nicht nur neue Einnahmequellen

zu erschließen – die Neuregelung der Vertragsbeziehung zum Thieme Verlag und

die Miteignerschaft an der Zeitschrift für Gastroenterologie im Jahr 2011 waren hier

ein erster Schritt –, sondern auch die Gestaltung der Jahrestagung und die Priorisierung

ihrer Aktivitäten den sich ändernden Rahmenbedingungen anzupassen.

Soll der Grad der Professionalisierung der DGVS weiter verbessert werden, um die

Attraktivität des Faches und die wissenschaftlichen und beruflichen Gestaltungsmöglichkeiten

seiner Mitglieder zu steigern, erfordert dies zwei Dinge: ein nicht

nachlassendes, ehrenamtliches Engagement der Funktionsträger und, möglicherweise,

einen höheren jährlichen Beitrag der Mitglieder zur wirtschaftlichen

Grundlage der DGVS.

119


Weiterbildung

Anders als in anderen westlichen Ländern ist die Organisation ärztlicher Weiterbildung

eine hoheitliche Aufgabe der berufsständischen Selbstverwaltung in den

17 Landesärztekammern. Diese Körperschaften des öffentlichen Rechts sehen sich

als standesrechtliche Vertretungen und die Inhalte der Weiterbildung werden

sehr häufig unter sozialrechtlichen Aspekten geregelt. Das heißt im Klartext, dass

über die Weiterbildungsordnung von den Ärztekammern entschieden wird, welche

Ärztefachgruppe welche Leistung erbringen darf und wem sie erstattet wird.

Medizinische Fachgesellschaften fungieren hierbei nur beratend auf der

Ebene der Bundesärztekammer, ein nicht eingetragener Verein ohne eigene

Rechtsfähigkeit, in dem sich die Landesärztekammern zusammengeschlossen

haben. Die Bundesärztekammer hat zwar keine hoheitlichen Aufgaben, erarbeitet

allerdings in ihrer ständigen Weiterbildungskommission abgestimmte Empfehlungen

zur Weiterbildung, der die Landesärztekammern in der Regel folgen. In

diesen Weiterbildungskommissionen sind viele Fächer – etwa chirurgische Disziplinen

– vertreten, während aus dem Bereich der Gastroenterologie nur in Ausnahmefällen

ein Kammervertreter entsandt wird. Entsprechend selten werden

dort gastroenterologische Gesichtspunkte zur Weiterbildung vorgetragen. Grund

hierfür ist das geringe Engagement von Gastroenterologen in ihrer jeweiligen

Landesärztekammer und deren Weiterbildungskommissionen. Entsprechend

wenig Gehör fanden in der Vergangenheit gastroenterologische Aspekte der Weiterbildungsordnung.

Ein Umstand, den die DGVS gerne ändern will. Sie muss ihre

Mitglieder in viel höherer Zahl motivieren, sich in der jeweiligen Landesärztekammer

und insbesondere in der Weiterbildungskommission zu engagieren.

Nur über diesen Weg kann die Fachgesellschaft Einfluss auf eine zukunftsfähige

und den Erfordernissen des Faches angemessene Weiterbildungsordnung

nehmen. Die Weiterbildungskommission der DGVS hat dies erkannt und arbeitet

sehr intensiv daran, alle interessierten Gruppen aus dem Bereich der Gastroenterologie

an der Arbeit für eine Reform der Weiterbildung zu beteiligen.

Sektorengrenzen

Seit 1955 haben die Kassenärztlichen Vereinigungen das alleinige Recht, Zulassungen

an niedergelassene Ärzte zu vergeben und können damit ihre Mitglieder

vor offenem Wettbewerb schützen. In der Folge hat sich eine komplette Trennung

zwischen einem ambulanten Versorgungssektor mit freiberuflichen Ärzten in der

Niederlassung, und einem stationären Behandlungssektor mit zumeist angestellten

oder verbeamteten Ärzten etabliert. Diese getrennten Systeme sind nicht nur

unterschiedlich finanziert, sondern arbeiten auch in unterschiedlichen Rechtssystemen

des Sozialgesetzes. Für den einzelnen Patienten bedeutet dies, dass eine

ambulante Betreuung in der Regel von anderen Ärzten vorgenommen wird, als

eine Behandlung im Krankenhaus. In der Folge entstehen Schnittstellenprobleme

und Informationsverluste, die in anderen westlichen Medizinsystemen völlig undenkbar

und inakzeptabel wären.

Alle bisherigen Versuche, niedergelassenen Ärzten die Betreuung ihrer eigenen

Patienten im Krankenhaus zu ermöglichen oder Krankenhausärzten eine am-

120


1 Porter ME, Guth C. Chancen für

das Deutsche Gesundheitssystem

– von Partikularinteressen zu mehr

Patientennutzen. Berlin 2012.

bulante Tätigkeit zu erlauben, waren von großen Frustrationen und wenig Nachhaltigkeit

gekennzeichnet. Gescheitert sind entsprechende Reformen immer an

den wirtschaftlichen Partikularinteressen der Beteiligten. Die zunehmend komplexeren

Behandlungen von Patienten aus dem Bereich der Gastroenterologie

und Hepatologie machen aber eine Überwindung der Sektorengrenze mehr als in

anderen Fächern erforderlich. Wenn sich der Fokus der medizinischen Versorgung

in Zukunft mehr auf die Behandlungsqualität und weniger auf eine Mengenausweitung

der Leistungen konzentriert, wird eine zunehmende Spezialisierung

zwingend erforderlich. In einem System, in dem jeder Gastroenterologe alles

kann, alles darf und alles anbietet, sind die zunehmend komplexeren Anforderungen

an die Behandlungsqualität nicht mehr abzubilden.

Die DGVS sollte deshalb eine Vordenkerrolle einnehmen und überlegen, wie

die Zusammenführung von ambulantem und stationärem Behandlungsbereich

in Zukunft kreativ und zum Nutzen der Patienten gestaltet werden kann. Das

hohe Niveau der gastroenterologischen Weiterbildung in Deutschland und die

flächendeckend hohe Qualität der endoskopischen Expertise bieten dafür ideale

Voraussetzungen. Die in letzter Zeit zunehmende Kooperationsbereitschaft und

Integration der verschiedenen Interessen von Niedergelassenen und Krankenhaus-Gastroenterologen

innerhalb von DGVS und BVGD haben auch eine günstige

Grundlage für die Entwicklung eines gemeinsamen strategischen Konzeptes gelegt.

Die Gastroenterologie ist eines der Fächer, die am meisten von einer Überwindung

der Sektorengrenze in Deutschland profitieren und damit nicht nur für

ihre ärztlichen Mitglieder, sondern auch für ihre Patienten einen erheblichen

Mehrwert schaffen würde.1

Kapitel 8

Innovation

Im Vergleich zu anderen westlichen Ländern ist Deutschland ein Land, das medizinische

Innovationen sehr schnell und flächendeckend einführt und anwendet.

Ein Jahr nach der Markteinführung der Ballonenteroskopie waren in Deutschland

mehr Geräte verkauft und im Einsatz, als im gesamten restlichen Westeuropa zusammen.

Wesentlich schlechter bestellt ist es dagegen um die Erstattungsfähigkeit

innovativer Leistungen der Gastroenterologie, sowohl im ambulanten als

auch im stationären Bereich.

Um solche Innovationen Patienten zugänglich und die Kosten erstattungsfähig

zu machen, professionalisiert sich die DGVS seit 2011 auf diesem Gebiet und

nimmt zunehmend die Hilfe externer Experten in Anspruch. Das Gesetz zur Neuordnung

des Arzneimittelmarktes (AMNOG) vom 1. Januar 2011 bringt auf der Arzneimittelseite

erhebliche Änderungen in der Erstattungsfähigkeit. Die Bewertung

neuer (und zum Teil auch alter) Arzneimittel erfolgt durch das Institut für Qualität

und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) nach evidenzbasierten Kriterien.

Aufgrund deren Empfehlungen entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss

mit seinen 13 stimmberechtigten Mitgliedern aus Krankenkassen, Kassenärztlicher

Bundesvereinigung und Deutscher Krankenhausgesellschaft rechtsverbindlich

über den medizinischen Mehrwert einer Behandlung. Zu den Gutachten

des IQWiG werden die Fachgesellschaften gehört.

121


Hier ist die DGVS in besonderer Weise gefordert, in sehr kurzer Zeit (meist

nur vier Wochen) eine fachliche Stellungnahme zur Bewertung neuer Therapieverfahren

abzugeben. Die Geschäftsstelle hat die Einholung solcher Gutachten

inzwischen in hohem Maße professionalisiert. Die DGVS ist unbedingt auf Experten

aus dem Kreise ihrer Mitglieder angewiesen, die mit kurzer Vorwarnung bereit

sind, fundierte Gutachten zum Zusatznutzen neuer Arzneimittel in ihrem jeweiligen

Spezialgebiet abzugeben. In fünf AMNOG-Verfahren konnten auf dem

Boden von DGVS-Gutachten eine medizinische Innovation so gut begründet werden,

dass der Gemeinsame Bundesausschuss den Zusatznutzen anerkannte. Das

bedeutet, dass die Innovationen auch tatsächlich beim Patienten ankommen. Bei

einigen Gelegenheiten setzte sich der Bundesausschuss aufgrund von DGVS-Gutachten

auch über ablehnende Bewertungen des IQWiG hinweg. Hier werden in

Zukunft Expertisen aus den Reihen der DGVS gefragt sein, um Innovationen für

die Gastroenterologie weiterhin nutzbar zu machen.

Nachwuchs

Kein Facharzt ist in Stellenangeboten des Deutschen Ärzteblattes so stark nachgefragt

wie der Gastroenterologe (mit Ausnahme von Teilbereichen der Psychiatrie).

Trotz der ständig weiter steigenden Zahl von Gastroenterologen mit abgeschlossener

Weiterbildung, es sind inzwischen mehr als 250 pro Jahr, steigt die Nachfrage

nach ausgebildeten Gastroenterologen jährlich weiter an. Dennoch klagen viele

Leiter von gastroenterologischen Krankenhausabteilungen über einen ständig

stärker werdenden Bewerbermangel für Weiterbildungsstellen.

Nach Schätzungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft werden im Jahr

2020 von 150.000 Arztstellen in deutschen Krankenhäusern 50.000 nicht besetzt

oder besetzbar sein. Dieser zunehmende Nachwuchsmangel wird weder von den

länderfinanzierten Hochschulen durch eine Erhöhung der Studienplätze in der

Humanmedizin, noch von der Politik durch eine leichtere Berufsanerkennung im

Ausland qualifizierter Ärzte erleichtert. Für die Gastroenterologie bedeutet das,

dass sie mit anderen Fächern um die motiviertesten, qualifiziertesten und klügsten

Studienabgänger konkurriert. Gelingen kann ihr das nur, wenn sie die Arbeitsbedingungen

und Berufsaussichten in ihrem Fach attraktiv gestaltet. In keiner

Subspezialisierung ist die Chance so hoch wie in der Gastroenterologie, eine leitende

Krankenhausposition einnehmen zu können.

Diese exzellenten Berufsaussichten der Öffentlichkeit zu vermitteln und

den Nachwuchs an Studienabgängern gezielt für die Gastroenterologie zu gewinnen,

wird auch eine Aufgabe der DGVS sein. In diesem Sinne wurde bei der Hamburger

Jahrestagung im Jahr 2012 ein Programm für Studierende der Medizin aufgelegt.

Doch auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, insbesondere im

Krankenhaus, muss ein Ziel der Gastroenterologie bleiben.

Solange die wirtschaftliche Situation gastroenterologischer Fachabteilungen

im DRG-System sich nicht verbessert, werden Studierende im praktischen

Jahr die Assistenzarztstelle in der Gastroenterologie als deutlich anstrengender

und belastender empfinden als die in besser finanzierten Nachbarabteilungen der

Inneren Medizin. In diesem Bereich kann die DGVS dazu beitragen, dass die wirt-

122


schaftliche Situation im Krankenhaus für Gastroenterologen erträglicher wird

und das Berufsbild »Gastroenterologe« in der Öffentlichkeit einen höheren Stellenwert

gewinnt.

Einheit und Vielfalt in der Gastroenterologie

So wie vor 100 Jahren die deutsche Innere Medizin sich schwer tat, die Eigenständigkeit

ihrer Subspezialisierungen zu akzeptieren, so steht heute die Gastroenterologie

im Spannungsfeld einer weiteren Subspezialisierung. Bisher ist es der

DGVS gelungen, Hepatologen, Experten für chronisch entzündliche Darmerkrankungen,

Pankreas-Ärzte, Motilitäts-Spezialisten, Endoskopiker und andere unter

einem Dach zu vereinen. Dies ist nicht selbstverständlich und es ist dem großen

Engagement vieler Mitglieder der DGVS geschuldet, dass die gemeinsame Schlagkraft

und die gemeinsame Weiterbildungsordnung in der Gastroenterologie nicht

angezweifelt werden.

Es ist von elementarer Bedeutung, dass alle Teilbereiche und Interessensgebiete

angemessene Berücksichtigung, sowohl in den wissenschaftlichen Aktivitäten

der DGVS als auch in ihren Fortbildungsveranstaltungen, finden. Der DGVS

kommt in diesem Zusammenhang eine hohe integrative Rolle für Gastroenterologen

aller Spezialisierungen zu. Es gibt durchaus Beispiele von Ländern, in denen

Gastroenterologie und Hepatologie oder Gastroenterologie und Gastroenterologische

Onkologie bereits völlig getrennte Wege gehen. Die in Deutschland erzielte

Einheit des Faches sollte wegen der daraus resultierenden Stärke der Gemeinschaft

unbedingt erhalten bleiben.

Ähnliches gilt für die unterschiedlichen Bereiche, in denen Gastroenterologen

tätig sind. Diese reichen von Maximalversorgern und Universitätsklinika

über Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung bis zu einer Zahl von über

1.000 ambulant tätigen Gastroenterologen in der Niederlassung. Die DGVS hat es

nicht immer verstanden, diese Gruppen gleichermaßen in ihre Aktivitäten einzubeziehen.

Wenn aber die deutsche Gesundheitslandschaft durch Gastroenterologen

mitgestaltet und Einfluss auf Weiterbildung, Leistungserstattung und Arbeitsbedingungen

im ambulanten und stationären Bereich genommen werden

soll, kann die Gastroenterologie dies nur mit einer Stimme tun. Dies gelingt allein,

wenn die Interessen aller Beteiligten angemessen berücksichtigt werden und das

Engagement von Kollegen aus allen Bereichen einbezogen und respektiert wird.

Es ist zu hoffen, dass DGVS und BVGD im Schulterschluss eine bessere Integration

aller Kollegen erreichen können und die deutsche Gastroenterologie in Zukunft

mit nur noch einer Stimme spricht. Es wird die Aufgabe der DGVS sein, die Kräfte

zu bündeln, um unserem Fach noch mehr Attraktivität zu verleihen.

Möge die Zukunft der DGVS vom gleichen Enthusiasmus ihrer Mitglieder getragen

sein, der schon die letzten 100 Jahre unsere Fachgesellschaft geprägt hat.

Kapitel 8

123


Meilensteine und bedeutende

Beiträge für das Gebiet der

Gastroenterologie und Stoffwechselforschung

1835 bis 1989

1835

Theodor Schwann entdeckt das Pepsin. Er beschreibt es als proteolytisches

Enzym und als erstes tierisches Enzym überhaupt.

1844

Johannes Müllers Handbuch der Physiologie des Menschen erscheint in

vierter Auflage. Mit seinem Werk schafft er die Grundlagen für die weitere

Entwicklung der Physiologie. Müller war unter anderem Lehrer von

Theodor Schwann, Rudolf Virchow, Emil Heinrich Dubois-Reymond und

Hermann von Helmholtz.

1858

Friedrich Theodor von Frerichs, der »Vater« der Hepatologie, publiziert seine

zweibändige Monografie Klinik der Leberkrankheiten, in der er die damaligen

Kenntnisse über Lebererkrankungen zusammenfasst.

Rudolf Virchow veröffentlicht Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf

physiologische und pathologische Gewebelehre. Die Zelle wird als wichtigste

Einheit beschrieben; Erkrankungen werden auf Störungen der Zellmorphologie

und Zellfunktionen zurückgeführt.

1867

Adolf Kußmaul berichtet erstmals über die Behandlung der Magenerweiterung

»mittelst der Magenpumpe« und 1868 über die Spiegelung des

Oesophagus und des Magens mit einem starren Rohr. Damit ›eröffnet‹ er

den direkten Zugang zum Oesophagus und zum Magen auf natürlichem

Wege.

124


1869

Paul Langerhans beschreibt in seiner Dissertation Beiträge zur mikroskopischen

Anatomie der Bauchspeicheldrüse innerhalb des Pankreasparenchyms

»rundliche Häuflein« (»unsere Zellhäuflein«). Über den »Charakter

und Werth« dieser Zellen enthält er sich einer Hypothese. Seine Arbeit ist

Rudolf Virchow gewidmet.

Meilensteine

1870

Rudolf Heidenhain beschreibt die Haupt- und Belegzellen der Fundusdrüsen

des Magens.

1872

Wilhelm Olivier von Leubes Über die Ernährung der Kranken vom Mastdarm

aus erscheint. Zudem entwickelt er Diätpläne zur Therapie des Ulcus ventriculi

und duodeni (Leube’sche Ulcuskur). Ferner wendet er die Sondierung

des Magens mit starren Sonden zur systematischen Forschung an.

1875

Carl Anton Ewald berichtet (zeitgleich mit Leopold Oser, Wien) über die

Anwendung des weichen (Gummi-)Magenschlauches und schafft damit

eine einfache Methode zur systematischen Untersuchung der Magensekretion

und des Mageninhaltes.

1876

Wilhelm Ebstein verfasst den Artikel Zur Therapie des Diabetes mellitus,

insbesondere über die Anwendung des salicylsauren Natron bei demselben.

Diese Beschreibung steht am Beginn der Therapie des Diabetes mellitus

mit Tabletten.

1878

Ottomar Rosenbachs Der Mechanismus und die Diagnose der Mageninsuffizienz

erscheint; er begründet damit die funktionelle Betrachtungsweise von

Störungen des Verdauungstraktes.

125


1879

1881

Carl Anton Ewalds erster Band des synoptischen Werkes Klinik der Verdauungskrankheiten

erscheint als Die Lehre von der Verdauung. 1888 folgt der

zweite Band Die Krankheiten des Magens, der rasch ins Englische übersetzt

wird, und 1902 Die Krankheiten des Darms und des Bauchfells.

Theodor Billroth berichtet über die erste Magenresektion bei einem Patienten

mit einem Magenkarzinom.

Johann von Mikulicz-Radecki publiziert in der Wiener Medizinischen Presse

mehrere Artikel Ueber Gastroskopie und Oesophagoskopie, in denen er die

Entwicklung eines starren Gastroskopes auf der Basis des Zystoskopes von

Josef Leiter sowie eine Lichtquelle (Platinschlinge mit Batterie) beschreibt.

1882

1883

Carl Langenbuch nimmt die erste Cholecystektomie vor.

Paul Ehrlich führt in von Frerichs’ Klinik die erste Leberpunktion durch.

1884

Hermann Nothnagels Beitrage zur Physiologie und Pathologie des Darmes

erscheinen, in denen erstmals systematische Stuhluntersuchungen mitgeteilt

werden.

Theodor von Frerichs’ Über den Diabetes erscheint in Berlin.

1885

Carl Anton Ewald und Ismar Boas veröffentlichen ihre Beiträge zur Physiologie

und Pathologie der Verdauung im Virchows Archiv und beschreiben ihre

Erkenntnisse zu den Aziditätsverhältnissen im Magen unter standardisierten

Untersuchungsbedingungen.

126


1886

Ismar Boas eröffnet in Berlin eine Praxis und bezeichnet sich als »Specialarzt

für Magen-Darm-Krankheiten«.

1888

Johann von Mikulicz-Radecki verfasst den Artikel Zur operativen Behandlung

des stenosierenden Magengeschwürs.

Meilensteine

1889

Joseph von Mering und Oscar Minkowski publizieren im Centrallblatt für

Klinische Medicin über Diabetes mellitus nach Pankreasexstirpation.

1890

Ismar Boas’ Allgemeine Diagnostik und Therapie der Magenkrankheiten nach

dem heutigen Stande der Wissenschaft erscheint.

1892

Bernhard Naunyn veröffentlicht sein grundlegendes Werk Klinik der

Cholelithiasis, in dem er sich mit dem Vorkommen und der Entstehung von

Gallensteinen beschäftigt.

1893

Carl von Noordens Lehrbuch der Pathologie des Stoffwechsels wird in erster

Auflage publiziert. In der synoptischen Darstellung werden neben der

Physiologie des Stoffwechsels umfassend die krankhaften Stoffwechselvorgänge

der einzelnen Organe dargestellt.

1895

Ismar Boas gründet die weltweit erste gastroenterologische Fachzeitschrift,

das Archiv für Verdauungskrankheiten.

Wilhelm Conrad Röntgen entdeckt die »X-Strahlen« (»Röntgenstrahlen«).

127


1898

Ismar Boas und Max Levy-Dorn veröffentlichen ihren Beitrag Zur Diagnostik

von Magen- und Darmkrankheiten mittels Röntgenstrahlen in der

Deutschen Medizinischen Wochenschrift. Als Kontrastmittel wenden sie

arsenfreies metallisches Wismut an.

1901

Georg Kelling erwähnt erstmals die Möglichkeit einer Bauchspiegelung

und legt damit die Grundlagen für die Entwicklung der Laparoskopie.

1903

Ismar Boas führt erstmals in Deutschland den Begriff der »Colitis ulcerosa«

in seinem Artikel Ueber einen Fall von operativ geheilter Colitis ulcerosa ein

und beschreibt den therapeutischen Nutzen der Ruhigstellung des Kolons

durch eine Coecumfistel.

Hermann Strauß stellt den Prototyp eines neuen Rectoskopes mit der

Möglichkeit der Luftinsufflation zur Verbesserung der Sichtverhältnisse

vor.

1910

1912

Max Einhorn beschreibt eine flexible Sonde zur Gewinnung von Duodenalsaft.

Sie wird später als »Einhorn-Sonde« in die Geschichte eingehen.

Hans Christian Jacobaeus schreibt Über Laparo- und Thorakoskopie, benutzt

ein Zystoskop und setzt Georg Kellings Idee von 1901 praktisch um.

Adolf Schmidts Klinik der Darmkrankheiten erscheint. In diesem Werk werden

die Methoden zur Untersuchung des Dickdarms sowie die verschiedenen

Dickdarmerkrankungen ausführlich behandelt.

128


1913

Die Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten wird

gegründet. Ein erster Vorstand wird etabliert, der den ersten Spezialkongress

1914 organisiert.

Nachdem der Farbstoff der Galle seit 1826 nachweisbar war, gelingt Albert

Abraham Hijmans van den Bergh, Isidore Snapper und P. Muller die

Trennung des »direkten« vom »indirekten« Bilirubin mittels der Diazo-

Reaktion.

Meilensteine

1914

Boas’ Die Lehre von den okkulten Blutungen erscheint, in der er seine Forschungsergebnisse

zum Test auf okkultes Blut zusammenfasst. Diese sind

Grundlage für das spätere Massen-Screening zur Entdeckung von Kolonkarzinomen.

Ernst Heller verfasst den Artikel Extramuköse Cardiaplastik beim chronischen

Cardiospasmus mit Dilatation des Oesophagus.

Im Hoppe-Seyler’s Archiv für Physiologische Chemie publizieren Siegfried

Thannhauser und A. Bommer Experimentelle Studien über den Nucleinstoffwechsel

II. Mitteilung. Die Arbeiten Thannhausers waren wichtige Beiträge

zur Aufklärung des Purinstoffwechsels und der Pathogenese der Gicht.

1920

1921

Eduard Stierlin schreibt Über die Mageninnervation in ihrer Beziehung zur

Ätiologie und Therapie des Ulcus. Durch die Querresektion des distalen

Magenabschnittes wird der Vagusreflex ausgeschaltet, die Reduktion der

Säuresekretion sollte therapeutisch und prophylaktisch die Ulcuskrankheit

verhindern.

Eugen Bircher publiziert über Die Resektion von Aesten der N. Vagus zur

Behandlung gastrischer Affektionen.

Bernhard Naunyn fasst das Wissen über die Cholelithiasis in Die Gallensteine,

ihre Entstehung und ihr Bau zusammen.

129


1922

Siegfried Thannhauser und Maria Weinschenk berichten über Die Bewertung

der Harnsäure-Konzentration im Blut zur Diagnose der Gicht.

1923

Georg Ernst Konjetznys Arbeit Chronische Gastritis und Duodenitis als Ursache

des Magenduodenalgeschwürs erscheint. Der Chirurg führt systematische

histologische Untersuchungen an Magenresektaten durch und stellt

einen kausalen Zusammenhang zwischen Gastritis, Duodenitis und Ulcus

her. Ferner beschreibt er Bakterien, die jedoch einen inkonstanten Befund

darstellten und in ihrer Bedeutung für die Ulcusentstehung damals nicht

erkannt werden.

Rudolf Schindlers Lehrbuch und Atlas der Gastroskopie erscheint und macht

die Methode der starren Gastroskopie breiter bekannt.

Heinz Kalk untersucht erstmals einen Abdominalraum mit einem Zystoskop

und fördert damit das Interesse an der Laparoskopie.

1925

Gerhardt Katsch und Heinz Kalk verfassen ihren Artikel Zum Ausbau der

kinetischen Methode für die Untersuchung des Magenchemismus. Sie

beschreiben das Aciditäts- und Sekretionsverhalten des Magens nach

intravenöser Coffeinapplikation.

1926

Hans Heinrich Berg publiziert seine Erkenntnisse über Die direkten Röntgensymptome

des Ulcus duodeni und ihre klinische Bedeutung.

Erich Frank, Martin Nothmann und Arthur Wagner berichten Über synthetisch

dargestellte Körper mit insulinartiger Wirkung auf den normalen und

diabetischen Organismus. Hierbei handelt es sich um das erste wirksame

orale Antidiabetikum (Synthalin), im weitesten Sinne ein Vorläufer der

Biguanide. Wegen einer Vielzahl unerwünschter Wirkungen ist es dem

Insulin unterlegen und wird nach 1945 nicht mehr hergestellt.

130


1927

Selmar Aschheim und Bernhard Zondek beschreiben Das Hormon des Hypophysenvorderlappens.

Gustav von Bergmann und Wilhelm Eilbott schreiben über die Funktionsprüfung

der Leber mittels Bilirubinbelastung. Über viele Jahrzehnte standen

nur unsichere Messparameter zur Bestimmung der Leberfunktion zur

Verfügung. Neben Lävulose- oder Galaktosetests sowie Farbstoffeliminationsverfahren

wird die Exkretion des Bilirubins nach intravenöser Bilirubingabe

geprüft.

Meilensteine

Roger Korbschs Lehrbuch und Atlas der Laparo- und Thorakoskopie erscheint.

In dem Werk spiegelt sich der Fortschritt dieser Methode seit ihrer

ersten Erwähnung 1901 wider.

1929

Hans Heller schreibt Über den blutzuckerwirksamen Stoff in Sektretinextrakten

und zeigt die hypoglykämische Wirkung des aus dem Duodenum stammenden

Sekretins (Duodenin).

Siegfried Thannhauser publiziert sein Lehrbuch des Stoffwechsels und der

Stoffwechselkrankheiten.

1930

Hans Heinrich Bergs Beitrag zu Röntgenuntersuchungen am Innenrelief des

Verdauungskanals wird veröffentlicht.

Max Bürger und H. Kramer berichten Über die Wirkungsverschiedenheit

technischer Insuline und kristallisierter Präparate bezüglich der primären

Insulinhyperglykämie.

1932

Hans Adolf Krebs und Kurt Henseleit berichten von ihren Untersuchungen

über die Harnstoffbildung im Tierkörper (»Harnstoffzyklus«).

Georg Wolf und Rudolf Schindler stellen ihr semiflexibles Gastroskop vor,

das gegenüber starren Instrumenten die Perforationsgefahr verringert.

131


1933

Zwei Ärzte aus der Frankfurter Universitätsklinik für Chirurgie und Innere

Medizin (A. W. Fischer, O. W. Lürmann) beschreiben erstmals in Deutschland

Patienten mit einem Morbus Crohn: Über eine tumorbildende ulceröse

stenosierende und perforierende Entzündung des unteren Ileum.

1934

Rudolf Schönheimer und Warren Sperry verfassen ihren Artikel A micromethod

for the determination of free and combined cholesterol.

Gustav Embden und Hans Joachim Deuticke berichten Über die Bedeutung

der Phosphoglycerinsäure für die Glykolyse in der Muskulatur.

Max Bürger und W. Brandt schreiben neben anderen Forschern Über das

Glukagon (die hyperglykamisierende Substanz des Pankreas).

1937

Hans Eppingers Standardwerk Die Leberkrankheiten, Allgemeine und

spezielle Pathologie und Therapie der Leber erscheint.

1938

Ismar Boas’ letzter Artikel, in der Emigration in Wien geschrieben, Wege

und Irrwege der Ulkustherapie wird wenige Wochen nach seinem Tod in

dem von ihm gegründeten Archiv für Verdauungskrankheiten (Boas Archiv)

publiziert.

Der ungarische Chirurg János Veres entwickelt die Insufflationsnadel zur

Vorbereitung auf die Laparoskopie.

1948

Die Schwedin Nana Svartz berichtet über die günstigen therapeutischen

Effekte von Salazosulfapyridin (SASP) bei der Colitis ulcerosa.

132


1950

Willem-Karel Dicke, H. A. Weijers und J. H. van de Kamer aus den Niederlanden

identifizieren ein alkohollösliches Weizenprotein (Gluten) als Verursacher

der Zöliakie (Sprue) und dokumentieren den therapeutischen

Effekt der glutenfreien Diät.

Meilensteine

1953

Fred Lembeck demonstriert die 5-Hydroxytryptamine in a carcinoid tumour.

Friedrich Feyrter verfasst den Beitrag Ueber die peripheren endokrinen

(parakrinen) Drüsen des Menschen.

Robert F. Schilling aus den USA beschreibt den nach ihm benannten Test

zur Vitamin B12-Resorption. Zwei Jahre später zeigen Melvin I. Klayman

und Lloyd L. Brandborg den Wert dieses Tests zur Diagnose der perniziösen

Anämie und die Resorption des B12 ausschließlich im terminalen Ileum.

Der Engländer F. O. MacCallum berichtet über seine epidemiologischen

Untersuchungen zur Hepatitis und führt die Begriffe Hepatitis A und B ein.

1955

Hans Franke und J. Fuchs stellen Ein neues antidiabetisches Prinzip vor, in

dem sie die Glucose-senkende Wirkung gewisser Sulfonamide nutzten und

damit für Patienten mit einem nicht-insulinabhängigen Diabetes mellitus

die Behandlung mit Sulfonylharnstoffen einleiteten.

Ferdinand Bertram, Elinor Bendfeldt und Hellmut Otto berichten Über ein

wirksames perorales Antidiabeticum (Carbutamid).

Arthur Karmen, Felix Wroblewski und John S. LaDue aus New York publizieren

über die Aktivität der Transaminasen (GOT, GPT).

1956

Rudolf Nissen schreibt den Text Eine einfache Operation zur Beeinflussung

der Refluxoesophagitis.

Rudi Schmid aus den USA weist die hepatische Konjugation des Bilirubins

mit Glucuronsäure nach.

Ein erstes Ultraschall-Real-Time-Gerät (Schneller B−Scan) wird in Erlangen

vorgestellt.

133


1957

Feodor Lynen und Karl Decker berichten über Das Coenzym A und seine

biologischen Funktionen und zeigen die Bedeutung des Acetyl-CoA für die

Cholesterin-Synthese auf.

1958

Der amerikanische Gastroenterologe Basil Hirschowitz führt das vollflexible

Gastroskop mit einer Glasfaseroptik ein und verhilft damit der Endoskopie

zum Durchbruch.

1960

Der Dermatologe Helmut Ippen stellt die Entstehung und Behandlung der

Porphyria cutanea tarda (Chronische, hepatische Porphyrie) vor.

1963

Thomas E. Starzl führt die erste Lebertransplantation bei einem Kind mit

bilärer Atresie durch, das jedoch intraoperativ an profusen Blutungen als

Folge einer unbeherrschbaren Koagulopathie verstirbt.

1965

Baruch S. Blumberg beschreibt mit dem Australia-Antigen ein Protein des

Hepatitis B-Virus und entwickelt den ersten Test, um Blut auf HBV zu untersuchen.

1967

Von J. Lange erscheint Die Langzeitbehandlung des Morbus Wilson mit

D-Penicillamin.

Der Pädiater Saul Krugman aus New York berichtet über seine Studien zur

Epidemiologie, Klinik und Immunologie der Hepatitis A und B und über

die Anwendung einer passiven Immunprophylaxe mit Immunglobulinen.

Da geistig behinderte Kinder zu den Probanden gehörten, gelten die Studien

als ethisch umstritten.

David H. Greegor, USA, führt den dreimaligen Guajak-Test auf okkultes Blut

als Screening-Methode zur frühzeitigen Entdeckung des Kolonkarzinoms

ein.

134


1968

Heinz Kalk und Harald Lindner wenden erstmals eine direkte laparoskopische

Farbfernseh-Demonstration an.

1972

James W. Black und seine Forschergruppe entwickeln den ersten Histamin-Rezeptorblocker.

Die H2-Rezeptorantagonisten revolutionieren die

Ulcustherapie. Black erhält 1988 für seine langjährige Entwicklungsarbeit

den Nobelpreis.

Meilensteine

1973

Ludwig Demling berichtet über die operative Endoskopie (Papillotomie).

Stephen M. Feinstone, Robert H. Purcell und Albert Z. Kapikian weisen

elektronenmikroskopisch das Hepatitis-A-Virus nach.

1974

Meinhard Classen und Ludwig Demling beschreiben − zeitgleich mit

Keiichi Kawai − erstmals die Papillotomie und Konkrementextraktion aus

dem Ductus choledochus bei einem 70-jährigen Patienten. Dieser wichtige

Entwicklungsschritt steht am Beginn der therapeutischen ERCP.

1975

Der englische Pathologe Basil C. Morson beschreibt gemeinsam mit Henry

J. R. Bussey und Tetuichiro Muto die Adenom-Karzinom-Sequenz in der

Entwicklung des Kolonkarzinoms.

1976

Gerhard Rettenmaier publiziert den Aufsatz Der sonographische Oberbauchstatus

und bezeichnet die Ultraschalluntersuchung als Fortsetzung

der Inspektion und Palpation mit technischen Mitteln.

Harald Lutz und Wolfgang Rosch veröffentlichen ihre ersten Erfahrungen

mit dem endoskopischen transgastrischen Ultraschall.

135


George Sachs und seine Gruppe identifizieren und beschreiben die Wasserstoff-Kalium-ATPase

der Parietalzellen und legen damit die Grundlage für

die Entwicklung der Protonenpumpeninhibitoren (PPI) zur Suppression

der Säuresekretion des Magens.

Zur Behandlung der Ulcuskrankheit wird Cimetidin eingeführt.

1977

John G. Bartlett und seine Mitarbeiter beschreiben die Clindamycin-induzierte

Colitis durch ein toxinbildendes Clostridium.

1978

Wolfgang F. Caspary veröffentlicht seinen Beitrag über Sucrose malabsorption

in man after ingestion of α-Glucosidehydrolase inhibitor.

Philip Provost, Maurice Hilleman und William Miller stellen eine wirksame

und sichere Vakzine gegen Hepatitis A vor.

1980

W. D. Strohm, J. Phillip, Friedrich Hagenmüller und Meinhard Classen

stellen einen Prototyp eines Ultraschallendoskopes vor.

1983

Barry J. Marshall berichtet in einem Leserbrief an den Lancet über Unidentified

curved bacilli on gastric epithelium in active chronic gastritis. Ein Jahr

später publiziert er gemeinsam mit J. Robin Warren seine Forschungsergebnisse

zur Relevanz des Campylobacter pyloridis, später C. pylori und

danach Helicobacter pylori genannt. Diese Befunde bedeuten einen epochalen

Paradigmenwechsel im Verständnis der Gastritis und der Ulcuskrankheit.

Hakar Larsson und seine Mitarbeiter berichten in Gastroenterology über

den hochpotenten Protonenpumpeninhibitor Omeprazol.

1984

Edward M. Scolnik, W. J. McAlleer und ihre Gruppe berichten über einen

mit moderner DNA-Technologie hergestellten sicheren Impfstoff gegen

Hepatitis B.

136


1985

Der Chirurg Erich Mühe nimmt die erste laparoskopische Cholecystektomie

vor.

1989

Qui-Lim Choo und Mitarbeiter weisen das Hepatitis-C-Virus nach.

Meilensteine

Die Meilensteine wurden nach folgenden Publikationen erstellt:

Martini GA, Dölle W. Entwicklung der Gastroenterologie. In: Classen M, Hg. Internisten und Innere Medizin

im 20. Jahrhundert. München, Wien, Baltimore 1994; 264−288, hier 285 – 286. Renger FG. Geschichte

der Hepatologie und Beziehungen zur Wissenschaftsentwicklung. Freiburg 1983. Creutzfeldt W, Martini

GA, Strohmeyer G. Meilensteine der Gastroenterologie und Stoffwechselforschung. Freiburg 1997. Kirsner

JB. The growth of gastroenterologic knowledge during the twentieth century. Philadelphia 1994. Cappell

MS, Waye JD, Farrar JT, Sleisenger MH. Fifty landmark discoveries in gastroenterology during the past 50

years, A brief history of modern at the millennium, Part I und II. Gastroenterol Clin North Am 2000; 29:

223−263 und 513−550.

137


Inhalt

140 .... Anzahl der Mitglieder

141 .... Vorstand 1926 − 1939

142 .... Vorstand 1950 − 1964

143 .... Vorstand 1965 − 1987

145 .... Vorstand 1988 − 1994

146 .... Vorstand 1995 − 2010

148 .... Vorstand seit 2011

149 .... Vorstand Sektion Endoskopie

151 .... Ehrenmitglieder der DGVS

155 .... Ehrenmitglieder der Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR

157 .... Kongresse der DGVS

161 .... Preisträger der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und

Stoffwechselkrankheiten

164 .... Herausgeber der Zeitschrift für Gastroenterologie

164 .... BVGD-Vorsitzende


Daten und Fakten zur Geschichte

der DGVS

Daten & Fakten

Im Folgenden wird versucht, die Kolleginnen und Kollegen, die in der 100-jährigen

Geschichte der DGVS Verantworung für die Geschicke der Fachgesellschaft

übernommen haben, chronologisch aufzuführen. Daneben finden sich Ehrenmitglieder

und Preisträger, die von der DGVS für ihre Verdienste an und ihre Forschungstätigkeit

in der Gastroenterologie ausgezeichnet wurden.

139


Anzahl der Mitglieder

Jahr Anzahl Mitglieder

1925 146

1926 340

1927 375

1929 398

1930 472

1932 432

1934 381

1938 214

1950 265

1952 278

1954 343

1955 360

1961 371

1965 364

1967 366

1969 372

1975 313

1980 700

1985 878

1990 1300

1995 1993

2000 2825

2005 3565

2010 4408

2013 5000

Mitglieder

6000

5000

4000

3000

2000

1000

0

1925

Jahr

1934 1955 1980 2013

1929 1950 1967 1990

140


Vorstand 1926 – 1939

Vorbemerkung: Ab 1926 hat es mehrere Satzungsänderungen gegeben, die Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Vorstände hatten. Die Zeiträume,

zu denen die folgenden Vorstandslisten zusammengefasst wurden, richten sich nach diesen Satzungsänderungen: Der Beginn einer jeden

neuen Liste markiert demnach auch den Zeitpunkt einer Satzungsänderung.

Jahr

Vorsitz

(Kongresspräsident)

stellv. Vorsitz Generalsekretär

stellv.

Generalsekretär

Schriftführer Schatzmeister

stellv.

Schatzmeister

Bemerkung

1926 Gustav von

Bergmann

Arthur Biedl Reinhard

von den Velden

Ernst Fuld Ferdinand

Blumenthal

Otto Porges

1927 Arthur Biedl Hans von Haberer Reinhard

von den Velden

Ernst Fuld Ferdinand

Blumenthal

Otto Porges

1928 Albert Abraham

Hijmans van den

Bergh

Leonard Polak

Daniels / Isidore

Snapper

Reinhard

von den Velden

Paul Wolff Ernst Fuld Ferdinand

Blumenthal

Otto Porges

1929 Hans von Haberer Reinhard

von den Velden

Paul Wolff Ferdinand

Blumenthal

Otto Porges

1930 Baron Alexander von

Korányi

Johann Bokay/

Tibor Verebely

Reinhard

von den Velden

Paul Wolff Ferdinand

Blumenthal

Otto Porges

1931/

1932

Wilhelm Falta Walter Zweig Reinhard

von den Velden

Paul Wolff Ferdinand

Blumenthal

Otto Porges

1933/

1934

Hermann Strauß

vorgesehen,

Präsident 1934 wird

Alfred Schittenhelm

Carl Hegler

(Kongresspräsident)

Reinhard

von den Velden

Paul Wolff Ferdinand

Blumenthal

Otto Porges 29.4.1933: Vorstand und

Ausschuss legen Ämter

nieder, Wahrung der

Interessen der Gesellschaft

sowie Tagung 1934

übernehmen Carl Hegler

und Reinhard von den

Velden

1936 Max Bürger Reinhard von den

Velden (Wahrung

der Geschäftsinteressen)

1937/

1938

Erich Grafe Max Bürger Heinrich von

Hoesslin

Heinrich von

Hoesslin

1939 Hans Eppinger

(keine Tagung)

Erich Grafe Heinrich von

Hoesslin

J. Olivet

Daten & Fakten

141


Vorstand 1950 – 1964

Jahr 1. Vorsitz (Präsident) 2. Vorsitz Schriftführer Schatzmeister

Stellvertretender

Schriftführer

Stellvertretender

Schatzmeister

1950 Hans Heinrich Berg Hans Wilhelm Bansi

1952 Kurt Beckmann Gerhardt Katsch

(Kongresspräsident)

Hans Wilhelm Bansi Arthur Mahlo J. Jacobi Gustav Adolf Martini

1953 Kurt Beckmann

(Kongresspräsident)

Gerhardt Katsch Hans Wilhelm Bansi Arthur Mahlo J. Jacobi Gustav Adolf Martini

1955 Norbert Henning Kurt Beckmann Hans Wilhelm Bansi Arthur Mahlo J. Jacobi Gustav Adolf Martini

1957 Robert Prévôt Norbert Henning Gustav Adolf Martini Hans Julius Wolf J. Jacobi Volker Lohmann

1959 Heinz Kalk Robert Prévôt Gustav Adolf Martini Hans Julius Wolf Heinrich Berning Volker Lohmann

1961 Hans Wilhelm Bansi Heinz Kalk Gustav Adolf Martini Hans Julius Wolf Heinrich Berning Volker Lohmann

1964 Robert Mark Hans Wilhelm Bansi Gustav Adolf Martini Hans Julius Wolf Heinrich Berning Volker Lohmann

142


Vorstand 1965 – 1987

Jahr

Präsident

Vorsitzender

Präsident der

vorhergehenden

Amtsperiode

(Stellvertretender

Vorsitzender)

Designierter

Vorsitzender

Ständiger

Schriftführer

Schatzmeister

Stellvertretender

Schriftführer

Stellvertretender

Schatzmeister

1965 Karl Voßschulte Robert Mark Heinrich

Barthelheimer

Gustav Adolf Martini Hans Julius Wolf Heinrich Berning Volker Lohmann

1967 Heinrich

Bartelheimer

Karl Voßschulte Robert Ammon Gustav Adolf Martini Hans Julius Wolf Heinrich Berning Volker Lohmann

1969 Robert Ammon Heinrich

Bartelheimer

Gustav Adolf Martini Ulrich Ritter Hans Julius Wolf Wolfgang Dölle Volker Lohmann

1971 Gustav Adolf Martini Robert Ammon Werner Siede Ulrich Ritter Hans Julius Wolf Wolfgang Dölle Volker Lohmann

1972 Werner Siede Gustav Adolf Martini Volker Becker Ulrich Ritter Harald Lindner Wolfgang Dölle Volker Lohmann

1973 Volker Becker Werner Siede Hans Adolf Kühn Ulrich Ritter Harald Lindner

1974 Hans Adolf Kühn Volker Becker Friedrich Stelzner Ulrich Ritter Harald Lindner Wolfgang Dölle Herwart F. Otto

1975 Friedrich Stelzner Hans Adolf Kühn Ulrich Ritter Meinhard Classen Harald Lindner

1976 Ulrich Ritter Friedrich Stelzner Werner Creutzfeldt Meinhard Classen Harald Lindner Wolfgang Dölle Herwart F. Otto

1977 Werner Creutzfeldt Ulrich Ritter Gerhard Seifert Meinhard Classen Herwart F. Otto

(kommissarisch)

1978 Gerhard Seifert Werner Creutzfeldt Nepomuk Zöllner Meinhard Classen Harald Henning Herbert Begemann Herwart F. Otto

1979 Nepomuk Zöllner Gerhard Seifert Ludwig Demling Meinhard Classen Harald Henning

1980 Ludwig Demling Nepomuk Zöllner Georg Strohmeyer Meinhard Classen Harald Henning Herbert Begemann Herwart F. Otto

1981 Georg Strohmeyer Ludwig Demling Wolfgang Dölle Meinhard Classen Harald Henning

1982 Wolfgang Dölle Georg Strohmeyer Rudolf Ottenjann Meinhard Classen Harald Henning Herbert Begemann Herwart F. Otto

1983 Rudolf Ottenjann Wolfgang Dölle Ernst-Otto Riecken Meinhard Classen Harald Henning

1984 Ernst-Otto Riecken Rudolf Ottenjann Wolfgang Gerok Meinhard Classen Harald Henning Wolfgang F. Caspary Herwart F. Otto

Daten & Fakten

143


Jahr

Präsident

Vorsitzender

Präsident der

vorhergehenden

Amtsperiode

(Stellvertretender

Vorsitzender)

Designierter

Vorsitzender

Ständiger

Schriftführer

Schatzmeister

Stellvertretender

Schriftführer

1985 Wolfgang Gerok Ernst-Otto Riecken Friedrich Werner

Schmidt

Wolfgang F. Caspary

(kommissarisch)

Harald Henning

1986 Friedrich Werner

Schmidt

Wolfgang Gerok Meinhard Classen Wolfgang F. Caspary Harald Henning Karl Hans

Holtermüller

1987 Meinhard Classen Friedrich Werner

Schmidt

Christian Herfarth Wolfgang F. Caspary Harald Henning

Stellvertretender

Schatzmeister

144


Vorstand 1988 – 1994

Jahr

Vorsitzender

(Präsident)

Präsident des

vergangenen Jahres

(stellvertretender

Vorsitzender)

Designierter

Vorsitzender

Schriftführer Schatzmeister Sektion Endoskopie

Stellvertretender

Schriftführer/

Schatzmeister

1988 Christian Herfarth Meinhard Classen Karl-Hermann Meyer

zum Büschenfelde

Wolfgang F. Caspary Harald Henning Peter Otto

1989 Karl-Hermann Meyer

zum Büschenfelde

Christian Herfarth Harald Goebell Wolfgang F. Caspary Harald Henning Bernd Christoph

Manegold

1990 Harald Goebell Karl-Hermann Meyer

zum Büschenfelde

Burkhard Kommerell Wolfgang F. Caspary Harald Henning Nib Soehendra Paul Georg Lankisch

1991 Burkhard Kommerell Harald Goebell Gustav Paumgartner Wolfgang F. Caspary Harald Henning Peter Frühmorgen

1992 Gustav Paumgartner Burkhard Kommerell Wolfgang F. Caspary Michael Manns Paul Georg Lankisch Martin Strauch Peter Layer/

Harald Henning

1993 Wolfgang F. Caspary Gustav Paumgartner Hans-Günther Beger Michael Manns Paul Georg Lankisch Martin Staritz

1994 Hans-Günther Beger Wolfgang F. Caspary Rudolf Arnold Michael Manns Paul Georg Lankisch Hans Bosseckert

Daten & Fakten

145


Vorstand 1995 – 2010

Jahr

Vorsitzender

(Präsident)

Präsident der

vorherigen

Amtsperiode

Designierter

Vorsitzender

(Stellvertretender

Vorsitz)

Schriftführer/

Sekretär

Schatzmeister

Vorsitzender

der Sektion

Endoskopie

Schriftführer

Sektion

Endoskopie

Stellvertretender

Schriftführer

Stellvertretender

Schatzmeister

1995 Rudolf Arnold Hans-Günther

Beger

Siegfried Matern Michael Manns Paul Georg

Lankisch

Friedrich

Hagenmüller

Christian Ell Peter Layer Harald Henning

1996 Siegfried

Matern

Rudolf Arnold Jürgen F. Riemann Michael Manns Paul Georg

Lankisch

Tilman

Sauerbruch

Christian Ell

1997 Jürgen F.

Riemann

Siegfried

Matern

Ulrich Robert

Fölsch

Michael Manns Paul Georg

Lankisch

Christian Ell Christian Ell

1998 Ulrich Robert

Fölsch

Jürgen F.

Riemann

Joachim Mössner Michael Manns Paul Georg

Lankisch

Wolfgang

Schmitt

Christian Ell

1999 Joachim

Mössner

Ulrich Robert

Fölsch

Paul Georg

Lankisch

Michael Manns Paul Georg

Lankisch

Stefan Liebe Christian Ell Peter Layer

2000 Paul Georg

Lankisch

Joachim

Mössner

Wolfram

Domschke

Michael Manns Peter Layer Horst Neuhaus Christian Ell Ulrich Robert

Fölsch

2001 Wolfram

Domschke

Paul Georg

Lankisch

Tilman

Sauerbruch

Wolff Schmiegel Peter Layer Hans-Joachim

Schulz

Christian Ell Michael Manns Ulrich Robert

Fölsch

2002 Tilman

Sauerbruch

Wolfram

Domschke

Wolfgang

Fischbach

Wolff Schmiegel Peter Layer Thomas Rösch Christian Ell Michael Manns Ulrich Robert

Fölsch

2003 Wolfgang

Fischbach

Tilman

Sauerbruch

Wolfgang Fleig Wolff Schmiegel Peter Layer Michael Jung Thomas Rösch Michael Manns Martin Zeitz

146


Jahr

Vorsitzender

(Präsident)

Präsident der

vorherigen

Amtsperiode

Designierter

Vorsitzender

(Stellvertretender

Vorsitz)

Schriftführer/

Sekretär

Schatzmeister

Vorsitzender

der Sektion

Endoskopie

Schriftführer

Sektion

Endoskopie

Stellvertretender

Schriftführer

Stellvertretender

Schatzmeister

2004 Wolfgang Fleig Wolfgang

Fischbach

Wolfgang Kruis Wolff Schmiegel Peter Layer Volker E.

Eckardt

Thomas Rösch Markus Lerch Martin Zeitz

2005 Wolfgang

Kruis

Wolfgang Fleig Michael Manns Wolff Schmiegel Peter Layer Gerd Lux Thomas Rösch Markus Lerch Martin Zeitz

2006 Michael Manns Wolfgang Kruis Wolff Schmiegel Wolff Schmiegel Peter Layer Peter N. Meier Thomas Rösch Markus Lerch Martin Zeitz

2007 Wolff

Schmiegel

Michael Manns Martin Zeitz Wolff Schmiegel Peter Layer Till Wehrmann Thomas Rösch Markus Lerch Martin Zeitz

2008 Martin Zeitz Wolff

Schmiegel

Herbert Koop Wolff Schmiegel Peter Layer Helmut

Messmann

Thomas Rösch Markus Lerch Martin Zeitz

2009 Herbert Koop Martin Zeitz Guido Adler Wolff Schmiegel Peter Layer Brigitte

Schumacher

Thomas Rösch Markus Lerch Martin Zeitz

2010 Guido Adler Herbert Koop Peter

Malfertheiner

Markus Lerch Peter Layer Hans Seifert Thomas Rösch Stefan Zeuzem Axel Dignaß

Daten & Fakten

147


Vorstand seit 2011

Jahr

Präsident

(Vorsitzender)

Vorsitzender der

Jahrestagung

(Kongresspräsident)

Vorsitzender der

Sektion Endoskopie

Schatzmeister

Sekretär der Sektion

Endoskopie

Vorstand Fort- und

Weiterbildung

Vorstand

Öffentlichkeitsarbeit

Vorstand

Leitlinien

2011 Markus Lerch Peter Malfertheiner Siegbert Faiss Peter Layer Till Wehrmann Axel Dignaß Peter R. Galle Stefan Zeuzem

2012 Markus Lerch Peter Layer Jürgen Hochberger Peter Layer Till Wehrmann Axel Dignaß Peter R. Galle Stefan Zeuzem

2013 Markus Lerch Guido Gerken Karel Caca Peter Layer Till Wehrmann Axel Dignaß Peter R. Galle Stefan Zeuzem

148


Vorstand Sektion Endoskopie

Jahr Vorsitzender Sekretär weitere Mitglieder

1982 Burkhard Kommerell Harald Henning Otmar Stadelmann

1983 Otmar Stadelmann Harald Henning Burkhard Kommerell Gerhard Volkheimer

Jahr Vorsitzender Sekretär Schatzmeister weitere Mitglieder

1984 Gerhard Volkheimer Peter Frühmorgen Harald Henning Wolfgang Rösch Otmar Stadelmann

1985 Wolfgang Rösch Peter Frühmorgen Harald Henning Gerhard Volkheimer Dietmar Wurbs

1986 Dietmar Wurbs Peter Frühmorgen Harald Henning Wolfgang Rösch

Jahr Vorsitzender Sekretär weitere Mitglieder

1987 Harald Henning Peter Otto Dietmar Wurbs

1988 Peter Otto Harald Henning Bernd Christoph Manegold

1989 Bernd Christoph Manegold Peter Otto Nib Soehendra

1990 Nib Soehendra Peter Frühmorgen Bernd Christoph Manegold

1991 Peter Frühmorgen Tilmann Sauerbruch Nib Soehendra Martin Strauch

1992 Martin Strauch Tilmann Sauerbruch Peter Frühmorgen Martin Staritz

1993 Martin Staritz Tilmann Sauerbruch Hans Bosseckert Martin Strauch

1994 Hans Bosseckert Tilmann Sauerbruch Friedrich Hagenmüller Martin Staritz

1995 Friedrich Hagenmüller Christian Ell Hans Bosseckert Tilmann Sauerbruch

Daten & Fakten

149


Jahr Vorsitzender Sekretär weitere Mitglieder

1996 Tilmann Sauerbruch Christian Ell Christian Ell Friedrich Hagenmüller

1997 Christian Ell Thomas Rösch Tilmann Sauerbruch Wolfgang Schmitt

1998 Wolfgang Schmitt Christian Ell Stefan Liebe Horst Neuhaus Thomas Rösch

1999 Stefan Liebe Christian Ell Horst Neuhaus Thomas Rösch Hans-Joachim Schulz

2000 Horst Neuhaus Christian Ell Stefan Liebe Thomas Rösch Hans-Joachim Schulz

2001 Hans-Joachim Schulz Christian Ell Horst Neuhaus Thomas Rösch

2002 Thomas Rösch Christian Ell Volker F. Eckardt Hans-Joachim Schulz Thomas Rösch

2003 Michael Jung Thomas Rösch Volker F. Eckardt Gerd Lux

2004 Volker F. Eckardt Thomas Rösch Michael Jung Gerd Lux Wolfgang Schmitt

2005 Gerd Lux Thomas Rösch Volker F. Eckardt Peter N. Meier Wolfgang Schmitt

2006 Peter N. Meier Thomas Rösch Gerd Lux Wolfgang Schmitt Till Wehrmann

2007 Till Wehrmann Thomas Rösch Peter N. Meier Helmut Messmann Wolfgang Schmitt

2008 Helmut Messmann Thomas Rösch Wolfgang Schmitt Brigitte Schumacher Till Wehrmann

2009 Brigitte Schumacher Thomas Rösch Helmut Messmann Wolfgang Schmitt Hans Seifert

2010 Hans Seifert Thomas Rösch Siegbert Faiss Wolfgang Schmitt Brigitte Schumacher

2011 Siegbert Faiss Till Wehrmann Jürgen Hochberger Wolfgang Schmitt Hans Seifert

2012 Jürgen Hochberger Till Wehrmann Karel Caca Siegbert Faiss Wolfgang Schmitt

2013 Karel Caca Till Wehrmann Jürgen Hochberger Ralf Kiesslich Wolfgang Schmitt

150


Ehrenmitglieder der DGVS

Vorbemerkung: In den vergangenen 100 Jahren wurden zahlreiche Gastroenterologen Ehrenmitglieder der DGVS, der DGGE und der Gesellschaft für

Gastroenterologie der DDR. Gleichzeitig erlebten die Gesellschaften zahlreiche Führungswechsel, Umzüge, Umorganisationen; hierbei sind Unterlagen

verloren gegangen, und nicht für jedes Jahr konnten die neu ernannten Ehrenmitglieder ermittelt werden. Die hier präsentierte Liste kann also

nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Sollten Sie von einem Ehrenmitglied wissen, das hier nicht aufgeführt ist, teilen Sie das bitte der

DGVS-Geschäftsstelle mit.

Name Vorname Wirkungsort Jahr der Ehrenmitgliedschaft

Ammann Rudolf W. Zürich 1998

Arnold Rudolf Marburg 2009

Bansi Hans Wilhelm Hamburg

Berg Hans Heinrich Hamburg-Eppendorf

Hijmans van den Bergh Albert Abraham Utrecht 1930

von Bergmann Gustav München 1952

Blum André L. Lausanne 2001

Boas Ismar Berlin 1927

Bockus Henry L. Philadelphia 1964

Booth Sir Christopher C. London 2012*

Brohée Georges Brüssel 1955

Bürger Max Leipzig 1964

Caroli Jacques Paris

Caspary Wolfgang F. Frankfurt 2003

Classen Meinhard München 2004

Creutzfeldt Werner Göttingen

Dowling R. Hermon London 1993

Daten & Fakten

151


Name Vorname Wirkungsort Jahr der Ehrenmitgliedschaft

Einhorn Max New York 1930

Elster Kurt Würzburg 1975

Faber Knud Kopenhagen 1930

Falk Herbert Freiburg 2012*

Fischer Fritz Walter

Frühmorgen Peter Ludwigsburg 2006

Gasbarrini Antonio Bologna 1955

Gazzarrini Aldo Bologna 1955

Gerok Wolfgang Freiburg 2004

Goebell Harald Essen 1999

Grafe Erich Würzburg 1952

Gülzow Martin Rostock

Hafter Ernst Zürich 1971

Hagedorn Hans Christian Kopenhagen 1953

Heinkel Klaus Stuttgart 1971

Henning Norbert Erlangen 1971

Henning Harald Mölln 1996

Heubner Wolfgang Berlin 1952

Hofmann Alan F. San Diego 1992

Hofmann Peter Bonn 2006

Hohner Rita München

Ihse Ingemar Lund 1998

Joslin Elliott P. Boston 1930

152


Name Vorname Wirkungsort Jahr der Ehrenmitgliedschaft

Kalk Heinz Kassel 1964

Kapp Hermann Basel 1969

Katsch Gerhardt Greifswald 1955

Kawai Keiichi Osaka 2001

Koch Helmut Schweinfurt

Konjetzny Georg E. Hamburg 1953

Baron von Korányi Alexander Budapest 1930

Kühn Hans Adolf Freiburg 1975

Kümmerle Fritz Mainz 1988

Lankisch Paul G. Lüneburg 2010

Lauda Ernst Wien

Maar Christa München 2007

Mahle 1969

Mallet-Guy Pierre Lyon

Mark Robert E. Halle

Martini Gustav Adolf Marburg 1987

Meyer zum Büschenfelde Karl-Hermann Berlin 1997

Mirizzi Pablo Luis Cordoba / Argentinien

Mogena Heliodoro González Madrid 1955

Monez Gallart Spanien 1959

Nissen Rudolf Basel

Daten & Fakten

153


Name Vorname Wirkungsort Jahr der Ehrenmitgliedschaft

Palmer Walter L. Chicago

Pannhorst Rudolf Berlin 1969

Paumgartner Gustav München 2002

Ponchon Thierry Lyon

Popper Hans New York 1971

Prévôt Robert Hamburg 1969

Reinwein Dankwart Essen 1964

Riecken Ernst-Otto Berlin 2008

Riemann Jürgen F. Ludwigshafen 2009

Sarles Henri Marseille 2012*

Schittenhelm Alfred München 1952

Schultzen Wilhelm Berlin-Steglitz 1927

Siurala Max Helsinki 1982

Soergel Konrad H. Milwaukee 1987

Sotgiu Giulio Bologna

Starck Hugo Karlsruhe 1952

Stepp Wilhelm München 1955

Stolte Manfred Kulmbach 2012

Strauch Martin Neubiberg / München

Stroebe

Strohmeyer Georg Düsseldorf 1996

Takemoto Tadayoshi 1989

Thannhauser Siegfried Boston

154


Name Vorname Wirkungsort Jahr der Ehrenmitgliedschaft

Tulassay Zsolt Budapest 2011

Tygstrup Niels Kopenhagen 1989

Tytgat Guido N. J. Amsterdam 2000

Vilardell Francisco Barcelona 2012*

Warshaw Andrew L. Boston 2012*

Wohlgemuth Balthasar Leipzig 1999

Wolf Hans Julius 1971

* Ehrenmitglieder laut Mitgliederverzeichnis DGVS 2012, bei denen das genaue Datum des Beginns der Ehrenmitgliedschaft nicht eruiert werden konnte.

Die Ehrenmitglieder der DGGE wurden mit der Fusion 1987 Ehrenmitglieder der DGVS.

Ehrenmitglieder der Gesellschaft für Gastroenterologie der DDR

Name Vorname Wirkungsort Jahr der Ehrenmitgliedschaft

Bacher Erich Neustrelitz 1980

Berndt Hans Berlin 1987

Brailski Hristo Sofia 1976

Classen Meinhard München 1989

Crecelius Willy Dresden 1968

Demling Ludwig Erlangen 1988

Fehér János Budapest 1989

Daten & Fakten

155


Name Vorname Wirkungsort Jahr der Ehrenmitgliedschaft

Fučík M. Prag 1977

Gibinski Kornel Kattowitz 1977

Gülzow Martin Rostock 1971

Herfort Karel Prag 1971

Holle Fritz Leipzig 1980

Jablonska Marketa Prag 1989

Koelsch Kurt A. Magdeburg 1975

Kojecký Zdenek Olmütz 1973

Kothe Werner Leipzig 1984

Loginow Alexeji Sergejewitsch Moskau 1975

Magyar Imre Budapest 1969

Maleev Atanas Khristov Sofia 1982

Moldenhauer Rostock 1980

Niederland Theofil Rudolf Bratislava 1975

Petzold Hans Leipzig 1978

Renger Friedrich Berlin 1983

Sparchez T. Bukarest 1969

Tašev Tašo A. Sofia 1969

Teichmann Werner Rostock 1982

Varró Vince Szeged 1974

Vasilenko Vladimir Charitonovič Moskau 1972

Wittmann Budapest 1973

156


Kongresse der DGVS

Jahr Tagungsort Kongresspräsident Wirkungsstätte des Kongresspräsidenten

1914 Bad Homburg v. d. H. Ewald, Carl Anton Berlin

1920 Bad Homburg v. d. H. Boas, Ismar Berlin

1922 Bad Homburg v. d. H. von Noorden, Carl Frankfurt / M

1924 Berlin Rosenfeld, Georg Breslau

1925 Wien Kuttner, Leopold Berlin

1926 Berlin von Bergmann, Gustav Frankfurt / M

1927 Wien Biedl, Artur Prag

1928 Amsterdam Hijmans van den Bergh, Albert Abraham Utrecht

1929 Berlin von Haberer, Hans Düsseldorf

1930 Budapest Baron von Korányi, Alexander Budapest

1932 Wien Falta, Wilhelm Wien

1934 Wiesbaden Hegler, Carl Hamburg

1936 Berlin Bürger, Max Leipzig

1938 Stuttgart Grafe, Erich Würzburg

1950 Bad Kissingen Berg, Hans Heinrich Hamburg

1952 Essen, Bad Neuenahr Katsch, Gerhardt Greifswald

1953 Stuttgart, Bad Cannstatt und Bad Mergentheim Beckmann, Kurt Stuttgart, Bad Cannstadt

1955 Bad Homburg Henning, Norbert Erlangen

1957 Bad Kissingen Prévôt, Robert Hamburg

1959 Kassel Kalk, Heinz Kassel

Daten & Fakten

157


Jahr Tagungsort Kongresspräsident Wirkungsstätte des Kongresspräsidenten

1961 Hamburg Bansi, Hans Wilhelm Hamburg

1964 Wiesbaden Mark, Robert Rostock

1965 Wien Voßschulte, Karl Gießen

1967 Hamburg Bartelheimer, Heinrich Hamburg

1969 Homburg / Saar Ammon, Robert Homburg / Saar

1971 Stuttgart Martini, Gustav Adolf Marburg

1972 Frankfurt / M Siede, Werner Frankfurt / M

1973 Erlangen Becker, Volker Erlangen

1974 Würzburg Kühn, Hans Adolf Würzburg

1975 Wien Stelzner, Friedrich Frankfurt / M

1976 Lübeck-Travemünde Ritter, Ulrich Lübeck

1977 Göttingen Creutzfeldt, Werner Göttingen

1978 Hamburg Seifert, Gerhard Hamburg

1979 Garmisch-Partenkirchen Zöllner, Nepomuk München

1980 Hamburg Demling, Ludwig Erlangen

1981 Basel Strohmeyer, Georg Düsseldorf

1982 Fellbach bei Stuttgart Dölle, Wolfgang Tübingen

1983 München Ottenjann, Rudolf München

1984 Berlin Riecken, Ernst-Otto Berlin

1985 Freiburg Gerok, Wolfgang Freiburg

1986 Hannover Schmidt, Friedrich Werner Hannover

1987 Salzburg, Österreich Classen, Meinhard München

1988 Heidelberg Herfarth, Christian Heidelberg

158


Jahr Tagungsort Kongresspräsident Wirkungsstätte des Kongresspräsidenten

1989 Mainz Meyer zum Büschenfelde, Karl-Hermann Mainz

1990 Essen Goebell, Harald Essen

1991 Mannheim Kommerell, Burkhard Heidelberg

1992 München Paumgartner, Gustav München

1993 Frankfurt / M Caspary, Wolfgang F. Frankfurt / M

1994 Ulm Beger, Hans-Günther Ulm

1995 Berlin Arnold, Rudolf Marburg

1996 Aachen Matern, Siegfried Aachen

1997 Ludwigshafen Riemann, Jürgen F. Ludwigshafen

1998 Kiel Fölsch, Ulrich Robert Kiel

1999 Leipzig Mössner, Joachim Leipzig

2000 Hamburg Lankisch, Paul Georg Lüneburg

2001 Münster Domschke, Wolfram Münster

2002 Bonn Sauerbruch, Tilman Bonn

2003 Nürnberg Fischbach, Wolfgang Aschaffenburg

2004 Leipzig Fleig, Wolfgang E. Halle

2005 Köln Kruis, Wolfgang Köln

2006 Hannover Manns, Michael Hannover

2007 Bochum Schmiegel, Wolff Bochum

2008 Berlin Zeitz, Martin Berlin

2009 Hamburg Koop, Herbert Berlin

Daten & Fakten

159


Jahr Tagungsort Kongresspräsident Wirkungsstätte des Kongresspräsidenten

2010 Stuttgart Adler, Guido Ulm

2011 Leipzig Malfertheiner, Peter Magdeburg

2012 Hamburg Layer, Peter Hamburg

2013 Nürnberg Gerken, Guido Essen

160


Preisträger der

Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

Thannhauser-Medaille

1969 Virtanen, U.; Helsinki

1972 Henning, N.; Erlangen

1974 Gülzow, M.; Rostock

1976 Bartelheimer, H.; Hamburg

1978 Ingelfinger, F. J.; Boston

1980 Sherlock, S. D. B. E.; London

1982 Martini, G. A.; Marburg

1984 Kühn, H. A.; Freiburg

1986 Demling, L.; Erlangen

1988 Thaler, H.; Wien

1990 Sarles, A.; Marseille

1992 Gerok, W.; Freiburg

1994 Creutzfeldt, W.; Göttingen

1996 Hofmann, A. F.; San Diego

1998 Strohmeyer, G.; Düsseldorf

2000 Paumgartner, G.; München

2002 Riecken, E.-O.; Berlin

2004 Herfarth, C.; Heidelberg

2006 Classen, M.; München

2008 Meyer zum Büschenfelde, K.-H.; Berlin

2010 Brenner, H.; Heidelberg

2012 DiMagno, E.P.; Rochester

Thannhauser-Preis

1973 Classen, M.; München

1975 Seifert, J.; München

1977 Caspary, W.; Frankfurt

Hopf, U.; Berlin

1979 Peskar, B. M.; Bochum

1981 Stiehl, A.; Heidelberg

1983 Singer, M.; Essen

1985 Kreisel, W.; Freiburg

Stremmel, W.; Düsseldorf

1987 Eyßelein, V. J.; Essen

1989 Häussinger, D.; Freiburg

1991 Schepp, W.; München

Lenz, H. J.; San Diego

1993 Offensperger, W.-B.; Freiburg

Zeuzem, S.; Frankfurt

1995 Göke, R.; Marburg

1997 Rosewicz, S.; Berlin

Galle, P. R.; Heidelberg

1999 Trautwein, C.; Hannover

2001 Neurath, M. F.; Mainz

2003 Roeb, E.; Aachen

2005 Lammert, F.; Bonn

2007 Hampe, J.; Kiel

2009 Wasmuth, H. E.; Aachen

Wehkamp, J.; Stuttgart

2011 Lüdde, T.; Aachen

Ismar Boas-Medaille

(1978 – 1989 Preisträger der Gesellschaft für

Gastroenterologie der DDR)

1978 Renger, F.; Berlin

1979 Kothe, W.; Leipzig

1980 Koelsch, K. A.; Magdeburg

Teichmann, W.; Rostock

Herfort, K.; Prag

Holomán, J.; Bratislava

Winter, R.; Berlin

1981 Seige, K.; Halle

Günther; Dresden

1983 Petzold, H.; Leipzig

1984 Wohlgemuth, B.; Leipzig

1986 Predel, K.; Bad Berka

Berndt, H.; Berlin

Jablonská, M.; Prag

1987 Lisewski, G.; Berlin

1988 Lohmann, D.; Leipzig

1989 Arendt, R.; Rostock

Bosseckert, H.; Jena

Oetcke, H.; Bad Münder

1990 Falk, H.; Freiburg

1991 Creutzfeldt, W.; Göttingen

1992 Sachs, G.; Boston

1993 Fromm, H.; Washington

1994 DiMagno, E. P.; Rochester

1995 Blum, A.; Lausanne

1996 Boyer, J. L.; New Haven

1997 Cremer, M.; Brüssel

1998 Rehfeld, J. E.; Kopenhagen

1999 Wiliams, J. A.; Ann Arbor

2000 Lowenfels, A. B.; New York

2001 Baron, J. H.; London / New York

2002 Carey, M. C.; Boston

Daten & Fakten

161


2003 Isaacson, P. G.; London

2004 Groszmann, R.; West Haven

2005 Philipps, S. F.; Rochester

2006 Rizetto, M.; Turin

2007 Liebermann, D.; Portland

2008 Strober, W.; Bethesda

2009 Tack, J.; Leuven

2010 Ullrich, A.; Martinsried

2011 Sugano, K.; Tokio

2012 Camilleri, M.; Minnesota

Endoskopie-Preis der DGVS

2009 Sung, J.; Hong Kong

2010 Gooszen, H.; Nijmegen

2011 Yahagi, N.; Tokio

2012 Neuhaus, H.; Düsseldorf

Endoskopie-Forschungspreis der Olympus

Europa Stiftung und der DGVS

2010 Försch, S.; Mainz

2011 Stock, C.; Heidelberg

2012 von Renteln, D.; Hamburg

Ismar Boas-Preis

1977 Klingemann, H. G.; Marburg

1978 Hartmann, K.; Würzburg

1979 Hanrath, R.; Düsseldorf

Klein, H.; Göttingen

1980 Brandt, A.; Düsseldorf

1981 Layer, P.; Essen

Rieder, H.; Freiburg

1982 Wagner, M.; Tübingen

1983 Koop, I.; Göttingen

1984 nicht verliehen

1985 nicht verliehen

1986 Freimann, G.; Göttingen

1987 Schmidt, R. M.; München

Wilms, H.; Göttingen

1988 Wesselmann, U.; Kiel

Nagel, E.; Hannover

1989 Herzig, K.-H.; Kiel

1990 Knittel, T.; Mainz

1991 Mielke, B.; Heidelberg

1992 Ullrich, R.; Berlin

1993 Rogler, G.; Ulm

1994 Horsch, D.; Marburg

1995 Lammert, F.; Aachen

1996 Schaefer, S.; Gießen

1997 Keller, J.; Hamburg

1998 Holtmann, M.; Mainz

Nikolaus, S.; Kiel

1999 Burwinkel, B.; Düsseldorf

Bayer, E.; Mainz

2000 Rümmele, F. M.; Bonn

Rehbehn, K. U.; Osnabrück

2001 Blumenstein, I.; Tübingen

Kahl, M.; Hamburg

2002 Fibbe, C.; Hamburg

Schneiderhan, W.; Ulm

2003 Mudter, J.; Mainz

2004 Ciesek, S.; Hannover

von Wagner, M.; Homburg

2005 Keitel, V.; Düsseldorf

2006 Atreya, I.; Mainz

Gressner, O.; Bonn

2007 Reber, S. O.; Regensburg

Meyer, M.; Detmold

2008 Bengsch, B.; Freiburg

Milger, K.; Gießen

2009 Büchele, B.; Ettlingen

2010 Hohenester, S.; Amsterdam

Kaiser, T.; Münster

2011 Thomas, S.; Berlin

Lock, J. F.; Berlin

2012 Leppks, M.; Erlangen;

Gerling, M.; Stockholm

Martin Gülzow-Preis – Preis Klinische

Gastroenterologie

1980 Lux, G.; Erlangen

Arnold, W.; Berlin

1983 Pape, G. R.; München

1985 Hengels, K.-J.; Düsseldorf

1987 nicht verliehen

1988 Mössner, J.; Würzburg

1990 Niederau, C.; Düsseldorf

Swobodnik, W.; München

1992 Keim, V.; Mannheim

Sackmann, M.; München

1994 Kuhn, M.; Hannover

1996 Virgolini, I.; Wien

Schmidt, W. E.; Kiel

1998 Schreiber, S.; Kiel

2000 Adamek, H. E.; Ludwigshafen

2002 Bantel, H.; Düsseldorf

2004 Kießlich, R.; Mainz

Wasmuth, H.; Aachen

2006 Mayerle, J.; Greifswald

2008 Pech, O.; Wiesbaden

2010 Ciesek, S.; Hannover

2012 Lange C.; Frankfurt

162


Martin Gülzow-Preis

Preisträger der Gesellschaft für Gastroenterologie

der DDR

1979 Czarnetzki, H.-D.; Leipzig

1980 Busse, H.-J.; Greifswald

1981 Reinhardt, M.; Jena

1982 Hempel, G.; Leipzig

1983 Schulz, H. J.; Berlin

1984 Hauzeur, F.; Rostock

1985 Henker, J.; Dresden

1986 Metzner, C.; Leipzig

Matkowitz, R.; Leipzig

1987 Knoch, H.-G., Dresden

Klug, W.; Dresden

Wengers, H.; Dresden

Gestrich, J.; Dresden

1989 Fiehring, C.; Jena

Carl Anton Ewald-Preis

1981 Malagelada, J.; Rochester

1984 Peitsch, W.; Göttingen

1986 Feldmann, M.; Dallas

1988 Holzer, P.; Graz

1990 Schepp, W.; München

1992 nicht verliehen

1993 Seiler, U.; München

1995 Prinz, C.; München

1997 Lohse, A.; Mainz

1999 Höcker, M.; Berlin

2001 Ebert, M.; Magdeburg

Werner Creutzfeldt-Stipendium für

gastroenterologische Pathophysiologie

1996 Eissele, R.; Marburg

Wiedenmann, B.; Berlin

1997 nicht verliehen

1998 Rosewicz, S.; Berlin

Herzig, K.-H.; Kiel

1999 Simon, B.; Marburg

2000 Bischoff, S. C.; Hannover

2001 Höcher, M.; Berlin

2002 Schmitz, F.; Bochum

2003 Prinz, C.; München

Ebert, M.; Magdeburg

2004 Saur, D.; München

2005 Holtmann, M.; Mainz

Storr, M.; München

2006 Gerhard, M.; München

2007 Weylandt, K.-H.; Berlin

2008 Schneider, G.; München

Harald Goebell-Reisestipendium zur Förderung

des wissenschaftlichen Nachwuchses

1999 Marth, T.; Homburg / Saar

2000 Trojan, J.; Frankfurt / M

2001 Vierziger, K.; Berlin

2002 Pfützer, R.; Mannheim

2003 Torök, H.-P.; München

2004 Hofmann, W.P.; Homburg

2005 Nicht vergeben

2006 Felderbauer, P.; Bochum

2007 Gonzales-Carmona, M. A.; Bonn

2008 Arlt, A.; Kiel

2009 Däbritz, J.; Münster

2010 Berres, M.-L.; Aachen

2011 Neumann, H.; Erlangen

2012 Quante, M.; München

Wolf & Christine Unterberg – Förderpreis für

onkologische Gastroenterologie

2008 Koschny, R.; Heidelberg

2009 Agaimy, A.; Erlangen

Preis für Neurogastroenterologie

2005 Mönnikes, H.; Berlin

2006 Wedel, T.; Kiel

2007 Kreis, M. E.; München

2008 Andresen, V.; Hamburg

2009 Metzger, M.; Leipzig

2010 Niesler, B.; Heidelberg

2011 Storr, M.; München

2012 Stengel, A.; Berlin

Daten & Fakten

163


Herausgeber der Zeitschrift für Gastroenterologie

1963 – 1985 Norbert Henning; Erlangen

1986 – 1991 Georg Strohmeyer; Düsseldorf

1991 – 2003 Wolfgang F. Caspary; Frankfurt / M

2003 – 2010 Guido Adler; Ulm

seit 2011 Thomas Seufferlein; Halle, Ulm

BVGD-Vorsitzende

2002 – 2004 Paul Georg Lankisch

2005 – 2010 Rudolf Arnold

2011 – 2012 Max Reinshagen

seit 2012 Franz Hartmann

164


Daten & Fakten


Quellenverzeichnis

Archiv Gedenkstätte Neuengamme (AGN).

Bundesarchiv (BArch).

Bundesarchiv Abtl. Militärarchiv (BArch-MA).

Archiv der DGVS.

Archiv Leo Baeck Institute, New York.

Staatsarchiv Hamburg (StA HH).

Kreisarchiv Bad Homburg

Staatsarchiv München (StA München).

Stadtarchiv Bad Homburg

Nachlass Ismar Boas

Nachlass Hermann Strauß.

Privatarchiv Harro Jenss.

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Berlin (UA HUB).

Universitätsarchiv der Wilhelms-Universität

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